Offizielle Pressemitteilungen der Europa-Universität Flensburg (EUF)
Wer erzählt die Geschichte?
Wie erzählen Sinti* und Roma* ihre eigenen Geschichten – und wie unterscheiden sich diese von den Bildern, die Gesellschaft, Wissenschaft und Politik über sie verbreitet haben? Diese Fragen stehen im Mittelpunkt der zweiten internationalen Tagung der DFG-Forschungsgruppe „Antiziganismus und Ambivalenz in Europa (1850–1950)“, die vom 9. bis 11. November 2026 in Heidelberg stattfindet. In diesem Rahmen wird der Film „Unbroken – The Song of Survivors“ gezeigt und eröffnet Perspektiven auf Erinnerung und Selbstrepräsentation.
Erinnerung aus eigener Sicht
Einen Zugang zu diesen Themen eröffnet am Abend des 10. November die öffentliche Filmvorführung „Unbroken – The Song of Survivors“ im Gloria-Kino Heidelberg. Der Film wurde von Angehörigen der Minderheit und der Organisation RomAnity e.V. gestaltet. Er erzählt die Geschichten von fünf Menschen, deren Leben von der Verfolgung als Sinti* und Roma* geprägt war: Otto Rosenberg, Walter Winter, Else Baker, Alfreda „Noncia“ Markowska und Johann „Rukeli“ Trollmann. Forschende und Interessierte können lernen, wie mehrere Generationen Sinti* und Roma* die Erinnerungskultur mitprägen. Die Vorführung beginnt am 10. November um 20 Uhr; der Eintritt ist frei.
Wer spricht – und wer wird dargestellt?
An dieser Frage setzt die Heidelberger Tagung unter dem Titel „Selbstartikulation und europäische Verfolgungsgeschichte“ an. Forschende aus verschiedenen Disziplinen untersuchen, wie Sinti* und Roma* sich in Publikationen, politischen Debatten und kulturellen Ausdrucksformen selbst zu Wort meldeten, wie antiziganistische Bilder und Vorurteile entstanden und verbreitet wurden. Sie fragen aber auch danach, wie das Sprechen im eignen Namen verunmöglicht wurde, welche Rolle staatliche Institutionen bei Ausgrenzung und Verfolgung spielten und wie es immer wieder zu Abwertung und Ausschluss bis hin zum Holocaust kam. Dabei geht es nicht allein um die Geschichte von Diskriminierung und Ausschluss, sondern ebenso um Handlungsmöglichkeiten, Widerstand und Formen der Selbstbehauptung.
„Uns interessiert vor allem, wie Angehörige der Minderheit stereotypisierenden und verachtenden Bildern widersprochen, eigene Perspektiven entwickelt und gesellschaftliche Debatten mitgeprägt haben. Wer diese Geschichte verstehen will, muss beide Seiten zusammendenken: die Macht der Fremddarstellung und die Kraft der Selbstrepräsentation. Wie wird beides in der Praxis ausgehandelt? Was hat in der Vergangenheit so häufig dazu geführt, dass Emanzipationsversuche unterdrückt wurden?“, erklärt Prof. Dr. Iulia-Karin Patrut, Sprecherin der DFG-Forschungsgruppe.
Die Tagung wird gemeinsam von zwei Teilprojekten der Forschungsgruppe organisiert: dem an der Europa-Universität Flensburg angesiedelten Projekt zur Publizistik von Rom*nja in der Zwischenkriegszeit und dem Projekt an der Forschungsstelle Antiziganismus der Universität Heidelberg, das den Wandel polizeilicher antiziganistischer Praktiken zwischen 1850 und 1950 untersucht. Die öffentliche Filmvorführung ergänzt das wissenschaftliche Programm um eine Perspektive aus der kulturellen Praxis. Sie wird vom Critical Film & Image Hub der Forschungsstelle Antiziganismus in Kooperation mit dem Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma sowie den „Upre Kethane! Aktionswochen Sinti und Roma“ veranstaltet.
Die DFG-Forschungsgruppe „Antiziganismus und Ambivalenz in Europa (1850–1950)“
Die Tagung ist Teil eines größeren Forschungszusammenhangs: In der von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Forschungsgruppe untersuchen Wissenschaftler*innen, wie sich zwischen 1850 und 1950 in verschiedenen europäischen Ländern Vorstellungen über Sinti* und Roma* entwickelten, wie sie mit Praktiken des Ausschlusses in Kunst, Wissenschaft und staatlichem Handeln zusammenhängen. Die Forschungsgruppe definiert den Begriff Antiziganismus als Wechselspiel zwischen ausgrenzenden Handlungen und Fremdbildern, in denen sich Faszination und Abwertung verschränken. Gerade weil der Antiziganismus widersprüchlich ist, gelang es ihm so lange, Emanzipationsversuche niederzuschlagen, so eine Annahme der Forschungsgruppe. Es geht ihr darum, die Handlungsmacht und Selbstrepräsentationen der betroffenen Menschen in der Geschichte sichtbar zu machen, sie gleichsam zu restituieren, um so den Boden für ein Ende des Antiziganismus zu bereiten.
Dafür spielt es auch eine Rolle, wie antiziganistische Vorstellungen mit Antisemitismus und kolonialrassistischen Denkweisen zusammenhängen, sich gegenseitig verstärken oder voneinander unterscheiden. Der europäische Vergleich macht wiederum sichtbar, wie unterschiedliche Formen der Abwertung und Ausgrenzung historisch entstanden und miteinander verflochten waren – ohne ihre jeweiligen Besonderheiten gleichzusetzen.
Die Auseinandersetzung mit historischer Ausgrenzung wirft auch die Frage auf, wer heute Zugang zu wissenschaftlichen Institutionen hat und deren Regeln mitgestalten kann. Dieser Frage widmet sich der Empowerment-Workshop „So tickt Wissenschaft – Spielregeln der Scientific Community“ unter der Leitung von Atide Jasarova (RomAnity e. V.), der sich am 11. November gezielt an Studierende der Sinti*- und Roma*-Community richtet. Im Mittelpunkt stehen die oft ungeschriebenen Regeln des Wissenschaftsbetriebs und Möglichkeiten, eigene Wege in der Wissenschaft zu gehen.
„Unser Ziel ist es, Forschungsergebnisse zusammenzuführen und gemeinsam mit Angehörigen der Minderheit Debatten anzustoßen, die über die Wissenschaft hinaus relevant sind. Wie kann man den Antiziganismus heute durchbrechen? Wie lassen sich Ausgrenzung und Zurücksetzung verhindern? Wie werden Stimmen von Sinti* und Roma* besser hörbar? Wir möchten auch sicherstellen, dass Angehörige der Minderheit besseren Zugang zur Wissenschaft erhalten, sie ihr Wissen und ihre Perspektiven in gesellschaftliche und wissenschaftliche Zusammenhänge besser einbringen können.“, erläutert Dr. Svea Taubert, Koordinatorin der Forschungsgruppe.
Die Forschungsgruppe vereint Wissenschaftler*innen aus der Geschichtswissenschaft, der Kunstgeschichte, der Romanistik und Germanistik sowie der Filmwissenschaft, der Rassismusforschung und der Kulturwissenschaft von der Europa-Universität Flensburg, wo die Forschungsgruppe angesiedelt ist, sowie von den Universitäten Heidelberg, Gießen und Marburg. Ihre Ergebnisse werden in vier internationalen Tagungen diskutiert und in einer eigenen Publikationsreihe zusammengeführt. Die Heidelberger Tagung ist die zweite dieser Veranstaltungsreihe.
Veranstaltungen in Heidelberg
- Internationale Tagung: „Selbstartikulation und europäische Verfolgungsgeschichte“, 9.–11. November 2026, Internationales Wissenschaftsforum Heidelberg. Teilnahme nach vorheriger Anmeldung.
- Öffentliche Filmvorführung: „Unbroken – The Song of Survivors“, 10. November 2026, 20 Uhr, Gloria-Kino Heidelberg. Eintritt frei.
- Empowerment-Workshop: „So tickt Wissenschaft – Spielregeln der Scientific Community“, 11. November 2026, 9–12 Uhr, Internationales Wissenschaftsforum Heidelberg. Der Workshop richtet sich an Studierende der Sinti*- und Roma*-Community
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