VerNetzenSozial-ökologische und technisch-ökonomische Modellierung von Entwicklungspfaden der Energiewende VerNetzen Sozial-ökologische und technisch-ökonomische Modellierung von Entwicklungspfaden der Energiewende Projektabschlussbericht Dagmar Zechel/pixelio.de AutorInnen: Melanie Degel, Marion Christ, Liv Becker, Judith Grünert und Clemens Wingenbach unter Mitwirkung von: Martin Soethe, Wolf-Dieter Bunke, Karoline Mester und Frauke Wiese Projektleitung: Melanie Degel Institut für Zukunftsforschung und Technologiebewertung Berlin Projektpartner: Prof. Dr. Olav Hohmeyer, Marion Christ Europa-Universität Flensburg Dr. Peter Ahmels, Liv Becker, Judith Grünert Deutsche Umwelthilfe e.V. Oktober 2016 Abschlussbericht: „Vernetzen: Sozial-ökologische und technisch-ökonomische Modellierung von Entwicklungspfaden der Energiewende“ Förderkennzeichen: 03SF0460A (IZT Berlin), 03SF0460B (Europa-Universität Flensburg), 03SF0460C (DUH, Berlin) Forschungsbeiträge 4 ISSN: 2196-7164 Europa-Universität Flensburg Zentrum für nachhaltige Energiesysteme (ZNES) Energie- und Umweltmanagemgent Munketoft 3b 24937 Flensburg www.uni-flensburg.de/eum Das diesem Bericht zugrundeliegende Vorhaben wurde mit Mitteln des Bundesminis- teriums für Bildung und Forschung unter dem Förderkennzeichen 03SF0460 geför- dert. Die Verantwortung für den Inhalt dieser Veröffentlichung liegt beim Autor. Zusammenfassung Zusammenfassung Hintergrund und Zielsetzung des Projekts Mit Energieszenarien werden die Rahmenbedingungen der Energieversorgung be- schrieben. Ihr zentraler Gegenstand ist das Energiesystem, dessen Komplexität mit Modellen möglichst gut erfasst werden soll. Energiesystemmodelle sind deshalb ein wichtiges Instrument im politischen Diskurs der Energiewende. AkteurInnen fordern immer wieder einen einzigen gültigen Umsetzungsplan als Grundlage für die Trans- formation. Einen solchen statischen Masterplan können Modelle aber nicht liefern. Das hat viele Gründe, vor allem aber liegt es an den bereits dynamischen und kom- plexen Eingangsdaten, aufgrund derer es unendlich viele Lösungsmöglichkeiten zur Gestaltung unserer zukünftigen Energielandschaft gibt. Ein Dialog mit allen Akteu- ren der Energiewende ist daher unumgänglich. Diskutiert werden sollten die Annah- men der Modellrechnungen, die generierten Lösungen sowie der bestehende Kontext. Ein Anspruch der Energiesystemmodellierung besteht darin die Berechnungsmetho- den stetig weiterzuentwickeln. Daneben zeigt sich der Mehrwert eines Modells aber vor allem darin, Komplexitäten auf das Wesentliche zu reduzieren. Grundsätzlich sollten Arbeiten mit Szenarien, Modellen und Simulationen wissenschaftlich valide, transparent und ergebnisoffen sein. Gegenwärtige Modelle zur Simulation des zukünftigen Energiesystems beruhen über- wiegend auf technischen und ökonomischen Kriterien. Aktuelle Entwicklungen zeigen jedoch, dass soziale und ökologische Faktoren zunehmend an Bedeutung gewinnen. Dies wird insbesondere durch den Stellenwert der gesellschaftlichen Akzeptanz beim Ausbau der Windenergie und dem Stromübertragungsnetz deutlich. Daher sind diese Themenfelder Hauptgegenstand des Forschungsprojektes VerNetzen, anhand derer ein Ansatz zur Integration sozial-ökologischer Faktoren in die Modellierung erarbei- tet wird. Im Anschluss daran werden mit dem entwickelten Verfahren die Effekte auf die Verteilung der Windenergieleistung und den Netzausbau untersucht und ers- te Schlussfolgerungen abgeleitet. Neben den quantitativen Ergebnissen der Modell- rechnungen, ist ihre Verwendbarkeit bei gesellschaftlichen Dialogen in Zukunft ein weiteres Qualitätsmerkmal. In der Energiesystemmodellierung sind zukünftig inter- aktive Modelle denkbar, die Akteure befähigen eigene Lösungsentwürfe miteinander zu diskutieren. Mittelfristig werden sie somit ein Instrument für eine partizipative I Zusammenfassung Zielgestaltung der Energiewende. Die Ergebnisse im Forschungsprojekt bilden hier- für eine Grundlage. Ziel des Projekts ist die methodische Integration sozial-ökologischer Faktoren ge- sellschaftlicher Akzeptanz, beim Windenergie- und Netzausbau, in ein Strommarkt- modell sowie die Entwicklung von Ausbauszenarien bis 2050. Die Basis hierfür sind qualitative Untersuchungen heutiger lokaler Akzeptanzprobleme und quantitative ökonomische und technische Daten. Konkret werden im Projekt zwei Forschungsfra- gen beantwortet: • Wie kann gesellschaftliche Akzeptanz beim Ausbau der Windenergie und beim Netzausbau in die Modellierung integriert werden? • Welche Effekte ergeben sich auf die Verteilung der Windenergieleistung und die verfügbaren Netzkapazitäten? Die Bearbeitung ist gegliedert in drei inhaltliche Teile: 1. Die Erhebung von Einflussfaktoren gesellschaftlicher Akzeptanz von Wind- energie und beim Netzausbau sowie die Analyse politisch-rechtlicher Rahmen- bedingungen. 2. Die Integration von den Schlüsselfaktoren gesellschaftlicher Akzeptanz in das Strommarktmodell. 3. Definition von Zukunftsszenarien und Simulation des Energiesystems. Methodik Abbildung 0.1 zeigt einen Überblick der angewandten Methodik im Projekt. Dar- gestellt sind die Vorgehensweisen in den beiden Bereichen Netz und Wind, jeweils gegliedert in einen qualitativen und die quantitativen Analyseteil. Im Rahmen der qualitativen Untersuchung werden die Einflussfaktoren der gesellschaftlichen Ak- zeptanz erhoben. Ihre Fülle wird im Bereich Netz auf Widerstands- und Engage- mentraten und im Bereich Wind auf Schlüsselfaktoren reduziert. Mithilfe dieser Komplexitätsreduktion kann beim Windausbau der Parameter Belastungsgrad, und beim Netzausbau die Verzögerungszeit von Kapazitäten definiert werden. Neben den qualitativen Erhebungen beruhen diese Parameter auch auf quantitativen Un- tersuchungen. In den folgenden Arbeitsschritten werden die Szenarien für den Netz- und Windenergieausbau definiert, die dann in das Strommarktmodell integriert wer- den. Abschließend werden damit Simulationsrechnungen durchgeführt, anhand derer II Zusammenfassung Effekte im Energiesystem, wie z.B. die Deckung der Stromnachfrage und die Strom- transportmengen deutlich werden. Abbildung 0.1: Übersicht zur Vorgehensweise bei der Erstellung von Netz- und Windausbauszenarien. Quelle: Eigene Darstellung Europa- Universität Flensburg, IZT Mit den Projektergebnissen kann gezeigt werden, dass die Berücksichtigung gesell- schaftlicher Akzeptanz in der Energiesystemmodellierung möglich ist. Hierfür ist vor allem die Reduktion der Komplexität der zahlreichen sozialen und ökologischen Einflussfaktoren erforderlich. Entscheidend dabei ist die Bestimmung von relevanten und weniger relevanten Einzelheiten. Dazu wurden die Einflussfaktoren eingehend von sozialwissenschaftlicher Seite betrachtet, während die ingenieurwissenschaftli- che Seite parallel die Modellintegration vorbereitete. Die entwickelten Parameter, Verzögerungszeit und Belastungsgrad, dürfen nicht direkt mit gesellschaftlicher Ak- zeptanz gleichgesetzt werden. Sie sind als Dimensionen zu verstehen, mit denen Effekte gesellschaftlicher Akzeptanz im Energiesystem sichtbar werden können. Projektdatenbank Ein wesentliches Projektergebnis ist die entwickelte Datenbank mit georeferenzier- ten Inhalten, womit geografische Darstellungen und geometrische Operationen er- möglicht werden. Mit der Bereitstellung von hoch aufgelösten Informationen auf Landkreis- oder Gemeindeebene können detaillierte lokale Informationen bereits bei III Zusammenfassung der Szenarienentwicklung berücksichtigt werden und dann entsprechend in die Mo- dellierung einfließen. Abbildung 0.2: Aufbau und Nutzung der Projektdatenbank. Quelle: Eigene Darstel- lung Europa-Universität Flensburg In der Datenbank enthalten sind quantitative Daten des Energiebereichs, z.B. Strom- netz und Kraftwerkspark, Strukturdaten wie z.B. Landschaft und Siedlungen sowie sozial-ökonomische Größen wie z.B. Bevölkerung und Tourismus. Daneben sind auch qualitative Projektergebnisse auf Ebene der Landkreise aus den Untersuchungen ge- sellschaftlicher Akzeptanz im Wind- und Netzbereich Bestandteil der Datenbank. Die Verwaltung Daten erfolgt mit PostgreSQL, dargestellt in Abbildung 0.2. Einflussfaktoren gesellschaftliche Akzeptanz Windenergie Im Windbereich erfolgte die Untersuchung gesellschaftlicher Akzeptanz nicht in Ein- zelprojekten, sondern auf übergeordneter Ebene. Insgesamt wurden 12 Bundeslän- der, 27 Planungsregionen, 48 Landkreise und 181 Gemeinden betrachtet (siehe Ab- bildung 0.3). Identifizierte Einflussfaktoren in den Bundesländern adressieren vor allem Einfluss- faktoren, die Prozessgerechtigkeit und Nutzen betreffen, hierzu gehören z.B. Maß- nahmen zur Einbindung, Kommunikation und zur finanziellen Beteiligung der Bevöl- kerung. Die Bandbreite reicht vom Beteiligungsgesetz in Mecklenburg-Vorpommern, bis zu eingerichteten Bürgerforen zur professionellen Konfliktregelung in Hessen. Deutschlandweit ist die Regionalplanung in den Bundesländern zwar unterschied- lich, aber nahezu flächendeckend organisiert. In den windstarken Bundesländern Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Schleswig-Holstein und Niedersachsen be- steht hoher Flächendruck. Gesellschaftlich steigt der Bedarf, bereits während der Regionalplanung, frühzeitig politischen Einfluss zu nehmen. IV Zusammenfassung Abbildung 0.3: Untersuchungsraum zu Windenergie: Qualitativ untersuchte Regio- nen auf Kreis- und Gemeindeebene. Eigene Darstellung EUF Auf Landkreis- und Gemeindeebene sind die Wahrnehmungen von Windanlagen, selbst auf engstem geografischem Raum, oft sehr unterschiedlich. Es gibt z.B. in- novative Aktivitäten beim Windenergieausbau in einigen Landkreisen Bayerns, in denen die landespolitische Abstandsregelung nicht zum völligen Baustopp geführt hat. Gleichwohl traten auch gut organisierte Proteste rund um Waldflächen und Naturparks bspw. in mehreren Landkreisen in Rheinland-Pfalz auf. Insgesamt werden vor allem kleine Projekte bei transparenter, frühzeitiger und be- ständiger Beteiligung der lokalen Bevölkerung akzeptiert. Besonders negativ wirken mangelnde Erfolgsbeteiligung und ausbleibende Gewerbesteuereinnahmen. Alle er- hobenen Informationen wurden zusammengefasst in der Projektdatenbank abgelegt, Abbildung 0.4 zeigt einen Auszug daraus. V Zusammenfassung Abbildung 0.4: Auszug aus der Projektdatenbank. Beispielregion Südwestpfalz. Quelle: Eigene Darstellung IZT Berlin Einflussfaktoren gesellschaftliche Akzeptanz Netzausbau Im Netzbereich bildeten Praxiserfahrungen aus Fallbeispielen die Grundlage der Un- tersuchungen. Hier konnte in 13 Teilabschnitten, der EnLAG Vorhaben 1-6 und des BBPlG-Vorhabens 8, die gesellschaftliche Akzeptanz systematisch erhoben werden. Mithilfe eines umfangreichen Indikatorensystems wurde für jeden der 19 betroffe- nen Landkreise eine Widerstands- und eine Engagementrate bestimmt (Abbildung 0.5). Abbildung 0.5: Geographische Darstellung der Ergebnisse der Widerstands- (linke Grafik) und Engagementrate (rechte Grafik) im Untersuchungsraum. Quelle: Eigene Darstellung IZT Berlin Ermittelt wurden sechs Landkreise mit hohen Widerständen und mittlerem Enga- gement mit Verzögerungszeiten von durchschnittlich ca. sechs Jahren bei der Vorha- VI Zusammenfassung benrealisierung. Schon geringer, mit vier Jahren, sind die durchschnittlichen Verzö- gerungszeiten in den zwölf Landkreisen, die zwar mit vergleichbaren Widerständen, aber höherem Engagement bewertet wurden. Integration der Schlüssefaktoren in das Modell Wie zu erwarten, zeigt sich bei den verschiedenen Einflussfaktoren eine große Band- breite, geprägt von regionalen Unterschieden. Beispielsweise sind die Bedingungen einer erfolgreichen finanziellen Beteiligung in Schleswig Holstein nicht mit denen in Brandenburg vergleichbar. Trotz solcher Unterschiede sollen für das Simulati- onsmodell Faktoren festgelegt werden, die generell zur Darstellung der Dimension gesellschaftliche Akzeptanz geeignet sind. Wie die bisherigen Ergebnisse hierfür zu- sammengefasst und in einen einzigen Parameter überführt werden, der direkt in ein Modell einfließen kann, wird nachfolgend beschrieben. Windausbau Gesellschaftliche Akzeptanz steht i.d.R. im Zusammenhang mit der genutzten Flä- che für Windenergie, genannt werden: Die Flächengröße, Art der Flächen, wie bspw. Wald, Naturparks sowie dazugehörige naturschutzrechtliche Belange. Ebenfalls, im Zusammenhang mit Flächen, häufig angeführt, sind die Nutzung angrenzender Flä- chen wie bspw. Erholungsflächen für den Tourismus sowie der Anteil zur verfügba- ren Gesamtfläche. Allgemeiner, aber auch im Zusammenhang mit Fläche, gelten das Landschaftsbild sowie steigender Flächendruck (auch in windstarken Regionen) als wichtige Einflussfaktoren. Aufgrund all dieser Faktoren wird, die mit Windanlagen bebaute Fläche als Schlüsselfaktor identifiziert. Allerdings ist sie als absolute Größe für einen Vergleich nicht zielführend, sondern erst relativ zur Gesamtfläche eines Landkreises. Die Definition des Schlüsselfaktors lautet demzufolge: Anteil bebauter (Wind)Fläche im Verhältnis zur Gesamtfläche eines Landkreises. Der zweite Schlüsselfaktor bildet den starken Zusammenhang zwischen gesellschaft- licher Akzeptanz und der Partizipation der Bevölkerung von der Planung bis zur Umsetzung von Windprojekten ab. Die Ergebnisse der qualitativen Untersuchun- gen zeigen, dass positive und negative Partizipation bei Planungsprozessen häufig bereits auf Ebene der Regionalplanung auf Zustimmung oder Kritik der Bevölke- rung trifft. Partizipation findet in Form formeller und informeller Beteiligung statt. Sie tritt aber auch in Form eingereichter Bedenken beim Planfeststellungsverfahren auf, oder als aktive Bürgerinitiativen bei der Umsetzung bereits genehmigter Wind- parks. Eingeschlossen ist auch der vielfach genannte Nutzen für die Bevölkerung durch finanzielle Beteiligungskonzepte, von Steuereinnahmen auf Gemeindeebene, VII Zusammenfassung bis hin zur konkreten Beteiligung der lokalen Bevölkerung an den Projekten. Die Bevölkerung muss eingebunden werden, deshalb wird die Bevölkerungsdichte eines Landkreise als zweiter Schlüsselfaktor definiert. Mit den definierten Schlüsselfaktoren konnte die Bandbreite der Einflussfaktoren re- duziert und gleichzeitig eine Definition von gesellschaftlicher Akzeptanz für die Mo- dellierung festgelegt werden. Die wesentliche Schwäche der Schlüsselfaktoren liegt in ihrer Unschärfe, trotzdem hat ihre Auswahl zwei wichtige Vorteile: 1. die Schlüssel- faktoren sind numerisch und können damit für alle Landkreise berechnet werden, 2. ihre Anzahl ist in einem Modell gut handhabbar. Die Schlüsselfaktoren sollen als Re- präsentation der Belastung in Form eines Belastungsgrads in einem Landkreis durch Windenergie verstanden werden. Mathematisch umgesetzt durch die Multiplikation beider Schlüsselfaktoren: Belastungsgrad = bebauteWindfläche F lächeLandkreis ·BevölkerungsdichteLandkreis (0.1) Beide Größen, Flächenanteil und Bevölkerungsdichte beeinflussen die Belastung glei- chermaßen. Bei nur geringer Bevölkerungsdichte steigt die Belastung durch zuneh- mende Flächenanteile, bei hoher Bevölkerungsdichte hingegen steigt die Belastung bereits bei geringen Flächenanteilen. Die Belastung ist nicht direkt mit gesellschaft- licher Akzeptanz gleichzusetzen. Denn es gibt z.B. Landkreise in Schleswig Hol- stein mit hoher Belastung und hoher gesellschaftlicher Akzeptanz oder Landkreise in Brandenburg mit geringer Belastung und schwacher gesellschaftlicher Akzeptanz. Der Faktor dient als Dimension gesellschaftlicher Akzeptanz, die zur Verteilungsrege- lung von Windenergieleistung in Modellen herangezogen werden kann, aber gleich- zeitig mit qualitativen Ergebnissen betrachtet werden muss. Die Berechnungsgrö- ßen sind flächendeckend für alle deutschen Landkreise verfügbar, wodurch für jeden Landkreis die heutige Belastung (Ist-Belastungsgrad) ermittelt werden kann. Ferner bietet die Berechnungsweise die Möglichkeit eine maximale Belastung pro Landkreis zu bestimmen (Belastungsgrad MAX). Ist- und MAX-Wert bilden damit, neben den technischen und ökonomischen, weitere Grenzen für jeden einzelnen Landkreis, zwischen denen die zukünftige Bebauung festgelegt werden kann. In Abbildung 0.6 sind die Ist-Belastungsgrade und die maximalen Belastungsgrade dargestellt als Isolinien, d.h. Linien gleicher Belastung. Die Ist-Belastung basiert auf der Datengrundlage von 2014. Die maximale Belastung basiert auf der Annahme, dass die gesamte zur Verfügung stehende Weißfläche für Windenergie genutzt wird. Dargestellt als Punkte sind die deutschen Landkreise (abzüglich der deutschen Städ- VIII Zusammenfassung Abbildung 0.6: Ist Belastungsgrad im Jahr 2014 und maximaler Belastungsgrad, wenn die gesamte Weißfläche für Windenergie genutzt wird. Quelle: Eigene Darstellung Europa-Universität Flensburg te) anhand ihrer genutzten Fläche für Windenergie zu ihrer gesamten Landesfläche und ihrer Bevölkerungsdichte, also mit ihren Belastungsgraden. Netzausbau Parallel dazu wurden für den Bereich Netzausbau mit einer Regressionsanalyse rein statistische Zusammenhänge zwischen Einflussfaktoren gesellschaftlicher Akzeptanz und den realen Verzögerungszeiten aller EnLAG-Vorhaben untersucht. Den stärks- ten Einfluss haben demnach die Faktoren Bruttoinlandsprodukt pro Kopf und die Bestandsstromtrassen. Ziel der Analyse war eine Prognose von Verzögerungszeiten für alle Landkreise anhand der vorliegenden Daten. Berechnet wurden durchschnitt- lich 4,5 Jahre. Die konkreten Ergebnisse zeigt Abbildung 0.7. Im Osten ergaben sich deutlich höhere Verzögerungsrisiken als im Süden. Da im Süden bisher allerdings weniger Vorhaben realisiert wurden, flossen auch keine Ver- zögerungszeiten in die Analyse ein. Mit einer Kombination der Ergebnisse aus der Fall- und der Regressionsanalyse wurden Verzögerungszeitspannen festgelegt, die auf alle Landkreise Deutschlands übertragen werden konnten. Neben den realen Verzö- gerungszeiten wurden auch Engagementraten für alle deutschen Landkreise erhoben. Für die Mehrheit wird mittleres Engagement prognostiziert. Aus Verzögerungspro- gnosen und Engagementraten werden Widerstandsraten für alle Landkreise abgelei- tet, die zur Erstellung von den drei Netzszenarien low, mid und high für alle EnLAG- und BBPlG-Vorhaben genutzt werden. Die geringste Verzögerungszeitspanne mit 0, 2 und 5 Jahren liegt im Szenario low vor, eine mittlere mit 1, 3,5 und 7 Jahren im Szenario mid und die höchste mit 2, 5 und 9 Jahren im Szenario high, dargestellt in Abbildung 0.8. IX Zusammenfassung Abbildung 0.7: Verzögerungsprognosen je Landkreis auf Basis des Regressionsmo- dells. Eigene Darstellung IZT Berlin Abbildung 0.8: Verzögerungsannahmen pro Vorhaben im Netzszenario high. Quelle: Eigene Darstellung IZT Berlin Mithilfe der breiten qualitativen Untersuchungen werden die zahlreichen sozial- ökologischen Einflussfaktoren auf jeweils eine Dimension gesellschaftlicher Akzep- tanz in den Netz- und Windausbauszenarien reduziert, die in der Energiesystemmo- X Zusammenfassung dellierung nutzbar sind. Für den Netzausbau ist diese Dimension als Zeitverzögerung gegenüber der ursprünglich geplanten Inbetriebnahme definiert, ermittelt aus Wider- stand und Engagement. Beim Windausbau ist diese der Belastungsgrad, berechnet aus dem Produkt von Flächenanteil und Bevölkerungsdichte. Beide Dimensionen sind natürlich nicht direkt mit gesellschaftlicher Akzeptanz gleichzusetzen, sondern Variablen in Energieszenarien, mit denen Effekte simuliert werden können. Nach ih- rer Definition mussten die Dimensionen in Energieszenarien bestimmt werden, d.h. es musste ein Belastungsgrad pro Landkreis festgelegt und die Verzögerungszeiten der Netzszenarien auf alle Netzausbauvorhaben verteilt werden. Anschließend wurden Energiesystemsimulationen bis zum Zieljahr 2050 durchgeführt. Wind- und Netz- szenarien wurden getrennt analysiert, d.h. variiert wurde immer nur eine Dimension pro Szenario, damit die Effekte dem Belastungsgrad oder den Zeitverzögerungen zugeordnet werden konnten. Zukunftsszenarien und Simulation mit dem Strommarktmodell Windausbau Vor den Simulationsrechnungen zum Windausbau konnten, mit der gegebenen Defi- nition, die heutigen Belastungen durch Windenergie in allen Landkreisen berechnet werden. Sie liegen zwischen 0,00 - 7,71 Einwohner/km2. Es zeigt sich, dass 57 % der installierten Gesamtleistung in 85 % aller Landkreise mit Belastungsgrad kleiner 1,00 Einwohner/km2 stehen. Somit stehen 43 % der installierten Leistung in nur 15 % aller Landkreise, mit bis zu sechsmal höheren Belastungsgraden. Abbildung 0.9 zeigt die heutigen Belastungsgrade durch Windenergie auf Basis der installierten Windleistung im Jahr 2014. Allerdings zeigen die qualitativen Untersuchungen, dass eine hohe Belastung nicht zwangsläufig schlechte Akzeptanz bedeutet. Genauso wenig sind Landkreise mit niedrigen Belastungen frei von Akzeptanzproblemen. Ein einfacher Kausalzusam- menhang zwischen Belastung und Akzeptanz ist nicht nachweisbar, sondern nur sinnvoll mit den qualitativen Untersuchungsergebnissen zu interpretieren. Um Verteilungseffekte auf die Windenergieleistung im Jahr 2050 zu untersuchen, musste für jeden Landkreis ein zukünftiger Belastungsgrad eingesetzt werden. Die- ser sollte alle Landkreise fair belasten, d.h. verfügbare Flächen aller, und nicht nur der windstärksten Landkreise für den Ausbau nutzen. Deshalb wurde ein identi- scher Belastungsgrad berechnet, mit dem die Zielleistung von ca. 100 GW im Jahr 2050 erreicht werden kann. Mit diesem gleichverteilten Belastungsszenario wird ei- ne Entwicklung bis zum Jahr 2050 abgebildet, bei der der Belastungsgrad in den XI Zusammenfassung Abbildung 0.9: Ist-Belastungsgrade je Landkreis in Bezug auf Windenergie im Jahr 2014. Quelle: Eigene Darstellung Europa-Universität Flensburg Landkreisen das einzige Ausbaukriterium der Windkraft darstellt. Das bedeutet, das technische Potenzial wurde durch einen vorgegebenen Belastungsgrads bbal be- grenzt (Gleichung 0.2). Dieser vorgegebene Belastungsgrad wird entsprechend der zu installierenden Gesamtleistung so berechnet, dass er in allen Landkreisen gleich groß ist und eine gleichverteilte gesellschaftliche Belastung darstellt. In Landkreisen, in denen dieser vorgegebene Belastungsgrad die maximale Belastung übersteigt, ist der Ausbau auf die verfügbare Weißfläche begrenzt (Gleichung 0.3). Im Rahmen dieses Szenarios wurde mit Gleichung 0.4 die heute bereits installierte Windleistung berücksichtigt. bi = bbal = ∑ Pbal,i∑ Aregion,i ai·pi , ∀ i ∈ Rbal (0.2) bi = bmax,i, ∀ i ∈ {R | bbal > bmax,i} (0.3) bi = bist,i, ∀ i ∈ {R | bbal < bist,i} (0.4) XII Zusammenfassung mit: bbal Einwohner/km2 Gleichverteilter Belastungsgrad Pbal MW Entsprechende gleichverteilte installierte Windleistung Rbal - Menge der Regionen mit gleichverteiltem Belastungsgrad Der bei einem Ausbau von 100 GW Windleistung ermittelte Belastungsgrad be- trägt 1,25 Einwohner/km2. Dieses Szenario wird mit dem verglichen, das nur nach ökonomischen Kriterien definiert ist (siehe Abbildung 0.10). Es zeigt sich, dass die- ser Ansatz zu einer Umverteilung von Windleistung primär von Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen nach Bayern und Mecklenburg-Vorpommern führt. Trotz des teilweise deutlichen Zubaus blieb der Flächenanteil zur Windenergienutzung in al- len Bundesländern bei unter 2 %. Der gewählte Belastungsgrad führt allerdings in zwei Landkreisen Mecklenburg-Vorpommerns zu einem enormen Zubau, was vor allem auf die geringe Bevölkerungsdichte zurückzuführen ist. In Bayern hingegen findet auch eine Umverteilung zwischen den Landkreisen statt. So geht der Zubau in der Hälfte der Landkreise zurück, in den restlichen aber kommt es zu einer er- heblichen Steigerung. Diesen Ergebnissen zufolge, führt selbst ein vergleichsweise niedriger Belastungsgrad in Landkreisen mit geringer Bevölkerungsdichte zu sehr hohen Zubauraten. Diese sind zwar theoretisch möglich, aus heutiger Perspektive gesellschaftlich aber wenig plausibel, denkbar sind Optimierungen per Zubaugren- zen. Prinzipiell gibt es aufgrund der großen potentiellen Flächen für Windenergie in Deutschland, auch bei vollständig erneuerbarer Stromversorgung immer noch enorm viele Möglichkeiten zur Verteilung der Anlagen. Die Herausforderung besteht des- halb darin, plausible regionale Verteilungen zu finden. Hierfür sind die qualitativen Untersuchungsergebnisse eine wichtige Basis. Zukünftig könnten partizipative Ver- fahren die Optimierungen ergänzen, indem z.B. Grenzwerte direkt mit Akteuren der Landkreise festgelegt werden können. Eine deutschlandweite Simulation bietet da- bei den Vorteil, dass die Auswirkungen von Entscheidungen einer Region direkt in anderen Regionen sichtbar werden. Neben der Begrenzung der Flächen durch eine identische Belastung in allen Land- kreisen, wurde zusätzlich untersucht, ob der Ausbau ohne Nutzung von Naturparkflä- chen möglich ist. Denn aus den Untersuchungen wurde deutlich, dass die Bebauung von Naturparks immer wieder Grundlage aktiven Widerstandes gegen die Windener- gie darstellt. Hier zeigen die Simulationsergebnisse, dass in allen Bundesländern (au- ßer dem Saarland), auch nach Abzug der Naturparkflächen noch deutlich mehr Weiß- fläche als notwendig zur Verfügung steht. Mithilfe der Simulationen wurde bestätigt, dass auch unter verstärkter Berücksichtigung der gesellschaftlichen Akzeptanz im Bereich Windenergie, hier bei gleicher Belastung aller Landkreise, und ohne Bebau- ung weiterer Naturparkflächen eine größtenteils erneuerbare Energieversorgung bis 2050 möglich ist. Insgesamt sind die Unterschiede bei aggregierter Betrachtung von XIII Zusammenfassung Abbildung 0.10: Installierte Windleistung in 2050 für alle deutschen Landkreise in MW mit einer Gesamtleistung von 101,6 GW: Ökonomisches Sze- nario und gleichverteiltes Belastungsszenario: Quelle: Eigene Dar- stellung Europa-Universität Flensburg erzeugter Strommenge, Transit und Export im Vergleich zum ökonomischen Szena- rio gering. Mit der höheren regionalen Auflösung in beiden Szenarien werden die zum Teil deutlichen Unterschiede beim Ausbau in den Landkreisen sichtbar. Ent- sprechend der höheren Ausbauraten steigen produzierte Strommenge und Export besonders in Mecklenburg-Vorpommern und Bayern. Die Standortverluste aufgrund der Restriktion durch den Belastungsgrad führen verglichen mit dem ökonomischen Szenario mit einer Windstromproduktion von 219 TWh zu einer geringeren Strom- produktion von ca. 17 TWh. Hierfür konnten mithilfe von Stromgestehungskosten zwischen 5 - 8 ct/kWh in 2050 spezifische Mehrkosten von 0,16-0,25 ct/kWh (bei einem Stromverbrauch von 518 TWh in 2050) kalkuliert werden. Netzausbau Aus den Projektergebnissen lässt sich schlussfolgern, dass starkes Engagement, unab- hängig vom zu erwartenden Widerstand, zu einer geringeren Zeitverzögerung führt. Da für die Mehrheit der Landkreise mittleres Engagement ermittelt wurde, können sich je nach Fortentwicklung des Engagements geringe oder hohe Zeitverzögerungen XIV Zusammenfassung ergeben. Verringert sich das Engagement, drohen in der Mehrheit der Landkreise Zeitverzögerungen von mehr als zwei Jahren. Da in 49 Landkreisen zudem die Ge- fahr starker Widerstände besteht, können leicht Verzögerungen von mehr als fünf Jahren auftreten. Hierbei ist zusätzlich zu bedenken, dass die in den Netzszenarien low, mid und high eingesetzten Zeiten auf heutigen Daten basieren und zukünftig vermutlich höhere Verzögerungen vorkommen werden. Vor allem Erfahrungen aus BBPlG-Vorhaben sind bisher kaum in die Entwicklung der Netzszenarien eingeflos- sen. Da die Mehrheit der Landkreise mittleres Engagement aufweist, lag es nahe zu über- prüfen, ob und wodurch das Engagement gesteigert werden könnte. Hierfür wurde, im Modell, eine umfangreichere Öffentlichkeitsbeteiligung angenommen, wodurch sich die Engagementrate überall erhöhte, allerdings nur in drei Landkreisen soweit, dass sich dadurch niedrigere Verzögerungszeiten ergaben. Dies legt die Vermutung nahe, dass nicht einzelne Maßnahmen sondern Maßnahmenbündel Verzögerungsrisi- ken verringern. In allen drei Netzszenarien waren Simulationen nur bis zum Jahr 2039 notwendig, weil mit dem aktuellen Datensatz bei den höchsten Verzögerungen von neun Jahren im höchsten Verzögerungsszenario die letzte Trasse 2039 in Betrieb ist. Gegenstand der Betrachtung waren die nicht gedeckte Last, der Stromtransit und die konventio- nelle Erzeugung. Bis zum Jahr 2026 bestehen in keinem Szenario Probleme bei der Nachfragedeckung, erst ab 2030 steigt die ungedeckte Last an, vor allem aufgrund des im Szenariorahmen angenommenen Braunkohle- und Atomausstiegs. Insgesamt sind die Unterschiede aller Netzszenarien im Vergleich zum Basisszenario gering. Selbst bei der höchsten Zeitverzögerung können insgesamt bis 2050 nur 2,5 % des Gesamtstrombedarfs nicht gedeckt werden, nur 0,1 Prozentpunkte mehr als im Ba- sisszenario. Am deutlichsten sichtbar sind die Unterschiede bei den Stromtransit- mengen. Hier ist die Menge bei den höchsten Verzögerungen um 46 % höher als im Basisszenario. Im Basisszenario beträgt die von 2015 bis 2039 erzeugte konventionel- le Strommenge 5.158 TWh, im Szenario mit den höchsten Zeitverzögerungen müssen 19 TWh mehr produziert werden. Bereits diese geringe Menge führt in 25 Jahren zu 15 Mio. Tonnen mehr CO2 als im Basisszenario. Die Auswirkungen der Netzszena- rien sind in den berechneten Simulationen zwar vorhanden, aber noch gering. Dies ist auch auf die immer noch sehr optimistischen Annahmen für den Erfolg des Netz- ausbaus in Deutschland zurückzuführen. Demnach treten im Mittel, bis maximal ins Jahr 2039, Verzögerungen von fünf Jahren auf. XV Zusammenfassung Erkenntnisse zur methodischen Einbindung qualitativer Faktoren Verknüpfung von sozial- und ingenieurwissenschaftlicher Forschung und Praxispartnern: Die Integration qualitativer Faktoren erfordert eine Verknüpfung sozial- und ingenieurwissenschaftlicher Forschung, um eine gemeinsame Verwendung von Forschungsergebnissen zu gewährleisten. Daneben müssen frühzeitig Praxispart- ner eingebunden werden, um die Ergebnisse zu reflektieren und zu validieren. Trans- disziplinäre Forschungsprojekte sind eine geeignete Plattform für die erforderliche Kommunikation. Entwicklung eines Datenkonzeptes: Abgestimmt werden müssen Ablageforma- te, Umfang und Aussagekraft der Daten um daraus ein Verwaltungskonzept (z.B. in Form einer Datenbank) zu entwickeln. Auch hier sollten die Informationen der Praxispartner einbezogen und “übersetzt” werden. Entwicklung eines Ablage- und Verwendungskonzeptes qualitativer Da- ten: Die Nutzung qualitativer Informationen für die Modellierung erfordert einheit- liche Datenformate. Ziel ist die Verringerung von Komplexität und gleichzeitig wenig Informationsverlust. Zusätzlich muss die Datenablage erlauben auch umfangreiche Informationen abrufen zu können, um die Modellergebnisse zu interpretieren. Bereitstellung hoch aufgelöster quantitativer Datensätze: Eine möglichst hohe regionale Auflösung der quantitativen Daten gewährleistet einen möglichst ho- hen Nutzungsgrad der qualitativen Daten. Hohe Transparenz hinsichtlich Grenzen der Modellrechnungen gewähr- leisten: Die Integration gesellschaftlicher Akzeptanz in die Modellrechnungen hat methodische Grenzen. Menschliches Verhalten ist nicht modellierbar, so dass die Modellergebnisse immer von sozial- und ingenieurwissenschaftlicher Seite und von den Praxispartnern interpretiert werden sollten. Vorteile integrierter Modelle nutzen: Neben allen Schwierigkeiten haben inte- grierte Modelle den entscheidenden Vorteil, die Details der Wirklichkeit präziser zu erfassen, da zuvor nicht erfasste Effekte sichtbar werden. Innovationspotential integrierter Modelle ausbauen: Mit integrierten Model- len können Auswirkungen gesellschaftlicher und technischer Effekte direkt simuliert werden. Gleichermaßen können sozialwissenschaftliche Falluntersuchungen hinsicht- lich ihrer Auswirkungen auf das gesamte Energiesystem untersucht werden. Solche Modelle bieten das Potential als Partizipationsinstrument in Kommunen und Land- kreisen eingesetzt zu werden. XVI Zusammenfassung Erkenntnisse für die Energiewende Windenergie • Die Verteilung der Windenergieleistung nach Kriterien gesellschaftlicher Ak- zeptanz führt zu keiner wesentlichen Effizienzverschlechterung bei der Stromer- zeugung. Das bedeutet die ökonomischen Vorteile überwiegen nicht die von gesellschaftlicher Akzeptanz. Es ist daher nicht notwendig einzelne Landkrei- se, aufgrund von hoher Wirtschaftlichkeit, überproportional zu erträglichen Belastungen zu bebauen. • In einem Windausbauszenario mit einer gleichen Belastung aller Landkreise entsteht in den Landkreisen Mecklenburg-Vorpommerns ein erheblicher Leis- tungszubau. Allerdings erfordert das Ziel einer nahezu vollständigen erneuer- baren Stromversorgung in keinem Bundesland Flächenanteile zum Ausbau der Windenergie von mehr als zwei Prozent der Landesfläche. • Der Ausbaus der Windenergie zur vollständigen erneuerbaren Stromversorgung erfordert in keinem Landkreis die Bebauung von Naturparks oder Waldflächen. • Trotz des Ansatzes der gleichen Belastung ist es fraglich, ob in einigen Land- kreisen die entsprechende Leistung installiert werden kann. Es ist demzufol- ge denkbar, trotz des enormen technischen Potentials, dass die erforderliche Zielgröße für eine vollständig erneuerbare Stromversorgung in Deutschland, aufgrund von gesellschaftlicher Akzeptanz, nicht erreicht werden kann. Netzausbau • Unabhängig vom erwarteten Widerstand verringert starkes Engagement in den Landkreisen die Verzögerungsrisiken beim Netzausbau. • Aktuell liegt in der Mehrheit aller deutschen Landkreise mittleres Engagement für den Netzausbau vor. Demzufolge ist die Höhe der Verzögerungszeiten auch davon abhängig wie sich das Engagement zukünftig entwickeln wird. • Verschlechtert sich das heute mittlere Engagement in den Landkreisen, können leicht Verzögerungen von mehr als fünf Jahren auftreten. • In die Analysen flossen mehrheitlich Informationen aus den EnLAG-Vorhaben ein. Bei den BBPlG-Vorhaben bestehen vor allem aufgrund ihrer Ausmaße erhebliche Verzögerungsrisiken, die hier noch nicht in die Analysen integriert sind. XVII Zusammenfassung • Die Ergebnisse der Simulationsrechnungen zeigen, dass mit steigenden Ver- zögerungszeiten vor allem die Stromtransitmengen und die Abschaltung von erneuerbaren Energien zunehmen. • Die Ergebnisse der Simulationsrechnungen zeigen bei steigenden Verzögerungs- zeiten einen verstärkten Einsatz fossiler Kraftwerke, was zu steigenden CO2- Emissionen führt. XVIII Inhaltsverzeichnis Inhaltsverzeichnis Zusammenfassung I Abkürzungsverzeichnis XXIII Abbildungsverzeichnis XXV Tabellenverzeichnis XXIX 1 Einführung 1 1.1 Ziel des Projektes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2 1.2 Aufbau des Projektes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2 1.3 Mathematische Modelle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3 1.4 Gesellschaftliche Akzeptanz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4 2 Einflussfaktoren gesellschaftlicher Akzeptanz von Windenergie 7 2.1 Methodik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7 2.2 Einflussfaktoren gesellschaftlicher Akzeptanz . . . . . . . . . . . . . 8 2.3 Schlüsselfaktoren gesellschaftlicher Akzeptanz . . . . . . . . . . . . . 9 2.4 Ergebnisse der Umfeldrecherche . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10 2.4.1 Ebene der Bundesländer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10 2.4.2 Ebene der Planungsregionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12 2.4.3 Ebene der Landkreise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13 2.4.4 Ebene der Gemeinden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13 2.5 Ergebnisse Akteursanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15 2.5.1 Fokusgruppe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15 2.5.2 ExpertInneninterviews . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15 2.5.3 Thesenauswertung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16 2.6 Methoden-Workshop . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18 3 Einflussfaktoren gesellschaftlicher Akzeptanz beim Netzausbau 19 3.1 Methodik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19 3.2 Übergeordnete Erkenntnisse aus der Praxis . . . . . . . . . . . . . . 21 3.3 Erkenntnisse aus zwei Fallbeispielen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23 3.3.1 Fallbeispiel 1: Westküstenleitung Schleswig-Holstein . . . . . 23 3.3.2 Fallbeispiel 2: Leitung Wahle-Mecklar, Niedersachsen/Hessen 27 XIX Inhaltsverzeichnis 3.3.3 Schlussfolgerungen aus Fallbeispielen und Studien . . . . . . 29 3.4 Fokusgruppe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29 3.5 Systematische Erhebung gesellschaftlicher Akzeptanz . . . . . . . . . 30 3.5.1 Indikatoren Widerstandsrate . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33 3.5.2 Indikatoren Engagementrate . . . . . . . . . . . . . . . . . . 36 3.6 Ergebnisse der Bewertungen in den ausgewählten Landkreisen . . . . 38 4 Analyse politisch-rechtlicher Rahmenbedingungen gesellschaftlicher Ak- zeptanz 43 4.1 Die Förderung Erneuerbarer Energien . . . . . . . . . . . . . . . . . 43 4.2 Planung und Zulassung von Netzausbauprojekten . . . . . . . . . . . 44 4.2.1 Stromnetzausbau nach EnLAG . . . . . . . . . . . . . . . . . 45 4.2.2 Stromnetzausbau nach EnWG / NABEG . . . . . . . . . . . 47 4.2.3 Beschleunigungswirkung der neuen Planungsverfahren . . . . 51 4.3 Politikempfehlungen aus Plan N und Plan N 2.0 . . . . . . . . . . . 51 4.3.1 Plan N im Jahr 2010 und die Bilanz 2012 . . . . . . . . . . . 52 4.3.2 Plan N 2.0 von 2013 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 54 4.3.3 Akzeptanzfaktoren aus Plan N und Plan N 2.0 . . . . . . . . 57 4.4 Politisch-rechtliche Einflussfaktoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 57 5 Auswertung und Integration sozial-ökologischer Schlüsselfaktoren in das Strommarktmodell 61 5.1 Aufbau einer Datenbank im Projekt . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61 5.1.1 Datengrundlage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 62 5.1.2 Entity-Relationship-Modell . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 67 5.1.3 Verwendungsmöglichkeiten der Projektdatenbank . . . . . . . 69 5.1.4 Integration qualitativer Untersuchungen . . . . . . . . . . . . 69 5.2 Statistische Auswertungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 71 5.2.1 Netz: Regressionsmodell . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 72 5.2.1.1 Akzeptanzfaktoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 72 5.2.1.2 Erhebung Verzögerungszeiten der EnLAG Vorhaben 75 5.2.1.3 Räumliches Untersuchungsraster . . . . . . . . . . . 80 5.2.1.4 Modellformulierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 84 5.2.1.5 Verzögerungszeiten pro Rasterfeld . . . . . . . . . . 90 5.2.2 Wind . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 92 5.2.2.1 Korrelationsanalysen . . . . . . . . . . . . . . . . . 92 5.2.2.2 Clusteranalysen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 94 5.2.2.3 Belastungsgrad . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 98 5.3 Integration in die Modellierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 100 5.3.1 Szenarienmodul . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 100 XX Inhaltsverzeichnis 5.3.2 Szenarioparameter Verzögerungszeit und Belastungsgrad . . . 101 5.4 Vorarbeiten für Netzausbauszenarien . . . . . . . . . . . . . . . . . . 102 5.4.1 Verknüpfung qualitativer und quantitativer Analysen . . . . . 102 5.4.2 Überprüfung der Verzögerungsannahmen . . . . . . . . . . . 104 5.5 Vorarbeiten für Windszenarien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 105 5.5.1 Kartierung der Weißfläche . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 106 5.5.1.1 Erweiterte Datengrundlage . . . . . . . . . . . . . . 106 5.5.1.2 Bestimmung der Weißfläche . . . . . . . . . . . . . . 107 5.5.2 Technisches Ausbaupotenzial . . . . . . . . . . . . . . . . . . 109 5.5.2.1 Erweiterte Datengrundlage . . . . . . . . . . . . . . 110 5.5.2.2 Ausbaualgorithmus: Flowchart . . . . . . . . . . . . 110 5.5.2.3 Ergebnisse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 116 5.5.3 Ermittlung des aktuellen und maximalen Belastungsgrads . . 116 6 Definition und Simulation von Zukunftsszenarien im Strommarktmodell 119 6.1 Erweiterung von renpass zu renpassG!S . . . . . . . . . . . . . . . . 120 6.1.1 Open Energy System Modeling Framework (oemof) . . . . . 120 6.1.2 Entwicklung der Applikation renpassG!S . . . . . . . . . . . . 123 6.2 Szenarienentwicklung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125 6.2.1 Definition allgemeiner Szenarioparameter . . . . . . . . . . . 125 6.2.1.1 Basisszenario . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 126 6.2.1.2 VerNetzen-100 Szenario . . . . . . . . . . . . . . . . 126 6.2.1.3 Erneuerbare Energien . . . . . . . . . . . . . . . . . 128 6.2.1.4 Speicher . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 130 6.2.1.5 Konventioneller Kraftwerkspark . . . . . . . . . . . 131 6.2.1.6 Netzstruktur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 133 6.2.1.7 Weitere Parameter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 134 6.2.2 Definition Netzausbauszenarien . . . . . . . . . . . . . . . . . 135 6.2.2.1 Trassenfindung zur Szenarioentwicklung . . . . . . . 135 6.2.2.2 Verzögerungen in den Netzausbauszenarien . . . . . 138 6.2.3 Definition Windszenarien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 143 6.2.3.1 Ökonomischer Windausbau . . . . . . . . . . . . . . 143 6.2.3.2 Windausbau nach gleichverteilter Belastung . . . . . 144 6.3 Sozial-ökologische Effekte der Szenarien . . . . . . . . . . . . . . . . 146 6.3.1 Netz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 146 6.3.2 Wind . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 150 6.4 Simulationsergebnisse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 160 6.4.1 Kraftwerkseinsatz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 162 6.4.2 Netzausbau . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 165 6.4.3 Windausbau . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 170 XXI Inhaltsverzeichnis 7 Fazit 175 7.1 Wichtigste Ergebnisse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 175 7.2 Ausblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 183 8 Handlungsempfehlungen 187 Literaturverzeichnis 191 XXII Abkürzungsverzeichnis Abkürzungsverzeichnis AEE . . . . . . . . . . Agentur für Erneuerbare Energien AGS . . . . . . . . . . . Amtlicher Gemeindeschlüssel BBPlG . . . . . . . . Bundesbedarfsplangesetz BBSR . . . . . . . . . Bundesministerium für Bau-, Stadt- und Raumforschung BfN . . . . . . . . . . . Bundesamt für Naturschutz BFP . . . . . . . . . . . Bundesfachplanung BI . . . . . . . . . . . . . Bürgerinitiative BImSchG . . . . . . Bundesimmissionsschutzgesetz BKG . . . . . . . . . . Bundesamt für Kartographie und Geodäsie BNetzA . . . . . . . Bundesnetzagentur CLC . . . . . . . . . . . Corine Land Cover CoastDat2 . . . . . Klimadatensatz des Helmholtzzentrums Geesthacht DBMS . . . . . . . . . Datenbankmanagementsystem dena . . . . . . . . . . . Deutsche Energie-Agentur DKRZ . . . . . . . . . Deutsches Klimarechenzentrum DLM . . . . . . . . . . Digitales Landschaftsmodell DUH . . . . . . . . . . Deutsche Umwelthilfe e.V. EE . . . . . . . . . . . . Erneuerbare Energien EEG . . . . . . . . . . Erneuerbare-Energien-Gesetz EMF . . . . . . . . . . Elektromagnetische Felder EnLAG . . . . . . . . Energieleitungsausbaugesetz EnWG . . . . . . . . . Energiewirtschaftsgesetz ER . . . . . . . . . . . . Entity Relation FFH-Gebiet . . . Flora-, Fauna-, Habitatgebiet FG UPSY . . . . . Forschungsgruppe Umweltpsychologie GEM . . . . . . . . . . Gemeinde GIS . . . . . . . . . . . Geoinformationssystem XXIII Abkürzungsverzeichnis GPS . . . . . . . . . . . Global Positioning System IZES . . . . . . . . . . Institut für Zukunftsenergiesysteme IZT . . . . . . . . . . . Institut für Zukunftstechnologien und Technologiebewertung KR . . . . . . . . . . . . Kreis kV . . . . . . . . . . . . . Kilovolt KWK . . . . . . . . . Kraft-Wärme-Kopplung LK . . . . . . . . . . . . Landkreis MELUR . . . . . . . Ministerium für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt und länd- liche Räume Schleswig-Holstein MW . . . . . . . . . . . Megawatt NABEG . . . . . . . Netzausbaubeschleunigungsgesetz NEP . . . . . . . . . . Netzentwicklungsplan oemof . . . . . . . . . Open Energy Modelling Framework OSM . . . . . . . . . . Open Street Map OVGU . . . . . . . . Otto-von-Guericke-Universität PFV . . . . . . . . . . . Planfeststellungsverfahren PSW . . . . . . . . . . Pumpspeicherkraftwerk renpass . . . . . . . . Renewable Energy Pathways Simulation System RLI . . . . . . . . . . . Reiner Lemoine Institut ROV . . . . . . . . . . Raumordnungsverfahren SPA . . . . . . . . . . . Special Protection Area SQL . . . . . . . . . . . Structured Query Language TÖB . . . . . . . . . . Träger öffentlicher Belange UBA . . . . . . . . . . Umweltbundesamt UTM . . . . . . . . . . Universal-Transversal-Mercator UW . . . . . . . . . . . Umspannwerk WKA . . . . . . . . . Windkraftanlage ZNES . . . . . . . . . Zentrum für nachhaltige Energiesysteme ÖSM . . . . . . . . . . Ökologisches Schneisenmanagement ÜNB . . . . . . . . . . Übertragungsnetzbetreiber XXIV Abbildungsverzeichnis Abbildungsverzeichnis 0.1 Übersicht zur Vorgehensweise bei der Erstellung von Netz- und Wind- ausbauszenarien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . III 0.2 Projektdatenbank . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . IV 0.3 Untersuchungsraum zu Windenergie . . . . . . . . . . . . . . . . . . V 0.4 Auszug aus Projektdatenbank . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . VI 0.5 Ergebnis der Widerstands- und Engagementrate im Untersuchungsraum VI 0.6 Belastungsgrade: Ist und Max . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . IX 0.7 Verzögerungsprognosen je Landkreis auf Basis des Regressionsmodells X 0.8 Netzszenario „high“: Verzögerungsannahmen pro Vorhaben . . . . . X 0.9 Belastungsgrade je Landkreis im Jahr 2014 . . . . . . . . . . . . . . XII 0.10 Vergleich Windszenarien ökonomisch und gleichverteilte Belastung . XIV 3.1 Indikatorensystem Widerstandsrate . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 36 3.2 Indikatorensystem Engagementrate . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38 3.3 Ergebnisse Widerstands- und Engagementrate in den 19 untersuchten Landkreisen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39 3.4 Gesamt Widerstands- und Engagementraten und Verzögerungszeiten aller EnLAG Vorhaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40 3.5 Widerstands- und Engagementraten aufgeschlüsselt nach Einzelindi- katoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41 3.6 Häufigkeiten der Kombination von Engagement und Widerstandstypen 41 3.7 Durchschnittliche Verzögerungszeit pro Vorhaben pro Typen Kombi- nation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41 3.8 Ergebnis der Widerstands- und Engagementrate im Untersuchungsraum 42 4.1 Planungsverfahren für Stromleitungen . . . . . . . . . . . . . . . . . 47 4.2 Die fünf Planungsstufen für zentralen Stromtrassen . . . . . . . . . . 48 4.3 Plan N (2010), Bilanz Plan N (2012), Plan N 2.0 (2013) . . . . . . . 52 5.1 Kreistabelle des BKG - Datensatzes in UTM Zone 32 . . . . . . . . . 64 5.2 ER - Modell des VN - Datenbankschemas . . . . . . . . . . . . . . . 68 5.3 Verknüpfung statistischer Daten der Regionaldatenbank mit der Krei- stabelle des BKG . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 70 5.4 Untersuchungsraum zu Windenergie . . . . . . . . . . . . . . . . . . 70 XXV Abbildungsverzeichnis 5.5 EnLAG-Vorhaben akzeptanzbedingten Verzögerungen . . . . . . . . 77 5.6 EnLAG-Verzögerungszeiten der Teilabschnitte im Vergleich . . . . . 78 5.7 Verzögerungen nach Akzeptanzmeldung und Erhebungsebene . . . . 80 5.8 Rasterzuweisung von Statistiken der Verwaltungsgebiete . . . . . . . 81 5.9 Rasterfeldzuweisung der Trassendaten . . . . . . . . . . . . . . . . . 82 5.10 Rasterfeldzuweisung von Polygonflächen . . . . . . . . . . . . . . . . 82 5.11 Beispiel des Rastergitters mit Datenerhebung . . . . . . . . . . . . . 84 5.12 Modellauswahl des multiplen Regressionsmodells . . . . . . . . . . . 87 5.13 Auswahl Modellvariablen zur Verzögerungsprognose . . . . . . . . . 90 5.14 Ergebniskarte zur Zeitverzögerungsprognose „Modell 3“ . . . . . . . 91 5.15 Korrelationen nach pearson und spearman . . . . . . . . . . . . . . . 93 5.16 Entwicklung der Windenergieleistung und Entwicklung der Bauland- preise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 94 5.17 Auswahl an Regionsclustern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 96 5.18 Entwicklung des Windenergieausbaus in Deutschland bis 2015 . . . . 97 5.19 Windentwicklungen der Cluster early, constant und late . . . . . . . 97 5.20 Prozentualer Anteil verbindlicher Flächenausweisungen zur Windener- giebebauung an der Landkreisfläche . . . . . . . . . . . . . . . . . . 98 5.21 Szenarienmodul . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 101 5.22 Verzögerungsprognosen pro Kreis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 104 5.23 Verwendung ähnlicher Objektkategorien zur Erhöhung der Datenqua- lität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 107 5.24 Programmablaufdiagramm - Ermittlung des theoretisch - technischen Potentials . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 112 5.25 Programmablaufdiagramm - Suchalgorithmus . . . . . . . . . . . . . 115 5.26 Identifikation von Standorten auf der Weißfläche . . . . . . . . . . . 115 5.27 Belastungsgrade: Ist und Max . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 118 6.1 Konzept des Energiesystemmodellierungsframeworks . . . . . . . . . 121 6.2 Modellierung eines einfachen Energiesystems innerhalb des Frame- works oemof . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 123 6.3 Regionale Auflösung der Applikation renpassG!S . . . . . . . . . . . 124 6.4 Szenarienvergleich: Installierte Leistung EE 2050 . . . . . . . . . . . 127 6.5 Modellübersicht zur Szenarioerstellung des Netzausbaus . . . . . . . 137 6.6 Veranschaulichung der Suchumfeldbestimmung zur Trassenfindung . 137 6.7 Graphenerstellung für die Trassenfindung . . . . . . . . . . . . . . . 138 6.8 Netzszenario „low“: Verzögerungsannahmen pro Vorhaben . . . . . . 140 6.9 Netzszenario „mid“: Verzögerungsannahmen pro Vorhaben . . . . . . 140 6.10 Netzszenario „high“: Verzögerungsannahmen pro Vorhaben . . . . . 141 6.11 Übertragungskapazitäten zwischen Austauschregionen . . . . . . . . 142 XXVI Abbildungsverzeichnis 6.12 Ergebniskarte zur Zeitverzögerungsprognose „Modell 3“ . . . . . . . 147 6.13 Ergebniskarte zur Engagementsrate in allen Landkreisen . . . . . . . 148 6.14 Ergebniskarte zur Engagementsrate in allen Landkreisen nach modi- fizierter Bewertung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 149 6.15 Belastungsgrad 2014 und 2050: Belastung nach ökonomischem Aus- bau und nach gleichverteilter Belastung . . . . . . . . . . . . . . . . 151 6.16 Belastungsgrade je Landkreis im Jahr 2014 . . . . . . . . . . . . . . 152 6.17 Belastungsgrade je Landkreis im Jahr 2050 . . . . . . . . . . . . . . 153 6.18 Installierte Leistung der Windszenarien pro Bundesland 2050 . . . . 154 6.19 Für Windenergie genutzter Anteil der Landesfläche 2050 . . . . . . . 154 6.20 Anteil an genutzter Weißfläche zur gesamten Potenzialfläche 2050 . . 155 6.21 Installierte Leistung der Windszenarien pro Planungsregion 2050 . . 156 6.22 Vergleich Windszenarien „ökonomisch’ und „gleichverteilte“ Belastung 157 6.23 Differenz der installierten Leistung pro Kreis der Windszenarien 2050 158 6.24 Differenz der Anzahl an Windenergieanlagen 2050 pro Kreis . . . . . 159 6.25 Differenz der Anzahl an Windenergieanlagen 2050 in Bayern . . . . . 160 6.26 Anzahl der installiertenWindenergieanlagen in Mecklenburg-Vorpommern 2050 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 161 6.27 Kraftwerkseinsatz 2025: Szenario base und Szenario high . . . . . . . 162 6.28 Kraftwerkseinsatz 2035: Szenario base und Szenario high . . . . . . . 163 6.29 Kraftwerkseinsatz 2050: Ökonomisches und gleichverteiltes Belastungs- szenario . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 164 6.30 Simulationsergebnisse Netzszenarien: Nicht gedeckte Last in Deutsch- land in TWh . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 166 6.31 Simulationsergebnisse Netzszenarien: Summe der ggü. dem Basissze- nario im Szenariozeitraum nicht gedeckte Last . . . . . . . . . . . . . 167 6.32 Simulationsergebnisse Netzszenarien: Transportierte Strommmenge (Tran- sit) in Deutschland . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 168 6.33 Simulationsergebnisse Netzszenarien: Differenz des aggregierten Tran- sits zum Basisszenario im Szenariozeitraum . . . . . . . . . . . . . . 169 6.34 Simulationsergebnisse Netzszenarien: Aus konventionellen Kraftwer- ken erzeugte Strommenge in Deutschland . . . . . . . . . . . . . . . 169 6.35 Simulationsergebnisse Netzszenarien: Differenz der aggregierten Sum- me der konventionell erzeugten Strommengeder ggü. dem Basisszenario170 6.36 Differenz der installierten Windleistung pro Dispatch-Region . . . . 171 6.37 Differenz elektrischer Strommengen pro Dispatch-Region . . . . . . . 172 7.1 Projektdatenbank . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 175 7.2 Untersuchungsraum zu Windenergie . . . . . . . . . . . . . . . . . . 176 7.3 Auszug aus Projektdatenbank . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 177 XXVII Abbildungsverzeichnis 7.4 Ergebnis der Widerstands- und Engagementrate im Untersuchungsraum178 7.5 Verzögerungsprognosen je Landkreis auf Basis des Regressionsmodells 179 7.6 Netzszenario „high“: Verzögerungsannahmen pro Vorhaben . . . . . 180 7.7 Belastungsgrade je Landkreis im Jahr 2014 . . . . . . . . . . . . . . 181 XXVIII Tabellenverzeichnis Tabellenverzeichnis 1.1 Dimensionen der Akzeptanz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5 2.1 Beschlüsse und Maßnahmen der Bundesländer zur gesellschaftlichen Akzeptanz mit dem Fokus Windenergie . . . . . . . . . . . . . . . . 10 3.1 Die Netzentwicklungsinitiative in Schleswig-Holstein . . . . . . . . . 24 4.1 Empfehlungen des Plan N 2.0 zu den 5 Stufen der Stromnetzplanung nach EnWG/NABEG . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55 4.2 Einflussfaktoren Um- und Ausbau der Stromnetze . . . . . . . . . . 58 5.1 Importierte Tabellen der Regionaldatenbank auf Kreis- & Gemeinde- ebene . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63 5.2 Übersicht Akzeptanzfaktoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 72 5.3 Untersuchungskriterien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 73 5.4 EnLAG-Vorhaben mit akzeptanzbedingte Verzögerungen . . . . . . . 78 5.5 Auswertung Prognosemodell zur Verzögerung . . . . . . . . . . . . . 88 5.6 Verzögerungsannahmen Widerstand- und Engagement . . . . . . . . 103 5.7 Mindestabstände für Ausschlussgebiete . . . . . . . . . . . . . . . . . 108 6.1 Installierte Leistung EE 2050 der Anrainerstaaten . . . . . . . . . . 126 6.2 Basisszenario und VerNetzen-100 Szenario: Installierte Leistung EE für Deutschland 2050 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 127 6.3 Wirkungsgradklassen konventioneller Kraftwerke . . . . . . . . . . . 132 6.4 Technische Nutzungsdauer konventioneller Kraftwerke . . . . . . . . 133 6.5 CO2 Emissionswerte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 134 6.6 O&M Kosten der Kraftwerke . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 135 6.7 Rohstoffpreise 2014 und 2050 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 136 XXIX 1 Einführung Mit Energieszenarien werden die Rahmenbedingungen der Energieversorgung be- schrieben. Ihr zentraler Gegenstand ist das Energiesystem, dessen Komplexität mit Modellen möglichst gut erfasst werden soll. Energiesystemmodelle sind deshalb ein wichtiges Instrument im politischen Diskurs der deutschen Energiewende. AkteurIn- nen fordern immer wieder einen einzigen gültigen Umsetzungsplan als Grundlage für die Transformation des Energiesystems. Einen solchen statischen Masterplan können Modelle aber nicht liefern. Dies begründet sich wesentlich durch die bereits dyna- mischen und komplexen Eingangsdaten, aufgrund derer es unendlich viele Lösungs- möglichkeiten zur Gestaltung unseres zukünftigen Energiesystems gibt. Ein Dialog mit allen AkteurInnen der Energiewende ist daher unumgänglich. Dabei sollten zur Diskussion gestellt werden, die Annahmen der Modellrechnungen, die generierten Lösungen sowie der bestehende Kontext. Der Anspruch von Energiesystemmodellie- rung besteht darin, stetig die Berechnungsmethoden weiterzuentwickeln. Daneben zeigt sich der Mehrwert eines Modells aber darin Komplexitäten auf das Wesent- liche zu reduzieren. Grundsätzlich sollten Arbeiten mit Szenarien, Modellen und Simulationen wissenschaftlich valide, transparent und ergebnisoffen sein (acatech, 2015). Gegenwärtige Modelle zur Simulation des zukünftigen Energiesystems beruhen über- wiegend auf technischen und ökonomischen Kriterien. Aktuelle Entwicklungen zeigen jedoch, dass soziale und ökologische Faktoren zunehmend an Bedeutung gewinnen. Dies zeigt insbesondere die gesellschaftliche Akzeptanz beim Ausbau der Windener- gie und dem Stromübertragungsnetz in Deutschland. Daher sind diese Themenfelder Hauptgegenstand des Forschungsprojektes VerNetzen, anhand derer ein Ansatz zur Integration sozial-ökologischer Faktoren in die Modellierung erarbeitet wird. Im An- schluss daran werden mit dem entwickelten Verfahren die Effekte auf die Verteilung der Windenergieleistung und den Netzausbau untersucht und Schlussfolgerungen abgeleitet. Neben den quantitativen Ergebnissen der Modellrechnungen, wird ihre Verwendbarkeit bei gesellschaftlichen Dialogen ein weiteres Qualitätsmerkmal wer- den. In der Energiesystemmodellierung sind zukünftig interaktive Modelle denkbar, die AkteurInnen befähigen eigene Lösungsentwürfe miteinander zu diskutieren. Mit- telfristig stellen sie damit ein Instrument für eine partizipative Zielgestaltung der 1 1 Einführung Energiewende dar. Die Ergebnisse im Forschungsprojekt bilden hierfür eine Grund- lage. 1.1 Ziel des Projektes Ziel des Projekts ist die methodische Integration sozial-ökologischer Faktoren ge- sellschaftlicher Akzeptanz, beim Windenergie- und Netzausbau, in ein Strommarkt- modell sowie die Entwicklung von Ausbauszenarien bis 2050. Die Basis hierfür sind qualitative Ergebnisse heutiger lokaler Akzeptanzprobleme und quantitative ökono- mische und technische Daten. Zukünftig sollen durch derartig gezielte Verknüpfun- gen sozial- und ingenieurwissenschaftlicher Perspektiven in Energiesystemmodellen, umfassendere Entwicklungspfade für die politische Diskussion bereit gestellt werden. Konkret werden im Projekt zwei Forschungsfragen beantwortet: • Wie kann gesellschaftliche Akzeptanz beim Ausbau der Windenergie und beim Netzausbau in die Modellierung integriert werden? • Welche Effekte ergeben sich auf die Verteilung der Windenergieleistung und die verfügbaren Netzkapazitäten? 1.2 Aufbau des Projektes Die Durchführung des Projekts erfolgte in enger Zusammenarbeit der drei Koope- rationspartner Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung (IZT), der Europa-Universität Flensburg (EUF) und der Deutschen Umwelthilfe e.V. (DUH). Das Projekt ist in drei inhaltliche Teile gegliedert: 1. Die Erhebung von Einflussfaktoren gesellschaftlicher Akzeptanz von Wind- energie und beim Netzausbau und die Analyse politisch-rechtlicher Rahmen- bedingungen 2. Die Integration von Schlüsselfaktoren gesellschaftlicher Akzeptanz in das Strom- marktmodell 3. Die Entwicklung von Zukunftsszenarien und die Simulation des Energiesystems In den Kapiteln 2 bis 3 werden unter Federführung des IZT zu Beginn Einflussfak- toren gesellschaftlicher Akzeptanz beim Windenergie- und Netzausbau recherchiert und daraus Schlüsselfaktoren abgeleitet. Parallel dazu werden durch die DUH, mit Fokus auf den Netzausbau, politisch-rechtliche Rahmenbedingungen analysiert und 2 1.3 Mathematische Modelle wichtige Einflussfaktoren herausgearbeitet (Kapitel 4). Im zweiten Teil wird in Ka- pitel 5 die Vorgehensweise der Europa-Universität Flensburg zur Integration der ermittelten Schlüsselfaktoren in das Strommarktmodell erläutert. Zunächst werden der Aufbau der Datenverwaltung und die durchgeführten statistischen Auswertun- gen beschrieben. Angeschlossen daran werden die konkrete Modellintegration und die Vorbereitungen der Szenariorechnungen erläutert. Im letzten Teil wird in Kapitel 6 die Definition verschiedener Szenarien getrennt für die Bereiche “Wind” und “Netz”, mit den entwickelten Dimensionen gesellschaftlicher Akzeptanz, von der EUF und dem IZT umgesetzt. Die an der EUF durchgeführten Simulationsrechnungen dieser Szenarien werden mit technisch-ökonomischen Szenarien verglichen. Im Anschluss an das Fazit in Kapitel 7 werden die abgeleiteten Handlungsempfehlungen in Kapitel 8 dargestellt. 1.3 Mathematische Modelle Wie Crilly (2012) erklärt, kann mithilfe eines mathematischen Modells eine Situation aus der realen Welt übertragen und in Form von Variablen und Gleichungen aus- gedrückt werden. Um das Wesentliche mit dem Modell abbilden zu können, müssen Annahmen darüber getroffen werden, welche Einzelheiten relevant sind und welche ignoriert werden können. Modelliert werden können Anwendungen in vielen Gebie- ten, z.B. Medizin, Geografie und Ingenieurwissenschaften und ebenso zahlreich sind die eingesetzten Methoden. Fundamental verbunden mit der Modellierung sind al- lerdings Begriffe wie Wahrscheinlichkeit, Statistik, Mengenlehre und Optimierung. Doch vor allem wenn menschliches Verhalten Teil der Modellierung ist, können selten übergeordnete Theorien verwendet werden. Trotzdem ist es mit Hilfe umfangreicher numerischer Daten und mit der Anwendung statistischer Methoden möglich Trends aufzuspüren. Die Genauigkeit hergestellter mathematischer Zusammenhänge sollten anschließend anhand der Ereignisse in der realen Welt überprüft werden. Im richtigen Zusammenhang und unter Berücksichtigung von Grenzen können mit- hilfe mathematischer Modelle durchaus aussagekräftige und zielgerichtete Aussagen über die Zukunft getroffen werden. Auch wenn exakte Vorhersagen nicht immer möglich sind, setzt bereits der Versuch eine Aussage zu treffen eine intensive Aus- einandersetzung mit einem Sachverhalt voraus. So dass durch die Identifikation we- sentlicher Variablen und ihres Zusammenwirkens ein tieferes Problemverständnis erlangt, und die Analysekompetenz erhöht werden kann. Dies betrifft insbesondere das bessere Verständnis für die Gültigkeit der getroffenen Annahmen, welches eine Grundvoraussetzung genauerer Zukunftsszenarien ist. 3 1 Einführung 1.4 Gesellschaftliche Akzeptanz Der Begriff Akzeptanz ist definiert als eine „positive Bewertung eines Akzeptanz- objektes durch ein Akzeptanzsubjekt“ (Wunderlich, 2012, S. 4). Dies bedeutet die „Annahme von etwas Angebotenem, Vorhandenem, Vorgeschlagenem“ (Schäfer u. Keppler, 2013, S. 19) wie z.B. Gegenständen, Sachverhalten (Objekten) durch ein- zelne AkteurInnen oder Gruppen (Subjekte). Das Forschungsfeld ist breit, mit bis- her wenig zusammenfassenden Übersichten über das gesamte Spektrum (Schäfer u. Keppler, 2013). Die oben genannte Definition des Akzeptanzbegriffs umfasst, nach Auffassung von Rau u. a. (2011), sowohl die aktive Befürwortung oder Unterstüt- zung eines Subjektes, als auch die passive Befürwortung, oder das Ausbleiben von Widerstand. Die Entstehung der sozialwissenschaftlichen Akzeptanzforschung allgemein und spe- ziell in Verbindung mit Objekten aus dem Bereich Technik wird auf die Mitte der 1970er Jahre zurückgeführt (Petermann u. Scherz, 2005). Im Energiesektor gab es zu dieser Zeit zunehmend Widerstände gegen Atomenergie oder große Staudämme von Wasserkraftwerken (Petermann u. Scherz, 2005; Wüstenhagen u. a., 2007). Ak- zeptanz von Erneuerbaren Energien (EE) fand bis in die 1990er Jahre aufgrund der zunächst breiten Unterstützung in der Bevölkerung kaum Beachtung. Dies änderte sich ab Mitte der 2000er Jahre vor dem Hintergrund der Debatten um die Ener- giewende (Schäfer u. Keppler, 2013). Im Gegensatz zu konventionellen Kraftwerken haben EE-Anlagen meist eine geringere Energiedichte, wodurch ein höherer Flächen- bedarf entsteht und ihre Sichtbarkeit zunimmt (Wüstenhagen u. a., 2007). Insgesamt werden aktuell drei unterschiedliche, sich aber gegenseitig beeinflussende Ebenen der Akzeptanz von EE unterschieden (Wüstenhagen u. a., 2007; Wunderlich, 2012): Sozio-politisch: Akzeptanz von erneuerbaren Energietechnologien und Gesetzen von der Bevölkerung allgemein und politischen EntscheidungsträgerInnen. Gemeinschaftlich/Projekt-bezogen: Akzeptanz von Entscheidungen zu konkre- ten EE-Projekten durch lokale Interessengruppen wie AnwohnerInnen oder Vertre- terInnen der Kommune. Markt-bezogen: Marktdiffusion der erneuerbaren Energietechnologien, oder des regenerativen Strombezugs auf der Nachfrageseite. Die Forschungsgruppe Umweltpsychologie (FG UPSY) der Universität Magdeburg hat durch die Betrachtung der Bewertungs- und Handlungsebene ein Akzeptanzmo- dell mit vier Dimensionen entwickelt, das einen zentralen Beitrag zur Konkretisie- rung und Präzisierung des Akzeptanzbegriffs leistet (siehe Tabelle 1.4): 4 1.4 Gesellschaftliche Akzeptanz Tabelle 1.1: Dimensionen der Akzeptanz. Quelle: eigene Darstellung, in Anlehnung an Wunderlich (2012) Handlungsebene Bewertungsebene passiv aktiv positiv Befürwortung Engagement/Unterstützung negativ Ablehnung Widerstand Der Schwerpunkt in diesem Forschungsprojekt liegt auf der Betrachtung von ge- meinschaftlicher, projektbezogener Akzeptanz von Wind- und Netzausbauvorhaben in allen vier Dimensionen des Akzeptanzmodells. 5 2 Einflussfaktoren gesellschaftlicher Akzeptanz von Windenergie Gegenstand dieses Kapitels ist die Erhebung sozial-ökologischer Einflussfaktoren ge- sellschaftlicher Akzeptanz beim Ausbau von Windenergie an Land zur methodischen Integration in ein Strommarktmodell. Hierfür wurde untersucht wie Erkenntnisse ge- sellschaftlicher Akzeptanz in einem Strommarktmodell abgebildet werden können. Weiterhin wurde betrachtet wie der heutige Wissenstand auf die Zukunft übertra- gen werden kann. Der hierbei verwendete Akzeptanzbegriff beinhaltet sowohl aktiven als auch passiven Widerstand bzw. Engagement für oder gegen die Umsetzung von Windenergieprojekten (siehe Kapitel 1.4). 2.1 Methodik Die Durchführung der Forschungsarbeiten erfolgte transdisziplinär, d.h. es wurden sowohl qualitativ-partizipative Methoden der Sozialforschung, als auch quantitative Verfahren zur Datenverwaltung und –analyse aus der Energiesystemmodellierung eingesetzt. Um die Energiesystemanalyse insgesamt zu verbessern, wurden die Er- gebnisse aus beiden Forschungsbereichen verbunden. Folgende Schritte bilden die methodische Basis: Erarbeitung des Wissenstandes zu Einflussfaktoren der gesell- schaftlichen Akzeptanz und Durchführung von Umfeldrecherchen und Akteursana- lysen zur eigenen Erhebung von Einflussfaktoren. Im Rahmen der Akteursanalysen wurden eine Fokusgruppe, neun leitfadengestützte Interviews und vier ExpertInnen- interviews durchgeführt. Parallel zu den qualitativen Arbeiten wurde das verwendete Simulationsmodell mit dem Aufbau einer Datenbank zur Einbindung der quantita- tiven und qualitativen Datenbasis weiterentwickelt. Schwerpunkt der Auswertungen der Einflussfaktoren war die Definition von Schlüsselfaktoren gesellschaftlicher Ak- zeptanz, die zur Modellintegration herangezogen werden können. Auf diese Weise enthalten die berechneten Windausbauszenarien bis 2050 erstmals auch die Auswir- kungen einer sozial-ökologischen Dimension. 7 2 Einflussfaktoren gesellschaftlicher Akzeptanz von Windenergie 2.2 Einflussfaktoren gesellschaftlicher Akzeptanz Erster Schritt der Erhebung von Einflussfaktoren gesellschaftlicher Akzeptanz von Windenergie war eine umfangreiche Literaturrecherche zur Wiedergabe des heu- tigen Forschungsstandes. Daneben wurden zentrale Thesen gesellschaftlicher Ak- zeptanz von Windenergie aus wissenschaftlichen Studien zusammengestellt. Die im Anschluss durchgeführten Umfeldrecherchen und Akteursanalysen bauen auf den Rechercheergebnissen auf. Da die Mehrheit der Einflussfaktoren gesellschaftlicher Akzeptanz projektspezifisch ist, war ihre Erhebung im ursprünglichen Untersuchungsdesign auf Ebene von Ein- zelprojekten geplant. Pro Einflussfaktor wurden Indikatoren aufgestellt, die Ein- heitlichkeit und Vergleichbarkeit gewährleisten sollten. Diese Vorgehensweise muss- te jedoch aus zwei Gründen angepasst werden. Erstens lag aufgrund der Vielzahl von Einflussfaktoren eine noch deutlich höhere Anzahl von Indikatoren vor als ver- mutet, so dass eine vollständige Erhebung aus Zeitgründen nicht realisierbar war. Hinzu kam die Unklarheit, ob diese Informationen tatsächlich direkte Zusammen- hänge zur gesellschaftlichen Akzeptanz aufzeigen. Zweitens waren nicht genügend Einzelprojekte mit den benötigten Informationen zugänglich, da auf dieser Ebene wenig einheitliche Datenerfassung erfolgt. Das Untersuchungsdesign wurde daher so angepasst, dass die Erfassung anstatt auf Basis der Einzelprojekte auf den übergeordneten Ebenen Bundesländer, Landkreise, Planungsregionen und Gemeinden stattfand. Dabei können unter anderem auch Ein- zelprojekte enthalten sein. Die Erfassung der Daten orientierte sich weiterhin an den gebildeten Indikatoren, eine Quantifizierung war allerdings nicht mehr vorgesehen. Stattdessen wurde anhand der Untersuchung von Becker u. a. (2014) folgende Ka- tegorien strukturiert: technisch-ökonomisch (installierte Leistung, Ausbaupotenti- al, Volllaststunden u.a.), sozio-ökonomisch (regionale Strukturdaten, Informationen zu Bürgerwindparks, Energiegenossenschaften, Gemeindesteuereinnahmen), sozial- ökologisch (Art der Flächennutzung, Naturräume, weitere infrastrukturelle Belas- tungen), planungsrechtlich (Struktur der Planungsregionen, Besonderheiten der Re- gionalplanung) und politisch-institutionell (Anzahl Bürgerinitiativen, Konflikte, Or- ganisationsstrukturen). Erfasst wurden direkte und indirekte Indikatoren von Ein- flussfaktoren gesellschaftlicher Akzeptanz in Form statistischer oder qualitativer In- formationen. Genutzt wurden beispielsweise Regionalstatistiken, Daten der Bundes- ministerien und Open StreetMap Daten. Weiterhin wurden Informationen lokaler Medien (z.B. Lokalzeitungen, TV-Beiträge) sowie Berichte und Dokumentationen von regionalen Planungsstellen und Landesministerien verwendet. Insgesamt bein- haltet die untersuchte Stichprobe des überarbeiteten Untersuchungsdesigns zwölf Bundesländer, 27 Planungsregionen, 48 Landkreise und 181 Gemeinden. 8 2.3 Schlüsselfaktoren gesellschaftlicher Akzeptanz Ergänzt wurden die Erhebungen durch partizipative Akteursanalysen in Form ei- ner Fokusgruppe und leitfadengestützten ExpertInneninterviews. Im Rahmen der Fokusgruppe diskutierten sieben ausgewählte AkteurInnen auf einer moderierten Veranstaltung ihre Praxiserfahrungen zur gesellschaftlichen Akzeptanz von Wind- energie. Durch die konstruktive Auseinandersetzung im Gruppenprozess konnten weitere Spezifizierungen gemacht und fehlende Aspekte ergänzt werden (IZT, 2015). Adressiert wurden vor allem die übergeordneten Ebenen der Planungsregionen und Landkreise, aber auch Einzelprojekte. Vier ExpertInneninterviews wurden mit über- geordneten AkteurInnen wie z.B. Planungsstellen oder Interessenverbänden geführt. Einen Schwerpunkt auf Einzelprojekte setzten die leitfadengestützten Befragun- gen von neun ausgesuchten Einzelprojekten in den Bundesländern Bayern, Baden- Württemberg, Hessen, Rheinland Pfalz, Brandenburg und Schleswig-Holstein. In- haltlich lag der Fokus vor allem auf Kosten- und Nutzeneffekten von Windener- gieprojekten (wie bspw. Gewerbesteuereinnahmen, Beteiligungsformate der lokalen Bevölkerung oder Gründe lokaler Proteste). 2.3 Schlüsselfaktoren gesellschaftlicher Akzeptanz Die so hergestellte Informationsbasis wurde vor allem hinsichtlich möglicher Zu- sammenfassungen oder Reduktionen auf Schlüsselfaktoren überprüft. Dabei sollte der Informationsgehalt erhalten bleiben, gleichzeitig aber weniger projekt-, lokal- oder regionsspezifisch und stärker allgemeingültig sein. Um Schlüsselfaktoren zur Modellierung einsetzen zu können, ist vor allem ihre Übertragbarkeit vom Untersu- chungsobjekt auf bspw. alle Landkreise Deutschlands ein wichtiges Qualitätsmerk- mal. Darüber hinaus sollten die Schlüsselfaktoren auch zukünftig relevant sein, da sie in Langfristszenarien einfließen sollen. Die Auswahl der Schlüsselfaktoren fand qualitativ statt. Hierfür wurden die Ergebnisse aller Ebenen, also Bundesländer, Planungsregionen, Landkreise und Gemeinden auf Schlüsselfaktoren untersucht und im Anschluss zusammengeführt. Da die Auswirkungen gesellschaftlicher Akzeptanz vor allem auf lokaler Ebene sicht- bar werden, sollte zur Modellierung eine Datenbasis mit entsprechend hoher Auflö- sung angelegt werden. Dies ist grundlegend, um Informationen statistischer Daten mit qualitativen lokalen oder regionalen Informationen zukünftig stärker zu verknüp- fen. Hierfür wurde ein vollständig neues Ablagesystem in Form einer PostGreSQL verwalteten Datenbank aufgebaut, deren Inhalte durch die Verwendung von PostGIS zusätzlich geografisch darstellbar sind und auch geometrische Operationen erlauben. Die verwendeten statistischen Daten liegen, wenn vorhanden, deutschlandweit auf 9 2 Einflussfaktoren gesellschaftlicher Akzeptanz von Windenergie Landkreisebene vor. Daneben sind auch die qualitativen Ergebnisse aus den Erhe- bungen zur gesellschaftlichen Akzeptanz zusammengefasst geografisch zugeordnet in der Datenbank abrufbar. 2.4 Ergebnisse der Umfeldrecherche Die Ergebnisse der qualitativen Untersuchungen werden in den folgenden Abschnit- ten für die einzelnen Ebenen Bundesland, Planungsregion, Landkreis und Gemeinde vorgestellt. 2.4.1 Ebene der Bundesländer Nahezu alle Bundesländer haben Maßnahmen unterschiedlicher Stärke ergriffen um die gesellschaftliche Akzeptanz für den weiteren Ausbau der Erneuerbaren Energien und speziell der Windenergie zu unterstützen. In den Bundesländern Nordrhein- Westfalen und Sachsen-Anhalt wurden keine Maßnahmen genannt. In Tabelle 2.1 sind die Maßnahmen der Bundesländer zusammengefasst aufgeführt. Tabelle 2.1: Beschlüsse und Maßnahmen der Bundesländer zur gesellschaftlichen Akzeptanz mit dem Fokus Windenergie. Quelle: eigene Zusammenstellung auf Basis von Diekmann u. a. (2014a) Bundesland Beschlüsse und Maßnahmen zur gesellschaftlichen Akzeptanz der Windenergie und der Erneuerbaren Energien generell BW Schaffung von Beratungsstellen in Regierungspräsidien, hohes Engagement aller AkteurInnen (Planungsträger, Behörden, Projektierer) bei der Standortsuche Wind, Artenkartierung (Rot- und Schwarzmilan, Fledermaus). BY Energiedialog zur Gestaltung der Energiepolitik, Einführung einer Abstandsre- gelung zu Windenergieanlagen in Höhe des zehnfachen zur Anlagenhöhe (10H- Regelung), Blockade beim Netzausbau: „Wir werden keiner Leitung zustimmen, die nicht für die Versorgung Bayerns, sondern zum Export von überschüssigem Windstrom gedacht ist“ (Ilse Aigner). BB Akzeptanz gilt als ein weiterer Pfeiler der Energiepolitik, vom Dreieck zum Quadrat. HE Bürgerforum Energieland Hessen: Aufarbeitung von Konflikten unter profes- sioneller Moderation (in 3 Modulen Dialog, Beratung, Schlichtung), Experten- hearings Thema Infraschall, Hessen-Forst entwickelt Modelle um Kommunen am wirtschaftlichen Erfolg der Windenergieanlagen (WEA) im Staatswald zu beteiligen, Beteiligung der betroffenen Kommunen an Pachteinnahmen aus der Windnutzung soll Akzeptanz erhöhen. 10 2.4 Ergebnisse der Umfeldrecherche Fortsetzung von Tabelle 2.1 Bundesland Beschlüsse und Maßnahmen zur gesellschaftlichen Akzeptanz der Windenergie und der Erneuerbaren Energien generell MV Bürger- und Kommunalbeteiligungsgesetz: Die unmittelbaren Nachbarn, die in einem Abstand von fünf Kilometern, rund um eine zu errichtende Wind- energieanlage leben sowie die Standort- und Nachbarkommunen, erhalten eine Offerte zur Beteiligung. Das Gesetz verpflichtet künftig jeden Vorhabenträger, dessen Anlagen einer Genehmigung nach dem Bundesimmissionsschutzgesetz unterliegen, zu einer Offerte zur Beteiligung an insgesamt mindestens 20 Pro- zent seines Projektes. Neben der Offerte kann der Vorhabenträger den Kaufbe- rechtigten eine alternative Möglichkeit wirtschaftlicher Teilhabe, insbesondere einen vergünstigten lokalen Stromtarif, offerieren. Andere freiwillige Modelle sind demnach auch möglich. NI Dialogprozess zur Zukunft der Energieversorgung: Runder Tisch Energiewende, 50 gesellschaftliche AkteurInnen diskutieren regionalspezifische Zielvorgaben. RP Neugegründete Energieagentur gilt bundesweit mit Konzept der Regionalbüros als einzigartig und trägt zur Akzeptanz bei. SN Hohes Beteiligungsmaß angestrebt; mehr Bürgerdialoge und Beteiligungsver- fahren gefordert. SH Führt breite Dialogverfahren. Bürgerenergie im Fokus: unterstützt werden neue und stärkere Formen der finanziellen Beteiligung. Setzt sich dafür ein, dass auch bei EEG-Umstellung auf Ausschreibungen Bürgerprojekte möglich blei- ben müssen. Netzausbau: transparentes Dialogverfahren vor dem formellen Pla- nungsverfahren, Dialog auch mit anderen vom Netzausbau betroffenen Bundes- ländern. TH Unterstützung des Landes bei Versorgung mit EE und Umsetzung kommuna- ler Klimaschutzkonzepte (durch Thüringer Energie und Green Tech Agentur). Erarbeitung eines Codex mit verbindlichen Grundsätzen zu Organisation und Zeitablauf von Bürgerbeteiligungen. Zusätzlich Initiierung von Dialogen bei strittigen Projekten Die Bandbreite der Maßnahmen weist darauf hin, dass die gesellschaftliche Akzep- tanz in der Mehrheit der Bundesländer an Gewicht gewonnen hat. Die genannten Maßnahmen der Bundesländer lassen sich in konkrete Maßnahmen (geplante Ge- setze, Kartierungen etc.), kommunikative Maßnahmen (Energiedialoge und Betei- ligungsverfahren etc.) und Maßnahmen zur politischen Zielsetzung (Akzeptanz als Pfeiler der Energiepolitik, Bürgerenergie im Fokus etc.) unterteilen. Die windstärksten Bundesländer Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern, Nie- dersachsen und Brandenburg ergreifen vor allem Maßnahmen zur Planung des wei- teren Ausbaus. Die gesellschaftliche Akzeptanz hat dort bereits heute einen erkenn- baren Stellenwert in der Energiepolitik. In Mecklenburg-Vorpommern wird dies mit 11 2 Einflussfaktoren gesellschaftlicher Akzeptanz von Windenergie der Planung eines Bürger- und Kommunalbeteiligungsgesetzes am deutlichsten. In Bayern und Baden-Württemberg betreffen die Maßnahmen die Standortsuche oder auch, wie in Bayern mit der Abstandsregelung zu Windenergianlagen von der zehn- fachen Höhe der Anlage (10H-Regelung), Einschränkungen des Ausbaus. Viele Bundesländer treffen Maßnahmen zum Umgang mit Konflikten, bspw. wurde in Hessen ein Bürgerforum zur Aufarbeitung von Konflikten unter professioneller Moderation eingerichtet. Je nach den Gegebenheiten vor Ort ergreifen die Bundes- länder auch spezifische Maßnahmen, wie Rheinland Pfalz, Nordrhein Westfalen und Hessen mit Vorbereitungen zur Bebauung freigegebener Waldflächen und dadurch erwarteten Konflikten (Diekmann u. a., 2014a). 2.4.2 Ebene der Planungsregionen In allen Bundesländern, auch in denen mit bisher wenig installierter Windleistung, konnten windstarke Planungsregionen identifiziert werden. Genauso gibt es aber auch Planungsregionen, die als „nicht windfreundlich“ beschrieben werden. Die Regionalplanung ist in den Bundesländern unterschiedlich vorangeschritten, je- doch besteht i.d.R. ein organisiertes Verfahren zur Teilfortschreibung von Windener- gie. Besonders in den stark ausgebauten Bundesländern (Mecklenburg Vorpommern, Brandenburg, Schleswig Holstein und Niedersachsen) ist bereits auf der Ebene der Regionalplanung verstärkt Flächendruck festzustellen. Entsprechend bestehen auf dieser Ebene sichtbare Widerstände im Rahmen der gesellschaftlichen Akzeptanz. In Brandenburg und Mecklenburg Vorpommern bspw. haben sich zahlreiche Bürger- initiativen zu größeren Bündnissen zusammengeschlossen, um ihren politischen Ein- fluss zu steigern. Weiterhin zeigt sich die Aktivität kommunaler AkteurInnen durch die steigende Anzahl eingehender Bedenken und Stellungnahmen. In der Planungs- region Havelland Fläming (Brandenburg) wurden bspw. ca. 95.000 Bedenken im Rahmen des Planaufstellungsverfahrens eingereicht. Widerstand und Engagement erfolgen nicht mehr nur vereinzelt projektspezifisch in Form von z.B. Bürgerinitia- tiven, sondern bereits auf Ebene der Regionalplanung, um frühzeitig Einfluss bei der Ausweisung von Windeignungsgebieten nehmen zu können. Diese verstärkte Or- ganisation zivilgesellschaftlicher AkteurInnen auf kommunalpolitischer Ebene zeigt sich besonders in Planungsregionen mit einer Ausbaugeschichte von mittlerweile 20 Jahren und länger. Einige Regionen hoher Befürwortung vonWindenergie, wie Niedersachsen und Schleswig- Holstein, die bisher von der Entwicklung des Windenergieausbaus profitieren, stoßen zunehmend an Grenzen. Verstärkt treten auch hier Akzeptanzprobleme auf und es 12 2.4 Ergebnisse der Umfeldrecherche wird Bedarf nach innovativen Beteiligungskonzepten auch auf Ebene der Planung geäußert. Insbesondere in Planungsregionen mit zur Windbebauung freigegebenen Waldflä- chen und Naturparks treten starke und gut organisierte Proteste auf. Deutlich wird dies in zwei Planungsregionen in Rheinland Pfalz mit erfolgreichen Protesten gegen den Windausbau in den Kernzonen des Pfälzer Waldes, aber auch in vielen weiteren Planungsregionen mit Naturparks. 2.4.3 Ebene der Landkreise Auf der Ebene der Landkreise differenziert sich das Bild der gesellschaftlichen Ak- zeptanz weiter. Durch die Betrachtung einzelner Landkreise in Bayern bspw., wird das breite aktive Engagement für den Ausbau der Windenergie vor Einführung der 10H-Regelung durch die Landespolitik deutlich. In einigen Landkreisen wie in Weilheim-Schongau herrscht große Unzufriedenheit, da aufgrund dieser Regelung trotz vollständig durchgeführter Planungen keine Anlage mehr umsetzbar war. Das Landschaftsbild hingegen ist vor allem in den Landkreisen des bayrischen Alpenvor- landes ein erheblicher Widerstandsfaktor. Daneben zeigen sich auch auf Ebene der Landkreise Widerstände verstärkt in der Nähe von Naturparks, aktuell verstärkt in Rheinland Pfalz und Bayern. Vereinzelt wird Windenergie aber auch als Teil ei- ner Imageverbesserung eines Landkreises genannt, wie im Landkreis Wunsiedel im Fichtelgebirge. Insgesamt sind in zahlreichen Landkreisen mindestens kleine Windprojekte durchge- führt worden. Neben den vielerorts erzielten positiven Effekten der regionalen Wert- schöpfung, ist eine frühzeitige, dauerhafte und transparente Beteiligung der lokalen Bevölkerung ein wesentlicher Erfolgsfaktor. Regional sind die Partizipationsvoraus- setzungen jedoch verschieden, in einigen Landkreisen konnten Beteiligungsangebote aufgrund der ausgeschriebenen Anteilshöhe oder zu hoher Risikoeinschätzung nicht umgesetzt werden. 2.4.4 Ebene der Gemeinden Die Einschätzungen der gesellschaftlichen Akzeptanz auf den vorgelagerten Ebenen wird nochmals anhand der Untersuchung von insgesamt 180 Gemeinden differen- ziert. In Brandenburg wird durch die Betrachtung neun verschiedener Gemeinden deut- lich, dass der Rückgang gesellschaftlicher Akzeptanz auch mit negativen Erfahrun- gen mit externen BetreiberInnen ohne lokale Bindung zusammenhängt. Denn einige 13 2 Einflussfaktoren gesellschaftlicher Akzeptanz von Windenergie Gemeinden konnten bis heute nur geringe oder gar keine Gewerbesteuereinnahmen erzielen, da die Gewerbe meist in anderen Bundesländern angesiedelt sind. Neben den fehlenden finanziellen Vorteilen, fehlten vielerorts Ansprechpersonen bei Proble- men mit Windparks. Daher besteht bei den breit organisierten Initiativen nicht nur Skepsis hinsichtlich der Ausweisung neuer Eignungsgebiete, sondern auch gegenüber externen InvestorInnen und ProjektentwicklerInnen. Die genauere Betrachtung bayrischer Kommunen unterstützt die Ergebnisse der vor- gelagerten Ebenen. Widerstände sind häufig mit dem Landschaftsbild, insbesondere Naturparks, verbunden. Die Untersuchung von Kommunen in Rheinland Pfalz und Hessen zeigt hohes Engagement gegen den Windausbau im Wald. In den windstarken Kommunen Schleswig-Holsteins und Niedersachsens treten auf- grund des ansteigenden Flächendrucks öfter Widerstände bezüglich der Anlagen- höhe auf, da die Kommunen, anstatt der weiteren Flächenausweisung, die Aufrüs- tung bestehender Anlagen (Repowering) priorisieren. Insbesondere Kommunen in Sachsen Anhalt sind von Widerständen gegen zunehmende Anlagenhöhen betrof- fen. Zusätzlich wird die Ausweisung von Neuflächen hier auch landespolitisch wenig unterstützt. Auf Gemeindeebene wird sichtbar, dass der Erfolg von Beteiligungskonzepten auch vom Engagement der Kommunen, bei der Entwicklung und Umsetzung, abhängt. Insbesondere kommunale AkteurInnen, die breite Beteiligung vorantreiben, fördern positive Erfahrungen mit Windenergie und damit gesellschaftliche Akzeptanz vor Ort. In vielen Gemeinden ist die Eigenverantwortung bei der Steuerung des Wind- ausbaus mittlerweile bekannt. Probleme mit angrenzenden Gemeindeflächen, un- terschiedlichen Flächennutzungsplanungen, Verteilungen von Kosten und Nutzen werden vielerorts interkommunal angegangen. Dies fördert Akzeptanz in der Be- völkerung durch Effizienz bei Planung und Betrieb. Erfolgreiche Gesamtkonzepte konnten ganze Regionen wirtschaftlich stabilisieren, wie z.B. die Region Weser-Ems in Niedersachsen. Anders als in Brandenburg konn- ten hier Unternehmen angesiedelt und Arbeitsplätze geschaffen werden. Die wirt- schaftlichen Vorteile beim Windenergieausbau überzeugen kommunalpolitische Ak- teurInnen. Mehrere Kommunen in Rheinland-Pfalz sind unzufrieden mit erfolgrei- chen Protesten gegen den Ausbaus. Lösungen bei solchen Problemen stellen Soli- daritätskonzepte in Aussicht. Ziel ist eine Gewinnbeteiligung von Kommunen, die aufgrund ihrer landschaftlichen Rahmenbedingungen nicht von der Windkraft pro- fitieren können. 14 2.5 Ergebnisse Akteursanalyse 2.5 Ergebnisse Akteursanalyse Neben den Recherchen zur Abbildung von gesellschaftlicher Akzeptanz auf Ebene der Bundesländer, Planungsregionen, Landkreise und Gemeinden wurden zusätz- lich weitere Untersuchungen durchgeführt. Hierzu gehören die Durchführung einer Fokusgruppe, eines Methoden-Workshops zum Thema qualitative Daten und quan- titative Modellierung, Experteninterviews, das Herausarbeiten von Thesen anhand durchgeführter Studien zur gesellschaftlichen Akzeptanz sowie die Diskussion der Vorgehensweise in einem wissenschaftlichen Beirat. Die Ergebnisse dieser Untersu- chungen werden im Folgenden vorgestellt. 2.5.1 Fokusgruppe Das Ziel der Fokusgruppe war die Bewertung von Einflussfaktoren der gesellschaft- lichen Akzeptanz von Windenergie. Die TeilnehmerInnen setzten sich aus AkteurIn- nen der Landes- und Regionalplanung der Bundesländer Brandenburg und Schleswig- Holstein und AkteurInnen aus der Projektentwicklung und –planung zusammen. Die Diskussion hat gezeigt, dass Verzögerungseffekte in der Genehmigungsphase, bei der Planung in Windeignungsgebieten, nur selten zu Umsetzungsproblemen der Projek- te führen. Die Akzeptanz auf dieser Ebene hat nach Meinung der Anwesenden nur einen geringen Zeit- oder Kosteneffekt, entscheidend sind vor allem die vorgelagerten Planungsstufen der Flächenausweisung. Eine erfolgreiche Flächenausweisung wird demzufolge von der Akzeptanz zahlreicher AkteurInnen auf verschiedenen Hand- lungsebenen (Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene) beeinflusst. Die Diskussion der Verfahren, mit Vertretern aus zwei der windstärksten Länder, Brandenburg und Schleswig-Holstein, hat gezeigt, dass vor allem die Verzahnung der Landes- und Kommunalebene eine wichtige Voraussetzung für die Umsetzung der landespolitisch geplanten Ausbauziele ist. 2.5.2 ExpertInneninterviews Insgesamt wurden im Rahmen des Projektes 13 ExpertInneninterviews durchgeführt, neun davon mit AkteurInnen konkreter Windprojekte. Der Schwerpunkt in den In- terviews lag auf der Erfassung von Nutzen und Widerständen. Erfragt wurden der finanzielle Nutzen, Beteiligungsformen bei der Planung sowie verschiedene Dimen- sionen von Betroffenheit, wie bspw. naturschutzrechtliche Belange, Landschaftsbild, Tourismus u.ä.. Die, nach Auswertung der Interviews, positivsten Projekte kommen aus den windschwächsten Bundesländern Bayern und Baden-Württemberg. Erfolgs- faktoren in allen Projekten sind der finanzielle Nutzen durch Steuereinnahmen und 15 2 Einflussfaktoren gesellschaftlicher Akzeptanz von Windenergie die Beteiligung der lokalen Bevölkerung sowie die Unterstützung durch die Kom- munalpolitik. Weiterhin positiv wirkt sich eine frühzeitige Planungsbeteiligung aus sowie informelle Informationsmaßnahmen. Die höchste Betroffenheit geben die Be- fragten beim Thema Gesundheit und Landschaftsbild an. 2.5.3 Thesenauswertung Mit dem Ziel den Status Quo zu erfassen wurden bestehende Thesen gesellschaftli- cher Akzeptanz von Windenergie erfasst. Insgesamt wurden zwölf Studien, im Zeit- raum von 2006–2014, mit einem Schwerpunkt sozial-wissenschaftlicher Untersuchun- gen im Bereich Windenergie ausgewertet (von Falkenstein, 2006; Schweizer-Ries, 2008, 2009; Kurreck u. a., 2009; Walter u. a., 2011; Musall u. Kuik, 2011; Walter, 2012; Schmid u. Zimmer, 2012; Huber u. Horbaty, 2013; Hübner u. Löffler, 2013; Hall u. a., 2013; Arndt u. a., 2014). Ihnen wurden 23 Thesen entnommen, besonders häufig in den Bereichen Landschaftsbild, finanzielle Beteiligung und Partizipation, Standortwahl und Tourismus. Nachfolgend sind die Thesen thematisch sortiert auf- gelistet. Thesen allgemein • Erfahrungen mit Windprojekten in einer Gemeinde senken bzw. erhöhen die Akzeptanz. • Die Wohndauer in einer Ortschaft hat direkten Einfluss auf die Akzeptanz. • DieAuslastung von Windenergieanlagen (Volllaststunden) erhöht die Akzep- tanz. • Es gibt eine höhere Akzeptanz für kleine Windparks mit einer Anlagenan- zahl unter zwölf. Thesen Landschaftsbild • Die Veränderung des Landschaftsbildes hat einen höheren Einfluss auf zu- gezogene als auf langansässige EinwohnerInnen • Windenergieanlagen können als Bereicherung für das Landschaftsbild ange- sehen werden. Thesen Beteiligung und Partizipation • Finanzielle Beteiligung in Form kommunaler Fonds erhöht die Akzeptanz von Windenergieanlagen. 16 2.5 Ergebnisse Akteursanalyse • Finanzielle Beteiligung in Form freiwilliger monetärer Unterstützung der Gemeinde erhöht die Akzeptanz. • Finanzielle Beteiligung in Form von Bürgerbeteiligung schafft Akzeptanz. • Hohes Umweltbewusstsein erhöht die Partizipationsbereitschaft. • Partizipation in Form von Kommunikation und eines bürgernahen Planungs- prozesses erhöht Akzeptanz von Windenergieanlagen. Thesen Standortwahl • Bei der Standortwahl erhöht/senkt der Grad der Sichtbarkeit von Windener- gieanlagen die Akzeptanz. • Bei der Standortwahl kann die Bündelung von Infrastrukturmaßnahmen Ak- zeptanz senken. • Bei der Standortwahl werden Windenergieanlagen an Autobahnen eher ak- zeptiert und nicht als störend empfunden. • Generelle Akzeptanz ggü. Windkraft ist vorhanden, allerdings sinkt die Ak- zeptanz ggü. Windkraft bei Standorten innerhalb der eigenen Region. • Bei der Standortwahl gibt es eine höhere Akzeptanz für Offshore-, als für Onshore-Windenergieanlagen • Bei der Standortwahl muss die Hörbarkeit von Windenergieanalgen eher ver- mieden werden als ihre Sichtbarkeit. • Bei der Standortwahl hat die Sichtbarkeit von Windenergieanlagen nur ge- ringen Einfluss auf Akzeptanz. Thesen Tourismus • Die Stimmung in der Gemeinde ggü. Windenergieanlagen überträgt sich auf den Tourismus, sowohl negativ als auch positiv. • Windenergieanlagen können sich positiv auf den Tourismus auswirken und dadurch die Akzeptanz in der Gemeinde erhöhen. • Berufszugehörigkeit zu der Branche Tourismus kann die Aufgeschlossenheit gegenüber Windenergieanlagen erhöhen. • Ein Großteil der Touristen fühlt sich kaum bis gar nicht von Windenergiean- lagen in der Nordeifel gestört. 17 2 Einflussfaktoren gesellschaftlicher Akzeptanz von Windenergie 2.6 Methoden-Workshop Im Rahmen des Projektes wurde ein Workshop zur Verwendung qualitativer Da- ten in quantitativen Modellen durchgeführt. Dabei zeigte sich, dass die methodische Vorgehensweise abhängig vom verwendeten Modelltyp sein muss. Man unterschei- det Bottom-up-Modelle, Systemsimulations- und/oder Optimierungsmodelle sowie agentenbasierte Modelle. In diesem Zusammenhang wurde auch die Erhebung und das Format der verwendeten Inputdaten sowie die Qualität und Aussagekraft der möglichen Outputdaten diskutiert. Bisher werden qualitative Daten für Energiesy- stemmodelle überwiegend in Form von getroffenen Vorannahmen als Rahmendaten integriert, z.B. als externe Kontextszenarien (Weimer-Jehle u. a., 2013), oder sie fließen nachgelagert in Form einer Multikriterien-Analyse in die Ergebnisse der Mo- dellierung ein. Der hier im Projekt verwendete Ansatz versucht qualitative Daten so aufzubereiten, dass diese direkt in die Modellierung integriert werden können. Hier- für müssen aus den qualitativen Daten quantitative Variablen abgeleitet werden. Je breiter dabei die qualitative Datenbasis ist, desto besser ist auch die Plausibilität der Ergebnisse. 18 3 Einflussfaktoren gesellschaftlicher Akzeptanz beim Netzausbau Das Kapitel zeigt, wie durch die Analyse von Fallbeispielen, also konkreten Vorha- ben, Einflussfaktoren herausgearbeitet wurden, die die Akzeptanz und Umsetzung von Netzausbauvorhaben in Deutschland maßgeblich beeinflusst haben. Trotz der zum Teil sehr komplexen Planungsprozesse und der fast unüberschaubaren Vielfalt von Einflussfaktoren und deren Wechselwirkungen zeigt sich, dass bestimmte Aspek- te in den Diskussionen wiederkehren und somit offensichtlich für die Akzeptanz der Projekte in den (betroffenen) Regionen von besonderer Bedeutung sind. 3.1 Methodik Das Ziel besteht darin, gesellschaftliche Akzeptanz als Dimension in Form von Verzö- gerungszeiten der Netzausbauvorhaben in die Ausbauszenarien der Modellierung zu integrieren. Hierfür wurden zuerst Einflussfaktoren gesellschaftlicher Akzeptanz her- ausgearbeitet um danach eine Methode zur systematischen Erfassung zu erstellen. Grundlage dafür sind die langjährigen Praxiserfahrungen der Deutschen Umwelthil- fe (DUH) bei der Begleitung von Planungsverfahren für Höchstspannungsleitungen in verschiedenen Regionen Deutschlands. Zunächst werden zwei Fallbeispiele von Informations- und Dialogveranstaltungen ausgewertet und für die Verwendung im Projekt aufbereitet. Dies ist erstens die geplante 380-kV-Leitung Wahle-Mecklar, Vorhaben 6 des Energieleitungsausbaugesetzes (EnLAG) von 2009. Das zweite Bei- spiel ist die 380-kV-Westküstenleitung in Schleswig-Holstein, ein Vorhaben des Bun- desbedarfsplangesetzes (BBPlG) von 2012. Zudem wurden die Erkenntnisse aus zwei umweltpsychologischen Gutachten im Auftrag der DUH hinzugezogen. Konkret han- delt es sich um eine Studie der Forschungsgruppe Umweltpsychologie (FG-UPSY) der Universität Magdeburg bzw. des IZES im Saarland zur Untersuchung der Ak- zeptanz der geplanten 380-kV-Leitung Wahle-Mecklar in Niedersachsen und Hessen im Jahr 2010. Sowie eine Untersuchung der Arbeitsgruppe Gesundheits- und Um- weltpsychologie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg zur Akzeptanz des 19 3 Einflussfaktoren gesellschaftlicher Akzeptanz beim Netzausbau Stromnetzausbaus in Schleswig-Holstein im Jahr 2013. Außerdem wurden die Ein- flussfaktoren in einer Fokusgruppe mit AkteurInnen aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft diskutiert. Angeschlossen an diese Arbeiten erfolgt die systematische Erhebung gesellschaftli- cher Akzeptanz in einem Untersuchungsraum mit 13 Teilabschnitten von EnLAG und BBPlG-Vorhaben. Das methodische Vorgehen dabei besteht aus zwei Teilen: erstens, die Entwicklung und Implementierung eines Ansatzes, mit dem sich die gesellschaftliche Akzeptanz quantifizieren lässt; zweitens, die Integration der Ergeb- nisse in die Modellierung. Die Vorgehensweise beinhaltet qualitative Erhebungs- und Auswertungstechniken und quantitative Analysestrategien. Die Gewinnung von Da- ten beruht auf Sekundär- und Primärerhebungen. Sekundäre Daten werden mithilfe der Untersuchung von Fachpublikationen (z.B. Monographien, Zeitschriftenaufsät- ze, Arbeitspapiere, Berichten oder Studien) als auch durch die internetbasierte Re- cherche generiert. Die Basis für die Analyse und Bewertung von Primärmaterialien bilden Erhebungen der DUH. Es liegen vor allem qualitative Erhebungen und Ein- schätzungen zur Akzeptanz von Netzausbauvorhaben im Untersuchungsraum vor. Die Expertise der Europa-Universität Flensburg besteht in der quantitativen Ana- lyse zur Integration in die Modellierung. Der erste Teil der systematischen Erhebung umfasst die Entwicklung eines Schemas zur Erfassung von Akzeptanz, in Form von Widerstand gegen und Engagement für Netzausbauvorhaben, in einer Region. Um ein Maß für die gesellschaftliche Akzeptanz von Netzausbauvorhaben zu entwickeln, müssen Widerstand und Engagement erfasst werden. Entwickelt wurde ein Maß der Aktivitäten verschiedener AkteurInnen. Zur Quantifizierung werden zwei Aktivi- tätsraten, jeweils eine Widerstands- und eine Engagementrate erhoben, die wie folgt definiert sind: Widerstandsrate: Maß für die Aktivitäten von AkteurInnen im Bereich Wider- stand, die den Zeitpunkt der ursprünglich geplanten Inbetriebnahme eines Vorha- bens verzögern könnten. Engagementrate: Maß für die Aktivitäten von AkteurInnen im Bereich Enga- gement, die zur Einhaltung des ursprünglich geplanten Inbetriebnahmezeitpunktes eines Vorhabens beitragen könnten. Gleichzeitig wurden mit einer Regressionsanalyse (siehe Kapitel 5.2.1) die Zusam- menhänge von lokalem Engagement und Widerstand mit den bestehenden Verzö- gerungszeiten aktueller Vorhaben untersucht. Das Ergebnis sind definierte Verzöge- rungszeiten pro Landkreis, die auf zukünftige Trassen übertragen werden und in die Szenarioentwicklung einfließen. 20 3.2 Übergeordnete Erkenntnisse aus der Praxis 3.2 Übergeordnete Erkenntnisse aus der Praxis Die Fragen und Themen, die von den Bürgerinnen und Bürgern in Gesprächen und bei Info- und Dialogveranstaltungen adressiert werden, sind nach Erfahrungen der DUH in allen Regionen sehr ähnlich. Sie lassen sich in drei Gruppen einteilen: 1. Fragen des „Ob“ - Brauchen wir diese Leitung wirklich? 2. Fragen des „Wie“ - Gibt es technische oder räumliche Alternativen? Nach welchen Kriterien wird der Verlauf der Trasse bestimmt? 3. Fragen zu den Beteiligungsmöglichkeiten im Planungsverfahren - Wann und wie kann ich mich einbringen? Fragen des „Ob“ Häufig wird vor Ort bezweifelt, dass die Leitung überhaupt notwendig ist, vor allem wenn auch andere AkteurInnen (Wissenschaft, Umweltverbände, Politik u.a.) öf- fentlich die Planungen der Netzbetreiber angreifen. Dabei spielt es keine Rolle, dass der Bedarf gesetzlich festgestellt wurde. Im Gegenteil, die Entscheidungshoheit und auch Kompetenz von Politik und Behörden wird in der Gesellschaft vermehrt infrage gestellt. Zudem ist den BürgerInnen zumeist der Ablauf der zentralen Netzplanung nicht bekannt. Häufig besteht ein großes Misstrauen gegenüber den Netzbetreibern, denen einseitige wirtschaftliche Interessen unterstellt werden und denen eine objek- tive Planung nicht zugetraut wird. Erschwerend kommt hinzu, dass nicht alle Da- ten und Planungsgrundsätze bei der Netzentwicklungsplanung öffentlich zugänglich sind, das Thema sehr komplex ist und selbst ExpertInnen nicht alles nachvollziehen können. Fragen des „Wie“: Der Verlauf der Trasse und die technische Ausgestaltung sind die nächsten Punkte, die die BürgerInnen interessieren. Sie fordern die Prüfung technischer Alternativen wie z.B. Erdkabel und möchten Vor- und Nachteile klar erläutert bekommen. Vor- festlegungen auf eine Technik werden nicht akzeptiert. Des Weiteren geht es um den Trassenverlauf: Wie ist das Vorgehen bei der Er- mittlung einer Trasse? Welche Alternativen werden geprüft? Wichtig sind hier vor allem die Kriterien, nach denen die Trassen bewertet werden und die zur Wahl ei- ner Vorzugstrasse führen. In der Bundesfachplanung und Planfeststellung ist dann vor allem das Verfahren der Abwägung erklärungsbedürftig: Nach welchem Schema wägt die Bundesnetzagentur die verschiedenen Interessen ab und kommt zu einer Entscheidung? 21 3 Einflussfaktoren gesellschaftlicher Akzeptanz beim Netzausbau In diesem Zusammenhang formulieren die BürgerInnen ihre konkreten Sorgen und Nöte, die sie mit der neuen Leitung verbinden und fordern Sachinformationen und eine Berücksichtigung ihrer Interessen ein. Besonders relevant sind diese Themen: • Gesundheitsschutz: Gefährdet die Leitung meine Gesundheit? Was wird zum Schutz vor gesundheitlichen Schäden getan? • Wohnumfeldschutz: Wie dicht kommt die Leitung an mein Haus? Gibt es Ab- standsvorgaben? Was wird getan, um das Wohnumfeld möglichst wenig zu beeinträchtigen? • Wertverlust: Habe ich mit einem Wertverlust meines Grundstücks zu rechnen? Gibt es Entschädigungen? • Landschaftsbild/Ortsbild: Ist eine Verlegung als Erdkabel möglich? Welche Varianten des Trassenverlaufs gibt es? Kann die Sichtbarkeit durch Maßnah- men wie Bepflanzung oder technische Ausgestaltung der Leitung verringert werden? • Einschränkungen der Bewirtschaftung (Landwirtschaft): Kann ich die Fläche wie zuvor nutzen oder gibt es Einschränkungen? Welche Einschränkungen sind während des Baus zu erwarten? Gibt es Entschädigungen? • Bündelung/Überbündelung: Ist die Bündelung mit gleicher oder anderer In- frastruktur sinnvoll oder führt das zu einer nicht mehr akzeptablen Belastung? • Mitnahme/Rückbau: Können zwei Leitungen (380 kV und 110 kV) auf einem Gestänge geführt werden? Wird durch die neue Leitung eine andere überflüssig und kann abgebaut werden? • Vogelschutz: Werden Vögel und ihre Schutzgebiete unzumutbar beeinträchtigt? Welche Maßnahmen werden zum Schutz der Vögel ergriffen? Hinzu kommen lokal spezifische Themen, die ebenfalls berücksichtigt werden sollten. Häufig kommen auch aus der Bürgerschaft Ideen, wie Trassen alternativ verlaufen können, die diskutiert werden sollen. Fragen zu den Beteiligungsmöglichkeiten Den meisten BürgerInnen ist das Planungsverfahren nicht geläufig und muss erläu- tert werden. Welche Verfahrensschritte gibt es und wo stehen wir gerade? Dabei sind für sie vor allem auch die Einflussmöglichkeiten in den einzelnen Planungsschritten interessant: • Wie und wann kann ich mich einbringen? 22 3.3 Erkenntnisse aus zwei Fallbeispielen • Welchen Entscheidungsspielraum gibt es jeweils? • Was kann ich erreichen und wer kann mir dabei helfen? Bürgerfragen und Akzeptanz Die Fragestellungen der BürgerInnen weisen klar auf die Einflussfaktoren gesell- schaftlicher Akzeptanz hin. Sie zeigen, welche Aspekte die BürgerInnen kritisch se- hen und was sie sich wünschen. So ist vor Ort bspw. der Schutz der Gesundheit ein häufig angesprochenes Thema. Viele haben Angst vor der Wirkung elektroma- gnetischer Felder, können diese aufgrund fehlenden Wissens schlecht einschätzen und sind unsicher. Daraus lässt sich ableiten, dass ein nicht überzeugendes Schutz- konzept und eine mangelhafte Kommunikation zu elektromagnetischen Feldern die Akzeptanz sinken lässt. Wird dagegen gut informiert, werden Messungen vor Ort durchgeführt und sorgt die Gesetzgebung für überzeugende Grenzwerte und Vorsor- gemaßnahmen, steigt die Akzeptanz. Solche Zusammenhänge lassen sich auch für die anderen Themen ableiten. 3.3 Erkenntnisse aus zwei Fallbeispielen 3.3.1 Fallbeispiel 1: Westküstenleitung Schleswig-Holstein Die geplante 380-kV-Westküstenleitung von Brunsbüttel bis Niebüll in Schleswig- Holstein (Landkreise Dithmarschen und Nordfriesland) ist ca. 150 km lang und in vier Planungsabschnitte unterteilt. Vorhabenträger ist der Übertragungsnetzbetrei- ber TenneT TSO GmbH (TenneT). Die Leitung ist im Bundesbedarfsplangesetz auf- geführt (BBPlG Nr. 8, Brunsbüttel – Bundesgrenze (DK)), die zuständige oberste Genehmigungsbehörde ist das Ministerium für Energiewende, Landwirtschaft, Um- welt und ländliche Räume Schleswig-Holstein (MELUR). Bis Ende 2017 sollen die Bauarbeiten auf allen Abschnitten der Westküstenleitung begonnen werden. Eine Inbetriebnahme der gesamten Leitung ist bis 2018 geplant. Planungsverfahren Im nördlichen Teil zwischen Heide und Niebüll wurde nach Beschluss der Landesre- gierung auf ein formales Raumordnungsverfahren verzichtet. Stattdessen wurde die Planung durch einen intensiven informellen Bürgerdialog begleitet, der nachfolgend kurz beschrieben wird. Das Vorgehen wurde politisch von einer Realisierungsverein- barung zwischen Landesregierung Schleswig-Holstein, Netzbetreibern und weiteren 23 3 Einflussfaktoren gesellschaftlicher Akzeptanz beim Netzausbau Akteuren flankiert, die eine vorangegangene Beschleunigungsvereinbarung der Netz- entwicklungsinitiative Schleswig-Holstein1 weiter konkretisiert (siehe Tabelle 3.1). Tabelle 3.1: Die Netzentwicklungsinitiative in Schleswig-Holstein Herbst 2010 August 2011 März 2013 März - Dezember Netzentwicklungs- initiative Beschleunigungs- vereinbarung Realisierungs- vereinbarung Dialogprozess Ministerien, Ver- bände, Behörden und Unternehmen formulieren das gemeinsame Ziel, den Ausbau des Stromnetzes in Schleswig-Holstein zügig voran zu bringen Beteiligte der In- itiative verpflichten sich, alles für eine Beschleunigung des Netzausbaus Erforderliche zu tun, u.a. einen Dialog- und Kom- munikationsprozess einzuleiten Zeitplan für den Planungsprozess und Durch- führung eines Dialogprozesses vereinbart Durchführung des Dialogprozesses mit Konferen- zen, Bürger- und Fachdialogen Quelle: Eigene Darstellung DUH. Zu den Abschnitten der Leitung zwischen Heide und Niebüll, hat die DUH im Auf- trag des Energiewendeministeriums Schleswig-Holstein und in enger Kooperation mit TenneT, von März bis Dezember 2013 einen ausführlichen Dialogprozess in den Landkreisen Dithmarschen und Nordfriesland moderiert. Dialogprozess Im Rahmen des „Westküsten-Dialogs“ wurden in den Kreisen Nordfriesland und Dithmarschen im April 2013 zehn Dialogveranstaltungen in Form von „Runden Ti- schen“ organisiert. Bei den Bürgerdialogveranstaltungen des Westküsten-Dialogs, aber auch bereits bei den Informationsabenden in Dithmarschen und Nordfries- land 2012, hat sich bestätigt, dass die AnwohnerInnen der geplanten Leitungstras- se vor allem Fragen nach dem grundsätzlichen Bedarf der Leitung stellen („Ob“- Fragen), nach den gesundheitlichen Auswirkungen und technischen Alternativen („Wie“-Fragen) sowie nach ihren konkreten Einflussmöglichkeiten (Fragen nach Be- teiligungsmöglichkeiten). An der Westküste Schleswig-Holsteins fanden ergänzend zu den zehn Bürgerdialogen zudem vertiefende Fachdialogveranstaltungen mit jeweils 15 bis 30 Vertreterinnen und Vertretern aus der Verwaltung, von Verbänden, aus der Land- und Forstwirtschaft sowie aus Bürgerinitiativen statt. Auf vier Fachdialogen wurden in diesem Rahmen die Auswirkungen der geplanten Westküstenleitung auf 1 Es wurden drei Vereinbarungen zweier Landesregierungen mit Netzbetreibern und Kreisen u.a. Akteuren zum Stromnetzausbau getroffen: Die Netzentwicklungsinitiative im Herbst 2010, ge- folgt von einer Beschleunigungsvereinbarung im August 2011 (CDU-/FDP-Regierung), sowie die Beschleunigungsvereinbarung im Herbst 2012 (SPD-Grüne-Regierung). 24 3.3 Erkenntnisse aus zwei Fallbeispielen die Bereiche Arten- und Naturschutz, Städtebau, Kulturraum und Denkmalpflege und Land- und Forstwirtschaft diskutiert. Zu zwei Themen, die sich im Verlauf des Dialogprozesses auf Wunsch von Betroffenen herauskristallisierten, wurden zusätz- liche Fachdialoge angeboten. Dies waren die Möglichkeit der Erdverkabelung und elektromagnetische Felder. Fazit zum Dialog Insgesamt hat das Dialogverfahren geholfen, das Leitungsbauprojekt in der Regi- on bekannter zu machen und viele konkrete Fragen und Probleme zu beantworten. Daneben hat sich die Ausgangssituation in Schleswig-Holstein als positiv erwiesen. Denn das Land verfolgt schon seit vielen Jahren eine ehrgeizige Politik zum Aus- bau der Windenergie und unterstützt seit 2010 parteiübergreifend einen zügigen Um- und Ausbau der Stromnetze durch Netzentwicklungsinitiativen und Verein- barungen. Grundlegend besteht, aus wirtschafts- und umweltpolitischer Sicht, ein überparteilicher Konsens über die wichtige Rolle und den weiteren Ausbau der Win- denergie sowie den damit verbundenen Infrastrukturmaßnahmen. Der Dialog führte zu einer Versachlichung der Diskussion, die es ermöglichte die Spielräume auszuloten und Planänderungen zu erreichen. Auch bei den Fachdialogen waren AnwohnerIn- nen vertreten (= Vertrauenspersonen aus den vorherigen Veranstaltungen, Vertreter von Bürgerinitiativen). Themen, die üblicherweise im Raumordnungsverfahren von Fachbehörden und Verbänden erörtert werden, waren dadurch transparenter. Weitere Erkenntnisse der Akzeptanzforschung in Schleswig-Holstein Im Auftrag der DUH befragte die Arbeitsgruppe Gesundheits- und Umweltpsycholo- gie der Universität Halle-Wittenberg 2012/2013 Menschen in Ostholstein, Dithmar- schen und Nordfriesland, die innerhalb oder im Umkreis von einem Kilometer der Trassenkorridore von geplanten Leitungen leben. Gegenstand der Umfrage Hübner u. Hahn (2013) waren auch die vor Ort durchgeführten Informations- und Dialog- veranstaltungen zum Netzausbau. Ziel war es herauszufinden, welche Faktoren die lokale und regionale Akzeptanz der Stromtrassen hemmend oder fördernd beeinflus- sen und wie wirksam die eingesetzten Kommunikationsmaßnahmen zur frühzeitigen Bürgerbeteiligung sind. Insgesamt wurden in der Studie von Hübner u. Hahn (2013) 381 Personen (28,3 % weiblich, 71,7 % männlich) mit einem Fragebogen in persönlichen Gesprächen oder per Online-Umfrage befragt. Zusätzlich wurden 18 ExpertInneninterviews durchge- führt. Folgende Ergebnisse zeigen, dass der Stromnetzausbau in den Regionen eine hohe Relevanz besitzt: 25 3 Einflussfaktoren gesellschaftlicher Akzeptanz beim Netzausbau • Trotz der frühzeitigen Infoveranstaltungen, die positiv bewertet werden, fühlen sich die Befragten allgemein wenig informiert. • Die Trasse insgesamt wird positiver bewertet als ein konkreter Abschnitt in der unmittelbaren Umgebung. • Nach ihren Befürchtungen befragt, nannten die AnwohnerInnen am häufigsten eine Beeinträchtigung des Orts- und Landschaftsbildes. Zudem erwarten sie negative Auswirkungen auf die Wirtschaft, wie Wertverlust von Grundstücken, Abschreckung von Touristen und Beeinträchtigung der Landwirtschaft. • 71,6 % der Befragten wünschen sich Mitsprache bei der Trassenführung, 36,2 % der Befragten möchten bei der Wahl der Technologie (Freileitung oder Erdka- bel) mitentscheiden können. Die Auswertung der 18 ExpertInneninterviews zeigt, wie schwierig das rechtliche und planerische Umfeld der Stromnetzplanung im Übertragungsnetz ist. • Viele der Befragten betonen, dass die komplexe Rechtslage die Kommunikation erschwert. • Einige kritisieren die gesetzliche Festlegung auf die Freileitungstechnologie und wünschen sich mehr Flexibilität in Bezug auf (Teil-)Erdverkabelungsoptionen. • Als weiteres Hemmnis des Netzausbaus nennen mehrere Fachleute eine Un- gleichgewichtung bei der Schutzgüterabwägung im Planungsverfahren. Immer wieder führe es zu Irritationen, dass der „Menschenschutz“ gesetzlich weniger stark verankert sei als der Naturschutz. Einige Befragte fordern daher eine stärkere Gewichtung des Schutzguts Mensch, um größere Abstände zur Wohn- bebauung zu erreichen. Den Bürgerdialog zur Westküstenleitung bewerten manche der Befragten kritisch. Dieser wird demnach als eine Scheinbeteiligung empfunden, da bereits zu viele Fest- legungen vorab getroffen worden seien. Nach ihrer Meinung zur finanziellen Bür- gerbeteiligung an Höchstspannungsleitungen gefragt, bewerteten die Befragten die Möglichkeit „Bürgerleitung“ nur vorsichtig positiv. Allerdings war das von TenneT angebotene Beteiligungsmodell für die Westküstenleitung in Form einer nachrangi- gen Bürgeranleihe zum Zeitpunkt der Befragung noch nicht detailliert ausgearbeitet (TenneT TSO GmbH, 2013a). In der tatsächlichen Umsetzung erwies sich das Pro- jekt „Bürgerleitung“ der TenneT als wenig erfolgreich, mit nur 142 Haushalten in Nordfriesland und Dithmarschen, die bis Ende 2013 die Bürgeranleihe gezeichnet 26 3.3 Erkenntnisse aus zwei Fallbeispielen haben (IWR, 2013). Grund für das geringe Interesse an der Anleihe war nach Be- fragungsergebnissen von TenneT laut IWR (2013) unter anderem die öffentliche De- batte um das Beteiligungsmodell, in der die Komplexität und das Risiko der Anleihe kritisiert wurden. 3.3.2 Fallbeispiel 2: Leitung Wahle-Mecklar, Niedersachsen/Hessen Die insgesamt 230 km lange 380-kV-Leitung vom Umspannwerk (UW) Wahle in Niedersachsen bis zum UW Mecklar in Hessen ist Vorhaben Nr. 6 des EnLAG. Bürgerinformation und Dialogveranstaltungen Der für das Wahle-Mecklar Projekt zuständige Netzbetreiber TenneT TSO, damals noch E.ON Netz, hat bereits im Sommer 2007 einen Antrag auf Raumordnung für das Leitungsvorhaben gestellt. Zu dieser Zeit war das Thema Bürgerbeteiligung beim Stromnetzausbau in der öffentlichen Debatte noch nicht so präsent wie heute und die Vorhabenträger hielten sich mit Ihrem Informationsangebot vor allem an die ge- setzlich vorgeschriebenen Maßnahmen (z.B. Antragskonferenzen, Gespräche mit be- troffenen GrundstückseigentümerInnen). Mit der Verabschiedung des EnLAG, sowie in Folge der Debatte um Stuttgart 21, hat das Thema (frühzeitige) Bürgerinforma- tion und -beteiligung auch bei Netzbetreibern stärkeres Gewicht bekommen (DUH, eigene Einschätzung). Der überregionale, teilweise gut organisierte Protest an der Strecke, mit ca. 22.000 Einwendungen Betroffener gegen das Raumordnungsverfah- ren hat auch den Netzbetreiber TenneT in den folgenden Jahren zu verstärkten Informationsbemühungen veranlasst (Neukirch, 2014). So eröffnete dieser 2012 ein Projektbüro in Göttingen, als direkte Anlaufstelle für BürgerInnen und veranstalte- te eine Reihe von Runden Tischen zur Diskussion mit GemeindevertreterInnen und Bürgerinitiativen. Im Rahmen des Projekts „Forum Netzintegration Erneuerbare Energien“ (Netzintegration) führte die DUH, in den Jahren 2010 und 2012, mehrere öffentliche Informationsveranstaltungen für AnwohnerInnen durch (2010 in Meißner und Melsungen / Hessen sowie Delligsen/ Niedersachsen, 2012 in Vechelde, Göttin- gen und Einbeck / Niedersachsen). Die drei Veranstaltungen im Jahr 2012 wurden in Kooperation mit dem Niedersächsischen Ministerium für Umwelt, Energie und Klimaschutz durchgeführt. Fazit Die Veranstaltungen der DUH zur Wahle-Mecklar Leitung waren vor allem für die Vermittlung von Informationen konzipiert. Die Möglichkeit, Anregungen abzugeben war zwar durch eine Diskussion mit der Bevölkerung stets gegeben, stand aber nicht im Vordergrund, zumal die DUH als unabhängige Moderation keinen Einfluss auf 27 3 Einflussfaktoren gesellschaftlicher Akzeptanz beim Netzausbau die Trassenplanung hatte. Während der Veranstaltungen wurde teilweise kritisiert, dass zu spät im Planungsprozess zu wenig echte Bürgerbeteiligung stattfinden wür- de. Die Frage des „Ob“, also nach dem Bedarf der Leitung, wurde nicht (mehr) oder nur vereinzelt gestellt. Dies kann als grundsätzliche Akzeptanz, oder als Zeichen von „Resignation“, der lokal betroffenen BürgerInnen, gewertet werden, da das Pla- nungsverfahren bereits so weit fortgeschritten war, dass Betroffene keine Möglichkeit der Einflussnahme mehr sahen. Weitere Erkenntnisse der Akzeptanzforschung in Niedersachsen/Hessen In der Studie der FG-UPSY von Schweizer-Ries u. a. (2010) wurde die Akzeptanz der geplanten 380-kV-Neuleitungen sozialwissenschaftlich untersucht. Sie wurde im Rah- men des Projekts “Forum Netzintegration Erneuerbare Energien” beauftragt. Ihr Ziel bestand darin die Diskussionen zwischen politischen AkteurInnen und Strom- versorgung, Naturschutz, Wissenschaft und Bürgerinitiativen innerhalb des Forums mit sachlichen Argumenten zu unterstützen. Am Beispiel von Teilabschnitten wurde der Akzeptanzbildungsprozess exemplarisch dargestellt. Insgesamt wurden 450 AnwohnerInnen mit einem standardisierten Fra- gebogen und 12 Einzelpersonen in qualitativen Interviews aus verschiedenen Ak- teursgruppen befragt. Erhoben und analysiert wurden sowohl die Bewertung tech- nologiebezogener Eigenschaften, als auch die Wahrnehmung des Planungsprozesses. Zusammenfassend zeigen die Ergebnisse, dass neue Stromleitungen als prinzipiell notwendig anerkannt werden, neue Freileitungen aber sehr negativ bewertet wer- den: • Gesundheitliche Befürchtungen sowie die erwarteten negativen landschaftli- chen Effekte stehen dabei als Argumente der befragten BürgerInnen im Vor- dergrund. • Erdkabel werden gegenüber Freileitungen deutlich bevorzugt, zudem wird ein Bau der neuen Leitungen entlang von bereits bestehenden Infrastrukturtrassen befürwortet. • Generell werden von den AnwohnerInnen der geplanten Trasse mehr Informa- tionen, sowohl über die Technologien als auch den Planungsprozess gewünscht. Hier wird die Bedeutsamkeit eines konstruktiven Kommunikationsprozesses zwischen den beteiligten Akteursgruppen offensichtlich. Dieser war, zum Zeitpunkt der Studie, in den untersuchten Gemeinden nicht durchgehend gegeben. 28 3.4 Fokusgruppe 3.3.3 Schlussfolgerungen aus Fallbeispielen und Studien Aus den Erfahrungen der Bürgerdialoge, zu Formaten und diskutierten Themen, lassen sich bereits Einflussfaktoren und entsprechende Indikatoren herleiten. Vor allem informelle Informations- und Dialogangebote, ergänzend zum formalen Pla- nungsverfahren, sind wichtig und sinnvoll. Kommunikation ist entscheidend für die Akzeptanz. Dabei spielen Maßnahmen, wie eine unabhängige Moderation, die Einbe- ziehung von ExpertInnen und Antworten auf die Fragen der BürgerInnen eine große Rolle. Entscheidend sind nachvollziehbare Auseinandersetzungen mit allen vorge- brachten Argumenten der BürgerInnen und die klare Kommunikation des Hand- lungsspielraums. Zusätzlich wurde an der Westküstenleitung deutlich, dass eine parteiübergreifende politische Unterstützung sowie die Unterstützung der lokalen Windmüller (die profitieren, wenn ihr Strom abgeleitet werden kann) zu höherer Akzeptanz geführt hat. Auch in beiden beauftragten Studien finden sich Hinweise auf Einflussfaktoren. So lässt die Aussage, dass Erdkabel gegenüber Freileitungen deutlich bevorzugt werden, den Schluss zu, dass die Möglichkeit der Erdverkabe- lung und ihre Nutzung positiv auf die Akzeptanz wirken. Wenn kritisiert wird, dass der Mensch im Rahmen der Schutzgüterabwägung nicht ausreichend geschützt wird, kann zum einen eine transparente Erläuterung der Abwägungskriterien aber auch ein möglichst großer Abstand der Leitung zur Wohnbebauung zu mehr Akzeptanz führen. 3.4 Fokusgruppe Im Rahmen einer Fokusgruppe wurden die Einflussfaktoren gesellschaftlicher Akzep- tanz beim Netzausbau mit AkteurInnen aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft diskutiert. Ziel war, aus der Fülle bekannter Einflussfaktoren, die für die heutige Pra- xis relevantesten herauszuarbeiten. Es wurde deutlich, dass die Übertragungsnetzbe- treiber (ÜNB) informellen Kommunikations- und Beteiligungsmaßnahmen eine hohe Bedeutung für die Akzeptanz zusprechen. So verfährt 50Hertz Transmission GmbH in Planungsprozessen nach einem eigens entwickelten internen Standard. Dieser gilt nicht als Reaktion auf Protest, sondern grundsätzlich für jedes Projekt. Alle ÜNB engagieren sich verstärkt proaktiv in der Kommunikation ihrer Projekte und führen zudem auch eigene Untersuchungen der gesellschaftlichen Akzeptanz durch. Die ste- tig weiter entwickelten Maßnahmen zur Gewährleistung gesellschaftlicher Akzeptanz zeichnen sich durch Flexibilität aus, die sich an lokalen Gegebenheiten orientiert. In- wiefern die getroffenen Maßnahmen eine Bauverzögerung der Projekte verringern, wird regelmäßig evaluiert. Aus Sicht der ÜNB ist das gemeinsame Vorgehen mit der 29 3 Einflussfaktoren gesellschaftlicher Akzeptanz beim Netzausbau Landes- und der Kommunalpolitik ein zentraler Erfolgsfaktor beim Einsatz infor- meller Maßnahmen. Auch frühzeitige Projektinformationen gelten als Erfolgsfaktor, auch wenn die Häufigkeit von Klagen nicht unmittelbar sinkt. Die Professionali- tät von Protesten ist angestiegen, da rechtzeitige Vorabinformationen konstruktive Stellungnahmen betroffener AkteurInnen unterstützen. Daneben nennen die ÜNB aber auch Faktoren, denen mit diesen Maßnahmen nicht begegnet werden kann. Hemmend wirkt z.B. eine zu geringe Kapazität der Planungsbehörden, die zu erheb- lichen Zeitverzögerungen führen kann, und auf die die ÜNB keinen Einfluss haben. Darüber hinaus bestehen Vermutungen, nach denen sich vor allem strukturschwache Regionen generell „ungerecht“ behandelt fühlen, und die ergriffenen Maßnahmen so- mit eher zweitrangig sind. Beim zukünftigen Ausbau der Übertragungsnetze betonen die ÜNB vor allem den Einfluss äußerer Rahmenbedingungen auf die Akzeptanz, wie das Marktdesign, das EEG, Änderungen von Planungs- und Genehmigungsverfah- ren, Umwelt- und Naturschutzanforderungen und die Verknüpfung der nationalen mit der europäischen Politikebene. Seitens der ÜNB besteht Skepsis, ob sich technologische Innovationen wie bspw. Erd- kabel positiv auf die gesellschaftliche Akzeptanz auswirken. Nach ihrer Einschätzung bleibt die gesellschaftliche Akzeptanz beim Ausbau der Übertragungsnetze in den kommenden Jahren eine zentrale Größe. Aufgrund bisheriger Erfahrungen gehen sie von einer Zunahme der bereits bestehenden Kluft zwischen den Zeithorizonten in Planung und Praxis aus. Schlimmstenfalls, so die Befürchtung eines ÜNB, stellen betroffene Akteure verstärkt singuläre Interessen in den Vordergrund, während sie demokratische Planungsverfahren und behördliche Entscheidungen als nachrangig bewerten. Weiterhin entscheidend für die Akzeptanz ist nach Ansicht der ÜNB die zukünftige Rolle der Braunkohle in der Energieversorgung. Die TeilnehmerInnen nennen folgende Indikatoren zur Einschätzung gesellschaftli- cher Akzeptanz: • Vorbelastung durch Netzinfrastruktur • Besiedlungsdichte • Anteil Bürgerwindparks und EE generell im Einzugsgebiet eines Korridors • Andere Infrastrukturen (z.B. Autobahn) 3.5 Systematische Erhebung gesellschaftlicher Akzeptanz Einflussfaktoren der gesellschaftlichen Akzeptanz können zu Verzögerungen, zur Ein- haltung von Zeitplänen oder sogar zu Beschleunigungen beim Netzausbau beitragen. 30 3.5 Systematische Erhebung gesellschaftlicher Akzeptanz Um die gesellschaftliche Akzeptanz als Teil der Szenarioentwicklung für den Netzaus- bau verwenden zu können, wird sie als Zeitverzögerung zur ursprünglich geplanten Inbetriebnahme dargestellt. Durch die Verknüpfung der qualitativen Untersuchun- gen gesellschaftlicher Akzeptanz mit Zeitverzögerungsanalysen, können voraussicht- liche zeitliche Verzögerungen aller geplanter EnLAG- oder BBPlG-Vorhaben berech- net werden. Die Methodik zur Berechnung basiert auf zwei Teilen: 1. Entwicklung und Durchführung eines Ansatzes zur Quantifizierung gesellschaft- licher Akzeptanz in ausgewählten Landkreisen. 2. Integration der Ergebnisse in die Energiesystemmodellierung, akzeptanzba- sierte Verzögerungserwartungen für Deutschland und die darauf aufgebaute Entwicklung von Netzausbauszenarien. Grundlage der nachfolgenden Untersuchungen ist eine Studie von Neukirch (2014), die erste systematische Ansätze zur Erhebung gesellschaftlicher Akzeptanz in Netz- ausbauvorhaben enthält. Die dortigen Auswertungen von Protesten bei Netzaus- bauvorhaben erfolgten qualitativ, Bewertungen von Engagement für den Netzausbau wurden nicht betrachtet. Die eigene Entwicklung eines Verfahrens zur Erhebung von Widerstand und Engagement in Netzausbauvorhaben basiert auf elf Teilabschnit- ten der EnLAG-Vorhaben 1-6 und zwei Teilabschnitten im BBPlG-Vorhaben 8, in insgesamt 19 Landkreisen. Der Untersuchungsraum umfasst konkret: • BBPlG 8 (Westküstentrasse: Brunsbüttel-Bundesgrenze (DK)) • EnLAG 1 (Kassø (DK)-Dollern) • EnLAG 2 (Ganderkesee-Wehrendorf) • EnLAG 3 (Neuenhagen-Krajnik) • EnLAG 4 (Lauchstädt-Redwitz) • EnLAG 5 (Diele-Niederrhein) • EnLAG 6 (Wahle-Mecklar) Diese Auswahl orientiert sich an den Aktivitäten der DUH. Alle Teilabschnitte wur- den hinsichtlich gesellschaftlicher Akzeptanz mit folgenden Schwerpunkten unter- sucht: Inhalte von Protesten, regionale Ausbreitung der Proteste, ProtestakteurIn- nen und angewandte Methoden zur Beteiligung der Öffentlichkeit. Das erhobene qualitative Datenmaterial wurde strukturiert und in Tabellen mit den folgenden 31 3 Einflussfaktoren gesellschaftlicher Akzeptanz beim Netzausbau Spaltenüberschriften übertragen: allgemeine Projektinformationen, spezifische In- teressenpunkte einzelner Stakeholder pro Landkreis sowie Beteiligungsformate. So entstand ein Datensatz mit 356 Einträgen, für den folgende Hinweise gelten: • alle Einträge basieren auf subjektiven Einschätzungen der DUH • Für jeden Landkreis liegt eine unterschiedliche Anzahl an Einträgen vor Der Datensatz wurde anschließend mit definierten Unterkategorien weiter struktu- riert. Damit konnten Widerstände und Beteiligungsprozesse in jedem der ausgewähl- ten 19 Landkreise analysiert werden. Die Erhebung von Engagement basiert nicht auf den spezifischen Teilabschnitten, sondern erfolgte übergeordnet auf Bundes- und Landesebene mittels Internet- und Literaturrecherche. Die Ergebnisse sind ebenfalls als Datensatz angelegt, und orien- tieren an den von der DUH genannten Faktoren für erfolgreiches Engagement: • konsistente Energiewendepolitik. • Bekenntnis zum Netzausbau Bundeslandebene. • Bekenntnis zum Netzausbau Landkreisebene. • Umfangreiche und frühzeitige Beteiligung der Öffentlichkeit. Konkret wurden aus diesen Datensätzen die beiden Indikatorsysteme, Widerstands- und Engagementrate, mit jeweils sieben Einzelindikatoren erarbeitet. Mit der Wi- derstandsrate wird das Ausmaß der Aktivitäten, die zu einer Verzögerung des ur- sprünglichen Jahres der Inbetriebnahme geführt haben können, definiert. Sie umfasst folgende Indikatoren: Inhalte der Widerstände (Bandbreite, Art, aktuelle regionalen Ausbreitung), AkteurInnen (Bandbreite, Art, Grad der Einflussnahme) und tatsäch- lich durchgeführte Protestaktionen (z.B. gesetzliche Klagen). Sie basiert vor allem auf Material der DUH, lediglich die tatsächlichen Protestaktionen wurden extern recherchiert. Die Engagementrate eines Vorhaben definiert Aktivitäten, die dazu führen sollen das geplante Jahr der Inbetriebnahme zu erreichen. Ihre Indikatoren beziehen sich auf die Aktivitäten der Bundesländer (Ausbau der EE und Bekenntnis zum Netzausbau), der Landkreise (Ausbau der EE und Bekenntnis zum Netzausbau) und der Netzbetreiber (Grad und Zeitpunkt der öffentlichen Beteiligung, Aufberei- tung von Informationen und Anstrengungen für den Dialog). Zur Erstellung beider Raten wurde folgende Vorgehensweise angewandt: • Entwurf nominaler Merkmale pro Indikator mit Punktbewertung (z.B. ein Punkt pro Merkmal oder zunehmende Punktzahl bei zunehmendem Merk- malsgewicht) 32 3.5 Systematische Erhebung gesellschaftlicher Akzeptanz • Auswertung von Widerstand und Engagement in Punkten pro Landkreis (je mehr Punkte umso stärker) • Normierung, Gewichtung pro Indikator und Gesamtberechnung einer Widerstands- und Engagementrate pro Landkreis • Typisierungen der absoluten Werte in vier Wertebereiche: „best“, „mid-best“, „mid-worst“ und „worst“ Mit „best“ bewertet werden der geringste Widerstand und das höchste Engagement. Für jeden der 19 Landkreise wurde eine Widerstands- und eine Engagementrate bestimmt. In den folgenden zwei Kapiteln werden alle Indikatoren beider Raten einzeln beschrieben. Eine umfangreiche Beschreibung des gesamten Verfahrens er- folgte in der im Rahmen des Projektes am IZT entstandenen Masterarbeit „Entwick- lung einer Methodik zur Integration gesellschaftlicher Akzeptanz in die Strommarkt- Modellierung am Beispiel ausgewählter Netzausbauvorhaben in Deutschland“ (Mes- ter, 2016). 3.5.1 Indikatoren Widerstandsrate Breite der Protestinhalte (Indikator 1) Der Indikator erfasst die Protestinhalte innerhalb eines Landkreises in den vier Kategorien technische Planung, Standort/- Entwicklung der Region, Verteilungs- und Verfahrensgerechtigkeit und Bedarf. Zur Erfassung wird jeder Protestinhalt mit einem Punkt bewertet. Es ergeben sich ab- solut Merkmalsausprägungen von „0“ (keine Inhalte) bis maximal „5“ (fünf Inhalte) und normiert Werte von 0.00 bis 1.00. D.h. je höher die Punktzahl, desto mehr Protestinhalte innerhalb eines Vorhabens. Beispiel: Eine Bewertung mit „4“ bedeutet, dass innerhalb eines Landkreises vier von den fünf möglichen Protestinhaltskategorien diskutiert werden. Der normierte Indikatorwert ergibt 0.80 als Quotient aus 4/5. Normierte Werte von 0-1 entsprechen dem Typ „best“, genau 2 entspricht dem Typ „mid-best“, genau 3 „mid-worst“, 4-5 entsprechen „worst“. Radikalität der Protestinhalte (Indikator 2) Dieser Indikator bewertet die In- tensität der Protestinhalte. Bewertet werden die Kategorien, Protestinhalte in den Kategorien technische Planung sowie Standort/Entwicklung der Region gelten als wenig radikal und werden mit einem Punkt bewertet. Mit zwei Punkten bereits gravierender bewertet werden Proteste in der Kategorie Verteilungs- und Verfah- rensgerechtigkeit. Maximale Intensität haben Proteste der Kategorie Bedarf. Denn 33 3 Einflussfaktoren gesellschaftlicher Akzeptanz beim Netzausbau hier wird der Bedarf des Ausbauvorhabens generell in Frage gestellt, sie erhalten daher die Höchstpunktzahl vier. Ein Landkreis kann zwischen null und zehn Punkte erhalten. Die Merkmalsausprägungen und normierten Indikatorwerte ergeben sich aus den Kombinationsmöglichkeiten der zutreffenden Protestinhalte. Beispiel: Werden in einem Landkreis der Bedarf (F=4 Punkte), das Verfah- ren (E=2 Punkte) und die technische Planung (B=1 Punkt) eines Vorhabens kritisiert ergibt sich ein normierter Indikatorwert von ((4+2+1)/10) = 0.70. In Bezug auf die Zuordnung der Merkmale zu den Widerstandstypen wurde folgen- des festgelegt: Kombinationen von Protestinhalten, die die Ausprägung F „Bedarf“ beinhalten wurden aufgrund der Stärke des Protests mindestens dem Typ „mid- worst“ zugeteilt. Alle anderen Inhalte der Intensität „A-E“, die nicht den Bedarf des Vorhabens betreffen, werden mit „best oder mid-best“ bewertet. Ausbreitung der Protestinhalte (Indikator 3) Anhand des Indikators Ausbreitung der Protestinhalte wird bewertet, ob die Proteste eher regional oder überregional sind. Der Indikator ergibt sich aus dem Verhältnis der Anzahl regionaler Protes- tinhalte und der Anzahl der gesamten Protesteinträge in einem Landkreis (Regio- nalitätsrate). Je höher die Regionalitätsrate, desto höher ist der Anteil regionaler Proteste und desto höhere Punktzahl erhält der Indikator. Beispiel: Zwei Drittel der Protestinhalte eines Landkreises sind regional aus- gebreitet die normierte Regionalitätsrate beträgt dann 0.67 (2/3) und gehört zum Typ „mid-worst“. Breite der Protestakteure (Indikator 4) Der Indikator Breite der Protestakteu- rInnen ist analog zum Indikator 1 aufgebaut. Art der Protestakteure (Indikator 5) Die Art der Protestakteure nimmt Bezug auf die Relevanz der ProtestakteurInnen und ist analog zu Indikator 2 aufgebaut. Aktionsebene der Protestakteure (Indikator 6) Der sechste Indikator basiert auf der Aktionsebene der ProtestakteurInnen. Die Merkmalsausprägungen sind lokal (ein Punkt), regional (zwei Punkte) und bundesweit (drei Punkte). Verwendet wird immer der größte Aktionsradius eines Landkreises. Beispiel: In einem bestimmten Landkreis sind AkteurInnen der Kategorien BI/Anwohnerschaft (lokal, regional), Kommunalpolitik (lokal, regional) und 34 3.5 Systematische Erhebung gesellschaftlicher Akzeptanz Wissenschaft (bundesweit) vertreten. Aufgrund der bundesweit tätigen Akteu- rInnen der Wissenschaft, mit dem größten Radius, wird der Landkreis mit drei Punkten bewertet. Der normierte Indikatorwert beträgt 1.00 und repräsentiert den Typ „worst“. Tatsächliche Protestaktionen (Indikator 7) Für den Indikator „tatsächliche Pro- testaktionen“ gibt es die vier Merkmalsausprägungen von „0“ (keine Aktionen) bis „3“ (Klagen vor Gericht), gemäß ihrer Relevanz steigt die Punktzahl. Jeder der vier Widerstandstypen „best - worst“ entspricht genau einer Merkmalsausprägung. Beispiel: Wenn gegen ein Vorhaben Einwendungen eingereicht und gleichzeitig privatrechtliche Verhandlungen geführt werden, ergeben sich absolut 2 Punkte und normiert 0.67. Diese Protestaktionen werden mit dem Widerstandstyp „mid-worst“ gekennzeichnet. Bei der Anwendung und Bewertung der Indikatoren 1-6 ist die unterschiedliche ver- fügbare Datenmenge in den Landkreisen zu berücksichtigen. Würden ausschließlich Häufigkeiten erhoben, wären die Indikatoren 1,2,4 und 5 überbewertet. Dem soll mithilfe der Kategorien aller Indikatoren entgegen gewirkt werden. Zur Erfassung von Indikator 2 bspw. wird nicht gezählt wie oft der Inhalt „Bedarf“ geäußert wurde, sondern lediglich, ob dieser für den ausgewählten Landkreis zutrifft. Gewichtung der Indikatoren Die Indikatoren der Widerstandsrate sind eingeteilt in die Untergruppen: Inhalte (Indikator 1-3), AkteurInnen (Indikator 4-6) und Ak- tionen (Indikator 7). Um eine Über- oder Untergewichtung bestimmter Indikatoren zu vermeiden, wird eine Gleichgewichtung angestrebt (vgl. Diekmann u. a., 2014b, S. 6). Inhaltlich unterscheidet sich der siebte jedoch von den übrigen Indikatoren, weil dieser tatsächliche Aktivitäten von ProtestakteurInnen wiederspiegelt, die geplante Inbetriebnahmezeitpunkte verzögern. Deshalb wird dieser mit 25 % doppelt so stark gewichtet, wie die restlichen Indikatoren. Diese beziehen sich vornehmlich auf Be- weggründe, Kritikpunkte, Organisation und Reichweite von Protesten und werden mit jeweils 12,5 % gewichtet. Dies wurde mit der DUH abgestimmt und transparent im Indikatorensystem eingetragen (s. Abbildung 3.1). Aggregation und Typisierung Die Summe der normierten und gewichteten Indika- toren ergibt die Widerstandsrate (einen Gesamtindikator). Das Ergebnis der Wider- standsrate wird einem der vier Typen „best“, „mid-best“, „mid-worst“ und „worst“ zugewiesen. Die Wertebereiche (s. Abbildung 3.1) ergeben sich entsprechend der minimalen und maximalen Merkmalsausprägungen. 35 3 Einflussfaktoren gesellschaftlicher Akzeptanz beim Netzausbau Indikatorensystem Widerstandsrate Indikator 1 Indikator 2 Indikator 3 Indikator 4 Indikator 5 Indikator 6 Indikator 7 M IN / M A X M e rk m a l [I n d ik a to rw e rt ] B e d e u tu n g d e r M e rk m a le (B e w e rt u n g s g ru n d la g e ) M e rk m a l [I n d ik a to rw e rt ] M e rk m a l [I n d ik a to rw e rt ] M e rk m a l [I n d ik a to r- w e rt ] In d ik a to re n Breite der Protestinhalte A [0.00] B [0.20] C [0.40] D [0.60] Radikalität der Protestinhalte 12.5% 12.5% Widerstandsrate 100.0% Ausbreitung des Protestinhalts Breite der Protestakteure Art der Protestakteure Aktionsebene der Protest- akteure Tatsächliche Protest-Aktionen 12.5% 12.5% 12.5%12.5% 25.0% E [0.80] F [1.00] A [0.00] B/C [0.10] D/E bzw. B+C [0.20] B/C+D/E [0.30] F bzw. D+E bzw. D/E+B+C [0.40] F+B/C bzw. D+E+B/C [0.50] F+B+C bzw. F+D/E [0.60] F+D/E+B/C [0.70] F+D+E bzw. F+D/E+B+C [0.80] F+D+E+B/C [0.90] F+D+E+B+C [1.00] Regionalitätsrate: 0.00-0.25 [0.00] Regionalitätsrate: 0.26-0.50 [0.33] Regionalitätsrate: 0.51-0.75 [0.67] A [0.00] A [0.00] B [0.20] C [0.40] D [0.60] E [0.80] F [1.00] A [0.00] C [1.00 A [0.0] B [0.33] C [0.67] D [1.00] F [0.08] D/E [0.15] F+D/E [0.23] B/C [0.31] F+B/C [0.38] D/E+B/C [0.46] F+D/E+B/C [0.54] B+C bzw. B/C+D+E [0.62] B+C+F [0.69] B+C+D/E [0.77] B+C+D/E+F [0.85] B+C+D+E [0.92] B+C+D+E+F [1.00] Typ: best [0.00-0.24] Typ: mid-best [0.25-0.49] Typ: mid-worst [0.50-0.79] A: kein Inhalt B: 1 Inhalt C: 2 Inhalte D: 3 Inhalte E: 4 Inhalte F: 5 Inhalte pro zutreffendem Inhalt: 1 Pkt. A: kein Inhalt (0 Pkt.) B: Technische Planung (1 Pkt.) C: Standort/Entwick- lung der Region (1 Pkt.) D: Verteilungs- gerechtigkeit (2 Pkt.) E: Verfahrens- gerechtigkei (2 Pkt.) F: Bedarf (4 Pkt.) Regionalitätsrate von 0 bis 1: Anzahl regionale Proteste/ Anzahl Proteste gesamt 0.00-0.25 (1 Pkt.) 0.26-0.50 (2 Pkt.) 0.51-0.75 (3 Pkt.) 0.76-1.00 (4 Pkt.) A: kein Akteur B: 1 Akteur C: 2 Akteure D: 3 Akteure E: 4 Akteure F: 5 Akteure pro zutreffendem Akteur: 1 Pkt. A: kein Akteur (0 Pkt.) B: BI/ Anwohner (4 Pkt.) C: NGO/ Verband (4 Pkt.) D: Kommunalpolitik (2 Pkt.) E: Wissenschaft (2 Pkt.) F: Unternehmen/ Sonstige (1 Pkt.) A: Vorkommen lokaler Akteure (1 Pkt.) B: Vorkommen regionaler Akteure (2 Pkt.) C: Vorkommen bundesweit agierender Akteure (3 Pkt.) A: keine Aktion (0 Pkt.) B: nicht zwingend verfahrensverzögernd, z.B. Internetpräsenz (1 Pkt.) C: Einwendungen/ Stellungsnahmen, zus. Varientenprüfungen, privatrechtl. Verh. (2 Pkt.) D: Klagen vor Gericht (3 Pkt.) S tä rk e d e s W id e rs ta n d s Typ: worst [0.80-1.00] Regionalitätsrate: 0.76-1.00 [1.00] B [0.50] MIN: 0 MAX: 5 MIN: 0 MAX: 10 MIN: 1 MAX: 4 MIN: 0 MAX: 5 MIN: 0 MAX: 13 MIN: 1 MAX: 3 MIN: 0 MAX: 3 Gesamt- indikator Betrifft Indikatoren 2 und 5: „/“ steht für „oder“ Abbildung 3.1: Indikatorensystem Widerstandsrate. Quelle: Eigene Darstellung IZT Berlin (Mester, 2016) 3.5.2 Indikatoren Engagementrate Ausbau EE im Bundesland (Indikator 1) Zur Erfassung der EE-Ausbauaktivitäten der Bundesländer wird das Ranking einer Studie im Auftrag der Agentur für Erneu- erbare Energien (AEE) genutzt (Diekmann u. a., 2014b). Die normierten Werte der Studie fließen direkt in die Engagementrate ein. Entsprechend des Wertebereichs sind diese zu gleichen Anteilen von je 25 % auf die Engagementtypen „worst“ (0- 25 %) bis „best“ (75-100 %) übertragen worden (siehe Abbildung 3.2). Beispiel: Ein Landkreis in Schleswig-Holstein hat im Bundesländerranking den Indikatorwert [0.47] und den Engagementtyp „mid-worst“. Bekenntnis zum Netzausbau im Bundesland (Indikator 2) Das Bekenntnis zum Netzausbau eines Bundeslandes wird mit den Merkmalsausprägungen „kein Bekennt- nis“ (0 Punkte) und „Online Informationen/Links“, „Erklärungen zu Netzausbauvor- haben allgemein Aufforderungen“ und „Initiierung z.B. von Netzausbauinitiativen“ bewertet (je 1 Punkt). Es können null (Typ „worst“) bis drei Punkte (Typ „best“) erreicht werden. 36 3.5 Systematische Erhebung gesellschaftlicher Akzeptanz Beispiel: Wenn eine Landesregierung der Öffentlichkeit, in einem eigenen Inter- netportal, Informationen und Erklärungen zum Ausbaubedarf bereitstellt, und zusätzlich eine Aktionsplattform zur Beschleunigung des Netzausbaus in Ko- operation mit dem ÜNB (Netzausbauinitiative) initiiert, erhält sie drei Punkte und den Typ „best“. Ausbau EE im Kreis, Bekenntnis zum Netzausbau im Kreis; Informationen von Netzbetreiber, Dialog durch Netzbetreiber (Indikatoren 3, 4, 6, 7) Die Typen- zuordnung ist angelehnt an die von Indikator 2. Zeitpunkt bzw. Grad der Beteiligung (Indikator 5) Dieser Indikator beinhaltet die Kategorien „Formell Standard“, „Formell Information“, „Formell Dialog“, „In- formell Information“ und „Informell Dialog“ zur Bewertung von Beteiligung am Planungsprozess. Die verschiedenen Stufen der Beteiligung werden mit fünf Merk- malsausprägungen bewertet, wovon „Formell Standard“ als die geringste Stufe gilt mit 0 Punkten, jede weitere Stufe erhält einen weiteren Punkt bis zur höchsten Stufe „Informell Dialog“ mit 4 Punkten. Die ersten beiden Stufen entsprechen dem untersten Engagementtyp. Beispiel: Wird die Öffentlichkeitsbeteiligung eines Vorhabens dem Format „In- formell Information“ zugeordnet, ergibt sich ein Indikatorwert von 0.75. Das vom ÜNB gezeigte Engagement ist daher dem Typ „mid-best“ zugewiesen. Gewichtung der Indikatoren Die Indikatoren der Engagementrate sind den drei Akteursgruppen Bundesländer (Indikator 1-2), Landkreise (Indikator 3-4) und ÜNB (Indikatoren 5-7) zugewiesen. Ihre Gewichtung erfolgt jeweils mit 50 %. Innerhalb der Gruppen sind alle Indikatoren mit 12,5 % gleich gewichtet. Bei den Aktivitäten des ÜNB sind die konkreten Beteiligungsaktivitäten (Indikator 5) mit 30 % stär- ker gewichtet, als Information und Dialogbemühungen (Indikatoren 6 und 7) mit insgesamt nur 20 %. Die Aggregation und Typisierung der Engagementrate entspricht dem Verfahren bei der Widerstandsrate. Die Wertebereiche der vier Engagementtypen sind der letzten Spalte der Abbildung 3.2 zu entnehmen. 37 3 Einflussfaktoren gesellschaftlicher Akzeptanz beim Netzausbau Indikatorensystem Engagementrate Indikator 1 Indikator 2 Indikator 3 Indikator 4 Indikator 5 Indikator 6 Indikator 7 In d ik a to re n M IN / M A X B e d e u tu n g d e r M e rk m a le ( B e w e rt u n g s g ru n d la g e ) M e rk m a l [I n d ik a to r- w e rt ] M e rk m a l [I n d ik a to r- w e rt ] M e rk m a l [I n d ik a to r- w e rt ] M e rk m a l [I n d ik a to r- w e rt ] Ausbau EE im BL* erreichter Wert im BL: 0.00 – 0.25 [Ergebnis des BL] erreichter Wert im BL: 0.26 – 0.50 [Ergebnis des BL] Bekenntnis zum Netzausbau im BL Engagementrate Ausbau EE im Kreis Bekenntnis zum Netzausbau im Kreis Zeitpunkt/ Grad der Beteiligung Information vom Netzbetreiber Dialog durch Netzbetreiber erreichter Wert im BL: 0.51 – 0.75 [Ergebnis des BL] erreichter Wert im BL: 0.76 – 1.00 [Ergebnis des BL] A [0.00] Ein zutreffendes Merkmal aus B-D [0.33] Zwei zutreffende Merkmale aus B-D [0.67] Alle Merkmale B-D treffen zu [1.00] A [0.00] Ein zutreffendes Merkmal aus B-D [0.33] Zwei zutreffende Merkmale aus B-D [0.67] A [0.00] A [0.00] Ein zutreffendes Merkmal aus B-D [0.33] Zwei zutreffende Merkmale aus B-D [0.67] Alle Merkmale B-D treffen zu [1.00] A [0.00] Ein zutreffendes Merkmal aus B-D [0.33] Alle Merkmale B-D treffen zu [1.00] A [0.00] Ein zutreffendes Merkmal aus B-E [0.25] Drei zutreffende Merkmale aus B-E [0.75] Alle Merkmale B-E treffen zu [1.00] B [0.25] C [0.50] D [0.75] E [1.00] Typ: best [0.85-1.00] Typ: mid-best [0.55-0.84] Typ: mid-worst [0.25-0.54] S tä rk e d e s E n g a g e m e n ts Typ: worst [0.00-0.24] Alle Merkmale B-D treffen zu [1.00] Zwei zutreffende Merkmale aus B-D [0.67] 12.5% 100.0% A: kein Dialog (0 Pkt.) B: Newsletter bzw. Angebot aktueller Informationen C: Telefonische Ansprechpartner- Innen D: BürgerInnen- sprechstunde oder Infomärkte vor Ort E: ständige Ansprechpartner- Innen vor Ort, z.B. durch Projektbüros pro zutreffendem Merkmal B-E: 1 Pkt. 10.0%30.0%12.5% A: keine Information (0 Pkt.) B: Inf. zum Hinter- grund (Energie- wende, Gesetze) C: Inf. zum Netzaus- bau (Planung, Genehmigung, Technik, Natur..) D: Inf. zu den einzelnen Projekten pro zutreffendem Merkmal B-D: 1 Pkt. A: kein Bekenntnis (0 Pkt.) B: Online Informationen/ Links C: Erklärung zu Netzausbauvorhaben allgemein, Auf- forderungen D: Teilnahme an Netzausbauinitiativen pro zutreffendem Merkmal B-D: 1 Pkt. Ergebnisse der AEE- Studie** werden übernommen. Werte: BB: 0.49 B: 0.16 BW: 0.55 HB: 0.36 BY: 0.60 HH: 0.31 HE: 0.31 MVP: 0.52 NI: 0.41 NRW: 0.30 RP: 0.38 S: 0.38 SA: 0.43 SH: 0.47 SL: 0.27 TH: 0.52 10.0% A: kein Bekenntnis (0 Pkt.) B: Online Informationen/ Links C: Erklärung zu Netzausbauvorhaben allgemein, Auf- forderungen D: Initiierung z.B. von Netzausbauinitiativen pro zutreffendem Merkmal B-D: 1 Pkt. 12.5% A: keine Maßnahmen (0 Pkt.) B: Klimaschutz- oder Energiekonzept (auch geplant), NKI- Projekte, Sonstige (regionales Konzept) C: Energiekommune D: 100%-EE-Region pro zutreffendem Merkmal B-D: 1 Pkt. 12.5% A: Formell Standard (0 Pkt.) B: Formell Information (1 Pkt.) C: Formell Dialog (2 Pkt.) D: Informell Information (3 Pkt.) E: Informell Dialog (4 Pkt.) Gesamt- indikator Zwei zutreffende Merkmale aus B-E [0.50] MIN: 0 MAX: 1 MIN: 0 MAX: 3 MIN: 0 MAX: 3 MIN: 0 MAX: 3 MIN: 0 MAX: 4 MIN: 0 MAX: 3 MIN: 0 MAX: 4 BB: Brandenburg BW: Baden-Württemberg BY: Bayern HE: Hessen MVP: Mecklenburg-Vorpommern NI: Niedersachsen NRW: Nordrhein-Westfalen RP: Rheinland-Pfalz S: Sachsen SA: Sachsen-Anhalt SH: Schleswig-Holstein SL: Saarland TH: Thüringen B: Berlin HB: Bremen HH: Hamburg * Bundesland ** Diekmann et al. (2014): Vergleich der Bundesländer: Analyse der Erfolgsfaktoren für den Ausbau der Erneuerbaren Energien 2014. Indikatoren und Ranking. Endbericht. Berlin und Stuttgart. Abbildung 3.2: Indikatorensystem Engagementrate. Quelle: Eigene Darstellung IZT Berlin (Mester, 2016). 3.6 Ergebnisse der Bewertungen in den ausgewählten Landkreisen Die Ergebnisse für den Untersuchungsraum zeigt Tabelle 3.3. Enthalten sind die be- rechneten Widerstands- und Engagementraten pro Landkreis und die daraus abge- leiteten Typen. Darüber hinaus sind die aktuellen Verzögerungszeiten pro Vorhaben sowie die durchschnittliche Verzögerung aller EnLAG-Vorhaben pro Landkreis ab- gebildet. Die bisherigen Verzögerungsjahre wurden aus der Differenz zwischen den ursprünglich und den aktuell von der Bundesnetzagentur (BNetzA) angegebenen Zieljahren der Vorhaben errechnet (BNetzA, 2011, 2015). Die Durchschnittswer- te wurden aus allen EnLAG-Vorhaben, mit insgesamt 66 Teilabschnitten in insge- samt 81 Landkreisen, von der Europa-Universität Flensburg berechnet (siehe Kapitel 5.2.1.2 und Bunke (2015)). Durchschnittswerte und tatsächliche Verzögerungszeiten der Einzelvorhaben in den betrachteten Landkreisen unterscheiden sich höchstens um zwei Jahre. Die Schwankungen der Verzögerungen aller EnLAG-Vorhaben betra- gen 1–8 Jahre, und durchschnittlich 5 Jahre. Innerhalb eines Vorhabens sind unter- schiedliche Verzögerungszeiten pro Teilabschnitt möglich. In den Vorhaben EnLAG 38 3.6 Ergebnisse der Bewertungen in den ausgewählten Landkreisen 5 liegen die Schwankungen innerhalb der Teilabschnitte zwischen 1-4 Jahren, im Vorhaben EnLAG 6 zwischen 3-5 Jahren. Abbildung 3.3: Ergebnisse Widerstands- und Engagementrate in den 19 untersuch- ten Landkreisen. Quelle: Eigene Darstellung IZT Berlin (Mester, 2016) In Abbildung 3.4 sind alle EnLAG-Vorhaben im Untersuchungsraum abgebildet, ge- ordnet nach Verzögerungszeiten. Die Zeit in Jahren ist auf der rechten Sekundärachse abzulesen. Weiterhin zeigt die Abbildung die Summe der erstellten Widerstands- und Engagementraten pro Landkreis. Die Anzahl der abgebildeten Vorhaben-Teilabschnitte entspricht der Anzahl der durchquerten Landkreise. Insgesamt neun Teilabschnitte durchqueren zwei Landkreise, kein Teilabschnitt durchquert mehr als zwei Landkrei- se. Im Vorhaben EnLAG 6 durchqueren die vier Teilabschnitte sechs Landkreise. Je höher die Widerstandsrate, desto mehr Widerstand wurde festgestellt. Die Schwan- kungsbreite der normierten Widerstandsrate liegt zwischen 0,48–0,87, der Mittelwert beträgt 0,68. Je höher das Engagement, desto höher die Rate. Die Schwankungsbrei- te der normierten Engagementrate liegt zwischen 0,45–0,70 und ihr Durchschnitt beträgt 0,57. Insgesamt zeigt die Abbildung einen schwachen Trend von abnehmen- den Verzögerungszeiten bei abnehmenden Widerständen. Nur geringfügig stärker ausgeprägt, ist der Trend der Abnahme der Verzögerungszeiten bei höherem Enga- gement. Abbildung 3.5 zeigt die Widerstands- und Engagemenraten der Landkreise in glei- cher Reihenfolge und enthält zusätzlich die Aufschlüsselung der sieben Einzelindi- katoren pro Rate. Die Grafik enthält ganz rechts zwei Balken mit den Höchstwerten der Einzelindikatoren pro Rate, um die Ergebnisse besser einordnen zu können. 39 3 Einflussfaktoren gesellschaftlicher Akzeptanz beim Netzausbau Abbildung 3.4: Gesamt Widerstands- und Engagementraten und Verzögerungszei- ten aller EnLAG Vorhaben pro Landkreis im Untersuchungsraum. Quelle: Eigene Darstellung IZT Berlin Hier zeigt sich, dass inhaltlich kein Einzelindikator überwiegt, die Raten setzen sich demnach recht gleichmäßig aus allen zusammen. Auffällig ist allerdings, dass in den vier Landkreisen mit den höchsten Verzögerungszeiten der Einzelindikator „tatsäch- liche Protestaktionen“ den Höchstwert hat. Weiterhin ist in der Abbildung zu erken- nen, dass der Indikator „Pro Netzausbau im Landkreis (LK)“ in den untersuchten Beispielen nur selten vorkommt. Aufgrund der niedrigen Fallzahl im Untersuchungs- raum können keine validen Kausalzusammenhänge festgestellt werden. Die absoluten Werte beider Raten wurden in Typ-Kategorien eingeordnet, die Häufigkeitsvertei- lung ihrer Kombinationen zeigt Tabelle 3.6. Den Auswertungen in den Tabellen 3.6 und 3.7 ist zu entnehmen, dass 17 Landkrei- se mit dem Widerstandstyp „mid-worst“, also sehr hohen Widerständen, bewertet wurden. In fünf dieser Landkreise lag niedriges Engagement des Typs „mid-worst“ vor. Die durchschnittlichen Verzögerungszeiten dieser Kombination betragen sechs Jahre. Deutlich geringer, mit vier Jahren, sind die durchschnittlichen Verzögerungs- zeiten in den zwölf Landkreisen, die zwar mit dem gleichen Widerstand-Typ, aber mit höherem Engagement bewertet wurden. 40 3.6 Ergebnisse der Bewertungen in den ausgewählten Landkreisen Abbildung 3.5: Widerstands- und Engagementraten aufgeschlüsselt nach Einzelin- dikatoren, sowie die Maximalwerte der Einzelindikatoren zum Ver- gleich. Quelle: Eigene Darstellung IZT Berlin Abbildung 3.6: Häufigkeiten der Kombination von Engagement und Widerstandsty- pen. Quelle: Eigene Darstellung IZT Berlin Abbildung 3.7: Durchschnittliche Verzögerungszeit pro Vorhaben pro Typen- Kombination in Jahren. Quelle: Eigene Darstellung IZT Berlin 41 3 Einflussfaktoren gesellschaftlicher Akzeptanz beim Netzausbau Neben den tabellarischen und grafischen Auswertungen ist zusätzlich eine geografi- sche Ergebnisdarstellung der Widerstand- und Engagement Typisierung innerhalb der untersuchten Landkreisen in Abbildung 3.8 dargestellt. Im Gegensatz zu den tabellarischen Auswertungen ist hier zusätzlich die Bewertung von BBPlG 8 enthal- ten. Diese wurden vorher nicht berücksichtigt, da aufgrund des Zieljahres noch keine Verzögerungen auftreten konnten. Abbildung 3.8: Geographische Darstellung der Ergebnisse der Widerstands- und En- gagementrate im Untersuchungsraum. Quelle: Eigene Darstellung IZT Berlin (Mester, 2016) 42 4 Analyse politisch-rechtlicher Rahmenbedingungen gesellschaftlicher Akzeptanz Einflussfaktoren für die Akzeptanz sind nicht nur bei der konkreten Projektplanung zu suchen, sondern auch auf der übergeordneten Ebene, z.B. bei der Energiegesetzge- bung. So ist ein klares politisches Bekenntnis zur Energiewende und zum Ausbau der Erneuerbaren Energien förderlich für konkrete Projekte vor Ort. Dementsprechend wurden im Rahmen dieses Kapitels neben den technologie- und regionsspezifischen, die übergeordneten sozialen und gesellschaftspolitischen Faktoren betrachtet. 4.1 Die Förderung Erneuerbarer Energien Der Ausbau der erneuerbaren Energien ist eine zentrale Säule der Energiewende. In diesem Zusammenhang wurde ein erfolgreiches Instrument zur Förderung des Ökostroms konzipiert: das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG, 2014), welches erst- mals im Jahr 2000 in Kraft getreten ist und mit dem ein Dreiklang von Anschluss- , Abnahme- und Mindestvergütungsverpflichtung für Erneuerbare Energien imple- mentiert wurde (Obermann, 2014). Der Ausbau der Erneuerbaren Energien hat da- durch eine rasante Entwicklung genommen. Es wurde durch Novellen in den Jahren 2004, 2009 und 2012 stetig weiterentwickelt. Mit der Novelle von 2014 gab es einen Wandel in der Förderphilosophie. Die Bundesregierung will damit „den Anteil erneu- erbarer Energien ausbauen, den Kostenanstieg bremsen, die Kosten gerechter ver- teilen, Arbeitsplätze und wirtschaftlichen Erfolg sichern“ (Bundesregierung, 2014). Dafür ist vorgesehen, die Vergütungen schrittweise zu senken und den jährlichen Zu- bau zu steuern, indem konkrete Mengen für den Neubau (Gigawatt Leistung) für die einzelnen Energieträger festgelegt werden (atmender Deckel). Zudem ist nach einer Probephase bei Freiflächen-Solaranlagen die Einführung des Ausschreibungsmodells auch für die anderen Energieträger vorgesehen. Dann gibt es keine feste Vergütung mehr, sondern die zu installierende Leistung wird ausgeschrieben und der Preis im Wettbewerb ermittelt. Überschüssiger Strom von neuen Anlagen ab einer installier- ten Leistung von 100 Kilowatt muss verkauft und an der Strombörse, i.d.R. durch Direktvermarktung, gehandelt werden (Dagasan u. a., 2014). KritikerInnen sehen 43 4 Analyse politisch-rechtlicher Rahmenbedingungen gesellschaftlicher Akzeptanz hierin eine Abkehr vom weiteren schnellen Ausbau der erneuerbaren Energien. Und gerade kleinere InvestorInnen fürchten, dass sie bei einem Ausschreibungsmodell nicht mit den großen Energieunternehmen konkurrieren können. Sollte das der Fall sein, wäre es das Ende der Bürgerenergie. Die Energiewende ist aber gerade deshalb so erfolgreich, weil es eine „Energiewende von unten“ ist, weil viele kleine Anlege- rInnen und Kommunen davon profitieren und weil sie strukturschwachen Regionen neue Einnahmequellen beschert. Förderung von EE und Akzeptanz für den Stromnetzausbau Die Akzeptanz der Energiewende beeinflusst auch die Akzeptanz von Netzausbau- projekten für die Energiewende. Bei Betrachtung verschiedener Netzausbauvorhaben wird deutlich, dass neue Leitungen eher akzeptiert werden, wenn die Region vom Ausbau der Erneuerbaren Energien profitiert. D.h. die Leitung nimmt den Strom aus der Region auf, wie bspw. an der Westküste in Schleswig-Holstein (DUH, ei- gene Beobachtung). Sie wird abgelehnt, wenn die betroffene Region kaum Vorteile von der Energiewende hat, wie zum Beispiel Nordbayern. Hier wird der Ausbau der Windenergie durch Abstandsregelungen stark eingeschränkt, die Region kann des- halb kaum profitieren und lehnt die Leitung ab, die „fremden Strom“ durchleitet. Die Bayrische Landesregierung hat im November 2014 eine Abstandsregelung von WKA zu Wohnbebauungen beschlossen. Nach der sogenannten 10H Regel muss der Abstand einer WKA zu Wohnhäusern mindestens das zehnfache ihrer Höhe betra- gen, d.h. bei einer modernen Anlage von 200 m Höhe muss ein Abstand von 2 km eingehalten werden. Von Seiten der politischen Opposition sowie von Erneuerbaren- Verbänden gibt es starke Kritik an der Abstandsregelung, nach der nun kaum noch ein Windkraftausbau in Bayern möglich ist. Wie die erneuerbaren Energien über das EEG gefördert werden und wer genau davon profitiert, hat damit indirekten, aber nicht unwesentlichen Einfluss auf die Akzeptanz von neuen Stromleitungen. 4.2 Planung und Zulassung von Netzausbauprojekten Die gesetzlichen Grundlagen für die Planung und Zulassung von Netzausbauvorha- ben sind in den letzten Jahren starken Veränderungen unterzogen worden. Grund war nach Schirmer u. Seiferth (2013) das Bemühen der Gesetzgebung, den Ausbau der Energienetze zu beschleunigen, nachdem mit den bisherigen Verfahren der ge- wünschte und für die Energiewende notwendige Netzausbau nicht realisiert werden konnte. Zur Beschleunigung der Verfahren wurde 2009 zunächst das Gesetz zum 44 4.2 Planung und Zulassung von Netzausbauprojekten Ausbau von Energieleitungen (Energieleitungsausbaugesetz - EnLAG) verabschie- det, das den vordringlichen Bedarf für die wichtigsten Leitungen festlegte, der dann im Verfahren nicht mehr geprüft werden musste. Die erwartete Beschleunigung blieb allerdings aus, so waren laut Monitoring der Bundesnetzagentur nach dem 3. Quartal 2014 erst rund ein Viertel der, laut EnLAG benötigten, Leitungskilometer realisiert (BNetzA, 2014c). Mit dem Netzausbaubeschleunigungsgesetz (NABEG) (und dem daran anknüpfen- den Bundesbedarfsplangesetz - BBPlG) wurde versucht, den mit der Energiewende dringender werdenden Netzausbaubedarf großräumig zu steuern und zu beschleuni- gen (Schirmer u. Seiferth, 2013). Im Jahr 2011 wurden daher die Planungsgrund- lagen mit einem neuen Gesetzespaket aufgestellt. Paragraph 12a bis f des Energie- wirtschaftsgesetzes (EnWG) und das Netzausbaubeschleunigungsgesetz (NABEG) regeln nun die Planungen der Stromübertragungsnetze. Dies hat zur Folge, dass bei den derzeitigen Vorhaben im Hoch- und Höchstspan- nungsbereich (> 110 kV) zwei verschiedene Planungsverfahren zum Einsatz kommen, die im Folgenden näher beschrieben werden. Zum einen das herkömmliche, zwei- stufige Verfahren aus Raumordnungs- und Planfeststellungsverfahren für regionale Leitungen und Stromleitungen nach Energieleitungsausbaugesetz. Zum anderen das neuere Verfahren für sogenannte „Stromautobahnen“ nach NABEG und EnWG. 4.2.1 Stromnetzausbau nach EnLAG Das Gesetz zum Ausbau von Energieleitungen wurde 2009 von Bundestag und Bun- desrat beschlossen und trat am 26. August 2009 in Kraft. Ausgangslage für die Verabschiedung des Gesetzes waren der zügige Ausbau des Anteils der erneuerbaren Energien an der Stromerzeugung, der verstärkte grenzüberschreitende Stromhan- del, neue konventionelle Kraftwerke und der damit dringend erforderliche Bau neuer Höchstspannungsleitungen. Die Leitungen aus dem EnLAG von 2009 unterliegen den dort festgesetzten Rege- lungen und werden nicht nach NABEG geplant. Das EnLAG legt in der aktuellen Fassung von 2013 für 23 (ursprünglich 24, die energiewirtschaftliche Notwendigkeit von Vorhaben Nr. 22 wurde nach einer Prüfung im Rahmen der Erstellung des Netz- entwicklungsplans (NEP) Strom 2012 nicht mehr gesehen) Leitungsbauvorhaben mit einer Gesamtlänge von 1.887 km im Höchstspannungsbereich die energiewirtschaftli- che Notwendigkeit und ihren vordringlichen Bedarf fest. Mit Ende des dritten Quar- tals 2014 waren laut Monitoring der BNetzA erst insgesamt 438 km und damit erst ca. ein Viertel der erforderlichen Leitungskilometer realisiert (BNetzA, 2014c). 45 4 Analyse politisch-rechtlicher Rahmenbedingungen gesellschaftlicher Akzeptanz Für die Planung von Stromleitungen nach EnLAG gibt es in der Regel zwei Verfah- rensschritte (siehe Abbildung 4.1: 1. DasRaumordnungsverfahren (ROV) zur Festlegung des Trassenkorridors. 2. Das Planfeststellungsverfahren (PFV) zur Festlegung des genauen Tras- senverlaufs sowie der grundstücksscharfen Trassenplanung. Die Durchführung der Raumordnungs- und Planfeststellungsverfahren liegt in der Verantwortung der betroffenen Bundesländer. Grundlage für die im Bedarfsplan (im Anhang des EnLAG) aufgeführten Vorhaben sind die TEN-E-Leitlinien, d.h die Leit- linien der EU für Transeuropäische Energienetze (EU, 2006) und die dena-Netzstudie I (dena, 2005). Eine eigene Bedarfsermittlung durch staatliche Stellen hat nicht statt- gefunden. Zudem regelt das EnLAG den Einsatz von Erdkabeln im Übertragungs- netz. Die Übertragungsnetzbetreiber (ÜNB) können eine Teilverkabelung auf vier im Gesetz benannten Ausbaustrecken vorsehen, wenn Mindestabstände zu Wohnbe- bauungen (400 Meter innerhalb und 200 Meter außerhalb geschlossener Ortschaften) nicht eingehalten werden können. Die im EnLAG benannten Leitungsbauvorhaben sind im NEP als Startnetz enthalten. Im Raumordnungsverfahren (ROV) beantragt der Netzbetreiber die Erlaubnis für den Bau der geplanten Freileitung bei der zuständigen Landesplanungsbehörde, die verschiedene Trassenkorridore betrachtet und prüft, ob das Vorhaben mit an- deren Interessen der Landesplanung kollidiert. Die Behörde stellt verwaltungsintern fest, ob das Vorhaben raumverträglich ist oder nicht. Diese Feststellung muss zwar im anschließenden Planfeststellungsverfahren berücksichtigt werden, ist aber nicht rechtsverbindlich. Sie kann also nicht beklagt werden. Im Planfeststellungsverfahren (PFV) wird der genaue Trassenverlauf festge- legt und grundstücksscharf geplant. AnwohnerInnen, GrundeigentümerInnen und andere unmittelbar von dem Bau Betroffene können ihre Positionen einbringen. Die zuständige Behörde wägt die Belange ab. Die abschließende Entscheidung (Planfest- stellungsbeschluss) kann gerichtlich überprüft werden. Nach EnLAG können Bür- gerInnen allerdings nur noch vor dem Bundesverwaltungsgericht klagen, d.h. der Instanzenweg wurde von ursprünglich drei auf eine Instanz verkürzt (VwGO, 1960, § 50 Abs. 1 Nr. 6). Aus Akzeptanzsicht lässt sich für das EnLAG-Verfahren folgendes feststellen: Förderlich für die Akzeptanz sind: • Bedarf gesetzlich festgestellt; damit politisches Bekenntnis zum Netzausbau. • Möglichkeit der Erdverkabelung auf einigen Pilotstrecken. 46 4.2 Planung und Zulassung von Netzausbauprojekten Abbildung 4.1: Planungsverfahren für Stromleitungen nach EnLAG. Quelle: Eigene Darstellung DUH Hinderlich für die Akzeptanz sind: • Übertragungsbedarf für die Öffentlichkeit nicht nachgewiesen. • Verwendung von Erdkabeln auf bestimmte Vorhaben beschränkt. • Zu wenig Bürgerbeteiligung im Verfahren. 4.2.2 Stromnetzausbau nach EnWG / NABEG Mit dem Energiegesetzespaket von 2011 wurden neue rechtliche Grundlagen für die Stromnetzplanung auf der Höchstspannungsebene (380 kV) festgesetzt. Ziel war es, den Netzausbau zu beschleunigen und höhere Akzeptanz in den betroffenen Regio- nen zu erreichen. Dafür sollte es eine koordinierte Gesamtplanung geben, die den Anforderungen an das künftige Stromnetz möglichst effizient gerecht wird. Infor- mationsrechte und Beteiligungsmöglichkeiten wurden erweitert. Zentrale Bausteine sind § 12a bis f EnWG und das NABEG (EnWG, 2005; NABWG, 2011). Die Pla- nung prioritärer Netzausbauprojekte, also der großen „Stromautobahnen“, wurde in diesem Zuge von der Länder- auf die Bundesebene verlagert. Dies betrifft nicht nur die übergeordnete Planung, sondern auch die Planfeststellung. Sie wurde mit der Planfeststellungszuweisungsverordnung (PlfZV, 2013) vom 23. Juli 2013 für den überwiegenden Teil der Leitungen an die Bundesnetzagentur übertragen. Die Pla- nung neuer 380-kV-Stromleitungen erfolgt damit zentral und fast vollständig auf Bundesebene. Die Netzbetreiber sind wichtige AkteurInnen, da sie die eigentliche Planung machen, die dann von der BNetzA geprüft und bestätigt wird. 47 4 Analyse politisch-rechtlicher Rahmenbedingungen gesellschaftlicher Akzeptanz Zunächst wird für ganz Deutschland ein Plan erstellt, wo genau Stromübertragungs- bedarf besteht (von welchem Punkt zu welchem Punkt). Dann wird unter Berück- sichtigung raumordnerischer Belange zwischen zwei Punkten ein Trassenkorridor festgelegt. Innerhalb des Trassenkorridors wird dann der genaue Verlauf der Strom- leitung bestimmt. Die fünf Planungsstufen sind in Abbildung 4.2 dargestellt. Abbildung 4.2: Die fünf Planungsstufen für zentralen Stromtrassen. Quelle: Eigene Darstellung DUH Insgesamt gibt es folgende Verfahrensschritte nach EnWG / NABEG: 1. Szenariorahmen – Prognose des energiewirtschaftlichen Rahmens, auf des- sen Basis das Netz geplant wird (zukünftiger Energiebedarf; Art, Anzahl und Standorte der Kraftwerke etc.) 2. Nationaler Netzentwicklungsplan – Darstellung der Netzbetreiber, wo Übertragungsbedarf besteht, also Leitungen verstärkt oder neu gebaut wer- den müssen 3. Bundesbedarfsplangesetz – Feststellung der energiewirtschaftlichen Not- wendigkeit und des vordringlichen Bedarfs von Netzausbauprojekten durch den Bundestag; fußt auf dem Netzentwicklungsplan der Netzbetreiber 4. Bundesfachplanung - Festlegung der Trassenkorridore (500 – 1000 m breit), in denen die späteren Leitungen verlaufen2 5. Planfeststellung – Festlegung des genauen Trassenverlaufs innerhalb der Trassenkorridore; mündet im Planfeststellungsbeschluss 2 Die erste Antragskonferenz zur Bundesfachplanung für das Vorhaben Nr. 11 des Bundesbedarfs- plangesetzes, eine 30 km lange 380-kV-Leitung von Bertikow in Brandenburg nach Pasewalk in Mecklenburg-Vorpommern, fand am 24.09.2014 in Torgelow statt 48 4.2 Planung und Zulassung von Netzausbauprojekten Der Szenariorahmen, der den weiteren Ausbau der Erneuerbaren Energien sowie die Menge an fossiler Energie und den Energiebedarf für die Zukunft prognosti- ziert, entscheidet darüber, welche Aus- und Umbaunotwendigkeiten im Stromnetz notwendig sind. Er wird von den Netzbetreibern erarbeitet. Die Bundesnetzagentur konsultiert die Öffentlichkeit und genehmigt letztendlich den Szenariorahmen. Auf dessen Grundlage erarbeiten wiederum die Netzbetreiber den Netzentwick- lungsplan (NEP). Die Öffentlichkeit wird einmal durch die Netzbetreiber und dann – nach Überarbeitung – noch einmal durch die Bundesnetzagentur an der Erstellung beteiligt. Der durch die Bundesnetzagentur genehmigte NEP wird der Bundesregierung als Entwurf für ein Bundesbedarfsplangesetz (BBPlG) übergeben und – ggf. mit Änderungen – mindestens alle drei Jahre vom Bundestag beschlossen. Damit wird der energiewirtschaftliche Bedarf für die späteren Leitungen gesetzlich festgelegt und muss im späteren Verfahren nicht noch einmal nachgewiesen werden. Szenariorahmen und Netzentwicklungsplan werden jährlich neu erstellt, um schnell auf Änderungen der Rahmenbedingungen reagieren zu können. Mindestens alle 3 Jahre wird ein Bundesbedarfsplan aufgestellt. Das erste Bundesbedarfsplangesetz wurde 2013 verabschiedet. Auf Antrag des Netzbetreibers beginnt dann – einzeln für jedes Netzausbauvorha- ben – die Bundesfachplanung (BFP). Sie entspricht der Raumordnung im her- kömmlichen Planungsverfahren, allerdings wird der Trassenkorridor für die spätere Leitung hier verbindlich für die anschließende Planfeststellung festgelegt. Dazu werden raumordnerische und andere raumbedeutsame Belange geprüft und Trassen- alternativen einbezogen. In einer Antragskonferenz, bei der neben den betroffenen BürgerInnen auch Vereinigungen und Träger öffentlicher Belange (TÖB) beteiligt werden, wird genau bestimmt, was vor der Festlegung untersucht werden muss. Wenn alle Untersuchungen erfolgt sind, wird die Öffentlichkeit noch einmal beteiligt. Die letztendliche Entscheidung über den Trassenkorridor liegt bei der Bundesnetzagen- tur. Mit der verbindlichen Festlegung des Korridors wird für die Vorhabenträger, die Länder und Gemeinden sowie die betroffenen BürgerInnen schon frühzeitig ein hohes Maß an Planungs- und Rechtssicherheit gewährleistet. Der letzte Schritt ist das Planfeststellungsverfahren (PFV). Auch hier stellt der Netzbetreiber einen Antrag bei der Bundesnetzagentur und stellt eine Vorzugstras- se und Trassenalternativen vor. In einer Antragskonferenz, bei der neben den be- troffenen BürgerInnen wieder auch Vereinigungen und TÖB beteiligt werden, wird wiederum der Untersuchungsrahmen festgelegt. Nach Fertigstellung dieser sehr de- taillierten Untersuchungen wird die Öffentlichkeit noch einmal konsultiert. Wenn alle 49 4 Analyse politisch-rechtlicher Rahmenbedingungen gesellschaftlicher Akzeptanz Maßgaben erfüllt sind, stellt die Bundesnetzagentur nach Abwägung aller Interessen den Planfeststellungsbeschluss für einen konkreten Leitungsverlauf mit konkreten Maststandorten (bei Freileitungen) etc. aus. Damit hat der Netzbetreiber die Ge- nehmigung, die Leitung zu bauen. Der Planfeststellungsbeschluss ist beklagbar. Nach dem herkömmlichem Planungsverfahren und dem EnLAG-Verfahren gibt es damit nun einen dritten Rechtsrahmen mit erhöhter Komplexität. Betrachtet man das neue Verfahren dahingehend, ob es Akzeptanz fördert oder nicht, lassen sich folgende Erkenntnisse ableiten: Förderlich für die Akzeptanz sind: • Zentrale Bedarfsplanung. • Prüfung und Genehmigung durch Bundesbehörde. • Im gesamten Verfahren Beteiligungsmöglichkeiten für die Öffentlichkeit. • Gesetzliche Feststellung des Bedarfs (Bundesbedarfsplangesetz). • In der Bundesfachplanung ermittelter Trassenkorridor hat Bindungswirkung, daher gibt es frühzeitig Planungs- und Rechtssicherheit. • Bundesfachplanung und Planfeststellung sind in einer Hand, dadurch gibt es ein einheitliches Vorgehen. Hinderlich für die Akzeptanz sind: • Berechnungen der Netzbetreiber sind hochkomplex und nicht alle Daten öf- fentlich einsehbar. • Szenariorahmen bildet energiepolitische Ziele nicht ab. • Sehr komplexes Planungsverfahren. • Verwendung von Erdkabeln ist eingeschränkt. • Verschiedene Planungsverfahren verwirren, Ungleichbehandlung führt zu Ver- ärgerung. • Keine Aussage, in welcher Form auf Stellungnahmen der BürgerInnen reagiert wird. • Bundesfachplanung und Planfeststellung sind in einer Hand, dadurch Konzen- tration der Zuständigkeit bei der Bundesnetzagentur. 50 4.3 Politikempfehlungen aus Plan N und Plan N 2.0 Planungsverfahren und Akzeptanz Die Analyse und der Vergleich der verschiedenen Planungsverfahren und ihrer Wir- kungen vor Ort offenbaren zahlreiche Einflussfaktoren auf die Akzeptanz. Ein wich- tiger Einflussfaktor ist zum Beispiel der Grad der Bürgerbeteiligung im Verfahren. Je mehr die BürgerInnen in die Planungen einbezogen werden, desto höher ist die Akzeptanz. Denn durch Beteiligung wird zum einen eine gemeinsame Wissensbasis geschaffen, die eine sachgerechte Bewertung des Vorhabens ermöglicht. Zum ande- ren ermöglicht sie, Spielräume auszuloten und Planänderungen zu erreichen. Auch andere Faktoren, wie die Möglichkeit der Erdverkabelung oder die zentrale Bedarfs- ermittlung sind wesentlich für die Akzeptanz. 4.2.3 Beschleunigungswirkung der neuen Planungsverfahren Mit der Verabschiedung des EnLAG und später des NABEG sowie der Neuregelung des EnWG hatte die Gesetzgebung eine beschleunigende Wirkung auf die Verfahren beabsichtigt, der Rechtsrahmen für den Ausbau der Höchstspannungsnetze wurde aber gleichzeitig auch sehr viel komplexer (Schirmer u. Seiferth, 2013). Bei den EnLAG-Verfahren konnte wie erwähnt bisher keine Beschleunigung festgestellt wer- den, die meisten Vorhaben sind weit hinter ihrer ursprünglichen Planung zurück. Ob die Planung nach NABEG und § 12a bis f EnWG zu weniger Verzögerungen oder gar zu einer besonders zügigen Umsetzung des Netzum- und –ausbaus führt, kann zum derzeitigen Zeitpunkt noch nicht gesagt werden. Hier müssen die laufenden Verfahren abgewartet werden. Insgesamt sind aber die Einflüsse auf die Planung auch sehr vielfältig und Verzö- gerungen daher aus verschiedensten Gründen immer möglich. Politische Einwände wie zum Beispiel aus Bayern erzeugen derzeit großen Druck auf die Netzentwick- lungsplanung und können diese verzögern. Sie haben auch dazu geführt, dass der Netzbetreiber Amprion 2015 seine Planungen zur Süd-Ost-Passage (Gleichstrom- Korridor D) zunächst zurückgestellt hatte. 4.3 Politikempfehlungen aus Plan N und Plan N 2.0 Im Projekt „Forum Netzintegration Erneuerbare Energien“ (Netzintegration), das 2008 von der Deutschen Umwelthilfe e.V. (DUH) initiiert und vom Bundesministeri- um für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit gefördert wurde, hat ein breiter Kreis von InteressenvertreterInnen in einem gut fünfjährigen, intensiven Dialogpro- zess umfangreiche Handlungsempfehlungen an die Politik zum Um- und Ausbau der Stromnetze erarbeitet. Der Teilnehmerkreis des Forums Netzintegration umfasste 51 4 Analyse politisch-rechtlicher Rahmenbedingungen gesellschaftlicher Akzeptanz Netzbetreiber, VertreterInnen des Natur- und Umweltschutzes, Schutzgebietsver- waltungen, PlanerInnen, Behörden und Verwaltungen, Kommunen, betroffene Bür- gerInnen sowie VertreterInnen der Branche Erneuerbare Energien. Abbildung 4.3: Plan N (2010), Bilanz Plan N (2012), Plan N 2.0 (2013). Quelle: Eigene Darstellung DUH Im Dezember 2010 wurde „Plan N – Handlungsempfehlungen an die Politik zur zu- künftigen Integration Erneuerbarer Energien in die Stromnetze“ (DUH, 2010) ver- öffentlicht. In einer „Bilanz“ von Plan N im April 2012 (DUH, 2012) hat die DUH Fortschritte, z. B. in der Transparenz der Stromnetzplanung und bei zentralen Kon- flikten, wie z. B. dem Schutz des Wohnumfelds von AnwohnerInnen, evaluiert und bewertet. Schließlich wurde „Plan N 2.0 - Politikempfehlungen zum Um- und Aus- bau der Stromnetze“ (DUH, 2013) im Dezember 2013 vom Forum Netzintegration vorgestellt. Die Empfehlungen hatten stets das Ziel, einen zügigen, sozial und ökolo- gisch verträglichen Netzausbau zu erwirken und sollten damit auch gesellschaftliche Akzeptanz schaffen. Im Folgenden werden die Empfehlungen aus Plan N, der Bilanz des Plan N und aus Plan N 2.0 dargestellt (Abbildung 4.3). 4.3.1 Plan N im Jahr 2010 und die Bilanz 2012 In Plan N forderten 77 unterzeichnende Organisationen, Verbände und Privat- personen die Politik auf, beim Um- oder Ausbau der Stromnetze, unter anderem, mehr Transparenz und eine sehr frühzeitige Einbindung und Beteiligung der Bürge- rInnen bei der Planung. Insgesamt sind 81 Maßnahmen enthalten, u.a. dezentrale, regenerative Stromerzeugung mit Speichern zu fördern, die AnwohnerInnen vor neu- en Freileitungen durch Abstandsregelungen besser zu schützen oder die Umsetzung weitgehender Vogelschutzmaßnahmen. Zudem werden, je nach Spannungsebene, de- taillierte Empfehlungen zur Freileitungs- und Erdkabeltechnologie formuliert. Die formulierten Kernforderungen lauten: 52 4.3 Politikempfehlungen aus Plan N und Plan N 2.0 • EU-weit abgestimmte Grundkonzeption des Netzausbaus (EU-Netzausbauplan auf Grundlage von strategischen Umweltverträglichkeitsprüfungen) ENTSO-E, 3. EU-Binnenmarktpaket. • Transparenz des Verfahrens, frühzeitige Information und Beteiligung in den Regionen sowie Planung der Trassenverläufe u.a. nach nachvollziehbaren öko- logischen Kriterien. In einem informellen Prozess soll vor Verfahrenseröffnung unter Berücksichtigung aller Beteiligten ein informeller Masterplan zur Tras- senfindung erstellt werden. • Regelmäßige Offenlegung von standardisierten Planungsdaten (z. B. Vorgabe durch BNetzA) und von sachverständigen Dritten nachprüfbare Planrechtfer- tigung im Verfahren als Beleg für die energiewirtschaftliche Notwendigkeit von Leitungsbauvorhaben. • Online-Veröffentlichung der Planunterlagen mit Zugriff für alle, ggf. Fachanlei- tung auf Ebene der Landkreise bzw. der Kommunen zur Verfahrensbeschleu- nigung und Transparenzsicherung. • Bei länderübergreifenden Vorhaben Federführung durch Behörde des am meis- ten betroffenen Landes auf Grundlage von einheitlichen Leitlinien, z.B. zu ent- wickelnden Musterplanungsleitlinien zur Vereinheitlichung der ROV und PFV der Länder. • Gebiete, die eine herausragende Bedeutung für den Naturschutz haben, müssen individuell behandelt werden. Sollten sich keine räumlichen Planungsalternati- ven ergeben, sind die Leitungen in diesen Bereichen als Erdkabel auszuführen. Sachlich nicht geboten ist eine Erdverkabelung in naturschutzfachlich sensiblen Ökosystemen, wie Mooren und Feuchtgebieten. • Die Möglichkeiten zur ökologischen Optimierung von Freileitungstrassen sind weitestgehend auszuschöpfen. Dazu bietet das ökologische Schneisenmanage- ment (ÖSM) die notwendigen Planungsleitlinien. • Öffentlichkeitskampagne zur Aufklärung über Notwendigkeiten des Netzaus- baus und neuer Speicher für den Umbau des Energiesystems. Durch das Energiewende-Gesetzespaket von 2011, mit der Novelle des EnWG und der Verabschiedung des NABEG, wurden einige in Plan N geforderte Maßnahmen zur Stromnetzplanung auf der Höchstspannungsebene umgesetzt. Die Bilanz des Plan N vom April 2012 stellt die Fortschritte bei der Transparenz und Bürgerbe- teiligung im Rahmen der Planung heraus und weist gleichzeitig auf noch bestehende Verbesserungsmöglichkeiten hin: 53 4 Analyse politisch-rechtlicher Rahmenbedingungen gesellschaftlicher Akzeptanz So werden durch das novellierte EnWG und das NABEG frühzeitige Formen der Bürgerinformation und, im optimalen Fall, der Bürgerbeteiligung bei der bundes- länderübergreifenden Trassenplanung prioritärer Stromtrassen durch die Bundes- netzagentur möglich. Allerdings gelten die neuen Regelungen weder für die bereits 2011 in Planung befindlichen Stromtrassen nach EnLAG, noch für alle anderen nicht priorisierten Höchstspannungstrassen, die teilweise durchaus konfliktträchtig sind. Als weiteres Problem identifiziert die Bilanz des Plan N lange Bearbeitungszeiträu- me bei der Planung durch Personalmangel in den Planungsbehörden. Zudem wird herausgestellt, dass Bürger grundsätzlich in den Entscheidungsprozess zur Trassen- planung einzubeziehen sind. Informelle Verfahren mit neuen Formaten der Bürgerbe- teiligung sind zu erproben und umzusetzen, z.B. durch die Trennung der Moderation eines informellen Bürgerdialogs von der Entscheidung durch die Behörde im forma- len Verfahren, durch leicht zugängliche Veröffentlichung des Diskussionsprozesses und der Planunterlagen. Die Novelle des Energiewirtschaftsgesetzes vom Sommer 2011 schafft eine höhere Transparenz von Planungsdaten. Auf Antrag kann die BNetzA die Überprüfung der Daten, die der Planung des Übertragungsnetzes zugrunde liegen, durch fachkundige Dritte erlauben (EnWG, 2005, § 12f Abs. 2). Auch die öffentliche Konsultation des Szenariorahmens für den Netzentwicklungsplan nach § 12 a Abs. 2 EnWG durch die BNetzA schafft mehr Transparenz der Stromnetzplanung durch den Anstoß einer fachwissenschaftlichen Debatte um die energiewirtschaftlichen Berechnungsgrundla- gen für die zukünftige Netzplanung. 4.3.2 Plan N 2.0 von 2013 Plan N 2.0 vom Dezember 2013 befasst sich wieder schwerpunktmäßig mit dem Über- tragungsnetz, nimmt aber auch Herausforderungen auf Verteilnetzebene und Fragen des Naturschutzes, insbesondere des Vogelschutzes, in den Blick. Ein Kernthema ist die Bürgerbeteiligung im Planungsverfahren: In allen Phasen sollten demnach Höchstspannungsleitungen mit intensiver Beteili- gung betroffener BürgerInnen, Städte, Gemeinden und Kreise geplant werden. Da- bei sind die Planungsstufen „Szenariorahmen“ und „Bundesfachplanung“ besonders wichtig. Der Szenariorahmen muss in einem intensiven gesellschaftlichen Dialog er- arbeitet werden, da hier bereits entscheidende Weichenstellungen für die Aus- und Umbaunotwendigkeiten der Netze erfolgen. Die Bundesfachplanung sollte, schon vor der Antragskonferenz, durch informelle Beteiligung gestärkt werden. Die Politikemp- fehlungen lauten im Einzelnen: 54 4.3 Politikempfehlungen aus Plan N und Plan N 2.0 • Bürgerbeteiligung und -information im formalen Planverfahren: – Auf allen Planungsstufen transparente, nachvollziehbare und frühzeitige Beteiligung und Information der Träger öffentlicher Belange, der Kom- munen, der breiten Öffentlichkeit sowie – soweit möglich – der Grundei- gentümerInnen. – Klare Darstellung der Entscheidungsgrundlagen und Abwägungskriterien. • Bürgerbeteiligung und -information im informellen Verfahren: In- tensivierung der informellen Bürgerbeteiligung im gesamten Planungsprozess und Verzahnung mit dem formalen Planverfahren bei klar kommunizierten Re- geln (z.B. Alternativen-Dialog zum Szenariorahmen, Bürgerbeteiligung bei der Bundesfachplanung). • Feedback-Kultur: Transparente Darstellung, ob und wie Bürgeranliegen und Stellungnahmen in den verschiedenen Planungsstufen ins Verfahren einfließen. • Gestaltungsspielraum: Vollständige und sorgfältige Darstellung der Mög- lichkeiten der Einflussnahme auf die Planung für BürgerInnen und lokale Ak- teurInnen auf allen Stufen des Planungsprozesses. • Zeitintervall Konsultationen: Erstellung und öffentliche Konsultation von Szenariorahmen und Netzentwicklungsplan im 2-Jahres-Rhythmus. • NABEG-Beteiligungsmöglichkeiten auf alle neuen Höchstspannungsvor- haben ausweiten. • Personal: Angemessene personelle und finanzielle Ausstattung bei Planungs-, Genehmigungs-, Umwelt- und Naturschutzbehörden und Netzbetreibern. Bezüglich der fünf Planungsstufen bei der zentralen Stromnetzplanung nach En- WG/NABEG gibt Plan N 2.0 detaillierte weitergehende Empfehlungen für alle Stu- fen, dargestellt in Tabelle 4.1: Tabelle 4.1: Empfehlungen des Plan N 2.0 zu den 5 Stufen der Stromnetzplanung nach EnWG/NABEG. Ist-Stand Bürgerinforma- tion & -dialog Weitergehende Empfehlungen Plan N 2.0 1.Szenariorahmen 1 x jährlich: öffentliche Kon- sultation durch BNetzA Intensiver zivilgesellschaftlicher Dialog zu Sensitivitä- tenprüfung bei Erstellung des Szenariorahmens, um Bürgern Hilfestellung zum Verständnis dieses entschei- denden Planungsschritts zu geben. 55 4 Analyse politisch-rechtlicher Rahmenbedingungen gesellschaftlicher Akzeptanz Fortsetzung von Tabelle 4.1 Ist-Stand Bürgerinform- tion & -dialog Weitergehende Empfehlungen Plan N 2.0 2.NEP Strom / Umweltbericht 2 x jährlich: öffentliche Kon- sultationen durch a) ÜNB und b) Bundesnetzagentur Transparente Kommunikation der Ergebnisse der Stra- tegischen Umweltprüfung zum Aufzeigen künftiger, po- tenzieller Konfliktschwerpunkte einschließlich sich dar- aus ergebender Maßgaben für die nächste Planungsstu- fe. Verstärkte Nutzung von Visualisierungen (Karten, Diagramme) zur Darstellung von NEP und Umweltbe- richt. 3.BBPlG Festlegung durch das Parla- ment im Bundesbedarfsplan- gesetz Zivilgesellschaftlicher Dialog zu den Auswahlkriterien für die Leitungen für ein stabiles Gesamtsystem, die in das Bundesbedarfsplangesetz einfließen. 4.BFP oder ROV Öffentliche Antragskonferenz, Veröffentlichung der Unterla- gen im Internet, Vorschlags- recht der Länder, auf deren Gebiet die Trassenkorridore voraussichtlich verlaufen wer- den § 7 Abs. 3 NABEG BFP: Antragsunterlagen zur Bundesfachplanung: Allge- mein verständliche Darstellung des Antrags, z. B. durch Kartenmaterial und Zusammenfassung der Antragsun- terlagen. Diese sollten der Öffentlichkeit rechtzeitig vor der Antragskonferenz zur Verfügung gestellt werden. Frühzeitige Information und Beteiligung von Trägern öffentlicher Belange, regionalen Stakeholdern, Verbän- den, Landwirtschaftskammern und Bürgern sowie Ein- bindung in die Diskussion von Korridorvarianten. Antragskonferenz BFP: (Räumliche) Erreichbarkeit der Antragskonferenz für Bürger und Bürgerinnen ermögli- chen (z. B. durch mehrere Veranstaltungsorte oder In- ternetübertragung der Antragskonferenz). Klare Infor- mation über Entscheidungsspielräume. Einräumung von Rederecht für die breite Öffentlichkeit. ROV: Beteiligung der Öffent- lichkeit über TÖB und im Rahmen der Umweltverträg- lichkeitsprüfung nach § 16 Abs. 4 i. V. m. § 9 UVPG ROV: Beteiligungsstandards analog zu NABEG- Verfahren 5. PFV 56 4.4 Politisch-rechtliche Einflussfaktoren Fortsetzung von Tabelle 4.1 Ist-Stand Bürgerinform- tion & -dialog Weitergehende Empfehlungen Plan N 2.0 Einwendungen konkret Betroffener. Rechtsweg: Erstinstanz Bundesverwal- tungsgericht bei BBPlG- und EnLAG-Verfahren. Beteili- gung der (Fach-) Öffentlich- keit über Stellung-nahmen von TÖB Weitreichende Kommunikation zum Verfahren: Ver- ständliche Zusammenfassung der Planfeststellungs- unterlagen. Klare Darstellung der Rechtsgrundlagen und Prinzipien bei der Schutzgüterabwägung und - bewertung. Bürgerbüro bei den Genehmigungsbehör- den. 4.3.3 Akzeptanzfaktoren aus Plan N und Plan N 2.0 Die Empfehlungen aus Plan N und Plan N 2.0 weisen unmittelbar auf Akzeptfak- toren beim Netzausbau hin. In Bezug auf das Planungsverfahren sind die wichtigs- ten: • Frühe Bürgerinformation und -beteiligung im informellen Verfahren. • Möglichkeiten für Beteiligung auch für die breite Öffentlichkeit im formellen Verfahren. • Offenlegung und verständliche Erklärung der Planungsgrundlagen und Abwä- gungskriterien. • Feedbackkultur. • Gleiche Beteiligungsmöglichkeiten in allen Verfahren (EnLAG und NABEG). 4.4 Politisch-rechtliche Einflussfaktoren Wie sich gezeigt hat, gibt es eine nahezu unüberschaubare Vielfalt an Faktoren, die die Akzeptanz des Netzausbaus beeinflussen. Nachfolgende Übersicht zeigt die aus den vorherigen Kapiteln herausgezogenen wichtigsten Einflussfaktoren. Sie werden in zeit- und ortsbezogene sowie projektbezogene Einflussfaktoren unterschieden. Die Unterscheidung folgt den Vorarbeiten zu Akzeptanzfaktoren des Projekts (siehe Ka- pitel 3 und Bunke u. a. (2015)). Sie wurde zur besseren Vergleichbarkeit beibehalten. Die Schlüsselfaktoren werden in der Übersicht hervorgehoben (siehe Tabelle 4.2). 57 4 Analyse politisch-rechtlicher Rahmenbedingungen gesellschaftlicher Akzeptanz Tabelle 4.2: Einflussfaktoren Um- und Ausbau der Stromnetze; Die Schlüsselfaktoren sind hervorgehoben Zeit- und ortsbezogene Einflussfakto- ren Projektbezogene Einflussfaktoren Konsistente Energiewende-Politik Klare politische Ziele für ein Energiesystem auf Basis Erneuerbarer Energien. Klare politische Maßnahmen, zur Umsetzung des Ziels. Verlässlichkeit des politischen Ziels auch über Wahlperioden hinweg. Gemeinsames, abgestimmtes Vorgehen al- ler Bundesländer. Unterstützung der Energiewende auf allen politischen Ebenen. Szenariorahmen muss energiepolitischen Zielen entsprechen. Unterstützung des Projektes auf allen po- litischen Ebenen durch: Politisches Bekenntnis zum Projekt. Unterstützung der Kommunikation des Projekts. Angemessene Ausstattung der zuständigen Behörden. Transparenz und Beteiligung Gesetzliche Grundlagen für eine um- fassende Bürgerbeteiligung. Gesetzliche Grundlagen für die öf- fentliche Bereitstellung aller Pla- nungsunterlagen, –daten und Berech- nungsmodellen. Frühzeitig Information und Dialog im informellen, vorgelagerten Ver- fahren durch unabhängige Dritte. Beteiligung zumindest soweit, dass Anregungen nachvollziehbar geprüft und alle Spielräume für Planände- rungen genutzt werden. Verständliche Darstellung der Pla- nungsgrundlagen und Abwägungskri- terien. Zugang zu allen Daten und Planungs- grundlagen. Gerechtigkeit/Gleichbehandlung Einheitliches Planungsverfahren (statt En- LAG + NABEG) mit gleichen Planungs- grundsätzen und Beteiligungsrechten sowie Erdkabelregelungen für alle. Überlastung mit Infrastruktur durch ge- setzliche Regelungen verhindern. Regelung für möglichst große Ab- stände zwischen Leitung und Wohn- bebauung. Förderkonzept für Erneuerbare Energien, dass KleinanlegerInnen nicht ausschließt. Erläuterung der verschiedenen Planungs- verfahren (EnLAG, NABEG) . Erläuterung der Notwendigkeit des Lei- tungsprojektes. Finanzielle Beteiligung an der Leitung. Finanzielle Beteiligung an EE- Anlagen. Entschädigung/Ausgleich für Grund- besitzerInnen, PächterInnen und Kommunen. Grenze der Belastung mit Infrastruk- tur nicht überschreiten. 58 4.4 Politisch-rechtliche Einflussfaktoren Fortsetzung von Tabelle 4.2 Zeit- und ortsbezogene Einflussfakto- ren Projektbezogene Einflussfaktoren Bedarfsklärung und Alternativenprüfung 3 Systemalternativen zum Netzausbau müssen nachvollziehbar geprüft und Entscheidungsgrundlagen dargelegt werden. Zentrale Bedarfsplanung unter Beachtung der europäischen Anforderungen. Nachvollziehbare Prüfung techni- scher Alternativen. Nachvollziehbare Prüfung räumli- cher Alternativen. Schutz der Gesundheit Nachvollziehbares Konzept zum Schutz vor elektromagnetischen Feldern (Grenzwerte, Vorsorgewerte, Abstände). Kommunikation des Schutzkonzeptes der Bundesregierung. Messungen der Belastung mit Elektroma- gnetischen Feldern (EMF) vor Ort und Ausschöpfen technischer Möglichkeiten zur Minimierung dieser. So große Abstände von der Wohnbe- bauung wie möglich. Schutz von Landschaft und Natur Minimierung des Netzausbaus. Erdverkabelung ermöglichen. Vogelschutzmarkierungen an Freileitungen regeln. Angemessene Gewichtung der Abwägungs- kriterien bei der Planung. Ausschöpfen der Möglichkeiten der Erdverkabelung Vogelschutzmarkierungen an Freileitungen anbringen. Kommunikation zum Trassenverlauf mit Naturschutz und ortskundigen ExpertInnen. Kommunikation zum Trassenverlauf mit BürgerInnen und Kommunen. Die Einflussfaktoren können die gesellschaftliche Akzeptanz positiv oder negativ beeinflussen. Im vorliegenden Projekt sind vor allem relevant: • Auswirkungen auf die Kosten des Netzausbaus (positiv: Kosten senkend oder negativ: Kosten treibend) und • Auswirkungen auf die Dauer des Planungsprozesses (positiv: beschleunigend oder negativ: verzögernd). 3 Es muss stets klar werden, dass Alternativen geprüft und die beste gewählt wurde. 59 5 Auswertung und Integration sozial-ökologischer Schlüsselfaktoren in das Strommarktmodell Im folgenden Kapitel wird die Vorgehensweise zur Nutzung der vorgelagerten quali- tativen Ergebnisse aus Kapitel 2 bis Kapitel 4 beschrieben. Beschrieben werden die aufgebaute Datenbasis und die durchgeführten statistischen Verfahren als Grundlage der anschließend aufgeführten Modellintegration. Ferner erläutert werden in diesem Kapitel konkrete Vorarbeiten der Szenarioentwicklungen in Kapitel 6. 5.1 Aufbau einer Datenbank im Projekt Grundlage zur Übertragung der sozial-ökologischen Schlüsselfaktoren in das Strom- marktmodell ist der Aufbau einer georeferenzierten Datenbank. Durch die Bereitstel- lung von hoch aufgelösten Informationen auf Landkreis- oder Gemeindeebene kön- nen regionale Informationen bei der Szenarienentwicklung und nachfolgend in der Modellierung berücksichtigt werden. Die aufgebaute Datenbank beinhaltet Angaben zum deutschen Stromnetz und Kraftwerkspark, Strukturdaten wie z.B. Landschaft, Siedlungen, Naturschutzgebiete sowie sozial-ökonomische Größen wie z.B. Bevölke- rung, Einkommen, Tourismus und Landnutzung. Daneben sind auch Ergebnisse der qualitativ erhobenen Daten eingetragen. Im Folgenden werden ihr Aufbau und die gesamte Datengrundlage erläutert. Die Datenbank wird mit PostgreSQL verwaltet. PostgreSQL ist nach Oracle, MySQL und Microsoft SQL Server eines der aktuell meistgenutzten relationalen Datenbank- managementsystemen (DBMS) (solid-IT, 2015), dessen Nutzung einige Vorteile hat. Diese Software arbeitet im Vergleich zu freien, und zu proprietären DBMS sehr per- formant (vgl. Obe u. Hsu, 2012, Preface), ist selbst jedoch nicht proprietär. Die freie Nutzung von PostgreSQL ist geschützt durch die PostgreSQL-Lizenz, einer freien Open-Source-Lizenz (PgSQL - GDG, 2015a). Die Datenbank im Projekt wird mit der bei Projektbeginn aktuellsten Version 9.3 des DBMS verwaltet. Daher entspricht die SQL-Implementierung weitestgehend dem derzeit gültigen internationalen Standard der Datenbanksprache SQL (IEC/ISO 9075:2011), festgelegt von der Internationalen Organisation für Normung und der Internationalen Elektrotechnischen Kommission 61 5 Auswertung und Integration sozial-ökologischer Schlüsselfaktoren in das Strommarktmodell (vgl. PgSQL - GDG, 2015b). Der einheitliche SQL-Standard erleichtert u.a. die Kom- munikation zwischen Software-Drittanbietern und dem DBMS (vgl. TERADATA, 2013). Darüber hinaus ermöglicht die Programmierung von PostgreSQL einfache In- stallationen zusätzlicher Erweiterungen. Eine Installation der PostGIS-Erweiterung in PostgreSQL bspw. erlaubt es, räumliche Daten zu speichern und somit geometri- sche Operationen durchzuführen (Obe u. Neufeld, 2015). Die Zusatzfunktion eines geografischen Informationssystems ist für das Projekt von zentraler Bedeutung, so- dass die Nutzung von PostGIS - 2.1 von Projektbeginn erfolgt. Außerdem ist es vorteilhaft, dass in PostgreSQL jede Datenbank-Relation einem bestimmten Sche- ma und das Schema je einer Datenbank zugeordnet wird (Obe u. Hsu, 2012, S. 3, 7). Das im Projekt verwendete PostgreSQL-DBMS arbeitet auf einem Server der Europa-Universität Flensburg. Serverseitig werden derzeit sechs PSQL-Datenbanken verwaltet. Zwar sind die Projektdaten ohne Ausnahme einer dieser Datenbanken zugeordnet, aber der Inhalt dieser Datenbank ist nicht auf ein einzelnes Projekt be- schränkt. Daher werden projektbezogene Schemata semantisch durch ein möglichst kurzes Präfix, das Präfix „vn“, abgegrenzt. 5.1.1 Datengrundlage Regionaldatenbank: Dieses Schema beinhaltet u.a. Daten der Statistischen Ämter des Bundes und der Länder, die nach Themenbereichen kategorisiert sind und online in einer GENESIS-Datenbank veröffentlicht werden (DESTATIS, 2015b; STAEBL, 2015a). Die Regionaldatenbank enthält u.a. Statistiken zu den Themen Umwelt, Bevölkerung, Flächennutzung, Tourismus und Steuern (STAEBL, 2015a). Dabei lie- gen je nach Statistik unterschiedliche zeitliche Abstände zwischen den Erhebungs- jahren vor, d.h. nicht alle Daten werden jährlich erhoben (STAEBL, 2015b, S. 7). Darüber hinaus ist nicht jede Statistik auf Gemeindeebene verfügbar, d.h. auch die Tiefe regionaler Ebenen sind unterschiedlich (ebd.). In Tabelle 5.1 sind die für das Projekt ausgewählten Statistiken aufgelistet. Die Bearbeitung der einzelnen Da- tensätze konnte nicht gänzlich automatisiert erfolgen, da die Daten, vorliegend im CSV-Format, unterschiedlich organisiert sind. Ziel der Aufbereitung ist eine fehler- freie Vereinheitlichung des Formats vom Amtlichen Gemeindeschlüssel (AGS), der in allen Datentabellen angegeben ist. Der AGS besteht aus acht Kennziffern, wovon je- de eine der Verwaltungsebenen Deutschlands repräsentiert (BVA, ohne Jahresanga- be,a), wodurch die eindeutige Identifizierung eines Verwaltungsgebiets gewährleistet ist. Daher ist der AGS zentral im erläuterten Datenbankkonzept. Auftretende Schwierigkeiten bei der Bearbeitung der Daten können exemplarisch anhand eines Beispiels erläutert werden: Daten zu verschiedenen Kennzahlen der Tourismusbranche stellen die statistischen Ämter u.a. auf Gemeindebene bereit. Bei 62 5.1 Aufbau einer Datenbank im Projekt Tabelle 5.1: Importierte Tabellen der Regionaldatenbank auf Kreis- & Gemeindeebene Tabellenname Verfügbarer Zeitraum Zeitraum importierter Daten Regionalebene Periodizität Einkommen der priv. Haushalte 2000 - 2012 2000 - 2012 KR Jährlich Bundestagswahl 1994 - 2013 2013 KR Wahljahre Bruttoinlandsprodukt 2000 - 2012 2000 - 2012 KR Jährlich Bodenfläche - Nutzung 2013 2013 KR 2013 Lohn- & Einkommens- steuer 1992 - 2010 1992 - 2010 KR 3-Jährlich Bevölkerungsstand 1995 - 2013 2013 KR Jährlich Realsteuervergleich 2013 2013 KR 2013 Tourismus 2012 2012 KR 2012 Bodenfläche - Nutzung 2012 2012 GEM 2012 Bevölkerungsstand 2008 - 2012 2012 GEM Jährlich Tourismus 2012 2012 GEM 2012 Quelle: Eigene Darstellung Europa-Universität Flensburg auf Basis der Regionaldatenbank Deutschland (STAEBL, 2015a) der Bearbeitung richtet sich der Fokus stets auf die Stellenanzahl des AGS innerhalb der Datenquelle. Um einen einheitlich achtstelligen AGS zu erhalten, müssen die im Datensatz enthaltenen fünfstelligen Schlüssel der Stadtteile Berlins ebenso wie die siebenstelligen Schlüssel rheinland-pfälzischer Verbandsgemeinden entfernt werden. Jene Gemeinden, die zu diesen rheinland-pfälzischen Verbandsgemeinden gehören, haben einen zehnstelligen Schlüssel, da die Verbandsgemeindenummer Bestandteil des AGS ist (Statistisches Landesamt - RP, 2009). Entsprechend muss diese ent- fernt werden. Innerhalb der Menge der achtstelligen AGS sind Samtgemeinden aus Niedersachsen gelistet. Diese tragen statt der Gemeindenummer an 6.-8. Stelle des AGS die Nummer der entsprechenden Samtgemeinde. Dies ist bereits aus den Da- ten ersichtlich. Diese Einträge werden ebenfalls entfernt. Dafür werden die in einer Samtgemeinde zusammengefassten Gemeinden Niedersachsens, die einen elf-stelligen Gemeindeschlüssel aufweisen, um die Nummer der Samtgemeinde gekürzt, sodass alle verbliebenen AGS achtstellig sind. Alle Einträge ohne Informationen werden abschließend ebenfalls aus dem Datensatz gelöscht. BKG: Weiterhin enthält das Datenbankschema Daten des Bundesamtes für Karto- graphie und Geodäsie (BKG). Das BKG erarbeitet umfangreiche geografische Daten- sätze, die vom Dienstleistungszentrum des Bundes für Geoinformation und Geodäsie online bereitgestellt werden (BKG, 2015a). Enthalten ist auch ein Datensatz mit der Bezeichnung „VG250“, welcher die Verwaltungsgebiete Deutschlands auf verschiede- nen regionalen Ebenen abbildet (BKG, 2015c). Dieser wird, unter Zugriff auf ak- 63 5 Auswertung und Integration sozial-ökologischer Schlüsselfaktoren in das Strommarktmodell tuelle Informationen der statistischen Ämter und Landesvermessungsverwaltungen, laufend in der Redaktionsdatenbank des BKG aktualisiert und veröffentlicht (BKG, ohne Jahresangabe). Abbildung 5.1 zeigt die Kreistabelle des BKG-Datensatzes. Die Projektion heißt Universal-Transversal-Mercator (UTM) und nutzt deutschlandwei- te Datenbestände des BKG (BKG, 2009). Die Genauigkeit ist dabei immer von der angegeben UTM-Zone abhängig. Für eine genaue Projektion müssen geografische Daten daher in der angegebenen Zone liegen. Deutschland liegt überwiegend in Zo- ne 32 (Killet, 2010), da jede Zone eine geografische Länge von 6 °hat, liegt der Osten Deutschlands bereits in Zone 33 (ebd.). Auf Datenbankebene ist die Verwendung ei- ner Projektion hilfreich, weil dann zur Speicherung von geografischen Objekten der Geometry-Datentyp verwendet werden kann. Berechnungen mit diesem Datentyp sind sehr performant und es steht, gegenüber Berechnungen mit geografischen Ko- ordinaten, ein größerer Funktionsumfang zur Verfügung (Obe u. Neufeld, 2015, S. 27). Abbildung 5.1: Kreistabelle des BKG - Datensatzes in UTM Zone 32. Quelle: Eigene Darstellung Europa-Universität Flensburg (Söthe, 2015) In der Projektdatenbank ist der VG250-Datensatz vom 31.12.2013 gespeichert, und es sind mehrere Relationen vorhanden, die jeweils eine regionale Ebene abbilden. Da- bei ist entscheidend, dass diese Tabellen neben den geometrischen Objekten ebenfalls 64 5.1 Aufbau einer Datenbank im Projekt das Attribut Regionalschlüssel oder AGS enthalten. Der Regionalschlüssel enthält bereits die Angaben des amtlichen Gemeindeschlüssels, und wird um die Nummern der Gemeindeverbände erweitert, sodass ein zwölfstelliger Schlüssel entsteht (BVA, ohne Jahresangabe,b). Auch in den Datensätzen des BKG wird der Schlüssel, der die Zuordnung der Daten gewährleistet, bearbeitet. Das Ziel der Bearbeitung besteht darin Duplikate von Regionalschlüsseln zu entfernen und eindeutige Attribute zu er- zeugen. Insbesondere in den Küstenregionen sind Mehrfachvergaben vorhanden. Der Landkreis Dithmarschen, ein zugehöriger Abschnitt der Elbe und die Insel Trischen vor der Meldorfer Bucht haben beispielsweise den gleichen Regionalschlüssel. Ihre entsprechenden geometrischen Objekte werden in ein einziges Objekt überführt und dann einem einzigen Regionalschlüssel zugeordnet. Um Fehler zu vermeiden, werden zuerst nur Duplikate zusammengefasst, deren Geometrien zumindest teilweise eine gemeinsame Grenze haben. BfN: Auf Anfrage stellte das Bundesamt für Naturschutz (BfN) einen Datenträger mit den geografischen Daten der Schutzgebiete Deutschlands zur Verfügung. Ent- halten sind Naturschutzgebiete, die durch einen ausdrücklich besonderen Schutz der Natur und Landschaft gekennzeichnet sind (BNatSchG, 2015, §23). Gemäß der Defi- nition sind „die Erhaltung, Entwicklung und Wiederherstellung von Lebensstätten, Biotopen oder Lebensgemeinschaften [...]“ oder „die Seltenheit, besondere[n] Eigen- art oder hervorragende[n] Schönheit“ des Gebiets, sowie der besondere Schutz „aus wissenschaftlichen, naturgeschichtlichen oder landeskundlichen Gründen“ maßgeb- lich (BNatSchG, 2015, §23). Naturschutzgebiete sind allerdings nur eine Katego- rie von Schutzgebieten, außerdem gibt es Landschaftsschutzgebiete, Nationalparke, Biosphärenreservate, Naturparks, Ramsargebiete sowie die Natura-2000 Gebiete, die komplett auf dem Datenträger eingetragen sind. Natura - 2000: Das Natura-2000 Gebietssystem beinhaltet zwei unterschiedli- che Schutzzonen. Erstens die so genannten SPA-Gebiete (Special Protected Area), mit einem Schutzzweck zur Erhaltung von wildlebenden Vogelarten innerhalb der EU, deren gesetzliche Umsetzung mit der Direktive 2009/147/EC geregelt ist (Dir. 2009/147/EC, 2009). Zweitens, Gebiete von gemeinschaftlichen Interesse (Sites of Communtity Importance) und besondere Schutzgebiete (Special Areas of Conserva- tion) zur Erhaltung natürlicher Lebensräume sowie die FFH-Gebiete (Flora, Fau- na, Habitat). Das Natura-Netzwerk ist maßgeblich geregelt mit der EU-Direktive 92/43/EEC (Dir. 92/43/EEC, 1992). CLC - 2006: Das CORINE-Programm (Coordination of Information on the Envi- ronment) hat die Aufgabe den Zustand der Umwelt in Europa festzustellen und wird von der Europäischen Umweltagentur betreut (Büttner u. a., 2014, S. 3). Im Projekt Corine-Land-Cover werden auf dem Gebiet der Europäischen Union, u.a. auf Grund- 65 5 Auswertung und Integration sozial-ökologischer Schlüsselfaktoren in das Strommarktmodell lage von Satellitenfotos und Orthokorrektur, Umfang und Art der Flächennutzung festgestellt (Büttner u. a., 2014, S. 6). Erstmalig wurde diese Erhebung 1990 durch- geführt und ist im CLC-2000 sowie im CLC-2006 Projekt wiederholt worden (ebd.: S.4). Planungsregionen: Auf Anfrage wurden vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) die Planungsregionen der Regionalplanung für Windener- gie, als geografischer Datensatz, zur Verfügung gestellt. Dieser enthält alle Planungs- regionen in Deutschland, vom Stand 2013 (BBSR, 2013). Aus datenschutzrechtlichen Gründen hat das BBSR die geografischen Informationen zu den definierten Eignungs- flächen für Windenergie nicht zur Verfügung gestellt. EEG - Anlagenregister: Das EEG-Anlagenregister enthält die in Deutschland installierten EE Anlagen und wird bereitgestellt vom Projekt „energymap.info“ (vgl. energymap.info, 2015). Erstellt werden die Daten auf Grundlage der veröffent- lichten Anlagendaten von den Netzbetreibern. Diese waren, bis zum Inkrafttreten der EEG-Novelle im August 2014, zur online Bereitstellung der Daten verpflichtet (energymap.info, 2014) (EEG, 2014, §77(4)). Einträge nach August 2014 im EEG- Anlagenregister umfassen ausschließlich Kraftwerke im Versorgungsgebiet des Netz- betreibers TenneT, da dieser auch nach Inkrafttreten der EEG-Novelle Daten zur Verfügung stellt (energymap.info, 2015). In der Projektdatenbank ist das vollständi- ge EEG-Anlagenregister mit Stand November 2014 enthalten. Sofern die Standort- daten als GPS-Koordinaten vorliegen, werden sie in ein PostGIS-Format überführt. Wenn keine GPS-Koordinaten hinterlegt sind, wurde die Georeferenzierung mit den Adressdaten der Anlagen durchgeführt. In beiden Fällen sind die Standortdaten geografisch inkorrekt, da auch die vorhandenen GPS-Koordinaten aus den Ortsmit- telpunkten der Anlagen ermittelt werden (energymap.info, 2015). Netz: Auf Anfrage übermittelte die Bundesnetzagentur (BNetzA) georeferenzier- te Datensätze der BBPlG- und EnLAG-Vorhaben vom Stand 28.08.2014 (BNetzA, 2014d), so dass diese in die Datenbank aufgenommen werden konnten. Den bereitge- stellten Geometrien wurden weitere Informationen wie z.B. die Inbetriebnahmezeit hinzugefügt. Alle Datensätze mit den Linienverläufen der Trassen- und Teilabschnit- te wurden von der BNetzA anhand öffentlicher verfügbarer Dokumente nachvollzo- gen, mit einem Bezugsmaßstab von maximal 1 : 2.500.000. EnLAG-Vorhaben: Der Datensatz umfasst 234 EnLAG-Vorhaben, die in insge- samt 66 Teilabschnitte unterteilt sind, bestehend aus Vorhabenpunkten und geplan- ten Trassenverläufen. Die Vorhabenpunkte repräsentieren entweder Netzanschluss- punkte (Transformatoren) oder Übergabepunkte, an denen die Zuständigkeit für 4 Die ursprünglich 24 EnLAG-Vorhaben sind, aufgrund der Entfernung von Vorhaben Nr. 22, im Rahmen der Bundesbedarfsplan-Gesetzgebung 2013, auf 23 reduziert worden. 66 5.1 Aufbau einer Datenbank im Projekt das Vorhaben oder einen Teilabschnitt auf eine andere Landesbehörde übergeht. Neben den Standortinformationen haben alle Vorhabenpunkte eine eindeutige Geo- ID-Nummer und einen Namen. Attribute eines Linienverlauf-Eintrages umfassen dementsprechend die EnLAG-Nummerierung des Vorhabens, Namen von Vorhaben und Teilabschnitt, eine Geo-ID-Nummer („trassen_id“) sowie die Länge des Teilab- schnitts. Neben diesen Informationen wurden den Linienverläufen der Teilabschnitte weitere hinzugefügt. Dazu gehören Steckbriefe und Meldungen zu den jeweiligen Abschnitten aus dem Monitoringbericht des zweiten Quartals 2014 der BNetzA und dem Bericht zur Auswertung vom Netzzustand und -ausbau der deutschen Übertragungsnetz- betreiber (BNetzA, 2011, 2014b,c). Weiterhin wurden die Befragungen zum Stand der Genehmigungsverfahren der EnLAG-Vorhaben der Deutschen Energieagentur (dena, 2012) sowie relevante technische Daten zur Berechnung von Netzkapazitäten aus dem ersten Entwurf vom Netzentwicklungsplan 2014 (vgl. 50Hertz Transmission GmbH u. a., 2014a) und aus dem 10-Year Network Development Plan 2014 (vgl. ENTSO-E, 2014a) aufgenommen. Der Datensatz aller 66 Teilabschnittsverläufe beinhaltet dementsprechend die Attri- bute Geo-ID, Teilabschnittsname, EnLAG-Nr., Verantwortliches Bundesland, ÜNB des Vorhabens, und die Länge in Metern. Weitere Attribute sind das Datum der ers- ten Inbetriebnahme nach BNetzA-Meldung 2014, das Datum der ersten Inbetrieb- nahme nach BNetzA-Meldung 2014 mit erwarteter Verzögerung bei nicht optimalem Verfahrensverlauf, das Datum der ursprünglich geplanten Inbetriebnahme nach De- na 2012 und BNetzA 2011. Zusätzlich technische Attribute sind Spannungsebene, Übertragungskapazität, Angabe von Gleich- oder Wechselstrombetrieb, Art des Lei- tungsbaus als Trasse oder Erdkabel, Anzahl der Stromkreise und Bündelleiter sowie die Zuweisung zur Modellregion. BBPlG-Vorhaben: Der Datensatz mit den BBPlG-Vorhaben enthält analog zu den EnLAG-Vorhaben Vorhabenpunkte und -linien. Alle 36 BBPlG-Vorhaben sind in insgesamt 60 Teilabschnitte unterteilt. Die Vorhabenlinien sind allerdings keine Verlaufslinien, sondern lediglich direkte Luftlinien von zwei Vorhabenpunkten eines Vorhabens. Den Linien eines BBPlG-Vorhabens bzw. Abschnittes sind, wie bei den EnLAG-Vorhaben bereits beschrieben weitere Attribute aus den gleichen Quellen hinzugefügt. 5.1.2 Entity-Relationship-Modell Abbildung 5.2 zeigt das Entity-Relationship-Modell des VN-Datenbankschemas der Projektdatenbank. Das Modell zeigt allerdings nur einen Ausschnitt der Daten- 67 5 Auswertung und Integration sozial-ökologischer Schlüsselfaktoren in das Strommarktmodell bankstruktur, nicht angezeigte Entitäten sind jedoch ähnlich verknüpft. Bei solchen Entitäten handelt es sich meist um weitere Statistiken, die entweder mit der Kreis- oder Gemeindeentität verknüpft sind. Auf Landesebene sind derzeit keine statisti- schen Daten hinterlegt. Im übertragenen Sinne „erheben“ die Verwaltungsebenen Statistiken. Abbildung 5.2: ER - Modell des VN - Datenbankschemas. Quelle: Eigene Darstellung Europa-Universität Flensburg (Söthe, 2015) Die Integrität der Daten wird u.a. durch die Verwendung des Regionalschlüssels in den Datenbankrelationen gewährleistet. Indem dieser auf eine eindeutige Kennung in der Kreis- bzw. Gemeindetabelle zugreift, und als so genannter Fremdschlüssel fungiert. Regionalschlüssel und Jahr ergeben zusammen einen Primärschlüssel, in der Länder-, Kreis- bzw. Gemeindetabelle jedoch ist nur der Regionalschlüssel der Primärschlüssel. Hierin besteht eine merkliche Schwäche der Datenbank. Der Da- 68 5.1 Aufbau einer Datenbank im Projekt tensatz des BKG z.B. ist nur für ein einzelnes Jahr angegeben, die statistischen Daten der Regionaldatenbank aber üblicherweise für mehrere Jahre verfügbar. Ver- waltungsgebiete auf Kreis-, und insbesondere auf Gemeindeebene verändern sich laufend (DESTATIS, 2015a). Eine eins zu eins Zuordnung der Regionalschlüssel ist also nur dann möglich, wenn das Erhebungsjahr einer Statistik dem des BKG- Datensatzes entspricht. Da die Daten des BKG jährlich veröffentlicht werden, ist eine solche Verknüpfung theoretisch möglich (vgl. BKG, 2014b, Archiv). Die Kreis- und die Gemeindetabellen sind nicht über einen Regionalschlüssel, sondern räum- liche Beziehungen miteinander verbunden. Zwischen diesen Tabellen besteht also eine Beziehung von „übereinstimmenden Flächen“. Dies ist aufgrund der hohen Da- tenqualität des BKG möglich, da für jeden Kreis geprüft werden konnte, ob dessen geometrische Daten mit denen der zugehörigen Gemeinden übereinstimmen. Auch das EEG-Anlagenregister ist über eine räumliche Beziehung verknüpft, da die Anla- genstandorte i.d.R. innerhalb der Verwaltungsgebiete Deutschlands liegen. Tatsäch- lich befinden sich insgesamt 0,12 % der Anlagen außerhalb der Landesgrenzen, was höchstwahrscheinlich auf fehlerhafte Daten zurückzuführen ist. Im ER-Modell ist das, durch eine gestrichelte Linie zwischen den Entitäten, dargestellt. 5.1.3 Verwendungsmöglichkeiten der Projektdatenbank Durch die Verknüpfung von statistischen Daten der Regionaldatenbank Deutsch- land und den Daten des BKG wird prinzipiell eine geografische Einordnung von Informationen ermöglicht. Die Statistiken sind in den Rohdaten bereits durch den AGS georeferenziert. Sie müssen jedoch noch in ein Format umgewandelt werden, um Zugriff und Nutzung von weiteren Programmen zu vereinfachen. Diese Funktion leistet die Datenbank im Projekt. Alle georeferenzierten Statistiken der PostgreSQL- Datenbank können damit für eine systematische, wissenschaftliche Bearbeitung ver- schiedener Fragestellungen herangezogen werden. Abbildung 5.3 zeigt exemplarisch eine mögliche Darstellung enthaltener Daten der Datenbank, durch die Verknüpfung mit der Kreistabelle des BKG. 5.1.4 Integration qualitativer Untersuchungen Neben den genannten statistischen Datensätzen wurden auch Ergebnisse der quali- tativen Untersuchungen gesellschaftlicher Akzeptanz der Windenergie bereits in die Datenbank aufgenommen. Ihre Einbindung erfolgt mit dem Regionalschlüssel, der zur Georeferenzierung der regionalen Informationen dient. Abbildung 5.4 zeigt die Landkreise und Gemeinden, für die Untersuchungsergebnisse eingetragen wurden. 69 5 Auswertung und Integration sozial-ökologischer Schlüsselfaktoren in das Strommarktmodell Abbildung 5.3: Verknüpfung statistischer Daten der Regionaldatenbank mit der Kreistabelle des BKG. Quelle: Eigene Darstellung Europa- Universität Flensburg (Söthe, 2015) Abbildung 5.4: Untersuchungsraum zu Windenergie: Qualitativ untersuchte Regio- nen auf Kreis- und Gemeindeebene. Eigene Darstellung Europa- Universität Flensburg, IZT 70 5.2 Statistische Auswertungen Wie 5.4 zeigt, sind für jede Untersuchungsregion verfügbare Informationen hinter- legt, die bereits komprimiert wurden, aber noch keinem einheitlichen Standard bei der Datenqualität entsprechen. Zusätzlich sind Standorte von Bürgerinitiativen ge- gen Windenergie abgebildet, die inhaltlich aber nicht betrachtet wurden. Diese qua- litative Datengrundlage ist als dynamische Datentabelle zu verstehen. Das bedeutet mit der bereitgestellten Grundstruktur (Regionalschlüssel, Formate) soll es ermög- licht werden nach und nach weitere qualitative Ergebnisse lokaler Untersuchungen in die Datenbank aufzunehmen und die bestehenden zu aktualisieren. 5.2 Statistische Auswertungen Auf Grundlage der angelegten statistischen Datenbasis wurden Analysen durchge- führt, mit dem Ziel, Zusammenhänge zwischen quantitativen Daten zu untersuchen, welche auch mit qualitativen lokalen Erhebungen gesellschaftlicher Akzeptanz kom- biniert werden können. Im Bereich Netz wurde ein multiples Regressionsmodell entwickelt. Damit werden bestehende Verzögerungszeiten bisher geplanter Netzausbauvorhaben mit ausge- suchten regionalen Parametern (wie bspw. Einkommen) verbunden. Zudem konnte damit, ausgehend von bestehenden Vorhaben, eine deutschlandweite Prognose ent- wickelt werden. Ergebnis sind berechnete Verzögerungszeiten für ganz Deutschland, übertragen auf ein 400 × 400 Meter Rasterfeld, die zur Bestimmung von Verzöge- rungszeiten zukünftiger Trassen genutzt werden, die in die Modellierung integriert werden können. Im Bereich Windenergie wurden, mit einer Korrelationsanalyse, Abhängigkeiten zwi- schen ausgesuchten statistischen Größen und der Ausbaudichte von Windenergie in MW/km2 auf Landkreisebene durchgeführt. Hierbei war von Interesse, ob zwi- schen dem bisherigen Ausbau und den Einflussfaktoren gesellschaftlicher Akzeptanz Zusammenhänge aufgezeigt werden können. Die Einflussfaktoren gesellschaftlicher Akzeptanz sind statischen Größen zugeordnet worden und deshalb nur indirekt ent- halten. Beispielsweise wurde der Einflussfaktor Tourismus der statistischen Größe Betten/Kopf zugeordnet. Zusätzlich zu den Korrelationsanalysen wurden Clusterun- gen von ausgesuchten Merkmalen erstellt um so regionale Häufigkeiten sichtbar zu machen. Gemeinsam mit den qualitativen Untersuchungen einzelner Regionen wur- de ein Belastungsgrad für Windenergie entwickelt, der in die Modellierung integriert werden kann. 71 5 Auswertung und Integration sozial-ökologischer Schlüsselfaktoren in das Strommarktmodell 5.2.1 Netz: Regressionsmodell Zur statistischen Berechnung möglicher Verzögerungszeiten zukünftiger Netzausbau- projekte, wurde ein multiples Regressionsmodell entwickelt und verwendet. Es wurde mit Akzeptanzfaktoren gearbeitet, die gesellschaftliche Akzeptanz beeinflussen könn- ten und ihr Zusammenhang zu aktuellen Zeitverzögerungen untersucht. Ein solcher Akzeptanzfaktor besteht aus mindestens einer statistischen Größe oder Variable. Außerdem wurden für die geplanten EnLAG-Vorhaben die bestehenden Verzöge- rungszeiten, bezogen auf ihren geplanten Inbetriebnahmezeitpunkt, erhoben. Ver- zögerte Trassenabschnitte, für die akzeptanzbedingte Meldungen vorlagen, wurden inhaltlich genauer betrachtet. Akzeptanzfaktoren und Verzögerungszeiten pro Tras- senabschnitt wurden dann auf ein 400 × 400 Meter Vektorrastergitter übertragen. Ausgehend davon wurde das multiple Regressionsmodell formuliert. Um das bes- te Modell mit dem höchsten Modellgütewert zu finden, wurde das korrigierte oder adjustierte Bestimmtheitsmaß adjR2 angewendet. Auf Basis der Akzeptanzfaktoren mit den stärksten Wirkungen auf die Zeitverzögerungen wurden Verzögerungszeiten für alle Rasterfelder Deutschlands berechnet. Eine detaillierte Beschreibung der Vor- gehensweise ist in der im Rahmen des Projektes an der Europa-Universität Flensburg entstandenen Masterabeit von Bunke (2015) nachzulesen. 5.2.1.1 Akzeptanzfaktoren Für die statistischen Auswertungen zwischen Akzeptanzfaktoren und Zeitverzöge- rungen der EnLAG-Vorhaben wurden folgende Größen und Variablen ausgewählt. Tabelle 5.2 zeigt alle Faktoren mit einer kurzen Erläuterung, die zur Untersuchung verwendet wurden. Tabelle 5.2: Übersicht der ausgewählten Akzeptanzfaktoren Name Beschreibung Bevölkerungsdichte Anzahl der EinwohnerInnen pro Ge- meindefläche Menge von EE und Windenergie Menge der installierten Leistung der Energieträger pro Gemeinde sowie die installierte Leistung pro Gemeindeflä- che Vorbelastung durch Infrastrukturmaßnahmen Bündelung von Infrastrukturen anhand von Eisenbahnstrecken, Autobahn- und Stromtrassenverläufen 72 5.2 Statistische Auswertungen Fortsetzung von Tabelle 5.2 Name Beschreibung Touristische Faktoren Anzahl der touristischen Betriebe und Betten pro Kreis Flächennutzung Anteil der Flächennutzung pro Ge- meinde von Agrar-, Wald, Siedlungs-, Industrie- und Gewerbeflächen, versie- gelter Flächen Ökonomische Faktoren Bruttoeinkommen pro Person und Bruttoinlandsprodukt pro Kreis Räumliche Nähe zu Siedlungsflächen Abstände und geplante Trassenführung durch Siedlungsgebiete Räumliche Nähe zu Schutzgebieten Abstände und Zerschneidung von Schutzgebieten Insgesamt werden 29 Variablen hinsichtlich ihrer zeitlichen Verzögerungswirkung untersucht. Tabelle 5.3 zeigt alle verwendeten Variablen, sie sind zusätzlich in Raum- widerstands- und sozio-ökologische Kriterien kategorisiert. Datenbasis ist die zuvor beschriebene Projektdatenbank. Tabelle 5.3: Auflistung der Akzeptanzfaktoren zur Bewertung der Vorhaben. Variablenname Bezeichnung und Datenquelle Raumwiderstandskriterien Siedlung und Erholung ort_uf Ortsflächen ≥ 40 ha, DLM-250 sied_clc_uf Wohn- und Mischbauflächen ≥ 25 ha. CLC-2006 ind_gew_uf Industrie- und Gewerbeflächen.≥ 40 ha. DLM-250 indgew_clc_uf Industrie- und Gewerbeflächen ≥ 25 ha. CLC-2006 Biotop- und Gebietsschutz ffh_uf FFH-Gebiete, Stand:09.2013 BfN vglschutz_uf Europäische Vogelschutzgebiete, Stand:09.2013 BfN biospha_uf Biosphärenreservate, Stand:12.2013 BfN nationpark_uf Nationalparks, Stand:01.2014 BfN natschutz_uf Naturschutzgebiete, Stand:01.2013 BfN 73 5 Auswertung und Integration sozial-ökologischer Schlüsselfaktoren in das Strommarktmodell Fortsetzung von Tabelle 5.3 Name Bezeichnung und Datenquelle naturpark_uf Nationalparks, Stand:12.2013 BfN wald_uf Wälder ≥ 40 ha, DLM-250 Infrastruktur motorway_uf Autobahn, DLM-250 rail_line_uf Eisenbahntrassenverläufe, DLM-250 power_line_uf Bestandsstromtrassen ≥ 110 kV, DLM-250 Sozio-ökologische Kriterien Erneuerbare und Windenergie wind_mw_gem installierte Windleistung in MW pro Gemeinde wind_mw_km2 installierte Windleistung in MW pro Gemeindefläche km2 eeg_mw_gem installierte EEG-Leistung in MW pro Gemeinde eeg_mw_km2 installierte EEG-Leistung in MW pro Gemeindefläche km2 Bevölkerungsdichte gem_einwo EinwohnerInnen pro Gemeinde einwo_km2 EinwohnerInnen pro Gemeindefläche in km2 Touristische Faktoren tou_accom_gem Anzahl der Tourismusbetriebe je Gemeinde tou_bed_gem Anzahl der Betten von Tourismusbetrieben je Gemeinde tou_bed_einwo Dichte der Betten pro EinwohnerIn je Gemeinde Ökonomische Faktoren dis_income_capita Durchschnittliches Einkommen pro Person je Kreis bip_pp_krs Bruttoinlandsprodukt des Kreises pro Person Nähe zu Schutzgebieten natura_gem Gemeindeflächenanteil von Natura-2000 Schutzgebieten Flächennutzung anteil_Wald Anteil Wald pro Gemeindefläche anteil_Sied Anteil Siedlungsfläche pro Gemeindefläche anteil_ind_gewer Anteil von Industrie- und Gewerbeflächen pro Gemeinde- fläche anteil_Agrar Anteil Landwirtschaftsfläche pro Gemeindefläche ohne Moor- und Heideflächen 74 5.2 Statistische Auswertungen Fortsetzung von Tabelle 5.3 Name Bezeichnung und Datenquelle anteil_versiegelung Anteil der versiegelten Fläche pro Gemeindefläche, Sied- lungsfläche, Industrie- und Gewerbeflächen und Verkehrs- flächen 5.2.1.2 Erhebung Verzögerungszeiten der EnLAG Vorhaben Die verwendeten Verzögerungszeiten der EnLAG-Vorhaben basieren auf den Anga- ben im Monitoringbericht vom zweiten Quartal 2014 und vom dritten Quartal 2011 (BNetzA, 2011, 2014b,c). Zudem sind die Befragungen zum Stand der Genehmi- gungsverfahren der EnLAG-Vorhaben von der dena (2012) herangezogen worden. Nachfolgend werden die wichtigsten Verzögerungsgründe, die Methodik der Date- nerhebung sowie die abgeleiteten Ergebnisse dargestellt und diskutiert. Verzögerungsgründe beim Netzausbau Für die Verzögerungen werden zahlreiche Gründe angegeben, so hat sich in den letzten Jahren bspw. der Planungszeitraum vom Planungsbeginn bis zur Inbetrieb- nahme deutlich verlängert. Anfang der 90er Jahre bspw. dauerte der Trassenausbau „Redwitz–Remptendorf“, mit ca. 50 km Länge, von der Planung bis zur Fertigstel- lung anderthalb Jahre (Schossig, 2005; Frantzen u. Guss, 2012). Im Vergleich dazu beträgt die Dauer beim EnLAG-Vorhaben Nr. 2 „Wehrendorf-Ganderkesee“ seit Be- ginn des ROV im Jahr 2004, bis zur momentan geplanten Inbetriebnahme im Jahr 2017, 13 Jahre (dena, 2012; BNetzA, 2014b). Frantzen u. Guss nennen, neben der ge- sellschaftlichen Akzeptanz, weitere Gründe zeitlicher Verzögerungen, hierzu gehören „Anpassung von Antragsunterlagen an aktuelle Gesetzesänderungen bzw. aktuelle Gerichtsentscheidungen“, „Klage gegen einen Planfeststellungsbeschluss“ aufgrund „formaler Fehler“ und „Verzögerungen bei der Planung über die Grenze zweier Bun- desländer“ (Frantzen u. Guss, 2012, S.20-21). Akzeptanzmeldungen bei EnLAG-Vorhaben Den Monitoringberichten aller EnLAG-Vorhaben sind, bezogen auf alle 66 Teilab- schnitte, insgesamt 14 Formulierungen mit Hinweisen für akzeptanzbedingte Verzö- gerungen zu entnehmen. Dabei wurden folgende Formulierungen als “akzeptanzbe- dingt” interpretiert: • (7) „Akzeptanzprobleme“5 5 Vgl. BNetzA (2011), S.60 EnLAG 9; BNetzA (2014c), S. 8, 10, 12, 13, 26; EnLAG 2, 3, 4, 11 75 5 Auswertung und Integration sozial-ökologischer Schlüsselfaktoren in das Strommarktmodell • (1) „Bürgerinitiativen beauftragten einen Gutachter“6 • (2) „Einwendungen zu bearbeiten“7 • (1) „zusätzliche Varianten geprüft, die von Gemeinden und Bürgerinitiativen vorgeschlagen wurden“8 • (1) „zeitlichen Verzögerungen, da ...neues akzeptanzförderndes Mastdesign ent- wickelt wird“9 • (1) „Probleme bezüglich der Trassenführung im bebauten Bereich“10 • (1) „aufgrund von Bürgeranregungen eine Umtrassierung durchgeführt“11 In Klammern ist jeweils die Anzahl der genannten Formulierungen angegeben. Mel- dungen zukünftig möglicher Probleme, wie zum Beispiel „privatrechtliche Verhand- lungen“ sowie mögliche Verzögerungen aufgrund weiterer „Gutachten“ (vgl. BNetzA, 2014c, S. 21, 24) wurden nicht aufgenommen, da keine Verzögerung aufgetreten oder beziffert ist. Im Rahmen der weiteren empirischen Analyse und Modellbildung wurde den Tras- senabschnitten mit akzeptanzbedingten Meldungen der Wert [1] für die Variable akzeptanz zugewiesen. Alle Teilabschnitte ohne Meldungen erhielten den Wert [0]. Abbildung 5.5 zeigt die Verteilung der so markierten Teilabschnitte innerhalb der aufeinanderfolgenden Planungsphasen12. Es wird deutlich, dass die Mehrheit der EnLAG-Vorhaben im zeitlichen Planungsverlauf relativ weit fortgeschritten ist. Im zweiten Quartal 2014 wurden 15 aller 66 Teilabschnitte realisiert. Ein Großteil der noch nicht realisierten Teilabschnitte befinden sich in der Phase „vor oder im Plan- feststellungsverfahren“. Hier beträgt das Verhältnis der Trassenabschnitte mit und ohne Akzeptanzmeldung ca. 1/3. Das bedeutet bei ca. 30 Prozent aller Teilabschnitte in dieser Planungsphase liegen Hinweise für Verzögerungen aufgrund gesellschaftli- cher Akzeptanz vor. Verzögerungen der EnLAG-Vorhaben Die Berechnungen der Verzögerungszeiten basieren auf den Angaben im Monitoring- bericht (S. 1-2) der BNetzA (2014b), Meldungen aus dem dritten Quartalsbericht der BNetzA (2011) (Stand Ende 2010, S. 55-65) sowie der dena (2012) (Befragung, S. 7-8). 6 BNetzA (2014c), S. 13; EnLAG 4 7 BNetzA (2014c), S. 18; EnLAG 6 8 BNetzA (2014c), S. 19; EnLAG 6 9 BNetzA (2014c), S. 29; EnLAG 13 10 BNetzA (2014c), S. 41; EnLAG 19 11 BNetzA (2014c), S. 31; EnLAG 14 12 Keine Doppelzählung 76 5.2 Statistische Auswertungen Abbildung 5.5: Darstellung der Verteilung der erhobenen akzeptanzbedingten Mel- dungen pro Teilabschnitt aller EnLAG-Vorhaben in den fünf Pla- nungsphasen. Quelle: Eigene Darstellung Europa-Universität Flens- burg (Bunke, 2015), auf Basis der Meldungen des Monitoring Bericht 2. Quartal und 3. Quartal 2011 BNetzA (2014c, 2011) Als Verzögerungszeit wird die Differenz zwischen dem ursprünglich geplanten Inbe- triebnahmejahr eines Vorhabens oder seiner Teilabschnitte und dem aktuell genann- ten Inbetriebnahmejahr bezeichnet. Auf Basis der drei verwendeten Veröffentlichun- gen, Befragung der Dena 2012, Quartalbericht 2011 und Monitoringbericht 2014 der BNetzA, ergeben sich verschiedene Verzögerungsdauern. Wenn dabei negative Be- träge berechnet wurden, oder beschleunigte Ausbauten vorliegen, wurden diese mit einer Verzögerung von Null Jahren gewertet. Abbildung 5.6 zeigt die Häufigkeitsverteilung der berechneten Verzögerungszeiten aller Teilabschnitte für jede der drei Quellen. Dabei unterscheiden sich besonders die Angaben aus dem Jahr 2014 von denen in den Jahren 2011 und 2012. Grund hierfür ist vermutlich die Neubewertung der Messzeitpunkte nach Verabschiedung der EnLAG-, BBPlG- und NABEG-Gesetze nach 2010. Demzufolge wurden vor allem Vorhaben, die bis fünf Jahre verzögert waren „neu gestartet“. Auf Basis der Daten von 2011 wurde bei einem Teilabschnitt eine maximale Verzöge- rungszeit von neun Jahren festgestellt. Insgesamt waren vor den Angaben von 2014 ca. die Hälfte aller 66 Teilabschnitte zeitlich verzögert. Tabelle 5.4 zeigt die neun 77 5 Auswertung und Integration sozial-ökologischer Schlüsselfaktoren in das Strommarktmodell Abbildung 5.6: Vergleich der gebildeten EnLAG-Verzögerungszeiten pro Teilab- schnitt. Quelle: eigene Darstellung Europa-Universität Flensburg (Bunke, 2015), basierend auf (dena, 2012; BNetzA, 2011, 2014c) EnLAG-Vorhaben, für deren vierzehn verzögerte Teilabschnitte gleichzeitig akzep- tanzbedingte Meldungen vorliegen, sowie die Spannbreite der Verzögerungen. Tabelle 5.4: Übersicht der akzeptanzbedingten Verzögerungen der EnLAG- Vorhaben mit Teilabschnitten basierend auf der Differenz der BNetzA Angaben von 2014 und 2011 (BNetzA, 2011, 2014c). Vorhaben Name EnLAG Nr. Anzahl der Min. und max. Teilabschnitte Verzögerung Ganderkesee – Wehrendorf 2 2 v. 3 6 a Neuenhagen – Bertikow/Vierraden – Krajnik (PL) 3 1 v. 3 7 a Lauchstädt - Redwitz 4 2 v. 5 7 - 9 a Wahle - Mecklar 6 3 v. 4 2 - 3 a Hamburg/Krümmel – Schwerin 9 1 v. 2 5 a Neuenhagen – Wustermark 11 2 v. 2 8 a Niederrhein / Wesel – Landesgrenze NL 13 1 v. 2 3 a Niederrhein – Utfort – Osterath 14 1 v. 2 0 a Kruckel - Dauersberg 19 1 v. 5 0 a Gesamt: 9 von 23 Vorhaben 14 v. 28 (66) Ø 4.71 a Für neun von 23 Vorhaben, in 14 Teilabschnitten, liegen mit den Verzögerungen auch Akzeptanzmeldungen vor. In dieser Gruppe treten auch die maximalen Verzö- gerungszeiten von neun Jahren auf (zur Basis 2011). Bei den Vorhaben ohne Akzep- 78 5.2 Statistische Auswertungen tanzmeldungen beträgt die Dauer maximal fünf Jahre. Durchschnittlich haben die 14 Teilabschnitte, mit Akzeptanzmeldungen, Verzögerungszeiten von 4,71 Jahren. In der weiteren Analyse werden die als „BNetzA’11“ ermittelten Werte den Tras- senverläufen der EnLAG-Teilabschnitte als Variable delay zugewiesen und bei der Modellbildung als zu beschreibene Variable Y verwendet. Erste Erkenntnisse der EnLAG-Vorhaben Mit den Auswertungen der vorangegangenen zwei Unterkapitel können erste Er- kenntnisse zur Verzögerung der EnLAG-Vorhaben und ihrer Teilabschnitte abgelei- tet werden. Die durchschnittliche Verzögerungszeit aller 66 Teilabschnitte beträgt 2,52 Jahre. Teilabschnitte ohne akzeptanzbedingte Verzögerungsmeldungen haben eine durchschnittliche Verzögerung von 1,92 Jahren, die Teilabschnitte mit Meldung 4,71 Jahre, die Differenz beträgt also 2,79 Jahre. Demzufolge sind, auf Basis der Da- ten bis 2014, die Teilabschnitte mit akzeptanzbedingten Meldungen im Durchschnitt 2,79 Jahre länger verzögert als ohne. Bei der Übertragung der erhobenen Verzögerungszeiten auf das Rastergitter (Erläu- terung des räumlichen Untersuchungsrasters im folgenden Kapitel 5.2.1.3), können Verzerrungen auftreten. Es kann bspw. zu Redundanzen bzw. Mehrfachzuweisung der Werte auf die geschnittenen Rasterfelder kommen. Die Häufigkeit der übertra- genen Werte ist hierbei direkt abhängig von der Länge des Trassenabschnittes. Das bedeutet je länger ein Abschnitt, desto mehr Rasterfelder werden geschnitten und mit den entsprechenden Informationen besetzt. In den insgesamt 5.922 geschnittenen Rasterfelder von den geplanten Verlaufslinien aller EnLAG-Vorhaben wird eine durchschnittliche Verzögerung von 3,12 Jahren be- rechnet. Die durchschnittliche Verzögerung von Abschnitten mit akzeptanzbedingten Meldungen ist 5,02 und ohne Meldung 2,32 Jahre. Damit beträgt Differenz beider Werte 2,70 Jahre und liegt somit 0,09 Jahre unterhalb des tatsächlichen Wertes. Tendenziell erhöht sich, durch die Methodik der Übertragung auf das Rastergitter, die durchschnittliche Gesamtverzögerung um 0,60 Jahre. Bezogen auf Akzeptanz- meldungen wurden 1.754 Felder mit und 4.168 ohne Meldung auf das Rastergitter übertragen. Im Vergleich haben ca. 21 % aller 66 Teilabschnitte eine Akzeptanzmel- dung, bezogen auf die Rasterfelder, sind es 29 %, also ca. 8 % mehr. Die Auswirkun- gen der methodischen Übertragungen der Verzögerungszeiten auf Rasterfelder sind zusätzlich mit Abbildung 5.7 dargestellt. Angezeigt werden die Mittelwerte und die prozentualen Häufigkeiten der Verzögerungszeiten. Das linke Histogramm zeigt die Verteilung bei den 66 EnLAG-Teilabschnitten, das rechte die Verteilung nach der Zuweisung auf 5.922 Rasterfelder. 79 5 Auswertung und Integration sozial-ökologischer Schlüsselfaktoren in das Strommarktmodell Abbildung 5.7: Gegenüberstellung der tatsächlichen EnLAG Verzögerungen pro Trassenabschnitt und den auf Rasterfelder übertragenen Verzöge- rungszeiten. Quelle: Eigene Darstellung Europa-Universität Flens- burg (Bunke, 2015) Aufgrund dieser entstehenden Verzerrungen werden Trassenverlauf und -länge über Häufigkeit und Verteilung bei der Übertragung im Regressionsmodell indirekt be- rücksichtigt. 5.2.1.3 Räumliches Untersuchungsraster Die erhobenen Daten der Akzeptanzfaktoren werden auf ein Vektorrastergitter über- tragen, welches mit Hilfe des GIS-Programms QGIS 2.6 und dem Plugin „fTools“ erstellt wird (QGIS Development Team, 2015, S. 718). Das Untersuchungsraster besteht aus einzelnen Quadraten mit einem zugewiesenen Maß von 400 × 400 Me- tern. Diese Rasterfeldgröße ist angelehnt an die Abstände zwischen zwei Strom- masten bei heutigen Trassenvorhaben, der Spannungsebene von 380 kV, von 300 m bis 450 m (TenneT TSO GmbH, 2013b, S. 5). Allen Daten liegen geometrische Formen, wie Polygone, Linien und Punkte zugrunde, deren Informationen, mittels GIS-Berechnungen, auf das Untersuchungsraster übertragen werden. 80 5.2 Statistische Auswertungen Zuweisung statistischer Daten der Verwaltungsgebiete Basis der Zuweisung der Daten der statistischen Bundes- und Landesämter sind die Verknüpfungen der Flächenpolygone der Verwaltungsgebiete mit dem Amtlichen Ge- meindeschlüssel (AGS) (siehe Kap. 5.1.1). Die Zuordnung der Verwaltungsgebiete zu den jeweiligen Rasterfeldern wird über den Flächenanteil des Polygons eines Verwal- tungsgebiets zum geschnittenen Rasterfeld realisiert. Schneidet ein Rasterfeld zwei oder mehr Verwaltungsgebietspolygone, gelten im Rasterfeld die Werte des Polygons mit dem größten Flächenanteil. Weil die Verwaltungsgebiete die komplette Fläche von Deutschland abdecken, hat jedes Rasterfeld einen eindeutigen Gemeindeschlüs- sel. Womit nun alle erhobenen Daten auf das Rastergitter übertragbar sind. Verwaltungsgebiete G1 G2 F1 F5 ... F25F21 ... A G1 ∩ F13 > A G 2 ∩ F 13 ⇒ X13 := Y 1 Beispiel: F13 F = Rasterfeld G = Gemeindepolygon A = Fläche Y = Variable von G Abbildung 5.8: Zuweisung der Datenerhebungen auf das Untersuchungsraster: Der geschnittene Flächenanteil des Polygons AG1 ist größer als der von AG2 , sodass die Rasterfeldvariable X13 der Variable Y1 vom Polygon G1 zugewiesen wird. Quelle: Eigene Darstellung Europa-Universität Flensburg (Bunke, 2015) Zuweisung linienförmiger Infrastrukturen Die vorliegenden linienförmigen Infrastrukturen sind unterteilt in die Objekte Au- tobahnnetz, bestehendes Stromnetz bis zur 110 kV Spannungsebene, Eisenbahnstre- ckennetz sowie die geplanten Streckenverläufe der EnLAG-Vorhaben. Bis auf die EnLAG-Vorhaben wurden alle Infrastrukturen dem jeweiligen schneidenden Raster- feld binär zugewiesen. Das heißt, wenn eine Linie ein Rasterfeld schneidet, wird der Objektvariable des Rasterfelds der Wert 1 zugewiesen, andernfalls erhält das Feld den Wert 0. Hauptbestandteil zur Analyse und Modellbildung der EnLAG-Vorhaben sind die übermittelten Linienverläufe der geplanten Trassen und Teilabschnitte von der Bundesnetzagentur (siehe Kapitel 5.1.1). Schneidet eine Linie, die aus zwei oder 81 5 Auswertung und Integration sozial-ökologischer Schlüsselfaktoren in das Strommarktmodell mehr Trassenabschnitten zusammengesetzt ist, ein Rasterfeld, gilt der Abschnitt mit den meisten Akzeptanzmeldungen. Liegt die gleiche Anzahl Akzeptanzmeldun- gen vor, wird das Feld nach der höchsten Verzögerungszeit vergeben (siehe Kapitel 5.2.1.2). Sollte diese wiederum gleich sein, gilt die kleinere eindeutige ID der Tras- se. Teilabschnitt 2 N = 2Teilabschnitt 1 N = 6 T2 T1 F = Rasterfeld F1 ... ... F5 F9 T 1,Ak < T 2, Ak ∨ T 1,Vz < T 2,Vk ⇒ F8= T 2 Beispiel: Stromtrassenabschnitt Vz = VerzögerungszeitAk = AkzeptanzmeldungN = Anzahl der Rasterfelder Abbildung 5.9: Die erhobenen EnLAG-, Trassen- und Teilabschnittsdaten werden auf jedes Rasterfeld übertragen, das eine Trassenverlaufslinie schnei- det. Rasterfelder die mehrere Linien schneiden werden nach ihrem Informationsgehalt gewichtet und einmalig vergeben. Quelle: Eigene Darstellung Europa-Universität Flensburg (Bunke, 2015) Zuweisung von verschieden ausgewählten Flächen Beispiel: F13, y = ∑ (X n , Av ∩ F13, A) F1 F5 ... F11 ... Polygonflächen y = Rasterfeldvariable des Flächenanteilsn = Anzahl der Polygonobjekte F14 F = Rasterfeldx1 x2x3 A = FlächeAv = Verschmolzene Fläche der Objekte Abbildung 5.10: Die Gesamtfläche der erhobenen Polygonflächen werden nach ihrer Objektart dem jeweiligen geschnittenen Rasterfeld prozentual zu diesem zugewiesen. Quelle: Eigene Darstellung Europa-Universität Flensbug (Bunke, 2015) 82 5.2 Statistische Auswertungen Von den erhobenen Polygonflächen der verschiedenen Objekte, wie zum Beispiel Natura 2000-Naturschutzflächen, Siedlungsflächen, Wälder, Vogelschutzgebiete und Häuser wird der prozentuale Anteil der jeweiligen Fläche zum Rasterfeld gebildet und zugewiesen. Hierfür werden alle Flächen innerhalb eines Rasterfeldes summiert. Zuweisung von Punktkoordinaten ausgewählter Objekte Objekte mit Punktkoordinaten sind bspw. Objekte des Datensatzes „Standort von Windkraftanlagen“ sowie einzelne Einträge aus dem EEG-Anlagenregister. Die Ein- träge werden über ihre Punktkoordinaten den Gemeindepolygonen zugewiesen, so dass jeweilige Untersuchungskriterien pro Gemeinde aufsummiert werden, wie z.B. die Summe der installierten Leistung je nach Energieträger (z.B. Windkraft). An- hand der zuvor beschriebenen Zuweisung von Verwaltungsgebieten werden die ge- meindespezifischen Daten dem entsprechenden Rasterfeld zugewiesen. Anschließend wird um die Windkraftanlagenstandorte ein Abstandsradius gelegt und die daraus resultierende Polygonfläche nach ihrem Flächenanteil den Rasterfeldern zugewie- sen. Übersicht des erstellten Rastergitters Das gesamte Rastergitter für die Fläche Deutschlands besteht aus etwas mehr als zwei Millionen Rasterfeldern, der Größe 400×400 Meter. Diesen sind die jeweils ein- zeln erhobenen Akzeptanzfaktoren zugewiesen. Zur Analyse der EnLAG-Vorhaben werden die Werte der geschnittenen Rasterfelder mit den restlichen Rasterfeldwer- ten verglichen. Insgesamt werden bei 23 EnLAG-Vorhaben mit 66 Teilabschnitten (vgl. Kapitel 5.1.1) die Werte von ca. 5.900 Rasterfeldern zur Analyse und Modell- bildung verwendet. Die Daten sind verschiedenen geografischen Ebenen zugeordnet, von den Linienverläufen der 66 Teilabschnitte sind 88 von insgesamt 402 Landkreis- flächen und 567 von insgesamt 11.379 Gemeindeflächen betroffen (deutschlandweit im Jahr 2013). Hierfür liegen die Akzeptanzfaktoren in 5.922 Untersuchungsfeldern zugrunde. Abbildung 5.11 zeigt den Ausschnitt vom Rastergitter des EnLAG-Vorhabens Nr.6 „Wahle-Mecklar“, mit dem Vorhabenpunkt „Wahle“. Mit der Grafik wird die be- schriebene Methodik zur Erhebung der Akzeptanzfaktoren und weiterer auf ein Rasterfeld bezogener Merkmale verdeutlicht. Die dünnen schwarzen Linien sind die Grenzlinien der Gemeindeflächen, die schwarze gestrichelte Linie ist der geplante Trassenverlauf und hellblau hervorgehoben sind die geschnittenen Rasterfelder, die zur Modellbildung verwendet werden. Dunkel- und hellgrau eingezeichnet, sind die Siedlungs- sowie Industrie- und Gewerbeflächen, hellgrün die Flora-Fauna-Habitate und hellgrün gepunktet die Vogelschutzgebiete, aus dem Cornine-Land-Cover 2006 83 5 Auswertung und Integration sozial-ökologischer Schlüsselfaktoren in das Strommarktmodell Datensatz. Die dunkelgrünen Rasterfelder repräsentieren Rasterfelder, deren Wald- flächenanteile größer als 1 % sind. Abbildung 5.11: Methodik der Datenzuweisung auf das Rastergitter sowie die Erhe- bung der Daten der EnLAG-Vorhaben zur Modellbildung. Quelle: Eigene Darstellung Europa-Universität Flensburg (Bunke, 2015) 5.2.1.4 Modellformulierung Ziel der Modellformulierung ist die Untersuchung von Zusammenhängen zwischen den erhobenen Akzeptanzfaktoren und den bestehenden Verzögerungszeiten um da- mit Rückschlüsse auf mögliche Verzögerungsrisiken zu ziehen. Zur Modellbildung wird eine Funktion namens lm im multiplen Regressionsmodell zur Abbildung der Verzögerungszeit verwendet. Die Funktionen sind in der eingesetzten Software R unter Ihaka (Version 2.15.3) und Davies u. Ihaka (Version 2.15.3) beschrieben. Die Modellformel 5.1 bildet einen multiplen Zusammenhang zwischen den Teil- abschnitten und Durchschnittswerten X̄n der Rasterfelder. Mit der Anzahl i = (1, . . . , 66) für die Anzahl EnLAG-Teilabschnitte und n für die verschiedenen einge- setzten Variablen. Der Regressionskoeffizient der Gleichung ist β. Die beschreibende Variable „Verzögerung“ in Jahren ist YV rz. 84 5.2 Statistische Auswertungen YV rz = β0 + β1X̄1,i + . . . + βnX̄n,i (5.1) Multiples Regressionsmodell Die Regressionsanalyse wird zur Schätzung funktionaler Beziehungen zwischen zwei oder mehreren metrisch skalierten Merkmalen, die als Modell aufgestellt werden können eingesetzt (von der Lippe, 1993, S. 258). Multiple Regressionsmodelle, zur Regressionsanalyse werden häufig in der empirischen Sozialforschung sowie in der Marktforschung verwendet. Sie werden zur Vorhersage von Wirkungszusammen- hängen, Ursachenanalysen, für Prognosen zur Betrachtung der Ausprägungen der abhängigen Variable eingesetzt (siehe Schwarz, 2015, Multiple Regression). Im Rahmen dieses Projektes wird das Regressionsmodell zur Bestimmung zukünfti- ger Verzögerungszeiten verwendet. Um die Wirkungszusammenhänge zwischen den gebildeten Akzeptanzfaktoren und den ermittelten Verzögerungszeiten mittels Re- gressionsanalyse zu bestimmen, werden alle Variablen mit der genannten Formel 5.2 innerhalb eines ersten Modells in Zusammenhang gebracht. Die Regressionskoeffizi- enten (β) werden hierbei, mit der gegebenen Datengrundlage, geschätzt. yi = β0 + β1x1,i + . . . + βnxn,i (5.2) y = abhängige Variable xn = beschreibende unabhängige Variable i : = Erhebungsebene i = (1, . . . , N) β0 = Konstante βn = Regressionskoeffizienten der unabhängigen Variable xn n = Anzahl der Variablen Bei der Modellanalyse und -bewertung werden alle Variablen ausgeschlossen, bei denen, nach den statistischen Regeln, keine Unabhängigkeit oder Signifikanz zur abhängigen Variable besteht. Wurde, auf Basis der Datengrundlage, ein optimales Modell gefunden, wird die entstandene Schätzfunktion 5.3 auf die Rasterfelder an- gewendet, und ermöglicht so eine Prognose der Verzögerung. ŷi = β0 + β1x1,i + . . . + βnxn,i (5.3) Modellprüfung und -bewertung Zur Prüfung, wie gut die Regressionsfunktion das Modell beschreibt, werden bei der multiplen Regression die zwei Gütemaße Bestimmtheitsmaß R2 und die F-Statistik berechnet. Mit dem Bestimmtheitsmaß R2 (R-squared) wird angezeigt, wie gut die 85 5 Auswertung und Integration sozial-ökologischer Schlüsselfaktoren in das Strommarktmodell Regressionsgerade des Modells zu den ermittelten Daten passt. Hierzu werden die Werte des erstellten Modells herangezogen. Es gilt dabei, je näher das Bestimmt- heitsmaß an 1 liegt, desto höher ist die Wahrscheidnlichkeit eines linearen Zusam- menhangs. Zudem bedeutet ein Wert für R2 von bspw. 0,75, dass 75 % der Varianz der erhobenen Daten durch das Modell erklärbar ist (Schwarz, 2015). Für Modelle mit mehreren Variablen wird das korrigierte Bestimmtheitsmaß adjR2 (adjusted R- squared) verwendet, womit die Anzahl der Variablen und somit die Komplexität des Modells berücksichtigt werden. Die Effektskala wurde zur Bewertung sozialwissen- schaftlicher Regressionsmodelle gebildet, die in der Regel schwächere Varianzaufklä- rungen liefern. Cohen (1992) gibt auf Basis der R2 Werte so genannte Effektskalen an, anhand derer Aussagen über die Stärke des Effekts eines Modells gemacht werden können. Die Effektskala wurde zur Bewertung sozialwissenschaftlicher Regressions- modelle gebildet, da diese in der Regel schwächere Varianzaufklärungen liefern. Co- hen unterteilt in die Effektgrößen „Small“ (R2 = 0,0196), „Medium“ (R2 = 0,1300) und „Large“ (R2 = 0,2600), entnommen aus Schwarz (2015). Zur Modellauswahl hier, wird ein Bestimmtheitsmaß von mindestens 0,26 gewählt. Beim zweiten Gütemaß der F-Statistik wird überprüft, ob das Bestimmtheitsmaß zufällig oder aufgrund des Datenzusammenhangs entstanden ist. Die Funktion ano- va() im Programm R gibt diese Werte als Signifikanz Pr(> F) aus. Beträgt der Wert der F-Statistik bspw. 13,791 und eine Signifikanz Pr(> F) von 0,0006708, ist ein sta- tistisch signifikanter Zusammenhang der Variablen im Modell wahrscheinlich (vgl. Schwarz (2015) und Holtmann (2010), S.109). Ein weiterer Indikator ist das Pr(> |z|) Signifikanzniveau der Regressionskoeffizienten, der z-Wert ist die Standardisierung einer Variable. Dieser wird gebildet, indem vom Erwartungswert eine Zufallsvaria- ble subtrahiert wird durch die entsprechende Standardabweichung dividiert wird (Holtmann, 2010, S. 79-81). Modellauswahl Zu Beginn wird mit allen Akzeptanzkriterien das „Modell 0“ gebildet. Das heißt es wird versucht mit allen Variablen X die gebildeten Verzögerungszeiten Y zu beschreiben bzw. zu erklären. Die Akzeptanzfaktoren und Verzögerungszeiten wer- den in Form einer Matrix aufgestellt und in die Regressionsgleichung 5.2 eingesetzt um damit nach Umformung Regressionskoeffizienten zu berechnen. Durch Angabe der erlaubten Variablenanzahl zur Modellbildung, kann nach dem besten Modell- gütewert optimiert werden. Als Modellfindungsmethode wird der „exhaustive“ Al- gorithmus verwendet, ein „effektiver branch-and-bound“ Algorithmus (siehe leaps, von Lumley, 2015, S.1). Mit der Funktion regsubsets() werden „interne“ Model- le aller Variablenkombinationen erstellt (siehe Lumley, 2015, S.5). Das korrigierte 86 5.2 Statistische Auswertungen Bestimmtheitsmaß adjR2 dient als Modellgütewert, bei dem das beste Modell den höchsten Modellgütewert aufweist. Neben dem besten Modell werden weitere Modelle mit abnehmender Modellgüte aus- gegeben, die hinsichtlich der verwendeten Variablen untersucht werden. Ausgewählt werden alle Modelle, deren adjR2 bis zu 5 % unterhalb des besten Modells liegt. So sind aufgrund der Häufigkeit der Variablenverwendung Rückschlüsse einzelner Variablen für die Modellbedeutung möglich. Beispielsweise kann untersucht werden, welche Variablen einfach substituiert und welche immer oder sehr häufig im Kontext aller Variablen in den Modellen verwendet werden. Als Gesamtbedingung zur Aus- wahl für die Anwendung eines Modells wird das korrigierte R Quadrat von adjR2 = 0,26 bestimmt, angelehnt an der Effektstärke „Large“ von Cohen (1992). Für die modellbildenden Variablen wird eine hohe Signifikanz von Pr(> z) bzw. Pr(> |t|) < 0,001 vorausgesetzt. Da die Funktion zur Modellsuche die Signifikanz der einzel- nen Modellvariablen nicht berücksichtigt, wird die Modellfindung schrittweise vor- genommen. Abbildung 5.12 zeigt das schematische Vorgehen der Modellfindung und Auswahl für das multiple Regressionsmodell. Modell 0 X1 Xn Yvrz Modell v Mod v.1 Mod v.m Modellvariablen = n Stelle alle Variablen in einen Zusammenhang Nach adj. R² Bestes Modell Weitere Modell adj. R² > = 95% Mod v.1 adj. R² Analyse der verwendeten Variablen Xn Modellanzahl = m Abbildung 5.12: Schema zur Modellauswahl des optimalen multiplen Regressions- modells. Quelle: Eigene Darstellung Europa-Universität Flensburg (Bunke, 2015) Ausgangslage zur Modellfindung und Auswahl ist „Modell 0“, das alle Variablen über die Gleichung 5.2 in einen Zusammenhang setzt. „Modell v“ beschreibt die aus dem „Modell 0“ folgenden Schritte aller Suchabfragen nach dem besten Modell. Mit dem Schritt v=1 folgt das „Modell 1“, bei dem keine Limitierung der Variablen vor- genommen wird. Das „Modell 1“ wird auf die Signifikanz der Variablen überprüft, sind die Bedingungen nicht erfüllt wird die Anzahl der Variablen mit jedem Schritt „v“ verkleinert bis ein optimales Modell gefunden ist. Bei der Auswertung der Varia- blen werden alle Modelle, die im Quartilsbereich von 95 % ihres Gütemaßes liegen, ausgegeben. 87 5 Auswertung und Integration sozial-ökologischer Schlüsselfaktoren in das Strommarktmodell Modell 0 wird mit allen 29 Variablen der Akzeptanzfaktoren gebildet. Die Variablen sind untereinander nicht signifikant, das Modell ist deshalb nicht anwendbar. Modell 1 ist das Modell mit dem höchst möglichen Modellgütewert des korrigierten Bestimmtheitsmaß adjR2 von 0,312. Zur Modellformulierung wurden 23 Variablen verwendet, die in sich nicht signifikant sind. Daher wird die Variablenanzahl im nächsten Modell auf 12 begrenzt. Modell 2 besteht aus zehn Variablen und enthält damit zwei weniger als vorgege- ben. Der Modellgütewert von adjR2 beträgt 0,296. Die Variable vglschutz_uf hat einen negativen Regressionskoeffizienten. Theoretisch bedeutet dies die Verringe- rung von Verzögerungszeiten, durch den Trassenbau in Vogelschutzgebieten. Da so etwas aber aufgrund von Planungsleitsätzen für Trassenverläufe ausgeschlossen wer- den kann (die voraussichtlich nicht durch Vogelschutzgebiete verlaufen), wird die Variable vglschutz_uf für die Modellformulierung entnommen. Modell 3 ist das Modell zur Prognose von Verzögerungzeiten. Automatisiert nach dem höchsten Bestimmtheitsmaß, der Suchvorgabe von maximal 12 Variablen und dem Ausschluss der Variablen vglschutz_uf erstellt. Es besteht aus den zehn Va- riablen wind_mw _gem, dis_income_capita, natura_mun_rate, biospha_uf, an- teil_wald, naturpark_uf, bip_pp _krs, power_lines_uf,motorway_uf, tour_beds_gem und der Konstanten. Das Modell hat einen Standardfehler von 2,12 Jahren und weist 5.911 Freiheitsgrade auf, mit den Gütewerten R2 = 0, 295 bzw. adj.R2 = 0, 294, sowie dem F-Test mit einem Wert von 247. Es ergibt sich ein Signifikanzniveau von p-value: < 2.2e-16, womit die aufgestellten Forderungen nach einem R2 ≥ 0, 26, einem Signifikanzniveau des Modells von p − value ≥ 0, 001 erfüllt sind. Die Ver- teilung der Residuen befindet sich im Bereich von Min = −5, 07 , Q,25 = −1, 62, Q,5 = −0, 04, Q,75 = 1, 43 und Max = 10, 63 Jahren. Tabelle 5.5 zeigt die verwendeten Variablen im „Modell 3“ mit Regressionskoeffi- zienten, den Skalenbereichen der Eingabedaten, Standard Fehler, dem t-value und das Signifikanzniveau. Gemäß dem Regressionskoeffizienten im Modell wirken die Bestandstrassen (power_lines_uf ), das Einkommen pro Kopf (dis_income_capita) und das Bruttoinlandsprodukt eines Kreises verzögerungssenkend. Bei den anderen Variablen ist es umgekehrt. Tabelle 5.5: Modellauswertung zur Verzögerungszeitprognose für das ausgewählte „Mo- dell 3“. Aufgeteilt in Variablenname, Regressionskoeffizent, Skalenbereich, Standard Fehler, t-value und Signifikanzniveau Pr(> |t|) für die verwendeten Modellvariablen. Variablen Reg.Koeffizent Skalenbereich Std. Fehler t-value Pr(> |t|) 88 5.2 Statistische Auswertungen Fortsetzung von Tabelle 5.5 Variablen Reg.Koeffizent Skalenbereich Std. Fehler t-value Pr(> |t|) Konstante 9,74E+00 1 3,39E-01 28,73 2,00E-16 wind_mw_gem 2,79E-02 0 – 151 2,14E-03 12,91 2,00E-16 dis_income_capita -1,77E-04 16.220 – 26.120 1,71E-05 -10,22 2,00E-16 natura_mun_rate 1,08E-02 0 – 96 1,83E-03 5,90 3,76E-09 biospha_uf 2,41E-02 0 – 100 2,58E-03 9,33 2,00E-16 anteil_wald 1,14E-02 0 – 85 1,70E-03 6,70 2,24E-11 naturpark_uf 5,01E-03 0 – 100 6,90E-04 7,27 4,06E-13 bip_pp_krs -1,24E-04 16.430 – 78.880 4,29E-06 -28,78 2,00E-16 power_lines_uf -8,78E-01 [ 0, 1 ] 6,24E-02 -14,06 2,00E-16 motorway_uf 6,47E-01 [ 0, 1 ] 9,52E-02 6,79 1,20E-11 tour_beds_gem 5,59E-05 0 – 125.170 4,02E-06 13,89 2,00E-16 Einordnung der verwendeten Modellvariablen Nachfolgend wird geprüft inwieweit die verwendeten Variablen austauschbar sind und nicht verwendete zu ähnlichen Resultaten führen. Hierfür werden alle Modelle, die mit 12 Variablen arbeiten, hinsichtlich ihrer Variablenvariation überprüft. Un- tersucht werden alle generierten Modelle, die bis zu 5 % vom Optimum abweichen. Anhand der Verwendungshäufigkeit der Variablen kann deren Bedeutung für eine hohe Modellgüte abgeschätzt werden. Weiterhin wird untersucht, welche der, im op- timalen Modell angewandten Variablen, häufig auftaucht. Abbildung 5.13 zeigt die Ergebnisse der Auswertung. Mit zwei Balkendiagrammen wird die Verwendungshäufigkeit aller Akzeptanzfakto- ren in Prozent angezeigt. Grau-schraffiert dargestellt sind alle Variablen im optima- len Modell. Insgesamt liegen, innerhalb des 5 % Bereichs der Modellgüteabweichung, 117 Modellvariationen, die mit einem vergleichbarem Resultat zum optimalen Modell führen. Hervorzuheben sind die fünf Variablen BIP pro Kopf und Kreis, Bestandss- tromtrassen ≥ 110 kV, Durchschnittseinkommen pro Kopf und Kreis, Windleistung pro Gemeinde und Biosphärenreservate, die immer verwendet werden. Generell gilt, je höher die Prozentangabe, desto häufiger wurden die Variablen zur Modellbildung verwendet. 89 5 Auswertung und Integration sozial-ökologischer Schlüsselfaktoren in das Strommarktmodell Abbildung 5.13: Vergleich der Variablen in 117 Modellen mit einer Variation der Modellgüte um bis zu 5 % ggü. dem optimalen Modell. Die Va- riablenanzahl ist auf maximal 12 begrenzt, der Modellgütewert im optimalen Modell beträgt adj R2 = 0, 2935 Quelle: Eigene Dar- stellung Europa-Universität Flensburg (Bunke, 2015). 5.2.1.5 Verzögerungszeiten pro Rasterfeld Abbildung 5.14 zeigt die Ergebnisse des Regressionsmodells auf einer Deutschland- karte. Alle 23 EnLAG-Vorhaben mit allen Teilabschnitten sind in ihrem geplanten Verlauf als Linien abgebildet. Die Verzögerungszeiten sowie der Status der Akzep- tanzmeldungen werden als Zahl pro Teilabschnitt angezeigt. Weiß-schwarz umrandet sind die Vorhabenpunkte aller Teilabschnitte hervorgehoben. Die berechneten Zeit- prognosen sind in acht Klassen eingeordnet, mit unterschiedlicher farblicher Kenn- zeichnung. Die geringste prognostizierte Zeitverzögerung beim Netzausbau in Deutschland be- trägt etwa minus 3,3 Jahre, der höchste Wert circa 10,4 Jahre. Durchschnittlich wird eine Verzögerung von 4,5 Jahren berechnet. Durch die Betrachtung der Re- gressionskoeffizienten (siehe Tabelle 5.5) und der Gewichtung der Modellvariablen werden regionale Unterschiede sichtbar. Der „t-value“ zeigt die Gewichtung einer Variable im Gesamtmodell an. Dabei gilt je höher der absoluter Betrag, desto mehr beeinflusst diese Variable das Modellergebnis. Im „Modell 3“ hat die Variable BIP pro Kopf und Kreis mit einem „t-value“ von ca. |28| den höchsten Einfluss. Ge- folgt von den Variablen Bestandsstromtrassen ≥ 110 kV, Bettenanzahl der Betriebe pro Gemeinde, Windleistung pro Gemeinde und Durchschnittseinkommen pro Kopf und Kreis mit „t-value“ Werten von (|14| bis |10|) mit mittlerem Einfluss. Neben der Konstante β0 haben somit das Bruttoinlandsprodukt pro Kreis und der Bau in Bestandstrassen den größten Modelleffekt. Die beiden zugehörigen Regressionskoef- 90 5.2 Statistische Auswertungen Vorhabenpunkt EnLAG Teilabschnitte EnLAG keine Meldung akzeptanzbedingte Meldung Verzögerungsprognose < 1 a 1.00 - 2.00 2.00 - 2.5 2.52 - 4.70 4.70 - 5.50 5.50 - 7.00 7.00 - 9.00 > 9.00 Legende a a a a a a a a 0 Abbildung 5.14: Die Ergebniskarte zur Zeitverzögerungsprognose von „Modell 3“ ist für die Prognosewerte kleiner ein Jahr (hellgrau) bis größer neun Jahre (dunkelrot) für alle Rasterfelder Deutschlands dargestellt. Quelle: Eigene Darstellung Europa-Universität Flensburg (Bunke, 2015) fizienten sind negativ und verringern den Verzögerungswert. Den insgesamt kleinsten Einfluss hat die Variable zu den Flächenanteilen der Natura-2000 Schutzgebiete pro Gemeindefläche mit einem „t-value“ von ca. |6|. Mit der Entwicklung eines multiplen Regressionsmodells konnten auf Basis bisheriger Verzögerungszeiten der EnLAG-Vorhaben Prognosen für ganz Deutschland erstellt werden. Wie Abbildung 5.14 veranschaulicht, treten vor allem im Osten Deutsch- lands hohe Verzögerungsrisiken auf, während im Süden verhältnismäßig geringe Ver- zögerungen zu erwarten sind. Dieses Ergebnis basiert allerdings auf der heutigen 91 5 Auswertung und Integration sozial-ökologischer Schlüsselfaktoren in das Strommarktmodell Datengrundlage. Das bedeutet da z.B. in Bayern keine EnLAG-Vorhaben geplant sind, liegen dort auch keine historischen Verzögerungszeiten vor, so dass weiterhin geringe Verzögerungen prognostiziert werden. Trotz dieser Schwächen ermöglicht diese Methode die Erstellung von Verzögerungsprognosen zukünftiger Vorhaben, in Abhängigkeit vom Trassenverlauf. Da die hier berechneten Zeiten ausschließlich auf statistischen Daten basieren, ist eine Validierung mit qualitativen Untersuchungser- gebnissen, wie sie in 5.4 vollzogen wird, sinnvoll. 5.2.2 Wind Zur Untersuchung von Zusammenhängen zwischen einzelnen ausgewählten statisti- schen Größen im Bereich Windenergie wurden Korrelations- und Clusteranalysen mit den verfügbaren Informationen aus der Datenbank durchgeführt. 5.2.2.1 Korrelationsanalysen Die Korrelationsanalyse gehört zu den multivariaten Analysemethoden, sie bezeich- net ein Verfahren zur Untersuchung der Stärke des Zusammenhangs von zwei quan- titativen Merkmalen. Der Korrelationskoeffizient ist ein Maß zur Darstellung von Stärke und Richtung des linearen Zusammenhangs. Es ergeben sich Werte zwi- schen -1 und 1. Dabei bedeuten Werte im Bereich -1 einen starken negativen, Werte im Bereich +1 einen starken positiven und Werte im Bereich von 0 keinen Zu- sammenhang. Im Rahmen der hier durchgeführten Untersuchung werden die Kor- relationskoeffizienten nach Pearson und nach Spearman berechnet. Der Pearson- Korrelationskoeffizient wird verwendet, wenn die Daten normalverteilt sind und zwischen den zu prüfenden Variablen ein linearer Zusammenhang besteht. Bei der Spearman-Korrelation wird der Zusammenhang nicht direkt aus den Messungen, sondern aus den Rängen der Daten berechnet. Dadurch ist es möglich nicht lineare Zusammenhänge zu erkennen, darüber hinaus ist diese Korrelation nicht auf nor- malverteilte Daten begrenzt. Bei der Untersuchung soll festgestellt werden, ob zwischen der Variable installierte Windleistung pro Quadratkilometer auf Landkreisebene und den Variablen Land- wirtschaftsfläche pro Kreis, Gästeankünfte pro Jahr und Kreis, Mittelwert privates Einkommen pro Person und Kreis sowie Waldfläche pro Kreis jeweils Korrelationen bestehen. Die Ergebnisse der berechneten Korrelationskoeffizienten sind in Abbil- dung 5.15 pro Variable, jeweils in einem Punkt-Streu-Diagramm dargestellt. Den Ergebnissen der Abbildungen zufolge bestehen nur schwach ausgeprägte Zu- sammenhänge. Am deutlichsten sind sie zwischen der installierten Windleistung 92 5.2 Statistische Auswertungen Abbildung 5.15: Punkt-Streu-Diagramme für die Variablen Anteil Landwirtschafts- fläche, Anteil Waldfläche, mittleres Einkommen pro Kopf, jährli- che Gästeankünfte jeweils pro Kreis zur installierten Windleistung pro Kreisfläche. Quelle: Eigene Darstellung Europa-Universität Flensburg und den Flächenvariablen, Landwirtschafts- und Waldfläche. Zur genutzten land- wirtschaftlichen Fläche besteht eine positive Korrelation, d.h. je größer die Land- wirtschaftsfläche, desto höher die installierte Leistung. Zur Waldfläche ist die Kor- relation negativ, d.h. je weniger Waldfläche pro Landkreis, desto mehr installierte Windleistung. Durch die Ergebnisdarstellung in Punkt-Streu-Diagrammen werden, in beiden Fällen, einzelne Ausreißer sichtbar, wie bspw. der Rhein-Hunsrück-Kreis, der trotz relativ hohem Waldflächenanteil einen hohen Anteil installierter Wind- leistung aufweist. Neben den erwarteten Korrelationen zur Flächennutzung ist eine negative Korrelation zum verfügbaren privaten Einkommen pro Person (Mittelwert aus den Daten von 2000 bis 2011) nachweisbar. Demzufolge haben viele Landkrei- 93 5 Auswertung und Integration sozial-ökologischer Schlüsselfaktoren in das Strommarktmodell se mit geringen mittleren Einkommen höhere installierte Leistungen. Im Diagramm sind allerdings einige Ausreißer sichtbar. Zwischen den jährlichen Gästeankünften, als Indikator für den Tourismus, konnte keine Korrelation zur Windleistung festge- stellt werden. Neben diesen Korrelationsanalysen wurde der vorliegende Datensatz verwendet, um die These: “mit zunehmender Windenergiedichte steigt der Wert- verlust von Grundstücken”, statistisch zu untersuchen. Hierzu wurden die Wind- leistung pro Quadratkilometer und die durchschnittlichen Preise für Baulandflächen in Euro pro Quadratmeter pro Jahr betrachtet. Die Abbildung 5.16 zeigt das Er- gebnis deutschlandweit (links) und exemplarisch für den Landkreis Alzey-Worms (rechts). Mit den verwendeten Daten ist kein Zusammenhang ersichtlich. Da weitere Untersuchungen mit bereinigten Datensätzen nicht durchgeführt wurden, liegt kein fundiertes Ergebnis vor. Abbildung 5.16: Darstellung der aggregierten Windenergieleistung und der Bauland- preise über die Zeit in Deutschland (links) und im Landkreis Alzey- Worms. Quelle: Eigene Darstellung Europa-Universität Flensburg 5.2.2.2 Clusteranalysen Eine Clusteranalyse ist ein Verfahren zur Einteilung einer Anzahl von Objekten in homogene Gruppen. Ziel der Einteilung sind möglichst ähnliche Objekte innerhalb einer Gruppe und möglichst unterschiedliche Objekte zwischen den Gruppen. Die Gruppen werden Cluster, Klassen oder Typen genannt. Eines, der am häufigsten verwendeten Verfahren, zur Clusteranalyse ist der k-Means-Algorithmus. Hierbei wird aus einer Menge ähnlicher Objekte eine vorher bekannte Anzahl von Gruppen gebildet. Mit dem Algorithmus wird die Summe der quadrierten Abweichungen von den Mittelpunkten der Cluster minimiert (Varianzminimierung) (Ester u. Sander, 94 5.2 Statistische Auswertungen 2000). Mit der hier durchgeführten k-means-Clusteranalyse sollen vor allem regionale Unterschiede einzelner Variablen im Datensatz sichtbar gemacht werden. Dazu wur- de jeder Datensatz in eine vorgegebene Anzahl von Gruppen geteilt. Mit folgenden Variablen, auf Landkreisebene, wurden Clusteranalysen durchgeführt: 1. Installierte Windenergieleistung absolut, pro Fläche und pro Kopf (MW, MW/km2, MW/Kopf) 2. Installierte Leistung EE absolut, pro Fläche und pro Kopf (MW, MW/km2, MW/Kopf) 3. Entwicklung des Windenergieausbaus pro Jahr (MW/Jahr) 4. Entwicklung der Regionalplanung für Windenergie (Ausgewiesene Windeig- nungsflächen in %) 5. Bevölkerungsdichte (Einwohner/km2) 6. Mittleres Einkommen pro Kopf (Euro/Kopf) 7. Bruttoinlandsprodukt pro Fläche (Euro/km2) 8. Tourismus (Anzahl an Betten, Betten/Kopf) 9. Anteil Landwirtschaftsfläche an Kreisfläche (%) 10. Anteil an Erholungsfläche an Kreisfläche (%) 11. Anteil an Naturschutzfläche an Kreisfläche (%) 12. Anteil an Waldfläche an Kreisfläche (%) Zur Clusterung wurden die drei Gruppen „high“ „mid“ und „low“ vorgegeben. Ab- bildung 5.17 zeigt die Ergebnisse für sechs Datensätze. Mithilfe dieser Clusterungen werden die Unterschiede der Variablen auf Ebene der Landkreise deutschlandweit ersichtlich. Parallel zu diesen Clusteranalysen wurde die zeitliche Entwicklung des Windener- gieausbaus in Gruppen eingeteilt. In diesem Fall wurden allerdings fünf statt nur drei Gruppen vorgegeben. Landkreise ohne Windenergieanlagen gehören zur Gruppe „none“ und Landkreise mit nur einer Windenergieanlage zur Gruppe „once“. Alle anderen gehören zu den Gruppen „early“, „constant“ und „late“. Im Cluster „ear- ly“ sind alle Landkreise enthalten, deren Windenergieausbau überwiegend vor dem Jahr 2006 stattfand und anschließend abnahm. Das Cluster „constant“ enthält die Landkreise mit einem konstanten Ausbau. Alle Landkreise mit Ausbauspitzen nach 2006 sind dem Cluster „late“ zugeordnet. Das Jahr 2006 kann als Trennjahr definiert 95 5 Auswertung und Integration sozial-ökologischer Schlüsselfaktoren in das Strommarktmodell Abbildung 5.17: Auswahl Clusterergebnisse: Dichte an installierter Windleistung pro Kopf, Bevölkerungsdichte, Anteil Naturschutzgebiete pro Kreisflä- che, Einkommen pro Kopf, Tourismus in Betten pro Kopf, Anteil an Landwirtschaftsfläche pro Kreisfläche. Quelle: Eigene Darstel- lung Europa-Universität Flensburg werden, mit jeweils drei Spitzenjahren vor und nach 2006 (Abbildung 5.18). Aus- bauspitzen gab es deutschlandweit in den Jahren 2001 - 2003, 2006, 2009 und 2012. Eine Ausbauspitze wurde definiert als die zweifache Menge der durchschnittlichen Ausbaurate in einem Landkreis (horizontale Linie in Abbildung 5.18). Abbildung 5.19 stellt exemplarisch die Ergebnisse für je ein Cluster „early“, „constant“ und „late“ in drei verschiedenen Landkreisen dar. Eine weitere Clusteranalyse wurde zum Stand der Regionalplanung der Windenergie gemacht, diese basiert auf einer Auswertung aller ausgewiesenen Windeignungsge- biete vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung von 2014, dargestellt 96 5.2 Statistische Auswertungen Abbildung 5.18: Entwicklung des Windenergieausbaus in Deutschland bis 2015: Neu installierte Windleistung in MW pro Jahr. Die horizontale Li- nie zeigt die durchschnittlich installierte Windleistung im betrach- teten Zeitraum. Quelle: Eigene Darstellung Europa-Universität Flensburg early constant late Abbildung 5.19: Windentwicklungen der Cluster early, constant und late am Bei- spiel der Landkreise Stade, Schleswig-Flensburg und Alzey-Worms. Quelle: Eigene Darstellung Europa-Universität Flensburg in Abbildung 5.20 (BBSR, 2013; Einig u. Zaspel-Heisters, 2014). Der Anteil der verbindlichen Flächenausweisungen für die Windenergiebebauung im Verhältnis zur gesamten Fläche eines Landkreises wurde in die vier Gruppen „2 % und mehr“, „0,5 % bis unter 2 %“, „unter 0,5 %“ und „keine Planung“ klassifiziert. 97 5 Auswertung und Integration sozial-ökologischer Schlüsselfaktoren in das Strommarktmodell Abbildung 5.20: Prozentualer Anteil verbindlicher Flächenausweisung für Wind- energie an der Planungsregionsfläche. Quelle: Eigene Darstellung Europa-Universität Flensburg basierend auf (BBSR, 2013; Einig u. Zaspel-Heisters, 2014) Die statistischen Instrumente Cluster- und Korrelationsanalyse wurden eingesetzt, um regionale Unterschiede und Schwerpunkte ausfindig zu machen. Sie sind ein ge- eignetes Instrument, um gemeinsam mit den qualitativen Untersuchungsergebnissen Schlüsselfaktoren gesellschaftlicher Akzeptanz für die Modellierung zu definieren. 5.2.2.3 Belastungsgrad Wie zu erwarten, zeigt sich bei den verschiedenen Einflussfaktoren eine große Band- breite, geprägt von regionalen Unterschieden. Die Bedingungen einer erfolgreichen finanziellen Beteiligung sind beispielsweise in Schleswig-Holstein nicht mit denen in Brandenburg vergleichbar. Trotz solcher Unterschiede sollen für das Simulationsmo- dell Faktoren festgelegt werden, die zur Darstellung der Dimension gesellschaftliche Akzeptanz geeignet sind. Wie die bisherigen Ergebnisse zusammengefasst und in einen einzigen Parameter überführt werden, der direkt in ein Modell einfließen kann, wird nachfolgend beschrieben. Gesellschaftliche Akzeptanz steht i.d.R. im Zusammenhang mit der genutzten Flä- che für Windenergie, genannt werden: Flächengröße, Art der Flächen, wie bspw. Wald, Naturparks sowie dazugehörige naturschutzrechtliche Belange. Ebenfalls, im Zusammenhang mit Flächen, häufig angeführt, sind die Nutzung angrenzender Flä- chen wie bspw. Erholungsflächen für den Tourismus sowie deren Anteile zur verfüg- baren Gesamtfläche. Allgemeiner, aber auch im Zusammenhang mit Fläche, gelten das Landschaftsbild sowie steigender Flächendruck (auch in windstarken Regionen) 98 5.2 Statistische Auswertungen als wichtige Einflussfaktoren. Aufgrund all dieser Faktoren wird die mit Windan- lagen bebaute Fläche als Schlüsselfaktor identifiziert. Allerdings ist sie als absolu- te Größe für einen Vergleich nicht zielführend, sondern erst relativ zur Gesamtflä- che eines Landkreises. Die Definition des Schlüsselfaktors lautet: Anteil bebauter (Wind)Fläche im Verhältnis zur Gesamtfläche eines Landkreises. Der zweite Schlüsselfaktor bildet den starken Zusammenhang zwischen gesellschaft- licher Akzeptanz und der Partizipation der Bevölkerung von der Planung bis zur Umsetzung von Windprojekten ab. Die Ergebnisse der qualitativen Untersuchungen zeigen, dass positive und negative Partizipation bei Planungsprozessen häufig bereits auf Ebene der Regionalplanung auf Zustimmung oder Kritik der Bevölkerung trifft. Partizipation findet in Form formeller und informeller Beteiligung statt. Sie tritt aber auch in Form eingereichter Bedenken beim Planfeststellungsverfahren auf, oder als Aktivität von Bürgerinitiativen bei der Umsetzung bereits genehmigter Wind- parks. Eingeschlossen ist auch der vielfach genannte Nutzen für die Bevölkerung durch finanzielle Beteiligungskonzepte, von Steuereinnahmen auf Gemeindeebene, bis hin zur konkreten Beteiligung der lokalen Bevölkerung an den Projekten. Die Bevölkerung muss eingebunden werden, deshalb wird die Bevölkerungsdichte eines Landkreises als zweiter Schlüsselfaktor bestimmt. Mit den definierten Schlüsselfaktoren konnte die Bandbreite der Einflussfaktoren re- duziert und gleichzeitig eine Definition von gesellschaftlicher Akzeptanz für die Mo- dellierung festgelegt werden. Die wesentliche Schwäche der Schlüsselfaktoren liegt in ihrer Unschärfe, trotzdem hat ihre Auswahl zwei wichtige Vorteile: 1. die Schlüs- selfaktoren sind numerisch und können damit für alle Landkreise berechnet werden, 2. ihre Anzahl ist in einem Modell gut handhabbar. Die Schlüsselfaktoren reprä- sentieren den Belastungsgrad eines Landkreises durch Windenergie, mathematisch umgesetzt durch die Multiplikation beider Faktoren: Belastungsgrad = bebauteWindfläche F lächeLandkreis ·BevölkerungsdichteLandkreis (5.4) Beide Größen, Flächenanteil und Bevölkerungsdichte beeinflussen die Belastung. Bei nur geringer Bevölkerungsdichte steigt die Belastung durch zunehmende Flächenan- teile, bei hoher Bevölkerungsdichte hingegen steigt die Belastung bereits bei gerin- gen Flächenanteilen. Die Belastung ist nicht direkt mit gesellschaftlicher Akzeptanz gleichzusetzen. Denn es gibt z.B. Landkreise in Schleswig Holstein mit hoher Belas- tung und hoher gesellschaftlicher Akzeptanz oder Landkreise in Brandenburg mit geringer Belastung und schwacher gesellschaftlicher Akzeptanz. Der Faktor dient als 99 5 Auswertung und Integration sozial-ökologischer Schlüsselfaktoren in das Strommarktmodell Dimension gesellschaftlicher Akzeptanz, die zur Verteilungsregelung von Windener- gieleistung in Modellen herangezogen werden kann, aber gleichzeitig mit qualitativen Ergebnissen betrachtet werden muss. Sein Vorteil liegt darin, dass die Berechnungs- größen flächendeckend vorhanden sind, und sich deshalb für jeden Landkreis die heutige Belastung (Belastungsgrad IST) ermittelt werden kann. Ferner bietet die Berechnungsweise die Möglichkeit eine maximale Belastung pro Landkreis zu ermit- teln, indem als bebaute Windfläche die insgesamt verfügbare Weißfläche eingesetzt wird (Belastungsgrad MAX). IST- und MAX-Wert bilden damit, neben den techni- schen und ökonomischen, weitere Grenzen für jeden einzelnen Landkreis, zwischen denen die zukünftige Bebauung festgelegt werden kann. Zur Bestimmung des IST- und MAX-Belastungsgrads muss zum einen die zur Verfü- gung stehende bebaubare Fläche, sowie das technische Ausbaupotenzial von Wind- energie innerhalb Deutschlands vorliegen (Kapitel 5.5). Nachfolgend kann der Belas- tungsgrad als ein Szenarioparameter in die Modellierung integriert werden (Kapitel 6.2.3). 5.3 Integration in die Modellierung 5.3.1 Szenarienmodul Aktuell werden Szenarien, zur Modellierung von Energiesystemen, meist getrennt mit qualitativen und quantitativen Methoden entwickelt. Häufig basieren die quan- titativen Parameter dabei ausschließlich auf definierten technischen und ökonomi- schen Annahmen, die mit computergestützten Berechnungen generiert werden. Die Bestimmung qualitativer Parameter erfolgt hingegen mithilfe von Stakeholdern in Form von ExpertInnenworkshops oder Fokusgruppen. Ergebnisse sind bspw. narra- tive „Storylines“ oder Schlüsselfaktoren gesellschaftlicher Akzeptanz, die Entwick- lungspfade ergänzen. Eine Verknüpfung beider Methoden findet bisher kaum statt. Eine Integration qualitativer Untersuchungsergebnisse in die Struktur des Strom- marktmodells renpass erfolgt mit einem vorgelagerten „Szenarien-Modul“, vorange- stellt als modulare Erweiterung, und damit unabhängig vom Modellcode. Grundlage der Option: gesellschaftlich verträglicher Ausbau im „Szenario-Modul“ sind die Pa- rameter „Verzögerungszeit“ zur Entwicklung der Netzausbauszenarien und für die Windausbauszenarien „Belastungsgrad“. Da beide Parameter numerisch vorliegen, haben sie auch direkte Effekte in den Modellierungen. Abbildung 5.21 zeigt den geschilderten Ablauf der Integration mit „Szenarien-Modul“ als Input zur Modellie- rung mit renpass. 100 5.3 Integration in die Modellierung Abbildung 5.21: Szenarien-Modul: Vorgelagerte Szenarienentwicklung mit Parame- tern gesellschaftlicher Akzeptanz zur Erstellung von Inputdaten zur Modellierung. Quelle: Eigene Darstellung Europa-Universität Flensburg 5.3.2 Szenarioparameter Verzögerungszeit und Belastungsgrad Mit dem Parameter „Verzögerungszeit“ können zukünftige Trassenverläufe mit un- terschiedlichen Inbetriebnahmezeitpunkten modelliert werden. Hierfür werden ver- fügbare Netzkapazitäten mit entsprechenden Jahresangaben verwendet. Ergebnis ist die Simulation des deutschen Stromsystems unter Berücksichtigung unterschiedlicher Ausbauzeitpunkte der Trassen. Die Vergleiche unterschiedlicher Simulationen er- möglicht eine Untersuchung verzögerungsbedingter Effekte, z.B. die Abschaltungen erneuerbarer Leistung aufgrund von Netzengpässen, durch den verzögerten Netzaus- bau. Eine ausführliche Darstellung der Simulationsergebnisse enthält Kapitel 6. 101 5 Auswertung und Integration sozial-ökologischer Schlüsselfaktoren in das Strommarktmodell Um den zukünftigen Ausbau der Windenergie zu modellieren, muss im Szenario der Parameter installierte Leistung für das Zieljahr 2050 angegeben werden. Zusätzlich muss auch eine regionale Verteilung der Anlagen festgelegt werden, die bisher haupt- sächlich von technischen und ökonomischen Kriterien abhängt. Auf Basis sozial- ökologischer Einflüsse wurde ein Belastungsrad definiert, der nun zusätzlich die zu installierende Leistung beeinflusst. Mit den verwendeten Daten werden Ausbausze- narien mit einer regionalen Auflösung auf Kreisebene erstellt. Mit einem Vergleich der simulierten Jahresenergiemengen verschiedener Ausbauszenarien können die Ef- fekte verschiedener Verteilungen betrachtet werden. Eine detaillierte Beschreibung der Simulationsergebnisse erfolgt in Kapitel 6. 5.4 Vorarbeiten für Netzausbauszenarien Zur Entwicklung von Netzausbauszenarien mit Verzögerungsprognosen werden die qualitativen Ergebnisse einzelner Untersuchungsregionen in Form der Widerstands- und Engagementraten mit den berechneten Verzögerungszeiten der Regressionsana- lyse verknüpft. Durch die Kombination von Widerstands- und Engagementraten wurden Zeitverzögerungen basierend auf den Ergebnissen der untersuchten Fallbei- spiele bestimmt. Das entwickelte Verfahren zur Ermittlung einer Engagementra- te (siehe Kapitel 2) kann von den Fallbeispielen auf alle Landkreise Deutschlands übertragen werden. Die Widerstandsrate hingegen kann nur für den Untersuchungs- raum erhoben werden. Zur Erstellung von Verzögerungsprognosen werden allerdings Engagement- und Widerstandsrate benötigt. Deshalb wird der zukünftige Wider- stand mithilfe der Zeitprognosen aus der Regressionsanalyse für alle Landkreise hergeleitet. Dies ist die Basis der Netzausbauszenarien mit Verzögerungszeiten pro Stromtrasse. Die notwendigen Vorarbeiten ihrer Erstellung sind in diesem Kapitel und ihre konkrete Definition in Kapitel 6 beschrieben. 5.4.1 Verknüpfung qualitativer und quantitativer Analysen Für alle Landkreise wurden Engagementraten ermittelt. Daneben liegen die mit dem Regressionsmodell berechneten Verzögerungszeiten (siehe Abschnitt 5.2.1.5) auf Ebene der gebildeten Rasterfelder vor. Um Kombinationen von Widerstand und Engagement pro Kreis zu bilden, müssen die Verzögerungszeiten auf die Ebene der Landkreise aggregiert werden. Die Ergebnisse aus Kapitel 3 auf Basis der Kombi- nation von Widerstand und Engagement der Verzögerung in Jahren zeigt Tabelle 5.6. 102 5.4 Vorarbeiten für Netzausbauszenarien Tabelle 5.6: Verzögerungen nach Kategorie und in Jahren nach der Kombination von Widerstand- und Engagement. Quelle: Eigene Darstellung IZT Widerstand Engagement Verzögerungs- kategorie Verzögerung in Jahren stark mittel high 5-9 a stark low 0-2 a mittel mittel mid 2-5 a stak low 0-2a Um die Plausibilität dieser Ergebnisse zu prüfen, werden die rechnerisch ermittelten Widerstandsraten auf Basis der Werte der Regressionsanalyse mit den qualitativ ermittelten Widerstandsraten in den untersuchten 19 Landkreisen verglichen. Von den 19 Landkreisen wurden drei dem höchsten Widerstandstyp „worst“ zugeordnet, mit Verzögerungszeiten aus dem Regressionsmodell von 3-7 Jahren. Der Widerstand im Großteil der qualitativ untersuchten Landkreise wurde dem Typ „mid-worst“ zu- gewiesen, mit berechneten Verzögerungszeiten von 3-5 Jahren. Nur ein Landkreis wurde dem Widerstandstyp „mid-best“ zugeordnet und hat eine berechnete Verzö- gerungszeit von vier Jahren. Bei der qualitativen Analyse wurde kein Landkreis dem Widerstandstyp „best“ zugewiesen. Dieser Abgleich zeigt, dass die im Regressions- modell berechneten hohen Verzögerungszeiten den starken Widerstandstypen der qualitativen Analyse entsprechen. Die Typisierung ist demnach plausibel, aufgrund der geringen Fallzahl aber nicht valide. Gemäß den gebildeten Widerstandstypen werden Landkreise mit weniger als fünf Jahren Zeitverzögerung dem Typ „mittel“, und alle mit höheren Verzögerungszeiten dem Typ „stark“ zugewiesen. Die Über- tragung dieser Typen unter der Verwendung der berechneten Verzögerungen des Regressionsmodells sind für die Mehrheit aller deutschen Landkreise mittlere Wi- derstände zu erwarten. In 49 Landkreisen allerdings, mehrheitlich im Osten Deutsch- lands, sind starke Widerstände zu erwarten. Hier muss berücksichtigt werden, dass die zugehörigen Verzögerungszeiten auf der aktuellen Datenlage beruhen und da- her mit starken Unsicherheiten verbunden sind. Denn bisher ist ein Großteil aller Vorhaben beim Netzausbau noch nicht vollständig realisiert worden, das bedeutet die tatsächlichen Verzögerungszeiten können noch deutlich höher liegen. Neben den Widerständen fließen die Engagementraten aller Landkreise in die Berechnungen der Verzögerungen für die Netzausbauszenarien ein. Erst daraus werden die Annahmen zur zeitlichen Wirkung pro Landkreis getroffen, die in Tabelle 5.6 als Verzögerung in Jahren eingetragen sind. Unter Berücksichtigung von erwarteten Widerständen und Engagement treten nur in den zwei Landkreisen Dithmarschen und Nordfriesland geringe Verzögerungen von null bis zwei Jahren auf. Grund hierfür ist, parallel zu den hohen Widerständen, das außerordentlich hohe Engagement für den Netzausbau in diesen beiden Landkreisen. 103 5 Auswertung und Integration sozial-ökologischer Schlüsselfaktoren in das Strommarktmodell Abbildung 5.22: Modifizierte Verzögerungsprognosen pro Landkreis, basierend auf qualitativen Untersuchungen von Einzelregionen unter der Annah- me höchster Öffentlichkeitsbeteiligung vom Format „informell Dia- log“ in allen Landkreisen. Quelle: Eigene Darstellung IZT Berlin (Mester, 2016) Den meisten Landkreisen (n = 344) werden mittlere Verzögerungen von zwei bis fünf Jahren zugewiesen, weil bei mittleren Widerständen auch nur mittleres Engagement festgestellt wurde. Da in den 49 Landkreisen mit starken erwarteten Widerständen ebenfalls nur mittleres Engagement vorliegt, ergeben sich die höchsten Verzögerun- gen von fünf bis neun Jahren. Das Ergebnis der so verteilten Verzögerungsannahmen in allen Landkreisen unter Annahme gesteigerter Öffentlichkeitsbeteiligung zeigt Ab- bildung 5.22. Ein Vergleich der damit ermittelten Verzögerungsannahmen zeigt, im Gegensatz zur aktuellen Situation, eine Verringerung der erwarteter Verzögerung auf null bis zwei Jahre in nur drei weiteren Landkreisen. Dies legt die Schlussfol- gerung nahe, dass eine Verringerung von Verzögerungen sowohl eine Steigerung des Engagements als auch den Rückgang erwarteter Widerstände erforderlich macht. 5.4.2 Überprüfung der Verzögerungsannahmen Im Rahmen der bisherigen Analyse liegen zwei verschiedene Verzögerungsannahmen vor: (1) die Verzögerungsannahmen für die 19 Landkreise im Untersuchungsraum erhoben auf Basis von Widerstands- und Engagementrate, und (2) die deutschland- weit ermittelten Verzögerungsannahmen basierend auf den qualitativen Ergebnissen und den Berechnungen des Regressionsmodells. Die Analyse der nach (1) generier- ten Verzögerungsannahmen hat gezeigt, dass die Mehrzahl der tatsächlichen Verzö- 104 5.5 Vorarbeiten für Windszenarien gerungszeiten in den 19 untersuchten Landkreisen in drei Verzögerungskategorien („low 0-2 Jahre“, „mid 2-5 Jahre“, „high > 5 Jahre“) liegen. Anschließend wurde überprüft, ob mit dem Verfahren nach (2) die tatsächlichen Verzögerungszeiten in den 19 untersuchten Landkreisen wiedergeben und diese übertragbar sind. Beim Vergleich der Verzögerungszeiten in den 19 untersuchten Landkreisen nach (1) und (2) stimmen die zugeordneten Verzögerungskategorien mit den in (2) ermittel- ten Verzögerungszeiten überein. Zusätzlich werden die nach (2) ermittelten Verzö- gerungswerte anhand einer erweiterten Stichprobe verfügbarer, tatsächlicher Verzö- gerungszeiten überprüft. Verwendet werden hierfür die durchschnittlichen EnLAG- Verzögerungen in insgesamt 82 Landkreisen. Das Ergebnis dieses Vergleichs belegt eine hohe Ähnlichkeit zwischen den tatsächlichen Verzögerungszeiten und den abge- leiteten Verzögerungsannahmen der Kategorien „low“, „mid“ und „high„’. Am häu- figsten, in 69 Landkreisen, ist die Kombination mittlerer Widerstand und mittleres Engagement mit Verzögerungszeiten von null bis neun Jahren und einem Durch- schnitt von zwei bis drei Jahren. Das passt zur Spanne der Kategorie „mid“ von zwei bis fünf Jahren. In elf Landkreisen treffen starker Widerstand auf mittleres En- gagement. Dort liegt die gleiche Spannbreite tatsächlicher Verzögerungszeiten von null bis neun Jahren vor, allerdings sind die Mittelwerte von sechs bis sieben Jahren deutlich höher. Diese passen zur Kategorie „high“ mit fünf bis neun Jahren. Mittler- er Widerstand kombiniert mit starken Engagement liegt in zwei Landkreisen ohne tatsächliche Verzögerungen vor, und passen damit zur Kategorie „low“ mit null bis zwei Jahren. Laut diesem Vergleich sind die Verzögerungsannahmen auf Basis des ursprünglichen Untersuchungsraums (n = 19) plausibel. Diese Angaben sind aber nur unsichere Erwartungswerte, da Einzelwerte in den Kategorien deutliche Abwei- chungen aufweisen. 5.5 Vorarbeiten für Windszenarien Grundlage zur Entwicklung regional hoch aufgelöster Windausbauszenarien ist die Ermittlung des deutschlandweiten technischen Ausbaupotenzials. Um in den Wind- ausbauszenarien gesellschaftliche Akzeptanz als Dimension zu berücksichtigen, wird der maximale Belastungsgrad pro Landkreis berechnet. Zunächst wird eine detail- lierte Weißflächenkartierung durchgeführt, also die verfügbare Fläche für zukünftige Windenergieanlagen ermittelt. Auf Basis festgelegter Abstandskriterien wurden da- von ungeeignete Flächen abgezogen. Das technische Potential wird anschließend mit Hilfe eines entwickelten Ausbaualgorithmus ermittelt, indem Stark- und Schwach- windanlagen auf dieser Fläche platziert werden, bis keine weitere verfügbar ist. Basierend auf der so berechneten maximalen Bebauung aller Flächen, konnte für 105 5 Auswertung und Integration sozial-ökologischer Schlüsselfaktoren in das Strommarktmodell jeden Landkreis der maximale Belastungsgrad bestimmt werden. Eine detaillierte Beschreibung ist in der im Rahmen des Projektes an der Europa-Universität Flens- burg entstandenen Masterarbeit von Söthe (2015) zu entnehmen. Aufbauend darauf werden in Kapitel 6 verschiedene Ausbauszenarien für die Modellierung erstellt. 5.5.1 Kartierung der Weißfläche Die Kartierung der Weißfläche, also jener Fläche, die nach dem Ausschluss ungeeig- neter Flächen, potentielle Standorte für Windkraftanlagen aufzeigt, wird mit Hilfe der PostGIS-Erweiterung in der PostgreSQL - Datenbank durchgeführt. Die Quali- tät des Ergebnisses ist vor allem von der Qualität der Datenbasis abhängig. Für die Berechnungen im Projekt bilden veröffentlichte geprüfte Daten staatlicher Einrich- tungen das Fundament, ergänzt von frei verfügbaren, geografischen OpenStreetMap Daten. 5.5.1.1 Erweiterte Datengrundlage BKG: Das BKG stellt neben den geografischen Daten der Verwaltungsgebiete den online Datensatz „Digitales - Landschaftsmodell“ bereit, der topografische Objek- te innerhalb Deutschlands abbildet (BKG, 2015b). Tatsächlich wird der Datensatz „VG250“ aus den Daten des Digitalen Landschaftsmodells „DLM250“ erzeugt (BKG, ohne Jahresangabe). Hierbei handelt es sich um einen umfassenden Datenbestand, der bspw. Infrastruktur, gewerbliche Anlagen, Siedlungsflächen oder Gewässer in Deutschland enthält (BKG, 2015b). Allerdings unterscheidet sich die Aktualität der Daten, je nach Objektkategorie. Gemäß der Datensatzbeschreibung sind von den ins- gesamt 70 Objektarten 37 auf dem Stand des Jahres 2013, die übrigen entsprechen einem Stand zwischen 2006 und 2012. (BKG, 2014a). OSM - Daten: Der umfangreichste Datensatz zur Weißflächenberechnung ist ein Auszug aus OpenStreetMap. Auf der Internetpräsenz www.geofabrik.de werden diese für verschiedene Regionen angeboten (Geofabrik GmbH, 2015). Der Datensatz kann mit entsprechenden Einstellungen in „osm2pgsql“, dem Programm zum Datenimport in das DBMS, nach bestimmten „Keys“ durchsucht werden. Diesen Schlüsseln wie z.B. landuse, building, highway, railway, waterway, natural, amenity werden in der Datenbank Attribute zugewiesen, wodurch das Data - Handling sehr erleichtert wird. Ihre Auswahl wurde fast gänzlich von Bons übernommen (vgl. Bons, 2014, S. 14), da dadurch Ausschlussflächen definiert werden können. Die Bedeutung der einzelnen Keys ist nahezu selbsterklärend, jedoch zu beachten, dass der highway - Key nicht nur größere, sondern Straßen jeglicher Art kennzeichnet (OSM, 2015a). Weiterhin kann der natural - Key sowohl ein Merkmal der Vegetation in einem Gebiet, bspw. 106 5.5 Vorarbeiten für Windszenarien Grasflächen, als auch die physikalische Beschaffenheit beschreiben (OSM, 2015b). Da der Key ebenfalls Gewässer markiert, ist er für die Kartierung der Weißfläche hilfreich (OSM, 2015b). Abbildung 5.23: Verwendung ähnlicher Objektkategorien zur Erhöhung der Daten- qualität. Quelle: Eigene Darstellung Europa-Universität Flensburg (Söthe, 2015) Beurteilung der erweiterten Datengrundlage: Insgesamt konnte eine umfas- sende Datensammlung mit Informationen zu Umwelt, Infrastruktur und bebauten Flächen innerhalb Deutschlands angelegt werden. Die Datenqualität wurde geprüft und konnte durch das Zusammenstellen von geografischen Objekten, zur Abdeckung von Flächen ähnlicher Kennzeichnung, zusätzlich erhöht werden. Abbildung 5.23 zeigt die Kombination von Gebieten „Durchgängig städtischer Prägung“ und Ge- bieten „Nicht durchgängig städtischer Prägung“ aus dem Corine-Land-Cover - Pro- gramm. Weiterhin zeigt die Abbildung die Kombination von „Siedlungsflächen“, aus dem DLM250 vom BKG, und OSM - Daten, mit dem Key-Value Paar landuse = re- sidential zur lückenlosen Generierung der Siedlungsflächen Deutschlands. In Teilbild (3) ist gut zu erkennen wie, insbesondere der OSM-Datensatz, die Zusammenstellung um eine Vielzahl, von bis dahin unberücksichtigten kleinen Flächen, ergänzt. 5.5.1.2 Bestimmung der Weißfläche Zur Bestimmung einer Weißfläche werden alle ungeeigneten Flächen zur Windener- giebebauung von der Landesfläche abgezogen. Zusätzlich werden die Flächen ab- 107 5 Auswertung und Integration sozial-ökologischer Schlüsselfaktoren in das Strommarktmodell gezogen, die aufgrund von Abstandsregeln nicht genutzt werden können. Die im Projekt definierten Abstandskriterien sind an die Studie des Umweltbundesamtes „Potential der Windenergie an Land“ aus dem Jahr 2013 angelehnt (Lütkehus u. a., 2013). Entgegen den Annahmen in der UBA-Studie werden Waldflächen im Projekt VerNetzen nicht als Eignungsflächen angesehen. Tabelle 5.7 zeigt eine Auflistung aller Flächen mit den zugehörigen Mindestabständen, wie sie zur Bestimmung der Weißfläche verwendet wurden. Die, basierend auf diesen Abstandskriterien, erstellte Fläche hat einen Flächeninhalt von 27.244 km2, das entspricht 7,6 % der gesamtdeutschen Fläche. Insgesamt haben die norddeutschen Bundesländer ((BE, BB, HB, HH, MV, NI, ST, SH) mit 58,7 % den höchsten Anteil an der Weißfläche. Der Anteil der südlichen Bundesländer (BW, BY, SL) an der Weißfläche beträgt 18,6 %. 22,8 % der Weißfläche liegt in der Mitte Deutschlands (HE, NW, RP, SN, TH). Tabelle 5.7: Mindestabstände für Ausschlussgebiete Flächen Mindestabstand* Quelle Siedlungsflächen & Einzelhäuser 600 m OSM, DLM250 Industrie - und Gewerbeflächen 250 m OSM, DLM250 Pflegeeinrichtungen 900 m OSM Bundesautobahnen 100 m OSM, DLM250 Bundesstraßen 80 m OSM, DLM250 Landesstraßen 80 m OSM, DLM250 Kreisstraßen 80 m OSM, DLM250 Gemeindestraßen (unvollständig) 80 m DLM250 Bahnverkehr 250 m OSM, DLM250 Flughäfen 5000 m DLM250 Flugplätze 1760 m DLM250 Freileitungen 120 m OSM, DLM250 Nationalparke 200 m BfN Landschaftsschutzgebiete 200 m BfN Vogelschutzgebiete 200 m BfN FFH - Gebiete 200 m BfN Ramsargebiete 0 m BfN Biosphärenreservate 0 m BfN Wald 0 m OSM, DLM250 Stehende Gewässer 5 m OSM, DLM250 Fliessgewässer 5 m OSM, DLM250 Meer 5 m DLM250 *Mindestabstände zu linienförmigen Objekten werden erhöht um die Breite des linienförmigen Objekts. 108 5.5 Vorarbeiten für Windszenarien Die Methode zur Erstellung der Weißfläche ist flexibel, so dass die Flächen potentiell geeigneter Standorte auch auf Ebene beliebiger Regionen ermittelt werden können. Dabei können die Abstandskriterien frei gewählt und verändert werden. Dieses Ver- fahren kann auch für andere Erzeugungstechnologien angewendet werden. Es besteht darüber hinaus die Möglichkeit den Datensatz auch nach seiner Erstellung anzu- passen. In Anlage 3 der „Richtlinie zum Zwecke der Neuaufstellung, Änderung und Ergänzung Regionaler Raumentwicklungsprogramme in Mecklenburg Vorpommern“ wird beispielsweise eine Mindestgröße von 35 ha für die Festlegung eines Eignungs- gebietes gefordert (VM, 2012). Um in Mecklenburg - Vorpommern Flächen kleiner 35 ha aus dem Datenbestand zu nehmen, genügt eine Anfrage 5.1 an die Datenbank. Diese Flexibilität, die allein der PostGIS - PostgreSQL - Datenbank geschuldet ist, bietet umfangreiche Möglichkeiten für die Szenarienerstellung . Programmcode - Beispiel 5.1: SQL - Query zum Ausschluss von Flächen < 35 ha in Mecklenburg - Vorpommern 1 update vn_wind.geo_pot_area t1 -- rel of whitearea 2 set geom = 3 t2.geom from 4 (select 5 sq.region_key, 6 ST_collect(sq.geom)::geometry(Multipolygon, 25832) geom -- aggregation of Polygons 7 from (select 8 region_key, 9 (st_dump(geom)).geom::geometry(Polygon, 25832) as geom -- splitting up Multipolygons 10 from vn_wind.geo_pot_area 11 where region_key Like ’13%’ -- Mecklenburg - Vorpommern 12 ) as sq 13 where st_area(sq.geom) > 350000 -- restriction 14 group by sq.region_key) t2 15 where t1.region_key = t2.region_key 5.5.2 Technisches Ausbaupotenzial Das theoretisch erreichbare technische Potential umfasst die Windkraftanlagen, die bei der vollständigen Nutzung der geeigneten Flächen in Deutschland betrieben wer- den können. Hierbei gilt es zu berücksichtigen, dass es sich ausschließlich um einen theoretischen Ansatz zur Abschätzung verfügbarer Potentiale handelt. Die Errich- tung einer Windkraftanlage, deren Gesamthöhe 50 m übersteigt, ist gemäß der vier- ten Verordnung zur Durchführung des BundesImmissionsschutzgesetzes (BImSchG) bereits genehmigungsbedürftig (26. BImSchV, 2013, Anhang 1, Nr. 1.6). Unabhän- gig vom Potential, ist jede Projektbewilligung eine Einzelfallentscheidung. Umfasst ein Projekt mindestens drei Windkraftanlagen ist zusätzlich die standortbezogene Vorprüfung des Einzelfalls gemäß Anlage 2 des Gesetzes über die Umweltverträg- 109 5 Auswertung und Integration sozial-ökologischer Schlüsselfaktoren in das Strommarktmodell lichkeitsprüfung durchzuführen, um die Zulässigkeit des Projekts zu gewährleisten (UVPG, 2015, Anlage 1, Nummer 1.6.3, 2). 5.5.2.1 Erweiterte Datengrundlage CoastDat2: Die Europa-Universität Flensburg und die Fachhochschule Flensburg können Wetterdaten des Zentrums für Material- und Küstenforschung in Geest- hacht nutzen, die in der CERA - Datenbank des DKRZ (Deutsches Klimarechen- zentrum) gespeichert sind (DKRZ, ohne Jahresangabe). Enthalten sind u.a. die atmosphärischen Daten des CoastDat2 - Datensatzes (ebd.), die mit dem Klima- modell COSMO - CLM generiert wurden (Geyer, 2014, S. 147). Genutzt werden Windgeschwindigkeits- und Rauhigkeitszeitreihen, gemessen in einer Höhe von zehn Metern. Für die Berechnung von Windgeschwindigkeiten auf Nabenhöhe ist das logarithmische Windprofil maßgeblich. Auf Grundlage der CoastDat2 - Windge- schwindigkeiten werden sehr hohe Werte ermittelt, die mit einem Korrekturfaktor abgemildert werden. Dies entspricht der Herangehensweise, die bereits in der Simu- lationssoftware „renpass“ umgesetzt wurde (vgl. Wiese, 2015, S. 83). Referenzanlagen: Die Windkraftanlagen werden von der Vestas Wind Systems A/S gebaut. Der Anlagenhersteller hatte, gemessen an der Anzahl der betriebenen Anlagen, im Jahr 2014 in Deutschland einen Marktanteil von 26 % (Statista, 2014). Die Vestas „V-126-3.3“ ist eine Schwachwindanlage, die bei einer Nabenhöhe von 137 m der IEC Klasse IIIA zugeordnet wird, d.h. dass die Windkraftanlage auf eine mittlere Jahreswindgeschwindigkeit von 7,5 m/s und eine Turbulenzintensität von 18,0 % ausgelegt ist (Vestas, ohne Jahresangabe, b) (vgl. Bade u. a., 2010, S. 320). Die Nennleistung der Anlage beträgt 3,3 MW (Vestas, ohne Jahresangabe, b). Die Starkwindanlage trägt die Bezeichnung „V-112-3.3“, ist u.a. der IEC Klasse IB mit einer mittleren Jahreswindgeschwindigkeit von 10,0 m/s und IEC Standard IIA mit einer mittleren Jahreswindgeschwindigkeit von 8,5 m/s zugeordnet und hat ebenfalls eine Nennleistung von 3,3 MW (vgl. Bade u. a., 2010, S. 320) (Vestas, ohne Jahres- angabe, a). Die Nabenhöhe der Referenzanlage beträgt 84 m. Die Rotordurchmesser der Schwach- und Starkwindanlage werden mit 126 m bzw. 112 m angegeben (Vestas, ohne Jahresangabe, b,o). 5.5.2.2 Ausbaualgorithmus: Flowchart Anhand des Flowcharts in Abbildung 5.24 können die Strukturen des Programms zur Bildung des technischen Potentials erläutert werden. Ausgangspunkt sind die Einstellungen für die Parameter (- Daten). In dem Parameter (- Modul) können 110 5.5 Vorarbeiten für Windszenarien vom Benutzer u.a. die Anlagentypen, das der Berechnung zugrundeliegende Wetter- jahr, die erwähnte Wetterkorrektur und der Abstand zwischen mehreren Anlagen angegeben werden. Neben der Stark- bzw. Schwachwindanlage gibt der Benutzer die Höhe der mittleren Jahreswindgeschwindigkeit an, ab der die Starkwindanlage eingesetzt werden soll. Dieser Punkt wird im Programm als „Tipping Point“ be- zeichnet. Der Abstand zwischen mehreren Anlagen ist, unter Vernachlässigung der Haupt- bzw. Nebenwindrichtung, als ein Vielfaches des Rotordurchmessers anzuge- ben (vgl. Lütkehus u. a., 2013, S. 16). Voreingestellt ist die Vier, sodass im Radius vom Vierfachen des Rotordurchmessers, bezogen auf den jeweiligen Anlagentyp, kei- ne andere Anlage aufgestellt werden kann. Dabei kann die Distanz vom Mittelpunkt der Anlagen gemessen werden (Bertelt, 2015). Im Bereich Infrastruktur werden die Mindestabstände ausgehend vom Fundament der Anlage festgelegt (Lütkehus u. a., 2013, S. 19). Diese Annahme kann über den Parameterwert „margin“ abgebildet werden. Die Weißfläche kann dann innerhalb der Programmumgebung um den hier eingetragenen Wert verkleinert werden. Um die CoastDat2-Wetterdaten zu bezie- hen, gibt der Benutzer das gewünschte Wetterjahr an und das Programm schreibt eine entsprechende Anfrage an die Datenbank. Dabei wird direkt auf das CoastDat2- Datenbankschema zugegriffen, sodass diese, bei einer Aktualisierung oder Erweite- rung des Datenbestandes, sofort berücksichtigt wird. Die erwähnte Wetterkorrektur kann über einen Korrekturfaktor und über die Angabe der Höhe des Messpunk- tes erfolgen (vgl. Wiese, 2015, S. 83). Des Weiteren ist der Name jener Relation zu wählen, die die Ergebnisse der Berechnung aufnehmen wird. In den Parametern können drei weitere Einstellungen vorgenommen werden, die den internen Berech- nungsprozess beeinflussen. Alle vorgenommenen Einstellungen werden im Flowchart als Datenobjekt „parameter“ repräsentiert. Die in Abbildung 5.24 blau umrandeten Elemente beschreiben die Nutzung der CoastDat2-Daten im Programmablauf. In der so genannten Subroutine „read coast- Dat2 data“ werden für die Datenpunkte, mit Koordinaten innerhalb Deutschlands, die zugehörigen Jahreswind- und Jahresrauhigkeitszeitreihen abgefragt. Noch in der Subroutine werden die mittleren Jahreswindgeschwindigkeiten für jeden Datenpunkt auf Nabenhöhe der Starkwindanlage über das logarithmische Windprofil berechnet, um unter Berücksichtigung des Tipping Points, die jeweils geeignete Anlage zu er- mitteln. Die Parametereinstellung zur Höhe der CoastDat2 Messung kann das Er- gebnis beeinflussen. Die CoastDat2-Daten werden an eine Schleife übergeben und jeder Datenpunkt einzeln bearbeitet. Die Subroutine „add power yield to cdat“ greift erstens auf die Datenbank zu, um die Leistungskurve für den bevorzugten Anlagen- typ an dem CoastDat2-Datenpunkt abzufragen. Zweitens wird auf Grundlage der Leistungskurve, der Windgeschwindigkeits- und Rauhigkeitszeitreihe der Jahresstro- mertrag gemindert um die Coastdat2-Korrektur berechnet. Um auch zwischen den 111 5 Auswertung und Integration sozial-ökologischer Schlüsselfaktoren in das Strommarktmodell Abbildung 5.24: Programmablaufdiagramm - Ermittlung des theoretisch - techni- schen Potentials. Quelle: Eigene Darstellung (Söthe, 2015) diskreten Werten näherungsweise die Leistung berechnen zu können, wird linear in- terpoliert. Nach dem Schleifenende ist in den CoastDat2-Daten pro Datenpunkt ein Identifier, die Windgeschwindigkeits- und Rauhigkeitszeitreihe, die mittlere Jahres- windgeschwindigkeit, der Anlagentyp und der erreichbare Stromertrag enthalten. Die geografischen Daten jener Flächen, die als Standort für Windkraftanlagen ge- eignet erscheinen, werden in der Subroutine „read geo data of white area“ in einen geometrischen Datentyp überführt. Dieser ist Bestandteil des sogenannten Shapely- Moduls, das die Funktionalität der PostGIS-Erweiterung in Python abbildet (vgl. Gillies, 2013, Introduction). Dadurch kann die Anzahl der Input-Output Operatio- 112 5.5 Vorarbeiten für Windszenarien nen im Programmablauf, d.h. Abfragen an die Datenbank, reduziert werden, was die Programmierung insgesamt erleichtert. Nach dem Zugriff auf die Datenbank sind die Flächen in Polygonobjekten in der Programmumgebung gespeichert. In einer Schlei- fe werden daraus alle enthaltenen Polygone nacheinander aufgerufen. Das Program- mende ist dann erreicht, wenn diese Schleife stoppt. In der Subroutine „create sorted 200x200 m grid for poly“ werden mehrere Prozessschritte zusammengefasst. Auf die Fläche des zuletzt aufgerufenen Polygons wird ein Raster aus quadratischen Poly- gonen, den sogenannten Rasterzellen, gelegt. Die Auflösung des Rasters ist in den Parametereinstellungen anzugeben. Die Bezeichnung der Subroutine soll lediglich zu einem besseren Verständnis im Programmablaufplan beitragen. Jeder Zelle des Rasters kann über eine Datenbankabfrage u.a. der Stromertrag des nächstliegenden CoastDat2-Messpunktes zugeordnet werden, wodurch die Zellen entsprechend ih- res Potentials in absteigender Reihenfolge sortiert werden können. Die Indexierung beginnt bei Null. Die orange umrandeten Elemente des Flowcharts beschreiben die Auswahl des ers- ten Standortes einer Anlage auf dem zuletzt aufgerufenen Polygon. Zu Beginn wird die Zelle des Rasters über den Index Null angesprochen, in der eine Anlage den höchsten Stromertrag erzielen könnte. Ein beliebiger Flächenbestandteil der Zelle ist dann zulässig, wenn Standorte auf angrenzenden Polygonen diese Fläche nicht überlagern, aber die Teilfläche Bestandteil des Polygons ist: „area on grid cell not occupied by plants on adjacent polygons & same area part of polygon“. Es ist somit sichergestellt, dass die Teilfläche für die Zuweisung der ersten Anlage geeignet ist. Werden die Bedingungen von keiner Teilfläche der Zelle erfüllt, wird der Index um eins erhöht und die nächste Zelle, d.h. jene Zelle, auf denen die Anlagen des tech- nischen Potenzials den nächsthöheren möglichen Stromertrag erzielen, aufgerufen. Wenn eine Fläche als Standort der ersten Anlage identifiziert werden kann, wird durch die Shapely-Funktion „representative point“ eine XY-Koordinate, die sich in- nerhalb der Teilfläche befindet, an die Übergangsstelle B übergeben. Für den Fall, dass auf keiner Zelle des Rasters eine Fläche gefunden wird, die die Bedingungen erfüllt, erreicht das Programm Übergangsstelle A. Für die Wahl des ersten Standorts auf einem beliebigen Bereich der Weißfläche ist somit zuerst die Wirtschaftlichkeit maßgeblich. Die orange umrandeten Elemente des Flowcharts stellen diesen Zusam- menhang dar. Innerhalb des Programms erfüllen wenige Zeilen Code die detailliert beschriebenen Prozessschritte. 113 5 Auswertung und Integration sozial-ökologischer Schlüsselfaktoren in das Strommarktmodell Programmcode - Beispiel 5.2: Auswahl des ersten Anlagenstandorts auf einem Polygon 1 # deciding on the first cell to build on, it should not intersect 2 # with a neighbour (area of plants on adjacent polygons) 3 # pod: part of district 4 try: 5 start = next(x for x in grid if not 6 pod.intersection( 7 x.geom.difference(neighbours)).is_empty) 8 9 point = pod.intersection(start.geom.difference(neighbours)).\ 10 representative_point() 11 12 except StopIteration: 13 continue Die Hauptschleife ab der Übergangsstelle B kann anhand von Abbildung 5.25 erläu- tert werden. Zu Beginn der Schleife wird geprüft, ob die angegebenen XY-Koordinaten auf der Eignungsfläche und nicht im Einzugsbereich von Anlagen angrenzender Ge- biete liegen: „point is on polygon and on unoccupied area“. Ist die Bedingung erfüllt, werden Anlagentyp, Stromertrag und die XY-Koordinaten des Standorts in einem Datenobjekt „plant data“ gespeichert. Darüber hinaus werden XY-Koordinaten auf der Grenze eines Kreises mit einem Radius von vier Rotordurchmessern, dessen Mit- telpunkt der Anlagenstandort ist, in die Liste möglicher Standorte aufgenommen: „add points to boundary“. Der Suchalgorithmus besteht darin, solange Koordina- ten in dieser Liste ungeprüft sind („more points on boundary“), diese nacheinander auszugeben („loc:= next point on boundary") und zu prüfen („point is on polygon and on unoccupied area“). Das heißt, es wird immer auf den Grenzen der Flä- che bestehender Anlagen bzw. minimal darüberhinausgehend nach möglichen, neu- en Standorten gesucht. Können keine weiteren Standorte geprüft werden, wird an Übergangsstelle A übergeben. Die Übergangsstelle fragt, bevor ein neues Polygon aufgerufen wird, ob der gesamte Suchalgorithmus beginnend bei der Wahl des ersten Standortes wiederholt werden soll. Eine Schwäche des Algorithmus besteht darin in Ausnahmefällen ein Polygon nicht vollständig zu besetzten, obwohl Teilflächen des Polygons frei sind. Dies kann immer dann passieren, wenn Anlagenstandorte auf an- grenzenden Polygonen die Fläche so überlagern, dass das Polygon theoretisch geteilt wird. Der Suchalgorithmus prüft, wie o.a., die Grenzen der bestehenden Anlagen- standorte in der ersten Teilfläche, wird die zweite Teilfläche aber nicht als Standort identifizieren, da auf demWeg dorthin Teile des Polygons nicht zu besetzen sind. Das Problem wird fast vollständig gelöst, indem der Suchalgorithmus mehrfach gestartet wird. Der Sachverhalt ist in Abbildung 5.26 dargestellt. 114 5.5 Vorarbeiten für Windszenarien Abbildung 5.25: Programmablaufdiagramm - Suchalgorithmus. Quelle: Eigene Dar- stellung Europa-Universität Flensburg (Söthe, 2015) Abbildung 5.26: Identifikation von Standorten auf der Weißfläche. Quelle: Eige- ne Darstellung Europa-Universität Flensburg (Söthe, 2015; Christ u. a., 2016a,b) 115 5 Auswertung und Integration sozial-ökologischer Schlüsselfaktoren in das Strommarktmodell 5.5.2.3 Ergebnisse Für das VerNetzen-Projekt werden die folgenden Parameter gewählt. Die Stark- und die Schwachwindanlage sind moderne Windkraftanlagen des Herstellers Vestas, mit der o.a. Vestas-V112 und Vestas-V126. Die Abstände der Anlagen zueinander betra- gen das Vierfache des Rotordurchmessers (vgl. Lütkehus u. a., 2013, S. 16). Aus den CoastDat2-Daten werden die Zeitreihen des Jahres 2011 abgefragt. Die Wetterdaten werden mit dem Korrekturfaktor 0,9 korrigiert, da sich andernfalls eine zu hohe jähr- liche Strommenge für die Onshore-Windkraftanlagen ergibt (vgl. Wiese, 2015, S. 82 ff). Die Auflösung des Rasters ist mit 200×200 m so gewählt, dass die Zuordnung zu CoastDat2-Datenpunkten möglichst genau ist. Die Bedeutung der Grenzpunkte für den Suchalgorithmus ist in Abschnitt 5.5.2.2 beschrieben worden. Die Anzahl der Punkte, die das Programm verwendet, um einen Kreis darzustellen, kann in den Pa- rametereinstellungen verändert werden. In der Beispielrechnung beträgt die Anzahl 1.600, sodass bei einem Radius des Vierfachen des Rotordurchmessers der Schwach- windanlage, ca. alle 2 m auf dem Kreisumfang geprüft wird, ob der Standort verfüg- bar ist. Abschließend wird eine „margin“ von 11,25 m in den Parametereinstellungen angegeben, da der Fundamentdurchmesser der Schwachwindanlage 22,5 m betragen kann (Juwi, 2014). Dadurch beziehen sich die Mindestabstände der Weißfläche auf den Beginn des Fundaments der Anlage. Die Ermittlung des technischen Potentials ergibt ein hohes gesamtdeutsches Leis- tungspotential von 617,91 GW. Im THG95 - Szenario der Leitstudie des Umweltbun- desamtes für Deutschland, welches von einer Reduktion der Treibhausgasemissionen von 95 % bis zum Jahr 2060 ausgeht, wird im Jahr 2060 beispielsweise ein Potential von 71,8 GW installierter Windleistung an Land genutzt (IWES, DLR, IFNE, 2012, S. 92). Das entspräche lediglich 11,6 % des hier ermittelten technischen Gesamtpo- tentials. 5.5.3 Ermittlung des aktuellen und maximalen Belastungsgrads Basierend auf der Definition des Belastungsgrads (siehe Abschnitt 5.2.2.3) anhand der Schlüsselfaktoren „Verhältnis genutzter Fläche durch Windenergie zu Gesamtflä- che“ und „Bevölkerungsdichte“ kann nun basierend auf der berechneten Weißfläche und des technischen Potenzials der Ist-Belastungsgrad sowie der maximale Belas- tungsgrad berechnet werden. Die genutzte Fläche Anutz kann mit Gleichung 5.5 berechnet werden. Die maximal installierbare Windleistung ist die, auf Landkrei- sebene, summierte Anlagennennleistung des technischen Potentials. Die installierte Windleistung ergibt sich aus den Daten des EEG - Anlagenregisters. 116 5.5 Vorarbeiten für Windszenarien Anutz,i = Pi · ai, ∀ i ∈ R (5.5) mit: Anutz km2 Genutzte Weißfläche P MW Installierte Windleistung, z.B Ist, Max oder Szenario a km2/MW Spezifisch genutzte Fläche pro Windkapazität R - Menge der Regionen Der Ist-Belastungsgrad bist ergibt sich aus dem Flächenverhältnis von genutzter Fläche zu der Fläche des Landkreises multipliziert mit der Bevölkerungsdichte. Der Zusammenhang ist in Gleichung 5.6 dargestellt. Die Einheit des Belastungsgrads ist immer Einwohner pro Quadratkilometer, weshalb der Belastungsgrad ein Dich- temaß der betroffenen Bevölkerung darstellt. Der maximale Belastungsgrad bmax eines Landkreises wird in kongruenter Weise berechnet. Die durch Windkraftanla- gen beanspruchte Fläche ist dann allerdings gleich der Weißfläche (siehe Gleichung 5.7). bist,i = Anutz,i Aregion,i · pi, ∀ i ∈ R (5.6) bmax,i = Amax,i Aregion,i · pi, ∀ i ∈ R (5.7) mit: b Einwohner/km2 Belastungsgrad Amax km2 Gesamte Weißfläche Aregion km2 Landkreisfläche p Einwohner/km2 Bevölkerungsdichte In Abbildung 5.27 sind die Ist-Belastungsgrade und die maximalen Belastungsgrade dargestellt als Isolinien, d.h. Linien gleicher Belastung. Die Ist-Belastung basiert auf der Datengrundlage von 2014. Die maximale Belastung basiert auf der Annahme, dass die gesamte zur Verfügung stehende Weißfläche für Windenergie genutzt wird. Dargestellt als Punkte sind die deutschen Landkreise (abzüglich der deutschen Städ- te) anhand ihrer genutzten Fläche für Windenergie zu ihrer gesamten Landesfläche und ihrer Bevölkerungsdichte, also mit ihren Belastungsgraden. Der aktuell höchste Belastungsgrad im Jahr 2014 liegt mit 7,7 Einwohner/km2 im Landkreis Alzey-Worms. In 2014 liegen 75 % der Belastungsgrade zwischen 0,02 und 0,66 Einwohner/km2. Der Median der Ist-Belastung beträgt 0,23 Einwohner/km2, 117 5 Auswertung und Integration sozial-ökologischer Schlüsselfaktoren in das Strommarktmodell Abbildung 5.27: Ist Belastungsgrad im Jahr 2014 und maximaler Belastungsgrad, wenn die gesamte Weißfläche für Windenergie genutzt wird. Quel- le: Eigene Darstellung Europa-Universität Flensburg (Christ u. a., 2016a,b) d.h. die gleiche Anzahl an Kreisen besitzt eine Belastung unterhalb und überhalb dieses Wertes. Der Median erhöht sich bei der maximal möglichen Belastung auf den Maximalwert der Ist-Belastung von 7,7 Einwohner/km2. Hier liegen 75 % der Kreise bei einer Belastung zwischen 4,39 und 13,12 Einwohner/km2. Der Maximal- wert wird im Rhein-Erft-Kreis mit 70,55 Einwohner/km2 erreicht. Bei diesem Kreis handelt es sich um einen stadtnahen Kreis bei Köln mit einer verhältnismäßig hohen Bevölkerungsdichte und geringem Flächenpotenzial. Die Spanne zwischen dem Ist-Belastungsgrad und dem maximalen Belastungsgrad bildet die Grundlage für die Erstellung von Ausbauszenarien unter Berücksichtigung der lokalen Belastung durch Windenergie. Die Definition des Belastungsgrads schafft eine Möglichkeit lokale sozial-ökologische Gegebenheiten in der Szenarienentwick- lung und somit in der Modellierung des zukünftigen Energiesystems zu berücksich- tigen. Es wird nochmals ausdrücklich darauf hingewiesen, dass der Belastungsgrad nicht die gesellschaftliche Akzeptanz darstellt, sondern lediglich ein Maß der loka- len Belastung durch Windenergie aufzeigt. Auf Basis des Belastungsgrads werden im Kapitel 6 Windausbauszenarien definiert und in die Modellierung des deutschen Stromsystems bis 2050 integriert. 118 6 Definition und Simulation von Zukunftsszenarien im Strommarktmodell Gegenstand des folgenden Kapitels ist die Definition von sozial-ökologischen Aus- bauszenarien für den Windenergie- und Netzausbau in Deutschland. Diese sind die Grundlage der anschließenden Simulationsrechnungen mit dem Strommarktmo- dell. Die Auswertung dieser Modellierungen zeigt mögliche Auswirkungen von stär- ker sozial-ökologisch ausgeprägten Ausbauszenarien auf das Energiesystem im Jahr 2050. Für den Ausbau von Windenergie an Land werden zwei Ausbauszenarien für das Jahr 2050 definiert. Das sogenannte „ökonomische Szenario“ basiert ausschließlich auf ökonomischen Ausbaukriterien, das andere Szenario „gleichverteilte Belastung“ berücksichtigt sozial-ökologische Faktoren in Form des in Kapitel 5.2.2.3 definierten Belastungsgrades. Hierin wird der Ausbau von Windenergieanlagen so optimiert, dass im Jahr 2050 in allen deutschen Landkreisen der selbe Belastungsgrad vorliegt. Beim Netzausbau werden für die Simulationsrechnungen mit sozial-ökologischen Fak- toren drei Ausbauszenarien mit verschiedenen Verzögerungszeiten für jede geplante Trasse für jedes Jahr im Zeitraum von 2015 bis 2039 erstellt. Diese Szenarien basie- ren auf den aus 13 Fallbeispielen entwickelten Engagements- und Widerstandsraten, die auf jeden Landkreis Deutschlands übertragen wurden. Das Ergebnis ist der Vergleich zwischen den Ausbauszenarien mit sozial-ökologischen Effekten und den Szenarien ohne diese Effekte. Mit den Simulationsrechnungen wer- den die Auswirkungen auf das deutsche Stromsystem betrachtet. Konkret werden bei den Simulationsrechnungen mit den Netzausbauszenarien die nicht gedeckte Last, die transportierte Strommenge und die konventionelle Stromerzeugung im Gesamtsys- tem für den Zeitraum von 2015 bis 2039 analysiert. Bei den Simulationsrechnungen mit den Windausbauszenarien werden die erzeugte Strommenge und die Abschal- tungen von erneuerbaren Energien im Jahr 2050 untersucht. 119 6 Definition und Simulation von Zukunftsszenarien im Strommarktmodell 6.1 Erweiterung von renpass zu renpassG!S Das, an der Europa-Universität Flensburg entwickelte, open source Strommarktmo- dell renpass (Wiese, 2015) wurde zur Simulation mit der georeferenzierten Daten- bank erweitert und heißt nun renpassG!S. Es wurde neu aufgesetzt, um die Vor- teile räumlicher Details zu nutzen. Diese Maßnahme fiel mit der Entwicklung eines institutsübergreifenden Energiesystemmodells, innerhalb eines offenen Frameworks (oemof), zusammen. Nachfolgend werden zunächst Aufbau des Frameworks und der Applikation renpassG!S erläutert. Anschließend werden die entwickelten Szenarien- parameter beschrieben, danach erfolgt die Auswertung der Simulationsergebnisse. 6.1.1 Open Energy System Modeling Framework (oemof) Modelle für die Abbildung und Analyse von Energiesystemen haben häufig keinen öffentlich zugänglichen Quelltext, keine frei verfügbaren Daten und sind schlecht dokumentiert. Diese Intransparenz verlangsamt den wissenschaftlichen Diskurs zur Modellqualität bezogen auf bestimmte Aufgabenstellungen. Zudem werden im Be- reich der Energiesystemanalyse Modelle häufig nur für eine bestimmte Anwendung entworfen und erlauben keine bzw. nur eine aufwendige Anpassung an andere An- forderungen. Das Open Energy Modelling Framework (OEMOF, 2015) adressiert dieses Problem durch die Bereitstellung eines freien, quelloffenen und sauber doku- mentierten Frameworks für die Energiesystemmodellierung. Der transparente An- satz erlaubt einen fundierten wissenschaftlichen Diskurs über die zu Grunde liegen- den Modelle und Daten und verbessert somit die Qualität und Aussagekraft der durchgeführten Analysen. Zudem lässt sein modularer Aufbau die Anpassung an eine Vielzahl von Anwendungszwecken zu. Das Zentrum für nachhaltige Energie- systeme Flensburg (ZNES) entwickelt das Framework gemeinsam mit dem Reiner Lemoine Institut (RLI) in Berlin und der Otto-von-Guericke-Universität (OVGU) Magdeburg. Oemof bietet dabei, in einer Art Baukastensystem, eine Vielzahl von Funktionalitäten, die zur Erstellung von Energiesystemmodellen, in hoher zeitlicher und räumlicher Auflösung genutzt werden können. Hierzu zählt etwa die Simulation der Windenergieeinspeisung einer beliebig wählbaren Region auf Basis von Wetter- daten, die Berechnung des CO2 minimalen Einsatzes von Biomassekraftwerken oder die Simulation der zukünftigen Energieversorgung in Europa. Das Framework besteht aus verschiedenen Paketen, die über geeignete Schnittstellen miteinander kommunizieren können. Ein Paket ist eine Sammlung verschiedener Mo- dule, die eine definierte Aufgabenstellung in verschiedener Weise lösen. Die Verknüp- fung ausgewählter Funktionalitäten durch die Module der einzelnen Pakete wird in 120 6.1 Erweiterung von renpass zu renpassG!S Abbildung 6.1: Konzept des Energiesystemmodellierungsframeworks. Quelle: Europa-Universität Flensburg OEMOF (2015) oemof als Applikation (App) bezeichnet und stellt beispielsweise ein konkretes Ener- giesystemmodell dar. Abbildung 6.1 veranschaulicht das zugrunde liegende Konzept. So wird neben anderen beispielsweise auch „renpassG!S“ als Applikation innerhalb des Frameworks entwickelt. Die Endung „GIS“ ergibt sich durch die Erweiterung des Funktionsumfangs, der die Nutzung eines Geoinformationssystems (GIS) umfasst. Somit können im Rahmen der Modellierung auch räumliche Daten genutzt werden. Allgemein ist durch den modularen Ansatz eine Anwendung für sehr unterschiedli- che Anwendungszwecke möglich. Die kollaborative Entwicklung und Nutzung eines Frameworks für das Forschungsprojekt „VerNetzen“ bietet verschiedene Vorteile: • Synergien Bei der gemeinsamen Entwicklung können Synergien zwischen den beteiligten Instituten genutzt werden. • Kontrolle Fehler werden aufgrund mehrerer Entwickler und Nutzer schneller identifiziert und behoben. • Verbesserung Die auf oemof basierende Applikation profitiert von Weiter- entwicklungen des Frameworks. Die Modellierung von Energiesystemen mit ihrer Vielzahl an benötigten Objekten folgt innerhalb des Frameworks einer klaren, hierfür entwickelten, Methodik. Dabei lassen sich beliebig komplexe Energiesysteme stets auf die gleichen Grundbausteine zurückführen. Diese bilden zusammen wiederum eine universelle Grundstruktur. Ei- ne Entität (Entity) stellt entweder eine Sammelschiene (Bus) oder eine Komponente (Component) dar. Ein Bus steht dabei in Verbindung mit einer oder mehreren Kom- ponenten. Zudem ist er durch einen eindeutigen Bezeichner und Typ (z.B. Elektrizi- 121 6 Definition und Simulation von Zukunftsszenarien im Strommarktmodell tät, Gas, Wärme) charakterisiert. Komponenten können Ressourcen aus einem Bus entnehmen oder zu diesem hinzufügen. Alle Entnahmen aus einem Bus stellen dabei die Eingangsgrößen für Komponenten dar. Analog dazu stellen alle Eingangsgrößen eines Busses wiederum die Ausgangsgrößen von Komponenten dar. Eine Komponente steht immer in Verbindung mit einem oder mehreren Bussen. Aufgrund ihrer Eigen- schaften werden Komponenten in verschiedene Untertypen aufgeteilt. Ein Wandler (Transformer) hat einen Eingang und einen Ausgang. Eine Gasturbine z.B. ent- nimmt aus einer Sammelschiene des Typs Gas und speist in eine Sammelschiene des Typs Elektrizität ein. Wandler verfügen zudem über zusätzliche Informationen, die in Übertragungsfunktionen genutzt werden können. Bei einer Gasturbine z.B. kann mit Hilfe des Wirkungsgrades eine Beziehung zwischen dem Ressourcenverbrauch (Eingang) und der bereitgestellten Endenergie (Ausgang) modelliert werden. Eine Senke (Sink) verfügt stets über genau einen Eingang und hat keinen Ausgang. Mit diesen Objekten können einzelne Verbraucher wie bspw. Haushalte dargestellt wer- den. Eine Quelle (Source) verfügt über genau einen Ausgang und hat keinen Eingang. Auf diese Weise können beispielsweise Windenergie- oder Photovoltaikanalagen mo- delliert werden. Objekte des Typs Transport verfügen wiederum wie Transformer über einen Eingang und einen Ausgang. Allerdings haben hier die dazugehörigen Sammelschienen immer denselben Typ (z.B. Elektrizität). Mit Objekten dieses Typs können so bspw. Stromleitungen modelliert werden. Komponenten und Busse lassen sich zu einem Energiesystem verbinden. Die Verbindung der Busse untereinander als sogenannte Knoten (Nodes) erfolgt über Kanten (Edges), welche die Eingänge und Ausgänge der Entitäten darstellen. Ein so erstelltes Modell lässt sich mathematisch als bipartiter Graph interpretieren, da Sammelschienen ausschließlich mit Kompo- nenten verbunden sind und umgekehrt. Die Ein- und Ausgänge der Komponenten stellen dabei die (gerichteten) Kanten des Graphs dar. Die Busse selbst entsprechen den Knoten. Neben der Möglichkeit zur Verwendung von Basiskomponenten, besteht die Mög- lichkeit auf deren Grundlage speziellere Komponenten zu erstellen und diese in- nerhalb der Modellierung einzusetzen. Abbildung 6.2 illustriert den Aufbau eines einfachen Energiesystems auf Basis der zuvor erläuterten Grundstruktur. Das Fra- mework ist in Python programmiert und stellt unter Zuhilfenahme diverser Module für wissenschaftliche Anwendungen (Mathematische Optimierung, Netzwerkanaly- se, Datenanalyse) im Zusammenhang mit einer PostgreSQL/PostGIS Datenbank eine Vielzahl an mächtigen Funktionalitäten bereit. Es handelt sich um eine Zusam- menstellung von Python-Modulen, die in Form von Paketen gruppiert werden. Um das Framework möglichst zugänglich zu gestalten, ist jedes Modul ausführlich do- kumentiert. Dies stellt zudem die Nachvollziehbarkeit der durchgeführten Analysen sicher. 122 6.1 Erweiterung von renpass zu renpassG!S Abbildung 6.2: Modellierung eines einfachen Energiesystems innerhalb des Frame- works. Quelle: Europa-Universität Flensburg OEMOF (2015) 6.1.2 Entwicklung der Applikation renpassG!S RenpassG!S ist die Neuentwicklung der Simulation renpass, die am ZNES Flens- burg vorangetrieben wird. Diese wurde, anders als das Programm renpass (Rene- wable Energy Pathways Simulation System) in der objektorientierten Programmier- sprache python entwickelt. Die Applikation ermöglicht die Abbildung zukünftiger Entwicklungen innerhalb des europäischen Stromversorgungssystems mit hoher re- gionaler und zeitlicher Auflösung. Grundlage hierfür ist die Verknüpfung mit einer Datenbank, mit der die umfangreichen Daten zukünftiger Energieszenarien verwal- tet werden. Die räumliche Auflösung dieser Daten ist bestimmt durch das Mehr- Regionen-Stromsystem. Während Deutschland aus 21 Regionen besteht, werden die Nachbarstaaten Deutschlands und Norwegen in den entwickelten Szenarien über je eine Energieregion abgebildet. Abbildung 6.3 zeigt die innerhalb der Applikation gebildeten Regionen. Die hier genutzte Einteilung des deutschen Stromsystems in 21 Regionen geht zurück auf eine Netzstudie der Deutschen Energie-Agentur Gmbh (dena) aus dem Jahr 2010 (dena, 2010). Die Modellierung erfolgt ausgehend von dem Jahr 2014 bis in das Jahr 2050. Als Grundannahmen werden hierbei stündlich aufgelöste Wetterdaten und ENTSO-E Lastzeitreihen aus dem Jahr 2011 verwendet. Dabei werden die Lastzeitreihen re- gional auf den jeweiligen zukünftigen regionalen Verbrauch skaliert. Ausgehend von einer Gesamtperspektive werden z.B. Kraftwerksleistungen, varia- ble Kosten der Stromerzeugung und interregionale Austauschkapazitäten bestimmt. 123 6 Definition und Simulation von Zukunftsszenarien im Strommarktmodell Abbildung 6.3: Regionale Auflösung der Applikation renpassG!S. Quelle: Eigene Darstellung Europa-Universität Flensburg Diese Annahmen werden in den im Projekt definierten Szenarien mit Beginn im Jahr 2014 fortgeschrieben. Zusätzlich werden sowohl die Primärenergieträger -als auch die CO2-Kosten in zeitlicher Auflösung betrachtet. Möglichkeiten eines Transshipments, also eines Ausgleichs der Strommengen, zwischen den verwendeten Regionen werden mit Nettoübertragungskapazitäten dargestellt. Ziel der Applikation ist die Optimierung von Kraftwerks- und Speichereinsatz zum Auffinden der kostenminimalen Lösung pro Szenariojahr. Deshalb werden die Gas-, Stein- und Braunkohle-, Atom- und Biomassekraftwerke in den Regionen flexibel eingesetzt. Dabei ist nur die Biomasseverfügbarkeit regional beschränkt, andere Pri- märenergieträger sind theoretisch unbegrenzt einsetzbar. Da eine Lastunterdeckung mit extremen Kosten verbunden ist, würde diese Option für ein kostenminimales Ergebnis im Optimierungsprozess zuletzt gewählt. Die stündlichen Einspeisezeitreihen der erneuerbaren Kraftwerke, wie die Laufwasser- und die geothermischen Kraftwerken sowie die Photovoltaik- und Windkraftanlagen sind festzulegende Parameter. Für Windenergie und Photovoltaik werden die mit 124 6.2 Szenarienentwicklung den python - Paketen pvlib und feedinlib berechnet (pvlib python, 2015; feedinlib, 2015). Um die zukünftig steigende Auslastung von Onshore-Windkraftanlagen abzubilden, werden einzelne Spezifikationen im Zeitverlauf angepasst. Zur Berücksichtigung von technischen Entwicklungen werden die Höhe und der Rotordurchmesser der Anlagen bis zum Jahr 2050 erhöht. Die Applikation kann verschiedene Solver, bspw. den glpk - Solver, für das Auffinden der optimalen Lösung nutzen. Alle Ergebnisse werden automatisch, unter Angabe des Szenarionamens und -jahres, auf der Festplatte gespeichert und können anschließend ausgewertet werden. 6.2 Szenarienentwicklung 6.2.1 Definition allgemeiner Szenarioparameter Zur Darstellung der Entwicklung der installierten Leistung verschiedener Technolo- gien in Deutschland und den angrenzenden Ländern, wurden verschiedene Szenarien erstellt. Neben dem konventionellen Kraftwerkspark, werden die Erneuerbaren Ener- gien mit der Unterteilung in onshore- und offshore-Wind, Photovoltaik, Geothermie, Biomasse und Laufwasserkraftwerke abgebildet. Die installierten Kapazitäten der Jahre 2014 bis 2050 beziehen sich auf den Szenarioannahmen im Jahr 2050. Sie werden zeitlich und räumlich in der Modellregion verteilt. Grundannahme für die Höhe des Stromverbrauchs im Jahr 2050 ist der Status Quo im Jahr 2014 (ENTSO-E, 2014b). Hierbei wird davon ausgegangen, dass dieser aufgrund von Ausgleicheffekten zwischen Demand-Side-Management, Elektromobilität und Energieeffizienzmaßnah- men konstant bleibt. Im Folgenden werden die zugrundeliegenden Daten für jede, im Rahmen der Szenariodefintion, verwendete Technologie beschrieben und ihre zeitli- che und räumliche Verteilung erläutert. Die derzeit in Deutschland installierte Gesamtleistung erneuerbare Energien ent- spricht den Angaben im EEG-Anlagenregister, vom Stand November 2014 (ener- gymap.info, 2015). Durch die Verwendung der BnetzA-Kraftwerksliste (BNetzA, 2014e) werden die installierten konventionellen Kraftwerke und die Wasserkraftwerke berücksichtigt. Angaben zur installierten Leistung in den Nachbarländern basieren auf den Eurostat-Daten, vom Stand 2013 (eurostat, 2015). Dort nicht enthalten sind die Angaben für die Länder Schweiz und Norwegen. Die in 2014 installierten Leistungen in der Schweiz basieren daher auf der Schweizer Gesamtenergiestatistik (BFE, 2015) sowie der Statistik der Wasserkraftwerke der Schweiz (BfE, 2015). Die 125 6 Definition und Simulation von Zukunftsszenarien im Strommarktmodell installierten Leistungen in Norwegen wurden der Dissertation “Rolle der Norwegi- schen Wasserkraftwerke in zukünftigen Erneuerbaren Energiesystemen” entnommen (Bökenkamp, 2014). 6.2.1.1 Basisszenario Grundlage des im Projekt verwendeten Basisszenarios für Deutschland ist das Sze- nario A aus der Leitstudie des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) und vom Fraunhofer IWES aus dem Jahr 2012 (Nitsch u. a., 2012). Basis für die Pa- rameter der Nachbarländer ist das Szenario A aus der Langzeitstudie „EU Longterm Scenarios 2050“ des Fraunhofer ISI (Pfluger u. a., 2011). Hierin wird der als „hydro“ bezeichnete Ausbau auf Pumpspeicher und nicht auf Laufwasserkraftwerke bezogen. Daher werden die fehlenden Angaben für Laufwasserkraftwerke und darüber hinaus für Biomasse für Norwegen separat festgelegt. Weiterhin wurde in Norwegen kein Wind- und Solarausbau angenommen (Bökenkamp, 2014). In Tabelle 6.1 sind in den Anrainerstaaten Deutschlands alle Annahmen für die installierten EE-Leistungen im Jahr 2050 abgebildet. Tabelle 6.1: Installierte Leistung Erneuerbare Energien der Anrainerstaaten in GW im Jahr 2050 Land Wind onshore Wind offshore PV Bio- masse Geo- thermie Wasser- kraft Pump- speicher GW GW GW GW GW GW GW DK 5,1 2,6 0,571 3,1 0 0,009 0,87 SE 20,3 1,9 0,043 3,2 0 16.395 3,317 PL 43,1 0,6 0,002 4,6 0 0,573 4,517 CZ 12 0 11,4 1 0 1,08 2,453 AT 3,2 0 1,1 1,5 0,001 8,038 4,022 CH 0,4 0 4,4 0 0 4,828 2,108 FR 59,3 12,9 33,8 9,4 0,002 18,198 3,429 LU 0,6 0 1,2 0,1 0 0,034 1,196 BE 4,4 6,7 2,912 2,6 0 0,119 0,317 NL 16,3 10 7,8 3,2 0 0,037 1,342 NO 0,001 0 0 3,4 0 23 24,344 Länderkürzel nach ISO-3166 6.2.1.2 VerNetzen-100 Szenario Das erstellte Vernetzen-100 Szenario, mit dem Ziel einer vollständigen erneuerbaren Energieversorgung baut auf den Angaben im o.g. Basisszenario auf. Da der dor- tige Ausbau keine 100-prozentige Deckung der Stromnachfrage gewährleistet, wer- den die Wind- und PV-Leistungen erhöht. Neben der reinen Leistungserhöhung gilt 126 6.2 Szenarienentwicklung die grundlegende Annahme, dass in einem Energiesystem mit einem hohen Anteil fluktuierender erneuerbarer Energien die Summe der Stromproduktion über der des Strombedarf liegen sollte (Bökenkamp, 2014). In einem stabilem Energiesystem muss ein angemessenes Verhältnis bei 1,3 liegen (Alonso u. a., 2011). Mit der Annahme eines gleichbleibenden Stromverbrauchs und der angenommenen Stromproduktion im Jahr 2050, werden die Leistungsangaben aus dem Szenario A der Leitstudie ent- sprechend erhöht. Das Verhältnis von 1,3 wird erreicht, indem die Kapazitäten von Wind onshore um Faktor 2, von Wind offshore um Faktor 1,5 und die von Pho- tovoltaik um Faktor 2 erhöht werden. Tabelle 6.2 zeigt im Vergleich die Angaben der installierten Leistungen im Basisszenario der Leitstudie und im VerNetzen-100 Szenario für Deutschland im Jahr 2050. Tabelle 6.2: Basisszenario und VerNetzen-100 Szenario: Installierte Leistung erneu- erbarer Energien in Deutschland im Jahr 2050 Erneuerbare Energien Basisszenario VerNetzen-100 Szenario GW GW Wind onshore 50,8 101,6 Wind offshore 32 48 Photovoltaik 67,2 134,4 Biomasse 10,4 10,4 Geothermie 3,0 3,0 Wasserkraft 5,2 5,2 Pumpspeicher 5,8 5,8 Abbildung 6.4: Szenarienvergleich der installierten Leistung EE in 2050 verschiede- ner Studien. Quelle Vergleichstudien: ENTSO-E (2015); Greenpeace (2015); Nitsch (2014); RLI (2013); Henning u. Palzer (2015) 127 6 Definition und Simulation von Zukunftsszenarien im Strommarktmodell In Abbildung 6.4 sind die Annahmen installierter Leistungen von Wind on- und offshore, Photovoltaik, Biomasse und Wasserkraft aus fünf 100 % Studien und denen des Vernetzen-100 Szenarios für das Jahr 2050 nebeneinander gestellt. Die für das Vernetzen-100 Szenario angenommene Leistung Wind onshore wird im Vergleich von zwei Szenarien deutlich übertroffen und ist mit drei Szenariowerten vergleichbar. Beim Ausbau der Wind offshore Leistung treffen zwei weitere Studien ähnlich hohe Annahmen wie im Vernetzen-100 Szenario. Auch für den Ausbau PV treffen nur zwei weitere Studien höhere Annahmen. Im Bereich Biomasse sind die geschätzten Ausbauleistungen in allen Studien gering, die Vernetzen-100 Annahmen gehören allerdings zu den geringsten. Die Ausbaupotentiale der Wasserkraft werden in allen Studien gering eingeschätzt. 6.2.1.3 Erneuerbare Energien Je nach Energieträger erfolgt die räumliche und zeitliche Verteilung der installier- ten Leistungen mit unterschiedlichen Methoden, die nachfolgend kurz beschrieben sind. Wind onshore Die Verteilung der installierten Windleistung erfolgt auf Ebene der Landkreise, die Szenarien hierfür werden im anschließenden Kapitel 6.2.3 ausführ- lich beschriebenen. Die Leistung in den Nachbarländern wurde mit einer linearen Interpolation zwischen dem Status quo und der Kapazität in 2050 berechnet. Wind offshore Die installierte offshore-Windkapazität in Deutschland wird zwi- schen drei geographischen Regionen verteilt, zwei in der Nordsee und eine in der Ost- see. Hierbei sind die beiden Regionen der Nordsee anhand ihrer Netzanschlusspunkte in eine in Region Schleswig-Holstein und eine an der Niedersächsischen Küste aufge- teilt (Wiese, 2014). Da diese Regionen keine eindeutige Bezeichnung in der Statistik der europäischen Union (NUTS-ID) haben, wurden sie manuell bestimmt: die süd- liche Nordseeregion mit „DEow19“, die nördliche Nordseeregion mit „DEow20“ und die Ostseeregion mit „DEow21“. Die derzeit installierte Leistung in diesen Regionen ist den Angaben der Windguard 2014 (DWG, 2014) entnommen. Betrachtet wurde die installierte Leistung von Offshore Windenergieanlagen mit und ohne Netzeinspei- sung (Nordsee: mit Netzeinspeisung 998,4 MW, ohne Netzeinspeisung 1180,7 MW; Ostsee: mit Netzeinspeisung 50,8 MW, ohne Netzeinspeisung 122,4 MW). In den Nachbarländern wird derzeitig eine offshore Windleistung von Null angenommen. Die Aufteilung der festgelegten installierten offshore Windleistung auf die drei Re- gionen im Jahr 2050 beträgt 80 % Nordsee und 20 % Ostsee und entspricht dem offs- hore Netzentwicklungsplan 2014 (50Hertz Transmission GmbH u. a., 2014b). Durch die Aufteilung der Nordsee in zwei Regionen ergibt dies eine Verteilung von jeweils 128 6.2 Szenarienentwicklung 40 % und 20 % für die Ostseeregion. Dementsprechend wird die installierte Leistung im Jahr 2050 in diesem Verhältnis auf die Regionen verteilt und wird ab 2014 linear interpoliert. Zusätzlich zum Leistungsausbau wird die Netzkapazität zwischen den Regionen und dem Festland äquivalent erhöht. Im Basisszenario sind im Jahr 2050 in Deutschland insgesamt 32 GW offshore Wind installiert. Photovoltaik, GeothermieDie zu installierende Photovoltaik- und Geothermieleis- tung wird in allen Regionen proportional zur existierenden Leistung über die Jahre verteilt. Demzufolge wird auch zukünftig nur in den Regionen Photovoltaik und Geothermie installiert sein, in denen bereits heute Kapazitäten bestehen. In den Ländern, bei denen die PV-Zielwerte der Langzeitstudie des Fraunhofer ISI bereits unterhalb des Status Quo der Eurostat-Daten liegen, werden die Zielwerte ange- passt worden. Dies betrifft vor allem Länder, für die in der Langzeitstudie keine Ausbauziele angenommen wurden. In den Anrainerstaaten wurde kein Ausbau der Geothermie festgelegt, weil hier keine Angaben aus der Langzeitstudie entnommen werden können und auch weiterhin von geringen Potenzialen ausgegangen werden kann. Biomasse Im Basisszenario sind in Deutschland 10,4 GW Leistung aus Biomasse installiert. Diese wurde für den Zeitraum von 2014 bis 2050 proportional zur instal- lierten Leistung in den Landkreisen Deutschlands verteilt. In den Nachbarländern wurde ausgehend vom derzeitigen Ausbau linear bis zum Zielwert in 2050 interpo- liert. Zudem kann die Menge nutzbarer Biomasse mit einem jährlichen Maximalwert limitiert werden. Die Menge bezieht sich auf die Biomasse, die zur Stromerzeugung verwendet wird. Mit den installierten Leistungen und den vorgegebenen maxima- len Volllaststunden werden die Biomassenmengen zur Stromerzeugung pro Land definiert und begrenzt. Für Deutschland ist für 2050 in der Leitstudie eine Strom- produktion aus Biomasse von 89,3 GWh angegeben, bezogen auf die installierte Leistung von 10,4 GW ergibt sich eine Volllaststundenzahl von 5.710 Stunden. Die nutzbare Menge Biomasse in den VerNetzen Szenarien bezieht sich die auf diese Volllaststundenzahl. Die Wirkungsgrade der Biomasseanlagen werden anhand der eingesetzten Energie- träger (flüssig, gasförmig, fest) und mit der Annahme von 100 % KWK-Anlagen im Jahr 2050 definiert. Bei einer Nutzung von 70 % Biogas und 30 % Biomasse liegt der durchschnittliche Wirkungsgrad bei 38 % im Jahr 2015 und 42 % in 2050 (Energi- net.dk, 2012). Zwischen den Jahren wurde der Wirkungsgrad linear interpoliert. Wasserkraft Zur Ermittlung der derzeit installierten Leistung von Laufwasserkraft- werken in Deutschland wurden die Laufwasserkraftwerke aus der Kraftwerksliste der BNetzA und die EEG-vergüteten Laufwasserkraftwerke im EEG-Anlagenregister pro Kreis erhoben. Zusätzlich wurde die, regional nicht zuordenbare Leistung in der 129 6 Definition und Simulation von Zukunftsszenarien im Strommarktmodell Kraftwerksliste von 217 MW, der nicht EEG-Anlagen kleiner 10 MW, proportio- nal verteilt. Danach erfolgte die Verteilung der bis 2050 zu installierenden Leistung proportional zum derzeitigen Ausbau. Da es sich hierbei nur um eine geringfügi- ge Leistungssteigerung handelt, die primär auf Effizienzsteigerungen beruht. In den Nachbarländern wurde kein weiterer Ausbau der Laufwasserkraft angenommen, ab- gesehen von Norwegen, mit 4,2 GW geplanter Laufwasserkraftwerke bis zum Jahr 2050 (Bökenkamp, 2014). Zusätzlich dazu wurden die norwegischen Wasserkraftwer- ke ohne Pumpleistung, mit einer Gesamtkapazität von 23 GW, betrachtet. 6.2.1.4 Speicher Die Annahmen zum Ausbau der Speichertechnologien im Jahr 2050 ist größtenteils angelehnt an Cebulla (2015a,b). Dabei wurden getroffene Annahmen mit Hilfe der Studien von Pape u. a. (2014); Energinet.dk (2012); AEE (2012); Fuchs u. a. (2012) verifiziert. Betrachtete Speichertechnologien sind Pumpspeicherkraftwerke (PSW), adiabate Druckluftspeicherkraftwerke (A-CAES), Wasserstoffspeicher auf Basis von Salzkavernen, Lithium-Ionen- sowie Redox-Flow-Batterien. Die Parametrierung der verschiedenen Speichertechnologien erfolgt über die instal- lierte Ein- und Ausspeicherleistung, die damit verbundenenWirkungsgrade, die Spei- cherkapazität sowie die Selbstentladung des Speichers. Im Rahmen der Szenarioer- stellung sind die Ein- und Ausspeicherleistung und die entsprechenden Wirkungs- grade im Betrag gleich. Darüber hinaus wird die Kapazität der jeweiligen Speicher- technologien über einen angenommenen C-Faktor skaliert, der sich an den Angaben in AEE (2012) orientiert. Mit Bezug zur gleichen Quelle kann die Selbstentladung im Rahmen der Berechnungen vernachlässigt werden. Derzeit installierte Leistungen der einzelnen Technologien entsprechen den Werten aus dem Jahr 2014. Bei Wasser- stoffspeichern, Lithium-Ionen- und Redox-Flow-Batterien wird davon ausgegangen, dass derzeit keine nennenswerten Leistungen installiert sind. Bei den Werten von Pumpspeicherkraftwerken hingegen werden die Einträge in der Datenbank des Ener- giesystemsimulationsmodells „renpass“ (Wiese, 2015; Bökenkamp, 2014) genutzt, die eine passende regionale Aufteilung der Anlagen beinhalten. Außerdem wird das der- zeit einzige bestehende Druckluftspeicherkraftwerk, im niedersächsischen Huntorf, zugeordnet. Für die Entwicklung der zukünftigen Ausbaupfade der einzelnen Technologien gilt die Annahme, dass die in Cebulla (2015a) berechneten Ausbaukapazitäten im Jahr 2050 in der entsprechenden Region erreicht werden. Diese decken sich, zumindest in grober Näherung, mit dem berechneten langfristigen Speicherbedarf der einzelnen Länder in Pape u. a. (2014) und gelten daher als plausibel. Insgesamt werden in 130 6.2 Szenarienentwicklung Cebulla (2015a) mehrere Speicheroptionen betrachtet, während in Pape u. a. (2014) nur Batterie- und Wasserstoffspeicher analysiert werden. Allerdings ist die regio- nale Auflösung in Cebulla (2015a) durch aggregierte Regionen geringer. Insgesamt umfasst die regionale Auflösung zehn Regionen, wobei Deutschland mit weiteren 20 Unterregionen detaillierter abgebildet ist. Zudem werden mehrere Länder in weiteren vier Modellregionen zusammengefasst. So beinhaltet die Region „Alpen“ die Länder Schweiz und Österreich, die Region „Norden“ die Länder Finnland, Schweden und Norwegen, die Region „East“ die Länder Polen, Tschechien und Slowakei und die Region „BeNeLux“ die BeNeLux-Staaten. Die Verteilung der Speicherleistung im Jahr 2050 von diesen aggregierten Regionen auf die darin enthaltenen Länder setzt daher einen geeigneten Ansatz voraus. Hierfür gilt, die Installation von Speichertech- nologien erfolgt an Orten mit entsprechend hohen Anteilen erneuerbarer Energien. Die Verteilung erfolgt deshalb über den jeweiligen prozentualen Anteil installierter Wind- und Photovoltaikleistung im Jahr 2050 im Verhältnis zur Gesamtregion. Die Berechnung des Ausbaupfades der jeweiligen Technologie erfolgt anschließend linear ab Jahr 2014. 6.2.1.5 Konventioneller Kraftwerkspark Der Ausbau bzw. Fortbestand der konventionellen Kraftwerke für Deutschland ba- siert auf der Datenbank der aktuellen Kraftwerksliste der Bundesnetzagentur (BNetzA, 2014e). Da diese Liste zum Teil unvollständig bzw. inkonsistent ist, wurden Annah- men getroffen um die Liste zu vervollständigen. In die Simulationen fließen folgende Kraftwerkstypen und Rohstoffe ein: • Gas: Gasturbine (gt), Kombikraftwerk (cc), KWK-Anlage (chp) • Steinkohle: Dampfturbine (st), KWK-Anlage (chp) • Braunkohle: Dampfturbine (st), KWK-Anlage (chp) • Uran: Dampfturbine (st) • Müll: KWK-Anlage (chp) Alle KWK-Anlagen mit einer Kapazität über 300 MW laufen stromgeführt, die rest- lichen wärmegeführt. Ölkraftwerke sind nicht mehr Bestandteil des Kraftwerksparks, da diese größtenteils nur wenige Stunden im Jahr laufen und zukünftig nicht mehr verwendet werden. Alle Kraftwerke aus der BnetzA-Kraftwerksliste mit dem Hauptroh- stoff Abfall sind zusammengefasst als KWK-Müllverbrennungsanlagen. Der konven- tionelle Kraftwerkspark der Anrainerstaaten basiert auf Daten von Eurostat, die 131 6 Definition und Simulation von Zukunftsszenarien im Strommarktmodell vom Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung aufgearbeitet wurden (Nahmma- cher u. a., 2014). Wirkungsgrade Die Bestimmung der elektrischen Wirkungsgrade der einzelnen Kraftwerkstypen in Deutschland erfolgte anhand der Altersstruktur der Anlagen. Hierfür wurde eigens eine Literaturrecherche durchgeführt. Anschließend konnten allen bestehenden und zukünftigen Kraftwerken, mit Hilfe einer Regressionsglei- chung, altersabhängige Wirkungsgrade zugewiesen werden. Die Datengrundlage an der Regression umfasst folgende Literatur: Schu u. Leithner (2008); BMWI (1999); Wissel u. a. (2010); Spiegel (2000); UBA (2009); Lutsch u. a. (2004a,b); Energinet.dk (2012). Bei Müllverbrennungsanlagen wird keine Regression angewandt, sondern der Wirkungsgrad aller Anlagen auf 26 % gesetzt. Für Atomkraftwerke wird ein Wir- kungsgrad von 36 % angenommen (Wissel u. a., 2010). Eine Zuordnung altersspezi- fischer Wirkungsgrade in den Anrainerstaaten war aufgrund der fehlenden Daten zu den Inbetriebnahmejahren der Kraftwerke nicht möglich. Aus diesem Grund wur- den durchschnittliche Wirkungsgrade verwendet, wobei bei Stein- und Braunkohle- Kraftwerken ein Mittelwert aus neuen und alten Anlagen gebildet wurde (Nahmma- cher u. a., 2014). Zur Modellierung wurden alle Einzelanlagen für alle Jahre von 2014 bis 2050 entspre- chend der installierten Leistung jedes Kraftwerkstyps in Wirkungsgradklassen pro Modellregion aufsummiert. Die Wirkungsgradklassen wurden für jeden Rohstoff- und Kraftwerkstyp in 5 % Schritten erstellt. Tabelle 6.3 zeigt die Aufteilung der Wirkungsgradklassen. Tabelle 6.3: Wirkungsgradklassen konventioneller Kraftwerke Gas (cc) Gas (gt) Gas (chp) Stein- kohle (st) Stein- kohle (chp) Braun- kohle (st) Braun- kohle (chp) Uran (st) Müll (chp) (0.55,0.6](0.3,0.35](0.45,0.5](0.35,0.4](0.3,0.5] (0.3,0.35](0.3,0.35](0.35,0.4](0.25,0.3] (0.35,0.4](0.5,0.55](0.4,0.45](0.35,0.4](0.35,0.4] (0.4,0.45] (0.4,0.45] (0.4,0.45] (0.45,0.5] Quelle: Eigene Berechnungen basieren auf (Schu u. Leithner, 2008; BMWI, 1999; Wissel u. a., 2010; Spiegel, 2000; UBA, 2009; Lutsch u. a., 2004a,b; Energinet.dk, 2012) Technische Nutzungsdauer Zur Entwicklung des konventionellen Kraftwerksparks in Deutschland bis 2050 wurde die technische Nutzungsdauer der Anlagen bestimmt. Tabelle 6.4 bildet die Grundlage der Annahmen für die Lebensdauer je nach Kraft- werkstyp, basierend auf Konstantin (2007). 132 6.2 Szenarienentwicklung Tabelle 6.4: Technische Nutzungsdauer konventioneller Kraftwerke Brennstoff Jahr Gas (cc) 25 Gas (gt) 25 Steinkohle 35 Braunkohle 35 Uran 50 Müll 20 Quelle: Konstantin (2007). Die Kraftwerke mit Abschaltdatum in der BnetzA-Kraftwerksliste werden in dem entsprechenden Jahr abgeschaltet. Alle anderen Kraftwerke werden, entsprechend ihrer technischen Nutzungsdauer in Abhängigkeit vom Inbetriebnahmejahr abge- schaltet. Atomkraftwerke werden bis spätestens 2022 abgeschaltet und Braunkohle- kraftwerke gehen spätestens im Jahr 2030 vom Netz. In den Anrainerstaaten waren Annahmen, zum Rückbau des konventionellen Kraft- werksparks anhand der technischen Nutzungsdauern, aufgrund fehlender Inbetrieb- nahmejahre, nicht möglich. Darum wurde die Basis des deutschen Rückbaus an- genommen, zu der sich die ausländischen Kapazitäten linear verhalten. So wurde anhand des jährlichen prozentualen Rückbaus eine lineare Regression für die Nach- barländer durchgeführt. Hierbei sind die Annahmen zum Atom- und Kohleausstieg nicht übernommen worden. 6.2.1.6 Netzstruktur Die Modellierung der Netzstruktur erfolgt analog zum Kraftwerkspark mit einer hohen Detailtiefe in Deutschland und einer angepassten Auflösung für die weite- ren europäischen Länder. Zum jetzigen Entwicklungsstand der Applikation werden alle Leitungen auf Höchstspannungsebene erfasst. Die Netzentwicklung innerhalb Deutschlands umfasst alle Vorhaben des Gesetzes zum Ausbau von Energieleitun- gen (EnLAG, 2009) und alle Vorhaben aus dem Bundesbedarfsplangesetz (BB- PlG, 2013; BNetzA, 2014d). Die Bestandsdaten des deutschen Stromnetzes stüt- zen sich auf Ergebnisse des Forschungsprojektes SciGRID (2015), das über die openstreetmap-Plattform Daten sammelt, strukturiert und als georeferenzierte Da- tensätze zur Verfügung stellt. Diese wurden zudem um weitere Trassen aus der Netzkarte der ENTSO-E (2014a) erweitert. Hiermit werden bei der Modellierung des Stromnetzes alle aktuell öffentlich zugänglichen Daten berücksichtigt. Im Rahmen der Modellierung werden die verfügbaren Kapazitäten zwischen den Austauschre- 133 6 Definition und Simulation von Zukunftsszenarien im Strommarktmodell gionen (dispatch-regions) betrachtet, die auf Basis der Netzstruktur berechnet wer- den. 6.2.1.7 Weitere Parameter Ein Großteil der im Projekt verwendeten CO2 Emissionsfaktoren basiert auf den Angaben des Bundesumweltamtes (UBA, 2005). Ausgenommen sind der Faktor von Müll, der dem IPCC Report von 2006 (IPCC, 2006) entnommen wurde und der Faktor von Biomasse, der auf Annahmen von DEFRA basiert, und den gesamten Produktionszyklus umfasst (defra, 2012). Die Tabelle 6.5 enthält eine Übersicht aller verwendeten CO2 Emissionsfaktoren. Tabelle 6.5: CO2 Emissionsfaktoren Brennstoff Emissionsfaktor tCO2/GJ Gas 0,0559 Steinkohle 0,0934 Braunkohle 0,1051 Öl 0,0733 Uran 0,00 Müll 0,0917 Biomasse 0,002 Quelle: UBA (2005); IPCC (2006); defra (2012). Der Großteil der fixen und variablen Kostenannahmen der Kraftwerke basieren auf Daten von Wissel u. a. (2010). Kosten von Gasturbinen wurden von Nahmmacher u. a. (2014) und Kosten für Müllverbrennungs- und Biogasanlagen wurden von Ener- ginet.dk (2012) entnommen. In Tabelle 6.6 sind die angenommenen O&M Kosten aller Kraftwerke aufgelistet. Die Entwicklung aller Rohstoff- und CO2-Preise im Zeitraum von 2014 bis 2050 basiert auf den Annahmen von mittleren Preissteigerungen (Szenario „mid“). Die Preisentwicklungen von Steinkohle, Gas, Öl und CO2 basieren auf den Annahmen in der Leitstudie. Alle Annahmen für weiterer Brennstoffe, nutzen andere Quellen, die in Tabelle 6.7 für den jeweiligen Brennstoff aufgeführt sind. Tabelle 6.7 zeigt alle Preise mit dem Eurowert des Basisjahrs 2014, die mit der Barwertmethode und den jährlichen Inflationsraten bestimmt wurden. Zur Modellierung wird eine lineare Preisentwicklung zwischen 2014 und 2050 angenommen. 134 6.2 Szenarienentwicklung Tabelle 6.6: O&M Kosten der Kraftwerke Brennstoff Kraftwerkstyp opex_fix opex_var Euro/MW/a Euro/MWh Gas cc 19000 2,0 Gas gt 24000 0,5 Gas chp 19000 2,0 Steinkohle st, chp 35000 4,0 Braunkohle st, chp 39000 4,4 Uran st 55000 0,5 Müll chp 16500 23 Biomasse biomass 29000 3,9 Wind Onshore onshore 50000 0 Wind Offshore offshore 120000 0 Solar solar 29000 3,9 Quelle: Wissel u. a. (2010); Nahmmacher u. a. (2014); Energinet.dk (2012). 6.2.2 Definition Netzausbauszenarien Die Entwicklung der Netzausbauszenarien basiert auf einem Trassenfindungsalgo- rithmus, mit dem Verzögerungszeiten für Trassenabschnitte bestimmt werden. Da- neben kann damit auch der Verlauf zukünftiger Trassen festlegt werden. Szenarien mit exakten Trassenverläufen sind aber vor allem bei detaillierten Simulationen von Stromnetzen notwendig. Grundlage der Simulationen in renpassG!S ist ein so ge- nanntes Transhipment Modell. Da die Berechnungen mit Netzkapazitäten zwischen aggregierten Austauschregionen durchgeführt werden, sind keine exakten Trassen- verläufe notwendig. Deshalb wurden mit dem Trassenfindungsalgorithmus nur die Verzögerungszeiten aller Trassen und nicht ihr Verlauf bestimmt. Insgesamt wurden drei Netzausbauszenarien mit verschiedenen Verzögerungszeiten der Stromtrassen erstellt. Die ermittelten Inbetriebnahmezeitpunkte der Vorhaben wurden, für die Modellrechnungen, anschließend auf die Kapazitäten der Austauschregionen über- tragen. Nachfolgend wird die gesamte Funktionsweise des Trassenfindungsalgorith- mus erläutert, da die entwickelte Methodik in Modellen mit detaillierten Stromin- frastrukturen auch zur Simulation von Netzflüssen genutzt werden kann. 6.2.2.1 Trassenfindung zur Szenarioentwicklung Grundlage des Trassenfindungsalgorithmus sind die ermittelten Verzögerungszeiten und die Flächenanteile der geografischen Objekte je Rasterfeld. Gesetzlich-planerische Bedingungen sowie Annahmen zur gesellschaftlichen Akzeptanz werden durch die Entnahme entsprechender Rasterfelder integriert. Die bisher verwendeten Kriterien 135 6 Definition und Simulation von Zukunftsszenarien im Strommarktmodell Tabelle 6.7: Rohstoffpreise 2014 und 2050: Szenario „mid“ Brennstoff Szenario Preis 2014 Preis 2050 Quelle Euro/GJ Euro/GJ Gas mid 6,71 11,54 Nitsch u. a. (2012) Steinkohle mid 3,61 6,97 Nitsch u. a. (2012) Braunkohle mid 1,15 1,15 Pfluger u. a. (2011) Müll mid 1,86 1,86 IRENA (2015) Biomasse mid 5,56 7,58 Prognos (2013) Uran mid 1,11 1,11 Pfluger u. a. (2011) Schadstoff Euro/tCO2 Euro/tCO2 CO2 mid 18,43 62,05 Nitsch u. a. (2012) und Bedingungen können jederzeit ergänzt oder aktualisiert und auf das Rastergitter übertragen werden. Das Schema des mehrstufigen Szenarioaufbaus zeigt Abbildung 6.5. Zu Beginn werden aus dem gesamten Rastergitter, zur Abbildung von Deutsch- land, Felder entnommen, die aufgrund von gesetzlich-planerischen Vorgaben für ei- ne Trassenführung ungeeignet sind. Die danach noch verbleibenden Rasterfelder werden dem entwickelten Modul zur Trassenfindung als Graph übergeben. Durch Einstellungen beim Suchumfeld der jeweiligen Vorhaben können die Datenmenge und Trassenführung eingegrenzt werden. Je nach Voreinstellung wird anschließend ein Trassenpfad nach minimaler Verzögerungszeit, oder kürzester Strecke optimiert. Im Rahmen dieses Forschungsprojekts werden Verzögerungszeiten aller geplanten EnLAG- und BBPlG-Vorhaben berechnet. Um darüber hinaus Pfade und Verzöge- rungszeiten zukünftiger noch ungeplanter Vorhaben zu berechnen, müssen zusätzlich Annahmen zu Start- und Endpunkten sowie den technisch relevanten Faktoren ge- troffen werden. Trassenfindung Die Ermittlung der Verzögerungszeit und des Verlaufs einer Trasse erfolgt mit einem in der Software Python entwickelten Programm. Hierfür wurden Funktionalitäten aus den Python-Modulen NetworkX und Psycopg2 genutzt (Aric Hagberg u. a., 2014; Di Gregorio u. Varrazzo, 2015). Dabei ist die Abgrenzung des Suchumfelds eines Vorhabens vergleichbar mit der Grobkorridorfindung des Bundesbedarfplans (vgl. BNetzA, 2014a, S. 4-5). Hierbei wird entlang einer Luftlinie zwischen Start- und Endpunkt ein Buffer als Polygonfläche gebildet. Ist die Länge der Luftlinie kleiner 136 6.2 Szenarienentwicklung Rastergitter mit Verzögerungszeit pro Rasterfeld Akzeptanzbasierte Annahmen Entnahme irrelevanter Rasterfeldern Vorhaben ● Start- und Endpunkt ● Suchumfeld gesetzliche und planerische Bestimmungen Trassenfindung Trassenverlauf des Vorhabens ● Minimale Verzögerung ● Kürzester Weg Abbildung 6.5: Modellübersicht der Szenarioerstellung des Netzausbaus. Quelle: Ei- gene Darstellung Europa-Universität Flensburg (Bunke, 2015) oder gleich 15 km, beträgt der Bufferradius 7,5 km, ist sie größer, ist der Bufferradius immer die Hälfte der Luftlinienlänge. Start- und Endpunkt eines Vorhabens Abs ta nd r r Radius des Buffer um die Linie U U Umfang des Buffers Abbildung 6.6: Darstellung und Veranschaulichung der Suchumfeldbestimmung zur Trassenfindung. Quelle: Eigene Darstellung Europa-Universität Flensburg (Bunke, 2015) Zur Trassenfindung wird der Dijkstra-Algorithmus verwendet (beschrieben unter: Aric Hagberg u. a., 2014, S. 316). Dieser berechnet aus einem Start- und Endknoten 137 6 Definition und Simulation von Zukunftsszenarien im Strommarktmodell alle Pfade eines ungerichteten Graphen. Der Graph ist kantengewichtet und wird aus den Rasterfeldern des Suchumfeldes gebildet. Mit einem PostGIS Befehl werden aus den Rasterfeldern Knoten und Kanten mit den jeweiligen benötigten Parametern gebildet. Ein Knoten ist der Mittelpunkt eines Rasterfeldes, die Kanten haben die Attribute Länge (distance) und den gebildeten Modellprognosewert (value) des Rasterfeldes. Zwischen jedem Knoten (node) eines vorhandenen angrenzenden Rasterfeldes wer- den gewichtete Kanten gebildet. Die Kantenlänge entspricht der direkten Distanz zu den angrenzenden Knotenpunkten. Ihre Gewichtung entspricht dem Prognosewert des zweiten Knotens als value-Parameter, der Verzögerungszeit. Die Abbildung 6.7 zeigt die Bildung eines ungerichteten Graphen zur Trassenfindung, mit den Punk- ten als Knoten und den Verbindungslinien als Kanten mit den Prognosewerten zur Gewichtung. Graue Felder wurden bereits nach den Szenariovoreinstellungen ausge- schlossenen, bspw. aufgrund eines Siedlungsflächenanteils von 100 % . Entlang der schraffierten Felder verläuft der optimale Pfad mit den geringsten aufsummierten Prognosewerten. Nach Szenario Voreinstellung ausgeschlossene Felder Start- und Endpunkt Pfad mit geringster Summe Abbildung 6.7: Darstellung eines Graphen mit Knoten und Kanten nach der Szena- riovoreinstellung für den Trassenfindungs-Algorithmus. Quelle: Ei- gene Darstellung Europa-Universität Flensburg (Bunke, 2015) 6.2.2.2 Verzögerungen in den Netzausbauszenarien Mit dem entwickelten Trassenfindungsalgorithmus wurden, die in Kapitel 5.4 entwi- ckelten Verzögerungsprognosen auf Landkreisebene auf die geplanten EnLAG- und BBPlG-Vorhaben übertragen. Hierfür wurden die Verzögerungsprognosen aus der systematischen Analyse gesellschaftlicher Akzeptanz auf Kreisebene auf das in Ka- pitel 5.2.1.3 erläuterte 400× 400 Meter Rastergitter übertragen. Die Verzögerungs- zeiten pro Rasterfeld wurden mit den Eingangsdaten (Start- und Endpunkt, das Su- chumfeld bzw. der Korridor, in dem sich die zukünftige Stromleitung befinden könnte 138 6.2 Szenarienentwicklung und das geplante Inbetriebnahmejahr des Vorhabens) aller geplanten EnLAG- und BBPlG-Vorhaben auf diese übertragen. Damit kann die minimale Verzögerungs- zeit zwischen Start- und Endpunkt einer geplanten Trasse innerhalb eines Korridors bestimmt werden. Auf Basis der ursprünglich geplanten Inbetriebnahmejahre und der prognostizierten Verzögerungszeiten wurden pro Vorhaben neue Inbetriebnah- mezeitpunkte berechnet. Da hierbei keine weiteren gesetzlich-planerischen Bedin- gungen beachtet werden, wurden auch keine zusätzlichen Rasterfelder entnommen. Spezifischere Betrachtung sind vor allem zur Ermittlung des genauen Trassenver- laufs notwendig. Da dieser für die Simulation mit renpassG!S nicht benötigt wird, reicht die Verzögerungszeit pro Trasse als Ergebnis aus. Die Spannbreiten der Verzögerungsannahmen in den drei Kategorien low (0, 1 oder 2 Jahre), mid (2; 3,5 oder 5 Jahre) und high (5, 7 oder 9 Jahre) dienen zur Erstellung von drei Netzausbauszenarien: Zur Generierung werden jeweils die unteren Werte ei- ner Kategorie berücksichtigt. Je nach Verzögerungskategorie pro Landkreis umfasst das Szenario low also Zeitverzögerungen zwischen 0, 2 oder 5 Jahren. Im Szenario mid wurden die mittleren Werte (1; 3,5; 7) verwendet. Die höchsten Verzögerungs- zeiten aller drei Kategorien (2, 5, 9 Jahre) werden im Szenario high verwendet. Die Darstellung der entsprechenden Zeitverzögerungen aller Vorhaben zeigen die nach- folgenden Abbildungen. Abbildung 6.8 zeigt das Szenario low, Abbildung 6.9 das Szenario mid und Abbildung 6.10 das Szenario high. Die einzigen Vorhaben, die in jedem der drei Szenarien, die geringsten Verzögerun- gen von null (im Szenario low) bis zwei Jahren (im Szenario high) aufweisen, sind die BBPlG-Vorhaben 8 und 33, in den Landkreisen Dithmarschen und Nordfriesland. Maximale Verzögerungszeiten entstehen vor allem im Osten Deutschlands (z.B. BB- PlG 11). Die durchschnittlichen Verzögerungszeiten aller Vorhaben variieren je nach Szenario: von zwei (Szenario low) über vier (Szenario mid) bis fünf Jahre (Szenario high). 139 6 Definition und Simulation von Zukunftsszenarien im Strommarktmodell Abbildung 6.8: Verzögerungsannahmen pro Vorhaben im Netzszenario low. Quelle: Eigene Darstellung IZT Berlin (Mester, 2016) Abbildung 6.9: Verzögerungsannahmen pro Vorhaben im Netzszenario mid. Quelle: Eigene Darstellung IZT Berlin (Mester, 2016) 140 6.2 Szenarienentwicklung Abbildung 6.10: Verzögerungsannahmen pro Vorhaben im Netzszenario high. Quel- le: Eigene Darstellung IZT Berlin (Mester, 2016; Mester u. a., 2016) Um die entwickelten Netzausbauszenarien im Modell nutzen zu können, müssen die Verzögerungszeiten pro Vorhaben auf die Austauschkapazitäten der im Modell renpassG!S genutzten Austauschregionen übertragen werden (siehe Kapitel 6.1.2, Abbildung 6.3). Mit den Szenarien wird bestimmt, ab welchem Inbetriebnahmejahr ein Vorhaben seinen Anteil zur entsprechenden Austauschkapazität beiträgt. Mit den erstellten Szenarien können die Effekte, die durch Verzögerungen von Leitungen entstehen, die zum Stromaustausch zwischen Regionen vorgesehen sind, aufgezeigt werden. Verzögerte Vorhaben, die nur innerhalb einer Austauschregion liegen und deshalb keine Austauschkapazitäten beisteuern, werden in der Modellierung nicht betrachtet. Neben den drei Netzausbauszenarien mit Verzögerungen wurde ein Basisszenario ohne Verzögerungen erstellt, in dem alle Netzkapazitäten zum geplanten Inbetrieb- nahmejahr vorhanden sind. Insgesamt wurden zur Simulation des Energiesystems und zur Interpretation der Effekte von Verzögerungen, aufgrund gesellschaftlicher Akzeptanz, insgesamt folgende vier Netzausbauszenarien verwendet: • vernetzten-base • vernetzen-delay_low • vernetzen-delay_mid 141 6 Definition und Simulation von Zukunftsszenarien im Strommarktmodell • vernetzten-delay_high In Abbildung 6.11 sind die vorhandenen Netzkapazitäten zwischen den Austauschre- gionen im Jahr 2050 dargestellt. Zu diesem Zeitpunkt sind alle Vorhaben umgesetzt, im Rahmen der Modellierung wird die letzte verzögerte Trasse im Szenario „high“ im Jahr 2039 in Betrieb genommen. Abbildung 6.11: Übertragungskapazitäten zwischen Austauschregionen im Jahr 2050, nachdem alle geplanten Vorhaben umgesetzt wurden. Quelle: Eigene Darstellung Europa-Universität Flensburg 142 6.2 Szenarienentwicklung 6.2.3 Definition Windszenarien Aufbauend auf dem technischen Ausbaupotenzial zukünftiger Windenergieanlagen und der Definition eines Belastungsgrads als Dimension gesellschaftlicher Akzeptanz auf Ebene der Landkreise, wurden zwei Ausbauszenarien definiert. Hierfür wurde ein Algorithmus entwickelt, mit dem die vorgegebene installierte Gesamtleistung in Deutschland im Jahr 2050 regional über die Zeitspanne von 2014-2050 verteilt wer- den kann. Im VerNetzen-100 Szenario beträgt die Gesamtleistung 101,6 GW Wind- energie onshore. Beim ökonomischen Ausbau werden neben der verfügbaren Fläche zusätzlich ökonomische Rahmenbedingungen gesetzt. Im so genannten gleichverteil- ten Ausbauszenario wird, neben technischen Restriktionen, die Dimension der ge- sellschaftlichen Akzeptanz in Form eines identischen Belastungsgrades pro Landkreis integriert. Im Folgenden wird die Erstellung beider Ausbauszenarien beschrieben und diese im Anschluss verglichen. 6.2.3.1 Ökonomischer Windausbau Mit dem ökonomischen Szenario wird eine Entwicklung des Windenergieausbaus bis zum Jahr 2050 abgebildet, bei der die Wirtschaftlichkeit der potentiellen Standorte das alleinige Ausbaukriterium ist. Demzufolge werden ab dem Jahr 2015 Leistun- gen entsprechend der mittleren Volllaststunden in den Landkreisen zugebaut, hier- bei bereits installierte Leistungen berücksichtigt. Da der regionale Zubau abhängig von den durchschnittlichen Volllaststunden ist, bekommen Landkreise mit höheren durchschnittlichen Volllaststundenzahlen entsprechend höhere jährliche Zubauantei- le. Der Belastungsgrad ist in diesem Szenario ohne Bedeutung. Es kann bis zur maxi- malen Belastung ausgebaut werden, die dann eintritt, wenn das gesamte technische Potential (Weißfläche) in einem Landkreis realisiert wird. Der Zubau ist durch das technisch-ökonomische Potential begrenzt, d.h. insgesamt können nur Windkraftan- lagen mit einer Mindestauslastung von 1.300 äquivalenten Volllaststunden zugebaut werden. Eine vergleichbare Potentialstudie des Fraunhofer IWES im Auftrag des Bundesverbands Windenergie aus dem Jahr 2011 weist einen potentiellen Standort ab einer Mindestauslastung von 1.600 äquivalenten Volllaststunden als geeignet aus (BWE, 2011, S. 13). In einer Potentialstudie des Umweltbundesamtes wird eine Sen- sitivitätsanalyse zur Mindestauslastung von Windenergieanlagen durchgeführt. Es wurde untersucht inwiefern sich vorgegebene Mindestauslastungen von 1.600, 2.200 und 2.800 Volllaststunden auf Potential und Ertrag auswirken (Lütkehus u. a., 2013, S. 38 f). Grund der hier verwendeten, vergleichsweise niedrigen, Mindestauslastungen sind die Ergebnisse aus der Ertragsberechnung in Kapitel 5.5.2. Hierbei ergibt sich, aufgrund der CoastDat2-Daten, eine sehr geringe durchschnittliche Anzahl äquiva- lenter Volllaststunden von 1.574 für die süddeutschen Bundesländer. Demgegenüber 143 6 Definition und Simulation von Zukunftsszenarien im Strommarktmodell stehen die Ergebnisse der UBA-Studie mit 2.108 Volllaststunden in jenen Bundeslän- dern (Lütkehus u. a., 2013, S. 36). Auch in der Potentialstudie des Fraunhofer IWES werden 1.948, 1.953 und 1.933 Volllaststunden in Bayern, Baden-Württemberg und dem Saarland erzielt (BWE, 2011, S. 15), sodass in der vorliegenden Arbeit von einer Unterschätzung der Mindestauslastung ausgegangen wird. In Anlehnung an vorgenannte Studien werden 1.300 Volllaststunden, d.h. ~83 % gemessen an der mittleren Volllaststundenanzahl in den südlichen Bundesländern, als Untergrenze der Wirtschaftlichkeit angesehen, da 1.600 Volllaststunden 79 % - 82 % der durch- schnittlichen Auslastung in den genannten Studien repräsentieren. 6.2.3.2 Windausbau nach gleichverteilter Belastung Basierend auf den in Kapitel 5.5.3 erläuterten Gleichungen 6.1 und 6.2 zur Bestim- mung des Belastungsgrades wurde ein gleichverteilter Belastungsgrad entwickelt. Die Herleitung der Gleichung 6.4 ist in 6.3 dargestellt. Anutz,i = Pi · ai, ∀ i ∈ R (6.1) mit: Anutz km2 Genutzte Weißfläche P MW Installierte Windleistung, z.B Ist, Max oder Szenario a km2/MW Spezifisch genutzte Fläche pro Windkapazität R - Menge der Regionen bist,i = Anutz,i Aregion,i · pi, ∀ i ∈ R (6.2) mit: b Einwohner/km2 Belastungsgrad Amax km2 Gesamte Weißfläche Aregion km2 Landkreisfläche p Einwohner/km2 Bevölkerungsdichte bi = Pi · ai Aregion,i · ∀ i ∈ R (6.3) Psum = ∑ Pi, ∀ i ∈ R 144 6.2 Szenarienentwicklung Psum = ∑ bi · Aregion,i ai · pi · ∀ i ∈ R Psum = bi · ∑ Aregion,i ai · pi · ∀ i ∈ R bi = Psum∑ Aregion,i ai·pi , ∀ i ∈ R Mit dem gleichverteilten Belastungsszenario wird eine Entwicklung bis zum Jahr 2050 abgebildet, bei der der Belastungsgrad in den Landkreisen das einzige Aus- baukriterium der Windkraft darstellt. Das bedeutet, das technische Potenzial wurde durch einen vorgegebenen Belastungsgrads bbal begrenzt (Gleichung 6.4). Dieser vor- gegebene Belastungsgrad wird entsprechend der zu installierenden Gesamtleistung so berechnet, dass er in allen Landkreisen gleich groß ist und eine gleichverteilte gesellschaftliche Belastung darstellt. In Landkreisen, in denen dieser vorgegebene Belastungsgrad die maximale Belastung übersteigt, ist der Ausbau auf die verfüg- bare Weißfläche begrenzt (Gleichung 6.5). Im Rahmen dieses Szenarios wurde mit Gleichung 6.6 die heute bereits installierte Windleistung berücksichtigt. bi = bbal = ∑ Pbal,i∑ Aregion,i ai·pi , ∀ i ∈ Rbal (6.4) bi = bmax,i, ∀ i ∈ {R | bbal > bmax,i} (6.5) bi = bist,i, ∀ i ∈ {R | bbal < bist,i} (6.6) mit: bbal Einwohner/km2 Gleichverteilter Belastungsgrad Pbal MW Entsprechende gleichverteilte installierte Windleistung Rbal - Menge der Regionen mit gleichverteiltem Belastungsgrad Zur Berechnung des Gesamtausbaus mit gleichen Belastungsgraden in allen Land- kreisen wurden die bestehenden Leistungen von 2014 einkalkuliert, so dass nur die Differenz zwischen der heute bereits installierten Gesamtleistung und dem vorgege- benen Zielwert von 101,6 GW ausgebaut wurden. Es gibt Landkreise, deren aktueller Belastungsgrad heute bereits oberhalb des berechneten gleichen Belastungsgrades 145 6 Definition und Simulation von Zukunftsszenarien im Strommarktmodell liegt. Für diese Landkreise gilt die Annahme, dass sie aufgrund von Erfahrung und Repowering-Projekten auch weiterhin vergleichsweise höhere Anteile tragen. 6.3 Sozial-ökologische Effekte der Szenarien Mit der Definition von Netzausbauszenarien mit Zeitverzögerungen und Windaus- bauszenarien mit Belastungsgraden können sozial-ökologische Einflussfaktoren in die Modellierung integriert werden. Sie sind das zentrale Ergebnis im Forschungsprojekt. Sie stellen die Verknüpfung von qualitativer Sozialforschung und quantitativen inge- nieurwissenschaftlichen Analysen dar. Mit diesen Szenarien können die Effekte von unterschiedlichen Zeitverzögerungen beim Netzausbau und hohen Belastungen ein- zelner Landkreise aufgrund ausgewiesener Windflächen und gleichzeitig hoher Bevöl- kerungsdichte bei der Modellierung des erneuerbaren Energiesystems berücksichtigt werden. 6.3.1 Netz Mithilfe einer deutschlandweiten Einschätzung von Engagement und Verzögerungs- zeiten konnten zukünftige Widerstände für alle heute geplanten Vorhaben abgelei- tet werden. Die Bestimmung konkreter Inbetriebnahmezeitpunkte bei verschiedenen zeitlichen Verzögerungen mit dem renpassG!S-Modell basiert auf folgenden Schrit- ten: Erfassung von Widerstands- und Engagementraten in ausgewählten Vorhaben (Fallbeispiele), Ableitung von Verzögerungskategorien auf Landkreisebene, Erfas- sung von Engagementraten in allen Landkreisen, Ermittlung zukünftiger Wider- stände mithilfe der berechneten Zeitverzögerung der Regressionsanalyse, Erstellung von Netzausbauszenarien durch die Kombination der Ergebnisse der Fallbeispiele und der Regressionsanalyse. Widerstand aus Zeitverzögerungen und Engagement Um eineWiderstandsrate, analog der Vorgehensweise in den 13 Fallbeispielen, deutsch- landweit zu bestimmen, liegen nicht genügend Daten vor. Deshalb wurden die ermit- telten Verzögerungszeiten der multiplen Regressionsanalyse als Grundlage weiterer Widerstandsraten genutzt. Diese basieren auf einer Analyse ausgewählter Faktoren mit den tatsächlichen Zeitverzögerungen aller 23 EnLAG-Vorhaben. Abbildung 6.12 zeigt die berechneten Zeitverzögerungen des Regressionsmodells, für alle Rasterfel- der, auf einer Deutschlandkarte, in einer Variation von acht Klassen. Zusätzlich sind alle Vorhaben mit Teilabschnitten und geplanten Linienverlauf sowie ihre Verzöge- rungszeiten und Akzeptanzmeldungen angezeigt. 146 6.3 Sozial-ökologische Effekte der Szenarien Vorhabenpunkt EnLAG Teilabschnitte EnLAG keine Meldung akzeptanzbedingte Meldung Verzögerungsprognose < 1 a 1.00 - 2.00 2.00 - 2.5 2.52 - 4.70 4.70 - 5.50 5.50 - 7.00 7.00 - 9.00 > 9.00 Legende a a a a a a a a 0 Abbildung 6.12: Die Ergebniskarte stellt die Zeitverzögerungsprognose für Werte un- ter einem Jahr in hellgrau, bis mehr als neun Jahre in dunkelrot für alle Rasterfelder Deutschlands dar. Quelle: Eigene Darstellung Europa-Universität Flensburg (Bunke, 2015) Die per Regression prognostizierte geringste Zeitverzögerung beim Netzausbau in Deutschland beträgt minus 3,3 Jahre, die höchste circa 10,4 Jahre. Durchschnittlich wird eine Verzögerung von 4,5 Jahren berechnet. Vor allem für den Osten Deutsch- lands werden hohe Verzögerungen berechnet, im Süden hingegen deutlich geringere. Hierbei ist zu berücksichtigen, dass dieses Ergebnis auf der heutigen Datengrundla- ge basiert. Das bedeutet Bundesländer ohne geplante EnLAG-Vorhaben wie Bayern haben keine Verzögerungszeiten und entsprechend niedrige Verzögerungsprognosen. Trotz solcher Schwächen ermöglicht die Methode eine Verteilung von Verzögerungs- prognosen zukünftiger Vorhaben und ihre Integration in den Algorithmus der Tras- senfindung. Eine Erhebung des Engagements in allen deutschen Landkreisen erfolgte wie in den 13 Fallbeispielen. Das Ergebnis des bestehenden Engagements für den Netzausbau in Deutschland zeigt Grafik 6.13. Die Resultate bekräftigen die der Stichprobe. Denn 147 6 Definition und Simulation von Zukunftsszenarien im Strommarktmodell die Mehrheit aller Landkreise (n = 393 von 402) werden dem Typ „mittleres En- gagement“ zugeordnet, eine Zusammenfassung der Unterkategorien „mid-best“ und „mid-worst“. Nur in den zwei Landkreisen Dithmarschen und Nordfriesland wird der stärkste Engagementtyp „best“ vergeben. Abbildung 6.13: Ergebniskarte zur Engagementsrate in allen Landkreisen: Kategori- sierung der Landkreise anhand ihres Engagements in „best“, „mid- best“, „mid-worst“ und „worst“. Quelle: Eigene Darstellung IZT Berlin (Mester, 2016) Zeitverzögerungen Aus der Kombination von Zeitverzögerungen und Engagement wurde die Stärke des zu erwarteten Widerstandes abgeleitet. Grundlage ist ein Vergleich der berechneten Verzögerungszeiten der Regressionsanalyse mit den ermittelten Widerstandstypen der Fallbeispiele. Das Ergebnis zeigt hohe Widerstände und hohe Zeitverzögerungen treten gemeinsam auf. Trotz der geringen Anzahl von Fallbeispielen bilden diese Ergebnisse die Basis folgender Kategorien: • mittleres Engagement, starker Widerstand: 5-9 Jahre Zeitverzögerung • mittleres Engagement, mittlerer Widerstand: 2-5 Jahre Zeitverzögerung • starkes Engagement, mittlerer Widerstand: 0-2 Jahre Zeitverzögerung • starkes Engagement, starker Widerstand: 0-2 Jahre Zeitverzögerung Demzufolge führt starkes Engagement, unabhängig vom zu erwartenden Widerstand zu einer geringeren Zeitverzögerung. Bei schwächerem Engagement drohen einer 148 6.3 Sozial-ökologische Effekte der Szenarien Vielzahl von Landkreisen Zeitverzögerungen von mehr als zwei Jahren, in 49 Land- kreisen besteht die Gefahr starker Widerstände und damit einhergehende Verzöge- rungen von mehr als fünf Jahren. Vor allem in diesen Regionen sollte das Engage- ment verstärkt werden. Bisher sind Dithmarschen und Nordfriesland die einzigen Landkreise, mit herausragenden Aktivitäten auf Kreis- und Landesebene. Die Teil- nahme des Bundeslandes Schleswig-Holstein an der Netzentwicklungsinitiative und die frühe Öffentlichkeitsbeteiligung beim Bau der Westküstentrasse verdeutlichen das starke Engagement und die bisher niedrigen Verzögerungen. Abbildung 6.14: Erhöhte Engagementrate in allen Landkreisen: Kategorisierung der Landkreise anhand ihres Engagements in „best“, „mid-best“, „mid- worst“ und „worst“. Quelle: Eigene Darstellung IZT Berlin (Mester, 2016) Aufgrund dieser Ergebnisse liegt es nahe zu überprüfen, wie das Engagement in den Landkreisen von mittel auf stark erhöht werden könnte. Hierfür wird mit Er- höhung des Indikator 5 der Engagementrate „Zeitpunkt und Grad der Beteiligung“ eine umfangreichere Öffentlichkeitsbeteiligung simuliert. Die Grafik 6.14 zeigt das Ergebnis für die gesamte Engagementrate. Diese erhöht sich zwar in allen Landkrei- sen, erreicht die Bewertung „best“ aber nur in drei weiteren Landkreisen Schleswig- Holsteins (Ostholstein, Pinneberg und Steinburg). Netzszenarien Zur Erstellung der drei Netzszenarien low, mid und high wurden die Jahre aus den o.g. Kombinationen, aus Widerstand und Engagement, auf alle EnLAG- und BBPlG-Vorhaben verteilt. Die geringsten Verzögerungen aller möglichen Kombina- tionen, also 0, 2 und 5 Jahre ergeben das Szenario low, die mittleren 1, 3,5 und 7 149 6 Definition und Simulation von Zukunftsszenarien im Strommarktmodell mid und die höchsten 2, 5 und 9 Jahre ergeben das Szenario high. Da 20 von 23 EnLAG-Vorhaben der Kombination mittleres Engagement und mittlerer Widerstand entsprechen, betragen die Zeitverzögerungen zwei bis maximal fünf Jahre. Insgesamt sind die Spannbreiten der Verzögerungszeiten aller drei Szenarien optimis- tisch. Dies ist darauf zurückzuführen, dass die Verzögerungsprognosen vor allem auf den tatsächlichen Verzögerungszeiten der EnLAG-Vorhaben basieren, die größten- teils noch nicht abgeschlossen sind. Auch die BBPlG-Vorhaben wurden deshalb auf dieser Datengrundlage prognostiziert. Aus diesem Grund können die Verzögerungs- zeiten deutlich über den bisherigen Zeitspannen der drei Szenarien liegen. Darüber hinaus sind die tatsächlichen Verzögerungen zusätzlich vom Umfang der Maßnah- men abhängig, bei einer Erweiterung können auch realisierte Teilabschnitte bereits in Betrieb genommen werden, während bei Neubaumaßnahmen Akzeptanzproblme in einem Teilabschnitt die Inbetriebnahme in allen anderen Abschnitten gefährden können, auch wenn dort wenig lokale Probleme vorhanden sind. Neben diesen Zuord- nungen von Zeitverzögerungen in allen Landkreisen besteht durch die qualitativen Falluntersuchungen die Möglichkeit den Einfluss konkreter Aktivitäten quantitativ einzuschätzen. 6.3.2 Wind Mit dem definierten Belastungsgrad werden sozial-ökologische Einflussfaktoren ge- sellschaftlicher Akzeptanz in die Windausbauszenarien integriert. Abbildung 6.15 zeigt eine Auswertung der Belastungsgrade aller Landkreise (ohne Städte) anhand der Faktoren Bevölkerungdichte und dem Verhältnis der genutzten Fläche für Win- denergieanlagen zur gesamten Kreisfläche. Die Verteilung der Belastungsgrade wird mithilfe von Isolinien angezeigt. Verschiedene Kombinationen von Flächenanteil und Bevölkerungsdichte ergeben entlang dieser Linien immer denselben Wert des Belas- tungsgrades. Insgesamt enthält die Abbildung drei Grafiken, oben links dargestellt die aktuellen Belastungsgrade aller Landkreise im Jahr 2014. Oben rechts das Ergebnis der Belas- tungsgrade in den Landkreisen im Jahr 2050, im ökonomischen Szenario. Darunter befindet sich das Ergebnis der Belastungsgrade aus dem Szenario „gleichverteilte Belastung“ in dem die im Jahr 2014 bereits installierte Windleistung als weiterhin bestehend berücksichtigt wurde. Im Jahr 2014 liegen die Belastungsgrade zwischen 0,00 - 7,71 Einwohner/km2, ins- gesamt 85 % aller 295 Landkreise haben Werte kleiner 1,00. In den restlichen 45 Landkreisen mit Belastungsgraden über 1,00 sind mit 15 GW ca. 43 % der gesamten 150 6.3 Sozial-ökologische Effekte der Szenarien Abbildung 6.15: Belastungsgrade im Jahr 2014 und 2050 für alle deutschen Land- kreise, ausgenommen Städte: Ist-Belastungsgrad, Belastungsgrad 2050 im ökonomischen Szenario und Belastungsgrad 2050 im gleich- verteilten Belastungsszenario. Quelle: Eigene Darstellung Europa- Universität Flensburg (Christ u. a., 2016a). heutigen Windleistung installiert, davon rund 10 GW in 34 Landkreisen in Nie- dersachsen, Nordrhein-Westfalen und Sachsen-Anhalt. Die Verteilung der aktuellen Belastungsgrade zeigt Abbilldung 6.16. Im ökonomischen Szenario sind nicht die Belastungsgrade der Landkreise, sondern ausschließlich wirtschaftliche Kriterien ausbaurelevant. Eine Auswertung der resul- tierenden Belastungsgrade im Jahr 2050 zeigt eine Bandbreite von Werten zwi- schen 0,00-20,48 Einwohner/km2. In diesem Szenario haben 57 % aller Land- kreise (168) Werte größer 1,00, davon 34 Landkreise sehr hohe Werte größer 4,00 Einwohner/km2. Bezogen auf die installierten Gesamtleistung von 100 GW stehen dort ca. 15 %. Maximal werden, in diesem Szenario, 380 MW in einem Landkreis zugebaut. Der Kreis Nordfriesland hat im Jahr 2050 mit 1.681 MW die höchste installierte Leistung. Das entspricht gegenüber dem Jahr 2014 einem Zuwachs von 373,6 MW. Daneben haben Dithmarschen, Uckermark und Prignitz, wie in 2014 die höchsten installierten Leistungen von zusammen 4.172 MW, und vereinen 5.564 MW im Jahr 2050. In 140 Kreisen wurde in diesem Szenario, vor allem im Süden aufgrund schlechterer Windverhältnisse die technisch-ökonomische Potentialgrenze erreicht. 151 6 Definition und Simulation von Zukunftsszenarien im Strommarktmodell Abbildung 6.16: Ist-Belastungsgrade je Landkreis in Bezug auf Windenergie im Jahr 2014. Quelle: Eigene Darstellung Europa-Universität Flensburg Die Belastung im Jahr 2050 anhand des ökonomischen Ausbaus ist in Abbildung 6.17 dargestellt. Das Ziel des Szenarios „gleichverteilte Belastung“ besteht darin allen Landkreisen einen möglichst gleichen Belastungsgrad zuzuweisen und damit die installierbare Windenergieleistung zu begrenzen. Damit ist die Verteilung der Gesamtleistung auch von gesellschaftlichen Kriterien abhängig. Mit diesem Ansatz wird ein vergleichswei- se niedriger Belastungsgrad von ca. 1,25 Einwohner/km2, pro Landkreis berechnet. Dargestellt analog den Abbildungen 6.16 und 6.17 hätten alle Landkreise die glei- che Färbung, abgesehen, von denen, die bereits heute Belastungsgrade oberhalb 1,25 Einwohner/km2 haben. Trotzdem führt dieser zu teilweise erheblichen Zubau- ten von maximal 2.257 MW in einem Landkreis. Dies ist vor allem auf die Kom- bination hoher Flächenanteile und niedriger Bevölkerungsdichten zurückzuführen. Die höchsten installierten Windleistungen pro Landkreis im gleichverteilten Belas- tungsszenario liegen in den Landkreisen Mecklenburgische Seenplatte mit 2.699 MW und in Ludwigslust-Parchim mit 2.627 MW. Da diese mit 5.501 km2 und 4.767 km2 die flächenmäßig größten Landkreise Deutschlands bei gleichzeitig geringer Bevölke- rungsdichte sind werden selbst mit einem vergleichsweise niedrigen Belastungsgrad enorme Zubauraten erreicht. 152 6.3 Sozial-ökologische Effekte der Szenarien Abbildung 6.17: Belastungsgrade je Landkreis in Bezug auf Windenergie im Jahr 2050 nach ökonomischer Verteilung unter Berücksichtigung der bereits heute installierten Leistung. Quelle: Eigene Darstellung Europa-Universität Flensburg. Nachfolgend werden wesentliche Unterschiede beider Szenarien auf Ebene der Bun- desländer, Planungsregionen und Landkreise beschrieben. Vergleich auf Ebene der Bundesländer : Ein Vergleich der installierten Leistung in beiden Szenarien im Jahr 2050 auf Ebene der 16 Bundesländer zeigt Abbildung 6.18. Wie die Grafik veranschaulicht, besteht eine sehr deutliche Differenz zwischen Niedersachsen und Bayern. In Bayern und Mecklenburg-Vorpommern kommt es zu erheblichem Mehrausbau, weniger stark ausgebaut werden Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein und Rheinland-Pfalz. Dabei wird deutlich, dass dieser Ansatz zu einer Umverteilung der installierten Leistung von den bevölkerungsreichen Bun- desländern im Nordwesten zu bevölkerungsärmeren Bundesländern im Nordosten mit hohen Flächenpotentialen führt. Zusätzlich wird im Süden vor allem in Bayern aufgrund hoher noch ungenutzter Flächenpotentiale stärker bebaut. Der gesamte Mehrausbau in Bayern summiert sich auf rund 10 GW. Demzufolge trägt der An- satz dazu bei, die Kapazitäten im Süden auf mehr Landkreise aufzuteilen. 153 6 Definition und Simulation von Zukunftsszenarien im Strommarktmodell Abbildung 6.18: Installierte Leistung pro Bundesland 2050: Ökonomisch und gleich- verteilte Belastung. Quelle: Eigene Darstellung EUF Abbildung 6.19: Für Windenergie genutzter Anteil der Landesfläche 2050 auf Bun- deslandebene. Ökonomisch und gleichverteilte Belastung. Quelle: Eigene Darstellung EUF 154 6.3 Sozial-ökologische Effekte der Szenarien Durch die deutlich höheren Zubaumengen in Mecklenburg-Vorpommern erhöhte sich der Anteil genutzter Landesfläche für Windenergie von 0,9 % im ökonomischen Sze- nario auf 2,2 % im gleichverteilten Szenario. Auch in allen anderen Bundesländern liegt der für Windenergie genutzte Anteil der Landesfläche in keinem Szenario ober- halb von 2,2 %, wie Abbildung 6.19 veranschaulicht. Abbildung 6.20: Anteil der Weißfläche ohne Naturparkflächen: Genutzte Weißfläche im ökonomischen Szenario und im gleichverteilten Belastungssze- nario im Jahr 2050. Quelle: Eigene Darstellung EUF Im Szenario „gleichverteilte Belastung“ sinkt der Flächenanteil in allen Bundeslän- dern, außer in Brandenburg, Bayern und Mecklenburg-Vorpommern. Dieses Ergebnis zeigt damit eine plausible Bandbreite des Ausbaus, die den aktuellen Zielkorrido- ren auf Ebene der Bundesländer entspricht. Abbildung 6.20 zeigt das Verhältnis der genutzten Weißflächen in beiden Szenarien pro Bundesland. Die Differenz des Weißflächenanteils bis 1,00, also der vollständigen Weißfläche, entspricht dem Flä- chenanteil mit Naturparks. Dieser ist im Saarland mit über 40 % am höchsten und liegt in allen anderen Bundesländern meist unterhalb von 20 %. Das Saarland ist da- mit das einzige Bundesland, in dem die Weißfläche im ökonomischen Szenario ohne die Nutzung von Naturparkflächen nicht für den Ausbau ausreicht. Demzufolge ist in keinem weiteren Bundesland die Bebauung von Naturparkflächen notwendig. Ein zusätzlicher Ausschluss von diesen Flächen, neben den Naturschutz- gebieten und Waldflächen als weiteres ökologisches Kriterium ist deshalb plausibel. 155 6 Definition und Simulation von Zukunftsszenarien im Strommarktmodell Neben den Naturparkanteilen verdeutlicht diese Grafik die enormen Flächenpoten- tiale in Deutschland. In beiden Szenarien liegen die genutzten Flächen für eine na- hezu vollständig regenerative Energieversorgung noch erheblich unterhalb des Ge- samtpotentials. Daraus werden die umfassenden Möglichkeiten zur Verteilung der benötigten Windleistung ersichtlich. Die auf Kreisebene auffälligen Unterschiede mancher Landkreise in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern verlieren sich bei der Betrachtung auf der Ebene der Bundesländer. Insgesamt erzielt dieser Ansatz plausible Umverteilungen zwischen den Bundeslän- dern. Allerdings stellen die präsentierten Szenarien eine Spannbreite dar. Die Ergeb- nisse des Szenarios mit gleichverteilter Belastung kann als sozial-ökologisches Grenz- sszenario angesehen werden und zeigt primär die Unterschiede zum ökonomischen Ausbau auf. Die ermittelten Ausbauzahlen werden demzufolge nicht als Zielwerte interpretiert. Abbildung 6.21: Installierte Leistung an Windenergie in MW pro Planungsregion 2050: Ökonomisches Szenario und gleichverteiltes Belastungsszena- rio Quelle: Eigene Darstellung Europa-Universität Flensburg Vergleich auf Ebene der Planungsregionen : Ein Vergleich der installierten Leis- tungen beider Szenarien auf Ebene der Planungsregionen zeigt Abbildung 6.21. We- 156 6.3 Sozial-ökologische Effekte der Szenarien sentliche Umverteilungen entsprechen den Ergebnissen auf Bundeslandebene. Daher werden, ggü. dem ökonomischen Szenario, im gleichverteilten Belastungsszenario vor allem Planungsregionen in Niedersachsen entlastet. Die im ökonomischen Sze- nario anteilig am meisten genutzten Planungsregionen sind „Wittmund“ mit 5,4 % und „Aurich“ mit 4,1 %. Die größten Flächenanteile für Windenergie im Szena- rio „gleichverteilte Belastung“ liegen mit 3,1 % in der Planungsregion „Lüchow- Dannenberg“ in Schleswig-Holstein und mit 3 % in der Planungsregion „Altmark“ in Sachsen-Anhalt. Auch die Planungsregionen „Westmecklenburg“ in Mecklenburg- Vorpommern, „Prignitz-Overhavel“ in Brandenburg und „Oberpfalz-Nord“ in Bay- ern erreichen mit 2,4 %, 2,7 % und 1,4 % hohe Flächenanteile. Abbildung 6.22: Installierte Windleistung in 2050 für alle deutschen Landkreise in MW mit einer Gesamtleistung von 101,6 GW: Ökonomisches Sze- nario und gleichverteiltes Belastungsszenario: Quelle: Eigene Dar- stellung Europa-Universität Flensburg Vergleich auf Ebene der Landkreise : Abbildung 6.22 zeigt geografisch für beide Szenarien die absolute installierte Windleistung auf Ebene der Landkreise im Jahr 2050 im Vergleich. Zusätzlich ist im Balkendiagramm 6.23 ein Vergleich der instal- lierten Leistungsdifferenz zwischen beiden Szenarien pro Landkreis im Jahr 2050 abgebildet. Negativ dargestellt sind die Kreise mit weniger Windleistung im gleich- 157 6 Definition und Simulation von Zukunftsszenarien im Strommarktmodell verteilten Belastungsszenario, die also ggü. dem ökonomischen Ausbau „entlastet“ wurden. Im positiven Bereich liegen die Kreise mit entsprechender Leistungsmehrbe- lastung. Anhand dieser Grafik wird deutlich, dass ein vorgegebener Belastungsgrad in einigen wenigen Landkreisen zu erheblich mehr installierter Leistung führt. Abbildung 6.23: Differenz der installierten Leistung pro Kreis der Windszenarien 2050. Unterschied des gleichverteilten Belastungsszenarios zum öko- nomischen Ausbau. Quelle: Eigene Darstellung EUF Welche Auswirkungen solche Zubauraten auf die Anlagenzahlen haben, verdeutlicht Abbildung 6.24. Hier sind nur die Landkreise abgebildet, in denen eine Umverteilung nach dem Ansatz im gleichverteilten Belastungsszenario im Jahr 2050 zu mindestens 100 Windenergieanlagen mehr führen würde. Dies entspräche bei durchschnittlich 3,3 MW pro Windanlage fünf großen Windparks mit jeweils ca. 20 MW. Am Beispiel der Landkreise in den Bundesländern Mecklenburg-Vorpommern und Bayern werden die Auswirkungen genauer dargestellt. In Abbildung 6.25 ist die Differenz der Anlagenanzahl zwischen gleichverteilter Belastung und ökonomischem Szenario im Jahr 2050 in allen 71 Lankreisen Bayerns (mit den 25 kreisfreien Städ- ten) aufgetragen. Dabei wird deutlich, dass im Szenario „gleichverteilte Belastung“ auch eine Umverteilung innerhalb des Bundeslandes erfolgt. Neben dem Zubau wer- den in 31 Landkreisen weniger Anlagen installiert als im ökonomischen Ansatz. Ver- 158 6.3 Sozial-ökologische Effekte der Szenarien Abbildung 6.24: Differenz der Anzahl an Windenergieanlagen 2050 pro Kreis: Unter- schied des gleichverteilten Belastungsszenarios zum ökonomischen Ausbau. Auswahl der Kreise mit einer Differenz zwischen den bei- den Szenarien von mindestens 100 Anlagen. Quelle: Eigene Darstel- lung EUF glichen mit dem ökonomischen Szenario werden maximal 200 Anlagen pro Landkreis mehr gebaut. Das entspricht allerdings 10 Windparks in einem Landkreis. Der hohe Gesamtleistungszuwachs im Bundesland ist auf die große Anzahl an Landkreisen, die alle einen kleinen Beitrag leisten, zurückzuführen. Abbildung 6.26 zeigt den Vergleich installierter Anlagen zwischen beiden Szenarien in den Landkreisen Mecklenburg-Vorpommerns. Hier beträgt die Differenz zu den in- stallierten Anlagen im ökonomischen Szenario bis zu 600 Anlagen. Das entspräche 30 Windparks zusätzlich zu den 10 Windparks, die ein ökonomischer Ausbau erforderte. Dies ist durch das Verhältnis von großen Flächen zu geringen Bevölkerungsdichten zu erklären. Der bisherige Ansatz des geringsten gemeinsamen Belastungsgrads aller Landkreise entlastet zwar einige Landkreise, zeigt aber insbesondere beim Zubau pro Landkreis noch zu starke Extremwerte auf. Diese Ergebnisse enormer Umverteilung erfüllen zunächst noch nicht den Anspruch aus Gesamtsystemperspektive zur Erhöhung gesellschaftlicher Akzeptanz beizutra- gen. Gleichwohl ist der erste Schritt und das primäre Projektziel ein Verteilungs- 159 6 Definition und Simulation von Zukunftsszenarien im Strommarktmodell Abbildung 6.25: Differenz der Anzahl an Windenergieanlagen 2050 pro Kreis im Bundesland Bayern: Unterschied des gleichverteilten Belastungs- szenarios zum ökonomischen Ausbau. Quelle: Eigene Darstellung Europa-Universität Flensburg algorithmus zu entwickeln, der es ermöglicht gesellschaftliche Kriterien zu berück- sichtigen gelungen. Nachfolgend muss der Ansatz weiter entwickelt und optimiert werden. Das bedeutet bspw. Ausbaugrenzen in den Landkreisen mit geringer Bevöl- kerungsdichte und hohen Flächenpotentialen festzulegen und gleichzeitig noch mehr Landkreise mit noch wenig genutzten Flächenpotentialen im Süden Deutschlands zu integrieren. Wenn dies gelingt, können solche hoch aufgelösten Szenarien dazu beitragen regional differenzierte Ausbauziele festzulegen. 6.4 Simulationsergebnisse Basierend auf den entwickelten sozial-ökologischen Wind- und Netzausbauszenarien, wurden an der Europa-Universität Flensburg mit dem Modell renpassG!S Simulatio- nen des Energiesystems von Deutschland und den Anrainerstaaten durchgeführt. Da- bei wurden die Simulationen separat entweder mit einem sozial-ökologischen Wind- oder Netzszenario durchgeführt. Das bedeutet bei Verwendung der Windausbausze- narien gelten beim Netzausbau die Annahmen aus dem Basisszenario ohne Verzöge- 160 6.4 Simulationsergebnisse Abbildung 6.26: Anzahl der installierten Windenergieanlagen pro Kreis in Mecklenburg-Vorpommern 2050: Ökonomisches Szenario und gleichverteiltes Belastungsszenario. Quelle: Eigene Darstellung EUF rungen. Entsprechend wird in den Simulationen mit den Netzverzögerungsszenarien ein ökonomischer Windausbau von insgesamt 58 GW des Basisszenarios angenom- men. Grundsätzlich ist es möglich beide sozial-ökologischen Szenarien miteinander zu kombinieren, dann allerdings sind die Auswirkungen auf das Gesamtsystem nicht direkt auf den veränderten Netz- oder Windausbau zurückzuführen. Bei den Simula- tionen mit den Netzszenarien wird nur für den Zeitraum von 2015 bis 2039 mit Ver- zögerungen gerechnet, da selbst bei den höchstmöglichen Rückständen die letzten, der heute geplanten Trassen, bis 2039 in Betrieb gehen. Für die Windsimulationen hingegen wurde das Jahr 2050 gerechnet, mit den Annahmen des VerNetzen-100 Szenarios und dem entsprechenden Windausbauvolumen von ca. 100 GW. Nach- folgend werden der Kraftwerkseinsatz der Simulationsergebnisse dargestellt und die Ergebnisse anschließend separat für die Bereiche Netzausbau und Windenergie er- läutert. 161 6 Definition und Simulation von Zukunftsszenarien im Strommarktmodell 6.4.1 Kraftwerkseinsatz Abbildung 6.27: Kraftwerkseinsatz 2025: Szenario base (keine Verzögerung) und Sze- nario high (hohe Verzögerung). Quelle: Eigene Darstellung EUF Die Abbildungen 6.27, 6.28 und 6.29 zeigen den Kraftwerkseinsatz für die Stromer- zeugung zur Deckung der Stromnachfrage in Deutschland in den Jahren 2025, 2035 und 2050. In den ersten beiden Abbildungen 6.27 und 6.28 sind die Simulationser- gebnisse bei Verwendung zeitverzögerter Netzszenarien für die Jahre 2025 und 2035 denen des Basisszenarios gegenübergestellt. Oben abgebildet der Kraftwerkseinsatz im Basisszenario „base“ ohne Verzögerungen darunter im Szenario „high“ mit den höchsten angenommenen zeitlichen Verzögerungen der geplanten Trassen. Die Si- 162 6.4 Simulationsergebnisse mulationsergebnisse der entwickelten Windausbauszenarien sind für das Jahr 2050 gegenübergestellt. Abbildung 6.28: Kraftwerkseinsatz 2025: Szenario base (keine Verzögerung) und Sze- nario high (hohe Verzögerung). Quelle: Eigene Darstellung EUF Oben abgebildet der Kraftwerkseinsatz im Szenario mit ökonomischem Windausbau „ökonomisch“ und darunter im sozial-ökologischen Szenario „gleiche Belastung“. Die Betrachtung des gesamten Kraftwerkseinsatzes zeigt die Auswirkungen der Simula- tionen auf das Gesamtsystem. Dargestellt in allen Abbildungen 6.27, 6.28 und 6.29 sind Tagesdurchschnittswerte der elektrischen Energieproduktion je Erzeugungstech- nologie in GW. Die konventionellen Stromerzeugungstechnologien sind in „thermal“ 163 6 Definition und Simulation von Zukunftsszenarien im Strommarktmodell gebündelt. Zusätzlich zu der konventionellen und erneuerbaren Erzeugung ist die Speicherauspeisung aufgetragen. Abbildung 6.29: Kraftwerkseinsatz 2050: Ökonomisches Szenario (venetzen-100- wind-economic-2050) und gleichverteiltes Belastungsszenario (vernetzen-100-wind-edstr-sq). Quelle: Eigene Darstellung EUF Grundsätzlich wird deutlich, dass zwischen den sozial-ökologischen und den unverän- derten Szenarien, hinsichtlich des gesamten Kraftwerkseinsatzes, kaum Unterschiede bestehen. Deutlich sichtbar ist der Rückgang konventioneller und der Anstieg der erneuerbaren Energieerzeugung im Zeitraum von 2025 bis 2050. Die bisher ange- nommenen Verzögerungen einzelner Stromtrassen oder die regionaler Verteilung der Windenergie nach Kriterien gleicher Belastung fallen nur geringfügig ins Gewicht. Insgesamt führt die Windverteilung bei gleicher Belastung im Jahr 2050 zu einem 164 6.4 Simulationsergebnisse leicht geringeren gesamten Jahresstromertrag als bei einem Ausbau nach rein ökono- mischen Kriterien. Zudem sind in Abbildung 6.29 im ökonomischen Szenario teilweise höhere Windspitzen zu erkennen als im Szenario mit gleicher Belastung. 6.4.2 Netzausbau Zur Analyse von Auswirkungen durch Zeitverzögerungen beim Bau der geplanten Stromtrassen in Deutschland wurden Simulationen mit dem Strommarktmodell ren- passG!S durchgeführt. Hierfür wurde das Stromsystem Deutschland und seine An- rainerstaaten für jedes Jahr von 2015 bis 2039 simuliert. Der Zeitraum orientiert sich an den Annahmen der im Projekt erstellten sozial-ökologischen Netzszenarien. In diesen sind die am längsten verzögerten Trassen im kritischsten Szenario „high“ spätestens 2039 in Betrieb. Dementsprechend bestehen ab dem Jahr 2040 keine Unterschiede mehr zu den Netzausbauszenarien ohne sozial-ökologische Kriterien. Grund hierfür sind die in der Szenarienentwicklung berücksichtigten heutigen geplan- ten EnLAG- und BBPlG-Vorhaben und keine weiteren Trassenplanungen bis zum Jahr 2050. Es gibt insgesamt drei Netzausbauszenarien „vernetzen-grid-delay-low“, „vernetzten-grid-delay-mid“ und „vernetzen-grid-delay-high“ mit Verzögerungszei- ten der geplanten Vorhaben in unterschiedlicher Höhe (vgl. Kapitel 6.2.2.2), die mit dem Basisszenario „vernetzen-grid-base“ ohne Verzögerungen verglichen werden. Bei der Simulation gelten ansonsten die Annahmen des Basisszenarios. Nachfolgend wer- den die Simulationsergebnisse erläutert. Die Unterschiede zwischen den Szenarien werden mit den Parametern „nicht gedeck- te Last“, „Stromtransit“ und „konventionelle Erzeugung“ abgebildet. Dargestellt sind die zeitlichen Verläufe pro Szenario von 2015-2039 für alle Parameter sowie die aggregierten Summen aller Parameter pro Szenario im Vergleich zum Basisszena- rio. Die Abbildung 6.30 zeigt die nicht gedeckte Last in Deutschland in TWh für alle Verzögerungszenarien von 2015 bis 2039. Daraus ist ersichtlich, dass der Stromver- brauch in allen Ausbauszenarien bis zum Jahr 2026 zu jeder Stunde gedeckt werden kann. Ab 2030 steigt die nicht gedeckte Last in allen Szenarien an. Im Szenario „base“ steigt, bei einem Stromverbrauch von 518 TWh pro Jahr, die nicht gedeckte Menge von 0 % auf 13 % im Jahr 2039 an. Eine Erklärung für den starken Anstieg ab dem Jahr 2030 ist der auslaufende konven- tionelle Kraftwerkspark, bspw. sind dann im Basisszenario keine deutschen Braun- kohlekraftwerke mehr in Betrieb. Die bestehenden deutschen Atomkraftwerke sind bereits ab 2022 nicht mehr am Netz. Außerdem liegt der Ausbau erneuerbarer Ener- gien im Basisszenario deutlich unterhalb dem im VerNetzen-100 Szenario. Neben 165 6 Definition und Simulation von Zukunftsszenarien im Strommarktmodell dem Ergebnis der deutlich steigenden ungedeckten Last ab dem Jahr 2030 in allen Netzszenarien, sind Unterschiede zu erkennen. Bis zum Jahr 2035 bestehen zwischen allen drei Netzszenarien kaum Unterschiede. Die jährlich nicht gedeckte Last ist in allen drei Szenarien höher als im Basiszenario. Im Jahr 2035 gleicht sich das Szena- rio mit der geringsten Verzögerung an das Szenario „base“ an, ab 2037 passt sich auch das mittlere an, und das höchste ab 2039, wenn alle geplanten Netzkapazitäten vorhanden sind. Abbildung 6.30: Simulationsergebnisse Netzszenarien: Nicht gedeckte Last in Deutschland in TWh für den Simulationszeitraum 2015 bis 2039. Quelle: Eigene Darstellung Europa-Universität Flensburg Abbildung 6.31 zeigt die Summe der Differenz der nicht gedeckten Last pro Ver- zögerungsszenario im Zeitraum 2015-2039 gegenüber dem Basisszenario. Im Basiss- zenario beträgt diese Summe 330 TWh, dies entspricht 2.4 % des Gesamtstrom- verbrauchs. Im Ausbauszenario „low“ liegt die Summe mit 338 TWh um 8 TWh höher, im Szenario „mid“ 13 TWh höher und in dem mit den höchsten Zeitverzö- gerungen „high“um 17 TWh darüber. Dies sind verglichen mit dem Basisszenario 0,13 % mehr also 2,53 % vom Gesamtstromverbrauch. Das bedeutet Verzögerungen geplanter Vorhaben, aufgrund mangelnder lokaler Akzeptanz, erhöhen die Heraus- forderung die Stromnachfrage zu jeder Stunde zu decken ohne auf Reservekraftwerke zurückgreifen zu müssen. Da ausschließlich die Netzszenarien variiert wurden, und die Erzeugungsinfrastruktur sonst unverändert bleibt, wird deutlich, dass bereits ei- ne geringe Zeitverzögerung dazu führt, dass mindestens 8 TWh weniger erzeugter Strom zur Nachfragedeckung genutzt werden kann. Bei einer höheren Verzögerung einzelner Stromtrassen steigt die nicht gedeckte Last. Akzeptanzbedingte Verzöge- rungen können somit zu steigenden Kosten im Energiesystem führen, da zur Deckung 166 6.4 Simulationsergebnisse der fehlenden Last entweder mehr Erzeugungs- oder Speicherkapazitäten notwendig sind. Abbildung 6.31: Simulationsergebnisse Netzszenarien: Summe der ggü. dem Basiss- zenario im Szenariozeitraum nicht gedeckte Last in Deutschland in TWh. Quelle: Eigene Darstellung Europa-Universität Flensburg Der nächste Parameter, der zwischen den Szenarien verglichen wird, ist die trans- portierte Strommenge in TWh, der so genannte Transit in Deutschland. Abbildung 6.32 zeigt den Transit aller drei Netzszenarien und des Basisszenarios von 2015 bis 2039. Es wird deutlich, dass dieser durch fehlende Netzkapazitäten steigt. Der starke Abfall des Transits zwischen den Jahren 2022 und 2027 ist auf die verschiedenen In- betriebnahmezeitpunkte der Vorhaben je nach Netzszenario zurückzuführen. In allen Varianten steigt der Transit danach wieder an. Im Szenario „high“ steigt der Transit am längsten und höchsten und fällt im Vergleich zum Basisszenario erst fünf Jahre später wieder ab. Der Sachverhalt von höheren Transitmengen aufgrund fehlender Netzkapazitäten, kann mit den dadurch entstehenden Ringflüssen (loop-flows) be- gründet werden. Weil benötigte Kapazitäten fehlen, fließt der erzeugte Strom nicht direkt in die Bedarfsregion, sondern über verfügbare Leitungen, den Weg des ge- ringsten Widerstands. Mit der Länge der Transportstrecke des produzierten Stroms steigen die Netzverluste, zudem erhöhen sich die Engpässe zwischen anderen Aus- tauschregionen. Kommt es zu Engpässen, wird der Strom so lange transportiert, bis keine Kapazitäten mehr vorhanden sind, um die Nachfrage zu decken. Zeitver- zögerungen führen demzufolge zu weiteren Engpässen und erhöhten Netzverlusten. Stehen innerhalb von Regionen aufgrund von Engpässen zu wenig Strom und au- 167 6 Definition und Simulation von Zukunftsszenarien im Strommarktmodell ßerdem keine weiteren Kraftwerke zur Verfügung, steigt der Anteil nicht gedeckter Last. Abbildung 6.32: Simulationsergebnisse Netzszenarien: Transit in Deutschland in TWh im Simulationsszeitraum 2015 bis 2039. Quelle: Eigene Dar- stellung Europa-Universität Flensburg In Abbildung 6.33 ist die Differenz des aggregierten Transits zum Basisszenario von 2015-2039 in Deutschland in TWh für alle drei Netzszenarien dargestellt. Im Szenario „low“ ist der Transit um 74 TWh, d.h um 14 % höher als im Basisszenario. Der Transit erhöht sich im Szenario ’mid’ um 24 % und im Szenario „high“ um 46 % gegenüber dem Basisszenario, ohne Verzögerungen beim Trassenbau. Die aufgrund von Zeitverzögerungen beim Netzausbau verursachten Netzverluste und Engpässe erfordern erhöhte Stromerzeugung aus konventionellen Kraftwerken zur lokalen Nachfragedeckung. Abbildung 6.34 zeigt den letzten betrachteten Para- meter, die aus konventionellen Kraftwerken erzeugte Strommenge in Deutschland in TWh. Diese geht im Betrachtungszeitraum deutlich zurück. In allen Szenarien sind zwei Sprünge erkennbar, der erste im Jahr 2022, aufgrund des Atomausstiegs, und der zweite im Jahr 2030, aufgrund des Kohleausstiegs. Der Unterschied zwischen den Netzszenarien ist zwar gering, dennoch ist erkennbar, dass geringe Verzögerungen weniger konventionelle Kraftwerke erfordern. Um den Unterschied der konventionellen Stromerzeugung zwischen den Netzszenari- en deutlich zu machen, ist in Abbildung 6.35 die Differenz der aggregierten Summe zusätzlich konventioneller Erzeugung in Deutschland von 2015-2039 gegenüber dem Basisszenario dargestellt. Gingen alle geplanten EnLAG- und BBPlG-Vorhaben ohne Verzögerung in Betrieb, würden im Zeitraum von 25 Jahren insgesamt 5.158 TWh 168 6.4 Simulationsergebnisse Abbildung 6.33: Simulationsergebnisse Netzszenarien: Differenz des aggregierten Transits zum Basisszenario im Szenariozeitraum in Deutschland in TWh. Quelle: Eigene Darstellung Europa-Universität Flensburg Abbildung 6.34: Simulationsergebnisse Netzszenarien: In konventionellen Kraftwer- ken erzeugte Strommenge in Deutschland in TWh. Quelle: Eigene Darstellung Europa-Universität Flensburg Strom aus konventionellen Kraftwerken produziert. Das entspricht 40 % des ge- samten Stromverbrauchs. Eine bereits geringe Verzögerung der geplanten Vorhaben führt zu einer Mehrproduktion von 6 TWh, eine mittlere Verzögerung zu 15 TWh 169 6 Definition und Simulation von Zukunftsszenarien im Strommarktmodell und eine starker zu 19 TWh. Das bedeutet bei einer starken Verzögerung werden 0,3 % mehr konventionelle Kraftwerke, als im Basisszenario, benötigt. Die Mehrproduktion von Strom aus konventionellen Kraftwerken führt entsprechend zu einem erhöhten Ausstoß an CO2. Insgesamt ergibt die Simulation des Basissze- narios Emissionen von 2.381 Mio. t CO2 über den Zeitraum von 25 Jahren, das entspricht im Durchschnitt rund 95 Mio. t CO2/Jahr. Aufgrund von Verzögerungen steigt die Emissionen im Szenario „low“ um 5 Mio. t CO2, im „mid“ um 11 Mio. t CO2 und im „high“ um 15 Mio. t CO2. Verglichen mit dem Basisszenario sind die Gesamtemissionen im Szenario „high“ um 0,63 % höher. Abbildung 6.35: Simulationsergebnisse Netzszenarien: Differenz der aggregierten Summe der konventionell erzeugten Strommengeder ggü. dem Ba- sisszenario von 2015-2039 in Deutschland in TWh. Quelle: Eigene Darstellung Europa-Universität Flensburg 6.4.3 Windausbau Zur Analyse der Auswirkungen der Windausbauszenarien auf das gesamte Strom- system wurden für das Jahr 2050 Simulationen mit renpassG!S durchgeführt. Als Rahmen wurden die Annahmen aus dem VerNetzen-100 Szenario verwendet. Das Stromsystem wurde jeweils mit dem ökonomischen und dem Szenario gleiche Belas- tung modelliert. Dabei ist der Ausbau auf Kreisebene modelliert und die erzeugte Windstrommenge wird entsprechend auf diesem Level berechnet. Anschließend wer- den die Strommengen auf die Ebene der Austauschregionen (Dispatch-Regionen) 170 6.4 Simulationsergebnisse agreggiert, um den Austausch zu simulieren. In Abbildung 6.36 sind die Differen- zen der installierten Windleistung zwischen beiden Szenarien in GW in jeder der insgesamt 18 Dispatch-Regionen dargestellt. Links beginnen die Regionen, mit we- niger Windleistung im Szenario mit gleicher Belastung, rechts entsprechend sind die Regionen aufgeführt die deutlich mehr installierte Windleistung vorweisen. Weiterhin sind in Abbildung 6.37 Differenzen zwischen den Szenarien verschiedener Strommengen in ausgewählten Dispatch-Regionen dargestellt. Abgebildet sind die Differenzen der Import-, Export-, Transit-, Windstrommengen sowie die gesamte abgeschaltete Strommenge. Abbildung 6.36: Differenzen installierte Windleistung zwischen den Szenarien glei- che Belastung und ökonomisch in GW pro Dispatch-Region. Quelle: Eigene Darstellung Europa-Universität Flensburg Der größte Unterschied ist in der Dispatch-Region DEdr01 zu erkennen. Sie enthält die Daten der Bundesländer Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg (Nord,Mitte) und Sachsen-Anhalt (Nord). Bei einem Ausbau mit gleicher Belastung ist die Wind- stromerzeugung dort 25 TWh höher als beim ökonomischen Ausbau. Dadurch nimmt der Stromexport zu und die Abschaltung steigt um 5 TWh. Allerdings sinkt der Transit, also die Strommenge der Region, die weder dort produziert noch verbraucht wird, sondern nur durchgeleitet wird bei gleicher Belastung. In den Regionen DE- dr03 (Sachsen-Anhalt Süd, Thüringen), DEdr07 (Nordrhein-Westfalen Mitte-Ost), DEdr13 (Schleswig-Holstein) und DEdr14 (Niedersachsen Nord) sinkt die Wind- strommenge bei gleicher Belastung verglichen mit dem ökonomischen Ausbau. Da- neben sinkt auch der Export. Vor allem in DEdr13 wird mit 7 TWh wesentlich we- niger abgeschaltet. In den südlichen Regionen DEdr12 (Baden-Württemberg Süd) und DEdr17 (Bayern Nord) sind die Unterschiede zum ökonomischen Ausbau rela- 171 6 Definition und Simulation von Zukunftsszenarien im Strommarktmodell Abbildung 6.37: Differenz elektrischer Strommengen des gleichverteilten Belastungs- szenarios zum ökonomischen Szenario für ausgewählte Dispatch- Regionen in TWh im Jahr 2050: Jahressumme von Import, Ex- port, Transit, Windproduktion Onshore und gesamte abgeschal- tete Strommenge. Quelle: Eigene Darstellung Europa-Universität Flensburg tiv gering. Insgesamt wird hier bei gleicher Belastung mehr Windstrom produziert und die Transitmenge geht zurück. In der Offshore-Region DEow20 (Nordsee) beste- hen hinsichtlich der installierten Leistung keine Unterschiede, allerdings bei Export und Abschaltung. Das bedeutet bei gleicher Belastung muss weniger Erzeugung aus Offshore-Windenergie abgeschaltet werden, da diese exportiert werden kann. Insgesamt ist die erzeugte Strommenge aus Windenergie im Jahr 2050, bei gleicher installierter Gesamtleistung von 102 GW, im Szenario bei gleicher Belastung mit 219 Twh um 17 TWh geringer als im ökonomischen Ausbau. Dies liegt vor allem daran, dass der Ausbau primär der Belastung und erst danach wirtschaftlichen Krite- rien folgt. Die Verteilung der Anlagen kann deshalb als Extremwert mit maximalen sozial-ökologischen Kriterien angesehen werden, die zusammen mit dem ökonomi- schen Ausbau die mögliche Spannbreite des Windausbaus bis 2050 aufzeigt. Zur Einschätzung der Auswirkungen eines stärkeren sozial-ökologischen Windaus- baus werden die Kosten der Standortverluste kalkuliert. Gerechnet wird hierfür mit Stromgestehungskosten der Windenergie Onshore im Jahr 2050 zwischen 5 ct/kWh bis 8 ct/kWh (AEE, 2014, Studienvergleich), die mit der Erzeugungsdifferenz von 17 TWh multipliziert zu Mehrkosten zwischen 818Mio.Euro bis 1,3Mrd.Euro füh- ren. Werden diese auf den deutschen Jahresstromverbrauch von 518 TWh (Strom- verbrauch im Jahr 2014 (ENTSO-E, 2014b)) umgelegt, ergeben sich spezifische 172 6.4 Simulationsergebnisse Mehrkosten zwischen 0,16 ct/kWh bis 0,25 ct/kWh. Zum Vergleich, die EEG- Gesamtvergütungsleistung im Jahr 2014 betrug 24Mrd.Euro, davon 5,4Mrd.Euro für Windenergie Onshore. Wird diese auf die Jahresstrommenge umgelegt, betragen die spezifischen Kosten 1,00 ct/kWh (BMWI, 2015). Bei dieser Betrachtung ist zu beachten, dass die so berechneten Mehrkosten Maximalwerten entsprechen, die auf Jahressummen beruhen und keine stündlichen Unterschiede von Angebot und Nach- frage berücksichtigen. Die Kostenspanne von 818 Mio.Euro bis 1,3 Mrd.Euro der Integration sozial-ökologischer Kriterien beim Ausbau ist maximal, die nicht ver- brauchte Strommengen aus Windenergie im ökonomischen Szenario in Form von Abschaltungen noch nicht beinhaltet. In der Simulation bspw. ist die Abschaltung 2050 im ökonomischen Szenario 7 TWh höher als im Szenario mit gleicher Belastung. Bei einem ökonomischen Ausbau müssen insgesamt 35 TWh abgeschaltet werden und im anderen Szenario nur 28 TWh. Grund der Abschaltungen sind zu geringe Netzkapazitäten zur Weiterleitung lokaler Überschüsse zwischen den Regionen. Im verwendeten VerNetzen-100 Szenario wurde zusätzlich zum bestehenden Stromnetz mit den geplanten EnLAG- und BBPlG-Vorhaben ohne Zeitverzögerungen gerech- net. Zur Verringerung von Abschaltungen sind Kapazitäten darüber hinaus erfor- derlich. Die geringe Abschaltung im Szenario mit gleicher Belastung ist vor allem durch einen stärkeren Ausbau im Süden Deutschlands zu erklären. Dadurch kann die Nachfra- ge mit lokaler Stromerzeugung gedeckt werden, wodurch weniger Verteilung und entsprechend weniger Netzkapazitäten notwendig sind. Die nicht gedeckte Last be- trägt im Jahr 2050 in beiden Szenarien ca. 11 % des Jahresstromverbrauchs. Das sind im ökonomischen Windausbau ca. 56 TWh und ist im Szenario bei gleicher Belastung mit 58 TWh etwas höher. Gründe hierfür sind das schnelle Auslaufen der konventionellen Kraftwerke in Deutschland und analog dazu in den Anrainerstaa- ten, methodisch angelehnt an die Sterbelinien für Deutschland. Dadurch beträgt der Anteil an erneuerbarer Stromproduktion im Jahr 2050, nicht nur in Deutschland, sondern auch in den Nachbarländern über 90 %. Des weiteren wurden, wie bereits erwähnt, nur die heute bereits geplanten EnLAG- und BBPlG-Vorhaben berücksich- tigt. Bei der Simulation eines 100 % erneuerbare Stromsystems müssen zukünftig weitere Netzausbaumaßnahmen in den Szenarien berücksichtigt werden. 173 7 Fazit 7.1 Wichtigste Ergebnisse Ziel des Projektes war die methodische Integration sozial-ökologischer Faktoren ge- sellschaftlicher Akzeptanz in ein Strommarktmodell und die Entwicklung von Aus- bauszenarien bis 2050. Die Projektergebnisse zeigen, dass es möglich ist gesellschaft- liche Akzeptanz als Dimension in der Energiesystemmodellierung zu berücksichtigen. Hierfür musste vor allem die Komplexität der zahlreichen sozialen und ökologischen Einflussfaktoren der Akzeptanz reduziert werden. Entscheidend war es, relevante und weniger relevante Einzelheiten zu bestimmen. Dazu wurden die Einflussfaktoren ein- gehend von sozialwissenschaftlicher Seite betrachtet, während die ingenieurwissen- schaftliche Seite parallel die Modellintegration vorbereitete. Die Zusammenführung der Ergebnisse war aber nur aufgrund einer intensiven Zusammenarbeit möglich. Ein daraus resultierendes Projektergebnis ist die georeferenzierte Datenbank mit geografisch darstellbaren Inhalten, die geometrische Operationen ermöglichen. Abbildung 7.1: Aufbau und Nutzung der Projektdatenbank. Quelle: Eigene Darstel- lung Europa-Universität Flensburg In der Datenbank enthalten sind quantitative Daten des Energiebereichs, z.B. Strom- netz und Kraftwerkspark, Strukturdaten wie z.B. Landschaft und Siedlungen sowie sozial-ökonomische Größen wie z.B. Bevölkerung und Tourismus. Daneben sind auch 175 7 Fazit qualitative Projektergebnisse auf Ebene der Landkreise aus den Untersuchungen ge- sellschaftlicher Akzeptanz im Wind- und Netzbereich Bestandteil der Datenbank. Ihre Verwaltung erfolgt mit PostgreSQL, wie in Abbildung 7.1 dargestellt ist. Schwerpunkt der sozialwissenschaftlichen Auswertungen war es, aus den erhobenen Daten Schlüsselfaktoren gesellschaftlicher Akzeptanz beim Wind- und Netzausbau zu definieren, die zur Energiesystemmodellierung herangezogen werden können. Da- mit Schlüsselfaktoren in der Modellierung verwendet werden können, ist vor allem ihre Übertragbarkeit von den Untersuchungsobjekten auf eine größere Gruppe von Objekten ein wichtiges Qualitätsmerkmal. Zusätzlich sollten sie zukünftig relevant sein, da sie in Langfristszenarien einfließen. Im Windbereich erfolgte die Untersuchung gesellschaftlicher Akzeptanz nicht in Ein- zelprojekten, sondern auf übergeordneter Ebene. Insgesamt wurden 12 Bundeslän- der, 27 Planungsregionen, 48 Landkreise und 181 Gemeinden betrachtet (siehe Ab- bildung 7.2). Abbildung 7.2: Untersuchungsraum zu Windenergie: Qualitativ untersuchte Regio- nen auf Kreis- und Gemeindeebene. Eigene Darstellung Europa- Universität Flensburg Identifizierte Einflussfaktoren in den Bundesländern adressieren vor allem Prozessge- rechtigkeit und Nutzen, hierzu gehören z.B. Maßnahmen zur Einbindung, Kommuni- kation und zur finanziellen Beteiligung der Bevölkerung. Die Bandbreite reicht vom Beteiligungsgesetz in Mecklenburg-Vorpommern, bis zu eingerichteten Bürgerforen zur professionellen Konfliktregelung in Hessen. Deutschlandweit ist die Regionalpla- nung in den Bundesländern zwar unterschiedlich, aber nahezu flächendeckend organi- 176 7.1 Wichtigste Ergebnisse siert. In den windstarken Bundesländern Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Schleswig-Holstein und Niedersachsen besteht hoher Flächendruck. Gesellschaftlich steigt der Bedarf, bereits während der Regionalplanung, frühzeitig politischen Ein- fluss zu nehmen. Auf Landkreis- und Gemeindeebene sind die Wahrnehmungen von Windanlagen, selbst auf engstem geografischem Raum, oft sehr unterschiedlich. Es gibt z.B. innovative Aktivitäten beim Windenergieausbau in einigen Landkreisen Bayerns, in denen die landespolitische 10H Abstandsregelung nicht zum völligen Baustopp geführt hat. Gleichwohl traten auch gut organisierte Proteste rund um Waldflächen und Naturparks bspw. in mehreren Landkreisen in Rheinland-Pfalz auf. Insgesamt werden vor allem kleine Projekte bei transparenter, frühzeitiger und be- ständiger Beteiligung der lokalen Bevölkerung akzeptiert. Besonders negativ wirken mangelnde Erfolgsbeteiligung und ausbleibende Gewerbesteuereinnahmen. Alle er- hobenen Informationen wurden zusammengefasst in der Projektdatenbank abgelegt, Abbildung 7.3 zeigt einen Auszug daraus. Abbildung 7.3: Auszug aus der Projektdatenbank. Beispielregion Südwestpfalz. Quelle: Eigene Darstellung IZT Berlin Aus den Untersuchungsergebnissen geht hervor, dass die für Windenergie bean- spruchte Fläche und die Höhe der betroffenen Bevölkerung besonders relevant für die gesellschaftliche Akzeptanz der Windenergie sind. Deshalb wurden der Anteil mit Windenergie bebauter Fläche im Verhältnis zur Gesamtfläche eines betrachte- ten Landkreises und die Bevölkerungsdichte eines Landkreises als Schlüsselfaktoren definiert. Diese Auswahl hat zwei Vorteile: 1. die Schlüsselfaktoren sind numerisch und können damit für alle Landkreise berechnet werden, 2. die Anzahl ist in einem Modell gut handhabbar. Mathematisch umgesetzt durch die Multiplikation beider Faktoren repräsentieren sie die Belastung oder den Belastungsgrad durch Windener- gie in einem Landkreis. Bei nur geringer Bevölkerungsdichte steigt die Belastung 177 7 Fazit durch zunehmende Flächenanteile, bei hoher Bevölkerungsdichte hingegen steigt die Belastung bereits bei geringen Flächenanteilen. Im Netzbereich bildeten Praxiserfahrungen aus Fallbeispielen die Grundlage der Un- tersuchungen. Hier konnte in 13 Teilabschnitten, der EnLAG Vorhaben 1-6 und des BBPlG-Vorhabens 8, die gesellschaftliche Akzeptanz systematisch erhoben werden. Mithilfe eines umfangreichen Indikatorensystems wurde für jeden der 19 betroffe- nen Landkreise eine Widerstands- und eine Engagementrate bestimmt (Abbildung 7.4). Abbildung 7.4: Geographische Darstellung der Ergebnisse der Widerstands- (linke Grafik) und Engagementrate (rechte Grafik) im Untersuchungsraum. Quelle: Eigene Darstellung IZT Berlin Ermittelt wurden sechs Landkreise mit hohen Widerständen und mittlerem Enga- gement mit Verzögerungszeiten von ca. sechs Jahren bei der Vorhabenrealisierung. Schon geringer, mit vier Jahren, sind die durchschnittlichen Verzögerungszeiten in den zwölf Landkreisen, die zwar mit vergleichbaren Widerständen, aber höherem Engagement bewertet wurden. Parallel dazu wurden mit einer Regressionsanalyse rein statistische Zusammenhänge zwischen Einflussfaktoren gesellschaftlicher Ak- zeptanz und den realen Verzögerungszeiten aller EnLAG-Vorhaben untersucht. Den stärksten Einfluss haben demnach die Faktoren BIP pro Kopf und die Bestandss- tromtrassen. Ziel der Analyse war eine Prognose von Verzögerungszeiten für alle Landkreise anhand der vorliegenden Daten. Berechnet wurden durchschnittlich 4,5 Jahre. Die konkreten Ergebnisse zeigt Abbildung 7.1. Im Osten ergaben sich deutlich höhere Verzögerungsrisiken als im Süden. Da im Süden bisher allerdings weniger Vorhaben realisiert wurden, flossen auch keine Ver- zögerungszeiten in die Analyse ein. Mit einer Kombination der Ergebnisse aus der Fall- und der Regressionsanalyse wurden Verzögerungszeitspannen festgelegt, die auf alle Landkreise Deutschlands übertragen werden konnten. Neben den realen Verzö- gerungszeiten wurden auch Engagementraten für alle deutschen Landkreise erhoben. 178 7.1 Wichtigste Ergebnisse Abbildung 7.5: Verzögerungsprognosen je Landkreis auf Basis des Regressionsmo- dells. Eigene Darstellung IZT Berlin Für die Mehrheit wird mittleres Engagement prognostiziert. Aus Verzögerungspro- gnosen und Engagementraten werden Widerstandsraten für alle Landkreise abgelei- tet, die zur Erstellung von den drei Netzszenarien low, mid und high für alle EnLAG- und BBPlG-Vorhaben genutzt werden. Die geringste Verzögerungszeitspanne mit 0, 2 und 5 Jahren liegt im Szenario low vor, eine mittlere mit 1, 3,5 und 7 Jahren im Szenario mid und die höchste mit 2, 5 und 9 Jahren im Szenario high, dargestellt in Abbildung 7.6. Mithilfe der breiten qualitativen Untersuchungen wurden die zahlreichen sozial- ökologischen Einflussfaktoren auf jeweils eine Dimension gesellschaftlicher Akzep- tanz in den Netz- und Windausbauszenarien reduziert, die in der Energiesystemmo- dellierung nutzbar sind. Für den Netzausbau ist diese Dimension als Zeitverzögerung gegenüber der ursprünglich geplanten Inbetriebnahme definiert, ermittelt aus Wider- stand und Engagement. Beim Windausbau ist diese der Belastungsgrad, berechnet aus dem Produkt von Flächenanteil und Bevölkerungsdichte. Beide Dimensionen sind natürlich nicht direkt mit gesellschaftlicher Akzeptanz gleichzusetzen, sondern Variablen in Energieszenarien, mit denen Effekte simuliert werden können. Nach ih- rer Definition mussten die Dimensionen in Energieszenarien bestimmt werden, d.h. es musste ein Belastungsgrad pro Landkreis festgelegt und die Verzögerungszeiten der Netzszenarien auf alle Netzausbauvorhaben verteilt werden. Anschließend wurden Energiesystemsimulationen bis zum Zieljahr 2050 durchgeführt. Wind- und Netz- szenarien wurden getrennt analysiert, d.h. variiert wurde immer nur eine Dimension 179 7 Fazit Abbildung 7.6: Verzögerungsannahmen pro Vorhaben im Netzszenario high. Quelle: Eigene Darstellung IZT Berlin pro Szenario, damit die Effekte dem Belastungsgrad oder den Zeitverzögerungen zugeordnet werden konnten. Ergebnisse Windenergie Vor den Simulationsrechnungen zum Windausbau konnten, mit der gegebenen Defi- nition, die heutigen Belastungen durch Windenergie in allen Landkreisen berechnet werden. Sie liegen zwischen 0,00 - 7,71 Einwohner/km2. Es zeigt sich, dass 57 % der installierten Gesamtleistung in 85 % aller Landkreise mit Belastungsgrad kleiner 1,00 Einwohner/km2 stehen. 43 % der Leistung steht in nur 15 % aller Landkreise, mit bis zu sechsmal höheren Belastungsgraden. Abbildung 7.7 zeigt die heutigen Be- lastungsgrade durch Windenergie auf Basis der installierten Windleistung im Jahr 2014. Allerdings zeigen die qualitativen Untersuchungen, dass eine hohe Belastung nicht zwangsläufig schlechte Akzeptanz bedeutet. Genauso wenig sind Landkreise mit niedrigen Belastungen frei von Akzeptanzproblemen. Ein einfacher Kausalzusam- menhang zwischen Belastung und Akzeptanz ist nicht nachweisbar, sondern nur sinnvoll mit den qualitativen Untersuchungsergebnissen zu interpretieren. Um Verteilungseffekte auf die Windenergieleistung im Jahr 2050 zu untersuchen, musste für jeden Landkreis ein zukünftiger Belastungsgrad eingesetzt werden. Die- ser sollte alle Landkreise fair belasten, d.h. verfügbare Flächen aller, und nicht nur 180 7.1 Wichtigste Ergebnisse Abbildung 7.7: Ist-Belastungsgrade je Landkreis in Bezug auf Windenergie im Jahr 2014. Quelle: Eigene Darstellung Europa-Universität Flensburg der windstärksten Landkreise für den Ausbau nutzen. Deshalb wurde ein identi- scher Belastungsgrad berechnet, mit dem die Zielleistung von ca. 100 GW im Jahr 2050 erreicht und gleichzeitig auf viele Landkreise verteilt werden kann. Der ermit- telte Belastungsgrad beträgt 1,25 Einwohner/km2. Dieses Szenario wird mit dem verglichen, das nur nach ökonomischen Kriterien definiert ist. Es zeigt sich, dass dieser Ansatz zu einer Umverteilung von Windleistung primär von Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen nach Bayern und Mecklenburg-Vorpommern führt. Trotz des teilweise deutlichen Zubaus blieb der Flächenanteil zur Windenergienutzung in allen Bundesländern bei unter 2 %. Der gewählte Belastungsgrad führt allerdings in zwei Landkreisen Mecklenburg-Vorpommerns zu einem enormen Zubau, was vor allem auf die geringe Bevölkerungsdichte zurückzuführen ist. In Bayern hingegen findet auch eine Umverteilung zwischen den Landkreisen statt. So geht der Zubau in der Hälfe der Landkreise zurück, in den restlichen aber kommt es zu einer er- heblichen Steigerung. Diesen Ergebnissen zufolge, führt selbst ein vergleichsweise niedriger Belastungsgrad in Landkreisen mit geringer Bevölkerungsdichte zu sehr hohen Zubauraten. Diese sind zwar theoretisch möglich, aus heutiger Perspektive gesellschaftlich aber wenig plausibel, denkbar sind Optimierungen per Zubaugren- zen. Prinzipiell gibt es aufgrund der großen potentiellen Flächen für Windenergie in Deutschland, auch bei vollständig erneuerbarer Stromversorgung immer noch enorm viele Möglichkeiten zur Verteilung der Anlagen. Die Herausforderung besteht des- 181 7 Fazit halb darin, plausible regionale Verteilungen zu finden. Hierfür sind die qualitativen Untersuchungsergebnisse eine wichtige Basis. Zukünftig könnten partizipative Ver- fahren auf Simulationsebene die Optimierungen ergänzen, indem z.B. Grenzwerte direkt mit Akteuren der Landkreise festgelegt werden können. Eine deutschlandwei- te Simulation bietet dabei den Vorteil, dass die Auswirkungen von Entscheidungen einer Region direkt in anderen Regionen sichtbar werden. Neben einer einfachen Begrenzung der Flächen durch eine identische Belastung in al- len Landkreisen, wurde zusätzlich untersucht, ob der Ausbau ohne Nutzung von Na- turparkflächen möglich ist. Denn aus den Untersuchungen wurde deutlich, dass die Bebauung von Naturparks immer wieder Grundlage aktiven Widerstandes gegen die Windenergie darstellt. Hier zeigen die Simulationsergebnisse, dass in allen Bundes- ländern (außer dem Saarland), auch nach Abzug der Naturparkflächen noch deutlich mehr Weißfläche als notwendig zur Verfügung steht. Mithilfe der Simulationen wur- de bestätigt, dass die Stromversorgung, also die zeitgleiche Deckung von Angebot und Nachfrage zu jeder Stunde am Tag, in Deutschland bis 2050 mit den definierten Szenarien gewährleistet werden kann. Das bedeutet, auch unter verstärkter Berück- sichtigung der gesellschaftlichen Akzeptanz im Bereich Windenergie, hier bei gleicher Belastung aller Landkreise, und ohne Bebauung weiterer Naturparkflächen ist eine größtenteils erneuerbare Energieversorgung bis 2050 möglich. Insgesamt sind die Unterschiede bei aggregierter Betrachtung von erzeugter Strommenge, Transit und Export im Vergleich zum ökonomischen Szenario gering. Mit der höheren regionalen Auflösung in beiden Szenarien werden die zum Teil deutlichen Unterschiede beim Ausbau in den Landkreisen sichtbar. Entsprechend der höheren Ausbauraten steigen produzierte Strommenge und Export besonders in Mecklenburg-Vorpommern und Bayern. Die Standortverluste aufgrund der Restriktion durch den Belastungsgrad führen verglichen mit dem ökonomischen Szenario mit einer Windstromproduktion von 219 TWh zu einer geringeren Stromproduktion von ca. 17 TWh. Hierfür konn- ten mithilfe von Stromgestehungskosten zwischen 5 - 8 ct/kWh in 2050 spezifische Mehrkosten von 0,16-0,25 ct/kWh (bei einem Stromverbrauch von 518 TWh in 2050) kalkuliert werden. Ergebnisse Netzausbau Aus den Projektergebnissen lässt sich schlussfolgern, dass starkes Engagement, unab- hängig vom zu erwartenden Widerstand, zu einer geringeren Zeitverzögerung führt. Da für die Mehrheit der Landkreise mittleres Engagement ermittelt wurde, können sich je nach Fortentwicklung des Engagements geringe oder hohe Zeitverzögerungen ergeben. Verringert sich das Engagement, drohen in der Mehrheit der Landkreise Zeitverzögerungen von mehr als zwei Jahren. Da in 49 Landkreisen zudem die Ge- fahr starker Widerstände besteht, können leicht Verzögerungen von mehr als fünf 182 7.2 Ausblick Jahren auftreten. Hierbei ist zusätzlich zu bedenken, dass die in den Netzszenarien low, mid und high eingesetzten Zeiten auf heutigen Daten basieren und zukünftig vermutlich höhere Verzögerungen vorkommen werden. Vor allem Erfahrungen aus BBPlG-Vorhaben sind bisher kaum in die Entwicklung der Netzszenarien eingeflos- sen. Da die Mehrheit der Landkreise mittleres Engagement aufweist, lag es nahe zu über- prüfen, ob und wodurch das Engagement gesteigert werden könnte. Hierfür wurde, im Modell, eine umfangreichere Öffentlichkeitsbeteiligung angenommen, wodurch sich die Engagementrate überall erhöhte, allerdings nur in drei Landkreisen soweit, dass sich dadurch niedrigere Verzögerungszeiten ergaben. Dies legt die Vermutung nahe, dass nicht einzelne Maßnahmen sondern Maßnahmenbündel Verzögerungsrisi- ken verringern. In allen drei Netzszenarien waren Simulationen nur bis zum Jahr 2039 notwendig, weil mit dem aktuellen Datensatz bei den höchsten Verzögerungen von neun Jahren im höchsten Verzögerungsszenario die letzte Trasse 2039 in Betrieb ist. Gegenstand der Betrachtung waren die nicht gedeckte Last, der Stromtransit und die konventio- nelle Erzeugung. Bis zum Jahr 2026 bestehen in keinem Szenario Probleme bei der Nachfragedeckung, erst ab 2030 steigt die ungedeckte Last an, vor allem aufgrund des im Szenariorahmen angenommenen Braunkohle- und Atomausstiegs. Insgesamt sind die Unterschiede aller Netzszenarien im Vergleich zum Basisszenario gering. Selbst bei der höchsten Zeitverzögerung können insgesamt bis 2050 nur 2,5 % des Gesamtstrombedarfs nicht gedeckt werden, nur 0,1 Prozentpunkte mehr als im Ba- sisszenario. Am deutlichsten sichtbar sind die Unterschiede bei den Stromtransit- mengen. Hier ist die Menge bei den höchsten Verzögerungen um 46 % höher als im Basisszenario. Im Basisszenario beträgt die von 2015 bis 2039 erzeugte konventionel- le Strommenge 5.158 TWh, im Szenario mit den höchsten Zeitverzögerungen müssen 19 TWh mehr produziert werden. Bereits diese geringe Menge führt in 25 Jahren zu 15 Mio. Tonnen mehr CO2 als im Basisszenario. Die Auswirkungen der Netzszena- rien sind in den berechneten Simulationen zwar vorhanden, aber noch gering. Dies ist auch auf die immer noch sehr optimistischen Annahmen für den Erfolg des Netz- ausbaus in Deutschland zurückzuführen. Demnach treten im Mittel, bis maximal ins Jahr 2039, Verzögerungen von fünf Jahren auf. 7.2 Ausblick Neben den im Projekt untersuchten Schwerpunkten Netzausbau und Wind gibt es weitere zukünftig relevante Technologien, wie Hochspannungsgleichstromleitun- gen (HGÜ-Leitungen), großflächige PV Anlagen (im Ausland auch solarthermische 183 7 Fazit Kraftwerke (CSP)) mit hohem Flächenbedarf. Hinzu kommen zahlreiche Speicher- technologien. Biomasse als flexible erneuerbare Erzeugungstechnologie wird zukünf- tig eine wichtigere Rolle spielen, relevant sind dann vor allem die Substrate Mais und Wildpflanzen. Die entwickelte Methode zur Integration einer sozial-ökologischen Dimension in Form von Verzögerungszeiten pro Landkreis zur Ermittlung von Tras- senverläufen mit niedrigen Verzögerungsrisiken ist übertragbar. Bspw. ist es möglich die Trassenverläufe mit den geringsten möglichen Verzögerungen auf noch nicht ge- plante HGÜ-Vorhaben zu übertragen und diese in die Netzszenarien zu integrieren. Die Verwendung der sozial-ökologischen Dimension Belastungsgrad, wie sie im Pro- jekt in den Szenarien zum Ausbau der Windenergie erfolgte, ist auch auf Solar-, Bio- oder Speichertechnologien übertragbar, da es sich ebenfalls um flächenintensi- ve Technologien handelt. Zusätzlich sollten auch für diese Technologien qualitative Untersuchungen durchgeführt werden, um die berechneten Belastungen gut inter- pretieren zu können. Entscheidend sind plausible Darstellungen von Wechselwir- kungen zwischen den Energieträgern Wind, Sonne, Biomasse und der Infrastruktur. Da die regionale Verteilung Erneuerbarer Leistung und die von Speichertechnologi- en voneinander abhängig sind, beeinflussen Windausbauszenarien bspw. gleichzei- tig den Ausbau zukünftiger Speichertechnologien. Regionen mit hoher Belastung durch Erneuerbare Energien werden dementsprechend zusätzlich durch Speicher be- lastet. Wenn dadurch allerdings weniger Netzausbau notwendig ist, könnten trotz- dem positive Wechselwirkungen zur gesellschaftlichen Akzeptanz möglich sein. Um die Dimension Belastungsgrad in der Szenarienentwicklung des Biomasseausbaus zu verwenden, ist vor allem der Flächenbedarf der eingesetzten Substrate relevant. So könnten beispielsweise maximale Anteile der Gesamtackerfläche für Energiepflanzen festgelegt werden, ggf. auch ein maximaler Anteil speziell für Energiemais, da die- ser in der öffentlichen Wahrnehmung besonders kritisch gesehen wird. Aus diesen und ggf. weiteren Faktoren könnte so ein Belastungsgrad für Biomasse entwickelt werden. Unter Berücksichtigung der sozial-ökologischen Dimensionen bei der Szena- rienentwicklung Erneuerbarer Energien können sich auch neue Notwendigkeiten für den Netzausbau ergeben, da dieser von der regionalen Verteilung der Technologien und Speicher abhängt. Insgesamt wird heute, mit dem Ausbau der Erneuerbaren Energien, bereits ein großer Beitrag zur Reduktion von Kohlendioxid und damit zur Verlangsamung des Klimawandels geleistet. In den letzten Jahren wurden hierbei technologisch und ökonomisch zahlreiche Fortschritte erzielt. Im Technologiebereich, aber vor allem beim Netzausbau wurde in Deutschland zudem eine beispielhafte Partizipationskul- tur etabliert. Erneuerbare Energien kamen aus einer Nische und wurden ökonomisch so erfolgreich, dass heute auch die großen Unternehmen der Energiewirtschaft die Transformation nicht mehr umgehen können. Die dafür erforderlichen langfristigen 184 7.2 Ausblick Strategieentwicklungen basieren auf Modellrechnungen und Simulationen, die in der Politikberatung ein wichtiges Instrument geworden sind. Allerdings zeigen die gesell- schaftlichen Ereignisse, dass Berechnungen allein eine solche Transformation nicht tragen können. Zukünftig sind transdisziplinäre Perspektiven notwendig, die zum einen sozial- und naturwissenschaftliche Erkenntnisse und zum anderen die Erfah- rungen und das Wissen von Praxispartnern aus Gesellschaft, Politik, Bildung und Wirtschaft in die Forschung integrieren. Dementsprechend müssen die beteiligten gesellschaftlichen Akteure Teil des Forschungsprozesses sein. Ihre Problemsichten und ihr Alltags- und Praxiswissen werden mit wissenschaftlichen Problemstellungen und Erkenntnissen zusammengeführt. Mit einer solchen Wissensintegration entsteht das Potential neue wissenschaftliche Erkenntnisse und Fragestellungen und praxis- relevante Handlungs- und Lösungsstrategien zu verbinden, um Aufgaben, wie die einer Transformation des Energiesystems langfristig umzusetzen. Entscheidend bei der Entwicklung des zukünftigen Energiesystems ist nicht, ob die berechneten Werte tatsächlich eintreten, sondern vielmehr ob die beteiligten Akteure soviel gegenseiti- ges Verständnis aufbringen werden, um sich auf eine gemeinsame Strategie einigen zu können. Gesellschaftliche Akzeptanz ist ein Schlüssel für innovative technologische Vorhaben und wirtschaftliche Effizienz. Es geht darum, wieviel vom technisch Mög- lichen, gesellschaftlich umgesetzt wird. Gleichzeitig ist die Bürgerschaft gefordert prinzipielle Widerstände abzubauen und konstruktive Diskussionsräume zu gestal- ten. Jeder Landkreis mit Potentialflächen sollte entscheiden und begründen wieviel Windenergie machbar ist, wenn gleichzeitig die Auswirkungen der eigenen Entschei- dung auf andere Regionen sichtbar werden. Für solche partizipativen Modellierungs- ansätze hat das VerNetzen Projekt erfolgreiche Ansätze formulieren können, deren Weiterentwicklung spannend und notwendig ist. 185 8 Handlungsempfehlungen Die technisch-ökonomische Umsetzung der Energiewende ist möglich, wie zahlrei- che bestehende Energiesystemmodellierungen zeigen. Doch bisher werden qualitati- ve Einflüsse, wie z.B. sozial-ökologische Faktoren der gesellschaftlichen Akzeptanz wenig in solchen Modellen berücksichtigt. Das Ziel des Projekts VerNetzen bestand deshalb darin beide Perspektiven bei der Szenarioentwicklung des deutschen Energie- systems einzunehmen, da eine erfolgreiche Transformation zunehmend von qualitati- ven Faktoren abhängig ist. Methodisch ist die Integration qualitativer Faktoren eine Herausforderung, die transdisziplinäre Ansätze erfordert. Im Projekt ist es gelun- gen, Dimensionen gesellschaftlicher Akzeptanz direkt in ein Energiesystemmodell zu integrieren. Im Rahmen des Projektverlaufes wurden durchgehend Akteure mittels Fokusgruppen, Interviews und Methodenworkshops eingebunden, um partizipativ Lösungsansätze zu entwickeln. Die Teilergebnisse und Endergebnisse wurden in zwei wissenschaftlichen Beiräten, auf einer wissenschaftlichen Konferenz und im Rahmen einer Abschlussveranstaltung präsentiert. Aus den gewonnenen Erkenntnissen wer- den nachfolgend die wesentlichen Handlungsempfehlungen zur Weiternutzung und Fortentwicklung des Ansatzes präsentiert. Verknüpfung von sozial- und ingenieurwissenschaftlicher Forschung und Praxispartnern: Die Integration qualitativer Faktoren erfordert eine Verknüpfung sozial- und ingenieurwissenschaftlicher Forschung. Um eine gemeinsame Verwendung von Forschungsergebnissen zu gewährleisten, ist eine konstruktive Zusammenarbeit notwendig. Dies erfordert von Anfang an eine intensive inhaltliche Kommunikation. Transdisziplinäre Forschungsprojekte sind eine geeignete Plattform, um einen sol- chen Austausch zu organisieren und so die zahlreichen vorliegenden Einzelergebnisse nutzbar zu machen und weiterzuentwickeln. Gleichzeitig ist die frühzeitige Einbin- dung von Praxispartnern wichtig, um die wissenschaftlich erarbeiteten Ergebnisse regelmäßig mit Akteuren aus der Planung, dem Umwelt- und Naturschutz sowie der Zivilgesellschaft zu reflektieren und zu validieren. Entwicklung eines Datenkonzeptes: Erstes Ergebnis einer Zusammenarbeit, sollte ein gemeinsames Verständnis der jeweils vorliegenden Daten und Materialien sowie ihrer Interpretation und Anwendung sein. Gemeint sind damit Ablageformate, Umfang und Aussagekraft der Daten sowie ein Verwaltungskonzept (z.B. in Form einer Datenbank). Auch hier sollte besonderes Augenmerk auf die Einbeziehung der 187 8 Handlungsempfehlungen Praxispartner gelegt werden, die häufig einen nicht wissenschaftlichen Blick auf die Dinge haben. Erkenntnisse aus der Praxis müssen daher meist erst „übersetzt“ wer- den, sind aber wertvolle Daten, die sonst nicht leicht auffindbar sind. Entwicklung eines Ablage- und Verwendungskonzeptes qualitativer Da- ten: Um qualitative Ergebnisse in einer Modellierung verwenden zu können, sollte geprüft werden, inwieweit diese in einheitliche Datenformate überführt werden kön- nen. Dabei soll die Komplexität verringert werden, indem z.B. mit einer Verschlag- wortung Sachverhalte in Kategorien eingeordnet werden. Gleichzeitig sollen so wenig Informationen wie möglich verloren gehen. Daneben empfiehlt sich auch eine Prü- fung, inwiefern vorliegende qualitative Ergebnisse bereits quantifiziert sind. Bspw. kann der Widerstand gegen Windkraft in einzelnen Kommunen mit einer einfachen ja/nein Antwort abgebildet werden. Danach kann geprüft werden, inwiefern weitere Spezifizierungen, wie bspw. Art des Widerstands, nutzbar sind. Ziel sind also so- viele Kategorien wie nötig und so wenig wie möglich. Neben einheitlichen Formaten muss das Datenkonzept erlauben, alle Spezifizierungen abrufen und einsehen zu kön- nen. Nur dann können Modellergebnisse entsprechend auch qualitativ interpretiert werden. Bereitstellung hoch aufgelöster quantitativer Datensätze: Eine möglichst hohe regionale Auflösung der quantitativen Daten gewährleistet einen möglichst ho- hen Nutzungsgrad der qualitativen Daten. Nur so kann z.B. die Höhe der instal- lierten Windleistung innerhalb eines Bundeslandes mit regionalen Problem- oder Vorzeigezonen in Zusammenhang gebracht werden. Hohe Transparenz hinsichtlich Grenzen der Modellrechnungen gewähr- leisten: Obwohl das Ziel darin besteht Dimensionen gesellschaftlicher Akzeptanz in die Modellrechnungen zu integrieren, bestehen methodische Grenzen. Nur aufgrund der enormen Komplexitätsreduktion können überhaupt Entwicklungskorridore mit dem Modell unter Hinzunahme gesellschaftlicher Akzeptanz betrachtet werden. Die- se sind allerdings nicht mit der Realität gleichzusetzen. So kann bspw. eine rechne- risch vergleichbare Belastung durch Windkraft in verschiedenen Landkreisen völlig unterschiedliche Reaktionen hervorrufen. Menschliches Verhalten ist nicht model- lierbar und die Ergebnisse der Modellrechnungen erfordern deshalb immer Interpre- tationen von sozial- und ingenieurwissenschaftlicher Seite und Praxispartnern. Vorteile integrierter Modelle nutzen: Neben allen Schwierigkeiten, begonnen bei der Datenerhebung, —ablage und -verwaltung bis hin zur Interpretation der Er- gebnisse haben integrierte Modelle den entscheidenden Vorteil, die Details der Wirk- lichkeit präziser zu erfassen. Auch wenn die errechneten Korridore der Windleistung und der Verfügbarkeit der Netzkapazitäten breit sind, werden zuvor nicht erfasste Effekte sichtbar. Erkennbar sind beispielsweise Einflüsse von einzelnen Landkreisen 188 beim Ausbau der Windenergie, so dass gezielte Konzepte für Regionen ausgearbeitet werden können. Zudem könnten mit solchen Modellen Ausbauziele auf der Ebene von Landkreisen definiert werden. Innovationspotential integrierter Modelle ausbauen: Neben der Darstellung von Entwicklungsoptionen für die Politikberatung, machen solche integrierten Mo- delle ein ganzheitliches Systemverständnis transportierbar. Auswirkungen gesell- schaftlicher und technischer Effekte könnten direkt simuliert werden. Bspw. könn- ten die, von ingenieurwissenschaftlicher Seite aufgrund technisch-ökonomischer Vor- teile empfohlenen Ausbauziele direkt mit Schwierigkeiten gesellschaftlicher Akzep- tanz verbunden werden. Gleichermaßen könnten sozialwissenschaftliche Falluntersu- chungen hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf das gesamte Energiesystem untersucht werden. Solche Modelle können demzufolge ein transdisziplinäres Arbeitsinstrument werden, um eine ganzheitliche Perspektive auf die Energiewende auszubauen. Dane- ben bieten sie zusätzlich das Potential als Partizipationsinstrument in Kommunen und Landkreisen eingesetzt zu werden. Sie können z.B. lokale Besonderheiten mit Auswirkungen auf das Energiesystem verbinden, wodurch z.B. Ausbauziele wesent- lich konkreter mit den Betroffenen diskutiert werden könnten. Erkenntnisse für die Energiewende Zur Anwendung und Prüfung des methodischen Ansatzes wurden im Projekt einige Simulationen durchgeführt. Aus den beobachteten Effekten können folgende Aussa- gen zum Windausbau abgeleitet werden: • Die Verteilung der Windenergieleistung nach Kriterien gesellschaftlicher Ak- zeptanz führt zu keiner wesentlichen Effizienzverschlechterung bei der Stromer- zeugung. Das bedeutet die ökonomischen Vorteile überwiegen nicht die von gesellschaftlicher Akzeptanz. Es ist daher nicht notwendig einzelne Landkrei- se, aufgrund von hoher Wirtschaftlichkeit, überproportional zu erträglichen Belastungen zu bebauen. • In einem Windausbauszenario mit einer gleichen Belastung aller Landkreise entsteht in den Landkreisen Mecklenburg-Vorpommerns ein erheblicher Leis- tungszubau. Allerdings erfordert das Ziel einer nahezu vollständigen erneuer- baren Stromversorgung in keinem Bundesland Flächenanteile zum Ausbau der Windenergie von mehr als zwei Prozent der Landesfläche. • Der Ausbaus der Windenergie zur vollständigen erneuerbaren Stromversorgung erfordert in keinem Landkreis die Bebauung von Naturparks oder Waldflächen. 189 8 Handlungsempfehlungen • Trotz des Ansatzes der gleichen Belastung ist es fraglich, ob in einigen Land- kreisen die entsprechende Leistung installiert werden kann. Es ist demzufol- ge denkbar, trotz des enormen technischen Potentials, dass die erforderliche Zielgröße für eine vollständig erneuerbare Stromversorgung in Deutschland, aufgrund von gesellschaftlicher Akzeptanz, nicht erreicht werden kann. Aus den beobachteten Effekten können folgende Aussagen zum Netzausbau abgelei- tet werden: • Unabhängig vom erwarteten Widerstand verringert starkes Engagement in den Landkreisen die Verzögerungsrisiken beim Netzausbau. • Aktuell liegt in der Mehrheit aller deutschen Landkreise mittleres Engagement für den Netzausbau vor. Demzufolge ist die Höhe der Verzögerungszeiten auch davon abhängig wie sich das Engagement zukünftig entwickeln wird. • Verschlechtert sich das heute mittlere Engagement in den Landkreisen, können leicht Verzögerungen von mehr als fünf Jahren auftreten. • In die Analysen flossen mehrheitlich Informationen aus den EnLAG-Vorhaben ein. Bei den BBPlG-Vorhaben bestehen vor allem aufgrund ihrer Ausmaße erhebliche Verzögerungsrisiken, die hier noch nicht in die Analysen integriert sind. • Die Ergebnisse der Simulationsrechnungen zeigen, dass mit steigenden Ver- zögerungszeiten vor allem die Stromtransitmengen und die Abschaltung von erneuerbaren Energien zunehmen. • Die Ergebnisse der Simulationsrechnungen zeigen bei steigenden Verzögerungs- zeiten einen verstärkten Einsatz fossiler Kraftwerke, was zu steigenden CO2- Emissionen führt. 190 Literaturverzeichnis [26. BImSchV 2013] 26. BImSchV: Verordnung über elektromagnetische Felder - 26. BImSchV. 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