Studieren „ohne Eile des puren Nutzens“

Studierende der früheren Pädagogischen Hochschule Flensburg feierten 50. Jahrestag ihres Examens.

"132 junge Lehrer treten ins Amt", stand Anfang März 1965 im Flensburger Tageblatt. Diese "jungen Lehrer" hatten an der damaligen Pädagogischen Hochschule in der Mürwiker Straße die 1. Staatsprüfung für das Lehramt an Volksschulen abgelegt. "Wie das Studienbuch beweist, wurden wir zu pädagogischen Zehnkämpfern ausgebildet. Man wählte ein Schulfach als Hauptfach, und die nachfolgenden Schulfächer mussten alle mit Seminaren belegt und durch Prüfungen beendet werden: Deutsch, Mathematik, Physik, Geschichte, Englisch, Erdkunde, Biologie, Religion, Musik, Kunst, Bewegungserziehung", erinnert sich Barbara Schwaner-Heitmann. Die Flensburgerin arbeitete nach ihrem Examen ab 1968 als Abgeordnete Lehrkraft an der damaligen Pädagogischen Hochschule, u.a. am Institut für Gesundheitspsychologie und Gesundheitsbildung, an dessen Entwicklung sie maßgeblich beteiligt war.

Schwaner-Heitmann hatte zum 50-jährigen Jubiläum ihre ehemaligen Kommilitoninnen und Kommilitonen eingeladen. 30 von ihnen sind der Einladung gefolgt. Die Lehrerinnen und Lehrer, Schulleiter, Bürgermeister und Hochschullehrer, mittlerweile im Ruhestand, leben überwiegend in Norddeutschland und in Dänemark und erinnerten sich einen Tag lang in Universität und Stadt an ihre gemeinsame Studienzeit. So gingen damals etwa die Vorlesungen von 7 Uhr morgens bis 22 Uhr abends – gefeiert wurde dennoch oft und gerne. "Am Ende des Studiums, im Frühjahr 1965, mussten wir an einigen Prüfungstagen bis zu vier Prüfungen hinter einander ablegen. Wir fühlten uns aber nicht sonderlich unter Leistungsdruck, denn jeder Absolvent der Lehramtsausbildung musste sich schriftlich verpflichten, fünf Jahre in Schleswig-Holstein zu bleiben. Also war uns eine Anstellung sicher, egal welcher Notendurchschnitt erreicht wurde", erklärt Schwaner-Heitmann.

Die 1965 Examinierten waren der erste sechssemestrige Lehramtsstudiengang. Diese Verlängerung des Studiums von vier auf sechs Semester "hatte das Ziel, von einer lenkbaren Fach-Ausbildung zu einem echten Studium zu gelangen, das – wie alle geistigen Prozesse – Zeit brauche, weil Wissenschaft und Bildung ein Unendliches darstellen, das schwerlich mit der Eile des puren Nutzens auszumessen sei", hieß es damals im ‚Flensburger Tageblatt‘.

Der damalige AStA-Vorsitzender Dieter Jensen verwies in seiner Abschiedsrede am 6.3.1965 auf die "verhältnismäßig kleinen Seminare, die eine auf persönlichem Kontakt beruhende gute Studienarbeit mit den Professoren und Dozenten zuließen".

Der Präsident der heutigen Europa-Universität Flensburg, Prof. Dr. Werner Reinhart,  sprach in seinem Grußwort von einer Generation, die politisch zufrieden und stolz sein könne – vieles sei während der Zeit ihrer Berufstätigkeit und durch ihr Mitwirken besser geworden: Das Lehramt etwa sei heute weit stärker durch Empathie geprägt als in den 60er Jahren, die Gesellschaft insgesamt offener und toleranter. Das spüre man gegenwärtig zum Beispiel an der Bereitschaft der Europa-Universität, Flüchtlinge in der geplanten Erstaufnahmeeinrichtung auf dem Campus willkommen zu heißen. Das passe zu seinem Europa-Bild, sagte Reinhart: Denn sei Europa nach den Erzählungen des lateinischen Dichters Vergil nicht von dem trojanischen Königssohn Aeneas gegründet worden, also von einem Flüchtling?

Foto Marcus Dewanger