Bilderzählung und visuelle Inszenierung antiziganistischer Motive (1848-1930)
Zusammenfassung
Teilprojekt 1 untersucht mit kunst- und bild-wissenschaftlichen Methoden die Bedeutung moderner antiziganistischer Bilderzählungen. Es fragt nach Kontinuität und Wandel lange tradierter stereotyper Motive oder Sujets ebenso wie nach neuen Bilderfindungen, die im Kontext sozialer und kultureller Veränderungen entstehen. Im Fokus stehen außerdem transmediale Übersetzungsprozesse, d.h. gattungsübergreifende Übertragungen, die eine Wechselwirkung zwischen Motiven, Reproduktionstechniken und sozialen Umbrüchen erkennen lassen. Untersucht werden vorwiegend Malerei, Druck- und Gebrauchsgrafik sowie Fotografie aus West- und Osteuropa.
Forschungsfragen
1. Wie lässt sich eine offen zugängliche Forschungsumgebung aufsetzen, die nicht Stereotype affirmiert und kritische Quellen reproduziert?
2. Wie lassen sich betroffene Communities in den Aufbau der Forschungsumgebung einbeziehen?
3. Zentrum versus Peripherie: Wie schauen die Zentren auf die Peripherien und wie werden die Ränder kartiert? Wie wird umgekehrt aus der Peripherie auf die Zentren geblickt?
4. Die Repräsentationsmodi Typus und Person, bzw. Requisit und Objekt: Inwiefern lassen sich Beispiele finden, die Agency und selbstbestimmte Repräsentation erkennen lassen?
Kooperationen
Allgemein gilt es den Zusammenhang zwischen visueller Inszenierung (TP 1, TP 3) und textueller Fremd- und Selbstbeschreibung (TP2, TP 4, TP 5, TP 6) herauszuarbeiten. Dabei gibt es deutliche Schnittmengen zwischen Bilderzählung und Szenografie (TP3) und zwischen ikonografischer Tradition und populärem Spektakel (TP 2). Für die Rezeption, Transformation und Popularisierung antiziganistischer Figuren, z.B. als Werbeträger*innen auf den internationalen Weltausstellungen oder als Protagonist*in im frühen Film, wird TP 1 eng mit TP 2 und TP 3 zusammenarbeiten.
Darüber hinaus besteht eine enge Kooperation mit TP 6 und TP 4 zur Klärung des Einflusses anthropologisch-evolutionistischer "Rasse-Ideologie" auf Künstler*innen des Expressionismus vor einem kolonialen Horizont.
Die Repräsentationsmodi Typus und Person werden auch im Hinblick auf die neuen Erzählungen persönlicher Karrieren und interkultureller Kontakte befragt, sodass es zwischen TP 1 und TP 5 große Synergieeffekte gibt bzgl. Agency und (politischer) Selbstrepräsentation.
TP 1 trägt zur Kooperation aller Teilprojekte durch den Aufbau der virtuellen Forschungsumgebung bei.
Tagungen
Workshop: "Forschungsdaten und Wissensordnungen" in Marburg
Tagung 3: "Transmediale Bilderzählung und Stereotyp" in Flensburg, gemeinsam mit TP 3
Kernuntersuchungsraum: Deutschland und Frankreich
Zusatzräume: Österreich, Tschechien, Ungarn, Polen, England, Spanien
Ziele
1. Grundlagenforschung: Antiziganistische Motive aus Hoch- und Populärkultur werden erstmals in ihrer strukturellen Gesamtheit erschlossen, katalogisiert und ausgewertet, um darauf aufbauend zusammenhängende kunsthistorische Einzelanalysen zu gewährleisten.
2. Bereitstellung einer digitalen Forschungsumgebung (multimodale Datenbank), die eine Kartierung und Auswertung antiziganistischer Bilder vom Gemälde bis zur Bildreklame ermöglicht und eine systematische Verknüpfung mit den Materialien und Diskursen der beteiligten Nachbardisziplinen sicherstellt (Kooperationen mit TP 2-TP 6).
3. Neubestimmung der konstitutiven Bedeutung der Ambivalenz von Zigeuner-Figuren und -Narrativen für die Moderne. Innerhalb der Kunstgeschichte sollen die Wechselverhältnisse zwischen den einzelnen Bildgattungen aufgezeigt werden. Dabei wird nicht nur die Tradierung und Übersetzung von Bilderzählungen im Allgemeinen untersucht, sondern auch unter bestimmten Aspekten wie Nostalgie versus Fortschrittsglauben, Zentrum versus Peripherie und Modi der Repräsentation: Typus versus Person.
Ausgewählte Ergebnisse
— Monografie zu "Counter Archive. Forschungsdatenmanagement bei stigmatisierenden multimodalen Daten"
— Dissertation: "Im Bilde. Antiziganismus und Visualität"
— Virtuelle Forschungsumgebung für alle Teilprojekte
Teilprojektverantwortliche
Prof. Dr. Peter Bell
Philipps-Universität Marburg
Prof. Dr. Peter Bell ist Professor für Kunstgeschichte und Digital Humanities am Kunstgeschichtlichen Institut der Philipps-Universität Marburg. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der visuellen Kultur, insbesondere in der Analyse visueller Repräsentationen sozialer Gruppen und Differenz vom Mittelalter bis in die Gegenwart, der Untersuchung visueller Stereotype sowie der Verbindung kunsthistorischer Fragestellungen mit digitalen Methoden.
Weitere Informationen auf der Website der Universität
Prof. Dr. Melanie Ulz
Universität Duisburg-Essen
Prof. Dr. Melanie Ulz ist Vertretungsprofessorin für Neuere und Neueste Kunstgeschichte/ Kunstwissenschaft an der Universität Duisburg-Essen. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in der transkulturellen Kunstgeschichte des 18. bis 21. Jahrhunderts sowie in den Postcolonial und Gender Studies, insbesondere in der Analyse visueller Repräsentationen von Migration, Differenz und Alterität. Ihre Forschungsinteressen reichen von historischer Schlachtenmalerei über visuellen Antiziganismus der Moderne bis hin zu künstlerischer Institutionskritik in der Gegenwart.
Weitere Informationen auf der Website der Universität
Nachwuchswissenschaftler:innen
André Raatzsch
André Raatzsch ist Doktorand der Kunstgeschichte an der Philipps-Universität Marburg und wissenschaftlicher Mitarbeiter im Teilprojekt 1.
Dissertationsprojekt: „Reparative Bilderzählung und Bildkritik: Eine dekoloniale Perspektive auf die Darstellung der Roma in der europäischen Kunstgeschichte“ (Arbeitstitel).
Dr. Mohammad Fazleh Elahi
Dr. Mohammad Fazleh Elahi ist Postdoktorand an der Philipps-Universität Marburg und wissenschaftlicher Mitarbeiter im Teilprojekt 1 zur Entwicklung der digitalen Forschungsumgebung (multimodalen Datenbank) in Kooperation mit den Teilprojekten 2 – 6.