Bildung, Erziehung und Differenz im (extrem) rechten Gegenwind - Tagung
Hiermit möchten wir alle Interessierten zur Arbeitstagung „Bildung, Erziehung und Differenz im (extrem) rechten Gegenwind“ der Sektion Frauen- und Geschlechterforschung in der Erziehungswissenschaft am 15.10. & 16.10.2026 einladen.
Ziel ist es, mit Wissenschaftler*innen aus verschiedenen Sektionen und Kommissionen der DGfE über aktuelle gesellschaftliche und wissenschaftsfeindliche Entwicklungen in einen Austausch einzutreten und eigene Analysen zur Situation zu formulieren. So erhoffen wir uns das Erschließen von breiteren Perspektiven, aber auch ein besseres Verständnis gegenwärtiger gesellschaftlicher Transformationen und Diskussionen und die Chancen auf eine sektions- und kommissionsübergreifende Vernetzung.
- Datum: 15.10. & 16.10.2026
- Ort: IG-Farben Nebengebäude; Goethe-Universität Frankfurt am Main
- Kosten: Es fallen keine Teilnahmegebühren an.
Anmeldung erforderlich: siehe unten
Wir laden alle Interessierten zur Arbeitstagung „Bildung, Erziehung und Differenz im (extrem) rechten Gegenwind“ der Sektion Frauen- und Geschlechterforschung in der Erziehungswissenschaft am 15.10. & 16.10.2026 ein, um mit Wissenschaftler*innen aus verschiedenen Sektionen und Kommissionen der DGfE über aktuelle gesellschaftliche und wissenschaftsfeindliche Entwicklungen in einen Austausch einzutreten und eigene Analysen zur Situation zu formulieren. Das Erschließen von breiteren Perspektiven, aber auch ein besseres Verständnis gegenwärtiger gesellschaftlicher Transformationen und Diskussionen und die Chancen auf eine sektions- und kommissionsübergreifende Vernetzung ist das Ziel dieser Veranstaltung.
Hintergrund
Neue rechte und antidemokratische Politiken zielen seit mehr als 10 Jahren verstärkt auf Erziehung, Bildung und Wissenschaft. Das machen zum Beispiel kürzliche Forderungen, die Gender und Postcolonial Studies abzuschaffen, sowie Mobilisierungen gegen feministische Errungenschaften, Gleichstellungspolitik und Sexuelle Bildung deutlich. Auch wenn die Angriffe auf Bildung und Wissenschaft im Zusammenhang mit der (erziehungswissenschaftlichen) Geschlechterforschung sowie mit weiteren disziplinären Ansätzen, die auf gesellschaftliche Veränderungen zielen, besonders sichtbar werden, treffen sie doch die Wissenschaft als Ganze: Die Mobilisierungen gegen Gender- und Queer Studies nutzen Ressentiments gegenüber Wissenschaft, um diese als überflüssige und ideologische Veranstaltung zu diskreditieren (vgl. Villa 2025). In den Strategien der Neuen Rechten fungieren sozial überdeterminierte Begriffe wie „Wokeness“ und „Gender“ als „smybolic glue“ (Kováts/Põim 2015), „Phantasma“ (Butler 2025) wie auch als „Diskursbrücke“ (Beck 2021), um politische Abgrenzungen mittels der Mobilisierung demokratie- und vielfaltsfeindlicher Kräfte zu überwinden (auch Grenz 2025). Besonders umkämpft scheinen aktuell kritische Wissenschaftsforschung und Wissenschaft, die auf eine Gesellschaftskritik zielt.
Zugleich ist kritische Wissenschaftsforschung Teil der Normalwissenschaft; die (selbst)kritische Auseinandersetzung mit Methoden, Objektivitätsannahmen sowie erkenntnistheoretischen Grundfragen ist Bestandteil kritischer erziehungswissenschaftlicher Forschungen. Autoritäre Politiken beharren hingegen auf einem positivistischen Verständnis von Wahrheit und vor allem auf ihrer eigenen Wahrheit: Skepsis und Infragestellungen werden abgewehrt und die immer wieder angeführten Argumente der Natur und Natürlichkeit werden instrumentalisiert, um zu signalisieren, dass die Dinge nicht zu verändern sind. Unserem Verständnis nach zielen die Angriffe somit erstens auf spezifische Forschungsgegenstände und zweitens auf epistemische und method(olog)ische Grundlagen von Wissenschaft, in manchen Fällen auch auf beides. Die Erziehungswissenschaft ist aufgrund ihrer disziplinären Gegenstände Bildung, Erziehung und Wissen in besonderer Weise gefordert, sich mit solchen Angriffen auseinanderzusetzen.
Solche Mobilisierungen forcieren eine autoritär-nationalchauvinistische Ausrichtung von Bildung und Erziehung, die Differenz diskreditiert und nicht Kritik als Modus der Reflexion akzeptiert, sondern gesellschaftliche Funktionstüchtigkeit wie auch den familiären Vorrang von Erziehung gegenüber institutionalisierten Formen der Pädagogik favorisiert. Zunehmend wird dabei eine Ideologie der Ungleichheit sichtbar, die nicht etwa Chancengerechtigkeit oder Inklusion befördern will, sondern ganz im Gegenteil dem Narrativ des „großen Austauschs“ folgend auf eine weiße und nationale Gesellschaft zielt, in der traditionelle Familienbilder und eine stereotype Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen dominieren (Kutscher 2024). Entsprechend sind Erziehungs- und Bildungsfragen ein Handlungsfeld antidemokratischer und rechter Kräfte. Dort werden eigene Gesellschaftsvorstellungen verbreitet und intersektionale Differenzordnungen wie Ableismus, Heteronormativität, Klassismus und Rassismus in ihrer sozialen Gültigkeit verhandelt. Erziehung und Bildung werden dabei in einer spezifischen Weise umgedeutet, unter anderem, indem eine autoritäre pädagogische Tradition von Erziehung und generationaler Ordnung sowie ein traditionelles Geschlechterverhältnis aufgerufen werden (Baader 2025). Nicht zuletzt deshalb gilt es in der Erziehungswissenschaft wieder darüber nachzudenken, wie sich eine Erziehung und Bildung zur Mündigkeit heute gestalten kann.
Bei den Angriffen kann es sich um manifeste rechtsextreme Bedrohungen handeln. Sie manifestieren sich aber ebenso in der Gesellschaft und in den Universitäten und Hochschulen, was durch die Delegitimierung entsprechender Studiengänge, durch genderinklusive Sprachverbote, halbherzige Schutzkonzepte oder ein Primat des Outcomes, der gesellschaftliche Relevanz von Forschung nur noch am unmittelbaren Transfernutzen bemessen möchte, in Erscheinung treten kann. Gerade unter dem Deckmantel von Meinungsfreiheit, Objektivität oder dem Neutralitätsgebot halten vielfaltsfeindliche bis hin zu extrem rechte Positionen Einzug in wissenschaftliche und pädagogische Felder (siehe die Soziale Arbeit der Neuen Rechten) und bekämpfen zugleich Diskurse und Forschungszusammenhänge, die sich analytisch mit Differenz- und Ungleichheitsverhältnissen befassen und/oder skeptische und wissenschaftskritische Positionen vertreten. Dies betrifft die (erziehungswissenschaftliche) Geschlechter-, Trans/Inter*- und Queerforschung ebenso wie die Disability-Studies, Post-Colonial Studies, die sozialökologisch orientierte Nachhaltigkeitsforschung, rassismuskritische Theorien, aber auch erziehungstheoretische und bildungsphilosophische oder historische Analysen und tangiert zugleich Fragen der digitalen Bildung und Medienpädagogik. Die Autorität wissenschaftlichen Wissens wird durch rechtspopulistische Diskurse und auch durch den konkreten Entzug materieller Grundlagen von Forschung angefochten.
Diese Entwicklungen tangieren auch jene pädagogische Handlungsfelder, in denen solidarische, demokratieorientierte und kritische Praxis erprobt wird und denen in finanzieller und normativer Hinsicht mehr und mehr die Grundlage der Arbeit entzogen wird – siehe hierzu etwa die Debatte um die Kürzungen in der Queeren Jugendarbeit in Berlin oder die „kleine Anfrage“ bezüglich der Empfänger*innen von Geldern in der Förderlinie „Demokratie leben!“. Erziehungswissenschaftliche Forschungen und pädagogische Praxis zu Differenz- und Ungleichheitsverhältnissen sind insgesamt bildungspolitischen Angriffen in einem Ausmaß ausgesetzt, das das bisherige Selbstverständnis erziehungswissenschaftlicher Forschung und Lehre als solches verschieben wollen und können.