Scham und Beschämung in Schule.

Intersektionelle und normkritische Perspektiven auf affektive Regierungsweisen durch und aufgrund von Sprache

Kurzübersicht

Stichworte
Sprach-Shaming, Linguizismus, Intersektionalität, soziolinguistische Sprachdidaktik
Laufzeit
01.05.26 - 30.04.30

Beschreibung

Das Forschungsprojekt untersucht eine unsichtbare Ursache von Bildungsungleichheit: Praktiken der Beschämung und Auswirkung des Erlebens von Scham im schulischen Kontext – aufgrund von und vermittels Sprache. 

Kurzübersicht

Forschungsschwerpunkt:

Scham und Beschämung durch und aufgrund von Sprache in Schule

Institution:

Institut für Germanistik, Institut für Sprache, Literatur und Medien

In Kooperation mit der Pädagogischen Hochschule Wien.

Beschreibung

Das Forschungsprojekt legt einen Fokus auf Anlässe und Formen des (sprachlichen) Shamings, auf das ‚Vokabular der Beschämung‘ und die ‚Sprache der Scham‘ im Kontext von Schule und Unterricht.

Schule als zentrale demokratische Schlüsselinstitution entscheidet maßgeblich über Bildungsbiographien, berufliche Perspektiven und damit über langfristige gesellschaftliche Teilhabe. Beschämungserfahrungen laufen der gesellschaftlichen Teilhabe zuwider; schwächen Vertrauen, Zugehörigkeitsgefühl und Beteiligungsbereitschaft. Sprache ist besonders anfällig für sichtbare Sprachnormabweichungen. Das Forschungsprojekt analysiert systematisch Beschämungserfahrungen vermittels und aufgrund von Sprache in der Schule – und damit eine bislang weitgehend unsichtbare Ursache von Bildungsungleichheit.

Sprache und Sprachvarietäten sind dabei sowohl „Anlass“ von Beschämung und Scham (Dirim 2018) als auch ihr „zentrales Medium“ (Schmidt & Woltersdorff 2008) der Beschämung. Das Forschungsprojekt eröffnet damit eine soziolinguistische Perspektive auf sprachliche Machtverhältnisse, die entlang intersektional verschränkter Differenzkategorien wie raceclassgender oder age verlaufen und sowohl Schüler:innen als auch Lehrkräfte sowie Eltern betreffen.

Auszugehen ist von einer wechselseitigen, interdependenten, interaktionalen Dynamik der Beschämung in mehrdimensionale Richtungen: Hierarchiehöhere können Hierarchieniedrigere beschämen und vice versa. Auch kann Beschämung auf einer strukturell gleichen Ebene stattfinden, wenn diese Ebene intersektional durchkreuzt ist: Um dies zu erfassen berücksichtigen wir intersektionale Verschränkungen sowie diskriminierungskategoriale Markierungen (race, class, age, gender). Als Akteur:innen in der Schule fokussieren wir: Schüler:innen, Eltern, Lehrkräfte sowie weiteres Schulpersonal (Nachmittagsbetreuer:innen, Sozialpädagog:innen, Hausmeister:innen etc.) in ihrem jeweils kontextuell und sprachlich verschieden gerahmten Beziehungsgefüge.

Forschungshypothetisch ist zu vermuten, dass sich die ‚Sprache der Scham und Beschämung‘ je nach Akteur:in und Kontext (Fachunterricht, Schulhof, Lehrerzimmer, Elterngespräche etc.) unterscheidet – und die „symbolische Gewalt“ (Bourdieu 2017) je verschiedene Formen des Linguizismus, der Sprachpolitik, der Sprachdiskriminierung, aber auch des Klassismus, Ageismus und Sexismus in der Sprache der Beschämung zutage treten. 

Wir arbeiten qualitativ und mit Mixed-Methods. Dazu gehören: Interviews, Beobachtungen („Shadowing“ im Klassenzimmer, in Pausen, in der Nachmittagsbetreuung), Social-Media-Daten sowie Archiv-Material (Klausur-Kommentierungen).

Das Projekt ist interdisziplinär und international angelegt. An der Europa-Universität verantworten Prof. Dr. Johanna Fay und Dr. Carolin John-Wenndorf die Schwerpunkte Sprachdidaktik, Soziolinguistik und Kommunikationstheorie. In Kooperation mit der Pädagogischen Hochschule Wien erforschen Prof. Dr. Assimina Gouma und Dr. Petra Neuhold den migrationspädagogischen, linguizistischen und diskriminierungskritischen Schwerpunkt für den deutschsprachigen Raum. 

Die zu erwartenden Forschungserkenntnisse legen einen profunden Grundstein zur Grundlagenforschung zu a) Sprache und Beschämung sowie b) zu sprachlichen Strukturen in der staatlichen Institution Schule. Die zu erwartenden Forschungserkenntnisse legen zudem einen Grundstein für die Entwicklung von Konzepten für die Lehrerprofessionalitätsforschung: Dazu zählen Fortbildungsreihen für LuL (Arbeit mit Vignetten, Arbeit mit Fallbeispielen). Darüber hinaus bietet es Konzepte für selbstermächtigende Maßnahmen: für SuS, Eltern, LuL  zur Erhöhung gleichberechtigter Teilhabe und Demokratiekompetenz). Das Projekt leistet damit zugleich einen Beitrag zur Etablierung der soziolinguistischen Sprachdidaktik als Forschungsfeld.

Verantwortliche

Prof. Dr. Johanna Fay

Mitarbeitende

Dr. Carolin John-Wenndorf

Verantwortlich

Projektmitarbeitende