Expositions. Transitzonen zwischen Literatur und Museum

Internationale Tagung "Expositions. Transitzonen zwischen Literatur und Museum"

12.-13. September 2019 an der EUF, OSL, Raum 234

Konzept und Organisation:
Matteo Anastasio, Jan Rhein

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Aktuelles:

Leider hat Prof. Dr. Obergöcker seine Teilnahme absagen müssen.

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Zum Inhalt der Tagung:

Das Verhältnis von Literatur und musealer (Kunst- oder Literatur-)Ausstellung ist zumeist entweder aus Sicht von Museologie und Kulturmanagement, oder – wenn auch seltener – aus Sicht der Literaturwissenschaft behandelt worden. Die geplante Tagung richtet dagegen in einer interdisziplinär offenen Perspektive einen doppelten Blick auf Ausstellungs- wie auf literarische Praktiken und untersucht Wechselbeziehungen, die das Spannungsfeld Ausstellung/Museum/Literatur auszeichnen.

In den vergangenen Jahren haben sich zahlreiche Arbeiten mit der Frage auseinandergesetzt, wie die Literatur im Raum inszeniert wird – sei es in Literaturmuseen, Dichterhäusern, von SchriftstellerInnen kuratierten Ausstellungen (u.a.: Kussin 2002; Gfrereis/Lepper 2007; Bohnenkamp/Vandenrath 2011; Kroucheva/Schaff 2013; Hochkirchen/Kollar 2015; Hansen/Schoene/Teßmann 2017) oder Literaturpavillons auf Buchmessen (Bosshard 2014; Anastasio 2018). Grundlegende Ansätze beschäftigen sich (kultur-)semiologisch grundiert mit der Lesbarkeit des musealen Raums im Allgemeinen (Bal 1996; Bal 2006; Scholze 2004; Scholze 2010; Metz 2015), als "begehbarer fiktionaler Welt" (Schärer 2003), oder mit der immer wieder verhandelten Frage nach der Ausstellbarkeit von Immateriellem (Gfrereis 2017) und der "Musealisierung" (Régnier 2015) von Literatur.
Auch wie sich Museum und Ausstellung in Form von "Systemreferenzen" (Rajewsky 2002) in der Literatur niederschlagen, war bereits Gegenstand der Forschung – neben einzelnen Werken und AutorInnen (u.a. Charles Baudelaire, Thomas Bernhard, Orhan Pamuk) wurde die exposition allgemeiner als erzählerisches Dispositiv der europäischen Literatur des 19. Jahrhunderts (Hamon 1989; Vedder 2016) oder in Sonderformen wie dem Maison-Musée (Bourgeois 2009) untersucht, ebenso die Rolle von Museumsdiskursen in der Literatur (Westerwinter 2008).
Daran anknüpfend legt die Tagung den Fokus auf Transitzonen, "Zwischenräume" (Wirth 2012) und Konvergenzphänomene zwischen den Feldern. Sie zielt auf Aspekte von Intermedialität und Medientransfer, Materialität und Materialisierung, Fiktionalität und Fiktionalisierung von und mittels Literatur. Als Beispiele können sehr unterschiedliche Phänomene herangezogen werden: die Verbindung literarischer und außerliterarischer Kontexte in der Ausstellung von Literatur (etwa das Branding von Ländern, Städten, Regionen durch lokale Literaturmuseen und Gastlandauftritte auf Buchmessen), die "Verräumlichung" literarischer Werke (wie in Dominique Gonzalez-Foersters Installation À rebours [1988] nach Joris-Karl Huysmans gleichnamigem Roman [1884]) oder die Zusammenführung von Literatur und Ausstellung in einem gemeinsamen Werkkomplex (Orhan Pamuks Istanbuler Museum of Innocence und der gleichnamige Roman [2008]).
Ausgehend von der These Mieke Bals, Ausstellen sei ein "act of producing meaning", bei welchem ein "subject objectifies, exposes himself" (Bal 1996), stellt sich zudem die Frage nach den realen oder fiktionalen, in literarisch-museale Kommunikations- und Interaktionsdispositive involvierten Subjekten (KuratorInnen, Institutionen, BesucherInnen/AutorInnen, LeserInnen, aber auch literarische ProtagonistInnen). Die Berücksichtigung von geo-historischen, kulturpolitischen oder gesellschaftlichen Kontexten ermöglicht schließlich den Blick auf den Status von Literaturhäusern in literarischen Topographien ebenso wie auf literarisch-museale Weltkonzeptionen (z.B. Le Clézio 2011).

Eingeladen sind WissenschaftlerInnen und PraktikerInnen, die zum genannten Themenkomplex forschen oder arbeiten. Die Beiträge umfassen die folgenden Themenfelder:

A. "Literatur in der Ausstellung"

  • Literaturausstellungen im historischen Wandel: Formen und Funktionen
  • diskursanalytische und narratologische Untersuchungen von Ausstellungsstrategien und Ausstellungsperspektivierungen
  • Beitrag von Literaturausstellungen und Literaturmuseen zur Etablierung und Vermittlung von literarischen Kanons oder zur (Selbst)Kanonisierung von Werken und Autoren
  • Ausstellungsformen des "Immateriellen" durch materielle oder "digitale Exponate" (Döring 2016) bzw. performative Inszenierungen
  • Übertragungsformen literarischer Organisationsprinzipien auf den Ausstellungsraum, Übertragungsformen musealer Organisationsprinzipien auf den literarischen Raum

B. "Ausstellung in der Literatur"

  • Auswirkungen von Literaturausstellungen auf die Literatur (intertextuelle/intermediale "Rückkopplungen")
  • Museumsdiskurse in der Literatur
  • Ästhetik und Formen "musealen Schreibens"
  • Reflexion von Materialität (in) der Literatur
  • Beispiele von SchriftstellerInnen konzipierter und/oder kuratierter Ausstellungen und Museen

C. "Orte der Literatur"

  • Bedeutung realer Orte (Dichterhäuser, -gräber…) für die Lokalisierung und Institutionalisierung von Literatur
  • Imagebildung von Städten, Ländern und Regionen durch literarische Verfahren
  • "touristische Inszenierung" (Stobbe 2013) von Literatur und literarischer Tourismus
  • Beispiele und Strategien von "Neukartographierungen" im Spannungsfeld von/zwischen Literaturausstellungen und Literatur

Literatur

  • Anastasio, Matteo (2018): "Neue Sprachen der Literatur ‘auf Französisch’: Strategien des Literaturausstellens im Zeichen von Innovation und Kooperation im Rahmen des Ehrengastauftritts Frankreichs auf der 69. Frankfurter Buchmesse (2017)". In: Bosshard, Marco Thomas/Brink, Margot/Hertwig, Luise (Hg.): Der Frankfurter Buchmesseschwerpunkt "Francfort en français" 2017: Inszenierung und Rezeption frankophoner Literaturen in Deutschland. (Dossier in Lendemains. Études comparées sur la France 170/171, 2018). 47-74.
  • Bal, Mieke (1996): Double Exposures. The Subject of Cultural Analysis. New York: London.
  • Bal, Mieke (2006): Kulturanalyse. Frankfurt/M.: Suhrkamp.
  • Bohnenkamp, Anne/Vandenrath, Sonja (2011) (Hg.): Wort-Räume ZEICHEN-WECHSEL Augen-Poesie Zur Theorie und Praxis von Literaturausstellungen. Göttingen: Wallstein.
  • Bosshard, Marco Thomas (2014): "Länderschwerpunkte auf der Frankfurter Buchmesse. Zur Selbstinszenierung von Nationalkultur anhand der Gastlandauftritte Argentiniens und Brasiliens". In: Gesine Müller (Hg.): Verlag Macht Weltliteratur. Lateinamerikanisch-deutsche Kulturtransfers zwischen internationalem Literaturbetrieb und Übersetzungspolitik. Berlin: Walter Frey/tranvía. 147-163.
  • Bourgeois, Bertrand (2009): Poétique de la maison-musée (1847-1898). Du réalisme balzacien à l’œuvre d’art « décadente ». Paris: L’Harmattan.
  • Döring, Jens (2016): "Digitale Exponate – ein neues Medium". In: Wenrich, Rainer/Kirmeier, Josef (Hg.): Kommunikation, Interaktion und Partizipation. Kunst- und Kulturvermittlung im Museum am Beginn des 21. Jahrhunderts. München: kopaed. 85-94.
  • Gfrereis, Heike (2017): "Immaterialität/Materialität. Über ein Gegensatzpaar, bei dem im Fall der Literaturausstellung die Lage klar scheint". In: Hansen, Lis/Schoene, Janneke/Teßmann, Levke (Hg.): Das Immaterielle ausstellen: Zur Musealisierung von Literatur und performativer Kunst. Bielefeld: transcript. 35-64.
  • Gfreireis, Heike/Lepper, Marcel (2007) (Hg.): Deixis. Vom Denken mit dem Zeigefinger, Göttingen: Wallstein.
  • Hansen, Lis/Schoene, Janneke/Teßmann, Levke (Hg.) (2017): Das Immaterielle ausstellen: Zur Musealisierung von Literatur und performativer Kunst. Bielefeld: transcript.
  • Hamon, Phillippe (1989): Expositions. Littérature et Architecture au XIXe siécle. Paris: José Corti
  • Hochkirchen, Britta/Kollar, Elke (Hg.) (2015): Zwischen Materialität und Ereignis. Literaturvermittlung in Ausstellungen, Museen und Archiven. Bielefeld: transcript.
  • Kroucheva, Katherina/Schaff, Barbara (2013) (Hg.): Kafkas Gabel. Überlegungen zum Ausstellen von Literatur. Bielefeld: transcript.
  • Kussin, Christiane (Hg.) (2002): Zwischen Reliquienkult und Reizüberflutung. Möglichkeiten der Konzeption und Gestaltung von Literaturausstellungen. Berlin: ALG.
  • Le Clézio, Jean-Marie Gustave (2011): Les musées sont les mondes. Paris: Gallimard/Musée du Louvre.
  • Metz, Christian (2015): "Lustvolle Lektüre. Zur Semiologie und Narratologie der Literaturausstellung". In: Bohnenkamp, Anne/ Vandenrath, Sonja (Hg.): Wort-Räume ZEICHEN-WECHSEL Augen-Poesie. Zur Theorie und Praxis von Literaturausstellungen. Göttingen: Wallstein. 87-99.
  • Régnier, Marie-Clémence (2015) (Hg.): Ce que le musée fait à la littérature. Muséalisation et exposition du littéraire. Dossier in: Interférences littéraires - Literaire interferenties, 16, Juni 2015.
  • Rajewsky, Irina (2002): Intermedialität. Tübingen/Basel: Francke.
  • Schärer, Martin (2003): Die Ausstellung. Theorie und Exempel. München: Müller-Straten.
  • Scholze, Jana (2004): Medium Ausstellung: Lektüren musealer Gestaltungen in Oxford, Leipzig, Amsterdam und Berlin. Bielefeld: transcript.
  • Scholze, Jana (2010): "Kultursemiotik. Zeichenlesen in Ausstellungen", in: Baur, Joachim (Hg.): Museumsanalyse. Methoden und Konturen eines neuen Forschungsfeldes, Bielefeld: transcript 2010. 121-148.
  • Stobbe, Urte (2013): "Literatur zum Greifen nah. Strategien und Praktiken des gegenwärtigen Literatur- und Kulturtourismus". In: Kroucheva, Katherina/Schaff, Barbara (Hg.): Kafkas Gabel. Überlegungen zum Ausstellen von Literatur. Bielefeld: transcript. 251-269.
  • Vedder, Ulrike (2016): "Zwischen Depot und Display. Museumstechniken in der Literatur des 19. Jahrhunderts". In: Gretz, Daniela/Nicolas Pethes (Hg.): Archiv/Fiktionen. Verfahren des Archivierens in Literatur und Kultur des langen 19. Jahrhunderts, Freiburg i. Br./Berlin/Wien: Rombach 2016. 35-49.
  • Westerwinter, Margret (2008): Museen erzählen. Sammeln, Ordnen und Repräsentieren in literarischen Texten des 20. Jahrhunderts. Bielefeld: Transcript.
  • Wirth, Uwe (Hg.) (2012): Bewegen im Zwischenraum. Berlin: Kadmos.