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Wohlstand durch Wachstum lautet seit dem Ende des zweiten Weltkriegs das Credo moderner Gegenwartsgesellschaften. Die Idee, der zufolge ein immer größerer Kuchen der Königsweg zu einer besseren Welt für alle ist, findet bis heute Zustimmung – bei Politiker*innen jeder Couleur, in den Gewerkschaften, in der Wissenschaft sowie in weiten Teilen der Bevölkerung. Tatsächlich hat der Wachstumspfad der Moderne individuelle und kollektive Handlungsspielräume erheblich erweitert und denjenigen, die davon profitieren konnten, enorme Freiheitsgewinne gebracht: Demokratie und Geschlechtergerechtigkeit, Bildungsstandard und Wohlstandsniveau, Lebenserwartung und Gesundheitsversorgung sind im globalen Norden auf historisch einzigartig hohem Niveau. Doch das Streben nach immer weiterem Wachstum hat auch gravierende negative Folgen: Globale Umweltveränderungen sowie der Ressourcen- und Naturverbrauch waren ebenfalls noch nie so groß wie heute. Sozial-ökologische Krisen, wie Klimawandel, Verlust der Artenvielfalt und Übersäuerung der Meere setzen die Gesellschaften der Gegenwart zunehmend unter Druck. Dies gilt insbesondere für die Länder des globalen Südens, die selbst nur bescheidenen Anteil an der Zerstörung der Umwelt haben. Zugleich aber sind die Ärmsten der Armen am stärksten betroffen, unter anderem, weil ihnen die finanziellen und sozio-technischen Ressourcen fehlen, um sich an veränderte Umweltbedingungen anzupassen.

Vor dem Hintergrund einer anhaltenden Wachstumsschwäche in den frühindustrialisierten OECD-Staaten sind eine Vielzahl von Reformen vorangetrieben worden – wie eine inflationäre Geldpolitik, die Stimulierung privater und öffentlicher Verschuldung, die Deregulierung der Finanzmärkte sowie die Prekarisierung der Erwerbsarbeit – die darauf zielten, weiteres Wirtschaftswachstum zu generieren. Dies ist zum Teil gelungen, gleichzeitig sind auch in den meisten Staaten der Niedriglohnsektor und die soziale Ungleichheit stark angewachsen. In Folge der aus dieser Politik resultierenden Finanz-, Wirtschafts- und sogenannten Eurokrise sind demokratische Verfahren und Institutionen auf nationalstaatlicher und europäischer Ebene beschädigt worden.

Inzwischen bricht sich die Erkenntnis Bahn, dass ein Festhalten am Wachstumsparadigma und ein Weiter-so-wie-bisher verheerende soziale und ökologische Auswirkung hat und auch in Zukunft haben wird und dass mithin Gesellschaften ihre Produktions- und Reproduktionsweisen grundsätzlich verändern müssen. Allein: Es gibt für die Wege in eine zukunftsfähige, nachhaltige Gesellschaft weder Blaupausen noch Masterpläne. Wie Postwachstumsgesellschaften, wie etwa eine "reduktive Moderne" (Harald Welzer) konkret und auf die unterschiedlichen Lebensbereiche bezogen aussehen könnte, ist ungewiss. Auch Überlegungen dazu, wie genau die Entwicklungen gestaltet werden müssen, die ein "gutes Leben" für Menschen in Freiheit und Sicherheit gewährleisten, und gleichzeitig substantiell weniger Natur- und Umweltverbrauch zur Folge haben, sind noch vage.

Die Konferenz Transformationen. Zum Wandel gesellschaftlicher Naturverhältnisse nimmt diese Beobachtungen zum Anlass, soziale, kulturelle, politische, ökonomische und energetische Transformationsprozesse in Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft in den Blick zu nehmen. Vergangene Prozesse umfassenden gesellschaftlichen Wandels sollen rekonstruiert werden, in der Erwartung, mögliche Entwicklungslinien und Gestaltungsszenarien für gegenwärtige und künftige sozial-ökologische Wandlungsprozesse abzuleiten. Es geht also darum, durch die Analyse historischer Transformationsprozesse Anregungen für die Entwicklung transformativer Szenarien zu generieren oder, anders formuliert, die Wahrnehmung zu schärfen für verschiedene Dimensionen dessen, was sich in vergangenen Transformationsprozessen in den westlich orientierten Gesellschaften bereits fundamental geändert hat.