Hochschulweite News

Der Schutz verletzlicher Personen in der Schule

Knapp vier Millionen Euro für zwei Nachwuchsforschungsgruppen an der Europa-Universität Flensburg

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) fördert zwei Nachwuchsforschungsruppen an der Europa-Universität Flensburg (EUF). Die Forschenden erhalten dafür insgesamt knapp vier Millionen Euro für die kommenden fünf Jahre. Beide Nachwuchsforschungsgruppen haben das Ziel, verletzliche Personen im Kontext von Schule und Untericht besser zu schützen.

Personenstandsänderung "divers" und ihre Folgen für die Schule

Die Nachwuchsforschungsgruppe "Gender 3.0" beschäftigt sich mit dem dritten Personenstand divers, der in Deutschland seit 2019 existiert. Diese Gesetzesänderung im Personenstandsgesetz hat Folgen auch für die Schule. "Wie die gesamte Gesellschaft ist auch die Schule binär, also zweigeschlechtlich organisiert", erklärt Juniorprofessor Dr. Tamás Fütty, der die Nachwuchsforschungsruppe leitet. "Daraus ergeben sich spezifische Diskriminierungs- und Ausschlusserfahrungen von geschlechter-diversen Schüler*innen. Für sie ist Schule kein Schutzraum, sondern im Gegenteil ein Ort erhöhter Verletzbarkeit." Das zu ändern ist Ziel des transdisziplinären, intersektionalen Forschungsvorhabens. "Auf Grundlage unserer empirischen Bedarfsanalyse sowie einem internatioalen Wissenstransfer wollen wir gemeinsam mit Praxispartner*innen neue Lehrformate für pädagogische Fachkräfte zu Geschlechter-Diversität entwickeln", erklärt Fütty. "Das Ziel ist also ein Wissenstransfer in die Schulpraxis, um die Inklusion und gleichberechtigte Bildungsteilhabe von besonders verletzliche Kindern und Jugendlichen in der Schule zu ermöglichen."

Entwicklung einer Zusatzqualifikation zum Handeln im Verdachtsfall im schulischen Kontext

Der Schutz von Kindern und Jugendlichen steht auch in der zweiten vom BMBF geförderten Nachwuchsforschungsgruppe im Vordergrund. Unter dem Titel "Referenzperson für schulisches Handeln im Kontext sexuellen Kindesmissbrauch" entwickelt Juniorprofessorin Dr. Simone Pülschen eine Zusatzqualifikation zum Handeln im Verdachtsfall im schulischen Kontext. "Schulen schöpfen bisher ihr Potential im Hilfeprozess nicht voll aus", erläutert Pülschen. "Es mangelt vor allem an Handlungssicherheit im Verdachtsfall. Deshalb braucht es qualifizierte Fachkräfte, die Gespräche im Verdachtsfall führen und den zügigen Zugang zu Hilfen organisieren ." Wichtig seien dafür Schutzkonzepte und ein stabiles Netzwerk aus Praxispartner*innen wie insofern erfahrene Fachkräfte, Jugendämter, Fachberatungsstellen, Polizei und Staatsanwaltschaft. "Es mangelt vor allem an Kompetenz im Bereich der Intervention", sagt Pülschen. "Deshalb wollen wir unter Einbezug von Expert*innen aus der Praxis eine Weiterbildung konzipieren. Diese steht Lehramtsstudierenden offen, aber auch Lehrkräften, Schulpsycholog*innen und Schulsozialarbeiter*innen." Die Teilnehmenden dieser Weiterbildung sollen dazu befähigt werden, ein Schutzkonzept für die jeweilige Schule zu entwickeln, ein Netzwerk von Fachkräften für dieses Thema aufzubauen und zu begleiten und als Ansprechperson zu fungieren. Strafrechtliche Aspekte werden in der Weiterbildung ebenfalls behandelt. "Ich möchte erreichen, dass sich Betroffene informiert für oder gegen eine Strafverfolgung entscheiden können", erklärt Pülschen.

Beide Projektgruppen am „Zentrum für Bildungs-, Unterrichts-, Schul- und Sozialisationsforschung (ZeBUSS)“ angesiedelt

Beide Nachwuchsforschungsgruppen sind am "Zentrum für Bildungs-, Unterrichts-, Schul- und Sozialisationsforschung (ZeBUSS)" der EUF angesiedelt und im Rahmenprogramm "Empirische Bildungsforschung" verortet. Beide Projektleiter*innen besitzen auf ihrem Forschungsgebiet hohe Expertise: Tamás Fütty leitet auch das durch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzGA) Projekt "GeLebT", das sich mit "Gesundheitsförderung in Lebenswelten von Trans*Menschen" beschäftigt. Simone Pülschen leitet an der EUF das Verbundprojekt "ViContact", für welches ein Antrag auf Fortführung beim BMBF eingereicht ist, in dem Lehramtsstudierende mithilfe virtueller Szenen Erstgespräche mit Schüler*innen bei Verdacht auf sexuellen Missbrauch erlernen und üben können.

Beide Projekte adressieren 'Schutz' und 'Inklusion'

Die Bedeutung der beiden Projekte beschreibt Jürgen Budde, Professor fürErziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Theorie der Bildung, des Lehrens und Lernens und Direktor des ZeBUSS, so: "Beide Projekte sind relevant, wenn auch unterschiedlich im Hinblick auf den angestrebten Transfer von der Theorie in die Praxis. Zum Thema‘ Geschlechtervielfalt in der Schule‘ betreibt Tamás Fütty echte Grundlagenforschung, das Thema ‚Schutz vor sexualisierter Gewalt‘ ist dagegen schon besser erforscht, wird aber durch das Projekt von Simone Pülschen nachhaltiger in der Praxis verankert. Beide Projekte adressieren das Thema ‚Schutz‘ und ‚Inklusion‘ und nehmen so gesellschaftliche Verhältnisse für den Raum Schule in den Blick."

Erfolg für den inhaltlichen Ansatz der EUF-Bildungsforschung

Uni-Präsident Werner Reinhart freut sich über den Erfolg ."Gleich zwei von insgesamt elf Forschungsgruppen dieses Förderprgramms des BMBF sind an die EUF gegangen.Das ist ein großer Erfolg für den Ausbau unserer Forschungsinfrastruktur. Er zeigt die gesellschaftliche Relevanz des inhaltlichen Ansatzes unserer Bildungsforschung, Schule nicht allein vom Lernzuwachs oder von den Fächern zu denken, sondern als einen Ort, an dem Kinder und Jugendliche in ihrer Sozialisation begleitet werden."