Israelreise: Internationale Zusammenarbeit, Forschung und Lehrerbildung in Haifa

Im Juli 2026 führte mich eine wissenschaftliche Reise nach Haifa zur internationalen Konferenz „Contemporary Antisemitism“. Die Reise bot zugleich Gelegenheit, unsere Partnerschaft mit dem Gordon Academic College of Education weiterzuentwickeln, gemeinsame Forschungsprojekte voranzubringen und neue Impulse für die Lehrerbildung zu gewinnen.

Gordon Academic College: eine Hochschule in Bewegung

Als mich Igal Sheinis, Vizepräsident für Finanzen und Verwaltung des Gordon Academic College, über die Baustelle des neuen Campusgebäudes führte, wurde die Dynamik der Hochschule unmittelbar sichtbar. Tief in den Felsen des Carmel-Gebirges entsteht direkt neben dem bestehenden College ein neues Gebäude. Gordon wächst stark und zählt inzwischen über 7.600 Studierende. Zugleich versteht sich die Hochschule als multikulturelle Institution, in der unterschiedliche gesellschaftliche, religiöse und kulturelle Gruppen zusammenkommen.

Für mich ist Gordon dabei längst nicht nur eine Partnerhochschule, sondern auch ein wichtiger Ort des fachlichen Lernens. Im Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen vor Ort erlebe ich immer wieder, wie unmittelbar dort auf neue gesellschaftliche und pädagogische Herausforderungen reagiert und wie konsequent innovative Ansätze in der Lehrerbildung entwickelt werden. Aus der zunächst institutionellen Partnerschaft sind inzwischen enge fachliche und persönliche Beziehungen entstanden.

Ein besonderer Einblick ergab sich bei einem Workshop zum Social-Based Learning (SBL). Der am Gordon College entwickelte Ansatz fragt danach, wie soziale Beziehungen, Verantwortungsübernahme und gemeinsames Handeln in Bildungsprozessen gestärkt werden können. Besonders beeindruckend war für mich die praktische Umsetzung: Durch Spiele und gemeinsame Aktivitäten entsteht ein „gemeinsames Drittes“, an dem sich eine Gruppe orientiert und in dem sowohl die Gemeinschaft als auch der Einzelne gestärkt werden können. Für meine eigene Arbeit in der Lehrerbildung nehme ich daraus zahlreiche Anregungen mit. SBL wird am Gordon College zugleich wissenschaftlich weiterentwickelt und beforscht.

Lehrerbildung in unterschiedlichen gesellschaftlichen Kontexten

Zum ersten Mal konnte ich während dieser Reise auch das Academic College for Teacher Education in Sachnin besuchen, die arabischsprachige Dependance des Gordon College. Der Besuch eröffnete einen weiteren Einblick in die Vielfalt der Lehrerbildung in Israel. Besonders beeindruckt hat mich das dortige Digital Center, das mir seine Leiterin Ala'a Mohor ausführlich vorstellte. Auch hier haben sich Perspektiven für eine mögliche Vertiefung der Zusammenarbeit ergeben.

Mit meiner Kollegin Mirit Sharon vom Gordon College konnte ich zudem unser gemeinsames Forschungsprojekt weiterbesprechen. Im Mittelpunkt stehen die Erwartungen an die nächste Generation von Schülerinnen und Schülern und die Herausforderungen, die sie für ihren zukünftigen Beruf erwarten. Zugleich haben wir die nächsten Schritte unserer Zusammenarbeit und Mirits bevorstehende Erasmus-Gastdozentur an der EUF vorbereitet.

Internationale Konferenz zu zeitgenössischem Antisemitismus

Ein weiterer Schwerpunkt der Reise war die internationale Konferenz „Contemporary Antisemitism“ in Haifa mit rund 300 Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Die Konferenz versammelte unterschiedliche Perspektiven auf zeitgenössischen Antisemitismus und bot zahlreiche Möglichkeiten zum wissenschaftlichen Austausch.

Im Education-Track stellte ich Ergebnisse aus meiner Arbeit zur professionellen Urteilskraft angehender Lehrkräfte im Umgang mit Antisemitismus vor. Grundlage waren sechs Seminare mit rund 180 Lehramtsstudierenden, die ich im Rahmen von Action Research und mit Methoden der Objektiven Hermeneutik untersucht habe.

Ausgangspunkt war unter anderem eine ganz konkrete Unterrichtssituation: Eine Lehrkraft sieht sich mit der Aussage „From the river to the sea, Palestine will be free“ konfrontiert – und muss entscheiden, wie sie damit pädagogisch umgeht. Im Zentrum meines Vortrags mit dem Titel „Professional Judgement under Moral Conflict – Reconstructing Patterns of Teacher Education through the Lens of Antisemitism“ stand deshalb die Frage, wie Lehrkräfte in Situationen moralischer Unsicherheit zu begründeten professionellen Entscheidungen gelangen können.

Neben den fachlichen Beiträgen entstanden auch neue Kontakte und Gespräche, unter anderem mit Vertreterinnen und Vertretern der Mansour-Initiative für Demokratieförderung und Extremismusprävention.

Neue Perspektiven für Forschung und Lehre

Die Reise hat damit mehrere Ebenen meiner wissenschaftlichen Arbeit miteinander verbunden: die Weiterentwicklung internationaler Kooperationen in der Lehrerbildung, gemeinsame Forschungsprojekte, Einblicke in innovative pädagogische Ansätze und die internationale Diskussion über Antisemitismus und professionelle pädagogische Urteilskraft.

Aus dem Austausch sind bereits konkrete nächste Schritte entstanden – von der geplanten Erasmus-Gastdozentur bis hin zu weiteren Perspektiven für gemeinsame Forschung und Lehre. Für mich persönlich gehört dabei auch das Lernen von den israelischen Kolleginnen und Kollegen zu einem wesentlichen Teil dieser Kooperation: Internationale Zusammenarbeit bedeutet für mich nicht nur, eigene Forschung vorzustellen, sondern ebenso, neue pädagogische Ideen kennenzulernen, sie für die eigene Arbeit fruchtbar zu machen und gemeinsam weiterzuentwickeln.

Mein Dank gilt dem Forschungsausschuss der Europa-Universität Flensburg für die Unterstützung, die diese Reise ermöglicht hat.