Glücksforschung Universität Flensburg Internationales Institut für Management Ergebnisse der Glücksforschung als Leitfaden für politisches Handeln? Jordis Grimm Discussion Paper Nr. 14, ISSN 1618-0798 Die Autorin: Jordis Grimm: Jordis Tabea Grimm, BBA Univ. Flensburg, MiBA Univ. Hamburg, jordisgrimm@gmx.de Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung der Universität Flensburg unzulässig. Dies gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Mikrover- filmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Universität Flensburg Internationales Institut für Management Discussion Paper Nr. 14, ISSN 1618-0798 Flensburg im Dezember 2006 Kontaktadresse Universität Flensburg Internationales Institut für Management Zentrales InstitutsSekretariat Munketoft 3b; 24937 Flensburg E-Mail: zis-iim@uni-flensburg.de http://www.uni-flensburg.de/iim mailto:jordisgrimm@gmx.de Inhaltsverzeichnis* 1. Einleitung ........................................................................................................................... 1 2. Annäherung an den Begriff Glück ..................................................................................... 2 3. Glücksmessung................................................................................................................... 5 4. Was beeinflusst das Glück der Menschen? ........................................................................ 9 4.1 Glück und Einkommen............................................................................................... 9 4.2 Und was noch? ......................................................................................................... 14 4.2.1 Arbeit und Arbeitslosigkeit .............................................................................. 14 4.2.2 Gesundheit........................................................................................................ 17 4.2.3 Soziale Beziehungen ........................................................................................ 18 4.2.4 Was bestimmen die Gene? ............................................................................... 20 4.2.5 Demokratie und Governance............................................................................ 21 4.2.6 Umwelt(zerstörung) ......................................................................................... 24 5. Glück in der Politik .......................................................................................................... 27 6. Quellen ............................................................................................................................. 34 Abbildungsverzeichnis Abbildung 1: “Four Qualities of Life” nach Veenhoven ……..…………………………...… 3 Abbildung 2: “Four kinds of satisfaction” nach Veenhoven ……..…………………………. 5 Abbildung 3: Verschiedene Messungen von subjektivem Wohlbefinden in OECD Ländern 7 Abbildung 4: Lebenszufriedenheit in China ……………………………………………….. 11 Abbildung 5: Glück und Einkommensverteilung in den USA …………….......................... 13 Abbildung 6: Einkommen und Lebenszufriedenheit im Ländervergleich ……………...…. 14 Abbildung 7: Lebenszufriedenheit und Partizipation in der Gemeinschaft ………..…...….. 20 Abbildung 8: Die Umwelt Kuznets Kurve ………………………………………………… 26 Abbildung 9: Leduc Genuine Well-being Index Flower …….…………………………….. 32 * Die vorliegende Arbeit ist zu großen Teilen während eines Forschungsaufenthaltes am Sustainable Europe Research Institute (SERI), Wien, in der Abteilung von Dr. Friedrich Hinterberger entstanden. 1. Einleitung Die Menschen befassen sich bereits mindestens seit der griechischen Antike mit dem Glück. Für Aristoteles ist Glückseligkeit nichts Geringeres als Ziel und Ende alles menschlichen Tuns. Die Vereinigten Staaten von Amerika nahmen das Streben nach Glück (the pursuit of happiness) sogar als unveräußerliches Recht gleichberechtigt neben dem Recht auf Leben und Freiheit in die Eröffnungspassage ihrer Unabhängigkeitserklärung auf. Bekannt ist auch, dass sich im 18. Jahrhundert die Utilitaristen rund um Jeremy Bentham ausführlich mit dem Thema Glück beschäftigten. Bentham entwickelte das so genannte Greatest Happiness Principle nach dem das größte zu erreichende Gut dasjenige sei, welches das größtmögliche Glück für die größtmögliche Anzahl Menschen zur Folge hat. Nach der Philosophie begann auch die Psychologie sich mit dem Thema Glück auseinanderzusetzen. Ungefähr ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erweiterte diese Disziplin ihren klassischen Fokus auf die negativen Gefühle um die Beforschung der positiven Gefühle. Glücklich und zufrieden Sein spielt dabei eine wichtige Rolle. Die Ökonomie wiederum hat dieses Thema erst spät für sich entdeckt. Obwohl Richard Easterlin bereits 1974 die Frage stellte, ob wirtschaftliches Wachstum tatsächlich das menschliche Schicksal zum Besseren wendet, und seine Veröffentlichung heute als Beginn der ökonomischen Glücksforschung gilt, findet die breite Auseinandersetzung mit diesem Thema erst in den letzten Jahren vermehrt statt. Nach einer Liste der Fachdatenbank EconLit wurden von 2001 bis 2005 über 100 Arbeiten zum Thema selbsteingeschätzte Lebenszufriedenheit, als ein wichtiger Teilbereich der Glücksforschung, veröffentlicht. Von 1991 bis 1995 waren es dagegen nur vier (Kahneman und Krueger 2006:3). Dabei steht die sozioökonomische Beschäftigung mit dem Glück neben anderen Versuchen, die klassische ökonomische Theorie zu erweitern. Die Standardlehre der Wirtschaftswissenschaften vertritt den positivistischen Ansatz, dass alle relevanten Informationen über den Nutzen in objektiv beobachtbaren Entscheidungen von Individuen ersichtlich sind. Der Homo Oeconomicus wählt nach rationalem Kalkül immer die Option, die ihm den größtmöglichen Nutzen bringt. So kann nicht nur auf den individuellen Nutzen geschlossen werden, sondern auch die soziale Wohlfahrt berechnet werden. Einfach ausgedrückt ergeben die aggregierten Kaufentscheidungen die gesamtgesellschaftliche Wohlfahrt. Diese eingeengte Betrachtungsweise lässt viele Möglichkeiten das menschliche Wohlbefinden zu verstehen und zu beeinflussen außer acht. So sind die Ansätze die 1 Wohlfahrt, das Wohlbefinden, einer Gesellschaft nicht nur im Bruttoinlandseinkommen pro Kopf auszudrücken zahlreich. Der Ansatz der Glücksforschung ist es, sich dem Nutzen bzw. der Wohlfahrt auf direktem Wege zu nähern, ohne den Umweg über die Beobachtung der (Kauf-)Entscheidungen von Individuen zu machen. Um dieses Konzept näher zu erläutern, ist es notwendig, die bereits verwendeten Begriffe Glück, Zufriedenheit, Wohlfahrt etc. von einander abzugrenzen. Das wird in Abschnitt zwei geschehen. In Abschnitt drei wird dargelegt, inwiefern Glück messbar ist. Ob Glück käuflich ist oder ob nicht doch andere Dinge wichtiger für das Wohlbefinden sind, beantwortet der ausführliche Abschnitt vier durch die Zusammenfassung der Erkenntnisse der jungen Glücksforschung. Abschnitt fünf gibt dann einen Überblick inwiefern die Ergebnisse der Glücksforschung bereits Einzug in die Politik gefunden haben und zieht ein Resümee. 2. Annäherung an den Begriff Glück ForscherInnen, die sich wissenschaftlich mit dem Glück beschäftigen, sehen sich immer wieder der Kritik ausgesetzt, dass sie mit einem nicht klar definierten Begriff hantieren. Schlimmer noch, da Glück oft verstanden wird als ‚das Gute’, könnte eine Definition von Glück bedeuten, eine Ideologie zu propagieren. Veenhoven (2002) versucht eine Abgrenzung der Begriffe zu ähnlichen teilweise von anderen AutorInnen synonym verwendeten Begriffen. Er stellt fest, dass der Begriff Lebensqualität oft mit Glück im breiteren Sinne gleichgesetzt wird. Er nutzt eine 2x2-Matrix um Lebensqualität näher zu definieren (vgl. Abb. 1). Von Lebensqualität zu Zufriedenheit Abbildung 1: “Four Qualities of Life” nach Veenhoven Outer qualities Inner qualities Life-chances Livability of environment (Living in a good environment) Life-ability of the person (Being able to cope with life) Life-results Utility of life (Being of worth for the world) Satisfaction (Enjoying Life) Quelle: adaptiert nach Veenhoven (2002: 4 und 2004:5) 2 Die Zeilen der Matrix werden unterschieden in die Chancen auf ein gutes Leben und das tatsächliche Ergebnis. Eine solche Unterscheidung ist im Gesundheitsbereich weit verbreitet. Voraussetzungen für eine gute Gesundheit, wie beispielsweise angepasste Ernährung und eine ausreichende medizinische Versorgung, garantieren keinesfalls tatsächliche Gesundheit. In den Spalten der Matrix wird in externe und interne Qualitäten unterschieden, also einmal bezogen auf die Umwelt und einmal auf das Individuum. Daraus ergeben sich vier verschiedene Bereiche. Das was Veenhoven Livability nennt, sind die Konditionen für ein gutes Leben, die einem das Umfeld bietet. Der Ausdruck „Lebensqualität“ z.B. einer Region, einer Stadt, eines Landes wird hier oft genannt. ÖkonomInnen nutzen oft das Wort Wohlfahrt um ähnliches auszudrücken. Für die UN (Millennium Assessment 2003) gehört dazu beispielsweise die Versorgung mit Trinkwasser, der Zugang zu Gesundheits- und Bildungswesen, etc. PolitikerInnen beziehen sich zumeist auf diesen Bereich, wenn sie die Wichtigkeit von Lebensqualität betonen. Eine weitere Wortschöpfung Veenhovens betitelt den oberen rechten Quadranten: Life-ability. Hier handelt es sich um die Fähigkeit von Personen, es mit dem Leben aufzunehmen oder wie gut es jemand schafft, mit Problemen umzugehen. Dieser Gedanke ist nahe verwandt mit Amartya Sens Capability Ansatz. TherapeutInnen und ErzieherInnen haben oft zum Ziel die inneren Möglichkeiten der Personen, ein gutes Leben zu führen, zu erhöhen. In der linken unteren Ecke positioniert Veenhoven die ‚Nützlichkeit des Lebens’ und trägt damit der Idee Rechnung, dass das Leben einen höheren Wert hat. Es gibt keinen allgemein anerkannten Sinn des Lebens, aber verschiedene transzendente Konzepte können hierunter gefasst werden. Dazu gehören beispielsweise auch die Bewahrung der Schöpfung bzw. der Naturschutz oder kulturelle Entwicklung. EthikerInnen und Geistliche betätigen sich in diesem Umfeld. Schließlich bleibt im unteren rechten Quadranten die Lebensqualität aus Sicht der Betroffenen. Die subjektive Wahrnehmung ist hier der Schlüssel. Zumeist wird hierauf Bezug genommen mit der Verwendung des Begriffes subjektives Wohlbefinden bzw. subjektives Well-being oder Lebenszufriedenheit. Oder eben mit dem Wort Glück in einem engeren Sinne. Diese Zufriedenheit (satisfaction) kann wiederum unterteilt werden mit einer weiteren 2x2 Matrix (Veenhoven 2002). 3 Von Zufriedenheit zu subjektivem Wohlbefinden Abbildung 2: „Four kinds of satisfaction“ nach Veenhoven Passing Enduring Part of life Pleasure Part-satisfaction Life-as-a-whole Top-Experience Life-Satisfaction Quelle: Veenhoven (2002:6) Hier unterscheiden sich Zeilen und Spalten durch die Betrachtung von Aspekten die für das gesamte Leben oder nur Teilbereiche gelten und die entweder vorübergehenden Charakter aufweisen oder von Dauer sind. Vorübergehende Lebenszufriedenheit mit einem bestimmten Teilaspekt betitelt Veenhoven als Genuss. Beispiele sind die Lektüre eines fesselnden Buches oder ein gutes Glas Rotwein. Die Hedonisten konzentrieren sich auf diese Art von Glück. Im Gegensatz dazu stehen die Erlebnisse, die zwar vorübergehend sind, aber das ganze Leben betreffen und für gewöhnlich sehr tiefgreifend sind. Im religiösen Umfeld werden solche Erlebnisse zu meist als Vision oder Erleuchtung bezeichnet. Die Zufriedenheit mit bestimmten Bereichen des Lebens (oben rechts) oder mit dem Leben als solches (unten rechts) bezeichnet ein längerfristiges Konzept. Die Zufriedenheit mit der Arbeit ist ein häufig untersuchter Teilaspekt. Lebenszufriedenheit mit dem gesamten Leben wird in der ökonomischen Literatur am ehesten mit Glück in engerem Sinne gleichgesetzt. Andere Ökonomen machen es sich einfacher. So sagen bspw. Frey und Stutzer (2000), dass sie sich zwar bewusst sind, dass es feinere Unterscheidungen für die Begriffe subjektives Wohlbefinden, Glück und Lebenszufriedenheit gibt, dass diese aber untereinander so stark positiv korrelieren, dass es für ihre Zwecke unbedenklich ist, diese synonym zu verwenden. Denn das Ziel der sozioökonomischen Glücksforschung ist vor allem zu bestimmen mit welchen äußeren und inneren Faktoren das Wohlbefinden von Personen korreliert. Wenn man aber verschiedene Variablen zu einander in Beziehung setzen will, so ist es notwendig, diese zu messen. Es stellt sich also die Frage, ist Glück messbar und wenn dann wie? Diese soll im nächsten Abschnitt beantwortet werden. 4 3. Glücksmessung Glück im Sinne von subjektiver Lebenszufriedenheit wird in den meisten Fällen durch direkte Befragung der Betroffenen erhoben. Dabei werden entweder mehrere oder nur eine Frage verwendet. Die Antwortmöglichkeiten variieren. Im General Social Survey, der in den USA verwendet wird, sind drei vorgegeben: Taken all together, how would you say things are these days – would you say that you are very happy, pretty happy or not too happy? Im Eurobarometer Survey hingegen sind vier Antwortmöglichkeiten gegeben und die Formulierung leicht unterschiedlich, denn es wird nicht nach dem glücklich sondern nach dem zufrieden sein gefragt: On the whole, are you very satisfied, fairly satisfied, not very satisfied, or not at all satisfied with the life you lead? Der World Value Survey, der 81 Länder umfasst, enthält eine sehr ähnliche Frage, auf die die Probanden auf einer Skala von 1 (dissatisfied) bis 10 (satisfied) Antworten können: All things considered, how satisfied are you with your life as a whole? Im deutschen Sozioökonomischen Panel (SOEP) wird die gleiche Frage gestellt, mit dem Unterschied, dass die Skala von 0-10 verläuft. Boarini et al. (2006:38 f.) stellen eine hohe positive Korrelation zwischen verschiedenen Umfrage basierten Methoden fest. Mit der Ausnahme einiger Länder gilt, dass ein hoher Durchschnitt (0-10) bei der Frage nach der allgemeinen Lebenszufriedenheit einhergeht mit einem hohen Anteil der Bevölkerung, die sich als sehr oder ziemlich glücklich bezeichnet (zwei der vier möglichen Antworten). Abbildung drei veranschaulicht das grafisch. 5 Abbildung 3: Verschiedene Messungen von subjektivem Wohlbefinden in OECD Ländern, 2000 Quelle: Boarini et al. 2006:34 Reliabilität und Validität der Glücksmessung Verfahren, die auf subjektiver Selbsteinschätzung beruhen, stehen vielfach in der Kritik. Sind Menschen willig und fähig wahrheitsgemäße Aussagen über ihre eigene Zufriedenheit mit dem Leben, über ihr subjektives Wohlbefinden zu machen? Zunächst einmal ist die Frage, inwiefern Menschen in der Lage sind, ihr „Leben als solches“ unabhängig von der Situation während der Befragung, dem Wetter an diesem Tag oder der Nase des oder der BefragerIn einzuschätzen, also wie reliabel die oben aufgeführten Befragungen sind. In einer Befragung im Jahre 2004 wurden 218 texanische Arbeiterinnen zu ihrer Lebenszufriedenheit interviewt und die gleiche Befragung zwei Wochen später wiederholt. Es ergab sich eine Korrelation von 0.59 für die Aussagen zwischen den beiden Zeitpunkten (Kahneman und Krueger 2006:5). Für Befragungen mit mehreren Fragen zum Thema Lebenszufriedenheit anstatt einer einzelnen ergibt sich zwar eine höhere Korrelation von 0.77 (Lucas et al. 1996 für eine Wiederholung nach vier Wochen), aber auch diese Werte bleiben unter den üblicherweise beobachteten Korrelationen für Selbsteinschätzungen zu Themen wie Bildung oder Einkommen um rund 0.9 zurück (Kahneman und Krueger 2006:5). Dennoch sind diese Zahlen aussagekräftig genug um Befragungen über Glück und Lebenszufriedenheit als für die meisten Betrachtungen (insbesondere auf der Makroebene) ausreichend reliabel zu erklären. Hinzu kommt, dass Verzerrungen bei der Betrachtung großer Stichproben zufällig 6 verteilt sind und deshalb Vergleiche zwischen Gruppen wenig beeinflussen (im Gegensatz zu interpersonellen Vergleichen). Eine andere spannende Frage betrifft die Validität oben vorgestellter subjektiver Befragungen. Zunächst einmal gibt uns die Hirnforschung Hinweise. Wenn Probanden positiven Stimuli ausgesetzt werden (z.B. lustige Filmclips oder schöne Bilder) dann werden bestimmte Bereiche im linken vorderen Teil des Gehirns (Cortex) messbar aktiviert. Bei negativen Stimuli (z.B. schreckliche Fotos) wird im Gegensatz dazu die rechte Seite aktiviert. Es konnte nachgewiesen werden, dass Menschen, deren linke Hälfte besonders aktiv ist, eine höhere Lebenszufriedenheit berichten (Layard 2005:19). Darüber hinaus gibt es weitere Hinweise für den gesicherten Zusammenhang zwischen objektiv beobachtbaren Merkmalen und subjektiver Selbsteinschätzung. So lächeln Menschen mit einer hohen selbst berichteten Zufriedenheit mehr (Fernández-Dols und Ruiz-Belda 1990 in Frey und Stutzer 2002) und sie begehen mit geringerer Wahrscheinlichkeit Selbstmord (Koivumaa et al. 2001). Ebenso korreliert die Selbsteinschätzung der Befragten mit der Einschätzung von Freunden und Verwandten (Sandvik et al. 1993 in Frey und Stutzer 2005). Alternative Methoden Verschiedene Versuche bestätigen also weitgehende Reliabiliät und Validität von individuellen Befragungen zum Thema Glück nach dem oben dargestellten Schema. Einige Autoren plädieren dennoch für andere (ergänzende) Methoden. Kahnemann und Krueger (2006) beispielsweise thematisieren das Problem der Vergleichbarkeit der Aussagen von Individuen und der kardinalen Interpretation von Aussagen über Wohlbefinden. Wenn Peter sich selbst als sehr zufrieden bezeichnet und eine sechs ankreuzt und Paul sich nur als zufrieden bezeichnet, äquivalent mit einer vier, ist dann Peter wirklich glücklicher oder nutzt Paul vielleicht nur seltener Superlative? Ist das objektive Zufriedenheitsniveau der beiden vielleicht also gleich? Kahneman und Krueger (2006) schlagen eine andere Messmethode vor, um der Verzerrung von unterschiedlichem Umgang mit Skalen zu verhindern: der so genannte U-Index, wobei U für Unzufriedenheit steht. Dieser Index misst, wie viel Zeit sich eine Person in einem unangenehmen Zustand befindet. Dafür müssen Probanden über einen bestimmten Zeitraum ein Tagebuch über alle Aktivitäten führen und jeweils einstufen, welche Gefühle in welchem Ausmaß mit dieser Tätigkeit verbunden waren. Ein Teil der anzugebenden Gefühle sind positiv (glücklich, mit sich selbst zufrieden, freundlich) der 7 andere negativ (deprimiert, wütend, frustriert). Wenn während einer Situation ein negatives Gefühl den höchsten Wert zugeordnet bekommt, dann wird diese Periode von den Wissenschaftlern als unerfreulich eingestuft. Dabei ist der absolute Wert irrelevant und so verzerren die individuellen Unterschiede in der Nutzung von Skalen nicht das Ergebnis. Der U-Index bezeichnet dann den Anteil der Zeit, der in einem unerfreulichen Zustand verbracht wird. Dieser kann für Individuen ebenso errechnet werden wie für Samples. Der Nachteil dieser Methode ist der ungleich höhere Aufwand und die damit verbundenen Kosten einer Erhebung, bei der die ProbandInnen über einen längeren Zeitraum akribisch ihr Tun und Fühlen dokumentieren müssen. Veenhoven (1996 und 2004) hingegen schlägt einen Verbundindikator vor, um das Glück von Nationen zu vergleichen: Happy Life Expectancy oder Erwartung an glücklichen Lebensjahren. Dafür nutzt er den World Value Survey, bei dem die BürgerInnen auf einer Skala von 1-10 einschätzen wie glücklich sie sind. Der Durchschnitt wird umgewandelt in Werte zwischen 0 und 1 und dann mit der durchschnittlichen Lebenserwartung multipliziert. Veenhoven interpretiert, dass je länger und glücklicher Menschen leben, desto eher passen die Rechte und Pflichten in einer Gesellschaft zu den Bedürfnissen und Fähigkeiten ihrer BürgerInnen. Die Schweiz hat zur Zeit die höchste ‘glückliche Lebenserwartung’ mit 63 Jahren. Das Schlusslicht ist Moldavien mit 20,5 Jahren (Veenhoven 2004:18). Neben den Ansätzen das subjektive Wohlbefinden zu messen, gibt es viele weitere, die sich eher damit beschäftigen die Lebensqualität der Umwelt bzw. den Wohlstand anders zu messen als durch das BIP. Insbesondere durch herausrechnen von Summen, die für die Beseitigung von Übel (Kriminalität, Beseitigung von Umweltschäden, Ausgaben für Kranke) ausgegeben werden oder das quantifizieren von Tätigkeiten, die im BIP nicht enthalten sind, wie beispielsweise Freizeit oder Familienarbeit. Beispiele hierfür sind der Genuine Progress Indicator aus Kanada oder Measure of Domestic Progress (nef 2004a) aus Großbritannien. Auf diese Konzepte soll aber hier nicht weiter eingegangen werden, da der Fokus dieser Arbeit auf dem subjektiven Wohlbefinden liegt. Nachdem hier dargelegt wurde, dass die Befragung von Individuen über ihr subjektives Wohlbefinden ein adäquater Ausgangspunkt für wissenschaftliche Glücksforschung ist, wird sich der nächste Abschnitt dem Thema widmen, in dem die Mehrheit der GlücksforscherInnen aktiv ist: Was beeinflusst das Glück der Menschen? 8 4. Was beeinflusst das Glück der Menschen? 4.1 Glück und Einkommen Eine der wichtigsten Erkenntnisse der Glücksforschung ist, dass das Pro-Kopf-Einkommen, das bisher am meisten genutzte Maß für Wohlstand, bei weitem nicht der einzige oder wichtigste Faktor für subjektives Wohlbefinden ist. Das Easterlin Paradoxon Das so genannte Easterlin Paradoxon, das inzwischen von mehreren Autoren bestätigt wurde (z.B. Blanchflower und Oswald 2000; Diener und Oishi 2000; Myers 2000; Kenny 1999; Lane 1998), bezeichnet den Umstand, dass in den westlichen Nationen das Pro-Kopf- Einkommen in den letzten Jahrzehnten zwar stark angestiegen ist, dass das aber wenig Einfluss auf das subjektive Wohlbefinden der BürgerInnen hatte. So hat sich das japanische BIP p.c. zwischen 1958 und 1991 versechsfacht und der materielle Lebensstandard hat sich extrem verändert. Die durchschnittliche Lebenszufriedenheit (auf einer Skala von 1-4, den vier Antwortmöglichkeiten entsprechend) blieb aber konstant bei 2,7 (Frey und Stutzer 2002). In den USA gilt, dass das BIP pro Kopf von Mitte der 1970er bis Mitte der 1990er Jahre um knapp 20% anstieg, während das subjektive Wohlbefinden leicht gesunken ist (ebenda). In Dänemark, Deutschland und Italien ist es leicht angestiegen (Diener und Oishi 2000). Für ein Sample von 12 europäischen Ländern wiederum konnte in der Zeitreihe 1975-1991, unter Kontrolle von Persönlichkeitsmerkmalen, Arbeitslosenrate, Inflationsrate und Einkommensverteilung, kein signifikanter Zusammenhang zwischen BIP pro Kopf und Lebenszufriedenheit festgestellt werden (Alesina et al. 2001). China, konnte von 1994 bis 2005 das reale Pro-Kopf-Einkommen um das 2,5 fache steigern und damit einher ging eine substantielle Verbesserung des materiellen Wohlstands. So stieg die Anzahl der Haushalte mit Farbfernsehen von 40 auf 82%, die Nummer der Telefonanschlüsse von 10 auf 63%. Die Lebenszufriedenheit stieg aber nicht. Im Gegenteil, die Anzahl der Menschen, die sich als zufrieden bezeichnet, nahm ab und der Anteil unzufriedener ChinesInnen zu (Kahneman und Krueger 2006). 9 Abbildung 4: Lebenszufriedenheit in China; in Bezug auf einen Anstieg des Realeinkommens um 250% Quelle: Krueger und Kahneman 2006:16 Kritisch muss angemerkt werden, dass durch eine nach oben und unten nicht offene Skala, insbesondere von nur vier Merkmalen, wie sie in mehreren Surveys verwendet wird, gewisse Schwierigkeiten entstehen, langfristige Trends darzustellen. Nichtsdestotrotz kommen mehrere Autoren (z.B. Stutzer und Frey 2002, Veenhoven 2004, Layard 2005) zu dem Schluss, dass sich für die wohlhabenden Länder für die letzten 30 Jahre kein klarer Trend zwischen wachsendem Pro-Kopf-Einkommen und subjektivem Wohlbefinden konstatieren lässt. Die Glücksforscher bedienen sich der Psychologie, um diesen Umstand zumindest teilweise zu erklären (vgl. dazu z.B. Bjørnskov et al. 2005). So besagt die aspiration theory, dass die Lebenszufriedenheit nicht so sehr von der absoluten Höhe objektiven Wohlstands abhängt, sondern eher von der Differenz zwischen Erwartungen und tatsächlichem Ergebnis. Die Erwartungen bleiben aber nicht konstant, sondern erhöhen sich mit der Zeit. Auch wenn unsere Großeltern ihr Leben wahrscheinlich nicht als unglücklicher einschätzten, weil sie kein Farbfernsehen hatten, so gehört dieses heute zum Standard. Ebenso sehr hat man sich an viele andere Aspekte materieller Ausstattung gewöhnt (adaption theory). Layard (2005) geht sogar soweit zu behaupten, die Menschen steckten in einer „hedonistische Tretmühle“. Er führt aus, dass die Ansprüche an das materielle Niveau immer weiter steigen. Andere Quellen des 10 Wohlbefindens, wie bspw. soziale Kontakte, unterliegen aber nicht der gleichen Anspruchsinflation. Ein gutes Gespräch bleibt ein gutes Gespräch, wohingegen ein gutes Auto nicht ein gutes Auto bleibt. Deshalb investieren die Menschen immer mehr Zeit und Energie in das Erlangen der nötigen finanziellen Ressourcen für die Befriedigung der materiellen Ansprüche, die sie von anderen Lebensbereichen abziehen müssen. Layard zieht daraus den Schluss, dass es eine öffentliche Aufgabe ist, den Menschen aus dieser Mühle zu befreien. Er fordert Werbung für Kinder ganz zu verbieten und Werbung für Jugendliche scharfen Einschränkungen zu unterziehen und ebenfalls die Beschäftigung mit Werten wieder vermehrt in die Bildung mit einzubeziehen. Reich versus arm Wenn man einen Blick in ein und dieselbe Nation zu einem bestimmten Zeitpunkt wirft, so spielt das Einkommen allerdings in der Tat eine wichtige Rolle. Wohlhabende Menschen berichten in der Regel ein höheres subjektives Wohlbefinden. Für die USA gilt: die 10% mit dem niedrigsten Einkommen antworten auf die Frage wie glücklich sie sich fühlen auf einer Skala mit drei Ausprägungen mit einem Durchschnitt von unter 2 (1,92 für 1972-74 bzw. 1,94 für 1994-96). Die reichsten 10% erreichen einen Durchschnitt von 2,36. Wie Abbildung 5 zeigt, ist dieser Trend robust über die Zeit (Frey und Stutzer 2002). Für Europa gilt ähnliches. 88 % der Menschen, die zu den 25% reichsten EinwohnerInnen gehören, bezeichnen sich selbst als sehr oder ziemlich glücklich (very vs. fairly happy) während nur 66% des ärmsten Viertels zu dieser Gruppe zählt. Das Verhältnis von mehr Einkommen zu mehr Glück ist allerdings nicht linear. Einkommen erzielt einen abnehmenden Grenznutzen. Je höher das Ausgangseinkommen, desto weniger Zuwachs an Glück erzielt zusätzliches Geld. So steigt statistisch auf einer Skala von eins bis zehn das subjektive Wohlbefinden bei einem Sprung vom vierten in das fünfte Einkommensdezil um 0,11 Punkte. Vom neunten ins zehnte Dezil ergibt sich allerdings nur eine Veränderung des Glücks um 0,02 Punkte (Helliwell 2001:14). Eine positive Korrelation bietet für sich allerdings keine Aussage über die Richtung der Beeinflussung. So könnte es auch sein, dass nicht Menschen mit höherem Einkommen glücklicher sind, sondern dass glücklichere Menschen mehr verdienen, weil sie vielleicht härter arbeiten oder innovativere Ideen haben. Tests mit britischen LottogewinnerInnen und ErbschaftsempfängerInnen zeigen, dass im Jahr nach dem unerwarteten Geldsegen das subjektive Wohlbefinden tatsächlich 11 ansteigt, auch wenn sich dieses langfristig dem Ausgangsniveau wieder annähert. Das spricht für einen Einfluss von Einkommen auf Wohlbefinden (Gardner und Oswald 2001). Abbildung 5: Glück und Einkommensverteilung in den USA Quelle: General Social Survey, National Opinion Research Center in Frey und Stutzer 2000: Figure 1 Es zeigt sich aber auch, dass der Zusammenhang zwischen Einkommen und Wohlbefinden auch deshalb schwierig herzustellen ist, weil nicht nur das absolute Einkommen relevant ist, sondern auch das relative. Bezugsgrößen können etwa das eigene Einkommen in der Vergangenheit, das Einkommen von Menschen ähnlichen Alters und Ausbildungsniveaus, von ArbeitskollegInnen oder anderer Haushaltsmitglieder sein. Einkommenshöhen werden subjektiv betrachtet. So unterscheidet sich bspw. das, was wohlhabende Menschen als ‚ausreichendes’ Einkommen titulieren von dem was ärmere Menschen als ausreichend bezeichnen. Versuche bestätigen, dass die ex ante Evaluation von mehr Einkommen die ex- post Evaluation übertrifft; sprich, dass man sich bis zu einem gewissen Grad an ein höheres Lebensniveau gewöhnt und dieses nach einer Zeit als notwendig ansieht. 40-80% des Well- being Effektes einer Einkommenserhöhung werden so annulliert (Frey und Stutzer 2002:15 und Layard 2005: 49). 12 Der positive Zusammenhang zwischen Einkommen und Wohlbefinden innerhalb einer Gesellschaft, trifft auch im internationalen Vergleich ähnlich zu. Tendenziell sind die BürgerInnen der reichen Länder glücklicher als die BewohnerInnen der Länder mit geringerem Pro-Kopf Einkommen (vgl. Abbildung 6). Der Zusammenhang ist positiv aber nicht linear. Natürlich ist diese Darstellung mit Vorsicht zu genießen. Denn dieser Unterschied kann auch von anderen Einflüssen als dem tatsächlichen Einkommen herrühren. So verbessert sich mit dem BIP eines Landes zumeist auch die Gesundheitsversorgung, die politische Stabilität steigt in der Regel und eine Zuwendung zur Demokratie ist zu beobachten. Abbildung 6: Einkommen und Lebenszufriedenheit im Ländervergleich Quelle: NEF 2004b:7 Insgesamt kann Einkommen nur einen Teil des subjektiven Wohlbefindens erklären. Für die USA ist in einer einfachen Korrelation ein Koeffizient von 0,2 errechnet worden (Easterlin 2001:468). Welche weiteren Bedingungen auf das subjektive Wohlbefinden Einfluss nehmen soll im Folgenden dargestellt werden. 13 4.2 Und was noch? Frey und Stutzer (2002) stellen in ökonomischer Tradition folgende Glücksfunktion auf: Wit = α + ßXit + εit W steht für Well-being, ε ist der Fehlerterm und für X gilt: X= x1, x2, …, xn, wobei verschiedene soziodemographische und sozioökonomische Variablen eine Rolle spielen können. Viele ForscherInnen haben sich zum Ziel gesetzt, zu bestimmen welche Variablen das Glück beeinflussen. Einer der wichtigsten Bereiche dabei ist: 4.2.1 Arbeit und Arbeitslosigkeit Menschen, die ihre Erwerbsarbeit verlieren, sind stark in ihrer Lebenszufriedenheit und ihrem Glück beeinflusst. Für zwölf europäische Länder im Zeitraum 1975-1991 stellen Di Tella et al. (2001) fest, dass Arbeitslose ein sehr viel geringeres subjektives Wohlbefinden berichten als Beschäftigte. Das gilt auch wenn Einkommen, Bildung und andere Einflüsse kontrolliert werden. Statistisch kommt es zu einem Absenken um 0,33 Punkte auf einer Skala von 1-4 (überhaupt nicht zufrieden bis sehr zufrieden). Das ist ein sehr hoher Wert. Clark und Oswald (1994) machen für Großbritannien die Aussage, dass Arbeitslosigkeit das subjektive Wohlbefinden mehr als jede andere einzelne Charakteristik negativ beeinflusst, sogar mehr als Scheidung oder Trennung. In einem 2002 erschienenem Artikel errechnen dieselben Autoren, wie viel einem britischen Haushalt mit durchschnittlichem Monatseinkommen von £ 2.000 gezahlt werden müsste, um die Minderung an Glück verursacht durch einen Verlust der Erwerbsarbeit, über zusätzliches Einkommen auszugleichen. Sie kommen auf eine Summe von £ 23.000 pro Monat. Es stellt sich wiederum die Frage der Richtung der Beeinflussung. Sind Menschen ohne Job unglücklicher oder haben unglückliche Menschen eine signifikant schlechtere Performance auf dem Arbeitsmarkt, so dass sie eher gefeuert werden und schwieriger einen Job finden? Obwohl es einige Hinweise darauf gibt, dass unglücklichere Menschen eine schlechtere Performance am Arbeitsmarkt liefern, konnte mit Hilfe von Paneldaten nachgewiesen werden, dass die hauptsächliche Beeinflussung von der Arbeitslosigkeit auf das Wohlbefinden ausgeht (Winkelmann und Winkelmann 1998). Über den Einkommensverlust hinaus entstehen bei Arbeitslosigkeit psychische und soziale Kosten. Das Selbstwertgefühl kann darunter leiden, man kommt sich plötzlich nutzlos vor und 14 empfindet, dass man nichts mehr für die Gesellschaft tut, sondern im Gegenteil von ihr abhängig ist. Oft ist Arbeitslosigkeit mit einem negativen Stigma verbunden. Zwischen Arbeitslosigkeit und physischer und psychischer Gesundheit besteht ein negativer Zusammenhang (Frey und Stutzer 2002). Arbeitslosigkeit hat allerdings nicht nur Einfluss auf die direkt Betroffenen, sondern auch auf die Menschen, die in Erwerbsarbeit eingebunden sind. Di Tella et al. (2001) berechnen für ein Sample von 12 europäischen Ländern, dass ein Anstieg von neun auf zehn Prozent Arbeitslosigkeit zusätzlich zu dem stark sinkenden Wohlbefinden der Betroffenen (s.o.) zu einem Absinken der gesamten Zufriedenheit um 0,028 Punkte auf einer Skala von 1 bis 4 führt. Das entspricht einem Absinken von 2% der Bevölkerung von einer Zufriedenheitsklasse (z.B. nicht sehr zufrieden) in eine tiefere (überhaupt nicht zufrieden). Grözinger und Matiaske (2004) beweisen für deutsche Regionen, dass eine höhere regionale Arbeitslosigkeit zu geringerer Lebenszufriedenheit und zu niedrigerer berichteter Gesundheit der gesamten Bevölkerung führt. Sie kontrollieren dabei den Einfluss von Alter, Geschlecht, Erwerbsunfähigkeit, Familienstatus, Bildung, standardisiertes Haushaltseinkommen, Transferzahlungen und geographischen Merkmalen der Regionen. Für arbeitslose Menschen allerdings gilt ein umgekehrter Einfluss von hohen Arbeitslosenraten. Der negative Einfluss auf das subjektive Wohlbefinden ist weniger stark, wenn in der Referenzgruppe des Individuums viele Menschen ebenso von Arbeitslosigkeit betroffen sind. Das gilt sowohl für die eigene Partnerschaft (Clark 2000), wie für die Region (Grözinger und Matiaske 2004) als auch das ganze Land (Kelvin und Jarrett 1985 in Frey und Stutzer 2002). Interessanterweise berechnen Bjørnskov et al. (2005), dass der negative Einfluss eines Ansteigens der Arbeitslosenrate auf das Wohlbefinden für Staaten mit rechts-konservativen Regierungen schlimmer ist als für Länder mit linken Regierungen, wo im Widerspruch zu den vorher zitierten Studien kein signifikanter Zusammenhang hergestellt werden konnte. Ein Erklärungsversuch könnte sein, dass linke Regierungen im Allgemeinen versuchen eine umfassendere Arbeitslosenversicherung aufzustellen, während konservative Regierungen eher durch Kürzungen versuchen, Menschen ohne Arbeit in den Arbeitsmarkt zu drängen. Die Sorge tatsächlich oder eventuell Betroffener könnte also in einem rechts-regierten Land größer sein. Es kann auch sein, dass Erwerbsarbeit in konservativen Gesellschaften ideologisch eine wichtigere Rolle einnimmt und so deren Verlust weit mehr stigmatisiert als 15 in linkeren Gesellschaften. Eine weitere Interpretationsmöglichkeit betrifft den Umstand, dass anhaltende und steigende Arbeitslosigkeit nicht mit der neoliberalen Theorie übereinstimmt, in der Arbeitslosigkeit immer nur ein vorübergehendes Phänomen ist. Daraus folgt, dass sich Konservative ihrer Wahrheiten beraubt sehen, was einen Einfluss auf ihre Zufriedenheit haben könnte. Die dargestellten Beziehungen gelten allerdings nur für Arbeitslose, die auf der Suche nach Arbeit sind. Die Lebenszufriedenheit von Menschen, die nicht zur aktiven Erwerbsbevölkerung zählen, wie beispielsweise RentnerInnen, StudentInnen oder in die Haus- und Familienarbeit eingebundene Frauen haben eine ähnliche durchschnittliche Lebenszufriedenheit wie Erwerbsarbeitende (Leu et al. 1997). Auch konnten von Bingley et al. (2005) für Dänemark nachweisen, dass eine Gesetzesänderung im Jahr 1979, die die nicht gesundheitlich bedingte Frühpensionierung ermöglichte, für 60-66 Jährige einen positiven Einfluss auf ihr subjektives Wohlbefinden hatte. Menschen, die ihren Geringverdiener-Job an den Nagel hängten, konnten den negativen Einfluss des Einkommensverlusts durch den positiven Einfluss von mehr Freizeit aufwiegen. Es ist also insbesondere der unfreiwillige Ausschluss von der Erwerbsarbeit, der das Wohlbefinden extrem negativ beeinflusst. Weiterhin spielt auch die Qualität der Arbeit für das allgemeine Glück eine Rolle, nicht nur die Tatsache eine zu besitzen. Van Praag et al. (2003) konstruieren ein Modell, bei dem sie den Einfluss der Zufriedenheit mit verschiedenen Teilaspekten des Lebens auf die allgemeine Lebenszufriedenheit untersuchen. Die AutorInnen bestimmen dabei Zufriedenheit mit der finanziellen Situation, Zufriedenheit mit der eigenen Gesundheit und Arbeitszufriedenheit als die drei einflussreichsten Teilzufriedenheiten für die gesamte Lebenszufriedenheit. So hat beispielsweise die Tatsache überqualifiziert für seine Tätigkeit zu sein negativen Einfluss auf die Arbeitszufriedenheit (Kahneman und Krueger 2006: 17). Helliwell und Huang (2005) errechnen, dass das Vorhandensein von Vertrauen am Arbeitsplatz (sowohl zu den KollegInnen als auch zu den Vorgesetzten) einen starken signifikant positiven Einfluss auf das subjektive Wohlbefinden hat. Die Literatur zu anderen Aspekten von Arbeitszufriedenheit ist zahlreich und auf diesen besonderen Aspekt kann im Rahmen dieser Arbeit nicht vertieft eingegangen werden. Es bleibt die Tatsache, dass unfreiwillige Arbeitslosigkeit den stärksten negativen Effekt auf das Glück hat. In der Makroökonomie und in der Wirtschaftspolitik wird Arbeitslosigkeit immer in Zusammenhang mit Inflation und umgekehrt gesehen. Zwischen den beiden besteht ein trade-off. Die bereits erwähnte Studie von Di Tella et al. (2001) über 12 europäische 16 Länder untersucht auch den Einfluss von Inflation auf das Wohlbefinden und kommt zu dem Schluss, dass ein Anstieg der Arbeitslosigkeit um 1% stärkere negative Effekte erzielt als ein Anstieg der Inflation um 1%. Um den negativen Einfluss eines Prozentpunktes mehr Arbeitslosigkeit auszugleichen, müsste die Inflation um 1,7% gesenkt werden. Das widerspricht der klassischen ökonomischen Sichtweise, in der negative Effekte von Inflation und Arbeitslosigkeit ungefähr gleich angesehen werden und im so genannten Misery-Index einfach als Prozentzahl summiert wird. 4.2.2 Gesundheit Glück und Gesundheit sind stark korreliert. Doch gilt das hauptsächlich für den subjektiven Gesundheitszustand, also als wie gesund man sich selbst betrachtet. Das liegt teilweise an Persönlichkeitsmerkmalen. Menschen mit einer pessimistischen oder neurotischen Grundeinstellung erinnern mehr negative Gesundheitssymptome und schätzen sich selbst auch tendenziell unglücklicher ein (Larsen 1992 in Stutzer 2003). So erfassen bspw. Gerdtham und Johannesson (1999) für Schweden, dass Menschen, die ihren Gesundheitszustand als gut beschreiben (bei drei möglichen Ausprägungen: gut, mittel, schlecht), mit einer Wahrscheinlichkeit von 0,6 folgender Aussage zustimmen: “the daily life is a source of personal satisfaction most of the time“, als höchste mögliche Ausprägung gegenüber den Möglichkeiten sometimes und never. Menschen die von sich selbst sagen, ihre Gesundheit ist in einem schlechten Zustand, sind nur mit einer Wahrscheinlichkeit von 0,42 die meiste Zeit glücklich. Die objektive Gesundheit, wie sie von Ärzten festgestellt wird, hat einen weitaus geringeren Einfluss auf die Gesundheit. Menschen sind bemerkenswert effektiv, sich auf gesundheitliche Schwächen einzustellen und mit ihnen umzugehen. Querschnittsgelähmte Menschen beispielsweise passen sich nach einer gewissen Zeit zu einem großen Maße an ihre Situation an und sind bei weitem nicht so unglücklich, wie die meisten nicht Betroffenen meinen (Stutzer 2003 und Layard 2005). Allerdings geben sie dennoch ein tieferes subjektives Wohlbefinden an, als eine unfallfreie Kontrollgruppe (Stutzer 2003). Den größten Einfluss auf die subjektive Gesundheit haben psychische Krankheiten. Layard (2005) zieht daraus den Schluss, dass Psychologie und Psychiatrie in den westlichen Ländern gestärkt werden müssen, wenn das Wohlbefinden der Menschen als Ziel dienen soll. Abschließend kann festgestellt werden, dass objektive (physische) Gesundheit zwar ein Faktor in der oben dargestellten 17 ‚Glücksgleichung’ darstellt, aber bei weitem nicht einen so großen Einfluss hat, wie vielleicht im ersten Moment angenommen. 4.2.3 Soziale Beziehungen Soziale Beziehungen sind wichtig für das Wohlbefinden der Menschen. Das wird kaum bestritten. Dabei spielen unterschiedliche Beziehungen eine wichtige Rolle. Nahebeziehungen zum Partner oder zur Partnerin, gute FreundInnen und das Netzwerk von Bekannten und KollegInnen. Die Quantität und Qualität von Beziehungen wird auch als Sozialkapital bezeichnet (für eine ausführlichere Darstellung des Begriffs in verschiedenen Disziplinen siehe Panther 2002). Es sind mehrere Studien aus der sozioökonomischen Perspektive über den Einfluss von sozialen Beziehungen auf das Wohlbefinden gemacht worden. Freunde, Bekannte und das Glück Inglehart (1999) und Helliwell (2001) konnten in Querschnittsstudien nachweisen, dass Menschen mit einem großen aktiven Freundeskreis sich selbst als glücklicher einschätzen. Ebenso gilt, dass Menschen, die in Vereinen und anderen Gruppen aktiv sind, eine höhere Lebenszufriedenheit berichten. Dies beschreiben Donovan und Halpern (2002) für Großbritannien (vgl. Abb. 7). Dabei gibt es sogar positive Externalitäten. Nicht nur die Leute, die sich engagieren sind glücklicher, sondern ein hohes bürgerliches Engagement hat auch positiven Einfluss auf die Menschen in der Region, die ihre Freizeit eher passiv gestalten. 18 Abbildung 7: Lebenszufriedenheit* und Partizipation in der Gemeinschaft, UK 2001 * British Household Panel Study/nVision Satisfaction with life, on a 100 point scale where 1 is not satisfied at all and 100 is completely satisfied. Quelle: Donovan und Halpern (2002:26) Ein weiteres Thema, das in einigen Definitionen mit Sozialkapital gleichgesetzt wird, ist Vertrauen. Gemessen wird Vertrauen auf verschiedene Arten, bspw. durch Fragen, wie im World Value Survey: Do you agree with the following statement? ‚Most people can be trusted’. In Gesellschaften, wo mehr generalisiertes Vertrauen (also auch Fremden gegenüber) herrscht, sind die Menschen tendenziell zufriedener (Donovan und Halpern 2002). Querschnittsstudien können aber keine Aussagen über die Kausalität der Ergebnisse liefern. Machen Freundschaften glücklich oder schließen glücklichere Menschen leichter Freundschaft? Aufschluss können Paneldatenreihen geben wie das deutsche sozioökonomische Panel (GSOEP) oder das britische Haushalts Panel Survey (BHPS). Mit Paneldaten kommt Powdthavee (2005) sogar zu einem weit stärkeren Zusammenhang von Freundschaft zu Wohlbefinden (etwa sechsmal stärker als in Querschnittstudien). Er nutzt die Frage aus dem BHPS: „How often [in a year] do you meet friends or relatives who are not living with you, whether here at your home or elsewhere? 1. never, 2. less often than once a month, 3. once or twice a month, 4. once or twice a week, 5. on most days. Powdthavee errechnet, dass einem durchschnittlichen britischen Haushalt 35.000 Pfund im Jahr extra gezahlt werden müsste, um den Verlust im Wohlbefinden auszugleichen, der mit einem Absenken der Anzahl der Besuche von Freunden und Verwandten um eine Standardabweichung vom Mittelwert einhergeht. 19 Neben der Quantität der Kontakte werden andere Variablen genutzt, um das soziale Gefüge der Menschen abzubilden. So errechnen Helliwell und Huang (2005) eine signifikant positive Korrelation zwischen subjektivem Wohlbefinden und Vertrauen in der Nachbarschaft. In einer Studie, in der texanische Arbeiterinnen allen Aktivitäten eines Tages positive und negative Gefühle mit unterschiedlichen Ausprägungen zuordnen, wird socializing after work an Platz zwei gerankt. Noch mehr genossen die Probandinnen allerdings intimate relations (Kahneman et al. 2004 in Kahneman und Krueger 2006). Gemeinschaft und Freunde spielen also anscheinend eine wichtige Rolle für das Wohlbefinden. Empirisch noch eindeutiger ist aber wie im Folgenden dargelegt der Zusammenhang von Wohlbefinden mit stabilen Partnerschaften. Partnerschaft und Glück Verheiratete Personen berichten tendenziell ein höheres persönliches Wohlbefinden als geschiedene, getrennt lebende, verwitwete, unverheiratete und zusammenlebende Personen (Layard 2005:64). Dabei stellt sich wiederum die Frage, ob es glücklich macht in einer festen und stabilen Beziehung zusammenzuleben oder ob glücklichere Menschen eher heiraten. Frey und Stutzer (2005) nutzen Daten aus dem GSOEP um dieser Frage auf den Grund zu gehen. Sie betrachten Menschen zwischen 20 und Ende 30 und bilden zwei Gruppen. Eine Gruppe, die später heiraten wird, und eine Gruppe, die Single bleibt. Da bekannt ist, dass das Glück im Zeitraum um die tatsächliche Hochzeit extrem positiv ausschlägt und sich später wieder Durchschnittswerten nähert, betrachten die Autoren nur Individuen, die mindestens vier Jahre von ihrer Hochzeit entfernt sind. Befragt man die um die 20 jährigen so berichten diejenigen, die später heiraten werden ein signifikant höheres Wohlbefinden. Bei den um die 30 jährigen gibt es kaum Unterschiede. Im späteren Alter wiederum sind diejenigen glücklicher, die später noch heiraten werden. Es scheint also tatsächlich einen Zusammenhang zwischen Persönlichkeitsmerkmalen, Zufriedenheit und der Chance zu heiraten zu geben. Das führt uns zu der Frage, inwiefern glücklich sein angeboren ist oder durch unsere Kinderstube festgelegt wird. 4.2.4 Was bestimmen die Gene? Tellegen et al. (1988 in Helliwell 2001) kommen in einer Studie mit eineiigen Zwillingen (die den gleichen Genpool haben) zu dem Schluss, dass genetische Unterschiede für 40% des 20 subjektiven Wohlbefindens verantwortlich sind. Die New Economic Foundation (NEF 2004b) geht sogar davon aus, dass Gene und die frühen Kinderjahre 50% des späteren Wohlbefindens bestimmen. Layard (2005:58) hingegen warnt davor den Einfluss der Gene in % festzulegen, da die genetischen Voraussetzungen eines Menschen stark mit den Erfahrungen im Leben in Zusammenhang stehen. Viele negative genetische Voraussetzungen treten z.B. nur zu Tage, wenn bestimmte Auslöser in der Umwelt dazukommen. Außerdem stehen bestimmte genetisch bedingte Persönlichkeitsmerkmale mit Erfahrungen in Verbindung. So kann es sein, dass bestimmte Merkmale zu einer positiven Reaktion der Umwelt führen. Und dass ein positiver Zustand durch gute genetischen Voraussetzungen initiiert wird, aber durch positive Erfahrungen verstärkt und verfestigt wird. In jedem Fall muss festgehalten werden, dass die genetischen und familiären Voraussetzungen sehr wohl einen Einfluss auf das Wohlbefinden haben, dass aber die Umweltbedingungen und persönliche Erfahrungen ebenso eine wichtige Rolle spielen. Im folgenden Kapitel wird dargestellt, inwiefern die äußeren, nicht direkt beeinflussbaren Umweltbedingungen einen Einfluss auf das subjektive Wohlbefinden haben. 4.2.5 Demokratie und Governance In welchem politischen und institutionellen Umfeld wir leben, kann unser Wohlbefinden beeinflussen. Frey und Stutzer (2002) zitieren eine Studie von Veenhoven (2000) der Happiness und Freedom in Beziehung setzt. Dabei berücksichtigt er politische Freiheit mit den beiden Indizes Bürgerrechte und Meinungsfreiheit (jeweils durch mehrere Items gemessen), weiterhin ökonomische Freiheit (inwiefern Individuen am freien Austausch von Gütern, Dienstleistungen und Arbeitskraft teilnehmen können) und persönliche Freiheit (z.B. Möglichkeit die eigene Religion auszuüben, zu heiraten, zu reisen). Freiheit ist in allen drei Facetten stark positiv mit persönlichem Glück (auf einer vierstufigen Skala) korreliert. Wenn man das Pro-Kopf Einkommen kontrolliert und Berechnungen mit Subgruppen vornimmt, wird deutlich, dass ökonomische Freiheit insbesondere in ärmeren Ländern besonders wichtig ist, wohingegen in wohlhabenderen Ländern mit hoher Bildung politische Freiheit einen stärkeren Einfluss auf das Glück hat. Helliwell und Huang (2006) kommen zu dem Schluss, dass die Qualität der Regierungsführung die wichtigste Variable ist, um Unterschiede im subjektiven Wohlbefinden zwischen Nationen zu erklären. Sie orientieren sich dabei an der von der Weltbank verwendeten Messung von Good Governance, die mehrere Items umfasst (vgl. Kaufmann et al. 2005). Dieser Zusammenhang bleibt auch bestehen wenn man das Pro-Kopf 21 Einkommen in der Berechnung kontrolliert. Helliwell und Huang betrachten außerdem welche Komponenten von Good Governance für ärmere und wohlhabendere Länder besonders wichtig sind. Dafür teilen sie das Sample in Länder oberhalb und unterhalb einer Grenze, die der Hälfte des Pro-Kopf Einkommen der USA 1995 in Kaufkraftparität entspricht. Weiterhin unterscheiden sie eine politische Komponente von guter Regierungsführung, die die demokratische Güte zum Ausdruck bringt (Voice and Accountability; Political Stability) und eine Komponente, die die Effektivität der Umsetzung politischer Maßnahmen widerspiegelt und ein Bild vom institutionellen Rahmen zeichnet, in dem sich die BürgerInnen vernetzen können (governmental effectiveness, regulatory quality, rule of law, and control of corruption). Für die ärmeren Länder ergibt sich dabei ein stark positiver Zusammenhang zwischen dem Wohlbefinden und den Variablen, die die Effektivität ausdrücken und ein schwach negativer Zusammenhang mit der politischen Dimension. Für die reicheren Länder ist der Zusammenhang genau umgekehrt. Die Bedeutung die den demokratischen Prozessen in einem Land beigemessen wird, steigt mit dem Einkommen, der Effektivität einer Regierung und dem Vertrauen, das ihr entgegen gebracht wird. Es ist nachvollziehbar, dass sich WählerInnen mehr um die eigene Stimme und die Rechenschaft von PolitikerInnen interessieren, wenn es wahrscheinlich ist, dass Maßnahmen, für die man gestimmt hat, auch effizient umgesetzt werden und eine Wahl nicht nur eine korrupte Elite durch die nächste ersetzt. Graham und Pettinato (2000) untersuchen in einer Studie die Einflüsse auf das individuelle Glück in Lateinamerika. Sie arbeiten mit dem Latinobarometro, das auch Fragen zu Demokratie beinhaltet. Die Befragten gaben erstens zu Protokoll, ob Demokratie jeder anderen Regierungsform vorzuziehen sei und zweitens wie zufrieden sie mit der aktuellen Demokratie sind (vier Ausprägungen zwischen sehr und überhaupt nicht zufrieden). Die üblichen individuellen Variablen (Einkommen, Alter, Geschlecht) kontrolliert, kommen die AutorInnen zu dem Schluss, dass eine positive Grundeinstellung zur Demokratie keinen signifikanten Effekt auf das Wohlbefinden hat, die Zufriedenheit mit der Demokratie aber positiv und signifikant mit dem Wohlbefinden korreliert. Sie zeigen ebenso auf, dass sich Zufriedenheit mit Demokratie und eine positive Grundeinstellung gegenüber einer Gesellschaft mit freiem Markt gegenseitig verstärken. Ein Hinweis darauf, dass Marktliberalisierungen nicht per se sondern in Zusammenhang mit effektiven Regierungsinstitutionen einen positiven Einfluss auf das Glück von Nationen haben. 22 Bei allen länderübergreifenden Studien besteht die Problematik, dass die politischen Institutionen mit vielen anderen Variablen zusammenhängen und dass selbst bei modifizierten statistischen Berechnungen die Vergleichbarkeit zwischen den Nationen immer bis zu einem gewissen Grad limitiert bleibt. Besonders aufschlussreich ist deshalb eine Studie von Frey und Stutzer (2000), die innerhalb der Schweiz verschiedene Kantone und die jeweilige Ausprägung direkter Demokratie untersuchen. Man kann davon ausgehen, dass innerhalb einer Nation weniger Verzerrungen zu verzeichnen sind. Frey und Stutzer untersuchen dabei die Möglichkeiten der BewohnerInnen der 26 verschiedenen Kantone durch Volksentscheide aktiv am politischen Prozess teilzunehmen. Die Regulierungen unterscheiden sich dabei für die einzelnen Kantone. Frey und Stutzer stellen die Hypothese auf, dass mehr Möglichkeiten der Partizipation das persönliche Glück erhöhen. Die Aktivitäten der PolitikerInnen würden sich besser an den Wünschen der BürgerInnen bewegen, da diese besser überwacht und kontrolliert werden können. Zweitens ist es wahrscheinlich, dass erweiterte Möglichkeiten am politischen Prozess teilzunehmen, unabhängig vom Ergebnis positiven Einfluss auf das Wohlbefinden haben; der so genannte Prozessnutzen. Weiterhin sagen sie voraus, dass auch föderale Dezentralisierung und besonders lokale Autonomie dazu führt, dass der politische Entscheidungsprozess sich näher an den Präferenzen der betroffenen BürgerInnen bewegt. Empirisch können sie diese Annahmen belegen. Auf Basis von 6000 befragten SchweizerInnen wird ersichtlich, dass bessere Möglichkeiten der direkten Beteiligung an demokratischen Prozessen einen signifikanten Einfluss auf das persönliche Wohlbefinden haben. Eine Verbesserung auf dem 6-stufigen Demokratieindex um einen Punkt entspricht einem Anstieg der Personen, die sich als sehr glücklich bezeichnen um 2,8% (10 auf einer Skala von 1-10). Die lokale Autonomie von RegionalpolitikerInnen (Selbsteinschätzung auf einer Skala von 1-10) hat auch einen positiven Zusammenhang zum subjektiven Wohlbefinden der Kanton-BewohnerInnen. Wenn allerdings die Variable für direkte Demokratie in die Berechnung miteinbezogen wird, ist der Zusammenhang nicht mehr signifikant. Die Autoren konstatieren einen Zusammenhang zwischen beiden Variablen und legen den Schwerpunkt der weiteren Berechnungen auf die direkte Demokratie. Insgesamt kann festgehalten werden, dass eine Regierungsführung, die effizient ist und den BürgerInnen die Möglichkeit bietet sich zu beteiligen, einen positiven Effekt auf das Wohlbefinden hat. Dabei ist ersteres für ärmere Länder besonders wichtig. 23 4.2.6 Umwelt(zerstörung) Die Beziehung zwischen dem Ökosystem und Well-Being wurde ausführlich vom Millennium Assessment, einer Initiative der Vereinten Nationen mit weiteren Partnern, untersucht und im Synthesis Report veröffentlicht (Millennium Assessment 2003). Dabei wird auf eine Definition von Well-Being zurückgegriffen, die von der in diesem Papier genutzten abweicht. Die ForscherInnen beziehen sich auf die äußeren Bedingungen, die das Umfeld den Menschen bietet, um ein gutes Leben führen zu können. Well-Being und Armut werden als Pole eines Kontinuums verstanden. In Bezug auf die in Kapitel zwei dargestellte Matrix der verschiedenen Dimensionen von Lebensqualität handelt es sich hier um das livability of the environment, die „Lebbarkeit“ der Umwelt. Unterschiedliche Ökosysteme versorgen die Menschen mit einer Reihe von Dienstleistungen, die meist als kostenlos und unbegrenzt verfügbar wahrgenommen werden. Veränderungen der Ökosysteme durch Menschenhand, wie sie in den letzten Jahrzehnten deutlich zugenommen haben (ebd.), haben auch Einfluss auf die Verfügbarkeit und Qualität dieser natürlichen Dienstleistungen und beeinflussen somit die objektive Lebensqualität. Generell gilt, dass arme Menschen mehr unter den Veränderungen der Ökosysteme leiden, da sie weniger Zugang zu Substituten haben. Ein bisher weit weniger erforschtes Thema ist der Einfluss des Zustands von Natur und Umwelt auf das subjektive Wohlbefinden im Sinne der in Kapitel zwei dargestellten Definition von Zufriedenheit. Eine gängige Theorie ist, dass arme Gesellschaften, die wachsen, wenig achtsam mit der Umwelt umgehen und dem ökonomischen Erfolg Priorität verleihen. Ab einem gewissen Einkommensniveau steigt dann allerdings das Interesse an einer intakten Natur und Umweltschutz, und die Menschen sind bereit Geld dafür auszugeben, was sich wiederum positiv für die Umwelt äußert. Die so genannte Umwelt Kuznets Kurve stellt diesen Zusammenhang grafisch dar (vgl. Abb. 8). Für verschiedene Bereiche, etwa die Ressourcenintensität, wird dieser Zusammenhang widerlegt. Zwar ist in der industrialisierten Welt die relative Ressourcenintensität stark gesunken, der absolute Verbrauch ist aber immer noch steigend (vgl. bspw. Giljum und Rocholl 2005). 24 Abbildung 8: Die Umwelt Kuznets Kurve Wendepunkt Pro-Kopf Einkommen Grad der Umweltbelastung Quelle: eigene Darstellung Welsch (2002 und 2003) ist einer der wenigen Autoren, der konsequent Glück (als subjektives Wohlbefinden) und Umweltverschmutzung in Beziehung setzt. Er nutzt dafür Daten aus zehn europäischen Ländern aus den 1990er Jahren. Das heißt Länder, die sich eher im Bereich der negativen Steigung der Kuznets Kurve befinden. Er setzt Luftverschmutzung (Blei und Stickstoffdioxid) mit Lebenszufriedenheit in Beziehung und monetisiert anschaulicherweise die Ergebnisse. So berechnet er, dass man einem repräsentativen Deutschen $1.900 im Jahr zahlen müsste, damit er die durchschnittliche japanische Luftverschmutzung ohne Zufriedenheitseinbußen akzeptieren kann (2002). Weiterhin rechnet Welsch (2003) vor, wie viel dem Durchschnittsbürger eines bestimmten Landes die Reduktion von Schadstoffen in der Luft, die tatsächlich von 1990 bis 1997 realisiert wurde, wert ist. In Zahlen ausgedrückt entspricht die realisierte Stickstoffdioxid-Reduktion in diesem Zeitraum einem monetären Wert von $900 pro Jahr und EU Bürger und $1.400 für die realisierte Reduktion von Blei in der Luft. Diese Durchschnittswerte verzerren jedoch den Umstand, dass ökonomisch besser gestellte Länder bereit sind mehr Geld auszugeben, da Einkommen einen abnehmenden Grenznutzen hat. Der durchschnittliche Deutsche bewertet etwa die realisierte Reduktion von 70% im genannten Zeitraum mit $1.500, während die Griechen eine Reduktion von 60% lediglich mit $560 bewerten. 25 Ferrer-i-Carbonell und Gowdy (2005) betrachten das Umweltbewusstsein und dessen Einfluss auf die Lebenszufriedenheit (in einer Ausprägung von eins bis sieben). Sie nutzen dafür zwei Fragen aus dem British Household Panel Survey (BHPS) bei denen die Befragten bestimmen, ob sie sich a) um die Zerstörung der Ozonschicht sorgen und b) um das Artensterben. Im Ergebnis zeichnet sich eine signifikant negative Korrelation für a) und eine signifikant positive Korrelation für b) ab, während das Integrieren von beiden Variablen kein signifikantes Ergebnis liefert, da sich die beiden Effekte ausgleichen. Abermals ist aus dieser Beziehung nicht zu erkennen, ob Menschen, die sich um die Ozonschicht Sorgen machen, davon unglücklicher werden oder ob tendenziell unglückliche Menschen sich um alles mögliche Sorgen machen und eben auch über das Ozonloch. In Bezug auf das Artensterben argumentieren die AutorInnen, dass es möglich sei, dass insbesondere Menschen, die sich viel im Freien bewegen, sich um Tiere und Pflanzen sorgen und dass eben diese Aktivitäten in der Natur glücklicher machen bzw. dass glücklichere Menschen dazu neigen viel Zeit im Freien zu verbringen. Die AutorInnen kontrollieren deshalb ob die Befragten zu Depression neigen und ob sie viel Zeit im Freien verbringen (aufgrund mangelnder Alternativen im BSHP die Arbeit im Garten). Die dargestellten Zusammenhänge zum Wohlbefinden bleiben aber auch unter Einbeziehung dieser Variablen bestehen. Die AutorInnen versuchen zu erklären, dass Menschen, die sich um das Ozonloch sorgen, sich aktiv mit Umweltverschmutzung auseinandersetzen. Und Umweltverschmutzung und Well- Being sind wie oben dargestellt (Welsch 2002 und 2003) negativ korreliert. Die Begründung für die positive Korrelation zwischen Sorge um Artensterben und Well-Being suchen die AutorInnen in Bezug auf Kellert und Wilson (1993) darin, dass Menschen psychologischen Nutzen daraus ziehen, wenn sie sich um andere Spezies kümmern. Die AutorInnen ziehen den Schluss, dass mehr Forschung über Umweltbewusstsein und -einstellung nötig ist. So könnte Umweltpolitik nicht nur zum Schutz der Umwelt sondern auch zum Wohlbefinden der Menschen beitragen. Hierbei muss aber kritisch festgestellt werden, dass eine Vermischung von Zielen (Umweltschutz und Wohlbefinden der BürgerInnen) auf der Basis der Glücksforschung auch zu Problemen führen kann. So würden beispielsweise die Ergebnisse von Ferrer-i-Carbonell und Gowdy den Schluss zulassen, dass es das nationale Wohlbefinden steigert, Umwelt- Initiativen zu fördern, die sich beispielsweise für den Erhalt der Wale, der Fischotter oder heimischer Bergpflanzen einsetzen. Dass aber andererseits der Klimaschutz kein optimales öffentliches Thema ist, da die Beschäftigung damit das Wohlbefinden mindern könnte. Eine solche Prioritätenverschiebung in der öffentlichen Förderstrategie könnte fatale Folgen haben. 26 Einen weiteren Hinweis, dass ein umsichtiger Umgang mit der Umwelt und eine nachhaltige Umweltpolitik das Wohl der Menschen indirekt beeinflussen kann, gibt die Arbeit von Wagner und Schneider (2006). Sie beobachten in einer Panel-Analyse über 15 Staaten Westeuropas, dass die Zufriedenheit mit der Demokratie dort höher ist, wo 1) eine Energie- oder CO2-Steuer existiert, 2) verschiedene Umweltauflagen, wie z.B. Verpackungsregeln, implementiert sind, 3) Staatsausgaben für die Umwelt höher sind, 4) wo es ein staatliches Umweltamt oder eine ähnliche Einrichtung gibt, 5) wo weniger Autos fahren, 6) mehr bleifreies Benzin verbraucht wird und 7) weniger Pestizide verwendet werden. Wie in Abschnitt 4.2.5 dargestellt, hat eine höhere Zufriedenheit mit der Demokratie wiederum einen positiven Einfluss auf das subjektive Wohlbefinden. Abschnitt vier hat einen groben Überblick über verschiedene Faktoren der Glücksgleichung gegeben. Natürlich gibt es noch weitere Aspekte die von WissenschaftlerInnen untersucht wurden und werden. Dennoch kann festgehalten werden, dass Glück sowohl von inneren als auch von äußeren Faktoren beeinflusst wird. Im Folgenden soll dargelegt werden, inwiefern PolitikerInnen und BürgerInnen aus den Erkenntnissen der Glücksforschung schon einen Nutzen gezogen haben und aktiv dabei sind, das Glück der Menschen zu erhöhen. 5. Glück in der Politik Die wohl bekannteste und älteste Initiative das Glück nicht nur als Wohlstandsbegriff zu beforschen, sondern auch als politisches Ziel auszugeben, kommt aus dem Königreich Bhutan. Gross National Happiness in Bhutan Dort ist von König Jigme Singye Wangchuck in den 1970er Jahren folgender Ausspruch geprägt worden: Gross National Happiness is more important than Gross National Product. Seitdem ist tatsächlich das Bruttosozialglück oberstes Entwicklungsziel des kleinen asiatischen Staates. Das Konzept des Bruttosozialglücks fußt auf vier Säulen: 1) sozioökonomische Entwicklung mit einem Schwerpunkt auf Bildung und Gesundheit 2) Bewahrung und Förderung kultureller Werte 3) Schutz der Umwelt 4) Errichtung von guten Regierungs- und Verwaltungsstrukturen 27 Das Vorgehen in den einzelnen Bereichen wird in 5-Jahresplänen festgelegt. Seit der vorsichtigen Öffnung des Landes mit dem Amtsantritt des damals sehr jungen Königs Jigme 1974, der heute (2006) immer noch regiert, kann Bhutan einige Erfolge für sich verbuchen (Brauer 2003). So sind 26% der Fläche (in etwa die Größe der Schweiz) Naturschutzgebiet, Bhutan beherbergt die größte Artenvielfalt Asiens und nur 5% der verschiedenartigen Wälder werden kommerziell genutzt. Im Bereich Bildung und Gesundheit haben sich weitreichende Veränderungen ergeben. Die Analphabetenrate fiel von 82,5% im Jahr 1977 auf 46% 1999 und im Jahr 2000 besuchten 72% der Kinder eine Primarschule. Die Lebenserwartung stieg im gleichen Zeitraum von 46 auf 66 Jahre und heute haben 90% der teilweise in unwegsamen Regionen lebenden Bevölkerung Zugang zu Gesundheitsversorgung. Finanziell wird Bhutan durch hohe Einnahmen aus der Wasserkraft zunehmend unabhängig. Im Bereich der politischen Säule, steht zwar der Alleinherrscher Jigme immer wieder in der Kritik (Parteien sind in Bhutan bis heute verboten) aber die Dezentralisierung ist weit vorangeschritten und auch das Parlament wurde gestärkt (Brauer 2003). 2005 ist ein Verfassungsentwurf vorgelegt worden, der 2008 abgestimmt werden soll. Am kritischsten werden die Maßnahmen zum Schutz der heimischen Kultur betrachtet. Dass bis 1999 das Fernsehen in Bhutan verboten war, was von mancher Seite als Bevormundung der Bevölkerung und Einschränkung der Meinungsfreiheit aufgefasst wird, ist nur ein Aspekt. Schwerer wiegt der Vorwurf, dass als bhutanische Kultur von Regierungsseite nur die Kultur der herrschenden Ethnie gilt und insbesondere die nepalesisch stämmige Minderheit im Süden des Landes immer wieder diskriminiert wird. Ein Problem, das sich momentan für Bhutan abzeichnet, ergibt sich paradoxerweise aus den Erfolgen in der Bildungsoffensive. Es gibt kaum Stellen für die Schulabgänger. Bhutan hat keinen nennenswerten privaten Sektor, die Stellen in der Verwaltung wiederum sind weitestgehend besetzt. Die wenigen Jobs in der Landwirtschaft oder als Hilfsarbeiter bei Straßenbau- oder Kraftwerksprojekten werden traditionell von rund 50 000 indischen MigrantInnen versehen. Die aus den Schulen kommenden BhutanerInnen haben an diesen harten und schlecht bezahlten Jobs kaum Interesse. Es wird sich zeigen, wie der Stellenmangel behoben werden kann. Nichtsdestotrotz muss man festhalten, dass Bhutan mit der Orientierung auf eine Entwicklung, die materielle, kulturelle und spirituelle Aspekte als mindestens gleichwertig begreift und Mensch, Umwelt und Kultur zu einen versucht, einen interessanten und einzigartigen Weg gegangen ist. Die Orientierung der Politik am Glück der Menschen, wird zunehmend auch in der westlichen Welt ein Thema. 28 Politikberatung in Groß Britannien In Europa hat die britische Regierung bereits Interesse am Thema Glück gezeigt. Im Jahr 2002 legten Nick Donovan and David Halpern der Regierung eine Ausarbeitung mit dem Titel „Life Satisfaction: the state of knowledge and implications for policy“ vor. Die Autoren unterscheiden dabei in Politikempfehlungen, die mehr und weniger kontroverse Debatten hervorrufen können. Zu den weniger kontroversen Ratschlägen zählen sie: • Forschung fortsetzen und mehr Daten erheben, um der Regierung zu ermöglichen nicht-monetäre Kosten und Nutzen besser abschätzen zu können (bspw. für verschiedene Formen der Altenpflege). • Möglichkeiten für die BürgerInnen am demokratischen Prozess zu partizipieren verbessern. • Soziales Engagement in der Bürgerschaft subventionieren und andere Formen von Sozialkapital stärken. • Arbeitslosigkeit bekämpfen und dem Schaffen von Arbeitsplätzen vor der finanziellen Absicherung von Erwerbslosen Priorität verleihen • Themen wie Lebenszufriedenheit und Glück in die Bildung integrieren. Aufklärung in gesundheitlichen Angelegenheiten durch Informationen der Glücksforschung ergänzen, um der Gesellschaft ein höheres Maß an Wohlbefinden zu ermöglichen. Das könnte eine wertvolle Ergänzung zu Werteerziehung im religiösen Bereich sein. Zu den umstritteneren Vorschlägen zählen Donovan und Halpers: • Die ökonomische Entwicklung unterliegt stark abnehmenden Grenznutzen (mit Well- being als Maßstab). Deshalb muss der Entwicklung armer Staaten Vorrang gewährt werden. Diese Schlussfolgerung ist unabhängig von ethischen Argumenten. Es handelt sich schlicht um einen effizienteren Ressourceneinsatz. • Das gleiche gilt für die Umverteilung innerhalb von Staaten. Progressive Besteuerung kann dazu beitragen, das Signal abzuschwächen, dass mehr Einkommen zu mehr Wohlbefinden führe. • Mehr Freizeit und insbesondere deren aktive Nutzung mehrt das Wohlbefinden. Manche meinen, dass Individuen es schwer haben, solche Entscheidungen durchzusetzen und kollektives Handeln unwahrscheinlich ist; dass staatliche Intervention durch progressive Besteuerung aber auch direktere Regulierungen für eine kürzere Wochenarbeitszeit nötig sind. 29 • Das Anhäufen materiellen Wohlstands hat nicht nur wenig Einfluss auf die Zufriedenheit der Besitzer, da ein Anpassungseffekt greift, sondern sogar negative Externalitäten. Denn andere Menschen fühlen sich im Vergleich schlechter gestellt, empfinden sich als relativ ärmer und streben ebenso nach mehr Wohlstand. Diese Tretmühle kann durch die Besteuerung luxuriöser Statussymbole abgeschwächt werden. Es bleibt allerdings zu bedenken, dass es schwierig ist zwischen den Käufern echter Luxusgüter und Trendsettern, die schlicht als erste die Massengüter von morgen kaufen und somit zu Entwicklung wichtiger Branchen beitragen, zu unterscheiden. Die als kontrovers bezeichneten Vorschläge, bieten viele Möglichkeiten der Kritik. Insbesondere muss man die Frage in den Raum stellen, wie paternalistisch ein Staat sein soll. Gilt die Möglichkeit das Wohlbefinden einer Gesellschaft zu erhöhen mehr als die freie Entscheidung der BürgerInnen? Diese Frage muss für jeden Sachverhalt ausführlich diskutiert werden. Großbritannien hat dafür einen wichtigen Schritt gemacht, in dem es sich Profis aus der Glücksforschung ins Boot geholt hat. Dazu gehören beispielsweise David Halpern, als politischer Berater in der Strategy Unit des britischen Premiers und Geoff Mulgan, der ehemalige Leiter dieser Einheit. Weitere Beispiele Auch in anderen Ländern gibt es vereinzelte Ansätze, neue Definitionen und Erkenntnisse von Wohlstand in die Politik zu integrieren. Jedoch stehen diese Bemühungen erst am Anfang. In Kanada zum Beispiel gibt es eine Initiative, die einen umfassenden Wohlstandsindikator mit Namen Genuine Wellbeing Index entworfen hat, der Entwicklungen in den Bereichen Sozialkapital, Humankapital, Naturkapital, Finanzkapital und Infrastruktur darstellen soll. Selbstberichtetes Glück ist dabei einer von 22 Indikatoren (mit über 100 Variablen). In der Gemeinde Leduc wurde 2006 der erste Genuine Wellbeing Report veröffentlicht (Anielski und Wilson 2006). Nach Willen des Teams sollen die Ergebnisse aus der Erhebung, die nicht nur Maßzahlen sondern auch qualitative Interviews mit Kindern, Erwachsenen und RenterInnen enthalten, als Basis für ein Regionalentwicklungskonzept dienen. Auch in anderen Regionen beschäftigen sich zunehmend mehr VertreterInnen des öffentlichen Lebens mit dem Thema Glück. In Australien hat die Region Indigo Shire eine Zeit lang vierteljährlich ein Gross National Happiness Barometer erstellt, um Ansässige und Touristen auf dem Laufenden zu halten. Diese Bemühungen sind allerdings unterbrochen. 30 Abbildung 9: Leduc Genuine Well-being Index Flower, 2005 Quelle: Anielski und Wilson 2006: 11 Ein weiteres Land, in dem das Glück zunehmend eine Rolle spielt, ist Österreich. Das Salzkammergut bezeichnet sich als Wellbeing-Region und mehrere Initiativen rund um Glück und Wohlbefinden sind dort gestartet (Hinterberger 2005). Darunter auch „mitANANDA“1, ein Verein zur Förderung der Glücksforschung, bei dessen Gründung das Sustainable Europe Research Institute (SERI) Pate stand. Auch die Region Niederösterreich Mitte hat unter dem Motto „Auf dem Weg zum Selbst“ eine regionale Entwicklungsstrategie verabschiedet, in der Glück und subjektives Wohlbefinden eine größere Rolle spielen sollen (mehr dazu unter www.seri.at/noe-mitte) und bei deren Umsetzung das SERI beteiligt ist. In Wien wird vom Lebensministerium und SERI eine Fokusgruppe zum Thema „Well-Being und Governance“ organisiert, die sich mit dem Thema Glück als Politikziel und Teil einer Nachhaltigkeitsstrategie auseinander setzen wird. Ebenso auf internationaler Ebene findet der Begriff Well-Being Eingang in immer mehr öffentliche Dokumente. So wird der viel beachtete Global Environmental Outlook, die Hauptpublikation des UNEP, 2007 erstmals ein Kapitel zu Well-Being und Vulnerability enthalten. Auch die Europäische Union integrierte subjektives Wohlbefinden in ihre neue Nachhaltigkeitsstrategie. Dort heißt es (EU 2006:2): 1 ANANDA bedeutet in Sanskrit Glück und Seeligkeit. mitANANDA kann lautmalerisch (mit einem österreichischem Akzent) allerdings auch als miteinander, also gemeinsam verstanden werden. Siehe auch http://www.work-life-society-happiness.net/ 31 „[Sustainable Development] aims at the continuous improvement of the quality of life and well-being on Earth for present and future generations.” Außerdem taucht das Konzept des subjektiven Wohlbefindens im Bereich Social inclusion, demography and migration an prominenter Stelle auf (EU 2006:16): Overall Objective: To create a socially inclusive society by taking into account solidarity between and within generations and to secure and increase the quality of life of citizens as a precondition for lasting individual well-being. Einen weiteren Bezug gibt es im Bereich Gesundheit (EU 2006:17): Member States´ health policies should aim at creating and implementing strategies to help women and men in achieving and maintaining positive emotional states thus improving their well-being, their subjective perception of quality of life and their physical and mental health. Die angebrachten Beispiele verdeutlichen, dass es für Regionen und Nationen Zeit wird, sich damit zu beschäftigen, wie sie selbst zu einem erhöhten Glücksniveau ihrer BewohnerInnen beitragen können. Natürlich gibt es kein einfaches Patentrezept, wie man das Glück der Menschen erhöhen kann, aber die bisherige Forschung gibt wichtige Hinweise, was gute Voraussetzungen für das individuelle Glück birgt. Soziale Netzwerke sind insbesondere in räumlicher Nähe gut zu bilden. Ebenso ist von Wichtigkeit überhaupt Erkenntnisse über die Glücksforschung zu transportieren und diese regionenspezifisch zu erweitern. Glück zum zu Thema machen, kann Anstoß sein, einen Schritt aus der hedonistischen Tretmühle zu machen. Eine Region, in der sich die Menschen wohl fühlen, zieht Menschen an, ob als Arbeitskräfte oder als Touristen. Kritik Dennoch kann subjektives Wohlbefinden zu erhöhen nicht uneingeschränkt als Politikziel empfohlen werden. Weder das durchschnittliche Wohlbefinden einer Gruppe noch dessen Erhöhung, sagt etwas über die Verteilung des Wohlbefindens aus. Es enthebt PolitikerInnen nicht der Verantwortung ein Urteil über soziale Gerechtigkeit zu ziehen. Das gilt innerhalb einer Gesellschaft aber noch sehr viel mehr für einen internationalen Fokus. Sind wir bereit, Einbußen in unserem Glück hinzunehmen, um die durchschnittliche Lebenszufriedenheit in 32 Entwicklungsländern zu erhöhen? Nationale Politik, die sich hauptsächlich am Glück der eigenen BürgerInnen messen lässt, verhindert eine solche Perspektive. Ebenso wenig sind in Glücks- oder Wohlfahrtsindexen die Bedürfnisse der zukünftigen Generationen abbildbar. Eine Grundidee nachhaltiger Entwicklung ist es, die Entwicklungsmöglichkeiten und das Wohlbefinden zukünftiger Generationen mit der jetzigen Entwicklung nicht einzuschränken. Das wird durch die momentane Glücksforschung nicht abgedeckt. Erschwerend kommt noch hinzu, dass der Zusammenhang von Umweltschutz und subjektivem Wohlbefinden bisher noch nicht ausschöpfend untersucht wurde. Die Ergebnisse der Glücksforschung sind ein weiterer Hinweis darauf, dass wirtschaftliches Wachstum, ausgedrückt in BIP pro Kopf, als oberstes und oft sogar einziges Politikziel der menschlichen Entwicklung nicht gerecht wird. Das ist nach zwanzig Jahren Diskussion und Debatte um nachhaltige Entwicklung keine neue Erkenntnis. Dennoch hat die Glücksforschung eine interessante Rolle, da das allgemeine Ziel das Wohlbefinden der Menschen zu erhöhen, von wenigen in Frage gestellt werden dürfte. Außerdem bedient sich gerade die ökonomische Glücksforschung Instrumenten, die ökonomischem Standard entsprechen und die so als Basis kaum ethischer Argumente bedarf. Damit kann sie einerseits Mainstream-ÖkonomInnen ansprechen und muss kein theoretisches Nischendasein führen. Andererseits beschäftigt die Suche nach dem Glück die Menschheit schon so lange, dass allein die Begrifflichkeit bei vielen Menschen eine Sehnsucht, einen Berührungspunkt schaffen kann. Das gibt Hoffnung, dass die Glücksforschung die Debatte um die Frage „Wie wollen wir leben“ neu entfachen kann. 33 6. Quellen Alesin, Alberto; Di Tella, Rafael und MacCulloch Robert (2001): Inequality and Happiness: Are Europeans and Americans Different?, NBER Working Paper No 8198, Cambridge Anielski, Mark und Wilson, Jeff (2006): City of Leduc 2005 Genuine Well-being Report Bingley, Paul; Gupta, Nabanita und Pedersen, Peder (2005): Social Security and the Income, Consumption, Health and Well-Being of the Elderly in Denmark, Mimeo, University of Aarhus and Danish National Institute of Social Research Bjørnskov, Christian; Gupta, Nabanita und Pedersen, Peder (2005): What Buys Happiness? 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