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Personelle und strukturelle Kontinuität nach 1945

Studie an der EUF untersucht Einfluss von Altnazis auf die Landespolitik in Schleswig-Holsteins


"Geschichtswissenschaftliche Aufarbeitung der personellen und strukturellen Kontinuität nach 1945 in der Schleswig-Holsteinischen Legislative und Exekutive" heißt die Studie, die Uwe Danker, Professor für Geschichte und  Geschichtsdidaktik an der Europa-Universität Flensburg und Direktor der Forschungsstelle für regionale Zeitgeschichte und Public History,  mit Fördermitteln des schleswig-holsteinischen Landtags durchführt.

Funktionsträger der Nachkriegszeit in Polizei, Landesverwaltung, Justiz und Kommunalpolitik

Ein Team um Danker hatte vor Jahren bereits im Auftrag des Landtags die NS-Belastungen von Landespolitikern unter die Lupe genommen. In dieser Folgestudie zur Aufarbeitung der NS-Vergangenheit in der Landespolitik wollen Danker und seine zehn Mitarbeitenden 491 Personen in den Fokus nehmen, die in Polizei, Landesverwaltung, Justiz und Kommunalpolitik in der Nachkriegszeit bedeutende Funktionen hatten. Erneut werden dafür in zahlreichen öffentlichen Archiven (Kommunal- und Kreisarchive, Landesarchiv, Bundesarchiv Berlin / Freiburg / Koblenz / Ludwigsburg, Stasiunterlagenbehörde, IfZ München) systematisch formale und lebensgeschichtliche Merkmale wie Mitgliedschaften, Eintrittsdaten, Funktionen sowie reale Rollen und Handlungen im NS-Staat erfasst und analysiert. Diese grundlegenden personenbezogenen Quellenrecherchen bilden den aufwändigen Grundstock für die einschlägige Projektdatenbank.

Analyse von Landtagsdebatten und Kabinettsprotokollen

Außerdem soll ein Fokus auf sprach- und kulturwissenschaftliche sowie historische Analysen von Landtagsdebatten gelegt werden, um sich der übergeordneten Frage anzunähern, wie stark die NS-Vergangenheit die politische Kultur des Landes und den Umgang der landespolitischen Eliten untereinander prägte. Die komplette Auswertung der Kabinettsprotokolle im relevanten Zeitraum wird den Stellenwert vergangenheitspolitischer Belastungen für die Landespolitik offenbaren.

Der Zusammenhang von NS-Biografie und politischem Agieren oder Verwaltungshandeln im Nachkriegsdeutschland

Bezogen auf den Umbruch 1945 wird gefragt, ob es in der jeweiligen Teilgruppe (Landesverwaltung, Landespolizei und der Kommunalpolitik) typische Verhaltensmuster gab, mit der (eigenen) NS-Vergangenheit umzugehen. Diese Muster werden auf die Typisierung aus der ersten Studie rückbezogen. Dadurch können Fragen an die Zeit nach 1945 beantwortet werden: Gibt es gar Hinweise darauf, dass das professionelle/politische Handeln mit dem "Typus" zusammenhing? Oder erklärt die NS-Biografie kaum oder gar nicht politisches Agieren oder Verwaltungshandeln im Nachkriegsdeutschland?

"Aufklären, nicht richten"

"Es bleibt bei unseren Grundsätzen", sagt Uwe Danker: "Wir klären auf, liefern unsere Analysen, aber wir richten nicht. Wir bemühen uns, die ganze Bandbreite der Wirklichkeit zu erfassen, auch Grautöne und Überraschungen, uns interessieren auch die gebrochenen, teils widersprüchlichen Biografien."

Ergebnisse für Oktober 2020 erwratet

Das Projekt wird unter der Projektleitung von Prof. Dr. Uwe Danker, dem Direktor der Forschungsstelle für regionale Zeitgeschichte und Public History, durchgeführt. Die Projektkoordination liegt bei Sebastian Lotto-Kusche. Mit Dr. Stephan A. Glienke konnte der ausgewiesene Bearbeiter der ersten Landtagsstudie für den Schwerpunkt Archivrecherche wiedergewonnen werden. Als wissenschaftliche BearbeiterInnen arbeiten Marie-Theres Marx, Karl Piosecka, Thomas Reuß und Jan Waitzmann in dem Projekt. Das Projekt wird zudem durch zahlreiche studentische/wissenschaftliche Hilfskräfte unterstützt. Ausgewiesene Experten der landesgeschichtlichen Forschung zur Thematik werden wiederum als Gastbeiträger die Studie bereichern.

Ihre Ergebnisse wollen die Wissenschaftler im Oktober 2020 vorstellen. Der Landtag fördert das Projekt mit 200 000 Euro.