Partizipation von Sinti*zze und Rom*nja

Das Vertrauen von Sinti*zze und Rom*nja in die Wissenschaft ist historisch tief erschüttert worden und wirkt bis in die Gegenwart nach. Noch Jahrzehnte nach dem Ende des Nationalsozialismus wurden an deutschen Universitäten Materialien weiterverwendet, die im Kontext rassistischer Verfolgung und des Völkermords entstanden waren. Diese Kontinuitäten haben dazu beigetragen, dass Wissenschaft von vielen Angehörigen der Minderheit als ambivalenter oder sogar bedrohlicher Raum wahrgenommen wird.

Vor diesem Hintergrund setzt sich die Forschungsgruppe zum Ziel, Zugänge zur Wissenschaft zu öffnen und bestehende Barrieren abzubauen. Ein besonderer Fokus liegt auf der Unterstützung von Studierenden und Nachwuchswissenschaftler*innen der Minderheit, u.a. Mitgliedern des Studierendenverbands der Sinti*zze und Rom*nja, beim Übergang vom Studium zur Promotion. Ziel ist es, Sinti*zze und Rom*nja gezielt an akademische Laufbahnen heranzuführen und Vertrauen in wissenschaftliche Institutionen zu stärken.

Ein zentrales Element dieser Arbeit sind Empowerment-Workshops, die im Vorfeld der Tagungen des Forschungsverbunds stattfinden. Sie schaffen geschützte Räume für Austausch, Orientierung und Vernetzung und ermöglichen im Anschluss die aktive Teilnahme an den wissenschaftlichen Veranstaltungen. Die Workshops werden von Teilprojektleiter*innen und Experte*innen – darunter auch Vertreter*innen der Minderheit – in enger Abstimmung mit dem Beirat der Forschungsgruppe konzipiert und durchgeführt.

Langfristig soll so ein Beitrag dazu geleistet werden, die Teilhabe von Sinti*zze und Rom*nja im Wissenschaftssystem zu erhöhen und sie als selbstverständlichen Bestandteil akademischer Strukturen zu verankern.

Mehr Infos zu dem ersten Empowerment-Workshop: „Authorship as Power – Empowerment through Poetry and Spoken Word“ unter der Leitung von Cat Jugravu an der Justus-Liebig-Universität Gießen (2026).

Beirat der Forschungsgruppe

Die Forschungsgruppe wird von einem unabhängigen Beirat begleitet, der kontinuierlich beratend in das Arbeitsprogramm eingebunden ist. Die Mitglieder des Beirats leisten mit ihrer Expertise, ihren Perspektiven und Erfahrungen einen zentralen Beitrag zur inhaltlichen und methodischen Ausrichtung der Forschungsgruppe. 

Der Beirat hat eine wichtige Funktion für die Qualität und Verantwortung des Projekts. Die Forschungsgruppe untersucht historische und kulturelle Prozesse, in denen Wissen über Sinti*zze und Rom*nja häufig ohne deren Beteiligung produziert wurde und eng mit gesellschaftlichen Machtverhältnissen verknüpft war. Vor diesem Hintergrund trägt der Beirat dazu bei, solche einseitigen Perspektiven zu reflektieren und zu korrigieren. Zugleich stärkt der Beirat die konsequente Partizipation von Sinti*zze und Rom*nja und begleitet die Arbeit der Forschungsgruppe kritisch, bringt Impulse aus den Communities ein und unterstützt die Sensibilität im Umgang mit historischen Quellen, Begrifflichkeiten und Darstellungsweisen. Dadurch wird sichergestellt, dass die Forschung nicht nur über, sondern auch im Dialog mit den betroffenen Communities erfolgt.

Der Beirat leistet damit einen wesentlichen Beitrag zur Dekonstruktion antiziganistischer Wissensbestände und zur Sichtbarmachung von Formen der Selbstartikulation und Agency. Er trägt dazu bei, die Forschungsperspektiven zu erweitern, Diversität in der Wissenschaft zu fördern und neue, verantwortungsbewusste Formen der Wissensproduktion zu etablieren.

Francesco Arman

Francesco Arman ist Roma-Aktivist, Kulturakteur und Politiker. In seiner aktuellen Funktion als Stadtrat engagiert er sich insbesondere für soziale Teilhabe, Bildungsgerechtigkeit und die Stärkung marginalisierter Communities auf kommunaler Ebene. In der Bildungsarbeit und der öffentlichen Vermittlung ist er zu Fragen der Geschichte, Rechte und Repräsentation von Sinti*zze und Rom*nja aktiv und setzt sich für die Sichtbarkeit und politische Partizipation von Sinti*zze und Rom*nja ein. Als Mitbegründer und ehem. Vorsitzender des Studierendenverbands der Sinti und Roma in Deutschland e.V. wirkt er maßgeblich an der Unterstützung von Sinti*zze und Rom*nja im akademischen Kontext mit. 
 

Dr. Maria Bogdan

Dr. Maria Bogdan ist Medienwissenschaftlerin und Kulturtheoretikerin mit einem Schwerpunkt auf dem Zusammenhang von Rassismus und Medien. Sie promovierte in Film-, Medien- und Kulturtheorie an der Eötvös Loránd Universität in Budapest und ist Fulbright-Alumna sowie Mitbegründerin und Herausgeberin der Zeitschrift Critical Romani Studies.

Radoslav Ganev

Radoslav Ganev ist Politikwissenschaftler mit Forschungsschwerpunkten in der Repräsentation ethnischer Minderheiten und der politischen Partizipation benachteiligter Gruppen. Er ist im Bereich Migration und Integration tätig und engagiert sich zivilgesellschaftlich, unter anderem als Vorstand der Lichterkette e.V. Er ist Gründer der Roma-Selbstorganisation Romanity e.V. und Mitgründer des Studierendenverbandes der Sinti und Roma in Deutschland. Aktuell forscht und promoviert er zum Thema "Erfolgreiche Bildungsbiografien von Sinti* und Roma* - Implikationen für die Soziale Arbeit und der Hochschullandschaft".

Mag.a Mirjam-Angela Karoly

Mag.a Mirjam-Angela Karoly ist Politikwissenschaftlerin und verfügt über langjährige internationale Expertise in den Bereichen Menschenrechte, Minderheitenpolitik sowie Antidiskriminierungs- und Inklusionsarbeit. Von 2013 bis 2017 leitete sie die OSZE-Kontaktstelle für Roma- und Sinti-Fragen in Warschau; zuvor war sie als Senior Advisor für Minderheitenrechte in der OSZE-Mission im Kosovo tätig. Seit vielen Jahren engagiert sie sich für die Rechte und die gesellschaftliche Anerkennung von SInti*zze und Rom*nja. Sie ist Mitglied des Volksgruppenbeirats für Roma in Österreich sowie Ehrenmitglied von Romano Centro.

Darüber hinaus ist sie in der internationalen Erinnerungsarbeit aktiv. Seit 2024 vertritt sie das Vienna Wiesenthal Institute for Holocaust Studies (VWI) in der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) und ist Expertin des Committee on the Genocide of the Roma, dessen Vorsitz sie 2026 übernommen hat. In dieser Funktion setzt sie sich insbesondere für die Stärkung von Bildung, Erinnerung und Forschung zum Genozid an den Sinti*zze und Rom*nja ein.

Silas Kropf

Silas Kropf ist Sozialarbeiter und engagiert sich als deutscher Sinto seit vielen Jahren für die Rechte und gesellschaftliche Teilhabe von Sinti*zze und Rom*nja in Deutschland. Er ist Vorstandsvorsitzender der Melde- und Informationsstelle Antiziganismus (MIA e.V.) sowie Mitbegründer der Kölner Queer Roma Initiative.

Sein Engagement umfasst insbesondere die Unterstützung und Weiterentwicklung zivilgesellschaftlicher Organisationen sowie die Sichtbarmachung der Lebensrealitäten von Sinti*zze und Rom*nja.

Dr. Sunnie Rucker-Chang

Dr. Sunnie Rucker-Chang ist Kenneth E. Naylor Professorin für südslawische Kultur sowie Associate Professorin für slawische und osteuropäische Sprachen und Kulturen und derzeit kommissarische Leiterin der African and African American Studies an der Ohio State University.

Ihre Forschung beschäftigt sich mit der sozialen Konstruktion von „Race“ und Kultur im Kontext privilegierter und marginalisierter Gemeinschaften in Europa.

Dr. Mihai Surdu

Dr. Mihai Surdu ist Soziologe und Forscher im Bereich der Romani Studies mit einem Schwerpunkt auf Wissensproduktion und Klassifikationspraktiken. Er war unter anderem am Institute of Advanced Study der Central European University sowie am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte tätig und ist derzeit Gastwissenschaftler im Bereich Wissenschafts- und Technologiestudien.

Sein Buch Those Who Count. Expert Practices of Roma Classification (2016) analysiert die wissenschaftlichen Praktiken der Erfassung und Kategorisierung von Rom*nja sowie deren politische Implikationen.

Dr. Joanna Talewicz-Kwiatkowska

Dr. Joanna Talewicz-Kwiatkowska ist Kulturanthropologin an der Jagiellonen-Universität in Krakau mit einem Forschungsschwerpunkt auf Roma, Minderheiten und Menschenrechten. Sie promovierte 2011 zu den Auswirkungen von EU-Förderprogrammen auf die Lebenssituation von Roma in Polen und ist in Forschung und Lehre in diesem Bereich tätig.

Zudem engagiert sie sich in zivilgesellschaftlichen Organisationen, ist Herausgeberin der Zeitschrift Dialog Pheniben und Mitglied der polnischen Delegation der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA).

Dr. Mirjam Wilhelm

Dr. Mirjam Wilhelm ist Kunsthistorikerin und seit 2021 Forschungsmitarbeiterin am Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien (VWI). Sie promovierte an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg und war 2018 Visiting Assistant in Research an der Yale University.

Ihre Forschung und Publikationen bewegen sich an der Schnittstelle von Geschichts-, jüdischen, kultur- sowie kunst- und bildwissenschaftlichen Studien.