Buchmessen als Räume kultureller und ökonomischer Verhandlung

Zur kulturpolitischen Bedeutung von Buchmessen in Spanien, Mexiko und Deutschland

DFG-Forschungsprojekt (voraussichtlich Januar 2017 bis Juni 2019)

Projektleitung: Prof. Dr. Marco Thomas Bosshard

Das Forschungsprojekt untersucht internationale Buchmessen als (A) kulturpolitische, (B) ästhetisch-mediale und (C) ökonomische Verhandlungsräume und konzentriert sich dabei auf Spanien, Mexiko und Deutschland. Anhand der Gastlandpraxis und der Interferenzen der deutschen, spanischen und mexikanischen Buchmärkte sollen diese Verhandlungen zwischen den involvierten literarischen Feldern in einem ersten Schritt anhand des institutionellen Schnittpunkts der Buchmessen kartographiert werden. In einem zweiten Schritt analysiert und interpretiert das Projekt entlang seiner drei unterschiedlich ausgerichteten Forschungslinien die kulturellen, politischen und ökonomischen Wirkungen der Gastlandpraxis auf Buchmessen für die entsprechenden Literaturen.

Ausgehend von Vorstudien auf den Buchmessen in Rio de Janeiro und Frankfurt am Main sollen deren Fragestellungen und Ergebnisse anhand weiterer Feldstudien auf den internationalen Buchmessen in Madrid und Guadalajara sowie neuerdings in Frankfurt überprüft und die Untersuchung somit auf repräsentative Teile des gesamten iberoromanischen Kulturraums ausgeweitet werden. Der deutsche Buchmarkt wird so mit den größten und wichtigsten Buchmärkten der Iberoromania anhand deren bedeutendsten nationalen Buchmessen in Beziehung gesetzt, wodurch das Projekt allgemeingültige Aussagen über die gegenwärtige Ausrichtung der literarischen Felder und Buchkulturen der genannten Sprach- und Kulturräume treffen kann.

Die vom Projekt zu leistende Dokumentation der Messen umfasst hierbei:

  • die vergleichende Darstellung der politischen Motivationen und kulturpolitischen Strategien Deutschlands, Spaniens und Mexikos zur Inszenierung ihrer Nationalliteraturen und -kulturen im Ausland sowie deren Rezeption durch Messebesucher, Fachpublikum und Journalisten, die über die Gastlandauftritte berichten (Forschungslinie A)
  • die Analyse der hierzu eingesetzten medialen und ästhetischen Mittel (architektonische und kuratorische Konzepte der Länderpavillons, Begleitausstellungen und Retrospektiven, Theateraufführungen, Performances und Musikveranstaltungen, Imagefilme etc.) sowie der im Messekontext exponiert lancierten literarischen Werke inkl. deren Rezeption durch die Literarturkritik (Forschungslinie B)
  • die volks-/betriebswirtschaftlich fundierte vergleichende Analyse international ausgerichteter Kulturförderungsinstrumente (Übersetzungsförderungsprogramme, Übersetzerwerkstätten, internationale Autorenaustauschprogramme, Druckbeihilfen, Marketingsubventionen etc.) im internationalen Messekontext sowie der Strategien des Kultur- und Buchmarketings durch offizielle Kulturinstitutionen und Verlage (Forschungslinie C)

Profil der Forschungslinien

Forschungslinie A

Die Forschungslinie A fragt aus kultur- bzw. literatursoziologischem Blickwinkel nach den Charakteristika der interagierenden literarischen Felder und den in ihnen wirkenden Diskursen in Deutschland, Spanien und Mexiko, dies unter besonderer Berücksichtigung institutionalisierter Buchmessen vor allem des 20. und 21. Jahrhunderts. Hierbei stellen die Gastlandauftritte iberoromanischer Länder und die Inszenierung ihrer ‚Nationalliteraturen’ seit der Frankfurter Buchmesse 1976 einen wichtigen Teil der Untersuchung dar. Die politischen Motivationen und kulturpolitischen Strategien der Gastländer sind im Kontext übergeordneter nationaler Kulturpolitik zu verorten und zu analysieren. Unter Ausklammerung der in Forschungslinie B zu thematisierenden ästhetischen Aspekte steht hier die Kommunikation über die Buchmessen bzw. die dortigen Gastlandauftritte im Zentrum der Betrachtungen: Reden von Repräsentanten des politischen und literarischen Feldes sowie andere programmatische Äußerungen von Akteuren (Verleger, Autoren, Agenten) im Rahmen der Experteninterviews, Debatten im Rahmen von Lesungen und Podiumsgesprächen etc. sind hier zunächst zu dokumentieren und sodann diskursanalytisch auf ihre (kultur-)politischen Implikationen und metaliterarischen Diskurse hin zu untersuchen. Die Rezeption dieser Diskurse durch Messepublikum und Buchhändler auf empirischer Grundlage ist ebenso Bestandteil dieser Projektlinie wie die Analyse der journalistischen Berichterstattungen zu den Gastländern in Printmedien sowie Funk und Fernsehen.

Forschungslinie B

Zentraler Untersuchungsgegenstand der Forschungslinie B sind die ästhetischen Implikationen und Strategien der zu dokumentierenden multimedialen Fremd- bzw. Selbstdarstellungen der Messeveranstalter einerseits sowie der Gastländer andererseits. Die Auswertung der Dokumentationen von Veranstaltungen und Rahmenprogrammen konzentriert sich hier insbesondere auf architektonische und kuratorische Konzepte der Länderpavillons, der Begleitausstellungen und Retrospektiven, Theateraufführungen, Performances und Musikveranstaltungen. Abhängig von der Zusammensetzung der auf die verschiedenen Messen entsandten Autorendelegationen sind hier u.U. – insofern sie die Frage nach nationaler Identität in ihren Texten tatsächlich aufgreifen sollten – auch literarische Werke der vertretenen Autoren von Relevanz, sodass dieser Projektteil auch herkömmliche literaturwissenschaftliche Fragestellungen mit einschließt und die Rezeption dieser literarischen Werke durch die Literaturkritik zu berücksichtigen hat. Die literaturwissenschaftliche Methodik soll hierbei mit kulturwissenschaftlichen (aus den anderen Forschungslinien zu speisenden historischen, sozialen und ökonomischen) Analysen zusammengeführt werden, indem die in den anlässlich der Gastlandauftritte lancierten bzw. übersetzten Büchern präsenten literarischen Diskurse mit den im Messekontext generierten metatextuellen bzw. metamedialen Diskursen über Literatur rückgekoppelt werden. Hierbei fließen u.a. Eröffnungsreden und andere programmatische Äußerungen von (literarischen) Autoren, Lesungen und (auf das Medium Literatur fokussierte) Podiumsgespräche, Rezensionen sowie das ästhetische Potential von Verlagsvorschauen mit literarischen Titeln zu den Länderschwerpunkten in die Betrachtungen mit ein.

Forschungslinie C

Die Forschungslinie C schließlich setzt sich mit subventionspolitischen Aspekten der Kulturförderung, deren Evaluationsmöglichkeiten und internationalen Vergleichbarkeit auseinander. Die ökonomische Analyse von auf (kultur-)politische Außenwirkung bedachten Übersetzungsförderungsprogrammen, Übersetzerwerkstätten, internationalen Autorenaustauschprogrammen in Form von Stipendien, Druckbeihilfen etc. im Ehrengastland sowie im Gastgeberland durch staatliche und halbstaatliche Institutionen wie z.B. die Bildungs- und Kulturministerien, das Instituto Cervantes in Spanien, CONACULTA in Mexiko sowie den DAAD und das Goethe-Institut in Deutschland vor dem Hintergrund der in den anderen Forschungslinien untersuchten Gesichtspunkte verspricht Antworten auf die Fragen nach den wirtschaftlichen Mechanismen der Gastlandpraxis und ihren Konsequenzen. So gilt es hier auch zu untersuchen, welche Auswirkungen Gastlandauftritte auf den Buchmarkt des Gastgeberlandes und die Verbreitung der Literaturen des Gastlandes haben und wie es sich mit den subventionspolitischen Maßnahmen nach der entsprechenden Buchmesse in längerfristiger Perspektive verhält. Schließlich sollen hier ebenfalls Daten erhoben und ausgewertet werden, die den ökonomischen Erfolg der von hiesigen deutschen Verlagen übersetzten und im Rahmen der Messeauftritte lancierten spanischen und mexikanischen Autoren betreffen, und die Marketingstrategien der Kulturinstitutionen und Verlage im Gastlandkontext mit Blick auf das nation branding näher betrachtet werden.