Melencolia vor Omnibussen

Ein Flashmob im Rahmen der Aktion "Eine Uni – Ein Buch" sorgt für einige Irritation

Etwa 70 Schülerinnen und Schüler der Kurt-Tucholsky-Schule (KTS) saßen heute (20.11.) unbeweglich auf leeren Bierkästen im kühlen Nieselregen am Zentralen Omnibus Bahnhof (ZOB) in Flensburg. Alle hatten schweigend die Denkerpose der Melencolia aus Albrecht Dürers gleichnamigem Bild eingenommen: Den linken Ellbogen aufs Knie gelehnt, das Gesicht in der linken Hand aufgestützt. Eine halbe Stunde, von 14:30 Uhr bis 15:00 Uhr, saßen die Oberstufenschülerinnen und –Schüler aus den Klassen 11 bis 13 still auf dem Bürgersteig und sorgten bei einigen Passanten für Irritation.

Theateraktion im Rahmen von "Eine Uni - Ein Buch"

Diese Theateraktion im öffentlichen Raum ist Teil der Initiative "Eine Uni – Ein Buch". In dessen Rahmen setzt sich die Europa-Universität Flensburg (EUF) mit dem Buch "Unverfügbarkeit" von Hartmut Rosa auseinander. Hartmut Rosa zählt zu Deutschlands bekanntesten Soziologen und sorgt mit seinen kritischen Zeitdiagnosen zu den Themen "Beschleunigung" und "Resonanz" für Aufmerksamkeit.

Auf jeden Fall ein Moment des Ausstiegs

Für den Flashmob Melencolia haben EUF, KTS und die freie Theaterwerkstatt Pilkentafel kooperiert. "Die Figur auf dem Stich von Dürer ist umgeben von Werkzeugen des Handelns und der Erkenntnis, aber sie tut nichts, sitzt nur da, setzt sich nicht in Beziehung zur Welt. Ein Zustand des Innehaltens? Der Depression? Der Reflektion? Auf jeden Fall ein Moment des Ausstiegs aus den angeblichen Sachzwängen, dem unentwegten der Welt zur Verfügung stehen und sich die Welt verfügmachbar", schreibt die Pilkentafel dazu.

Zeit zum Innehalten

In dem Seminar"Interventionen im öffentlichen Raum mit theatral-performativen Mitteln" hatTania Meyer, Professorin für Darstellendes Spiel an der EUF, gemeinsam mit Studierenden Möglichkeiten erarbeitet, die Thesen aus Hartmut Rosas Buch für die Schülerinnen und Schüler körperlich erfahrbar zu machen. "Unverfügbarkeit und Schule scheinen auf den ersten Moment nicht wirklich zueinander zu ‚passen’", sagt sie. "Denn Schule, oder auch Universität, sind ja gerade die Räume, in denen Welt, Wissen und nicht zuletzt auch Produktivität verfügbar gemacht werden sollen. Die Kunst besteht eigentlich darin, in diesen Räumen des Verfügbar-Machens, der Betriebsamkeit oder der Einübung von Leistungssteigerung gerade andere Räume herzustellen - solche, in denen es plötzlich Zeit gibt, z.B. zum Innehalten oder zum Experiment; Räume, um sich selbst in anderen Haltungen, Erscheinungen, auch anderen Körperlichkeiten auszuprobieren. Das führt - im Idealfall - wirklich zu dem, was Hartmut Rosa "Resonanz" nennt."

Der Mensch in Wechselbeziehung mit der Welt

Mit verschiedenen Materialien haben die Studierenden den Schülerinnen und Schülern ein weniger leistungs- und performancebezogenes Bild des eigenen Körpers zu vermitteln versucht. Studentin Antje Dwuzet beschreibt ihre Erfahrungen so "Das Projekt an der KTS war für mich ein wundervolles Projekt, in dem es uns gelungen ist, einen isolierten Raum zu schaffen mit Materialien und Ideen, in dem die Schülerinnen und Schüler ihre Körper deformieren. Es war großartig, deren Umsetzungen und Problemlösungen zu beobachten. Sie sind mit dem Begriff von Hartmut Rosa ‚Resonanz’ in Kontakt getreten und haben erkannt, dass der Mensch in Wechselbeziehung mit der Welt steht und nicht in einem Optimierungswettlauf mit sich selbst."

Still sitzen ist nicht einfach

Theaterpädagogin Lotta Bohde hat als Projektleiterin des Flashmobs mit den Schülerinnen und Schülern das unbewegliche Sitzen geübt. "An einem so belebten Ort wie dem ZOB still zu halten, ist nicht einfach. Ich danke den Schüler*innen der KTS, dass sie sich auf das Projekt eingelassen haben. Denn nur dadurch ist eine so große Theateraktion im öffentlichen Raum möglich", freut sie sich.

Die Wirkung von Theater im öffentlichen Raum

Für die Lehrerinnen und Lehrer der sieben Oberstufenkurse "Darstellendes Spiel" an der KTS formuliert Christiane Keuth ihre Erfahrungen so: "Das Spannende an dem Projekt ist, mit Schülerinnen und Schülern des DS-Unterrichts den geschützten Rahmen von Schule zu verlassen und im öffentlichen Raum Wirkung von Theater zu erleben. Die Begleitung durch Uni und Pilkentafel führt zu neuen Impulsen in der Theaterarbeit der Schule."

Hier haben wir das Publikum integriert

Auch für Schülerin Linea Liesenberg aus der 13. Klasse war die Auseinandersetzung mit Hartmut Rosa und der Kunst im öffentlichen Raum beeindruckend: "Innehalten und bewusst aussteigen: Diese Zusammenarbeit mit der Uni, der Pilkentafel und unserer Schule hat uns selbst dazu gebracht, bewusst aus dem normalen DS-Unterricht auszusteigen. Ich war gespannt, wie die Leute reagieren werden. Normalerweise bereiten wir ein Stück vor und das Publikum entscheidet sich bewusst, dies anzusehen, in diesem Fall haben wir das Publikum – ohne das es sich dessen bewusst gewesen wäre- integriert."

Alle Fotos: Kathrin Fischer.