Working Paper Reihe „Politische Ökologie“

Die Working Paper Reihe "Politische Ökologie" ist ein Publikationsort für wissenschaftliche Ergebnisse, die sich mit den zahlreichen Themenstellungen sozial-ökologischer Transformationen beschäftigen und dabei Ursachen und Effekte lokaler wie globaler Umweltgerechtigkeit problematisieren. Die Politische Ökologie betrachtet ökologische Krisen und soziale Konflikte als Ausdruck globaler Ungerechtigkeitsstrukturen. Die Politische Ökologie kritisiert dabei deterministische und monokausalen Erklärungsversuche von Umweltkrisen, die die Komplexität von Machtverhältnissen außer Acht lassen. Sie stellt Fragen nach dem Zugang zu, dem Ausschluss von und der Kontrolle über natürliche Ressourcen für unterschiedliche soziale Gruppen. Die Politische Ökologie ist ein interdisziplinärer Ansatz, der sich als eigenständige Forschungsperspektive etabliert hat.

Die Reihe nimmt Beiträge auf, die im Rahmen von Forschungsprojekten, Studienprojekten, Lehrprojekten oder wissenschaftlichen Veranstaltungen entstanden sind und bietet den Autor*innen die Möglichkeit verschiedene Formate zeitnah zu veröffentlichen und damit eine Alternative zu stark formalisierten, zeichenbegrenzten und zunehmend kostenintensiven Zeitschriftenbeiträgen mit langwierigen Begutachtungsverfahren. Die fachliche Qualität wird über ein internes Review-Verfahren durch die Herausgeberin und ggf. Fachkolleg*innen gewährleistet.

Die Fragestellungen und Erkenntnisse der Politischen Ökologie werden mit der sich verschärfenden Klima- und Biodiversitätskrise notwendiger denn je. Mit der Reihe sollen wissenschaftliche Erkenntnisse einer breiten akademischen wie auch außeruniversitären Öffentlichkeit im open access-Verfahren niedrigschwellig zugänglich gemacht werden. Kommentare zu den Working Papers an die Autor*innen oder die Herausgeberin sind jederzeit willkommen.

Prof. Dr. Sybille Bauriedl (Herausgeberin der Working Papers Politische Ökologie)

Working Paper 1: Schmalen, Nelo (2023): Kolonialität der urbanen Transformation am Hafen-Ost in Flensburg. Untersuchung zum Umgang mit kolonialen Strukturen im Rahmen der Konversion eines innerstädtischen Hafengebiets.

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Nelo Schmalens Arbeit stellt einen Beitrag dazu dar, wie postkoloniale Studien an der Schnittstelle von Transformationsforschung, Stadtforschung und Geographie betrieben werden können. Sie zeigt exemplarisch an der Fallstudie zum Hafen-Ost in Flensburg, in welcher Form Kolonialität (Quijano 2000; Ha 2017) in urbanen Transformationen steckt und wie sich diese in die materiellen Strukturen gesellschaftlicher Naturverhältnisse eingeschrieben hat.

Die Fallstudie umfasst eine raumhistorische Analyse der kolonialen Spuren in den urbanen Transformationen im Hafenareal und dem angrenzenden Stadtraum. Auf Basis historischer Karten, Fotos und Archivdokumenten sowie der gegenwärtigen Materialität des Geländes erfolgt eine empirische, multimethodische und multiskalare Ausarbeitung. Dafür werden lokale und globale Geschichtsschreibungen verknüpft mit den räumlichen Veränderungen der Siedlungsinfrastruktur. Im Ergebnis identifizieren eine vergleichende Kartenarbeit und Verflechtungsgrafiken zu Stoffströmen fünf raumhistorische Phasen der urbanen Transformationen des Gebietes, welche sich entlang lokaler und globaler Veränderungen der Geopolitik, der Kolonisierung (als Macht- und Ausbeutungssystem) sowie dem Wandel der Energieregime (von Wind/Wasser über fossil hin zu postfossil) ablesen lassen. Die Analyse macht deutlich, dass über 300 Jahre Kolonialismus in der Materialität des Hafen-Ost erkennbar sind und fortwirken. Diese materiellen Spuren der Kolonialität lassen sich an der Uferlinie, der Geländeausformung, den Gebäuden und den historischen Mobilitätsinfrastrukturen ablesen. Sie prägen die Siedlungsstruktur bis heute und wirken sich auf die Zukunftsoptionen des geplanten nachhaltigen Quartiers aus.

Working Paper 2: Woerner, Lara (2026): Finanzialisierung internationaler Klimapolitik, racial capitalism und deren Bedeutung für globale (Un)Gerechtigkeitsverhältnisse

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Lara Wörners Arbeit untersucht Finanzierungsinstrumente der  internationalen Klimafinanzierung hin auf ihre Implikationen für Gerechtigkeit. Sie stellt einen zentralen Beitrag dazu da Zugänge aus der Theorie von racial capitalism (Robinson, 2000) und Klimakolonialität (Sultana, 2022; Ferdinand, 2022) für internationale Klimafinanzierung anzuwenden.

Internationale Klimafinanzierung ist die priorisierte Antwort der Vereinten Nationen auf die globale Klimakrise. Die Zusage der Industriestaaten, jährlich 300 Milliarden USD für Klimaschutz und -anpassung in Entwicklungsstaaten zu mobilisieren ist in diesem Kontext eine der zentralen Errungenschaften. Das Working Paper setzt sich mit Gerechtigkeitsperspektiven auf den Green Climate Fund (GCF) auseinander, der beim Klimagipfel 2009 in Kopenhagen beschlossen wurde, und zeigt an Projektbeispielen auf Jamaika, welche Funktionen bzw. Auswirkungen die verwendeten Finanzierungsinstrumente für die beteiligten Akteure haben. 

Die empirische Grundlage bilden elf Finanzierungsprojekte aus der Dokumenten-Datenbank des GCF. Um Ungerechtigkeitsverhältnisse in diesen sichtbar zu machen, werden die resultierenden Befunde mit den Argumenten eines racial capitalism (Robinson, 2000) und einer Klimakolonialität (Sultana, 2022; Ferdinand, 2022) verbunden. Diese Analyseperspektive zeigt, dass internationale Klimafinanzierung die Kolonialität des globalen Finanzsystems und der Klimakrise außer Acht lässt. In keinem der bestätigten Finanzierungsanträge werden rassistische Ungerechtigkeiten der Klimakrise benannt. Stattdessen tragen insbesondere von privaten Akteuren durchgeführte Private-Equity-Projekte dazu bei, ein neues, grünes Akkumulationsfeld für Investor:innen zu schaffen. Durch hierarchische Beziehungen zwischen den Vertragspartner:innen, einseitige Fokussierung von finanziellen Risiken für Investor:innen, Gewinnorientierung und rassifizierte Stereotype werden postkoloniale Ungerechtigkeiten durch den GCF vertieft. Diese Fortsetzung globaler Ungerechtigkeiten wird durch eine technologische Sprache und komplizierte Finanztransaktionen verschleiert. Eine Schuld an Nachwirkungen des europäischen Kolonialismus und an der Klimakrise durch Treibhausgasemissionen der Industrienationen kommt in diesem UN-Klimafinanzierungsinstrument nicht zum Tragen. Im Gegenteil: ehemals kolonisierte, ausgebeutete Länder werden zu schwachen Partner:innen in diesem Geschäft gemacht.