“ Wissenszirkulation und Ästhetik des Spektakulären“
28.–29. Januar 2026 | Justus-Liebig-Universität Gießen
Die erste Tagung der DFG-Forschungsgruppe „Antiziganismus und Ambivalenz in Europa (1850–
1950)“ markierte den programmatischen Auftakt der gemeinsamen Verbundarbeit. Im Zentrum
stand die interdisziplinäre Analyse von Wissenszirkulationen und der Ästhetisierung des
Spektakulären im Kontext antiziganistischer Fremd- und Eigenzuschreibungen in Europa zwischen
1850 und 1950. Untersucht wurden Transfers, Synchronien und Asynchronien zwischen
verschiedenen europäischen Räumen (u. a. Spanien, Deutschland, Rumänien) sowie das
Spannungsverhältnis von Antiziganismus und Agency.
In ihrer Auftaktrede betonte die Sprecherin der Forschungsgruppe, Prof. Dr. Iulia-Karin Patrut, das
Innovationspotenzial der interdisziplinären Zusammenarbeit und hob die Notwendigkeit hervor,
Simultaneitäten und Ambivalenzen systematisch zu erforschen sowie Antiziganismus in einer
Triangulation mit Antisemitismus und kolonialem Rassismus zu analysieren (u. a. im Anschluss an
die vergangene Winter School „Critical Whiteness and Antigypsyism“, an der Europa-Universität
Flensburg im Dezember 2025).
Die Keynote von Prof. Dr. Klaus-Michael Bogdal („Nous, les Gitans? Imaginierte Identitäten“) mit
einer Filmvorführung setzte einen konzeptionellen Rahmen zur Analyse ästhetischer
Identitätszuschreibungen. Das anschließende Panel zu Perspektiven der Forschung verband
politikwissenschaftliche, kulturwissenschaftliche und transdisziplinäre Ansätze mit Beiträgen u. a.
zur „Securitization of the Roma“ (Dr. Laura Tittel) sowie zu „Travelling Concepts“ (Dr. Doris
Bachmann-Medick) und führte zu einer lebhaften und kritischen Diskussion über die
Übertragbarkeit von Konzepten und die Verschränkung von Wissensregimen.
Das zweite Panel beleuchtete exemplarisch die europäische Vergleichsperspektive. Dr. Marian
Zăloagă analysierte Roma-Musikensembles auf Weltausstellungen und deren Rezeption im In- und
Ausland, während Dr. Ion Duminica diskriminierende und kriminalisierende Roma-
Pressedarstellungen in der rumänischen Zwischenkriegszeit untersuchte. In der anschließenden
Diskussion wurden europaweit ähnliche Motive antiziganistischer Repräsentationen, Praktiken des
Framings in der Presse sowie deren Funktion zur Legitimation von Ausgrenzung, Unterdrückung und
Racial Profiling intensiv erörtert. Zum Abschluss des ersten Tages stellte Dr. Magda Matache ihr
Buch The Performance of Anti-Roma: (Un)uttered Sentences (2025) vor.
Am darauffolgenden Tag wurde die europäische Dimension vertieft mit einem Vortrag von Prof. Dr.
Sarga Moussa („Bohémiens et Bohémiennes dans les Voyages en Orient au XIXe siècle“) und von
Prof. Dr. Kirsten von Hagen zu Szenen des Wissens und des Spektakulären in Téophile Gautuiers
Reisebericht Voyage en Espagne. Außerdem wurden in dem letzten Panel die Reflexionen aus den
Teilprojekten von Seiten der Nachwuchswissenschaftler*innen präsentiert. Beiträge zu
literarischen, filmischen, publizistischen und wissenschaftsgeschichtlichen Quellen verdeutlichten
die Breite der methodischen Zugänge innerhalb der Forschungsgruppe. U.a. gab es einen
bedeutsamen Beitrag von Dr. Dezso Mate zu „Gypsyloreism and Romani Agency“ und den
Konflikten in verschiedenen reparativen Stadien und Prozessen mit bedeutenden aktuellen
Bezugnahmen zu dem konzeptuellen Rahmen der Forschungsgruppe. Die Abschlusssitzung sowie
das anschließende Koordinationstreffen dienten der Bilanzierung und der strategischen
Weiterentwicklung der Verbundarbeit mit einem Fokus auf das Monitoring. Zudem wurde die
Entwicklung der virtuellen Forschungsumgebung als zentrales Instrument der interdisziplinären
Zusammenarbeit mit einem Vortrag von Dr. Mohammad Fazleh Elahi beleuchtet und mit den
Teilprojekten diskutiert.