Verantwortlich

Laufzeit

18.05.2021 - laufend

Institution der EUF

Abteilung Psychologie

Teach Love

Der Sexualkundeunterricht steht vor mehreren Herausforderungen, nur 20% der LehrerInnen sagen aus, dass sie im Studium etwas zum Sexualkundeunterrricht gelernt haben, nur 8% haben sich mit dem Thema sexuelle Gewalt beschäftigt, die meisten fühlen sich mit dem Thema allein gelassen (Drinck & Voß, 2020) und die Lage wird unter den Bedingungen der Pandemie noch verschärft, im digitalen Unterrichtsformat berichten LehrerInnen, wird auf Sexualkunde gerne verzichtet und die Kommunikation erschwert sich bei intimen Themen noch (Degen & Kleeberg-Niepage, 2021).....

Stichworte

Sexual- und Aufklärungsunterricht, Weiterbildung, Lehrerinnenbildung, Sexualität, Wohlbefinden, ganzheitliche Lehre, Spaß

Beschreibung

Ausgangslage

Gefühle & Liebe, Onlinedating & Porno-Konsum, Selbstliebe & Körperschema, Normen & Werte, der weibliche Körper und Beziehungen durch Schwangerschaft & Familiengründung, moderne Beziehungskonstellationen, kulturelle Vielfalt, LGTBQ+ & sexuelle Identität, physische und psychische Gesundheit, Sicherheit.

Dies sind nur einige Schlagworte, die zwar im öffentlichen, medialen Diskurs omnipräsent sind, die aber aus der Perspektive von SchülerInnen, LehrerInnen und Eltern und auch der Politik im aktuellen Sexual- und Aufklärungsunterricht zu kurz kommen oder in Gänze unberücksichtigt bleiben. Der Sexual- und Aufklärungsunterricht wird oftmals auf biologische Funktionen, Organe und Verhütungsmethoden beschränkt. Für Jugendliche wird eine darüber hinausgehende Aufklärung dann in der Konsequenz ausgelagert und mitunter durch sexuelle Medieninhalte und Pornokonsum ersetzt. Bis ins Erwachsenenalter bleiben dann viele Aspekte der Aufklärung aus, ein Fakt der mit großer Bedeutsamkeit für die eigene Entwicklung, Identität und möglichen Herausforderungen im Erwachsenenalter einhergeht:

"ich habe erst mit 25 und auf Youtube gelernt, dass mein Ausfluss nicht eklig, sondern normal ist und dass eine Vulva nicht wie im Porno aussehen muss, so viele Jahre in denen ich mich geschämt habe, das würde ich den Mädchen so gerne ersparen" (LehrerIn aus Flensburg, 26).

Solche gesellschaftlichen Bedingungen sind dabei nicht nur individuell und im Einzelfall bedeutsam:

"Für die Mädchen sind die Pornos krass und für die Jungs auch, was die dort sehen können oder wollen sie nicht erfüllen, das ist ja keine Doku über Sex, sondern ein kulturelles Artefakt, das muss man erstmal begreifen" (Lehrerin am Gymnasium in Flensburg, 2021)

Jugendliche bekommen wenig Begleitung im Umgang mit sexuellen medialen Inhalten, zum Beispiel Onlinedating oder auch einschlägige Foren. Diese Inhalte werden dann ungefiltert nicht kontextuiert konsumiert, es fehlt dann an Kompetenz im Umgang mit der Bedeutung (Döring, 2011, 2017):  "ich dachte am Hals gewürgt werden und Analsex gehört halt dazu und auch sozusagen die Performance" (Schülerin am Gymnasium, 17 Jahre) und auf den eigenen Körper übertragen. Immer mehr junge Frauen lassen sich die Brüste und ihre Vulva durch plastische Chirurgie korrigieren, damit sie beispielsweise kleine und stramme innere Schamlippen haben (Serati et al., 2018).

Der Sexualkundeunterricht steht vor mehreren Herausforderungen, nur 20% der LehrerInnen sagen aus, dass sie im Studium etwas zum Sexualkundeunterrricht gelernt haben, nur 8% haben sich mit dem Thema sexuelle Gewalt beschäftigt, die meisten fühlen sich mit dem Thema allein gelassen (Drinck & Voß, 2020) und die Lage wird unter den Bedingungen der Pandemie noch verschärft, im digitalen Unterrichtsformat berichten LehrerInnen, wird auf Sexualkunde gerne verzichtet und die Kommunikation erschwert sich bei intimen Themen noch (Degen & Kleeberg-Niepage, 2021). Während im öffentlichen und politischen Diskurs Diversität, Kulturalität, Sicherheit und psychische sowie physische Gesundheit in Bezug auf den Umgang mit der Sexualität immer mehr Aufmerksamkeit bekommen, ist das Thema in der LehrerInnenbildung und den Lehrplänen weder konkretisiert noch etabliert. Schulmaterial ist oftmals nicht zeitgemäß, besteht aus Strichmännchendarstellungen, schemenhaft und grafisch reduziert gezeichnete Genitalien. Eine Darstellungsart, die bedeutsam scheint: "bei mir sieht das da unten aber ganz anders aus und bis ich auf Instagram so nen Account gefunden hatte, dachte ich ich wäre ein Freak" (Lehramtsstudierende, Flensburg, 24 Jahre).

Lehrerinnen empfinden in diesem Kontext das Thema insgesamt als unangenehm, erleben es als schambehaftet oder fühlen sich überfordert, vermeiden in der Konsequenz das Thema oder reduzieren es (notgedrungen) auf Funktionalität, Organe und Verhütung:

"Bei uns an der Schule macht das keiner gerne und dann auch nur in Bio kurz die Organe, Verhütung und Haken dran, es ist halt unangenehm, die Fragen der Schüler auch oft persönlich, ich denke wir kommen da schnell an die Grenzen, es gibt ja auch keine Vorbereitung und ich als Mann hab auch Angst, dass ich was falsches sage" (Lehrer, Gesamtschule in Schleswig Holstein, 37 Jahre). Es reicht aber nicht, wenn Jugendliche Kondome bedienen können, aber nicht über Sexualtität sprechen und Bedürfnisse äußern lernen, denn dann verhüten sie mitunter trotz der theoretischen Fertigkeiten nicht (profamilia Hamburg, 2021).

Herausforderungen scheinen dabei zum einen die Konfrontation mit der eigenen Sexualität und eigene Grenzen, und zum anderen adäquates Wissen sowie darauf aufbauende Kompetenz und konkrete Werkzeuge im Umgang mit dem Thema und dessen Vermittlung zu sein: "Was soll man da sagen, die kommen schon mit fragen, aber ich wiegel es auch ab, ich weiß auch nicht was man sagen darf Herr Walter[1] hatten Sie denn schonmal einen Dreier? Tja, da weiß ich dann auch nicht weiter" (Lehrer, Gymnasium Flensburg, 41 Jahre).

Die LehrerInnen äußern dabei nicht nur Bedarfe und verweisen auf Lücken in der Ausbildung sondern vor allem auch explizites Engagement und Interesse an (Fort-)Bildung: "Ich habe eigentlich Lust das zu unterrichten, es ist ja quasi das wichtigste -Liebe, das erste mal- ich wünschte ich hätte damals Hilfe gehabt, ich habe auch Lust es besser zu machen, ich weiß aber nicht wie" (Studierende im Master 4. Fachsemester, Flensburg, 26 Jahre).

Theorie & Praxis verbinden

Dabei gibt es bereits einzelne medial diskursive moderne Umgangsformen mit Sexualität  und natürlichen Körpern zum Beispiel im Rahmen der Bodypositivity Bewegungen. Dort wird mit den Themen und Herausforderungen proaktiv umgegangen und beispielsweise realitätsgetreue Bilder von Vulvas über Social Media verbreitet und Erfahrungen aus erster Person Perspektive geteilt (@thevulvagallery). Die Inhalte und Perspektiven solcher Bewegungen scheinen bisher aber noch nicht in die Schulen und Universitäten integriert zu werden. Eine psychologisch fundierte und begleitete Integration in die LehrerInnenbildung als universitäre Lehre, als Weiterbildung, inklusive Material was Diversität und körperliche Realität abbildet, und begleitende Forschung und Evaluation stellen weiterhin eine Lücke dar. Die Forschung dokumentiert zwar erhöhten Pornokonsum und fordert beispielsweise Pornokompetenz (u.a. Döring, 2011), eine konkrete Integration und Konzeptentwicklung und damit Verbindung von Forschung und Praxis ist noch ausstehend und wird daher zum Gegenstand dieses Projektes.

Teach Love: Aufklärung vom Prof statt Porno

"Forschung fürs Herz und die Expertise"

Unser Projekt besteht aus zwei Pfeilern, erstens der Forschungsperspektive mit drei fortlaufenden Forschungsseminaren pro Semester und einem Kolloquium mit Thesisabsolvierenden.

Im Forschungsprojekt werden  Schulmaterial analysiert, Unterrichtsbeobachtungen durchgeführt, LehrerInnen, SchülerInnen, Lehramtsstudierende und Eltern interviewt, in Einzelinterviews und in Gruppendiskussionen, daneben gibt es Fragebogenstudien und Essays unterschiedlicher AkteurInnengruppen zum Verhältnis zum eigenen Körper, Genitalien und Sexualität.

Erste Ergebnisse und Einblicke in die Daten finden sich hier: www.researchgate.net/project/Teach-Love

Zweitens, der Vermittlungsperspektive in der Form eines Fortbildungskurs ab September 2021 und Materialentwicklung, der für alle Studierende an der Universität Flensburg zugänglich ist. Dieser wird auf den aktuellen Forschungsergebnissen basierend partizipativ entwickelt und fortlaufend von der Forschungsgruppe evaluiert und (weiter-)entwickelt.

"(Weiter-)Bildung fürs Herz und für die Expertise"

Im Fortbildungskurs an der Europa Universität können erstens, LehrerInnen im Rahmen des Kurses von internen und externen ExpertInnen begleitete Selbsterfahrungen durchführen und ihre eigene Haltung und Sexualität reflektieren. Danach können LehrerInnen dann im zweiten Schritt, mit neuem Material ausgestattet und durch ExpertInnen und Evaluation begleitet in den Schulalltag zurückkehren um dort das Konzept anzuwenden, und dann drittens, den Verlauf an uns zurück zu melden.

"Wissenstransfer von der Uni: fürs Herz & die Expertise"

Unser Ziel ist es, den aktuellen Stand des Sexual- und Aufklärungsunterricht, Materialien, die individuelle Sexualität und Beziehung zum eigenen Körper von Frauen und Männern sowohl von LehrerInnen als auch von den Jugendlichen zu erfassen und zu analysieren, um ein verbessertes Konzept für den Sexual- und Aufklärungsunterricht zu entwickeln. Die partizipativ entwickelten Konzepte werden dann fortwährend evaluiert und weiterentwickelt, um einen Beitrag zu leisten, selbstbewusste junge Erwachsene zur psychischer und physischer Gesundheit zu begleiten, indem wir gegenüber Fragen der Sexualität gegenüber reflektierte und ganzheitlich kompetente LehererInnen ausbilden und mit adäquatem Material ausstatten.

Haben Sie Lust auf eine Entdeckungsreise durch die eigene Sexualität und den gesellschaftlichen Kontext von Beziehungskonstellationen, dem Körper und der Sexualität, und so gemeinsam mit uns einen Beitrag für sich und die folgenden Generationen zu leisten? Wir möchten LehrerInnen und SchülerInnen helfen, ein entspanntes und positives Verhältnis zu ihrer Sexulitiät zu entwicklen. Einen kompetenten und offenen Austausch ermöglichen, um ansprechenden adäquaten Unterricht entlang der praktischen und vor allem diversen Bedarfe zu gestalten. Unten finden Sie das Team, sowie weiterführende Links und Teilnahmemöglichkeiten, den Zugang zum Fortbildungskurs und zu Materialien.

Weitere Informationen, eine Projektvorstellung und ein Forum für den direkten Austausch, sowie weitere AnsprechpartnerInnen finden Sie hier: teach-love.de

Teilnahmemöglichkeiten

Bei Interesse wenden Sie sich gerne an die Projektleitung Johanna L. Degen:  johanna.degen-TextEinschliesslichBindestricheBitteEntfernen-@uni-flensburg.de

ProbandInnen: Wenn Sie Interesse haben als ProbandIn, als Einzelperson, oder mit ihrer Klasse oder Schule oder als Bildungspartner, teilzunehmen melden Sie sich gerne.

Thesis im Projekt: Wir veranstalten ein fortlaufendes Kolloquium zum Projekt, in dem Studierende ihre Thesis absolvieren können, bei Interesse können Sie sich gerne mit einem Motivationsschreiben bei der Projektleitung bewerben.

Praktikum: Alternativ können Sie auch ein Forschungspraktikum machen, bei Interesse melden Sie sich ebenfalls gerne mit einer Bewerbung bei Teach Love unter obiger Emailadresse.

Verlinkung zum Projekt Profiling the Self (Tinder): https://www.uni-flensburg.de/psychologie/forschungpresse/forschungsprojekte/laufende-projekte/tinder-profiling-the-self/

Researchgate: www.researchgate.net/project/Teach-Love

Das Team

Projektleitung: Johanna L. Degen

Projektpartnerin & Gründungsmitglied: Andrea Kleeberg-Niepage

Universitätsexterne ProjektpartnerInnen, Gründungsmitglieder & Dozierende: Andreas Jaszczuk (dilemma-praxis.de) & Anna Maria Woszczyk (hallo-liebes-leben.de)

Partnerprojekt: Lets Love mit Andrea Afflerbach & Ann-Malen Henning (lets-love.de)

ForschungspartnerInnen: Kieran O’Doherty (University of Guelph), Massih Zekavat (Europa Universität Flensburg)

Quellen

  • Degen & Kleeberg-Niepage, unveröffentlicht: LINK zu Essays auf Website
  • Döring, N. (2011). Pornografie-Kompetenz: Definition und Förderung. Zeitschrift für Sexualforschung; 24; 228 –255
  • Serati, M., Salvatore, S. & Rizk, D. Female genital cosmetic surgery: the good, the bad, and the ugly. Int Urogynecol J 29, 1411–1412 (2018). doi.org/10.1007/s00192-018-3707-2

[1] anonymisiert