News der Fakultät II

Geister der Freiheit:

Polnische Romantik, Pädagogik und das Emotionale und Soziale

Geister der Freiheit (Duchy wolności): Tagungsbericht zur polnischen Romantik im Freien Deutschen Hochstift und Deutschen Romantik-Museum, Frankfurt am Main

Von Joachim Bröcher

Wie relevant ist die europäische Romantik – und insbesondere die polnische Romantik – für unsere Gegenwart und für pädagogische Fragestellungen heute? Dieser Frage ging eine hochkarätig besetzte internationale Tagung unter dem Titel „Polnische Romantik, transnationale Konstellationen“ nach. Gehostet wurde die Konferenz im Frankfurter Deutschen Romantik-Museum sowie beim Freien Deutschen Hochstift. Organisiert wurde sie in Zusammenarbeit mit namhaften Partnern wie dem Nationalinstitut Ossolineum und dem Deutschen Polen-Institut.

Polnische Romantik als politisches und bildungstheoretisches Fundament

Die Epoche der polnischen Romantik steht ganz im Zeichen jener „Geister der Freiheit“ – im Polnischen treffend als „Duchy wolności“ bezeichnet –, die angesichts der historischen Teilungen Polens und des Verlusts der staatlichen Souveränität für einen tiefgreifenden Freiheitskampf, kollektive Identität und ein starkes gesellschaftliches Ethos einstanden. Sie versteht sich zutiefst politisch. Geprägt und vorangetrieben wurde diese Bewegung maßgeblich von Dichtern und Denkern wie Adam Mickiewicz, Juliusz Słowacki und Zygmunt Krasiński, deren Werke bis heute als Schlüsseltexte für den europäischen Freiheitsdiskurs gelten.

Bereits der Auftakt der Tagung spannte einen weiten Bogen: Neben dem Ausstellungskonzept und dem hochkarätigen Festvortrag, den der bekannte polnische Romancier, Literaturwissenschaftler und Professor Stefan Chwin hielt. Chwin ist dafür prädestiniert, da er in seinen vielfach ausgezeichneten Romanen und essayistischen Veröffentlichungen (weit über die reine Literaturwissenschaft hinaus) wie kaum ein zweiter die Brücken zwischen deutscher und polnischer Geistesgeschichte, den historischen Brüchen des 19. und 20. Jahrhunderts sowie den mentalitätsgeschichtlichen Nachwirkungen der Romantik auslotet – insbesondere mit Blick auf den Ostseeraum und das historische Danzig. Seine Doppelrolle als akademischer Forscher und literarischer Gestalter machte ihn zur Idealbesetzung, um die polnische Romantik in ihrer Bedeutung für die Herausforderungen unserer europäischen Gegenwart zu spiegeln.

Ergänzt wurde diese Eröffnung durch eine musikalische Umrahmung mit Klavierwerken von Frédéric Chopin, dargeboten von dem Pianisten Piotr Alexewicz, sowie einer parallel laufenden Kunstausstellung, sodass sich ein faszinierender Dreiklang aus Literatur, Musik und bildender Kunst ergab.

Genau hier setzt ein langjähriges Forschungsprojekt an der Europa-Universität Flensburg an: Seit nunmehr sechs bis sieben Jahren wird polnische Romanliteratur systematisch im Hinblick auf emotionale und soziale Themen gelesen.

Konkrete literarische Beispiele: Von Sienkiewicz bis Tokarczuk

Um diese theoretischen und emotionalen Dimensionen konkret zu fächern, stützt sich das Projekt auf exemplarische Werke der polnischen Literatur. So wird etwa bei Henryk Sienkiewicz und dessen hochsymbolischem Werk Quo vadis ein universeller Freiheitskampf verhandelt, der tief unter die Haut geht. Auch Stefan Żeromskis Roman In Schutt und Asche macht historische Umbrüche und Enttäuschungen – wie die vergebliche Hoffnung auf Napoleon als Retter der polnischen Nation – anhand des Weges der Hauptfigur Rafal auf emotional sehr greifbare Weise lebendig.

Darüber hinaus wird ein bewusst gewählter Bogen zur zeitgenössischen Literatur geschlagen, etwa zu Olga Tokarczuks Jakobsbüchern: Zwar ist die Handlung historisch vor der Romantik angesiedelt, doch liefert die Figur des Jakob Frank als klassischer Grenzgänger zwischen Kulturen, Religionen und Identitäten ein ideales Paradebeispiel für transnationale Verflechtungen. Tokarczuks Entwurf eines Wandlers zwischen Welten knüpft auf subtile und hochaktuelle Weise an das romantische Denken von Entgrenzung und der Suche nach europäischer Zusammengehörigkeit an.

Verankerung in Flensburg: Lehramtsstudiengänge und Europa-Bezug

An der Europa-Universität Flensburg, die sich durch verschiedene Lehramtsstudiengänge (darunter für die Grundschule, Sekundarschulen sowie das sonderpädagogische Lehramt) und dezidiert europabezogene Studiengänge auszeichnet, schlägt dieses Projekt eine wichtige Brücke. Es geht dabei ausdrücklich nicht um weltfremde Exotik, sondern um die Frage, wie historisch-kulturelle Stoffe für unsere heutigen Lehramts- und Studierendenkohorten fruchtbar gemacht werden können.

Die Tagung in Frankfurt bot hierfür wertvolle, transnationale Impulse. So stellte unter anderem Prof. Dr. Justyna Bajda (Wrocław) in den Vorträgen zur Ausstellungskonzeption („Duchy wolności. Polski romantyzm i jego dziedzictwo“) zentrale Einblicke vor:

Zudem widmete sich beispielsweise Prof. Dr. Dirk Uffelmann in seinem Vortrag intensiv dem „Romantischen TransNationalismus“, während Dr. Paweł Rojek (Kraków) gemeinsam mit weiteren Expertinnen und Experten vertiefende Analysen einbrachte:

Flankiert wurde dies durch Beiträge wie den von Dr. Anna Pilarczyk-Palaitis (Vilnius), die den Bogen vom romantischen Mythos zur postkolonialen Praxis und der Rolle der „Kresy“ in der heutigen Identitätspolitik schlug. Diese vielfältigen Verflechtungen verdeutlichen, wie stark die Epoche über nationale Grenzen hinweg wirkt – ein Aspekt, der auch für moderne interkulturelle und europäische Bildungskontexte hochgradig anschlussfähig ist.

Von der Romantik zur Lebensweltorientierten Didaktik

Die Beschäftigung mit dieser Epoche ist eng mit zentralen Bildungstheorien verknüpft. Die Ideen von Freiheit, Subjektwerdung und Autonomie, die die Romantik durchdringen, bilden ein entscheidendes Fundament für ein funktionierendes, vernunftgesteuertes soziales Gefüge. Auf Basis der historischen Theorien von Wolfgang Klafki wurde hierfür die lebensweltorientierte Didaktik entwickelt.

Der Kern dieses Ansatzes besteht darin, sich intensiv die Lebenskontexte junger Menschen anzuschauen und zu analysieren, welches darin die wichtigen biographischen und gesellschaftlichen Schlüsselthemen sind. Von dort aus werden Brücken geschlagen in die Welt des curricularen, sachbezogenen und wissenschaftsorientierten Lernens – denn junge Menschen müssen heute in ihrer Lebenswelt abgeholt werden.

Mehrwert vor Ort: Literarische Recherchen in der Deutschen Nationalbibliothek

Ein solcher Tagungsaufenthalt bietet zudem hervorragende Möglichkeiten, die wissenschaftliche Arbeit vor Ort zu vertiefen. So wurde der Kongressbesuch in Frankfurt am Main für intensive Recherchen in der Deutschen Nationalbibliothek genutzt.

In einer dortigen Medienbox konnten sich die beiden Bände von Władysław Stanisław Reymont (Das gelobte Land) in der nur schwer zugänglichen Übersetzung von Alexander von Guttry für mehrstündige, vertiefende Lektürestunden bereitlegen lassen.

Solche praxisnahen Hinweise sollen auch Studierenden und dem wissenschaftlichen Nachwuchs aufzeigen, welche exzellenten Ressourcen – gerade bei schwer auffindbarer Spezialliteratur – Institutionen wie die Deutsche Nationalbibliothek bereithalten und wie gewinnbringend sich Tagungsreisen mit eigener Quellenarbeit verbinden lassen.

Ausblick: Das kommende Buchprojekt

Während die Tagung in Frankfurt primär als Grundlagenforschungskongress angelegt war, liegt die spezifisch pädagogisch-didaktische Thematisierung von wertvoller Literatur genau in jener Schnittstelle, die in der eigenen Forschung weiterverfolgt wird. Die Ergebnisse und Reflexionen dieses langjährigen Projekts münden schließlich in einer Buchpublikation, die im kommenden Jahr im transcript Verlag erscheinen wird. Damit schließt sich der Kreis: Historische Texträume und das Aufgreifen von Freiheits- und Gemeinschaftskonzepten bieten auch für die moderne Schulpädagogik, die Sonderpädagogik und die außerschulische Bildung tiefgreifende Anregungen für Forschung, Lehre und die Praxis von morgen.