Demokratie – Gewalt – Geschlecht: Fragen, Perspektiven und Antworten erziehungswissenschaftlicher Geschlechterforschung

Jahrestagung der Sektion Frauen- und Geschlechterforschung in der DGfE, Europa-Universität Flensburg, 1.-3. März 2027

Das Verhältnis von Demokratie, Gewalt und Geschlecht steht selten explizit, in unterschiedlichen Relationen aber oftmals implizit im Zentrum der erziehungswissenschaftlichen Frauen- und Geschlechterforschung. So werden etwa in der feministischen Demokratiekritik (Holland-Cunz 2019) Gewaltverhältnisse innerhalb demokratischer Gesellschaften analysiert, indem demokratische Ordnungen mit ihren immanenten Widersprüchen konfrontiert werden, die soziale wie auch materielle Exklusionsverhältnisse bedingen. Demokratie wird in dieser Perspektive als eine vergeschlechtlichte Herrschaftsform kenntlich gemacht: Gesetze zum Schwangerschaftsabbruch oder zum Steuerrecht dokumentieren diese Vergeschlechtlichung ebenso exemplarisch wie die heteronormative Organisation pädagogischer Institutionen. Zugleich tragen demokratische Gesellschaften ein inklusives Versprechen, welches sich normativ auf die Teilhabe aller richtet und insofern als staatlicher Schutz vor Gewalt verstanden werden kann. Dazu zählen prominent die juristische Berücksichtigung des Personenstands ‚divers‘ oder das AGG. Für pädagogische Praxisfelder wären hier Antidiskriminierungsprogramme zur geschlechtlichen und sexuellen Vielfalt ebenso zu nennen wie Angebote der Jungen- und Mädchenarbeit.

Demokratie erscheint damit in der erziehungswissenschaftlichen Geschlechterforschung in einer doppelten Bestimmung: als vergeschlechtlichte Ordnung, die Ausschlüsse, Ungleichheiten und Gewaltverhältnisse hervorbringt und ideologisch verschleiert, und zugleich als normativer wie institutioneller Horizont, in dem Gleichheit, Teilhabe und Schutz vor Gewalt eingefordert werden können. Ersichtlich wird, dass der Rückbezug auf die Demokratie für emanzipatorische Wissenschaft, politisches Engagement und pädagogische Praxis zugleich als Gegenstand der Kritik und als eine Ermöglichungsbedingung verstanden werden kann. 

Neoliberale Restrukturierungen des Sozialstaates und gegenwärtigen sozial-ökologische Krisen verschärfen gesellschaftliche Unsicherheiten und setzen demokratische Teilhabeversprechen zunehmend unter Druck (Budde et al. 2027). (Extrem) Rechte Akteur:innen greifen diese Dynamiken auf, indem sie Gleichstellungs-, Antidiskriminierungs- und Vielfaltsorientierungen als Ursache gesellschaftlicher Krisen markieren und gegen demokratische, geschlechterreflexive und feministische Projekte mobilisieren.

Bildungsinstitutionen stellen dabei einen privilegierten Schauplatz für diese Auseinandersetzungen dar, weil „Gender“ als „symbolic glue“ (Kováts/Põim 2015) eine Projektionsfläche bietet, die zu einer rhetorischen Komplexitätsreduktion aktueller Polykrise beiträgt. Rechte und antifeministische Narrative zu Geschlecht fungieren als Brückenideologie, weil sie heterogene konservative, autoritäre, religiös-fundamentalistische und extrem rechte Positionierungen miteinander verbinden können. Über die Abwehr von „Gender“, geschlechtlicher und sexueller Vielfalt sowie Gleichstellungspolitiken wird nicht nur Geschlechterforschung delegitimiert sowie ihre innere Perspektiven- und Theorievielfalt homogenisiert, sondern zugleich auch demokratische Erziehung und Bildung als vermeintlich illegitime politische Einflussnahme markiert. 

Von Verboten geschlechtergerechter Schriftsprache in Institutionen, Wissenschaft und pädagogischer Praxis über den Entzug finanzieller Ressourcen für Forschung und Bildungsarbeit – etwa im Kontext von Förderprogrammen wie Demokratie leben! – bis hin zu Diffamierungen von Geschlechterforscher:innen und physischen Angriffen zeigt sich gegenwärtig ein breites Spektrum an konservativen bis hin zu extrem rechten Interventionen gegen geschlechterreflexive und feministische Bildung und Erziehungswissenschaft. Diese Entwicklungen lassen sich als Verschränkung von institutioneller Aushöhlung, diskursiven und physischen Attacken sowie geschlechteridentitären Gegenangeboten fassen: Geschlechterreflexive Bildungsarbeit, demokratiepädagogische Projekte und erziehungswissenschaftliche Frauen-, Geschlechter- und Differenzforschung geraten materiell, institutionell und inhaltlich unter Druck; zugleich werden sie durch rechte Akteur:innen diffamiert, etwa durch Verweise auf ein verkürzt verstandenes „Neutralitätsgebot“. Flankiert werden diese Angriffe durch neurechte Geschlechterentwürfe – etwa maskulinistische Männlichkeitsbilder oder Weiblichkeitsmodelle wie „Tradwives“ oder „Alpha-Males“ –, die eigene, vermeintlich positive Orientierungs- und Zugehörigkeitsangebote in und jenseits der demokratischen Ordnung bereitstellen.

Gewalt manifestiert sich in diesem Spannungsfeld somit in mehrfacher Form. Sie tritt nicht allein als physische oder personale Aggression in Erscheinung, sondern ebenso als diskursive, institutionelle und strukturelle Praxis. Gerade im Zwischenfeld von rechten Mobilisierungen gegen heteronormativitätskritische und feministische Wissenschaft und Bildungspraxis, institutionellen und finanziellen Aushöhlungen geschlechterreflexiver Bildungs- und Forschungsstrukturen innerhalb der Demokratie und neurechten Identifikationsangeboten wird sichtbar, dass Angriffe auf geschlechterreflexive Bildung und Forschung zugleich Angriffe auf demokratische Aushandlungsräume sind und zugleich bereits in diesen Räumen stattfinden.

Vor diesem Hintergrund sieht sich die erziehungswissenschaftliche Geschlechterforschung einerseits damit konfrontiert, demokratische Ordnungen angesichts des Abbaus des Sozialstaates als Voraussetzung emanzipatorischer Praxis und Wissenschaft unter zunehmend prekären Verhältnissen zu erhalten, ohne jedoch die immanente Kritik an den uneingelösten Gleichheits- und Teilhabeversprechen der Demokratie sowie die Analyse der damit verbundenen Widersprüche zu suspendieren. Andererseits gilt es, dabei ebenso rechte Angriffe auf demokratische Projekte und Wissenschaft aktiv abzuwehren, ohne zugleich auf eine genderreflexive Analyse und pädagogische Bearbeitung neurechter Geschlechterangebote zu verzichten, die sich gegenwärtig zu etablieren beginnen.

Die Tagung nimmt diese mehrfachen Herausforderungen zum Ausgangspunkt. Sie fragt danach, wie Zusammenhänge von Demokratie, Gewalt und Geschlecht in erziehungswissenschaftlicher Geschlechterforschung theoretisch gefasst, empirisch untersucht und pädagogisch bearbeitet werden können. Willkommen sind Beiträge, die das Verhältnis von Demokratiekritik und Bezugnahmen auf Demokratie, von geschlechterbezogener Gewalt und institutioneller Aushöhlung sowie von antifeministischen Mobilisierungen und Gegenstrategien in den Blick nehmen. 

Dafür stellen wir folgende Formate bereit: 

  • Poster: Poster präsentieren eine Forschung komprimiert und werden im Rahmen eines Posterwalks präsentiert.
  • Einzelvorträge (30 Min.): Einzelvorträge stellen ein Thema zur Diskussion. Es werden drei Einzelvorträge zu einem thematisch passenden Panel zusammengestellt.
  • Symposium (120 Min.): Symposien stellen in mehreren aufeinander abgestimmten Beiträge ein gemeinsames Thema zur Diskussion.
  • Offenes Format (90 Min.): Das offene Format bietet Möglichkeiten für alternative Formate wie etwa Materialinterpretationen, Diskussionsrunden oder Austausch zum Theorie-Praxis-Transfer.

Mögliche Themen sind:

  • Demokratietheorie und Demokratiekritik aus Perspektive erziehungswissenschaftlicher Geschlechterforschung
  • Gewalt, Geschlecht und pädagogische Institutionen
  • Antifeminismus, Anti-Genderismus und rechte Mobilisierungen in Bildungskontexten
  • Geschlechterreflexive Bildung unter Bedingungen politischer Delegitimierung und materieller Prekarisierung
  • Neurechte Männlichkeits-, Weiblichkeits- und Familienbilder als pädagogische Herausforderung
  • Methodologische Fragen der Forschung zu Gewalt, Demokratie und Geschlecht

Wir bitten um die Einreichung von Beitragsvorschlägen (Einzelvorträge: max. 2.000 Zeichen, Symposium & Offenes Format: max. 4.000 Zeichen): bis zum 09.10.2026. Die Vorschläge sind an FuG_2027@uni-flensburg.de zu senden.

Keynotes und Literatur

Prof. Dr. Maike Sophia Baader (Geschichte und Gegenwart rechter Pädagogiken)

Prof. Dr. Reyhan Şahin (Intersektionalität, Migrationsverhältnisse und Geschlecht)

Prof. Dr. Mart Busche (Gewalt, Demokratie, sexualisierte Gewalt, Männlichkeit) 

Budde, J.; Arponen, V. & Schmelzer, M. (2027): Erodierende Inklusionsnarrative: Ein integratives Scoping Review zur Sozialisation junger Menschen zwischen Zukunftsangst, Zugehörigkeit und Institutionen. In: Zeitschrift für Soziologie der Erziehung und Sozialisation.

Holland-Cunz, B. (2019): Feministische Demokratiekritik: Geschlechterforschung als Theorie der Demokratisierung. In Kortendiek, B., Riegraf B. & Sabisch K (Hrsg.). Handbuch Interdisziplinäre Geschlechterforschung (S. 263 -272). Wiesbaden: Springer.

Kováts E. & Põim M. (2015): Gender as symbolic glue. The Position And Role pf Conservative and far Rithg Parties in the Anti-Gender Mobilizations in Europa. Friedrich-Ebert-Stiftung. Online: https://library.fes.de/pdf-files/bueros/budapest/11382.pdf

Programm (folgt)

Anmeldung (folgt)

Informationen zu Unterkünften, Anfahrt & Awareness

Folgende Hotels empfehlen wir für eine Übernachtung in Flensburg:

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Weitere Informationen zu einem Aufenthalt an der Flensburger Förde finden Sie hier

Anreise per Bahn/ Bus:

Vom Bahnhof zum Campus fahren die Busse 5A und 8A. Um zum Tagungsort zu gelangen, kann man beide Ausweichhaltestellen benutzen: „Campus Munketoft“ (nicht: „Munketoft“!) und die Ersatzhaltestelle Höhe Campusallee; leider liegen sie recht weit entfernt, so dass man den gesamten Campus queren muss.

Aus der Stadt, aber nicht über den Bahnhof, fährt die Buslinie 4; diese hält auf dem Campus (in der Nähe des Campusbads) und somit relativ nah zum Tagungsort.

Zum Bahnhof bzw. in die Stadt gelangt man von der Haltestelle „Campus Munketoft“ und der Ersatzhaltestelle Höhe Campusallee mit den Bussen 5B und 8B
In die Stadt gelangt man zudem von der Ersatzhaltestelle beim Campusbad mit der Linie 4.

Anreise und Anfahrt zum Campus

Der Campus der Europa-Universität ist gut mit verschiedenen Verkehrsmitteln zu erreichen.

Hier finden Sie die Möglichkeiten, um zu uns zu gelangen. link

(In Anlehnung an das Awareness-Konzept der Jahrestagung der Kommission Schulforschung und Didaktik „Erziehung in und durch Schule?! Theoretische Klärungen und empirische Sondierungen.“)

Die Organisierenden bemühen sich, eine barriere- und diskriminierungsarme und nachhaltige Tagung umzusetzen. Die folgenden Informationen sollen alle Teilnehmer*innen dabei unterstützen, diesen Anspruch mit umzusetzen. 

Alle Tagungsräume sind für rollstuhlfahrende oder anderweitig mobilitätseingeschränkte Personen erreich- und nutzbar. Im Erdgeschoss befindet sich eine rollstuhlgeeignete Toilette.

  • Im ersten Stockwerk des Gebäudes HELSINKI befindet sich ein Eltern-Kind-Bereich mit Stillmöglichkeit.
  • Eine aktuelle physische oder digitale Unterstützung zur Orientierung auf dem Gelände/ im Gebäude für seheingeschränkte Menschen besteht gegenwärtig leider nicht.
  • Im Tagungsgebäude befinden sich im ersten Stock All-Gender-Toiletten.
  • Aus Gründen der Nachhaltigkeit und des Tierwohls gibt es auf der Tagung ausschließlich vegetarische und vegane Verpflegung. 

Differenzsensible und barrierearme Dokumente 

  • Präsentationsfolien und Poster sollten kein diskriminierendes oder sexualisiertes Material enthalten. Wenn dieses Material angesichts des Themas nicht zu vermeiden ist, sollte das Vorhandensein dieses Materials bei Präsentationen zu Beginn des Vortrags angekündigt werden.
  • Wir haben uns bemüht, Dokumente barrierearm zu gestalten. Sollte es Schwierigkeiten in der Zugänglichkeit geben, melden Sie uns diese gerne.
  • Wir bitten Referent*innen Vortrag und Präsentation möglichst barrierearm zu gestalten.
  • Eine allgemeine Übersetzung in andere Sprachen oder Gebärdensprache ist nicht geplant. In verschiedenen Workshops ist es jedoch möglich, Rückfragen in anderen Sprachen zu stellen oder Arbeitsgruppenphasen in einer anderen Sprache zu machen. Dies weisen wir in den Beschreibungen der Veranstaltungen jeweils aus.  

Verhalten auf der Tagung 

Die Konferenz bringt Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen und Biographien zusammen. Wir sind bestrebt, allen Teilnehmern*innen des Tags der Lehre ein sicheres und einladendes Umfeld zu bieten, das frei von Belästigung und Diskriminierung aufgrund von Alter, ethnischer Zugehörigkeit, nationaler Herkunft, Glaubensrichtung, Sprache, sexueller Orientierung, Geschlecht und Identität, Behinderung, Gesundheit, Aussehen, Körpergröße, sozioökonomischem Status, Familienstand, häuslichem Status oder elterlichem Status ist. Belästigung und Diskriminierung untergraben die Grundsätze der Gleichheit und des Respekts, sind schwerwiegende Formen professionellen Fehlverhaltens und werden nicht toleriert. Unsere Grunderwartung ist, dass sich alle Teilnehmer*innen an folgende Grundsätze halten: 

  • Rücksichtsvolle Sprache und Handlungen und Respekt vor den Grenzen der anderen Teilnehmer*innen.
  • Befolgung von Normen des professionellen Respekts, die erforderlich sind, um Bedingungen für einen freien akademischen und beruflichen Austausch zu fördern.
  • Verhalten und Sprache, die dazu geeignet sind andere zu erniedrigen, zu diskriminieren oder zu belästigen, sind zu unterlassen
  • Seien Sie proaktiv und helfen Sie mit, Teilnehmer*innen vor Gefahren und Schaden durch andere zu bewahren. Belästigungen anderer werden nicht toleriert. Zu Belästigung zählen unter anderem Handlungen, die erniedrigend, missbräuchlich oder beleidigend sind oder in anderer Form ein feindliches professionelles Umfeld schaffen. Belästigung kann auch sexuelle Aufforderung, körperliche Annäherungen und verbale oder nonverbale Handlungen sexueller Natur umfassen. Ebenso zählen dazu drohende, einschüchternde oder feindliche Handlungen sowie die Verbreitung von schriftlichem oder grafischem Material, das eine Einzelperson oder Gruppe verunglimpft, anfeindet, beleidigt oder mit negativen Stereotypen basierend auf der Gruppenidentität belegt. Wenn Sie aufgefordert werden, das belästigende Verhalten zu beenden, sollten Sie sofort aufhören, auch wenn Ihr Verhalten freundlich oder ein Scherz sein sollte. Es wurde eindeutig nicht als solches verstanden und aus Respekt gegenüber den Teilnehmer*innen sollten Sie damit aufhören. Wenn Sie belästigt werden, feststellen, dass jemand anderes belästigt wird, oder andere Bedenken in Bezug auf Belästigung haben, wenden Sie sich bitte an die Organisator*innen. Wir werden alle Berichte über Belästigungen durch Teilnehmer*innen ernst nehmen. Wir werden Vertraulichkeitsanfragen zum Schutz der Missbrauchsopfer respektieren.