Tagung der DGfE Kommission "Erziehung und Bildung in der Migrationsgesellschaft"
Gegen|Bewegungen. Migrationsgesellschaftlichkeit und Rassismus in erziehungswissenschaftlicher Forschung
Jahrestagung der DGfE-Kommission Erziehung und Bildung in der Migrationsgesellschaft (KEBiM) der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft
09. bis 11. September 2026 Europa-Universität Flensburg
KEBiM Vorstand, WiQ Netzwerksprecher:innen und Organisationteam:
Soniya Alkis, Ela Ballin, Alexander Böttcher, Aysun Doğmuş, Magnus Frank, Elvira Hadžić, Jules Koltze, Julie A. Panagiotopoulou, Anna Plohmer, Nguyen Minh Salzmann-Hoang, Anja Steinbach
Bei Fragen erreichen Sie uns unter kebim.tagung2026-TextEinschliesslichBindestricheBitteEntfernen-
Zur Tagung
Bewegungen sind für pädagogische Kontexte und die Erziehungswissenschaft im Allgemeinen sowie für die erziehungswissenschaftliche Migrations- und Rassismusforschung im Spezifischen konstitutiv. Prozesse von Erziehung und Bildung sind grundlegend mit Transformation und Transformations-ansprüchen verbunden und zugleich aufgrund ihrer Verwobenheit mit gesellschaftlichen Ordnungen beständig in Bewegung. Diese Bewegungen sind vielschichtig, vielgestaltig und sowohl epistemisch als auch affektiv und politisch zu verstehen, etwa als Verschiebung, Resonanz, Widerstand, Beharren und Entzug.
Mit Blick auf die Vielschichtigkeit und Vielgestaltigkeit lässt sich Migration als Bewegung im pluralen Sinne begreifen: als räumliche, soziale und symbolische Praxis, die Zugehörigkeiten transformiert und zugleich geographische, materielle, symbolische und epistemische Grenzen sichtbar macht, infrage stellt und beständig neu verhandelt.
Bewegungen können dabei als soziale Bewegungen analysiert werden. Sie sind mit Bildungsprozessen verbunden und werden von kollektiven Kämpfen getragen, die Veränderungen und Transformationen gesellschaftlicher Ordnungen erst ermöglicht haben und ermöglichen. Bewegungen zeigen sich auch epistemisch, im Wandel von Diskursen und Wissensordnungen.
Sie bewegen die erziehungswissenschaftliche Migrations- und Rassismusforschung, etwa über die Weiterentwicklung theoretischer und methodologischer Zugänge, Aufmerksamkeiten und Begriffe.
Die Umbenennung der Kommission in 2023 von „Interkulturelle Bildung“ in „Erziehung und Bildung in der Migrationsgesellschaft“ kann als Ausdruck dieser Bewegungen, vielleicht auch als Gegenbewegung, verstanden werden.
In einem dekolonialen Verständnis lassen sich zudem Grenzen und Begrenzungen von Bewegungen in der Wissenschaft fokussieren und zugleich widerständige Praktiken deutlich und verstehbar machen – als Entgrenzung und Infragestellung hegemonialer und westlicher Wissensordnungen. Solche Bewegungen von Diskursen und Theoriebildung verweisen auf historische Kontinuitäten kolonialer und rassistischer Strukturen, in denen auch die Erziehungswissenschaft situiert ist.
Gegenwärtig scheinen in Bezug auf migrationsgesellschaftliche Ordnungen Dynamiken und Verschiebungen von Diskursen, Sagbarkeiten und konkreten Praktiken relevant, die zugleich auf Kontinuitäten und Brüche gesellschaftlicher Macht- und Herrschaftsverhältnisse verweisen und pädagogische Kontexte der Erziehung und Bildung bewegen. Das Erstarken autoritärer, rechter und rechtsextremer Kräfte, die Zunahme antisemitischer und rassistischer Übergriffe, die Normalisierung antidemokratischer und menschverachtender Positionen sowie deren Aushandlungen und Wirksamkeit in pädagogischen Feldern sind für die Erziehungswissenschaft bedeutsam und bewegen auch uns und unsere Forschung.
Vor diesem Hintergrund soll die KEBiM Tagung 2026 einen Raum für Diskussion, Austausch und gemeinsame Bewegungen schaffen.
AWARENESS-KONZEPT I KEBIM-TAGUNG
Soniya Alkis, Ela Ballin, Elvira Hadžić
Herzlich willkommen zur KEBiM-Tagung 2026 „Gegen|Bewegungen – Migrationsgesellschaftlichkeit und Rassismus in erziehungswissenschaftlicher Forschung“!
Wir freuen uns, dass du Teil dieser Tagung bist. Auf dieser Konferenz kommen Wissenschaftler*innen, Pädagog*innen, Aktivist*innen und weitere Interessierte zusammen, um sich zu Fragen von Migrationsgesellschaftlichkeit, Rassismus, Bildung und gesellschaftlichen Machtverhältnissen auszutauschen. Gemeinsam wollen wir Räume schaffen, in denen aktuelle gesellschaftliche, politische und wissenschaftliche Gegen|Bewegungen reflektiert, diskutiert und weitergedacht werden können.
Im Rahmen der Tagung bringen wir Menschen mit unterschiedlichen Perspektiven, Erfahrungen, Positionierungen und Wissensbeständen zusammen. Dies verstehen wir als wichtige Grundlage für gemeinsames Lernen, kritische Reflexion und solidarischen Austausch. Zugleich bewegen wir uns nicht außerhalb gesellschaftlicher Macht- und Herrschaftsverhältnisse. Diskriminierungen, Ausschlüsse und Grenzverletzungen können insbesondere in wissenschaftlichen Räumen wirksam werden.
Deshalb ist es unser Anliegen, die Tagung als möglichst diskriminierungskritischen, respektvollen und unterstützenden Raum zu gestalten, in dem sich alle Teilnehmenden sicher und willkommen fühlen können. Dafür sind wir alle verantwortlich.
Für uns bedeutet das:
eigene Grenzen wahrzunehmen und die Grenzen anderer zu respektieren,
diskriminierende, rassistische, antisemitische, ableistische, sexistische, queerfeindliche oder andere ausschließende Verhaltensweisen ernst zu nehmen, zu benennen und ihnen entgegenzutreten,
die eigene Positioniertheit sowie gesellschaftliche Privilegien und Machtverhältnisse kritisch zu reflektieren,
Betroffene von Diskriminierung und Rassismus zu unterstützen und solidarisch zu handeln
Im Vorfeld der Tagung haben wir ein Awareness-Konzept entwickelt, das Orientierung geben, Handlungsmöglichkeiten aufzeigen und zu verantwortungsvollem Miteinander beitragen soll. Es dient dazu, Diskriminierungen und Grenzverletzungen vorzubeugen, konkrete Unterstützungsstrukturen sichtbar zu machen und einen Rahmen für einen respektvollen und achtsamen Umgang miteinander zu schaffen.
Damit wir gemeinsam einen diskriminierungskritischen, respektvollen und unterstützenden Raum gestalten können, fragen wir individuelle Bedarfe ab und stellen u.a. Anfahrtsinformationen, räumliche Übersichtspläne sowie Angebote vor Ort (z.B. Ruheraum, Bewegungskonzept, etc.) bereit.
Zur Dokumentation der Tagung und für die Öffentlichkeitsarbeit werden Fotoaufnahmen angefertigt. Dabei ist uns ein transparenter und respektvoller Umgang mit den Aufnahmen wichtig. Damit alle Teilnehmenden selbstbestimmt entscheiden können, ob sie auf Fotoaufnahmen zu sehen sein möchten, besteht bei Anmeldung vor Ort auch die Möglichkeit, einer Nutzung von Fotos zuzustimmen oder diese abzulehnen. Es werden keine Fotos von Personen veröffentlich, die nicht ihre explizite Zustimmung gegeben haben. Um die Privatsphäre und das Wohlbefinden aller Teilnehmenden zu respektieren, bitten wir darum, auf eigenständige Foto- und Videoaufnahmen zu verzichten.
Wir hoffen, dass dieses Konzept dazu beiträgt, die Tagung als einen Raum erleben zu können, in dem kritische Diskussionen, produktive Irritationen und gemeinsame Lernprozesse möglich sind. Gerade in Auseinandersetzungen mit Machtverhältnissen, Rassismus und gesellschaftlichen Ungleichheiten können Unsicherheiten, Irritationen oder Widersprüche entstehen. Diese verstehen wir nicht als Hindernis, sondern als möglichen Ausgangspunkt für Reflexion, Weiterentwicklung und solidarische Auseinandersetzung.
Wir laden alle Teilnehmenden dazu ein, offen für Kritik zu sein, eigene Perspektiven zu hinterfragen und Gespräche respektvoll zu führen. Hinweise auf diskriminierendes und rassistisches Verhalten verstehen wir als Möglichkeit, bestehende Verhältnisse besser zu erkennen, Verantwortung zu übernehmen und gemeinsam an gerechteren wissenschaftlichen und sozialen Räumen zu arbeiten.
Während der Tagung ist das Awareness-Team gut erkennbar und ansprechbar, bietet Unterstützung an und begleitet bei Grenzverletzungen oder diskriminierenden Vorfällen. Darüber hinaus wird eine räumliche Anlaufstelle eingerichtet. Informationen zu Kontaktmöglichkeiten, Unterstützungsangeboten und konkreten Handlungsoptionen werden zu Beginn der Tagung sowie fortlaufend vor Ort bereitgestellt.
Wir wünschen dir erkenntnisreiche, inspirierende und solidarische Tage mit vielfältigen Begegnungen, produktiven Diskussionen und neuen Perspektiven.
Achte auf dich selbst und auf andere – und suche Unterstützung, wenn du sie brauchst. Gemeinsam gestalten wir diese Tagung.
Euer Awareness-Team
Soniya, Ela und Elli
Awareness-Begriff und Selbstverständnis
Was verstehen wir unter Awareness?
Awareness beschreibt einen bewussten, sensibilisierten, verantwortungsvollen Umgang mit den sozialen, politischen und zwischenmenschlichen Dynamiken, die auch wissenschaftliche Räume prägen. Im Zentrum steht die Anerkennung, dass Veranstaltung - in diesem Fall Tagungen und Konferenzen - nicht losgelöst von gesellschaftlichen Machtverhältnissen stattfinden, sondern bestehende Ungleichheiten, Ausschlüsse und Diskriminierungsformen sich auch hier reproduzieren können.
Awareness bedeutet daher, diese Verhältnisse nicht als selbstverständlich hinzunehmen, sondern sie wahrnehmbar zu machen und ihnen aktiv entgegenzuwirken. Dabei verstehen wir Awareness sowohl als reflexive Haltung als auch konkretes Handeln.
Dies umfasst insbesondere:
Sensibilität für diskriminierende und rassistische Strukturen, Sprache und Verhaltensweisen,
die kritische Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Privilegien, Positionierungen und Verantwortlichkeiten,
respektvollen Umgang mit individuellen Grenzen und Bedürfnissen,
solidarische Unterstützung von Personen, die Diskriminierung oder Grenzverletzungen erfahren,
die Förderung von Räumen, in denen unterschiedliche Perspektiven möglichst gleichberechtigt sichtbar werden können
Awareness zielt nicht darauf ab, Konflikte oder Spannungen vollständig zu vermeiden. Vielmehr geht es darum, einen Umgang mit Differenzen, Kritik und Unsicherheiten zu ermöglichen, der von Respekt, Reflexion und Verantwortungsübernahme geprägt ist.
Gerade im Kontext einer Tagung, die sich mit Migrationsgesellschaftlichkeit, Rassismus und gesellschaftlichen Gegen|Bewegungen auseinandersetzt, verstehen wir Awareness auch als Teil wissenschaftlicher und politischer Verantwortung. Wissenschaftliche Auseinandersetzung geschieht nicht unabhängig von gesellschaftlichen Bedingungen, sondern ist selbst in Machtverhältnisse eingebunden. Awareness bedeutet daher auch, diese Verwobenheiten mitzudenken.
Das Awareness-Team übernimmt hierbei eine unterstützende, begleitende und parteiliche Funktion für Betroffene von Diskriminierung oder Grenzverletzungen. Gleichzeitig bleibt die Verantwortung für einen diskriminierungskritischen Raum eine gemeinsame Aufgabe aller Teilnehmenden.
Awareness verstehen wir somit als fortlaufenden Prozess kollektiver Reflexion, gegenseitiger Fürsorge und aktiver Verantwortungsübernahme. Ziel ist es, Bedingungen zu schaffen, unter denen Austausch, Forschung und Begegnung möglichst respektvoll, solidarisch und diskriminierungskritisch gestaltet werden können.
Prinzipien und Handlungsorientierung
Für die Gestaltung unserer Tagung orientieren wir uns an einigen grundlegenden Prinzipien, die einen respektvollen, diskriminierungskritischen und solidarischen Austausch unterstützen sollen.
Wissenschaftliche Räume sind von unterschiedlichen Erfahrungen, Perspektiven und Wissensbeständen geprägt. Gleichzeitig verfügen nicht alle Menschen über dieselben Möglichkeiten, sich einzubringen, gehört zu werden oder sich sicher zu fühlen. Wir möchten daher ein Tagungsklima fördern, das unterschiedliche Stimmen sichtbar macht und vielfältige Formen des Wissens und der Erfahrung anerkennt.
Dazu gehört die Bereitschaft, einander zuzuhören, die eigene Position zu reflektieren und unterschiedliche Perspektiven ernst zu nehmen. Wir laden alle Teilnehmenden dazu ein, die eigenen Redeanteile bewusst wahrzunehmen und darauf zu achten, dass Diskussionen möglichst vielen Personen Raum zur Beteiligung eröffnen.
Wir bitten außerdem darum, Menschen nicht aufgrund zugeschriebener Merkmale oder gesellschaftlicher Positionierungen als Vertreter*innen bestimmter Gruppen anzusprechen. Niemand ist verpflichtet, persönliche Erfahrungen zu teilen, Diskriminierungserfahrungen offenzulegen oder stellvertretend für andere Personen zu sprechen.
Ein respektvoller Umgang bedeutet auch, die Selbstbezeichnungen anderer Menschen anzuerkennen und auf eine diskriminierungskritische Sprache zu achten. Sprache prägt Wahrnehmungen, Zugehörigkeiten und Ausschlüsse. Ein bewusster Umgang mit Sprache kann dazu beitragen, Begegnungen respektvoller und zugänglicher zu gestalten.
Awareness zeigt sich darüber hinaus darin, aufmerksam füreinander zu sein. Wenn Personen Ausgrenzung, Diskriminierung oder Grenzverletzungen erleben, verstehen wir es als gemeinsame Verantwortung, nicht wegzusehen, Unterstützung anzubieten und bei Bedarf Hilfe hinzuzuziehen. Dabei orientieren wir uns an den Bedürfnissen und Perspektiven der betroffenen Personen.
Wir nehmen die Erfahrungen, Perspektiven und Grenzen von Betroffenen ernst. Wenn diskriminierendes und rassistisches Verhalten auftritt, werden wir dieses ansprechen und intervenieren. Dafür behalten wir uns ausdrücklich vor, von unserem Hausrecht Gebrauch zu machen. Dies kann im Einzelfall auch den Ausschluss von Veranstaltungen oder den Verweis aus unseren Räumlichkeiten bedeuten.
Fehler, Missverständnisse und Unsicherheiten können auch in diskriminierungskritischen Räumen auftreten. Wir möchten daher zu einem Umgang ermutigen, der von Offenheit, Lernbereitschaft und gegenseitigem Respekt geprägt ist. Kritik verstehen wir als Möglichkeit zur Reflexion und Weiterentwicklung. Ein konstruktiver Umgang mit Fehlern setzt voraus, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen und bereit zu sein, die Perspektiven anderer ernsthaft zu berücksichtigen.
Im Sinne des Tagungsthemas verstehen wir diese Haltung schließlich auch als eine Praxis des In-Bewegung-Bleibens: die Bereitschaft, eigene Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen, sich mit gesellschaftlichen Machtverhältnissen und eigenen Verstrickungen darin auseinanderzusetzen und offen für Irritationen, Kritik und neue Perspektiven zu sein.