Call for Papers

Gegen Bewegungen
Migrationsgesellschaftlichkeit und Rassismus in erziehungswissenschaftlicher Forschung

Tagung der DGfE Kommission Erziehung und Bildung in der Migrationsgesellschaft
9. bis 11. September 2026
Europa-Universität Flensburg

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Bewegungen sind für pädagogische Kontexte und die Erziehungswissenschaft im Allgemeinen sowie für die erziehungswissenschaftliche Migrations- und Rassismusforschung im Spezifischen konstitutiv. Prozesse von Erziehung und Bildung sind grundlegend mit Transformation und Transformationsansprüchen verbunden und zugleich aufgrund ihrer Verwobenheit mit gesellschaftlichen Ordnungen beständig in Bewegung. Diese Bewegungen sind vielschichtig, vielgestaltig und sowohl epistemisch als auch affektiv und politisch zu verstehen, etwa als Verschiebung, Resonanz, Widerstand, Beharren und Entzug.

Mit Blick auf die Vielschichtigkeit und Vielgestaltigkeit lässt sich Migration als Bewegung im pluralen Sinne begreifen: als räumliche, soziale und symbolische Praxis, die Zugehörigkeiten transformiert und zugleich  geographische, materielle, symbolische und epistemische Grenzen sichtbar macht, infragestellt und beständig neu verhandelt. Bewegungen können dabei als soziale Bewegungen analysiert werden. Sie sind mit Bildungsprozessen verbunden und werden von kollektiven Kämpfen getragen, die Veränderungen und Transformationen gesellschaftlicher Ordnungen erst ermöglicht haben und ermöglichen. Bewegungen zeigen sich auch epistemisch, im Wandel von Diskursen und Wissensordnungen. Sie bewegen die erziehungswissenschaftliche Migrations- und Rassismusforschung, etwa über die Weiterentwicklung theoretischer und methodologischer Zugänge, Aufmerksamkeiten und Begriffe. Die Umbenennung der Kommission in 2023 von „Interkulturelle Bildung“ in „Erziehung und Bildung in der Migrationsgesellschaft“ kann als Ausdruck dieser Bewegungen, vielleicht auch als Gegenbewegung, verstanden werden. In einem dekolonialen Verständnis lassen sich zudem Grenzen und Begrenzungen von Bewegungen in der Wissenschaft fokussieren und zugleich widerständige Praktiken deutlich und verstehbar machen – als Entgrenzung und Infragestellung hegemonialer und westlicher Wissensordnungen. Solche Bewegungen von Diskursen und Theoriebildung verweisen auf historische Kontinuitäten kolonialer und rassistischer Strukturen, in denen auch die Erziehungswissenschaft situiert ist. 

Verorten lassen sich Bewegungen zugleich in Affekten und Emotionen, die auch in und durch Wissenschaft hervorgebracht und spürbar werden. Sie kommen etwa in Formen des Bewegt-Seins in der Forschungspraxis, in der Analyse, im Schreiben und Sprechen über die Forschung zum Ausdruck oder zeigen sich in Forschungsfeldern in Formen der Stimmung, Atmosphäre, aber auch im Widersetzen, Schweigen und Entziehen.

Gegenwärtig scheinen in Bezug auf migrationsgesellschaftliche Ordnungen Dynamiken und Verschiebungen von Diskursen, Sagbarkeiten und konkreten Praktiken relevant, die zugleich auf Kontinuitäten und Brüche gesellschaftlicher Macht- und Herrschaftsverhältnisse verweisen und pädagogische Kontexte der Erziehung und Bildung bewegen. Das Erstarken autoritärer, rechter und rechtsextremer Kräfte, die Zunahme antisemitischer und rassistischer Übergriffe, die Normalisierung antidemokratischer und menschverachtender Positionen sowie deren Aushandlungen und Wirksamkeit in pädagogischen Feldern sind für die Erziehungswissenschaft bedeutsam und bewegen auch uns und unsere Forschung. 

Felder und Institutionen von Erziehung und Bildung geraten dabei zunehmend als Arenen rechter Einflussnahme und Gegenbewegungen in den Blick, werden zum Gegenstand politische Kämpfe und zugleich als Orte der Demokratisierung und Demokratiebildung adressiert, die den gesellschaftlichen Entwicklungen entgegenwirken sollen. In dieser Adressierung bleiben Verstrickungen von Schule, Bildung und Wissenschaft in die (migrations-)gesellschaftlichen Ordnungen sowie Formen der Institutionalisiertheit von Rassismus, Antisemitismus und weiterer Diskriminierungsverhältnisse jedoch oftmals unthematisiert. 

Im Rahmen der Kommissionstagung möchten wir daher die Vielschichtigkeit und Vielgestaltigkeit von Bewegungen und Gegenbewegungen sowie deren Bedeutung für und Ausdrucksformen innerhalb erziehungswissenschaftlicher Migrations- und Rassismusforschung thematisieren und dazu einladen, Gegen|Bewegungen auch als analytische Aufmerksamkeit in mindestens zweierlei Hinsicht zu begreifen:

  • Wie können Bewegungen, Gegenbewegungen, aber auch Momente des Innehaltens dazu beitragen, die komplexen Verhältnisse von Migrationsgesellschaftlichkeit, Rassismus, Bildung, Erziehung und Lernen sowie Prozesse der Wissensproduktion zu analysieren, zu theoretisieren, zu politisieren? 

  • Welche Formen des Denkens, Fühlens, Forschens und Gestaltens werden möglich, wenn wir Bewegung nicht nur zum Gegenstand machen, sondern auch als Modus wissenschaftlichen Tuns verstehen, als Modus, durch den Wissenschaft selbst in Bewegung versetzt wird. 

Vielschichtige und (zu) viele mögliche Fragerichtungen

In dem Bewusstsein, dass eine Konkretisierung bestimmter Fragen und Ansatzmöglichkeiten automatisch Eingrenzungen schafft, möchten wir – im Interesse an entgrenzenden bewegenden und bewegten Perspektiven – zur Einreichung von Beiträgen einladen, die sich an folgenden Fragen orientieren (können) und regen zugleich an, sich mit den Beitragseinreichungen und Formatformen auch über diesen Rahmen hinaus zu bewegen.

  1. Bewegung als analytische Kategorie
  • Was kennzeichnet in welcher Weise Bewegungen und Gegenbewegung? In welchem Verhältnis stehen sie zueinander und welche Bedeutung wird dem Dazwischen und dem Innehalten zuteil? Was zeigt sich vielmehr als Kontinuität, Stabilität oder Beharren?
  • Wie verändern sich erziehungswissenschaftliche Perspektiven, wenn wir Bewegung nicht nur als Gegenstand, sondern als epistemischen und affektiven Modus des Forschens und der Wissensproduktion begreifen?
  • Welche Anforderungen stellen sich vor dem Hintergrund gegenwärtiger gesellschaftlicher und politischer Bewegungen und Gegenbewegungen an die Erziehungswissenschaft?
  • Welche Formen des Bewegt-Seins (emotional, körperlich, diskursiv) tauchen in unseren Forschungsprozessen auf – und wie bedingen sie, was und wie wir forschen sowie Wissen und Erkenntnis produzieren?
  1. Gegenbewegungen als Widerstand, Beharren oder Verschiebung
  • Was bewegt ‚uns‘ in unserer Forschung und wie sind unsere Körper, Gefühle und Begehren in Prozesse des wissenschaftlichen Tuns verwoben, welche ethischen Konsequenzen ergeben sich daraus für wen? Welche Rahmenbedingungen produzieren ‚Wissenschaftlichkeit‘ und was können Bewegungen darin, dagegen und dort heraus sein?
  • Wie zeigen sich Gegen|Bewegungen in Bildungskontexten und Bildungsinstitutionen: als Widerstand, als Beharrung oder als Suche nach Alternativen – und wie können wir diese aufgreifen und thematisieren?
  • Inwiefern sind begriffliche Neuorientierungen oder methodologische Verschiebungen in der Erziehungswissenschaft selbst Ausdruck von Gegenbewegungen – und wo stoßen sie an ihre Grenzen?
  • Welche Perspektiven und Zukünfte ergeben sich für die erziehungswissenschaftliche Migrations- und Rassismusforschung unter den gegebenen Bedingungen?
  • Welche dekolonialen und antikolonialen Gegen|Bewegungen entgrenzen, z.B. die westlich dominante Idee von Wissen, Wissenschaft und Wissenschaftlichkeit? Wie begrenzt ‚Wissenschaftlichkeit‘ epistemische Bewegungen im dekolonialen Sinne?
  1. Soziale und Politische Bewegungen und Verschiebungen
  • Wie wirken gesellschaftliche Diskurs- und Rechtsverschiebungen auf pädagogische Praxisfelder ein – und wo entstehen darin neue Arenen für politische Kämpfe? Welche Rolle spielen Bildungsinstitutionen in der Stabilisierung, Reproduktion oder Irritation gegenwärtiger Dynamiken der Normalisierung rechter Positionen?
  • Welche Gleichzeitigkeiten zeigen sich gegenwärtig mit Blick auf pädagogische Räume: etwa als Orte demokratischer Bildung und als Orte der Reproduktion gesellschaftlicher Machtverhältnisse?
  • In welchen sozialen und politischen Bewegungen sowie historischen Kontinuitäten sind ‚wir‘ verortet (wer ist wir in dem Kontext, wir sprechen aufgrund der verbreiteten Dethematisierung von Standpunkten ungern von einem wir im wissenschaftlichen Kontext), wie bewegen sie uns und wir sie, was kann von ihnen gelernt werden?
  • Inwiefern ermöglichen politische Transformationen Räume und Gestaltungen des (Re-) Thinking von Zukunft? Wodurch und in welche Richtungen bewegt sich utopisches Denken in erziehungswissenschaftlichen Zusammenhängen?
  • Wie bewegen sich kollektive soziale und politische Kämpfe und Migrationsgesellschaftlichkeit gegenseitig?
  1. Bewegungen in Diskursen, Theorien und Methodologien
  • Wie lassen sich Kontinuitäten in historischer Perspektive und mit Blick auf wissenschaftliche Praktiken und Institutionen sichtbar machen – und welche Gegenbewegungen innerhalb der Erziehungswissenschaft eröffnen sich?
  • Welche methodologischen Zugänge ermöglichen es, den analytischen Blick auf die Vielschichtigkeit oder aber Spezifik von Bewegungen zu richten?
  • Welche (Un-)Sichtbarmachungen von Wissen zeigen sich, welches (wissenschaftliche) Wissen, wessen Erfahrungen und Perspektiven bringen Ordnungen (wie) in Bewegung?
  • Welche Bewegungen im dekolonialen Verständnis widersetzen sich kolonialer epistemischer Gewalt?
  1. Affekte und Atmosphären
  • Welche Bewegungen vollziehen sich auf der Ebene von Affekten, Emotionen, Atmosphären oder Stimmungen in unseren Forschungs- und Praxisfeldern – und wie können wir deren Wirkmächtigkeit analysieren und theoretisieren?
  • Wie können Momente des Schweigens, des Rückzugs, der Unaussprechbarkeit und Nicht-Aushaltbarkeit in der Forschung berücksichtigt und auf die Logiken der Felder, der Forschung und ihre Strukturiertheit bezogen werden?
  • Welche Formen des Zuhörens, Innehaltens oder Verlernens können selbst als Gegenbewegungen verstanden werden?
  • Welche Wissensformen transportierten Bewegungsformen von Körpern, wie bewegen wir uns als politische Subjekte und Körper (nicht) durch Räume?
  • Wie und wann klammern Vorstellungen von ‚Wissenschaftlichkeit‘ spezifische Wissensbestände aus, die als ‚zu emotional‘ markiert werden? Wann unterwerfen sich Akteur*innen akademischer Strukturen der Delegitimierung emotionaler und affektiver Gegen|Bewegungen als Wissenformen?
  1. Forschungspraxis, Positioniertheit und Verantwortung
  • Wie und in welchen Konstellationen lassen sich innerhalb von und über wissenschaftliche Räume hinaus Mobilisierung, Allianzen und Organisationen (weiter-) entwickeln, die die Ordnung der Dinge in Bewegung bringen?
  • Wie verschieben sich Forschungsprozesse und -perspektiven, wenn wir Situiertheit und Positioniertheit in migrationsgesellschaftlichen Ordnungen konsequent mitdenken?
  • Welche Verantwortung trägt die erziehungswissenschaftliche Forschung im Umgang mit Bewegungen und Gegenbewegungen, die gesellschaftliche Ordnungen (de-)stabilisieren?
  • Wie können wir Allianzen, kollektive Praktiken und solidarische Forschungsweisen stärken, ohne deren innere Widersprüche zu übergehen?
  • Wie können wir etwa in Worten, Räumen, Materialien, in künstlerischen und kollaborativen Formen, Wissenschaft selbst in Bewegung versetzen?


 

Einreichung und Formate

Wir laden zur Einreichung von Einzelbeiträgen und kollektiven Formaten ein, die sich auf den skizzierten Rahmen beziehen und an die Fragerichtungen anschließen. Zugleich können Beiträge selbst auch Suchbewegungen darstellen, ganz neue Fragen aufwerfen oder die Normalitäten und Grenzen wissenschaftlicher Räume infragestellen, sich über den Call hinaus bewegen, Neues entwickeln und ausprobieren.

Mögliche Formate sind: Vorträge (die vom Tagungsteam in thematisch passende Panels zusammengefasst werden), Symposien (mit mehreren Beiträgen zu einem Schwerpunktthema), Forschungswerkstätten (etwa zur Arbeit an empirischem Material), Podiumsdiskussionen oder Fishbowls, Roundtables, Posterpräsentationen, Workshops sowie weitere kreative Formatgestaltungen, z.B. Article Slam, Poetry Slam, Zukunftswerkstätten, Walk and Talk, Imaginationen, Performances.

Der zeitliche Umfang der Beiträge reicht von 30 Minuten (etwa Einzelvorträge) bis 90 oder 120 Minuten für kollektive Formate (Diskussionsformate, Workshops, etc.) undist bei der Einreichung der Abstracts anzugeben.

Abstracts können bis zum 31. März 2026 eingereicht werden und sollten einen Umfang von etwa 400 Wörtern (zzgl. Literatur), bei Formaten mit mehreren Beiträgen (etwa Symposien) einen Umfang von max. 800 Wörtern (zzgl. Literatur), haben. Einreichungen senden Sie bitte per Mail an: kebim.tagung2026-TextEinschliesslichBindestricheBitteEntfernen-@uni-flensburg.de

Auch Rückfragen können gerne über diese Mail an uns gerichtet werden.

Hinweis:

Für alle Wissenschaftler:innen in Qualifizierungsphasen möchten wir noch folgenden Hinweis geben: Am Vorabend der Tagung am 08.09.2026 findet ein Treffen des WiQ-Netzwerkes statt, sowie ein Workshop am Vormittag des 9.9.2026. Wir bitten alle interessierten Wissenschaftler:innen in Qualifizierungsphasen, sich diese Termine vorzumerken.