Der Europa-Universität Flensburg zum 75. Geburtstag

Prof. Dr. Werner Reinhart

"Wir kommen weit her,
liebes Kind,
und müssen weit gehen."

Diese Zeilen schrieb Heinrich Böll am 8. Mai 1985 für seine damals achtjährige Enkeltochter. Sie passen für den 75. Geburtstag einer Institution, deren Gründung nach NS-Herrschaft und Kriegsende "in Deutschland den Abschluss einer Epoche und den Beginn der nächsten Epoche" markieren sollte. So jedenfalls wünschte es sich Oberstleutnant Wilcox, der Chef der Erziehungsabteilung der Britischen Militärregierung in Schleswig-Holstein, bei den Eröffnungsfeierlichkeiten für die Pädagogische Hochschule Flensburg. Er hob in seiner Festansprache am Donnerstag, den 21. März 1946, hervor, welche Bedeutung der Lehrerberuf für die Erziehung zur Menschlichkeit und Sittlichkeit habe, und verwies auf die hohe Verantwortung, die Lehrer*innen in einer Gesellschaft übernehmen.

"Wir kommen weit her": Die heutige Europa-Universität Flensburg ist 1946 als demokratischer Neubeginn gegründet, als "Zeichen der Hoffnung", wie es Peter Bendixen als damaliger Kultusminister des Landes zum vierzigjährigen Jubiläum der PH Flensburg formuliert hat. Ganz rein leuchtete dieses Zeichen freilich nicht: So wurde der militante Rassenideologe und ehemalige Hauptsturmführer der SS, Hans Joachim Breyer, der an der PH Geschichte unterrichtete, erst 1961 aus dem Lehrbetrieb entfernt – obwohl seine Vergangenheit seit 1953 bekannt war. Und doch: In der Verfassung der PH war der Auftrag niedergeschrieben, Studierende "zu verantwortlichem Handeln in einem freiheitlichen, demokratischen und sozialen Rechtsstaat [zu] befähigen".

Die "Gründungsurkunde" von 1946.

"Wir müssen weit gehen": Ihren in der Verfassung niedergeschriebenen Auftrag haben die Lehrenden und Leitenden dieser Institution im Laufe der 75 Jahre immer wieder sehr ernst genommen. Sie haben ihn dabei klug mit der Lage der Universität in der deutsch-dänischen Grenzregion verbunden und spezifische Themen der Region wie etwa Minderheiten, mittelständisches Unternehmertum oder kleine und regionale Sprachen intensiv in den Fokus gerückt. Dabei haben sie eng mit der dänischen Syddansk Universitet kooperiert, gemeinsame Studienabschlüsse eingeschlossen. In dieser grenzüberschreitenden und grenzinspirierten Zusammenarbeit haben sie und mittlerweile auch schon wir über die Jahre das einzigartige Profil der heutigen Europa-Universität Flensburg entwickelt.

So emphatisch die Neugründung der Pädagogischen Hochschule Flensburg 1946 war, so emphatisch war das Bekenntnis der Universität 2014 zu Europa. Es ist ein Bekenntnis zu dem Friedensprojekt Europa mit seinen fundamentalen Werten Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Toleranz.

Dieses Bekenntnis passt zu dem bildungswissenschaftlichen Schwerpunkt der Universität.

75 % unserer Studierenden sind in lehramtsrelevante Studiengängen eingeschrieben. Demokratiebildung ist staatlicher Auftrag von Schule in all ihren Facetten. Dieser Auftrag kann in einem zunehmend globalisierten Umfeld nicht mehr in regionaler oder nationaler Perspektive erfüllt werden – es braucht dazu europäische und außereuropäische Erfahrungen, Einsichten und Wissenskulturen. Diese noch stärker in unsere bildungswissenschaftliche Studiengänge zu integrieren, ist ein wichtiges Ziel der näheren Zukunft.

Durch den forcierten Ausbau der interdisziplinären Europaforschung  und -lehre wurde der historisch gewachsene Schwerpunkt der Lehrkräftebildung und Bildungsforschung unserer Universität um das Thema "Europa" ergänzt. Ein dritter tritt gegenwärtig hinzu: "Nachhaltigkeit / Transformation". In ihm erforschen wir die tiefe Vielfachkrise, die Gesellschaften weltweit ökonomisch, ökologisch, sozial und politisch unter Druck setzt und fragen danach, wie gesellschaftlicher Wandel hin zu Nachhaltigkeit gelingen könnte.

Von 1946 bis 2021 – auch heute sprechen manche von "Epochenwandel": Klimakrise, Demokratiekrise, Coronakrise markieren möglicherweise den Beginn von etwas Neuem. Wie schon die damalige Pädagogische Hochschule vor 75 Jahren versteht die heutige Europa-Universität die Fragen, die sich aus den Krisen ergeben, als Auftrag. Im Mittelpunkt von Forschung und Lehre steht die Frage nach lebenswerten und zukunftsfähigen Gesellschaften.

Unsere (immer vorläufigen) Antworten werden unsere Enkel und Urenkel zum 150. Geburtstag der heutigen EUF bewerten können.

"Wir kommen weit her
und müssen weit gehen,
liebes Kind."