„Brexit und dessen Konsequenzen für Europa“

Christopher Thornhill, Humboldt Forschungspreisträger an der EUF, spricht über Demokratievorstellungen

Die populistische Gefährdung von Demokratien war das Thema des ersten öffentlichen Vortrags, den Christopher Thornhill als Humboldt Forschungspreisträger gestern (16.5.) an der Europa-Universität Flensburg hielt. "Nach dem Brexit wird Großbritannien nicht länger als Union existieren", prophezeite Thornhill. Anzeichen für eine ökonomische Katastrophe für Großbritannien nach einem Austritt sah der Juraprofessor für das Land allerdings nicht kommen.

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Demokratie ist keine nationale Errungenschaft

Ausführlicher als über die Folgen des Brexit sprach Thornhill über dessen Gründe: Der Brexit sei vor allem die Folge einerseits einer Überschätzung der demokratischen Grundlagen der Mitgliedstaaten in der EU und andererseits eines globalen Missverständnisses von Demokratie, das darin besteht, zu glauben es ginge bei Demokratie darum, Menschen möglichst direkt und unmittelbar in das politische System einzubinden, zeigte sich Thornhill überzeugt. In seinem Vortrag kritisierte Thornhill entsprechend das Verfahren, hoch komplexe Probleme wie den EU-Austritt oder den Bau eines Großflughafens durch Volksabstimmungen zu lösen. Demokratisierung sei ein vielschichtiger und komplexer und mehr ein sozialer als ein politischer Prozess, der eng verbunden sei mit tiefgreifenden nationalen als auch transnationalen Integrationsvorgängen. Die wichtigste Folge von Brexit, so Thornhill, liegt in der Tatsache, dass dieses Ereignis zu einem neuen Demokratieverständnis auffordert und deutlich aufzeigt, dass die Rückkehr zu nationalen Demokratieformen nicht mehr möglich ist: Demokratie ist keine rein nationale Errungenschaft

Christopher Thornhill ist Juraprofessor an der University of Manchester. Für seine interdisziplinäre Forschung wurde er mehrfach ausgezeichnet. Von Mai 2019 bis Juli 2021 wird er sich in mehreren Forschungsaufenthalten an der EUF mit der Entwicklung eines neuen Verfassungsmodells beziehungsweise neuer Formen demokratischer Institutionenbildung befassen. Gefragt werden soll, wie und unter welchen Bedingungen sich Verfassungen in Gesellschaften mit autoritären Neigungen (sowohl innerhalb als auch außerhalb Europas), ebenso wie in Gesellschaften, die deutlich vom kolonialen Vermächtnis geprägt sind, entwickeln. Geplant ist auch der Aufbau eines internationalen Graduiertenkollegs mit der Syddansk-Universitet zum Thema ‘Work and Welfare between Europeanization and Re-Nationalisation’.

Nominiert von Prof. Dr. Hauke Brunkhorst und Prof. Dr. Monika Eigmüller

Professor Christopher Thornhill wurde von Professorin Monika Eigmüller und Professor Hauke Brunkhorst (beide am Seminar für Soziologie) für den Humboldt-Forschungspreis vorgeschlagen. Mit dem Preis werden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlerfür ihr bisheriges Gesamtschaffen ausgezeichnet, deren grundlegende Entdeckungen, Erkenntnisse oder neue Theorien das eigene Fachgebiet nachhaltig geprägt haben und von denen auch in der Zukunft weitere Spitzenleistungen erwartet werden können. Nominiert werden können Wissenschaftler aus dem Ausland aller Fachrichtungen und aller Länder. Auf die Nominierungen qualifizierter Wissenschaftlerinnen wird besonderer Wert gelegt. Der Preis ist mit 60.000 Euro dotiert.

V.l.: Prof. Dr. Hauke Brunkhorst, Professor für Soziologie, Prof. Dr. Christopher Thornhill, Jura-Professor der University of Manchester, Prof. Dr. Monika Eigmüller, Professorin für Soziologie und Vizepräsidentin für Europa und Internationales. (Kathrin Fischer)