News des NEC
Neugestaltung der Schiffbrücke in Flensburg
Die Umgestaltung der Schiffbrücke bewegt Flensburg, denn die Gestaltung wird das Gesicht Flensburgs entscheidend prägen. Am Norbert Elias Center für Transformationsdesign und -forschung der Europa-Universität begleiten wir die Debatte aus wissenschaftlicher Perspektive. Um zu einer informierten und sachlichen Debatte beizutragen, fassen wir im Folgenden relevante Erkenntnisse aktueller Forschung zu zentralen Fragen der Umgestaltung zusammen. Dazu nutzen wir insbesondere Meta-Studien, also Studien, die die Erkenntnisse einer Vielzahl von Studien zusammenfassen und damit einen guten Überblick über den Forschungsstand geben:
- Verkehrsberuhigung stärkt Einzelhandel und Innenstädte: Eine Meta-Studie vom DIFU zeigt auf Basis von 23 Einzelstudien, dass es keinen kausalen Zusammenhang zwischen Verkehrsberuhigung und wirtschaftlichen Einbußen im Einzelhandel gibt. Im Gegenteil profitieren lokale Geschäfte häufig von mehr Fußverkehr, längerer Verweildauer und insgesamt besserer Aufenthaltsqualität (Bauer et al. 2025). Laut der RWTH Aachen ist die Nähe von Parkplätzen direkt vor dem Geschäft kein Standortvorteil, sondern tendenziell mit geringerer Attraktivität verbunden; wirtschaftlich wichtiger sind gute Erreichbarkeit mit anderen Verkehrsmitteln und eine hochwertige Aufenthaltsumgebung (Merten et al. 2023). Beispiele sind u.a. Freisingen, Ravensburg, Siegen, Gent oder Barcelona.
- Verkehrsberuhigung stärkt Tourismus: Verkehrsberuhigung in Innenstadtlagen und die Reduktion von Durchgangsverkehr tragen zu mehr Ruhe, Sicherheit und Aufenthaltsqualität bei und fördern damit den Tourismus (Falck 2020). In Städten wie München, Freiburg, Kopenhagen oder Amsterdam lässt sich beobachten, dass attraktive Fußgängerbereiche und weniger Autoverkehr das Stadtbild aufwerten und Besuchende zum längeren Verweilen und häufigeren Besuchen einladen. Wichtig ist dabei, dass die Innenstadt gut mit dem ÖPNV erreichbar bleibt und Park-and-Ride-Angebote am Stadtrand vorhanden sind.
- Verkehrsberuhigung fördert die Sicherheit: Metaanalysen zeigen, dass verkehrsberuhigte Straßen Unfälle mit Personenschaden um bis zu 25 % reduzieren. Besonders profitieren Kinder, ältere Menschen und Radfahrende, da geringere Geschwindigkeiten sowohl die Unfallwahrscheinlichkeit als auch die Schwere von Verletzungen senken. Im belgischen Gent sind die Unfälle durch die Sperrungen von Straßen für den Durchgangsverkehr um 35-40 Prozent zurückgegangen. In verkehrsberuhigten Gebieten in Berlin ging die Zahl der Unfälle mit Verletzten um 30 Prozent zurück. Noch deutlicher ist der Rückgang mit 58 Prozent bei Unfällen mit Schwerverletzten (Rammert et al. 2026).
- Verkehrsberuhigung stärkt Inklusion älterer Menschen: In Flensburg hat die Zahl der über 80-Jährigen in den letzten zehn Jahren um 48 Prozent zugenommen. Mit zunehmendem Alter sind Menschen weniger mit dem Auto und deutlich mehr zu Fuß und mit dem ÖPNV unterwegs. Wichtig sind kurze Wege, übersichtliche Verkehrssituationen, mit wenig Verkehr und ein verlässlicher und gut ausgebauter ÖPNV. Unterm Strich profitieren viele ältere Menschen in besonderem Maße von Verkehrsberuhigungen.
- Verkehrsberuhigung muss nicht zu Verkehrschaos an anderer Stelle führen: Die verbreitete Annahme, Verkehrsberuhigung führe automatisch zu Chaos anderswo, wird durch die Forschung seit langem widerlegt. Wiederholt wurde gezeigt, dass Autoverkehr nicht einfach verlagert wird, sondern zu einem erheblichen Teil „verschwindet“ (Cairns et al. 2002, Nello-Deakin 2022, Rammert 2026). Aktuelle Auswertungen für deutsche Städte belegen Rückgänge von 15–28% insgesamt und in Innenstädten von 25–69% (Bauer et al. 2023). Der Grund: Die vorhandene Infrastruktur prägt maßgeblich die Verkehrsmittelwahl (Gehl 2010). Menschen passen ihr Verhalten an – sie fahren weniger, nutzen andere Verkehrsmittel, näher gelegene Ziele oder bündeln Wege –, sodass Verkehrsberuhigung eher entlastet als verlagert. In Verkehrsmodellen sind diese „Verpuffungseffekte“ häufig gar nicht oder nur sehr unzureichend berücksichtigt.
- Flensburgerinnen und Flensburger wünschen sich Sperrung für Durchgangsverkehr: Zwar lässt sich OB Fabian Geyer in der SHZ zitieren, er glaube, die Menschen in Flensburg würden sich weiter Durchgangsverkehr an der Schiffbrücke wünschen. Zu vermuten ist jedoch, dass diese Aussage auf anekdotischer Evidenz beruht, denn alle uns bekannten offiziellen Beteiligungsergebnisse, zeigen, dass die Teilnehmenden sich mit überwiegender Mehrheit für eine Sperrung der Schiffbrücke für den Durchgangsverkehr aussprechen (u.a. Flensburg-mitmachen 2024).
Viele Städte mit unterschiedlichen parteipolitischen Führungen (u.a. CDU, SPD, Grüne) investieren Millionen, um ihre Innenstädte mithilfe von Verkehrsberuhigung zu attraktiveren, den Einzelhandel zu stärken und die Lebensqualität zu steigern. Die Umgestaltung der Schiffbrücke bildet eine einmalige Möglichkeit, diesen Schritt auch in Flensburg auf besonders kostengünstige Weise zu gehen. Denn die Investitionen zur Instandsetzung sind unabhängig vom Verkehrskonzept notwendig und fallen in der Variante der vollständigen Sperrung voraussichtlich am geringsten aus. Zusätzlich sind auch die Instandhaltungskosten aufgrund geringerer Abnutzung voraussichtlich geringer.
Der Verweis auf die Möglichkeit einer späteren Sperrung ist dementsprechend nicht nur potenziell mit Mehrkosten verbunden, sondern auch mit Blick auf gesellschaftliche Transformationsprozesse nicht sinnvoll. Veränderungsprozesse sind auf die Nutzung von sich öffnenden Möglichkeitsfenstern angewiesen (Geels et al. 2007). Ein solches Möglichkeitsfenster öffnet sich aktuell in Flensburg. Weiterführende Maßnahmen zur gezielten Steuerung des verbleibenden Autoverkehrs in der Innenstadt, sollten ergänzend geprüft werden.
→ Auf Basis der wissenschaftlichen Forschung würden wir dem Stadtrat dementsprechend empfehlen sich für eine Variante der vollständigen Sperrung für den Durchgangsverkehr zu entscheiden. Diese kann zunächst in Form einer mindestens sechs-, besser zwölfmonatigen Erprobungsphase getestet werden, in der auch Verlagerungseffekte evaluiert werden könnten. Die lange Erprobungsphase scheint sinnvoll, da es eine gewisse Zeit braucht, bis Menschen ihr Verhalten anpassen und Mobilitätsroutinen ändern.
Literatur
- Bauer, U.; Bettge, S.; Stein, T. (2023): Verkehrsberuhigung: Entlastung statt Kollaps! Maßnahmen und ihre Wirkungen in deutschen und europäischen Städten. In: Difu Policy Papers. 2(4).
- Bauer, U.; Christ, M.; Sönksen, L.; Gabriel, L. Pfitzinger, L. (2025): Verkehrsberuhigung und Einzelhandel: Dann wird’s laut. In: Difu Policy Papers.
- Cairns, S.; Atkins, S.; Goodwin, P. (2002): Disappearing traffic? The story so far. In: Proceedings of the Institution of Civil Engineers - Municipal Engineer. https://doi.org/10.1680/muen.2002.151.1.13
- Falck, O.; Fichtl, A.; Wölfl, A. (2020): Auswirkungen einer Anti-Stau-Gebühr auf Handel und Tourismus in München. München: ifo Forschungsberichte.
- Flensburg-mitmachen (2024): Umfrage zur Schiffbrücke. Online Verfügbar: https://flensburg-mitmachen.de/polls/12/results zuletzt geprüft: 9.5.2026
- Geels, Frank W.; Schot, Johan (2007): Typology of sociotechnical transition pathways. In: Research Policy. 36 (3). 10.1016/j.respol.2007.01.003
- Gehl, J. (2010): Cities for people. Washington; Covelo; London: Island Press.
- Jaschinsky, K. (2025): Tourismusregionen durch nachhaltige Mobilität stärken. In: VCÖ fact sheet.
- Merten, L.; Kuhnimhof, T. (2023): Impacts of parking and accessibility on retail-oriented city centres. In: Journal of Transport Geography. https://doi.org/10.1016/j.jtrangeo.2023.103733
- Rammert, A.; Hausigker, S.; Stix, C.; Kuss, N.; Schulte, R.; Schullmeyer, L. (2026): Verkehrsberuhigung in Berlin – wissenschaftliche Metastudie zu Verkehrssicherheit, Akzeptanz und öffentlichen Diskursen im Rahmen von flächendeckenden Verkehrsberuhigungsmaßnahmen in Berlin. In: Stratmo Forschungsberichte. https://doi.org/10.26128/2026.1