Neuigkeiten aus der Forschungsstelle

Studie über die Rolle der Finanzverwaltung im Nationalsozialismus veröffentlicht

Am 03. März 2026 stellten Dr. Hanno Balz und Prof. Dr. Marc Buggeln die Studie "Rolle der schleswig-holsteinischen Finanzbehörden bei der Entrechtung, Ausbeutung und Deportation von Jüdinnen und Juden, von Sintize und Sinti sowie Romnja und Roma" vor. Zusammen mit der Landesfinanzministerin Dr. Silke Schneider übergaben sie die 260 Seiten starke Studie der Öffentlichkeit.

Nach einem Beschluss im Mai 2023 war die frzph beauftragt worden, zu erforschen welche Rolle die Finanzbehörde in Schleswig-Holstein in der nationalsozialistischen Verfolgung einnahm. Als Bearbeiter des Projekts konnte mit Dr. Hanno Balz ein ausgewiesener Experte gewonnen werden, der innerhalb weniger Monate – Projektstart war im April 2025 – eine umfangreiche Studie erarbeiten konnte. Begleitet wurde das Projekt durch einen Beirat aus Politik, Zivilgesellschaft und Wissenschaft. Wir danken dem Beirat für die kritische und konstruktive Begleitung des Projekts.

Die Grundlage für die historische Darstellung waren gut 100 Akten aus dem Bestand der Behörde des Oberfinanzpräsidenten, sowie 690 Personalakten. Auch konnte die eher dürftige Aktenlage durch einige Überlieferungen aus Entschädigungsverfahren ergänzt werden. 

Die Studie vermag es, die Politisierung der Behörde im nationalsozialistischen Sinne nachzuzeichnen. Vor allem unter Leitung von Theodor Giese, der ein überzeugter Nationalsozialist gewesen war und die Finanzbehörde von 1936 bis 1943 leitete. In diese Zeit fielen einschneidende Verfolgungsmaßnahmen, wie die sog. Judenvermögensabgabe nach den Novemberpogromen 1938, als Jüdinnen 20% ihres Vermögens abgeben mussten, sowie die Deportationen ab 1940, die am Endpunkt von Entrechtung und Enteignung standen. In der Vorstellung der Studienergebnisse betonte Balz, dass es vor allem extrinsische Faktoren gewesen seien, die die Finanzbeamten zum Mitarbeiten in einem umfassenden Verfolgungsapparat motivierten. Jedenfalls kann diese in den Akten eher nachgewiesen werden als eine intrinsische Motivation, wie ein fanatischer Antisemitismus. Die meisten Finanzbeamten seien vor allem karrieristische Opportunisten gewesen, die Chancen sahen, zwischen der geforderten Steigerung des Steueraufkommens und der eskalierenden Verfolgung ihr persönliches Fortkommen sicherzustellen. Auch sind Fälle der Bereicherung und Korruption überliefert, sowohl auf individueller Ebene innerhalb der Behörde, als auch in der gesellschaftlichen Breite im Rahmen der öffentlichen Versteigerung von konfiszierten Hausrat. Solche Auktionen wurden vor allem in Lübeck abgehalten. Die Beamten wurden für ihre Beteiligung an Verfolgung, Entrechtung, Enteignung und Deportation strafrechtlich nicht belangt. Die meisten kamen nach 1945, nachdem sie in der Entnazifizierung als Mitläufer oder Entlastete eingestuft worden waren, zurück in ihr Amt. Dies obwohl sie eine wichtige Rolle in den eskalierenden Stufen der Massenverbrechen der Nationalsozialisten einnahmen, die im Massenmord an Juden und Jüdinnen, sowie Sinti* und Roma* mündeten.

Das Finanzministerium strebt an, die Studie fortan in der Ausbildung von Finanzbeamten, sowie Fortbildung von Führungskräften zu nutzen. Dies mit dem Ziel, der Frage nach individuellen Handlungsspielräumen nachzugehen und für die Verstrickung der Verwaltungen in die NS-Massenverbrechen zu sensibilisieren. Neben der 260-seitigen Studie, die auch Archivmaterial enthält, wurde eine gekürzte Broschüre veröffentlicht. Diese kann auch gedruckt über den Landesbeauftragten für politische Bildung bezogen werden.

Presseerklärung des Schleswig-Holsteinischen Finanzministeriums  

Presseerklärung der Universität Flensburg

Weitere Projektinformationen 

Kurzvorstellung des Projekts