Marokko

Institut für Ästhetisch-Kulturelle Bildung; Textil und Mode / Internationales Institut für Management und ökonomische Bildung; Wirtschaftswissenschaften und ihre Didaktik

Sustainability in textile practice: Intercultural dialogue with traditional symbols in contemporary design

In diesem vom DAAD geförderten Projekt, finanziert aus Mitteln des Auswärtigen Amtes (AA), kooperieren die beiden Institute der Universität mit der Mimar Sinan Universität in Istanbul und der L'école supérieure des arts visuels in Marrakesch. Gegenstand des Vorhabens ist die textile Praxis der Oberflächengestaltung eingebunden in ökonomischen und kulturellen Kontexten ausgesuchter Regionen im islamischen Raum. Jährlich wechselnd wird mit Kooperativen und Stiftungen, die die textile Praxis insbesondere von Frauen fördern, eine Zusammenarbeit vereinbart, um sowohl die Gestaltung und handwerkliche Fertigung textiler Produkte zu studieren als auch die spezifischen gesellschaftlichen und ökonomischen Bedingungen zu recherchieren. Im Forschungsinteresse von Prof.'in Ilona Ebbers mit ihren Mitarbeiterinnen Kirsten Mikkelsen und Dr. Teita Bijedic stehen die wirtschaftswissenschaftlichen Aspekte des Projekts, im Blickpunkt von Prof. Norbert Schütz und Anna Sophie Müller stehen die textilästhetischen und gestalterischen Aspekte.

Projektort für 2013 ist Marrakesch. Dort ist auch die Abury-Foundation tätig, die das traditionelle Handwerk des Stickens auf Leder in seiner 'Regeneration' unterstützt. Historische Berber-Taschen, die in Sammlungen und im Antiquitätenhandel zu finden sind, aber insbesondere auch noch in den Familien aufbewahrt wurden, waren Ausgangspunkt für diese Stiftung, die Kenntnisse ihrer Fertigung neu zu 'beleben'. Alte und gebrauchte Taschen wurden restauriert, indem das Leder neu gefärbt, abgenutzte Stickereien erneuert oder Verschlüsse ersetzt wurden. Über die Restauration können die traditionellen textilen Fertigkeiten wieder geübt und im Fortgang auf Abänderungen der Taschen übertragen werden, bis auch Neuanfertigungen möglich werden.

Studierende der Universitäten Flensburg und Istanbul recherchieren hierzu vor Ort und mit Unterstützung der Stiftung neben der Lederverarbeitung auch die Praxis der textilen Oberflächengestaltung. In den Stickereien auf Leder sind historische Symbole aufgenommen und zu Ornamenten zusammengefügt. Die Studierenden dokumentieren diese Ornamente und sticken ausgewählte Zeichen und Kombinationen - ausgestattet mit Leder-Mustertüchern - nach und legen auf diese Weise eine persönliche Sammlung von Ornamenten an. Im interkulturellen Dialog werden die historischen Zeichen interpretiert, Abänderungen erprobt und auch persönliche Bedeutungen 'eingelagert'. In weiteren Schritten werden die erworbenen Kenntnisse der Lederverarbeitung in der Praxis angewendet. Traditionelle Lederprodukte entstehen, ebenso werden neue Prototypen entwickelt. Die Praxis der Lederverarbeitung in Kombination mit Stickerei findet gerade nach dem gemeinsamen Projektaufenthalt in Marrakesch an den Universitätsstandorten in Flensburg und Istanbul statt, bis sich die Projetteilnehmenden zur Präsentation ihrer Entwürfe und Prototypen im Oktober in Marrakesch wieder sehen werden. Dann findet eine gemeinsame Ausstellung der Produkte und eine Diskussion der Ideen in der L'école supérieure des arts visuels statt. Anschließend wird die Ausstellung öffentlich in einem 'Riad der Handwerkskunst' zentral in der Medina Marrakeschs zu sehen sein.

Die Arbeit des Instituts für Ästhetisch-Kulturelle Bildung; Textil + Mode wird von der Professur für Wirtschaftswissenschaften und ihre Didaktik ergänzt. Die Arbeitsgruppe legt besonderes Augenmerk auf die Wahrung des traditionellen Handwerks durch von Frauen betriebene Kooperative. Zu diesem Zweck besuchen sie eine Reihe verschiedener Kooperativen in Marrakesch und führen mit den Organisatorinnen und den in ihr arbeitenden Frauen Interviews über Ziele, Erfolge und Schwierigkeiten der Arbeit von und in Kooperativen. Im Zentrum des Interesses steht dabei die Rolle der Frau in Bezug auf die Vereinbarkeit von Familie und Erwerbsleben. Es geht vor allem um Fragen der Care-Ökonomie. So soll beleuchtet werden, ob und wie die in Kooperativen tätigen Frauen das familiäre Leben und die handwerkliche Arbeit miteinander in Verbindung bringen und wie sich die Zusammenarbeit auf das gemeinschaftliche Leben der Frauen untereinander und im Rahmen der Familie auswirkt. Erste Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Einbindung in die Kooperative neben der unbezahlten Heimarbeit einen entgeltlichen Zuerwerb ermöglicht. Mit eigenem Einkommen können sie so einen Beitrag zur finanziellen Versorgung der Familien leisten. Daneben bietet die Mitgliedschaft in der Kooperative auch den Zugang zu sozialem Kapital und die Bereitstellung der Hilfen für Bewohner des gesamten Stadtviertels. Soziales Kapital bedeutet für die Frauen und deren Angehörigen beispielsweise in Serviceleistungen wie IT Bildung (auch für Kinder), Nachhilfe für die Schulkinder und gar Angebote zur kostenlosen Gesundheitsvorsorge durch kooperierende Organisationen. Sogar ein angrenzendes Jugendgefängnis profitiert von der Arbeit der Kooperative "Association Idhagates marocaines des artisans". Allgemein kann konstatiert werden, dass die in der Kooperative tätigen Frauen durch die Gemeinschaft für das eigene Leben ein erhöhtes Maß an Sicherheit erfahren. Im Sinne eines sozialen Netzwerkes befruchten sich beide Seiten gegenseitig.

Die Recherche führt auch hinaus aus der Stadt ins Atlasgebirge, wo die Frauen in ländlich sozialisierten Gebieten leben und zum Großteil nicht alphabetisiert sind. Hier steht neben der Wahrung des traditionellen Handwerks vor allem die Option auf einen Schulbesuch und eine Berufsaussicht, welche der dort organisierte Arbeitszusammenhang ermöglichen kann, im Vordergrund. Darüber hinaus kann der Vertrieb ihrer Produkte auch über regionale Grenzen hinweg durch die bereits genannte Abury-Foundation offeriert werden, wodurch ebenfalls ein Beitrag zum Erhalt der regionalen Handwerkstraditionen geleistet wird. Bei einem weiteren Besuch im Oktober soll die organisierte Zusammenarbeit in weiteren Kooperativen analysiert sowie die Unterstützung von Kooperativen durch öffentliche Institutionen untersucht werden.