Ein außergewöhnliches Inklusions-Projekt an der EUF!

"Nicht über uns ohne uns" lautet der Leitsatz der Bildungsfachkräfte, die im Rahmen des Projektes "Inklusive Bildung" der Stiftung Drachensee in einer dreijährigen Ausbildung für die Bildungsarbeit an Fach- und Hochschulen qualifiziert werden. Vor ihrer Umschulung arbeiteten die sechs Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Projektes in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung. Im Seminar "Menschen mit Behinderung als Experten in eigener Sache" erproben sie sich im SoSe 2015 in Praxisbegegnungen mit Studierenden an der EUF. Das Seminar wird im TM 7.2 (Bildungswissenschaften) von der Abteilung Inklusion und pädagogische Entwicklungsförderung, Frau Prof. Dr. Kirsten Diehl, angeboten. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Projektes "Inklusive Bildung" der Stiftung Drachensee erhalten die Möglichkeit, sich in ihrer neuen Rolle als Bildungsfachkräfte zu erproben. Zwei von insgesamt sechs Teilnehmern des Projektes referieren und berichten u.a. über das Projekt "Inklusive Bildung", die Lebenswege und den Alltag von Menschen mit Behinderung, über ihre persönlichen Interessen und Wünsche, ihre Arbeit sowie über ihre Wohnsituation. Herr Reschat und Frau Groll führen das Seminar eigenständig durch und bereichern durch ihre praktische Expertise die wissenschaftliche Lehre.

Lehramtsstudierende der Europa-Universität Flensburg eröffnet sich die Chance, Teil eines konkreten Beispiels für die Umsetzung des durch die UN-Behindertenrechtskonvention geforderten Teilhabe- und Partizipationsanspruchs zu werden. In Artikel 24 der UN-BRK heißt es unmissverständlich: "Die Vertragsstaaten anerkennen das Recht von Menschen mit Behinderungen auf Bildung. Um dieses Recht ohne Diskriminierung und auf der Grundlage der Chancengleichheit zu verwirklichen, gewährleisten die Vertragsstaaten ein inklusives Bildungssystem auf allen Ebenen".  Gleichzeitig sammeln die Studierenden wichtige Erfahrungen im Umgang mit Menschen, die eine Behinderung haben. Es ist nicht selbstverständlich, dass alle Studierenden bereits in bewusste Begegnungen mit Menschen, die eine Behinderung haben, getreten sind und Erfahrungen sammeln konnten. Undenkbar für zukünftige Lehrerinnen und Lehrer in der inklusiven Schule.

Mit der Umsetzung eines inklusiven Bildungssystems sind neue Anforderungen an Lehrkräfte verbunden. Sie müssen über multiple Kompetenzen verfügen, um allen Schülerinnen und Schülern Teilhabe und eine optimale Förderung ermöglichen zu können.

Ergebnisse der Lehrerprofessionsforschung zeigen, dass implizite und explizite Einstellungen und Überzeugungen Lehrerkompetenzen wesentlich beeinflussen und für das pädagogische Handeln von besonderer Bedeutung sind.

Vor diesem Hintergrund ist es u.a. Ziel des Seminars, durch gemeinsame Begegnungen und den Dialog, Potenziale des Gegenübers zu erkennen, wert zu schätzen und "Anders-sein" anzuerkennen. Positive Einstellungen zur Inklusion sollen darüber weiter entwickelt werden. Das Seminar leistet einen Beitrag zur Reflektion von eigenen Werten und Haltungen und soll die Studierenden auf Ihre zukünftige Lehrtätigkeit im gemeinsamen Unterrichten von Kindern mit und ohne Behinderung vorbereiten.

Dieses für die Bundesrepublik außergewöhnliche Projekt, in der Praxis bislang nur an der FH Kiel, der CAU und der Europa-Universität Flensburg erprobt, wird bezüglich des laufenden Seminars von Frau Prof. Dr. Kirsten Diehl und Lisa Mau, wissenschaftliche Mitarbeiterin, wissenschaftliche begleitet. In einer Fragebogenstudie wird untersucht, inwiefern sich die Einstellungen zur Inklusion und die berufsbezogene Selbstwirksamkeitsüberzeugungen der Studierenden durch das Seminarangebot "Behinderung in eigener Sache" verändern. Darüber hinaus wird untersucht, ob sich in der möglichen Einstellungsänderung zur Inklusion Unterschiede zu einer Vergleichsgruppe zeigen. Diese erhält Seminarangebote im Themenschwerpunkt Inklusion und Sonderpädagogik, wie sie regulär von Dozenten der EUF angeboten werden.

Am 05.05.2015, Europäischer Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung, wird in der Sendung Nano um 18.30 in 3sat über das Projekt "Inklusive Bildung" berichtet.

 

Verfasserin des Textes: Prof. Dr. Kirsten Diehl