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Große Schiffe, prächtige Bauten, tüchtige Kaufleute – war da was?

Eine Tagung an der EUF beschäftigt sich mit der "Kolonialität in deutschen Hafenstädten"

Deutsche Hafenstädte sind besondere Orte. Diese These bildet die Grundlage der zweitägigen Tagung "Kolonialität in deutschen Hafenstädten" am 7. und 8. März an der Europa-Universität Flensburg. Eingeladen hatten Sybille Bauriedl, Professorin für integrative Geographie an der Europa-Universität Flensburg, und Inken Carstensen-Egwuom, wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Geographie. Gekommen waren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Aktivistinnen und Aktivisten und Vertreterinnen und Vertreter öffentlicher Institutionen der vier ehemaligen kolonialen Hafenmetropolen Altona, Bremen, Flensburg und Hamburg – Städte, die von dem kolonialen Projekt der Europäer bis heute profitieren, indem sie als globale Drehscheiben durch den Übersee-Handel mit Rohstoffen, Waren und auch Menschen wohlhabend wurden. Diese Geschichte hat in den vier Städten bis heute materielle und immaterielle Spuren hinterlassen und wirkt somit fort. "Kolonialität" bezeichnet diese Spuren in Form von Machtverhältnissen, die aus kolonialen Verhältnissen hervorgehen und diese überdauern.

Zunehmende Sensibilität gegenüber einer globalen Ungerechtigkeit

Die kolonialen Prozesse der Aneignung, Unterwerfung und Ausbeutung von Territorien und Menschen sind dadurch bis heute für die Stadtentwicklung relevant. Wie diese Prozesse erinnert oder "entinnert" werden, ist eine Frage, die seit den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts immer wieder gestellt wird. Seit den großen Migrationsbewegungen und politischen Debatten, u.a. über die verschleppte koloniale Aufarbeitung Deutschlands rund um das Humboldt Forum, wird diese Frage immer lauter gestellt. "Gegenwärtig gibt es eine zunehmende Sensibilität gegenüber einer globalen Ungerechtigkeit, die ihre Wurzeln in einer Geschichte der Ressourcen- und Menschenausbeutung hat", beobachtet Sybille Bauriedl. "Diese Ungerechtigkeit wollen wir auf verschiedenen Maßstabsebenen diskutieren – im globalen Kontext, aber auch im lokal-alltäglichen Kontext wie in Flensburg vor der Haustür."

Hafenstädte sind aus vielen Gründen besondere Orte

Hafenstädte wie Flensburg sind für eine postkoloniale, geographische Stadtforschung besondere Orte, erläutern Sybille Bauriedl und Inken Carstensen-Egwuom, "weil wir in ihnen eine verdichtete Materialität kolonialer Infrastrukturen finden, weil sie bis heute das Selbstbild von den tüchtigen Kaufleuten aufrechterhalten und weil sie großen finanziellen Reichtum durch die Kolonisierung von Natur und Mensch gewonnen haben. Sie sind "contact zones" von Waren, Menschen und Ideen und "global cities", in denen bis heute globale Verstrickungen (nach)wirken."

Ausblick auf längerfristige Kooperationen

In der Diskussion wurde ein großer Bedarf nach Austausch und Reflexion in theoretischen wie auch praktischen Fragestellungen deutlich – Wie können Museen mit der Kolonialität angemessen und innovativ umgehen, wie kann der eurozentristische Blick gebrochen, wie die "Entinnerungs"-Kultur verändert werden?

"Ein toller Austausch", resümiert Sybille Bauriedl, "wir gehen davon aus, dass sich längerfristige Kooperationen ergeben."

Teilnehmende und Veranstalterinnen der Tagung: Dr. Thomas Overdick, ehemaliger Direktor des Flensburger Schifffahrtsmuseums und jetzt Referent für Museen in der Behörde für Kultur und Medien der Freien und Hansestadt Hamburg, Julia Lossau, Professorin für Humangeographie mit dem Schwerpunkt Stadtgeographie der Universität Bremen, Hannimari Jokinen, Künstlerin, Kuratorin, Arbeitskreis HAMBURG POSTKOLONIAL, Dr. Inken Carstensen-Egwuom, wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Geographie der Europa-Universität Flensburg, Sybille Bauriedl, Professorin für integrative Geographie der Europa-Universität Flensburg. (Kathrin Fischer)