Antiziganismus und Ambivalenz in Europa (1850–1950)
Die Forschungsgruppe analysiert die Verflechtungsgeschichte der Fremdrepräsentationen und Selbstartikulationen, die in Europa zwischen 1850 und 1950 einerseits zur Inklusion und Emanzipation sowie andererseits zur Exklusion und Elimination von Sinti*zze und Rom*nja beigetragen haben.
Dieses Ziel soll durch die Dekonstruktion antiziganistischer Stereotype in Kunst, Staat und Wissenschaft sowie durch die Rekonstruktion der Agency von Sinti*zze und Rom*nja erreicht werden. Gemeinsam werden Transfers, Synchronien und Asynchronien zwischen europäischen Räumen von Spanien über Deutschland bis Rumänien untersucht.
Die Ergebnisse der Forschungsgruppe werden über eine virtuelle Forschungsumgebung integriert, die der wissenschaftlichen Öffentlichkeit auf Dauer zur Verfügung steht.
Die Teilprojekte
Teilprojekt 1 „Bilderzählung und visuelle Inszenierung antiziganistischer Motive (1848–1930)“ erforscht die Bedeutung moderner Bilderzählungen, die tradierte stereotype Motive und Sujets fortführen unter der Leitung von Prof. Dr. Peter Bell und Prof. Dr. Melanie Ulz, während Teilprojekt 2 „Spektakel, Schaulust, Subalternität – Diskursive Verhandlungen von Identität und Alterität im Kontext populärer Wissensmedien (1850–1950)“ unter der Leitung von Prof. Dr. Kirsten von Hagen an Beispielen aus Spanien und Frankreich, insbesondere Paris, die Frage verhandelt, inwieweit Sinti*zze und Rom*nja im Untersuchungszeitraum Subjekte spektakulärer Inszenierungen sind. Zusammen mit Teilprojekt 3 „Ambiguitäten des Audiovisuellen: Zigeuner-Figuren im Spielfilm (1895–1950)“ unter der Leitung von Prof. Dr. Matthias Bauer und Dr. Radmila Mladenova, das der Herkunft, dem Bedeutungswandel sowie den ästhetischen und politischen Funktionen von Zigeuner-Figuren im Stummfilm und im frühen Tonfilm (ab 1927) nachgeht, konzentrieren sich diese drei Teilprojekte auf die Ambiguitäten künstlerischer Medien.
Demgegenüber sind die anderen drei Teilprojekte mit expositorischen und publizistischen Texten und Akten der wissenschaftlichen und polizeilichen Praxis befasst. Teilprojekt 4 „Reflexion und Projektion: ‚Zigeunerkunde‘ im Donau-Karpatenraum (1880–1930)“ unter der Leitung von Prof. Dr. Thomas Bohn erkundet die emanzipatorischen und diffamatorischen Potenziale der sog. Zigeuner-Kunde; Teilprojekt 5 „Publizistik von Rom*nja in der Zwischenkriegszeit (1918–1939)“ unter der Leitung der Sprecherin Prof. Dr. Iulia-Karin Patrut widmet sich – kontrastiv zu Teilprojekt 4 – der Rom*nja-Publizistik, somit der politischen Selbstartikulation und dem Widerstand gegen exkludierende Tendenzen, während Teilprojekt 6 „Transformationen des polizeilichen antiziganistischen Diskurses: Vom ‚rassischen‘ Paradigma zur genozidalen Praxis (1850-1950)“ unter der Leitung von Prof. Dr. Tanja Penter und Dr. Frank Reuter den Wandel von einem primär soziografisch akzentuierten zu einem ‚rassenbiologischen‘ Zigeuner-Begriff untersucht, der mit einem Wandel der Polizei zu einer Agentur der Verfolgung und Vernichtung einhergeht.
Beirat und Transfer
Besonderen Wert legt die Forschungsgruppe auf die Partizipation von Sinti*zze und Rom*nja: Die Forschungsgruppe wird von einem unabhängigen Beirat begleitet, der kontinuierlich beratend in das Arbeitsprogramm eingebunden ist. Die Mitglieder des Beirats leisten mit ihrer Expertise, ihren Perspektiven und Erfahrungen einen zentralen Beitrag zur inhaltlichen und methodischen Ausrichtung der Forschungsgruppe.
Außerdem setzt sich die Forschungsgruppe zum Ziel, Zugänge zur Wissenschaft zu öffnen und bestehende Barrieren abzubauen. Ein besonderer Fokus liegt auf der gezielten Unterstützung und Förderung wissenschaftlicher Karrieren von Studierenden und Nachwuchswissenschaftler*innen aus der Minderheit. Ein zentrales Element dieser Arbeit sind dabei die Empowerment-Workshops, die im Vorfeld der Tagungen des Forschungsverbunds stattfinden.
Nachwuchsförderung
Die Förderung von Wissenschaftler*innen in der Qualifikationsphase ist ein zentraler Bestandteil der DFG-Forschungsgruppe. Sie verbindet individuelle Karriereentwicklung mit intensivem fachlichem Austausch und interdisziplinärer Vernetzung. Die Promovierenden und Postdocs der Forschungsgruppe sind eng in die Forschungsarbeit eingebunden, verfolgen eigene Projekte und wirken an Publikationen, Tagungen sowie an Aufgaben im Wissenschafts- und Projektmanagement mit. Ein strukturiertes Qualifizierungsprogramm umfasst fachübergreifende und themenspezifische Fortbildungen sowie Möglichkeiten zur eigenständigen Organisation von Workshops und Gastaufenthalten.
Tagungen
Unter Einbeziehung eines internationalen Netzwerkes an Wissenschaftler*innen werden die Ergebnisse an vier Tagungen in Gießen (2026), Heidelberg (2026), Flensburg (2027) und Berlin (2028) präsentiert und diskutiert. Die Tagungen dienen der interdisziplinären Verständigung über Begriffe (z.B. Ästhetik des Spektakulären) sowie dazu, die Befunde der Teilprojekte unter zentralen Aspekten (z.B. Triangulation von Antiziganismus, Antisemitismus und Kolonialismus) mit Expertisen im Netzwerk der Forschungsgruppe zu verknüpfen.
Publikationsreihe
Im Rahmen der DFG-Forschungsgruppe entsteht eine eigene Publikationsreihe, die u.a. vier Tagungsbände, zwei Synthesebände sowie Qualifikationsschriften und Monografien umfassen soll.
Mercator Fellow
Als Senior Advisor bringt Prof. Dr. Klaus-Michael Bogdal (Universität Bielefeld) seine umfassende Expertise in die DFG-Forschungsgruppe ein. In beratender Funktion unterstützt er die konzeptionelle Weiterentwicklung des Forschungsprogramms, insbesondere die Arbeit an zentralen Begriffen und Fragestellungen im Vorfeld der interdisziplinären Tagungen. Im Rahmen mehrerer Forschungsaufenthalte wirkt er darüber hinaus kontinuierlich an der Synthese der Ergebnisse und am Transfer der Befunde mit.
Assoziiertes Habilitationsprojekt und Anschubfinanzierung
Dr. Dezso Mate ist assoziierter Wissenschaftler der DFG-Forschungsgruppe und erarbeitet in diesem Rahmen einen Forschungsantrag zum Thema „Gypsyloreismus und reparative Romani-Agency“. Er übernimmt für die DFG-Forschungsgruppe eine wichtige beratende Funktion und stellt seine Expertise in den Bereichen Antiziganismusforschung, Wissenschaftsgeschichte und kritische Romani-Studien zur Verfügung.
Sprecherin der Forschungsgruppe
Prof. Dr.Iulia-Karin Patrut
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Koordinatorin der Forschungsgruppe
Dr.Svea Taubert
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