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„Sie waren nie die Anderen, sie wurden aber immer wieder von Einigen zu Anderen gemacht!“

Europa-Universität Flensburg würdigt mit einer Veranstaltung in Zusammenarbeit mit der Jüdischen Gemeinde Flensburg "1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland".

Die Europa-Universität Flensburg (EUF) lädt im Jubiläumsjahr "1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland" zu einer Auftaktveranstaltung ein. Interessierte können sich online dazu schalten. Am Donnerstag, den 17.6.2021, wird sie sich von 15:00 bis 19:00 Uhr mit verschiedenen Aspekten des jüdischen Lebens in Schleswig-Holstein auseinandersetzen und dabei auch Einblicke geben in studentische und wissenschaftliche Forschungsprojekte zu Antisemitismus, aber auch zu jüdischem Leben in Schleswig-Holstein und Europa.

Jüdische Kultur und jüdisches Leben seit 321 in Deutschland

"Viele Menschen wissen gar nicht, dass es jüdische Kultur und jüdisches Leben bereits seit dem Jahr 321 auf dem Gebiet Deutschlands gibt", erklärt Iulia Patrut, Vizepräsidentin für Studium, Lehre und Digitales an der Europa-Universität Flensburg. Die Professorin für Literaturwissenschaft im europäischen Kontext forscht seit vielen Jahren zu deutsch-jüdischer Literatur- und Kulturgeschichte. "Jüdisches und nicht-jüdisches Leben und Wirken ist in Europa seit Jahrhunderten eng verflochten. Jüdinnen und Juden waren nie die Anderen, sie wurden aber immer wieder von Einigen zu Anderen gemacht. Leider hatten Antijudaismus und Antisemitismus in Europa katastrophale Folgen, deshalb gilt es heute, gemeinsam dagegen einzustehen."

Vorträge zu jüdischem Leben in Flensburg und den "Weißen Bussen" des schwedischen Grafen Folke Bernadotte

Im Mittelpunkt der Veranstaltung stehen die Gäste. Bettina Goldschmidt hält einen Vortrag vor dem Hintergrund ihre Studie "Juden in Flensburg". Die Flensburger Historikerin zeichnet darin die Geschichte jüdischen Lebens in Flensburg von dessen spätem Beginn im 19. Jahrhundert bis zur aktuellen Gegenwart nach. Vorgestellt werden wird auch das Anfang des Jahres erschienene Sachbuch "Wir sollten leben". Die beiden Herausgeber, der Flensburger Publizist Bernd Philipsen und Fred Zimmak, dessen Vater zu der kleinen Gruppe von Menschen gehörte, die damals gerettet worden sind, stellen darin die vom schwedischen Grafen Folke Bernadotte organisierten Weißen Busse vor, in denen 153 jüdische Häftlinge am 1. Mai 1945 Kiel verließen.

Verschiedene Forschungsprojekte an der EUF zum Thema

An der EUF setzen sich verschiedene Disziplinen mit dem Themenkomplex auseinander. Iulia Patrut forscht gegenwärtig in einem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanzierten Projekt zu "Antisemitismus im europäischen Schulunterricht". Gemeinsam mit dem Literaturwissenschaftler Marco Bosshardt hat sie in den vergangenen Jahren unter dem Titel "Globalisierte Erinnerungskulturen" danach gefragt, wie neuere Darstellungen des Nationalsozialismus in Literatur- und Kulturräumen abseits der Zentren, etwa in Lateinamerika, Afrika oder auch Osteuropa aussehen. Und der EUF-Historiker Uwe Danker hat erst Ende Mai die Ergebnisse seiner neuesten vom Schleswig-Holsteinischen Landtag beauftragten Studie zur "personellen und strukturellen Kontinuität nach 1945" präsentiert. Demnach waren in Schleswig-Holstein Juristen und Polizisten in den ersten beiden Nachkriegsjahrzehnten noch häufiger und tiefer in das NS-Regime verstrickt gewesen als von Expert*innen erwartet.

Programm und Teilnahmemöglichkeit

Das gesamte Programm des Nachmittags, der unter Beteiligung des SH-Beauftragten für Antisemitismus, Ministerpräsident a.D. Peter Harry Carstensen stattfindet, ist hier einsehbar: https://www.uni-flensburg.de/portal-die-universitaet/1700-jahre-juedisches-leben/ Dort finden Interessierte auch den Online-Link, mit dem sie an der Veranstaltung teilnehmen können.