Diskussionsbeiträge 6 (Internet) ZENTRUM FÜR NACHHALTIGE ENERGIESYSTEME (ZNES) Abteilung Systemintegration Januar, 2015 Nutzen des Klimaschutzes Warum der 5. Sachstandsbericht des IPCC zu kurz greift Gutachten im Auftrag von GERMANWATCH e.V. Globales Bruttosozialprodukt (GBSP) 2050 ohne (RCP8.5) und mit Klimaschutzmaßnahmen (RCP2.6) G B S P i n B il li o n e n E u ro 0 40 80 120 160 2010 2020 2030 2040 2050 47,4 47,447,4 131,8 47,4 137,7 47,4 149,0 47,4 154,1 Gloables BSP (GBSP) ohne Klimawandel GBSP mit Klimaschutz GSBP minus Klimaschäden GBSP minus Klima- und Gesundheitsschäden GBSP 2010 Nutzen des Klimaschutzes Warum der 5. Sachstandsbericht des IPCC zu kurz greift - 1 - Autor: Prof. Dr. Olav Hohmeyer Europa-Universität Flensburg Zentrum für nachhaltige Energiesysteme (ZNES) Energie- und Umweltmanagement Interdisziplinäres Institut für Umwelt-, Sozial- und Humanwissenschaften Munketoft 3b 24937 Flensburg Internet: www.znes-flensburg.de Flensburg, Januar 2015 Diskussionsbeiträge 6 ISSN: 2192-4597 (Internetversion) Nutzen des Klimaschutzes Warum der 5. Sachstandsbericht des IPCC zu kurz greift - 1 - 0 Inhalt 0 Inhalt .............................................................................................................................................. 1 1 Executive Summary ................................................................................................................... 2 1.1 Das Problem ................................................................................................................................... 2 1.2 Ziel dieses Diskussionspapiers ....................................................................................................... 3 1.3 Ergebnisse der Untersuchung ........................................................................................................ 3 1.4 Handlungsempfehlung ................................................................................................................... 5 2 Ergebnisse des IPCC zu den Kosten des Klimaschutzes ............................................... 6 2.1 Die vom IPCC verwendeten Emissionsszenarien ........................................................................... 6 2.2 Kosten der Reduktion von Treibhausgasemissionen ................................................................... 10 2.3 Kosten der Anpassung an Klimaveränderungen .......................................................................... 14 2.4 Monetarisierte Nutzen des Klimaschutzes .................................................................................. 15 3 Wie kann der Nutzen des Klimaschutzes monetarisiert werden? ........................ 17 4 Vergleich der Kosten und Nutzen des Klimaschutzes ................................................ 22 4.1 Vergleich der Klimaschutzkosten mit den direkten Klimaschutznutzen ..................................... 22 4.2 Indirekte Klimaschutznutzen ....................................................................................................... 25 5 Die notwendige Transformation zu einschneidendem Klimaschutz ................... 26 5.1 Wichtige Elemente der Transformation ...................................................................................... 27 5.2 Ökonomische Chancen der Transformation ................................................................................ 28 6 Literatur ..................................................................................................................................... 34 Nutzen des Klimaschutzes Warum der 5. Sachstandsbericht des IPCC zu kurz greift - 2 - 1 Executive Summary Im Herbst 2013 und Frühjahr 2014 hat das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) die ersten drei Teilberichte seines fünften großen Sachstandsbericht vorgelegt. Hierin berichtet das IPCC über den neusten Stand der Wissenschaft zu vier großen Problemkomplexen des vom Menschen verursachten globalen Klimawandels. Im Bericht der Arbeitsgruppe I des IPCC werden die Erkenntnisse aus den physischen Klimawissenschaften zusammengefasst (IPCC 2013), die aufzeigen, wie stark der Mensch durch seine Treibhausgasemissionen das globale Klima verändert. Im Bericht der Arbeitsgruppen II des IPCC werden die neusten Erkenntnisse über die Auswirkungen der vom Menschen verursachten Klimaveränderungen in den verschiedensten Lebensbereichen und Weltregionen sowie die Möglichkeiten referiert, durch gezielte Anpassungsmaßnahmen die Auswirkungen des Klimawandels abzumildern (IPCC 2014). Im Bericht der Arbeitsgruppe III wird der neuste Erkenntnisstand über die Möglichkeiten zusammengefasst, die einschneidendsten Auswirkungen des Klimawandels über mehr oder weniger drastische Senkungen der vom Menschen verursachten Treibhausgasemissionen zu vermeiden (IPCC 2014a). Im Herbst 2014 wurde die Zusammenfassung aller drei Berichte in einem sogenannten Synthesebericht vom Plenum des IPCC verabschiedet. In der Quintessenz weist der neue IPCC Bericht darauf hin, dass sich die Menschheit mit großen Schritten dem Punkt nähert, ab dem es fast unmöglich wird, den Klimawandel so weit zu begrenzen, dass katastrophale Auswirkungen noch vermieden werden können (IPCC 2013, S.19). Der Bericht unterstreicht die dringende Notwendigkeit für einschneidende globale Reduktionen der vom Menschen verursachten Treibhausgasemissionen (IPCC 2013, S.27f). 1.1 Das Problem Obwohl sich die Autoren der drei Teilberichte des 5. Sachstandsberichts aufrichtig bemühen, den neusten Stand der Wissenschaft zu der von ihnen bearbeiteten Teilfrage zusammenzutragen und konzentriert darzustellen, bekommt das vermittelte Gesamtbild des Klimaproblems durch eine wesentliche Auslassung eine erhebliche Schieflage. Diese rührt aus den durch das Plenum des IPCC festgelegten inhaltlichen Strukturen der drei Berichte. Während sowohl der Bericht der Arbeitsgruppe III ausführlich die Kosten der verschiedenen Reduktionsstrategien für Treibhausgasemissionen diskutiert und darstellt und auch die Arbeitsgruppe II die Kosten von Anpassungsmaßnahmen an den Klimawandel ausführlich behandelt, werden die Nutzen des Klimaschutzes durch vermiedene schwerwiegende Auswirkungen des Klimawandels von der Arbeitsgruppe II in der Regel nur qualitativ diskutiert oder in physischen Effekten quantifiziert. Selten finden sich in den mehr als tausend Seiten des Berichts der Arbeitsgruppe II Hinweise darauf, welche ökonomischen Ausmaße die Schäden annehmen werden, wenn der Klimawandel nicht aufgehalten wird. Wie auch schon im vierten Sachstandsbericht des IPCC entsteht so leicht der Eindruck, dass Klimaschutz x% Wachstum kostet und auch die Anpassung an Klimaveränderungen zu hohen volkswirtschaftlichen Kosten führen wird und diese Kosten die nicht näher bezifferten Nutzen des Klimaschutzes deutlich übersteigen. Dieser Eindruck ist definitiv falsch und sollte in keinem Fall entstehen, da er dazu führen kann, dass Politiker nicht entschieden handeln, um den Klimawandel einzudämmen und auch erhebliche Teile der Öffentlichkeit nicht von der Notwendigkeit des Klimaschutzes überzeugt werden können. Nutzen des Klimaschutzes Warum der 5. Sachstandsbericht des IPCC zu kurz greift - 3 - 1.2 Ziel dieses Diskussionspapiers Es ist das Ziel dieses Diskussionsbeitrags aufzuzeigen, dass es möglich ist, trotz der erheblichen Unsicherheiten bei der monetären Abschätzung der Nutzen des Klimaschutzes, diesen zu beziffern und den Kosten des Klimaschutzes gegenüberzustellen. Dabei wird nicht verkannt, dass die Monetarisierung der Nutzen des Klimaschutzes viele qualitative Aspekte der vom IPCC zusammengetragenen Informationen über die verschiedenen Folgeschäden des Klimawandels nicht erfassen kann. Darüber hinaus ist zu beachten, dass die unausweichlich in die Monetarisierung einfließenden gesellschaftlichen Werturteile zu einer großen Bandbreite monetärer Ergebnisse für den selben Schaden führen können. Da weder die allgemeine Öffentlichkeit noch die handelnden Politiker komplexe qualitative Information verarbeiten und mit einfachen monetären Ergebnissen vergleichen, ist eine monetäre Bewertung möglicher Klimaschäden notwendig. Nur im direkten Vergleich der Kosten des Klimaschutzes mit den durch diesen Klimaschutz vermeidbaren Klimaschadenskosten wird diesen Betrachtern klar, dass sich auch ein anspruchsvoller Klimaschutz, der die schwerwiegendsten Klimafolgen vermeidet, volkswirtschaftlich rechnet. Erst im direkten monetären Vergleich zeigt sich, dass einer Einbuße von wenigen Prozent Wirtschaftswachstum durch die Ausgaben für Klimaschutz ein deutlich höherer Nutzen durch vermiedene Klimaschäden gegenüber steht. 1.3 Ergebnisse der Untersuchung Die Untersuchung zeigt, dass es bei einer Einigung über grundlegende Werturteile möglich ist, den monetären Nutzen eines entschiedenen Klimaschutzes genau so gut abzuschätzen, wie die Kosten der erforderlichen Klimaschutzmaßnahmen. Für Deutschland liegt mit der Methodenkonvention zur Schätzung externer Umweltkosten (UBA 2012) ein wissenschaftlich sehr gut fundierter Vorschlag für die notwendigen Werturteile vor, der die in der deutschen und westeuropäischen Gesellschaft vorherrschenden Vorstellungen mit dem Gleichheitsgrundsatz der UN-Menschenrechtskonvention zusammenführt und hieraus entsprechende Klimaschadenskosten für einen ungebremsten Klimawandel ableitet. Für das Jahr 2050 kommt das Umweltbundesamt zu einem mittleren Wert von 260 €2010/tCO2eq, während die in der kürzeren Frist bis 2030 entstehenden Klimaschadenskosten auf ca. 145 €2010/tCO2eq veranschlagt werden(UBA 2014, S.7). Auf der Basis der vom Umweltbundesamt vorgeschlagenen monetären Werts und der Angaben des IPCC zu den für das Jahr 2050 bei ungehemmter Entwicklung (RCP8.5) anzunehmenden Treibhausgasemissionen kann ein entschiedener Klimaschutz, der das 2°C-Limit einhält (entsprechend dem Szenario RCP2.6), Klimafolgeschäden in Höhe von ca. 16 Billionen Euro verhindern. Nach Angaben der Arbeitsgruppe III des IPCC kostet eine solche Klimaschutzstrategie etwa 5 Billionen Euro (berechnet aus den Angaben des IPCC, IPCC 2014a, S.47). Wie Abbildung 1 zeigt, ordnen sich die von der Arbeitsgruppe III des IPCC ausgewiesenen Kosten für einen durchgreifenden Klimaschutz in eine Wirtschaftsentwicklung ein, die bis zum Jahr 2050 ohne jeden Klimawandel ein Weltbruttosozialprodukt von ca. 154 Billionen Euro erwarten ließe. Durch die notwendigen Klimaschutzmaßnahmen zur Einhaltung des 2°C-Limits reduziert sich dieses hypothetische globale Bruttosozialprodukt (GBSP) auf ca. 149 Billionen Euro. Verzichtet man auf diese Klimaschutzmaßnahmen reduziert sich das GBSP knapp 138 Billionen Euro aufgrund der Nutzen des Klimaschutzes Warum der 5. Sachstandsbericht des IPCC zu kurz greift - 4 - auftretenden Klimafolgeschäden. Zieht man zusätzlich ins Kalkül, dass ohne die Klimaschutzmaßnahmen erhebliche zusätzliche Schäden besonders durch die Emissionen von Luftschadstoffen auftreten, so ist ohne Klimaschutz mit weiteren Umwelt- und Gesundheitskosten von knapp 6 Billionen Euro zu rechnen. Das GBSP liegt ohne Klimaschutz 2050 damit nur bei ca. 132 Billionen Euro und damit um mehr als 10% unter dem GBSP bei konsequentem Klimaschutz. Hierbei ist eine eventuelle Erhöhung des Bruttosozialprodukts durch die Reparatur von Klimaschäden berücksichtigt. Aus der Perspektive europäischer Wertvorstellungen und auf der Basis der Werte der UN- Menschenrechtscharta von Gleichheit und Gerechtigkeit ist ein durchgreifender Klimaschutz auch aus ökonomischer Sicht dringend anzuraten, da sein Nutzen bereits im Jahr 2050 bei mehr als dem Dreifachen der Kosten liegt. Abbildung 1: Entwicklung des globalen Bruttosozialprodukts mit und ohne Klimaschutz (Eigene Berechnungen auf der Basis IPCC 2014a und UBA 2012) Die Einhaltung des 2°C-Limits zur Vermeidung katastrophaler Auswirkungen des vom Menschen verursachten Klimawandels erfordert schnelles und entschiedenes Handeln. Wirkungsvoller Klimaschutz bedarf einer grundlegenden Transformation unserer Wirtschaftsweise besonders in drei Teilbereichen, im Bereich der Entwicklungsstrategien für schnell wachsende Mega-Städte, im Bereich der Landnutzung und vor allem im Bereich der Energieversorgung. Diese in den Berichten der Global Commission on the Economy and Climate (2014) und des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderung (WBGU 2011 und 2014) charakterisierte Globales Bruttosozialprodukt (GBSP) 2050 ohne (RCP8.5) und mit Klimaschutzmaßnahmen (RCP2.6) G B S P i n B il li o n e n E u ro 0 40 80 120 160 2010 2020 2030 2040 2050 47,4 47,447,4 131,8 47,4 137,7 47,4 149,0 47,4 154,1 Gloables BSP (GBSP) ohne Klimawandel GBSP mit Klimaschutz (RCP2.6) GSBP minus Klimaschäden (RCP8.5) GBSP minus Klima- und Gesundheitsschäden (RCP8.5) GBSP 2010 Nutzen des Klimaschutzes Warum der 5. Sachstandsbericht des IPCC zu kurz greift - 5 - Transformation führt zu erheblichen positiven ökonomischen Effekten und kann zum Treiber eines klimafreundlichen Wachstums der nächsten Jahrzehnte werden. Entschiedener Klimaschutz rechnet sich nicht nur, sondern er kann auch zum entscheidenden Wachstumsmotor der Zukunft werden. Durchfreifender Klimaschutz ist mit Sicherheit eine der lohnendsten Investition in unsere Zukunft. 1.4 Handlungsempfehlung Aus den Ergebnissen der Untersuchung ergibt sich, dass neben humanitären und moralischen Gründen auch ökonomischen Gründe dafür sprechen, so schnell wie möglich eine entschiedene Klimaschutzstrategie umzusetzen, um extremen ökonomischen Schaden abzuwenden und alles daran zu setzen, das von der Weltgemeinschaft beschlossene 2°C-Limit zu erreichen. Das vom IPCC entwickelte Szenario RCP2.6 und die damit verbundenen bis zum Jahr 2100 noch möglichen Emissionsmengen von ca. 290 Gt Ceq (IPCC 2013, S.103) können und müssen somit zur Grundlage aller weiteren Klimapolitik gemacht werden. Vor diesem Hintergrund gilt es möglichst rasch wirkungsvolle Maßnahmen zur durchgreifenden Reduktion der weltweiten Treibhausgasemissionen zu ergreifen und die sich bietenden wirtschaftlichen und technologischen Chancen einer grundlegenden Transformation der Weltwirtschaft zu nutzen, um die notwendigen Emissionsreduktionen mit dem für viele Länder erforderlichen Wirtschaftswachstum in Einklang zu bringen. Besonders im Bereich der Energieeffizienz und der Umstellung auf eine regenerative Energieversorgung bieten sich vielfältige Chancen, die ein großes Emissionsreduktionspotential aufweisen. Nutzen des Klimaschutzes Warum der 5. Sachstandsbericht des IPCC zu kurz greift - 6 - 2 Ergebnisse des IPCC zu den Kosten des Klimaschutzes Im Folgenden soll zunächst zusammengefasst werden, welche Kosten des Klimaschutzes und der Anpassung an den Klimawandel der 5. Sachstandsbericht des IPCC berichtet. Darüber hinaus wird thematisiert, wie der 5. Sachstandsbericht über die zu erwartenden Klimaschäden diskutiert. 2.1 Die vom IPCC verwendeten Emissionsszenarien Das IPCC geht davon aus (vgl. IPCC 2014a, S.19), dass die atmosphärische Konzentration der Treibhausgase, die im Jahr 2010 bei ca. 400 ppm CO2eq gelegen hat, ohne Klimaschutzmaßnahmen bis 2030 auf über 450 ppm und bis zum Jahr 2100 auf 750 bis über 1300 ppm CO2eq steigen wird. Dies bedeutet, dass die kumulierten Treibhausgasemissionen ab 2010 bis zum Jahr 2030 bei über 700 Milliarden Tonnen (Gt CO2eq), bis 2050 bei über 1.500 und bis 2100 bei deutlich über 4.000 Gt CO2eq liegen werden (IPCC 2014a, S.19). Diese Entwicklung der Emissionen würde bis zum Jahr 2100 zu einem Temperaturanstieg von 4-5°C gegenüber dem Vorindustriellen Niveau führen (vgl. Tabelle 1 unten). Um die Auswirkungen verschiedener zukünftiger Entwicklungen der Treibhausgasemissionen systematisch untersuchen zu können, hat das IPCC einen Satz von Emissionsszenarien definiert, die allen Analysen des 5. Sachstandsberichts zu Grunde liegen. Diese sogenannten repräsentativen Konzentrationsentwicklungspfade (representative concentration pathways oder RCPs) werden nach der Energieerhöhung im Klimasystem (radiative forcing) in W/m2 Erdoberfläche bezeichnet, die gegenüber dem Stand vor der industriellen Revolution bis zum Jahr 2100 verursacht wird. Bis 2010 belief sich die vom Menschen verursachte Erhöhung auf ca. 2,3 W/m2 (vgl. IPCC 2013, S.12). Die untersuchten Szenarien reichen von RCP 2,6 bis RCP 8,5. Diese Szenarien entsprechen Treibhausgaskonzentrationen von 450 bis über 1.000 ppm CO2eq. Tabelle 1 aus dem Bericht der Arbeitsgruppe III des IPCC zeigt, zu welchen Temperaturerhöhungen verschiedene Szenarien bis zum Ende des 21. Jahrhunderts mit bestimmten Wahrscheinlichkeiten führen werden. Um schwerwiegende Auswirkungen des Klimawandels zu vermeiden, gehen Experten in der Regel davon aus, dass der Temperaturanstieg gegenüber dem vorindustriellen Niveau auf ca. 2°C begrenzt werden muss. Da es sich bei diesen Auswirkungen um hunderte verschiedener Effekte handelt, bedient sich das IPCC eines Diagramms, das zeigt, wie in Abhängigkeit von der globalen Temperaturveränderung die Schäden in verschiedenen Bereichen steigen (vgl. Abb. 2). Aus diesem Diagramm ist bereits nachvollziehbar, dass ab einer Temperaturerhöhung um ca. 2°C mit erheblichen Klimafolgeschäden zu rechnen ist. Gleichzeitig zeigt die Abbildung anhand der Szenarien RCP2.6 und RCP8.5 wie dramatisch sich die Auswirkungen zwischen einer Entwicklung ohne Klimaschutzmaßnahmen (RCP8.5) und einer durchgreifenden Klimaschutzpolitik (RCP2.6) bereits bis zum Ende dieses Jahrhunderts unterscheiden werden. Die Entwicklung im Szenario RCP8.5 zeigt auch, dass sich bei einem solchen Verlauf die Temperatur zum Ende des Jahrhunderts noch nicht bei einem Plus von gut 4°C stabilisiert, sondern bedrohlich weiter steigt. Im Gegensatz dazu kann eine Entwicklung entsprechend dem Szenario RCP2.6 bereits um die Mitte des Jahrhunderts zu einem Ende des Temperaturanstiegs führen. Nutzen des Klimaschutzes Warum der 5. Sachstandsbericht des IPCC zu kurz greift - 7 - Tabelle 1: Wichtigste Charakteristika der Szenarien des IPCC nach Treibhausgaskonzentrationsniveaus (IPCC 2014a, S.54) Nutzen des Klimaschutzes Warum der 5. Sachstandsbericht des IPCC zu kurz greift - 8 - Abbildung 2: Schadensdiagramm des IPCC, mögliche Temperaturentwicklung und die Wahrscheinlichkeit schwerer Schäden in fünf verschiedenen Schadensbereichen (IPCC 2014, S. 13) Zusätzlich stellt die Arbeitsgruppe II in ihrem Bericht dar, wie sich die Entwicklung großer Einzelrisiken in Abhängigkeit vom Temperaturanstieg bis zum Ende des Jahrhunderts verhalten wird. Aus dem in Abbildung 3 wiedergegebenen Beispiel ist klar ersichtlich, dass diese Risiken bei einem Temperaturanstieg von deutlich über 2°C erhebliche Ausmaße annehmen und auch durch Anpassungsmaßnahmen nicht mehr abgefangen werden können. Nutzen des Klimaschutzes Warum der 5. Sachstandsbericht des IPCC zu kurz greift - 9 - Abbildung 3: Entwicklung von Schlüsselrisiken des Klimawandels bis zum Ende des 21. Jahrhunderts in Abhängigkeit von den verursachten Temperaturveränderungen (Auszug aus IPCC 2014, S. 64, Table TS.4) Nutzen des Klimaschutzes Warum der 5. Sachstandsbericht des IPCC zu kurz greift - 10 - 2.2 Kosten der Reduktion von Treibhausgasemissionen Das IPCC quantifiziert vor allem die Kosten des Klimaschutzes im Bericht der Arbeitsgruppe III. Die Arbeitsgruppe weist ausdrücklich darauf hin, dass die abgeschätzten Kosten nicht den Nutzen des Klimaschutzes durch die Reduktion von Klimaschäden beinhalten ‚Further, these costs do not capture the benefits of reducing climate change impacts through mitigation’ (IPCC 2014a, S. 59). Da sich die Ergebnisse der verschiedenen Modelle zu den Klimaschutzkosten oftmals deutlich unterscheiden, gibt das IPCC Bandbreiten für die Kosten an. Gemessen wird jeweils, um wie viel höher die Kosten im Vergleich zu einer Basisentwicklung ohne Klimaschutzmaßnahmen sind. Hierbei sind die Kosten für durchgreifende Klimaschutzmaßnahmen im Szenario RCP2.6, entsprechend einer Treibhausgaskonzentration von 430-480 ppmCO2eq in den Jahren 2030, 2050 und 2100, sehr viel höher als die Kosten sehr moderater Klimaschutzstrategien, die lediglich eine Treibhausgaskonzentration von 650-720 ppmCO2eq (RCP4.5 oberer Bereich, vgl. Tabelle 1) sicherstellen oder als die Kosten einer Strategie ohne Klimaschutz (in etwa RCP8.5). Die Klimaschutzkosten werden in unterschiedlichen Modellen mit verschiedenen Maßstäben (Metriken) gemessen, daher berichtet das IPCC in seinem Bericht die Kosten nach drei verschiedenen Metriken (Reduktion im Bruttoinlandsprodukt (BIP), Reduktion des möglichen Konsums und Vermeidungskosten). Diese werden jeweils als Prozentsatz des BIP des Bezugsjahres ausgedrückt. Abbildung 4 zeigt die Konsumreduktionen gegenüber dem Basisszenario ohne Klimaschutz durch sechs verschiedene Klimaschutzszenarien. Abbildung 4: Klimaschutzkosten verschiedener Szenarien gemessen als prozentuale Konsumreduktion gegenüber einem Basisszenario ohne Klimaschutz (IPCC 2014a, S.450) Die Zahl unter den Balken ist die Zahl der jeweils einbezogenen Szenarien. Die Zahl an der Spitze der Balken zeigt die Zahl der Szenarien außerhalb des angegebenen Bereichs. Nutzen des Klimaschutzes Warum der 5. Sachstandsbericht des IPCC zu kurz greift - 11 - Szenarien, die zu einer Begrenzung der Treibhausgaskonzentrationen im Bereich von 430-480 ppmCO2eq führen und damit eine sehr gute Chance (66-100%) haben, den Temperaturanstieg bis zum Jahr 2100 auf weniger als 2°C zu begrenzen, führen bis zum Jahr 2030 zu einer Reduktion des möglichen Konsums um 1-4%, bis 2050 um 2-6% und bis 2100 um 3-11% (IPCC 2014a, S.449). Die Mittelwerte für diese Jahre liegen jeweils bei ca. 1,8, 3,35 und 4,8% des jeweiligen Konsums. Der Rückgang des Bruttoinlandsprodukts liegt in einer ganz ähnlichen Größenordnung wie Abbildung 5 zeigt. Die Zahlen sind nicht vollständig vergleichbar, da es sich hierbei nicht um exakt übereinstimmende Grundgesamtheiten an Modellen und Szenarien handelt. Abbildung 5: Klimaschutzkosten verschiedener Szenarien gemessen als prozentuale Reduktion des Bruttoinlandsprodukts gegenüber einem Basisszenario ohne Klimaschutz (IPCC 2014a, S.450) Die Zahl unter den Balken ist die Zahl der jeweils einbezogenen Szenarien. Die Zahl an der Spitze der Balken zeigt die Zahl der Szenarien außerhalb des angegebenen Bereichs. Bei einer Aggregation der Klimaschutzkosten über den gesamten Zeitraum 2015-2100 und einer von den Autoren des IPCC Berichts vorgenommenen Abdiskontierung mit 5% auf einen einheitlichen Barwert zeigt sich, dass die prozentualen Reduktionen im Bereich des Konsums ganz ähnlich liegen, wie die Reduktionen im Bereich des Bruttoinlandsprodukts, während die reinen (eher technisch abgeschätzten) Emissionsvermeidungskosten bei weniger als der Hälfte der Kosten liegen, die auch die volkswirtschaftlichen Kosten von Klimaschutzmaßnahmen durch Produktionskostenerhöhungen und verdrängten Konsum berücksichtigen (vgl. Abb. 6 unten). Die Autoren des IPCC Berichts weisen darauf hin, dass die verwendeten Modelle bei der Berechnung der Reduktion des Konsums gleichzeitig davon ausgehen, dass der Gesamtkonsum im Basisfall bis zum Jahr 2050 um den Faktor 2 bis 4,5 und bis zum Jahr 2100 um den Faktor 4 bis 10 wächst. Die Reduktion des Konsums bis zum Jahr 2050 um 2-6% ordnet sich so in einen gesamt auf 200 bis 450% gewachsenen Konsum ein, der Nutzen des Klimaschutzes Warum der 5. Sachstandsbericht des IPCC zu kurz greift - 12 - sich durch einschneidende Klimaschutzmaßnahmen zur Sicherstellung des 2°C-Limits auf ca. 198% bis 444% reduziert (Eigene Berechungen auf der Basis der Angaben aus IPCC 2014a, S.449). Abbildung 6: Vergleich der kummulierten Klimaschutzkosten (Barwert mit einem Diskontierungszinsatz von 5%) gemessen als Konsumreduktion, Reduktion des BIP und als Emissionsreduktionskosten (IPCC 2014a, S.450) Wie Abbildung 7 veranschaulicht, vermittelt der Bericht der Arbeitsgruppe III den Eindruck, dass durchgreifender Klimaschutz (mit einer Stabilisierungskonzentration von 430 – 480 ppm CO2eq) hohe volkswirtschaftliche Kosten verursacht und ein moderater Klimaschutz (650 – 720 ppm CO2eq) zu sehr viel niedrigeren Kosten führt, da einfach nur berechnet wird, welche zusätzlichen Kosten durch den Klimaschutz entstehen und wie diese das globale Bruttosozialprodukt verringern. Verwendet man die mittleren Annahmen der Berechnungen so wächst das globale Bruttosozialprodukt ohne Klimaschutzmaßnahmen (RCP8.5) von 47,7 Billionen Euro2010 im Jahr 2010 auf gut 154 Billionen Euro2010 im Jahr 2050. Dieser Wert wird durch die in Abbildung 6 wiedergegebenen Ergebnisgraphiken des IPCC für eine Entwicklung ohne Klimaschutz entsprechend dem Szenario RCP8.5 suggeriert. Auch der verbale Hinweis im Text, dass dieser Wert die möglicherweise entstehenden Klimaschadenskosten nicht berücksichtigt, ändert den optisch erzeugten Eindruck nicht. Der berechneten Entwicklung des globalen Bruttosozialprodukts ohne Klimaschutz werden die Kosten eines durchgreifenden Klimaschutzes gegenübergestellt, der die Treibhausgaskonzentration auf 430-480 ppm CO2eq begrenzt. Verwendet man wieder die mittleren Annahmen des IPCC um diese Klimaschutzkosten für 2050 zu beziffern, so verringert sich das globale Bruttosozialprodukt um 5,1 Billionen Euro2010 auf 149 Billionen Euro2010 im Jahr 2050. Abbildung 7 veranschaulicht diese Entwicklung. Nutzen des Klimaschutzes Warum der 5. Sachstandsbericht des IPCC zu kurz greift - 13 - Um ein vollständiges Bild der Kosten und Nutzen des Klimaschutzes zu liefern, müssten die Klimaschadenskosten beziffert werden, die im Fall eines fehlenden Klimaschutzes entstehen. Die Arbeitsgruppe III des IPCC bleibt diesen Vergleich aber auftragsgemäß schuldig, da die Staatengemeinschaft im Plenum des IPCC diese Aufgabe der Arbeitsgruppe II zugewiesen hat. Abbildung 7: Entwicklung des globalen Bruttosozialprodukts bis 2050 mit (RCP2.6) und ohne Klimaschutzmaßnahmen (RCP8.5) nach IPCC 2014a (eigene Berechnungen auf der Basis IPCC WG III 2014) G B S P i n B il li o n e n E u ro 0 40 80 120 160 2010 2020 2030 2040 2050 47,4 47,447,4 149,0 47,4 154,1 Hypothetisches gloables BSP (GBSP) ohne Klimawandel GBSP mit Klimaschutz (RCP2.6) GBSP 2010 Nutzen des Klimaschutzes Warum der 5. Sachstandsbericht des IPCC zu kurz greift - 14 - 2.3 Kosten der Anpassung an Klimaveränderungen Im Kapitel des Berichts der Arbeitsgruppe II des IPCC zur Frage der Wirtschaftlichkeit von Anpassungsmaßnahmen an den Klimawandel(IPCC 2014, S. 944-966) werden die Ergebnisse unterschiedlicher Studien zusammengetragen, die in der Regel einen Zeithorizont bis 2050 betrachten. Wie Tabelle 2 zeigt, liegen die ausgewiesenen jährlichen Anpassungskosten im Jahr 2050 in der Größenordnung von 28 bis 109 Milliarden US Dollar pro Jahr. Tabelle 2: Überblick über die Ergebnisse verschiedener Studien zu den Anpassungskosten an den Klimawandel mit einem Zeithorizont bis zum Jahr 2050 (IPCC 2014, S. 959) Auch wenn die Studien von UNFCCC und Weltbank zu ähnlichen Gesamtergebnissen kommen, so unterscheiden sich die Kostenschätzungen für die betrachteten Einzelbereiche zum Teil erheblich, wie Abbildung 8 zeigt. Die Autoren der Arbeitsgruppe II des IPCC stellen zum einen fest, dass die bisher vorliegenden Abschätzungen der Anpassungskosten noch sehr vorläufig sind, sie aber darauf hindeuten, dass bis zum Jahr 2050 ein sehr hoher Bedarf für finanzielle Transfers in Entwicklungsländer bestehen wird, der mit ca. 70-100 Milliarden Dollar pro Jahr um Größenordnungen über der derzeitigen Ausstattung internationaler Fonds im Klimaschutzbereich liegt (IPCC 2014, S. 959). Im amerikanischen Sprachgebrauch entspricht eine ‚billion’ einer Milliarde. Im Vergleich zu den von der Arbeitsgruppe III ausgewiesenen Klimaschutzkosten von ca. 5 Billionen (5.000 Milliarden) Euro2010 im Jahr 2050 nehmen sich diese Zahlen allerdings eher bescheiden aus. Nutzen des Klimaschutzes Warum der 5. Sachstandsbericht des IPCC zu kurz greift - 15 - Abbildung 8: Vergleich der sektoralen Ergebnisse der Studie der Weltbank und der UNFCCC zu den Klimavermeidungskosten in Entwicklungsländern im Jahr 2050 (IPCC 2014, S. 960) 2.4 Monetarisierte Nutzen des Klimaschutzes Im Bericht der Arbeitsgruppe II des IPCC ziehen sich die Autoren auf die Position zurück, dass eine Würdigung der Schäden durch den Klimawandel über eine ökonomische Bewertung hinausgehen muss und entwickeln Entscheidungsunterstützungsstrategien (decision support), die komplexe Entscheidungen unter Unsicherheit unterstützen sollen (vgl. IPCC 2014, S. 195-217). Zu möglichen Schadenskosten werden im Bericht nur vereinzelt Zahlen genannt. In der Summary for Policy Makers taucht dann ein ausdrücklich als unvollständige Schätzung bezeichneter Bereich auf, der mögliche Schäden für eine Erhöhung der globalen Temperatur um 2°C auf 0,2 – 2% des (wohl globalen) Einkommens beziffert (IPCC 2014, S.19). Es wird ausdrücklich hervorgehoben, dass diese Zahlen nicht belastbar sind, eine Vielzahl wichtiger Schäden nicht beinhalten und auf umstrittenen Annahmen beruhen. Der Bericht der Arbeitsgruppe II verzichten darauf, zu den Kosten des Klimaschutzes der Arbeitsgruppe III vergleichbare Zahlen zu liefern (vgl. IPCC 2014a, S.450). Auf der anderen Seite macht der Bericht der Arbeitsgruppe II durchaus Angaben zu den Kosten möglicher Anpassungsstrategien (IPCC 2014, S. 959f). Auch wenn der Grundüberlegung und Vorgehensweise der Autoren der Arbeitsgruppe II aufgrund der schwierigen Datenlage und der notwendigen Werturteile im Prinzip zugestimmt werden muss, so führt diese Vorgehensweise doch dazu, dass dem Leser der einzelnen IPCC Berichte auf der einen Seite hohe Kosten für den Klimaschutz präsentiert werden, während er auf der anderen Seite extrem niedrige Schadenskosten vorgesetzt bekommt, die weit unter den Kosten liegen, die ein Nutzen des Klimaschutzes Warum der 5. Sachstandsbericht des IPCC zu kurz greift - 16 - entschiedener Klimaschutz vermeiden kann. Dies führt bei allen gut gemeinten Versuchen, die Diskussion über die Auswirkungen des Klimawandels in verschiedenen qualitativen Dimensionen zu erfassen und zu beschreiben, in der Öffentlichkeit zu dem Eindruck, dass Klimaschutz vor allem viel Geld und Wachstum kostet. Politiker bekommen gerade durch die Art der Darstellung im Bericht der Arbeitsgruppe III (vgl. IPCC 2014a, S.450) den Eindruck, dass sich mit einem Klimaschutz ‚light’ erhebliche Wachstumseinbußen vermeiden lassen könnten, ohne die tiefgreifenden ökonomischen Folgen des Klimawandels dabei überhaupt in den Blick zu bekommen. Schadenskosten müsste sich der Betrachter mühsam aus den im Bericht der Arbeitsgruppe II verstreuten Zahlen zusammensuchen, da Klimaschadenskosten weder systematisch für die einzelnen untersuchten Auswirkungsbereiche berichtet, noch in einer zusammenfassenden Übersicht mit Bezug zu den relevanten Emissionsszenarien dargestellt werden. Auch mit detektivischer Kleinarbeit könnte er nur einen zufälligen, eher kleinen, Ausschnitt der Kosten zusammentragen. Im Bericht der Arbeitsgruppe II finden sich vor allem verstreute Angaben zu monetär bewerteten Einzelschäden. Diese Angaben basieren oftmals auf vereinzelten Studien und im Ganzen entsteht der Eindruck, dass die Arbeitsgruppe es vermeidet eine einheitliche Vorgehensweise für die Abschätzung der monetarisierten Schadenskosten vorzuschlagen. Im Kapitel 10 (Key Economic Sectors and Services), das die Frage der monetarisierten Schäden behandelt, fällt auf, dass einer der koordinierenden Leitautoren (Richard Tol) seit Jahren dafür bekannt ist, dass er versucht, die Schadenskosten des Klimawandels klein zu rechnen. Ihm wurde bei seinen eigenen Arbeiten schwerwiegende wissenschaftliche Fehler nachgewiesen, die zu sehr starken Unterschätzungen der Klimaschadenskosten führen (vgl. Nestle 2010, S.61ff). Bezeichnend ist, dass die Arbeit, in der die systematischen Fehlschätzungen nachgewiesen wurden, weder im IPCC Bericht zitiert wird, noch in der Datenbasis über Studien zu Klimaschadenskosten enthalten ist, auf die sich der Bericht stützt (vgl. 2014, S. 690). Ebenso taucht eine der richtungweisenden Arbeiten in diesem Bereich im Bericht und der Datenbank nicht auf, die vom Umweltbundesamt veröffentlicht worden ist und eine systematische Möglichkeit zur Abschätzung der Klimaschadenskosten auf der Basis eines breiten wissenschaftlichen Konsensprozesses anbietet (UBA 2007 und 2012). Die einzige halbwegs verwendbare Unterlage zur systematischen Bezifferung von Klimaschadenskosten im ganzen Bericht der Arbeitsgruppe II ist eine Tabelle (IPCC 2014, S.691), welche die Ergebnisse einer relativ großen Zahl verschiedener Studien zusammenfasst und die Variation der durchschnittlichen Schadenskostenschätzungen über die zu Grunde gelegten Zeitpräferenzraten (0, 1 und 3%) angibt. Diese Tabelle ist hier als Tabelle 3 wiedergegeben. Allerdings ist nicht nachvollziehbar, welche Treibhausgaskonzentrationsänderungen oder welche Zeithorizonte hier jeweils betrachtet worden sind. Dennoch liefert die Tabelle erste Anhaltspunkte für die Größenordnung der möglichen Klimaschadenskosten, die im Durchschnitt aller Studien bei Schadenskosten von 428 US Dollar pro Tonne Kohlenstoff liegen. Sehr deutlich wird der Einfluss der unterstellten Abdiskontierung zukünftiger Schadenskosten. Bei einer Zeitpräfrenzrate von 0% liegen die Werte bei 585 $/tC, während sie bei einer Rate von 3% auf 40 $/tC sinken. Die Arbeitsgruppe merkt selbst an, dass verschiedene Untersuchungen zeigen, dass die Ergebnisse mit dem angenommenen Bevölkerungswachstum um Faktor 2, mit Einbeziehung von Unsicherheit um Faktor 3 und um wenigstens Faktor 4 mit der angenommenen Zeitpräferenzrate variieren können (IPCC 2014, S. 691). Im schlimmsten Fall können die berechneten Schadenskosten für den gleichen physischen Schaden um mehr als den Faktor 24 auseinanderfallen. Nutzen des Klimaschutzes Warum der 5. Sachstandsbericht des IPCC zu kurz greift - 17 - Tabelle 3: Mittlere soziale Kosten und Standardabweichungen für CO2-Emissionen in US$/tC für die Zeitpräferenzraten 0, 1 und 3% (IPCC 2014, S. 691, Table 10-9) Zu noch gravierenden Unterschieden kommt Hohmeyer (2005), der bei einer Untersuchung über den Einfluss von drei Parametern auf die Klimaschadenskosten im Bereich der Auswirkungen verminderter landwirtschaftlicher Produktion auf die Ernährung und den Hunger in der Welt zu einer möglichen Differenz um sechs Größenordnungen kommt. Hierbei variiert er allerdings die mögliche Abdiskontierung zukünftiger Klimaschäden zwischen 0 und 10%. Da die im Kapitel 10 des Berichts der Arbeitsgruppe II des IPCC angegebenen Schadenskosten nicht zu den Emissionen der verschiedenen Klimaschutzszenarien in Beziehung gesetzt werden können, erlauben sie es auch nicht, die trotz aller Unsicherheiten unter einheitlichen Annahmen (Werturteilen) bestimmbaren Kosten des Klimaschutzes mit den durch diesen Klimaschutz vermeidbaren Kosten ins Verhältnis zu setzen. Der Leser ist somit mit den Ergebnissen der Arbeitsgruppe III konfrontiert, ohne diese in einen sinnvollen ökonomischen Zusammenhang einordnen zu können. 3 Wie kann der Nutzen des Klimaschutzes monetarisiert werden? Wie bereits in Kapitel 2 angesprochen, ist es schwierig, die Nutzen des Klimaschutzes zu monetarisieren, da dies eine Bewertung der vermiedenen Klimaschadenskosten voraussetzt, die nicht ohne einen Konsens über wichtige Werturteile möglich ist. Der monetäre Wert von Umwelt- und Gesundheitsschäden wird in der Regel von vermiedenen Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit und menschliches Leben dominiert, daher ist für die Bewertung vermiedener Klimaschäden ausschlaggebend, wie hoch der Wert eines vermiedenen Krankheits- oder Todesfalls angesetzt wird. Zu dieser Fragestellung gibt es eine Vielzahl verschiedenster Studien, die in den Arbeiten im Rahmen der ExternE-Projekte der EU Kommission (1991-2005) und seiner Nachfolgeprojekte wie dem NEEDS-Projekt (2004-2008) oder dem CASES-Projekt (2006-2008) systematisch zusammengetragen worden sind. Für europäische Industrieländer liegen diese Werte, die in der Regel mit dem sogenannten ‚Value of statistical life’ (VSL) die gesellschaftliche Zahlungsbereitschaft zur Vermeidung eines zusätzlichen Todesfalls wiedergeben, in der Größenordnung von 2,5 – 4,4 Millionen Euro pro vermiedenem Todesfall (European Commision 1995, S.49). Nutzen des Klimaschutzes Warum der 5. Sachstandsbericht des IPCC zu kurz greift - 18 - Da die Klimaschäden heute emittierter Treibhausgase aufgrund der langen Verweilzeit der Treibhausgase in der Atmosphäre und der weiter steigenden Erderwärmung vor allem in der ferneren Zukunft auftreten, stellt sich die Frage wie der Verlust von Menschleben in der Zukunft bewertet werden soll. Ist der angesetzte Wert wie ein materieller Schaden aufgrund des gestiegenen pro Kopf Einkommens abzudiskontieren, oder steigt dieser Wert proportional zum Einkommen und wird daher im Gegensatz zu materiellen Gütern nicht abdiskontiert, wie Rabel (1999) überzeugend argumentiert? Zu dieser Frage gibt es in der ökonomischen Literatur sehr unterschiedliche Auffassungen. Klimaschäden werden nach Aussagen des IPCC (IPCC 2014, S. 6) vor allem die ärmsten Staaten der Welt und die ärmsten Bevölkerungsteile in allen Ländern der Welt besonders hart treffen, weil diese Opfergruppen die geringsten Möglichkeiten haben, sich an den Klimawandel anzupassen. So kann ein wohlhabender Bürger in einem Industrieland auf die durch den Klimawandel steigende Lebensmittelknappheit einfach dadurch reagieren, dass er einen etwas größeren Teil seines Einkommens für die teurer gewordenen Lebensmittel ausgibt. Ein Subsistenzfarmer in der Sahel kann auf den Ausfall seiner Ernte durch den Klimawandel nicht dadurch reagieren, dass er einfach die jetzt teuer zu kaufenden Lebensmittel, die er vorher selbst für den Lebensunterhalt seiner Familie erzeugt hat, auf dem Markt einkauft. Der Ernteausfall führt nicht nur dazu, dass er keine Lebensmittel mehr produzieren kann, er verfügt auch über kein Einkommen, um seine Familie mit gekauften Lebensmitteln zu ernähren. Ein Ernteausfall kann daher im ersten Fall bedeuten, dass ein Bauer in den USA geringere Getreidemengen produzierten kann und dieser Ausfall nur teilweise über die gestiegenen Getreidepreise ausgeglichen wird, die von den Konsumenten in den USA bezahlt werden müssen, oder dass ein Bauer und seine Familie in der Sahel aufgrund von Missernten durch Klimawandel hungern oder gar verhungern müssen. An dieser Stelle stellt sich die Frage, ob man Ernteausfälle durch die Mindermengen an Getreide in Tonnen und die Klimaschäden durch die Multiplikation dieser Mengen mit dem Getreidepreis ermittelt, oder ob man das Leid durch Hunger oder die Todesfälle durch Verhungern in die Klimaschadenskosten mit einbezieht (vgl. hierzu Nestle 2010, S.140ff). Sollte man sich dafür entscheiden, die Todesfolgen von Missernten in die Bepreisung von Klimaschäden mit einzubeziehen, steht man vor der nächsten Wertentscheidung. Wie und nach welchen Maßstäben wird der Todesfall in der Sahelzone bewertet? Es gibt eine Denkschule in den Wirtschaftswissenschaften, die eine solche Bewertung nach der sogenannten Willingness to Pay vornimmt. Hier wird gefragt, wie viel der Betroffene zu zahlen bereit wäre, um diesen Todesfall abzuwenden (IPCC 1996, S.196f). Dieser Ansatz führt dazu, dass ein Todesfall in reichen Industrieländern aufgrund des hohen pro Kopf Einkommens sehr viel höher bewertet wird, als in armen Entwicklungsländern, weil den Menschen dort nur ein sehr geringes Einkommen zur Verfügung steht, dass sie ihrer geäußerten Zahlungsbereitschaft zu Grunde legen können. Geht man so vor, wird ein Todesfall in Folge des globalen Klimawandels in der Sahel nur mit ca. einem Hundertstel der Summe bewertet, die für einen Todesfall in einem reichen Industrieland angesetzt würde. Es gibt eine andere Denkschule, die fordert, dass gerade im Bereich der Klimafolgekosten eine Bewertung aller Todesfälle mit dem monetären Maßstab der Industrieländer zu messen ist, da diese den größten Teil des Problems verursacht haben (z.B. Hohmeyer und Gärtner 1992). Diese Diskussion ist im Zusammenhang mit globalen Umweltschäden unter dem Begriff Equity weighting bekannt geworden. Will man eine Gleichbehandlung aller Betroffenen Menschen auf der Welt erreichen, so Nutzen des Klimaschutzes Warum der 5. Sachstandsbericht des IPCC zu kurz greift - 19 - würde man einen lokal bezifferten Schaden mit dem Kehrwert des Verhältnisses des lokalen Durchschnittseinkommen gewichten (multiplizieren). Im Fall eines Bürgers der Sahelzone liegt dieses Verhältnis etwa bei 1/0,02, so dass der lokal bezifferte Schaden mit dem Faktor 50 multipliziert werden müsste. Im Fall des wohlhabenden Bürgers aus einem reichen Industrieland liegt dieser Faktor vielleicht bei 1/5. Geht man bei den Klimaschäden vom Verursacherprinzip aus, das in Deutschland und Europa allgemein als Grundlage der Umweltpolitik anerkannt ist, so muss man das Equity weighting noch eine Stufe weiter treiben und jeden Todesfall mit dem Wert ansetzen, der ihm in den Hauptverursacherländern beigemessen wird. Eine weitere Denkschule schlägt vor, für alle Todesfälle in Folge des Klimawandels einen globalen Durchschnittswert zu verwenden (vgl. z.B. UBA 2012). Es ist offenkundig, dass sich durch die Entscheidung, wie der große Teil der Todesfälle durch Klimawandel in Entwicklungsländern bewertet wird, das Gesamtergebnis der monetarisierten Klimaschäden einschneidend verändert. Hohmeyer (2005) hat die Auswirkungen der Kombination der drei hier diskutierten Effekte (verminderte Getreideernte oder Hungertote, unterstellter Diskontierungszinssatz bei Verlust an Menschenleben, Bewertung von Todesfällen in Entwicklungsländern als Folge des Klimawandels) in einer Gesamtrechnung zusammengetragen (vgl. Tabelle 4), die zu dem Ergebnis kommt, dass allein die mögliche Variation dieser Wertentscheidungen das berechnete Ergebnis um sechs Größenordnungen verändern kann. Tabelle 4: Einfluss der Variation von drei Schlüsselparametern auf die Bewertung von Klimaschäden im Bereich von induzierten Todesfällen (Quelle: Hohmeyer 2005, S.167) Diese Berechnungen zeigen zum einen, wie sehr sich Vertreter unterschiedlicher Werturteile über den ‚richtigen’ monetären Wert streiten können. Sie zeigen zum anderen aber auch, dass es durchaus möglich ist, zu einem eindeutigen monetären Ergebnis zu kommen, wenn man Einigkeit über die drei Werturteile erzielen kann. In den letzten zwanzig Jahren ist in Europa durch ein umfangreiches Forschungsprogramm (ExternE, NEEDS, CASES) der Europäischen Kommission eine gemeinsame Grundlage für die Bewertung von Umweltschäden im Energie- und Verkehrsbereich geschaffen worden. Auf der Basis der Ergebnisse diese europäischen Forschungsprogramms hat das Umweltbundesamt seit einigen Jahren eine Nutzen des Klimaschutzes Warum der 5. Sachstandsbericht des IPCC zu kurz greift - 20 - einheitliche Methode entwickelt, wie in Deutschland die Umweltkosten des Energie- und Verkehrsbereichs monetär bewertet werden sollen (UBA 2007 und 2014). Zusammen mit der neusten Fassung dieser sogenannten Methodenkonvention hat das Umweltbundesamt (UBA) 2014 auch Empfehlungen für konkrete Zahlenwerte für Klimaschäden herausgegeben, die sich sehr stark an dem inzwischen in der deutschen wissenschaftlichen Diskussion entwickelten Konsens orientieren. Es werden hierbei sowohl Schadenswerte für einen als moderat angesehenen Emissionspfad (EMP14) angegeben, der ohne einschneidende Klimaschutzmaßnahmen im Jahr 2011 für wahrscheinlich gehalten wurde, als auch die Vermeidungskosten für eine Einhaltung des 2°C- Limits für bestimmte Zieljahre beziffert. Das UBA gibt hierbei jeweils für verschiedene Zieljahre Wertebereiche an, um nicht durch eine einzelne Zahl zu suggerieren, dass diese Zahlen exakt abschätzbar wären. Für die monetären Schadenskosten weist das Umweltbundesamt Zahlen auf der Basis zwei verschiedener Abdiskontierungszinssätze (0% und 1%) und zwei verschiedener Equity Weighting Ansätze (Weltdurchschnitt und europäische Zahlungsbereitschaft) zur Bewertung von Todesfällen aus. Die Ergebnisse des UBA sind in Tabelle 4 wiedergegeben. Tabelle 5: Klimaschadenskosten in €2010/tCO2eq nach den Berechnungen des Umweltbundesamtes (UBA 2014, Anhang B, S. 7) Rechnet man diese Zahlen auf der Basis des inzwischen für wahrscheinlicher erachteten Emissionsszenarios RCP8.5 als Basisfall ohne Klimaschutz für das Jahr 2050 um, so liegen die Werte für ein europäisches Equity Weighting und eine Zeitpräferenzrate von 0% bei 760 €2010/tCO2eq und für eine Zeitpräferenzrate von 1% bei 216 €2010/tCO2eq. Die Umrechnung basiert auf einer linearen Interpolation der vom UBA angegebenen Werte für 2045 und 2055 und der proportionalen Umrechnung dieser Werte auf die höheren Emissionsmengen des Szenarios RCP8.5 (20,61 GtCeq in 2050) im Vergleich zum Mittelwert des vom UBA verwendeten EMP14 Szenario (16 GtCeq bei einem angegebenen Bereich von 15-17 GtCeq in 2050). Da die Schadensverläufe mit großer Wahrscheinlichkeit nicht linear sind, sondern überproportional mit den Emissionen steigen, kann diese Form der Umrechnung als konservativ angesehen werden. Da es sich bei dem größten Teil der zu erwartenden monetarisierten Schäden durch Klimawandel um Schäden im Bereich von zusätzlichen Todesfällen oder Krankheiten handeln wird, erscheint es nicht angebracht, diese Schäden im Zeitverlauf mit einer Zeitpräferenzrate zu belegen und abzudiskontieren (vgl. Rabl, 1995). Daher liegt der, auf der Basis der europäischen Wertevorstellungen berechenbare Schadenswert für das Jahr 2050 eher bei 760 €2010 / t CO2eq als bei dem niedrigeren Wert von 216 €2010 / t CO2eq. Nutzen des Klimaschutzes Warum der 5. Sachstandsbericht des IPCC zu kurz greift - 21 - Die Vermeidungskosten, die es ermöglichen gegenüber dieser ‚Business-as-usual’ Entwicklung die Einhaltung des 2°C-Limits sicherzustellen weist das UBA im gleichen Bericht aus. Diese Zahlen sind in Tabelle 6 wiedergegeben. Die Angaben des UBA basieren auf einer umfassenden Meta-Studie (Kuik et al. 2009) und einer Ausarbeitung des IER auf der Grundlage des europäischen Forschungsprogramms (Wille et al. 2012). Die Verwendung von Vermeidungskosten für die Einhaltung des 2°C-Limits kann damit begründet werden, dass dieses Klimaschutzziel von der Staatengemeinschaft in Cancún im Rahmen der globalen Klimaverhandlungen als weltweit verbindliches Klimaziel beschlossen worden ist und somit als kollektive Zahlungsbereitschaft der Weltgemeinschaft zur Vermeidung der bisher bekannten Klimaschäden bei einer Überschreitung dieser Grenze angesehen werden kann. Tabelle 6: Empfehlung des Umweltbundesamtes für Treibhausgasvermeidungskosten in €2010/tCO2eq (UBA 2014, S. 6) Auf der Basis der beiden Vorgehensweisen empfiehlt das Umweltbundesamt einen gemischt begründeten Bewertungsansatz, der zum einen die Schadenskosten einbezieht, diese aber mit den Vermeidungskosten für das 2°C-Limit abgleicht. Tabelle 7 gibt die vom UBA zur Bewertung von externen Kosten des Klimawandels empfohlenen Werte für die Jahre 2010 bis 2050 wieder. Auch hier werden mittlere Werte auf der Basis einer Zeitpräferenzrate von 1%/a als Empfehlung gegeben und gleichzeitig Wertebereiche ausgewiesen, um diese einzuordnen. Für das Jahr 2050 empfiehlt das Umweltbundesamt auf dieser Basis die Verwendung eines Werts von 260 €2010 / t CO2eq (vgl. Tabelle 7). Es weist aber ausdrücklich darauf hin, dass sich unter Verwendung einer anderen Zeitpräferenzrate deutlich höhere Werte rechtfertigen lassen (UBA 2014, S. 7), wie die Schadenskosten in Tabelle 5 oben deutlich belegen. Nutzen des Klimaschutzes Warum der 5. Sachstandsbericht des IPCC zu kurz greift - 22 - Tabelle 7: Empfehlungen des Umweltbundesamtes zur Quantifizierung der zu erwartenden Kosten des vom Menschen verursachten Klimawandel (in €2010/t CO2eq) (UBA 2014, S.7) Da die vom Umweltbundesamt vorgeschlagenen Werte für die Abschätzung der Kosten des Klimawandels sowohl auf einer breiten Auswertung der Literatur und den Ergebnissen eines langjährigen europäischen Forschungsprogramms als auch auf einem aufwendigen Diskussionsprozess im Zusammenhang mit der Entwicklung der Methodenkonvention und der empfohlenen Zahlenwerte basieren (das Projekt des Umweltbundesamt wurde von einem eigens eingerichteten wissenschaftlichen Beirat intensiv begleitet), können diese Zahlen zur Zeit als die beste und unumstrittenste Abschätzung der Kosten des Klimawandels aus deutscher und europäischer Sicht angesehen werden. Der vom UBA für 2050 empfohlene mittlere Wert von 260 €2010 / t CO2eq wird daher in den folgenden Betrachtungen als Grundlage des Vergleichs von Kosten und Nutzen des Klimaschutzes verwendet. Wie bereits im Zusammenhang mit der Abschätzung der Klimaschadenskosten durch das UBA oben angemerkt, handelt es sich bei diesen Kostenschätzungen aufgrund der verwendeten Emissionsszenarien (EMF 14) um eher konservative Werte. Die im EMF 14 für 2050 angenommenen Treibhausgasemissionen liegen um ca. 20% niedriger als im Fall des RCP8.5 Szenarios. Die in die Empfehlungen des Umweltbundesamtes eingeflossenen Werturteile können als der Versuch angesehen werden, den Grundsatz der Gleichheit aller Menschen entsprechend Artikel 1 der UN-Menschenrechtscharta (UN 2015) zum Leitprinzip aller in die Monetarisierung einfließenden Werturteile zu machen. 4 Vergleich der Kosten und Nutzen des Klimaschutzes 4.1 Vergleich der Klimaschutzkosten mit den direkten Klimaschutznutzen Für einen Vergleich der Kosten und direkten Nutzen des Klimaschutzes durch vermiedene Klimafolgeschäden soll im Folgenden das Jahr 2050 zur Grundlage der Überlegungen gemacht werden, da bis 2050 sowohl erhebliche Klimaschutzkosten für die Einhaltung des 2°C-Limits als auch substantielle Schäden durch einen ungebremsten Klimawandel entstehen. In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts werden voraussichtlich noch deutlich höhere Schadenskosten entstehen, da sich die Situation noch weiter verschärfen wird, falls die Treibhausgasemissionen nicht drastisch reduziert werden. Für 2050 stehen mit den Abschätzungen des Umweltbundesamtes auch Schadenskosten pro t CO2eq zur Verfügung, die ein hohes Maß an gesellschaftlichem Konsens beinhalten und auf der Basis Nutzen des Klimaschutzes Warum der 5. Sachstandsbericht des IPCC zu kurz greift - 23 - der IPCC Szenarien (RCP2.6 und RCP8.5) eine Berechnung der durch entschiedenen Klimaschutz vermeidbaren Kosten erlauben. Im Bericht der Arbeitsgruppe III des IPCC werden die Kosten einer weitgehenden Sicherstellung der Erreichung des 2°C-Limits durch die Einhaltung eines Konzentrationskorridors zwischen 430 und 480 ppm CO2eq entsprechend RCP2.6 mit 1-4% des möglichen Konsums des Jahres 2050 beziffert (siehe hierzu Kapitel 2.2 oben). Diese Reduktionen müssen im Kontext eines um Faktor 2-4,5 erhöhten Gesamtkonsums gesehen werden (IPCC 2014a, Chapter 6, S.449). Zur Berechnung der absoluten Kosten des notwendigen Klimaschutzes und der Kosten pro Tonne CO2eq werden im folgenden die im Bericht der Arbeitsgruppe III auch ausgewiesenen Reduktionen im globalen Bruttosozialprodukt des Jahres 2050 herangezogen, da diese auf der Basis des heutigen BSP (2010) berechnet werden können, während unklar ist, wie der im Bericht benannte Konsum abgegrenzt ist. Global sind Bruttosozialprodukt und Bruttoinlandsprodukt identisch. Die Modellrechnung, die das IPCC ausgewertet hat, rechnen aber in der Regel die Summe der Veränderungen der nationalen Bruttoinlandsprodukte aus, daher wird im Bericht der Arbeitsgruppe III die Bezeichnung ‚gross domestic product’ GDP verwendet. Bei Betrachtung aggregierter globaler Effekte ist allerdings der Begriff des globalen Bruttosozialproduktes sehr viel einleuchtender, als der des globalen Bruttoinlandsprodukts. Da bei globaler Betrachtung beide Begriffe den gleichen fachlichen Tatbestand beschreiben, wird im Folgenden der Begriff des globalen Bruttosozialprodukts verwendet. Das globale Bruttosozialprodukt lag nach Angaben der Weltbank (World Bank 2014) für das Jahr 2010 bei 63,048 Billionen Dollar. Rechnet man dies mit dem durchschnittlichen Wechselkurs des Jahres 2010 (vgl. Wirtschaftskammer Österreich, 2014) von 1,33 US$/€ in Euro um, so lag das globale BSP im Jahr 2010 bei 47,4 Billionen Euro2010. Geht man nun von einem realen Wachstum bis 2050 auf das 2- bis 4,5-fache dieses Wertes aus, so erhält man eine globales Bruttosozial von 94,8 – 213,3 Billionen Euro2010. Will man diese Werte mit der zentralen Schätzung der Klimaschutzkosten für das Jahr 2050 verbinden (Reduktion des globalen BSP um ca. 3,3% nach Abbildung 6.21 des Berichts der Arbeitsgruppe III des IPCC) (IPCC 2014a, S. 450), so muss man hierfür den Mittelwert des globalen Bruttosozialprodukts für das Jahr 2050 von 154,05 Billionen Euro2010 heranziehen. Die Klimaschutzkosten im Jahr 2050 für die Einhaltung des 2°C-Limits belaufen sich damit auf ca. 5,1 Billionen Euro2010. Dieser Wert ist nun mit den durch diesen Klimaschutz vermiedenen Folgekosten eines durchgreifenden Klimawandels ohne entsprechende Klimaschutzmaßnahmen zu vergleichen. Hierzu werden die im Jahr 2050 erreichten Verringerungen der Treibhausgasemissionen aus dem Vergleich der Szenarien RCP8.5 (ungebremste Emissionsentwicklung) und RCP2.6 (Klimaschutz zur Einhaltung des 2°C-Limits) berechnet. Nach IPCC WG I (IPCC 2013, Annex II, Tabelle AII.2.1.c, S.1410) werden im RCP8.5 im Jahr 2050 Emissionen von 20,61 Gt C ausgewiesen. Dies entspricht bei einer Umrechnung mit den Molekulargewichten von Kohlenstoff (12 g/mol) und CO2 (44 g/mol) Kohlendioxidemissionen in Höhe von 75,57 Gt CO2eq. Da die Emissionen des Szenarios RCP2.6 durch die Klimaschutzmaßnahmen nicht vermieden werden, sie sind ja noch mit dem 2°C-Limit vereinbar, müssen diese in Höhe von 3,5 Gt C oder 12,83 Gt CO2eq von den Emissionen des Szenarios RCP8.5 abgezogen werden. Die im Jahr 2050 durch die Einhaltung des Szenarios RCP2.6 vermiedenen Treibhausgasemissionen belaufen sich damit auf 62,64 Gt CO2eq. Nutzen des Klimaschutzes Warum der 5. Sachstandsbericht des IPCC zu kurz greift - 24 - Bewertet man die vermiedenen Treibhausgasemissionen nun mit dem Ansatz des Umweltbundesamtes von 260 €2010 / tCO2eq, so ergeben sich vermiedene Klimaschadenskosten von 16,31 Billionen €2010. Die im Jahr 2050 vermiedenen Klimaschäden haben mit gut 16 Billionen Euro mehr als den dreifachen Wert der im gleichen Jahr für die Vermeidung dieser Schäden entstehenden Klimaschutzkosten von ca. 5 Billionen Euro. Im Gegensatz zu dem von der Arbeitsgruppe III des IPCC erweckten Eindruck, dass das globale Bruttosozialprodukt durch Klimaschutz im Jahr 2050 geringer ausfällt als ohne Klimaschutzmaßnahmen, liegt das globale Bruttosozialprodukt ohne Klimaschutz aufgrund der auftretenden Klimaschäden mehr als 10 Billionen Euro2010 niedriger als mit durchgreifenden Klimaschutzmaßnahmen, wie Abbildung 9 anschaulich verdeutlicht. Abbildung 9: Globales Bruttosozialprodukt ohne Klimawandel, mit Klimaschutzmaßnahmen (RCP2.6) und ohne Klimaschutzmaßnahmen (RCP8.5) (Eigene Berechnungen auf der Basis IPCC 2014a und UBA 2014) Hierbei ist eine eventuelle Erhöhung des Bruttosozialprodukts durch die Reparatur von Klimaschäden berücksichtigt. Auf der einen Seite führen Reparaturen in der Systematik der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung als Ausgaben zu einem positiven Beitrag zum Bruttosozialprodukt. Dafür stehen auf der anderen Seite die für die Reparatur aufgewendeten Mittel nicht für die Verwendungen zur Verfügung, die im Normalfall getätigt worden wären und zu einer Erhöhung des Bruttosozialprodukts geführt hätten. Da reparierte Schäden aber keine Bereicherung für die Betroffenen darstellen, sondern nur den vorherigen Zustand wieder herstellen, senken reparierte Schäden den Wohlstand gegenüber einer Entwicklung ohne Schäden deutlich. Zusätzlich ist zu berücksichtigen, dass die wichtigsten Klimaschäden, wie irreparable Umweltschäden oder Todesfälle nicht ‚repariert’ werden können. G B S P i n B il li o n e n E u ro 0 40 80 120 160 2010 2020 2030 2040 2050 47,4 47,447,4 137,7 47,4 149,0 47,4 154,1 Gloables BSP (GBSP) ohne Klimawandel GBSP mit Klimaschutz (RCP2.6) GSBP minus Klimaschäden (RCP8.5)! GBSP 2010 Nutzen des Klimaschutzes Warum der 5. Sachstandsbericht des IPCC zu kurz greift - 25 - Aus der Perspektive europäischer Wertvorstellungen und auf der Basis der Werte der UN- Menschenrechtscharta von Gleichheit und Gerechtigkeit ist ein durchgreifender Klimaschutz auch aus ökonomischer Sicht dringend anzuraten, da sein Nutzen bereits im Jahr 2050 bei mehr als dem Dreifachen der Kosten liegt. 4.2 Indirekte Klimaschutznutzen Im gerade erschienen ‚New Climate Economy Report’ der Global Commission on The Economy and Climate (2014) werden, wie auch schon im Kapitel 8 des dritten Sachstandsberichts des IPCC (IPCC 2001, S.523ff), die zusätzlichen Nutzen (co-benefits) des Klimaschutzes analysiert. Hierbei stehen die aufgrund des verringerten Einsatzes fossiler Brennstoffe zur Reduktion der Treibhausgasemissionen gleichzeitig verursachten Minderungen von Luftschadstoffen und die damit vermiedenen Gesundheitsschäden im Mittelpunkt der Analyse. Im Gegensatz zum IPCC zitiert die Global Commission on The Economy and Climate aber verwendbare Zahlen. So kommt er auf der Basis einer für den Bericht angefertigten Studie (Hamilton et al. Veröffentlichung angekündigt), die zur Zeit der Abfassung dieser Untersuchung noch nicht öffentlich verfügbar ist, zu global durch Klimaschutz vermeidbaren Gesundheitskosten von 50 bis 200 US$ / t CO2 (Global Commission on the Economy and Climate 2014a, S.11). Geht man davon aus, dass es sich auch hier in etwa um Werte in Preisen des Jahres 2010 handelt, so lässt sich dieser Bereich in 37,6 – 150,4 €2010 /t CO2eq umrechnen. Verknüpft man diese in Geldeinheiten bewerteten Zusatznutzen des Klimaschutzes mit den im Jahr 2050 vermiedenen Treibhausgasemissionen einer Entwicklung ohne durchgreifenden Klimaschutz, die einen massiven Einsatz von fossilen Brennstoffen sähe, so ergäben sich zusätzlich durch die Klimaschutzmaßnahmen eingesparte Kosten in Höhe von 2,4 – 9,4 Billionen €2010. Mit einem mittleren Wert von 5,9 Billionen € liegt allein der Zusatznutzen eines einschlägigen Klimaschutzes für die Emissionsverringerungen im Jahr 2050 über den Kosten der notwendigen Klimaschutzmaßnahmen im gleichen Jahr. Das globale Bruttosozialprodukt liegt ohne Klimaschutz bei Berücksichtigung der Klimaschadenskosten und der gleichzeitig entstehenden Kosten durch Luftschadstoffe, die durch Klimaschutzmaßnahmen vermieden werden könnten, nur bei 131,8 Billionen Euro2010 und nicht bei den von der Arbeitsgruppe III des IPCC suggerierten 154,1 Billionen Euro2010. Abbildung 10 zeigt anschaulich, wie sich das globale Bruttosozialprodukt von 2010 bis 2050 mit und ohne Klimaschutz entwickelt und wie sich die Berücksichtigung der Kosten der Klimafolgeschäden und der durch Klimaschutz vermeidbaren Schäden durch Luftschadstoffe auf das globale Bruttosozialprodukt bis 2050 auswirken, wenn man unterstellt, dass sich die Kosten proportional zum Nutzen des Klimaschutzes Warum der 5. Sachstandsbericht des IPCC zu kurz greift - 26 - Abbildung 10: Entwicklung des globalen Bruttosozialprodukts mit und ohne Klimaschutz (Eigene Berechnungen auf der Basis IPCC 2014a und UBA 2012) Wachstum des Bruttosozialprodukts entwickeln (eine Annahme, die hier nur der Veranschaulichung dient). Bei dem von der Arbeitsgruppe III des IPCC suggerierten globalen Bruttosozialprodukt von 154,1 Billionen Euro2010 handelt es sich nicht um das mögliche Bruttosozialprodukt ohne Klimaschutz sondern um das Bruttosozialprodukt, das mögliche wäre, wenn es keine Klimaveränderung durch die vom Menschen emittierten Treibhausgase gäbe. Eine völlig hypothetische Zahl, die aber mit Szenarien ohne Klimaschutzmaßnahmen in Verbindung gebracht wird. 5 Die notwendige Transformation zu einschneidendem Klimaschutz Der fünfte Sachstandsbericht des IPCC zeigt, dass ein schnelles und massives Umsteuern bei den anthropogenen Treibhausgasemissionen dringend notwendig ist (IPCC 2014, S. 13). Der Vergleich der vermeidbaren Schadenskosten mit den Kosten des notwendigen Klimaschutzes zeigt, dass sich Klimaschutz auch aus ökonomischer Sicht eindeutig rechnet. Um die notwendigen Treibhausgasemissionsreduktionen zu erreichen, ist eine durchgreifenden Transformation der Weltwirtschaft besonders in den Bereichen Energieversorgung, Stadtentwicklung und Landnutzung unabdingbar. Neuere Untersuchungen zeigen, dass diese Transformation in erheblichem Maße zusätzliche positive ökonomische Wirkungen entfalten kann. Daher werden im Folgenden die Grundelemente der notwendigen Transformation kurz skizziert und ihre ökonomischen Nutzen vorgestellt. G B S P i n B il li o n e n E u ro 0 40 80 120 160 2010 2020 2030 2040 2050 47,4 47,447,4 131,8 47,4 137,7 47,4 149,0 47,4 154,1 Gloables BSP (GBSP) ohne Klimawandel GBSP mit Klimaschutz (RCP2.6) GSBP minus Klimaschäden (RCP8.5) GBSP minus Klima- und Gesundheitsschäden (RCP8.5) GBSP 2010 Nutzen des Klimaschutzes Warum der 5. Sachstandsbericht des IPCC zu kurz greift - 27 - 5.1 Wichtige Elemente der Transformation Wie die Global Commission on the Economy and Climate (2014, S.8) herausarbeitet, wird die Weltwirtschaft in den nächsten 15 Jahren einen grundlegenden Transformationsprozess durchlaufen, im Laufe dessen ca. 90 Billionen Dollar in die Infrastruktur der Städte, die Landnutzung und das Energiesystem investiert werden müssen. Wie diese Investitionen getätigt werden, wird im wesentlichen über die Zukunft des Weltklimas entscheiden. Ähnliche Ausführungen finden sich auch im Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) ‚Welt im Wandel – Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation’ (WBGU 2011). Die weitere Entwicklung der schnell wachsenden Städte der Welt wird einen erheblichen Einfluss auf deren Energiebedarf haben. Wenn sich die Städte um ein gut geplantes und ausgebautes System des öffentlichen Nahverkehrs kompakt entwickeln, können die in den nächsten 15 Jahren notwendigen Investitionen in die städtische Infrastruktur um mehr als 3 Billionen Dollar gesenkt werden (Global Commission on the Economy and Climate 2014, S. 8). Die Produktivitätsentwicklung der Landnutzung der nächsten 15 Jahre wird nach Einschätzung der Global Commission on the Economy and Climate darüber entscheiden, ob es gelingt, die auf ca. 8 Milliarden Menschen wachsende Weltbevölkerung zu ernähren. Die Widerherstellung von gerade einmal 12% der degradierten Landwirtschaftsflächen der Welt könnte 200 Millionen Menschen zusätzlich ernähren und gleichzeitig erheblich zu einer Verminderung der Treibhausgasemissionen beitragen (Global Commission on the Economy and Climate 2014, S.8). Das Energiesystem wird das Wachstum in allen Ländern mit der nötigen Energie versorgen müssen. In den nächsten 15 Jahren werden richtungsweisende Entscheidungen darüber fallen, ob der Anteil der fossilen Energieträger an der Energieversorgung weiter ausgebaut wird und so die Gefahr heraufbeschworen wird, dass die gebauten Anlagen wie z.B. Kraftwerke später aus Klimaschutzgründen vorzeitig abgeschaltet werden müssen, oder ob es gelingt den Übergang auf ein weitgehend durch regenerative Energiequellen gespeistes Energiesystem einzuleiten und die Energieeffizienz weiter voran zu treiben (Global Commission on the Economy and Climate 2014, S.8). Für diese notwendigen Übergänge zu nachhaltigem und klimaverträglichen Wachstum der Städte, einer klimaverträglichen Landnutzung und einer nachhaltigen und klimaverträglichen Energieversorgung, sind nach Auffassung der Global Commission on the Economy and Climate drei wesentliche Treiber des Wandels entsprechend einzusetzen. Dies sind eine starke Erhöhung der Ressourcenproduktivität, die auf Nachhaltigkeit und Klimaschutz ausgerichteten Investitionen in die Infrastrukturen der Zukunft und die Stimulation von klimafreundlichen Innovationen (vgl. Global Commission on the Economy and Climate 2014, 9). Die Ausführungen der Global Commission on The Economy and Climate unterscheiden sich von den Vorschlägen des WBGU vor allem dadurch, dass sie auch die Kernenergie als eine mögliche Energiequelle für eine klimaverträgliche Entwicklung ansieht, die vom WBGU aufgrund der großen Gefahrenpotentiale der Kernenergie als nicht nachhaltige Form der Energieversorgung verworfen wird. Die Position der Global Commission on The Economy and Climate verwundert nicht, wenn man berücksichtigt, dass drei der sieben Länder, die den Bericht finanziert haben, Großbritannien, Schweden und Süd Korea, zu den wichtigsten Befürwortern einer weiteren Kernenergienutzung gehören und auch Indonesien, als viertes finanzierendes Land, Pläne zum Bau eigener Kernkraftwerke verfolgt. Nutzen des Klimaschutzes Warum der 5. Sachstandsbericht des IPCC zu kurz greift - 28 - In seinem neusten Sondergutachten ‚Klimaschutz als Weltbürgerbewegung’ ergänzt der WGBU seine Ausführungen von 2011 über die Notwendigkeit einer grundlegenden Transformation hin zu einer klimaverträglichen Gesellschaft. In seinem neusten Gutachten unterstreicht der WBGU die Rolle dezentraler Institutionen und der Zivilgesellschaft als Treiber des notwendigen Transformationsprozesses (WBGU 2014). 5.2 Ökonomische Chancen der Transformation Die Global Commission on The Economy and Climate unterstreicht, dass die wesentlichen Mittel für die notwendige Transformation ohnehin für die anstehende Modernisierung wie z.B. für den erforderlichen Kapazitätsausbau des Kapitalstocks im Bereich der Energieversorgung und der städtischen Infrastrukturen aufgewendet werden müssen (Global Commission on the Economy and Climate 2014, S.8). Es geht daher vor allem darum, diese Mittel nicht in die falschen Technologien zu investieren, die über Jahrzehnte die weitere Abhängigkeit von fossilen Energieträgern und dem motorisierten Individualverkehr festzuschreiben, da Investitionen in Kraftwerke und städtische Infrastruktur über viele Jahrzehnte Entwicklungspfade festschreiben, die nach Investitionen in die falschen Technologien nur unter großen volkswirtschaftlichen Verlusten verlassen werden können. Besonders die Investitionen in neue Technologien zur Nutzung regenerativer Energiequellen und zur Steigerung der Energie- und Ressourceneffizienz werden von der Global Commission on the Economy and Climate (S. 8f) als Treiber für neues nachhaltiges Wachstum angesehen. Das Beispiel der deutschen Entwicklung im Bereich der regenerativen Energiequellen belegt mit der Entstehung einer neuen Industrie mit knapp 400.000 Beschäftigten (vgl. O’Sullivan et al. 2014, S.8), dass die Transformation des Energiesektors zu erheblichen neuen ökonomischen Aktivitäten und Beschäftigungseffekten führen kann. Im Jahr 1990, vor Einführung des Stromeinspeisegesetzes zur Förderung regenerativer Stromerzeugung existierte die Branche jenseits des Baus und Betriebs von großen Wasserkraftwerken nicht. Im Jahr 2004 war die Beschäftigtenzahl bereits auf ca. 160.000 gestiegen, um im Jahr 2012 ihren vorläufigen Höhepunkt mit knapp unter 400.000 Beschäftigten zu erreichen (vgl. Abbildung 11). Im Jahr 2013 brach dann die Beschäftigung im Bereich der Solarenergie ein, da die Förderung nach dem ErneuerbareEnergienGesetz (EEG) drastisch gekürzt worden war. In wie weit hier noch andere Faktoren zur Verschärfung der Kriese der deutschen Solarindustrie geführt haben ist strittig. Im Jahr 2013 gingen allein knapp 50.000 Arbeitsplätze verloren (vgl. O’Sullivan et al. 2014, S.12 und Abbildung 12 unten). Aus dem Arbeitsplatzverlust im Bereich der Solarenergienutzung wird deutlich, dass die Entwicklung neuer Industrien im Bereich des Klimaschutzes extrem auf staatliche Rahmensetzungen angewiesen ist. Bei einer Diskontinuität der staatlichen Förderung kann es relativ schnell zu durchaus krisenhaften Entwicklungsverläufen kommen. So hat eine zu großzügige Förderpolitik für die photovoltaische Stromerzeugung in Deutschland zunächst zu explosionsartigem Absatz- und Beschäftigungswachstum von ca. 25.000 Arbeitsplätzen im Jahr 2004 auf gut 110.000 Arbeitsplätze im Jahr 2012 geführt. Da das extreme Wachstum im Bereich der photovoltaischen Stromerzeugung zu hohen Kostenbelastungen der Verbraucher führte, musste diese Entwicklung dann durch sehr starkes förderpolitischen Gegensteuern eingedämmt werden. Dieses Gegensteuern hatte im Wesentlichen den extremen Einbruch der deutschen Photovoltaikindustrie zur Folge. Nutzen des Klimaschutzes Warum der 5. Sachstandsbericht des IPCC zu kurz greift - 29 - Abbildung 11: Entwicklung der Beschäftigung in der Branche der erneuerbaren Energien sowie durch das EEG induzierte Beschäftigung von 2004 bis 2013 (Quelle: O’Sullivan et al. 2014, S. 8) Abbildung 12: Entwicklung der Bruttobeschäftigung durch erneuerbaren Energien in Deutschland von 2004 bis 2013 nach Technologiebereichen (Quelle: O’Sullivan et al. 2014, S. 12) Um die notwendige Transformation ohne krisenhafte Entwicklungen sicherzustellen, bedarf es daher sehr verlässlicher politsicher Rahmenbedingungen, die das notwendige Entwicklungstempo 8 ge Nutzungsform vor, so ergibt sich, dass knapp 74 % (267.400 Personen) auf die Installation sowie die Nutzung von Anlagen zur Stromerzeugung entfallen. Etwa 19 % (70.100 Personen) können Anla- gen zur Wärmeerzeugung zugeordnet werden und die restlichen 7 % der Biokraftstofferzeugung.7 Die seit Jahren beobachtbare Dominanz der Stromerzeugung setzt sich auch im Jahr 2013 fort. Die Beschäftigung, die auf die Wirkung des EEG zurückgeführt werden kann, belief sich 2013 auf 261.500 Personen. Auf die Windenergie entfielen davon 137.800 Beschäftigte, gefolgt von der Bio- masse mit 63.000 und der Photovoltaik mit rund 56.000. Die Beschäftigten im Bereich der Wasser- kraft beliefen sich auf rund 3.400 Personen und weitere 1.300 Beschäftigte konnten der Geothermie zugeordnet werden. Wie aus Abbildung 3 hervorgeht, lag die durch das EEG induzierte Beschäftigung 2004 bei 98.000 Personen von insgesamt 160.500 Beschäftigten im Bereich erneuerbarer Energien. Damit ist die Relevanz des EEG für die Entwicklung der Bruttobeschäftigung von rund 61 % im Jahr 2004 auf etwa 73 % im Jahr 2012 gestiegen. 2013 war dieser Anteil rückläufig und betrug 70 %. 2004 2007 2012 2013 0 50.000 100.000 150.000 200.000 250.000 300.000 350.000 400.000 450.000 2004 2007 2012 2013 B ru tt o b e sc h äf ti g u n g Wasserkraft Wind Biomasse Solarenergie Geothermie/ Umweltwärme öffentlich geförderte Forschung/Verwaltung 160.500 399.800 277.300 98.000 291.000 172.700 durch EEG induzierte Bruttobeschäftigung371.400 261.500 Abbildung 3: Entwicklung der Beschäftigung in der Branche der Erneuerbaren Energien so- wie der durch EEG induzierten Beschäftigung von 2004 bis 2012 Die Analyse der Veränderungen der Beschäftigung in den einzelnen Bundesländern ergänzt die vor- liegende Reihe zur Bruttobeschäftigung seit 2012 (zuletzt [ Ulrich 2013]). Die bundesländerscharfe Verteilung der Bruttobeschäftigung 2013 wird voraussichtlich im Juli 2014 veröffentlicht. Die räumli- che Verteilung der Produktionsstätten für Anlagen zur Nutzung von Wind- und Solarenergie sowie die Verteilung der neuen Installationen lassen bereits jetzt erwarten, dass die negativen Veränderun- gen bei der PV-Industrie überproportional Standorte in den neuen Bundesländern betreffen. Daher lassen sich Anteilsverluste der neuen Bundesländer erwarten, die sogar etwas stärker ausfallen dürf- ten als in den Vorjahren 2012 und 2011. Im Vorjahr angekündigte Insolvenzen sind 2013 durchgeführt worden, sodass der Rückgang der Be- schäftigung sich teilweise erst 2013 manifestiert hat. Darüber hinaus fallen die im Vorjahr beobacht- 7 Eine Darstellung der Herangehensweise zur Differenzierung der Bereiche ist in [BMU 11a] dokumentiert. 12 Die Bruttobeschäftigung im Zusammenhang mit der Biomassebereitstellung lag 2013 damit in Sum- me bei 68.800 Personen und auf dem Niveau von 2012. Der Absatz von Biokraftstoffen ist 2013 mengenmäßig um 9 % gesunken. Dies betraf sowohl Biodie- sel als auch Pflanzenöl und Ethanol. Die Anbaufläche für Biodiesel und Pflanzenöl lag 2013 um etwa 5 % niedriger als 2012 [FNR 14]. Die Rapsölproduktion für den Biokraftstoffbereich ist hingegen um knapp 2 % gestiegen [BLE 14]. Bezüglich der Biodieselproduktion wird angenommen, dass sie 2013 bei etwa 3,2 Mio. t und damit um 9 % über dem Wert des Vorjahres lag. Basis dieser Annahme ist dabei die Außenhandelsstatistik des statistischen Bundesamtes, die von der Agrarmarkt-Informations Gesellschaft (AMI) ausgewertet wurde [UFOP14]. Die Beschäftigung, die der Biodieselproduktion in Deutschland 2013 damit zugeordnet werden kann, lag mit 20.000 Personen um 1 % über dem Vor- jahresniveau. Bei der Pflanzenölproduktion lag die Beschäftigung mit 50 Personen 94 % niedriger als im Vorjahr. Die Bioethanolproduktion 2013 lag mit 672.028 t knapp 10 % über dem Wert des Vorjah- res [BDBe 14], gleichzeitig blieb die Anbaufläche für Pflanzen, die zur Bioethanolproduktion einge- setzt werden, mit 200.000 ha auf dem Niveau des Vorjahres [FNR 14]. Die Beschäftigung lag mit 5.550 Personen knapp 5 % über dem Wert von 2012. Insgesamt lag die Beschäftigung, die der Bereit- stellung von Biokraftstoffen in Deutschland für 2013 zugeordnet werden konnte, bei 25.600 Perso- nen. 3.400 1.800 9.500 25.100 56.800 63.900 4.500 10.300 8.100 49.200 119.500 85.700 7.300 16.400 12.900 113.900 127.500 121.800 8.300 17.300 13.100 68.500 126.400 137.800 öffentlich geförderte Forschung/Verwaltung Geothermie Wasserkraft Solarenergie Biomasse Windenergie 2013: rd. 371.400 Arbeitsplätze* 2012: rd. 399.800 Arbeitsplätze 2007: rd. 277.300 Arbeitsplätze 2004: rd. 160.500 Arbeitsplätze * Schätzung Abbildung 4: Entwicklung der Bruttobeschäftigung durch erneuerbare Energien in Deutsch- land Nach dieser ersten Einschätzung beläuft sich die Bruttobeschäftigung 2013 damit auf etwa 371.400 Personen (vgl. Abbildung 4). Die Windenergie (insgesamt rd. 137.800 Arbeitsplätze) trug mit 37 % zur Bruttobeschäftigung bei gefolgt von der Biomasse (126.400 Arbeitsplätze) mit 34 %. Es folgen die Solarenergie mit knapp 18 % (68.500), Geothermie mit knapp 5 % (17.300) und die Wasserkraft mit 4 % (13.100). Die Beschäftigung im Bereich öffentlich geförderter Forschung und Verwaltung hat einen Anteil von knapp 2 % (8.300) an der Bruttobeschäftigung. Nutzen des Klimaschutzes Warum der 5. Sachstandsbericht des IPCC zu kurz greift - 30 - sicherstellen, ohne gleichzeitig eine krisenhafte Überhitzung und das anschließende Zusammenbrechen der neuen Märkte zu bewirken. Die notwendige Transformation wird aber nicht nur neue Branchen mit wachsender Produktion und Beschäftigung hervorbringen. Sie wird gleichzeitig auch in anderen Branchen, wie der Kohle- und Mineralölindustrie zu Umsatz- und Beschäftigungseinbußen führen. Mit einer entsprechenden Analyse der Nettogesamtwirkungen eines frühzeitigen Kernenergieausstiegs bei gleichzeitiger Sicherstellung der deutschen Klimaschutzziele in Deutschland, haben Hohmeyer et al. (2000) untersucht, wie viele Arbeitsplätze im Bereich der konventionellen Stromerzeugung verloren gehen, während in den Bereichen der regenerativen Energieträger und der Energieeinsparung neue Arbeitsplätze entstehen. Tabelle 8 zeigt nicht nur die direkten sondern auch die indirekten Beschäftigungsgewinne und -verluste in den verschiedenen Branchen der deutschen Volkswirtschaft für zwei Ausstiegsszenarien mit einer Beendigung des Kernenergieeinsatzes bis zum Jahr 2010 (Szenario A und B) und ein Trendszenario mit einem uneingeschränkten Weiterbetrieb der im Jahr 2000 vorhanden Kernkraftwerke in Deutschland. Die Spalten ‚Delta’ zeigen jeweils die kumulierten Beschäftigungsgewinne und Verluste der Zeitspanne 2000 bis 2025 pro Branche in Personenjahren (in Arbeitsproduktivitäten des Jahres 1995). Insgesamt liegt die Beschäftigung in der gesamten Volkswirtschaft im Fall eines schnellen Kernenergieausstiegs um knapp 10% höher als bei einem Weiterbetrieb der Kernkraftwerke, allerdings weisen 14 von 58 Branchen auch Beschäftigungsverluste auf. Nutzen des Klimaschutzes Warum der 5. Sachstandsbericht des IPCC zu kurz greift - 31 - Tabelle 8: Direkte und indirekte Beschäftigungswirkungen verschiedener Energieszenarien mit und ohne Kernenergieausstieg bis zum Jahr 2010 auf die Branchen der deutschen Volkswirtschaft im Zeitraum 2000 – 2025 in Personenjahren (Produktivitäten von 1995, dem Basisjahr der verwendeten Input-Output Tabelle (Quelle: Hohmeyer et al. 2000, S. 58) Greenpeace_2000_lang.doc 01.10.14 19:16 Seite 58 von 106 Tabelle 12: Direkte und indirekte Beschäftigungswirkungen der verschiedenen Szenarien auf die Branchen der deutschen Volkswirtschaft im Zeitraum 2000-2025 in Personen- jahren (Produktivitäten 1995) Direkte und indirekte Beschäftigungseffekte in Personenjahren (2000-2025) Brranche Delta A Szenario A Trend A Delta B Szenario B Trend B Br. Nr. 1 Produkte der Landwirtschaft 165329 329738 164408 167231 329260 162029 Br. Nr. 2 Produkte der Forstwirtschaft und Fischerei 123373 256639 133265 125386 256728 131341 Br. Nr. 3 Elektrizität, Damp, Warmwasser -60722 164889 225611 -62949 159469 222418 Br. Nr. 4 Gas 16 4560 4544 92 4576 4484 Br. Nr. 5 Wasser -441 5427 5868 -393 5398 5791 Br. Nr. 6 Kohle, Erzeugnisse des Kohlebergbaus -310991 897230 1208220 -294208 896994 1191202 Br. Nr. 7 Bergbauerzeugnisse (ohne Kohle, Erdöl) -159846 21142 180987 -148097 30398 178496 Br. Nr. 8 Erdöl, Erdgas 142315 247105 104790 93192 196298 103105 Br. Nr. 9 Chemische Erzeugnisse, Spalt- und Brutstoffe -11796 105584 117380 -11864 103893 115757 Br. Nr. 10 Mineralölerzeugnisse -2333 9964 12297 -2462 9664 12126 Br. Nr. 11 Kunststofferzeugnisse 5742 48108 42366 8314 50150 41836 Br. Nr. 12 Gummierzeugnisse 1874 12266 10391 1514 11764 10250 Br. Nr. 13 Steine und Erden, Baustoffe usw. -28852 72581 101434 -28123 72316 100439 Br. Nr. 14 Feinkeramische Erzeugnisse 9384 16730 7347 9694 16956 7262 Br. Nr. 15 Glas und Glaswaren 5533 15112 9578 6945 16408 9463 Br. Nr. 16 Eisen und Stahl 1482 25542 24060 1775 25538 23763 Br. Nr. 17 NE-Metalle, NE-Metallhalbzeug 7212 18932 11720 9210 20786 11576 Br. Nr. 18 Giessereierzeugnisse 12591 48213 35621 13177 48354 35177 Br. Nr. 19 Erzeugnisse der Ziehereien, Kaltwalzwerke 3493 76902 73408 3974 76473 72499 Br. Nr. 20 Stahl- und Leichtmetallbau -55770 306844 362614 -62593 295560 358153 Br. Nr. 21 Maschinenbauerzeugnisse -93281 532534 625815 -103313 514515 617828 Br. Nr. 22 Bueromaschinen, ADV-Geräte und Einrichtungen 11242 47914 36672 10056 46295 36239 Br. Nr. 23 Strassenfahrzeuge 12027 37734 25707 8172 33525 25353 Br. Nr. 24 Wasserfahrzeuge 19083 25383 6300 18527 24741 6214 Br. Nr. 25 Luft- und Raumfahrzeuge 39674 59260 19586 39752 59144 19392 Br. Nr. 26 Elektrotechnische Erzeugnisse 177299 573826 396527 258356 649901 391546 Br. Nr. 27 Feinmechanische und optische Erzeugnisse 7873 13672 5798 7842 13563 5721 Br. Nr. 28 EBM-Waren 9123 46460 37337 13193 50066 36873 Br. Nr. 29 Musikinstrumente, Spielwaren, Sportgeräte 8757 9709 952 8434 9374 940 Br. Nr. 30 Holz -1294 7939 9233 -1070 8056 9127 Br. Nr. 31 Holzwaren -503 22556 23060 -169 22609 22778 Br. Nr. 32 Zellstoff, Holzschliff, Papier, Pappe 2949 6662 3714 3064 6729 3665 Br. Nr. 33 Papier- und Pappewaren 7601 18436 10835 8297 18995 10698 Br. Nr. 34 Erzeugnisse der Druckereien und Vervielfältigungen 21321 54243 32922 20663 53156 32493 Br. Nr. 35 Leder, Lederwaren, Schuhe 16100 16705 606 15491 16089 598 Br. Nr. 36 Textilien 56602 66718 10115 54722 64702 9980 Br. Nr. 37 Bekleidung 11512 12765 1253 11095 12332 1236 Br. Nr. 38 Nahrungsmittel (ohne Getränke) 12751 31364 18612 12489 30850 18360 Br. Nr. 39 Getränke 2780 6553 3773 2675 6398 3723 Br. Nr. 40 Tabakwaren 964 1445 481 940 1415 475 Br. Nr. 41 Hoch- und Tiefbauleistungen u. ae. -123373 278431 401804 -118398 278202 396600 Br. Nr. 42 Ausbauleistungen 23261 246492 223230 20055 240396 220340 Br. Nr. 43 Dl. des Grosshandels u. ae., Rückgewinnung 42774 301289 258515 60929 316252 255323 Br. Nr. 44 Dl. des Einzelhandels -1214 34309 35523 -377 34719 35096 Br. Nr. 45 Dl. der Eisenbahnen 31102 77543 46441 30098 75941 45842 Br. Nr. 46 Dl. der Schiffahrt, Wasserstraßen, Häfen 5242 15356 10114 5174 15153 9979 Br. Nr. 47 Dl. des Postdienstes und Fernmeldewesens 25491 73249 47758 25409 72566 47157 Br. Nr. 48 Dl. des sonstigen Verkehrs 55439 200780 145341 52147 195614 143467 Br. Nr. 49 Dl. der Kreditinstitute 153302 234982 81681 155623 236377 80754 Br. Nr. 50 Dl. der Versicherungen (ohne Sozialversicherungen) -22794 44170 66965 -19726 46349 66074 Br. Nr. 52 Marktbestimmte Dl. des Gastgewerbes und der Heime 42458 155143 112684 39665 150882 111217 Br. Nr. 53 Dl. der Wissenschaft und Kultur und der Verlage 37594 147887 110293 35014 143805 108792 Br. Nr. 54 Marktbestimmte Dl. des Gesundheits- und Veterinärwesens35740 49550 13811 38815 52439 13624 Br. Nr. 55 Sonstige marktbestimmte Dienstleistunge 17330 864018 846687 8987 844760 835773 Br. Nr. 56 Dienstleistungen der Gebietskörperschaften 17518 99524 82007 17709 98668 80959 Br. Nr. 57 Dienstleistungen der Sozialversicherungen 70856 240531 169675 73616 240958 167342 Br. Nr. 58 Privaten Organisationen ohne Erwerbscharakter 29512 43361 13849 28509 42177 13668 Summen 610414 7382004 6771590 672281 7354696 6682415 Prozent des Basisszenario 9,01% 10,06% Nutzen des Klimaschutzes Warum der 5. Sachstandsbericht des IPCC zu kurz greift - 32 - Am Beispiel des Szenarios A lässt sich in Tabelle 9 nachvollziehen, wie diese unterschiedlichen Beschäftigungseffekte in den verschiedenen Branchen durch Verschiebungen der Nachfrage nach den einzelnen Energietechnologien zu Stande kommen. Herausragend sind hierbei zum einen die Beschäftigungsverluste im Bereich des Betriebs von Atom- und Kohlekraftwerken und zum anderen die Beschäftigungsgewinne durch den Bau und Betrieb von Gaskraftwerken, Windenergie-, Solar- und Bioenergieanlagen, wie durch die Investitionen in Energieeinspartechnologien. Tabelle 9: Beschäftigungseffekte des Ausstiegsszenarios A im Vergleich zum Trendszenario mit Kernenergie in Personenjahren im Zeitraum 2000 – 2025 (Produktivitäten des Jahres 1995) (Quelle: Hohmeyer et al. 2000, S. 55) Greenpeace_2000_lang.doc 01.10.14 19:16 Seite 55 von 106 Tabelle 10: Beschäftigungseffekte des Ausstiegsszenarios A im Vergleich zum Trendszenario in Personenjahren (Zeitraum 2000-2025) Technologie Nettoeffekte Szenario A Trendszenario In v es ti ti o n sk o st en Steinkohlekraftwerk -107.707 0 107.707 Braunkohlekraftwerk -67.678 0 67.678 Gas-GuD-Kraftwerk 109.165 171.745 62.580 Laufwasserkraftwerk -128.782 53.010 181.792 Windenergiekonverter 297.138 394.364 97.226 Photovoltaikanlage 111.466 128.737 17.271 Biomassekraftwerk 76.195 91.781 15.586 Einspartechnologie 627.538 627.538 0 B et ri eb sk o st en e x B re n n st o ff Steinkohlekraftwerk -192.192 500.457 692.648 Braunkohlekraftwerk -223.217 455.941 679.159 Ölkraftwerk 2.590 8.874 6.284 Gas-GuD-Kraftwerk 183.574 314.686 131.111 Atomkraftwerk -1.195.575 68.506 1.264.080 Laufwasserkraftwerk -4.697 168.356 173.053 Windenergiekonverter 208.170 355.450 147.280 Photovoltaikanlage 3.393 4.129 736 Biomassekraftwerk 71.957 133.209 61.252 B re n n st o ff k o st en Steinkohle -57.037 479.957 536.994 Braunkohle -436.745 899.421 1.336.166 Heizöl 5.192 17.540 12.348 Erdgas 472.795 810.155 337.359 Kernbrennstoff incl. Entsorgungskosten -524.753 30.068 554.821 Biomasse (Holz) 337.943 625.607 287.664 Förderprogramm Energieeinsparung 39.149 39.149 0 Zusätzlicher Konsum 1003.323 1003.323 0 Gesamte Beschäftigungseffekte 611.204 7.381.999 6.770.795 Nutzen des Klimaschutzes Warum der 5. Sachstandsbericht des IPCC zu kurz greift - 33 - Die erheblichen Arbeitsplatzverluste im Bereich des Baus und Betriebs konventioneller Kraftwerke, wie sie sich in den Berechnungen von Hohmeyer et al. 2000 für den beschleunigten Kernenergieausstieg mit Einhaltung der Klimaschutzziele gezeigt haben, machen deutlich, dass eine entsprechende Transformation, wie sie in noch sehr viel größerem Umfang von der Global Commission on the Economy and Climate (S. 8f) vorgeschlagen wird, auch flankierende Strategien für die Sicherung der Beschäftigung in den negativ betroffenen Branchen erfordern. Hohmeyer et al. (2000) sind in ihrer Studie zum beschleunigten Kernenergieausstieg in Deutschland auch dieser Frage nachgegangen und haben hierfür beispielhaft für die Betriebsmannschaften der Kernkraftwerke Stade, Biblis A und B sowie Isar I und II Vorschläge entwickelt (Hohmeyer et al. 2000, S. 70ff). Diese Vorschläge stellten stark darauf ab, neue Produktionsaktivitäten der expandierenden Branchen an den Standorten der Kernkraftwerke anzusiedeln und so direkt qualifizierte Beschäftigungsmöglichkeiten an diesen benachteiligten Standorten zu schaffen. Im Fall des Kernkraftwerks Stade wurde der Vorschlag entwickelt, hier Großkomponenten wie Rotorblätter, Türme oder Fundamente für Offshore Windenergieanlagen zu bauen (Hohmeyer et al. 2000, S. 84ff), da die Lage an der Unterelbe für diese sehr großen und schweren Komponenten sehr gute Voraussetzungen aufweist. Auch wenn diese Vorschläge von den politischen Vertretern der Gemeinde zunächst vehement zurückgewiesen wurden, so ist es nach der Stilllegung des KKW Stade zur Ansiedlung der Rotorblattfertigung der Firma Areva (ehemals Multibrid) gekommen, die heute über mehr Arbeitsplätze verfügt als das stillgelegte Kernkraftwerk. Auch wenn die notwendige große Transformation der Wirtschaft und der Energieversorgung für den Klimaschutz unausweichlich ist und unter dem Strich ein erhebliches Plus an Beschäftigung und Wertschöpfung erbringen kann, so muss sie doch frühzeitig geplant und flankiert werden, um nicht im Bereich der Energiewirtschaft oder im Automobilbau zu erheblichen regionalen Arbeitsplatzeinbußen ohne entsprechende Kompensation zu führen. Bei einer frühzeitigen Planung und Steuerung der notwendigen Umbauprozesse und klaren und verlässlichen politischen Signalen, können die negativen Anpassungseffekte minimiert und der gesamtgesellschaftliche Nutzen der Transformation maximiert werden. Gelingt ein entsprechendes Politikdesign, das sowohl einen stetigen Aufbau der neuen Industrien und eine Konversion der nicht mehr benötigten bisherigen Wirtschaftsaktivitäten sicherstellt, bietet die notwendige Transformation sowohl im Bereich der Energienutzung und -gewinnung als auch im Bereich der städtischen Infrastrukturen erhebliche ökonomische Chancen und kann entsprechend der Einschätzung der Global Commission on the Economy and Climate (S.10) zum Motor für ein nachhaltiges und klimaverträgliches Wachstum werden. Wie auch der Vergleich der Entwicklung des globalen Bruttosozialprodukts mit und ohne Klimaschutz in Kapitel 4 gezeigt hat, ist ein entschiedener Klimaschutz, der die Einhaltung des 2°C-Limits sicherstellen kann, die beste Strategie, um in den nächsten Jahrzehnten ein Maximum an nachhaltigem Wachstum sicherzustellen. Nutzen des Klimaschutzes Warum der 5. Sachstandsbericht des IPCC zu kurz greift - 34 - 6 Literatur European Commssion (Hrsg.) (1995): ExternE – Externalities of Energy. Volume 1: Summary. Compiled by ETSU, UK. EUR16520 EN. Luxemburg. Im Internet verfügbar unter: http://www.externe.info/externe_d7/sites/default/files/vol1c12.pdf Global Commission on the Economy and Climate Change (2014): Better Growth – Better Climate. The New Climate Economy Report. The Synthesis Report. Washington D.C. 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