Neuigkeiten aus der Forschungsstelle

Umfassende Studie „Aufarbeitung der Geschichte der deutschen Sinti und Roma in Schleswig-Holstein“ veröffentlicht

Sinti* und Roma* sind eine Minderheit, deren Geschichte in Schleswig-Holstein bislang kaum erforscht worden ist. Insbesondere die Verfolgung durch die Nationalsozialisten ist nicht aufgearbei-tet worden. Dies ändert sich mit der neuen Studie der frzph „Aufarbeitung der Geschichte der deutschen Sinti und Roma in Schles-wig-Holstein“.

Es sei ein „beachtliches und vor allem wegweisendes Werk“, betont Schleswig-Holsteins Landtagspräsidentin Kristina Herbst.

Am 13.01. wurde die umfangreiche Studie zu der Verfolgung der Sinti* und Roma* im Nationalsozialismus im Beirat des Landtages diskutiert und anschließend der Öffentlichkeit vorgestellt. Dabei wurden auch die Nachwirkungen des Nationalsozialismus, die Anerkennung der Verfolgten als NS-Opfer und die Entschädigungsverfahren nach Kriegsende thematisiert. In zweijähriger Forschungsarbeit haben wir umfassend Entschädigungsakten ausgewertet. Dabei haben wir festgestellt, dass zwar mehr Verfolgte eine materielle Entschädigung erhalten haben, als angenommen. Diese war aber meist kaum in der Lage waren das widerfahrene Leid zu kompensieren. Dies wird angesichts der extremen, erlittenen Gewalt nach den Deportationen in das besetzte Osteuropa deutlich.

Im Januar 2022 beschloss der Schleswig-Holsteinische Landtag einstimmig, dass die Geschichte der Sinti und Roma, insbesondere die Verfolgung im Nationalsozialismus, aufgearbeitet werden solle. Nach einer öffentlichen Ausschreibung konnte die Forschungsstelle mit ihrem Konzept überzeugen. An dem Projekt unter der Leitung von Professor Dr. Marc Buggeln waren Dr. Lotto-Kusche und Melanie Richter-Oertel beteiligt, tatkräftig unterstützt durch studentische und wissenschaftliche Mitarbeiter*innen (Ida Glau, Laura Illgen, Melina Kühl, Lea Lamade, Ole Marks, Michel Meinke, Ole Meyer, Paula von Petersdorff-Campen, Melek Pompluhn, Calantha Siel, Lona Vogt und Zoe Wilzopolski). 

Begleitet wurde das Projekt durch einen Beirat unter der Leitung der Landtagsabgeordneten Birte Pauls (SPD). Jede Fraktion des Landtags entsandte eine*n Abgeordnete*n in dieses Gremium. Zudem waren Matthäus Weiß und Rolf Schlotter (Verband Deutscher Sinti und Roma e. V., Landesverband Schleswig-Holstein) sowie Kelly Laubinger und Marlo Thormann (Sinti Union Schleswig-Holstein e. V.) in dem Gremium. Nach der Fertigstellung der Studie Ende November 2025 wurden die zentralen Ergebnisse, die über die inhaltlichen Zielvorstellungen des Landtages hinausgingen, nun dem Beirat des Landtags durch das Forschungsteam vorgestellt. Die Möglichkeit für alle Teilnehmenden der Sitzung, sich zu den Ergebnissen zu äußern, gab es in einer anschließenden Aussprache. 

Die Studie kann für sich in Anspruch nehmen, einige der wichtigsten Forschungslücken zur Geschichte der Sinti* und Roma* in Schleswig-Holstein geschlossen zu haben. Sie bietet einen chronologischen Überblick zu der Geschichte der Minderheit in Schleswig-Holstein vom 15. Jahrhundert bis zum 19. Jahrhundert. Sie untersucht erstmals im Gesamtüberblick die nationalsozialistische Verfolgung der Sinti* und Roma in Schleswig-Holstein. Die Studie liefert darüber hinaus Aussagen zu der Größe der Gruppe der Verfolgten und erste Annäherungen an Opferzahlen. Dabei zeigt sich zwar, dass ein größerer Teil der Sinti* und Roma* aus Schleswig-Holstein die Deportationen ins Generalgouvernement überlebte als Studien zu anderen Regionen dies hätten erwarten lassen können. Dennoch, die Gewalt war immens, es sind von etwa 500 Sinti* und Roma*, die während der NS-Zeit in Schleswig-Holstein lebten mehr als die Hälfte deportiert wurden.

Ebenso gelang es der Forschungsstelle zentrale Ergebnisse über die Täter zu gewinnen, obwohl dies zunächst gar nicht zum offiziellen Forschungsziel gehörte. In den Entschädigungsakten fanden sich Hinweise auf die Täter, durch die Handlungsspielräume und konkrete Tatbeteiligungen von Ordnungs- und Kriminalpolizei festgestellt werden konnten. Die für die Verfolgung verantwortlichen Beamte waren oft noch nach Kriegsende im Amt oder konnten ihre volle Pension erhalten. 

Entgegen vorherrschenden Narrativen konnte durch die Sichtung von 979 Entschädigungs- und Rückerstattungsakten aus dem Landesarchiv Schleswig herausgearbeitet werden, dass die Mehrheit der verfolgten Sinti* und Roma*, meistens mit juristischer Unterstützung, Anträge auf Entschädigung und Rückerstattung stellte. Trotz juristischer Erfolge bei diesen Anträgen, gingen Entschädigungssummen oft direkt an Sozialbehörden oder andere Gläuber*innen. Finanziell prekäre Lebensumstände bestimmen weiterhin den Alltag vieler Menschen in der Minderheit. Zudem zogen sich die die Verfahren über lange Zeiträume hinweg, waren von teils demütigenden Umständen begleitet, und konnten das widerfahrene Leid kaum kompensieren. 35-46% der ins Generalgouvernement deportierten aus Schleswig-Holstein starben. Die Sterblichkeitsrate war wesentlich höher als bei Zwangsarbeitern im Deutschen Reich oder sowjetischen Zwangsarbeitern. 

Ein Teil der Studie beschäftigte sich mit der Darstellung der Sinti* und Roma* in der Presseberichterstattung. Ein Bild der kriminalisierenden und zugleich romantisierenden Berichte über die Minderheit zeichnet sich ab. Kriminalisierung und Romantisierung widersprächen sich dabei keinesfalls, sondern ergänzten sich. 

Doch auch nach Kriegsende berichteten Sinti* und Roma* in fünf narrativen Interviews, die die Forschenden führten, dass sie mit Rassismuserfahrungen, Diskriminierungen und tradierten Ängsten bis in die Urenkel-Generation der Verfolgten zu kämpfen hätten. Solche negativen Erfahrungen spielen sich auch im Kontakt mit Polizei, Ämtern und in der Schule ab. 

Die Forschungsstelle konnte neben den umfangreichen Ergebnissen Desiderate herausarbeiten. Die Erforschung der NS-Verfolgung in relevanten Großstädten in Schleswig-Holstein, wie in Kiel und Neumünster, muss noch ausgeweitet werden. Darüber hinaus fehlen noch immer endgültige Opfer- und Sterblichkeitszahlen. Vergleiche mit anderen Bundesländern hinsichtlich der Entschädigungspraxis sind ebenso notwendig.  Dies sind nur einige der vielen Forschungslücken, die es in der Zukunft noch zu schließen gilt. Vor allem sollten auch partizipative Forschungen initiiert werden, die geflüchtete Roma*-Communities einbeziehen. 

Nach der Vorstellung der Ergebnisse waren die Vertreter*innen des Beirats einerseits bedrückt von den erschütternden Ergebnissen. Die Beiratsvorsitzende Birte Pauls betonte aber andererseits auch, dass nun „Licht ins dunkelste Kapitel der Schleswig-Holsteinischen Geschichte“, gekommen sei. Die Vertreter*innen der Selbstorganisationen zeigten sich ausdrücklich dankbar für die Arbeit der Forschungsstelle. Die Landtagspräsidentin Kristina Herbst hob in der anschließenden Pressekonferenz hervor, dass die Studie eine Vorreiterrolle für weitere Forschungsprojekte darstelle. Zugleich böten sich Möglichkeiten für die Thematisierung der Geschichte der Sinti* und Roma* im Schulunterricht. 

Ein besonderer Dank gilt den Abgeordneten Birte Pauls (SPD), Uta Wenzel (CDU), Eka von Kalben (Bündnis 907Die Grünen), Dr. Heiner Garg (FDP), Jette Waldinger-Thiering (SSW), Matthäus Weiß und Rolf Schlotter (Verband Deutscher Sinti und Roma e. V., Landesverband Schleswig-Holstein) sowie Kelly Laubinger und Marlo Thormann (Sinti Union Schleswig-Holstein e. V.) für ihre engagierte, wohlwollende, aber auch kritische Begleitung des Projekts. 

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13.01.26 12 MB (PDF)

Vollständige Studie (PDF)

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