Entwicklungschancen und -hemmnisse einer suffizienzorientierten Stadtentwicklung II (EHSS II)

Laufzeit: August 2021 - Juli 2023

Wie muss ein Stadtquartier gestaltet sein, damit Menschen dort gut leben können und möglichst wenig Ressourcen verbrauchen? Antworten auf diese Frage wollen die Stadt Flensburg und das Norbert Elias Center der Europa-Universität Flensburg in einem weiteren gemeinsamen Forschungsprojekt finden.

Das Projekt EHSS II knüpft unmittelbar an die Ergebnisse der Forschungen zu Entwicklungschancen und Hemmnissen suffizienzorientierter Stadtentwicklung (EHSS) an.

Zwischen 2017 und 2021 hatte ein transdisziplinäres Team der beiden Projektpartner untersucht, wie eine sozial gerechte und nachhaltige Stadtentwicklung ohne Wachstum möglich ist. Das Forschungsprojekt konzentrierte sich auf die noch relative unbekannte Nachhaltigkeitsstrategie der Suffzienz sowie auf Suffzienzpolitik. Suffizienz ist neben Effizienz und Konsistenz eine von drei Nachhaltigkeitsstrategien. Suffizienz bedeutet, den Verbrauch von Natur und Ressourcen nicht durch die technische Optimierung von Produkten und Produktionsprozessen zu senken, sondern durch Nutzungs- oder soziale Innovationen.

Mit Suffizienzpolitik wiederum sind politische Interventionen gemeint, die ein ressourcenschonendes und zugleich erfüllendes Leben ermöglichen. Dies umfasst sowohl neue Regelungen, Fördermaßnahmen, Gesetze und Ordnungen als auch die Veränderung von Infrastrukturen. Im Mittelpunkt von EHSS stand die politisch heikle Frage, wie Kommunalpolitik das Wohlergehen ihrer Einwohnerinnen und Einwohner ermöglichen kann, ohne dafür immer weiter auf Wachstum setzen zu müssen. Im Rahmen eines Reallabors in Flensburg wurden Leitlinien für suffizienzorientierte Stadtentwicklung erarbeitet und vom Rat der Stadt verabschiede.

Hier setzt nun das Umsetzungsprojekt EHSS II an. Im Flensburger Hafen-Ost, einem rund 55 Hektar großen Sanierungsgebiet direkt an der Förde, soll ein neues urbanes gemischtes Quartier entstehen. Auf Grundlage der beschlossenen Leitlinien wird ab dem Sommer 2021 der Rahmenplan entwickelt, um das Vorhaben im Sanierungsgebiet weiter zu konkretisieren. Mehrere Planungsbüros sind damit beauftragt, den Rahmenplanprozess zu gestalten und die sozial-ökologischen Ansprüche an das geplante Quartier bestmöglich zu realisieren. Darüber hinaus wird der partizipatorische Ansatz, die Bürger*innen der Stadt an dem Planungsprozess teilhaben zu lassen, weiterverfolgt.

Im Rahmen des Umsetzungsvorhabens EHSS II wird das transdisziplinäre Team aus Mitarbeiter*innen des Norbert Elias Centers der Europa Universität Flensburg und der Stadt diesen Prozess begleiten und unterstützen. Das Umsetzungsvorhaben ist in vier Arbeitspakete gegliedert.

Das Forschungsprogramm

AP1: Lokales Wissen und kooperative Planung

Lokales Wissen integrieren, kooperativ planen und entwickeln

Die bestehende Projektgruppe Hafen-Ost unter der Leitung des Fachbereichs Stadtentwicklung und Klimaschutz (SuK) der Stadt Flensburg begleitet das kooperative Verfahren, in dem der städtebauliche Rahmenplan gemäß der 2020 durch die Ratsversammlung beschlossenen Leitlinien entwickelt wird. Ein besonderes Augenmerk liegt auf der engen Zusammenarbeit mit verschiedenen ziviligesellschaftlichen Akter*innen, Politik und Wirtschaft im Planungsprozess, um lokale Bedürfnisse und lokales Wissen zu integrieren.

AP2: Soziale Innovation

Soziale Innovation: Konzeptvergabe und Erbbaurecht

Eine zentrale Erkenntnis aus EHSS I ist, dass eine strategische Bodenpolitik eine wesentliche Vorrausetzung für ressourcenschonende und gemeinwohlorientierte Quartiersentwicklung ist. Aus diesem Grund werden die Grundstücke nach dem Prinzip der Konzeptvergabe und somit entlang spezifisch ausgearbeiteter Kriterien vergeben. In diesem Arbeitspaket werden bodenpolitische Instrumente wie die Konzeptvergabe oder das Erbbaurecht literaturbasiert und entlang von Praxisbeispielen in anderen Kommunen untersucht und Vorschläge zu deren weiterer lokalspezifischer Umsetzung erarbeitet. Da bodenpolitische Instrumente in der Regel weder Suffizienz noch soziale Gerechtigkeit per se garantieren, müssen die Kriterien den Zielen entsprechend präzise ausformuliert werden. Dies geschieht auf der Grundlage aktueller Forschungsergebnisse zu aktiver Liegenschaftspolitik sowie Untersuchungen zur Finanzierbarkeit von nachhaltiger und gemeinwohlorientierter Stadtentwicklung. Die Ergebnisse werden als Handlungsempfehlungen dokumentiert.

AP3: Von anderen lernen

Von anderen lernen: suffizienzorientierte Stadtentwicklung und aktiver Wissenstransfer

Suffizienzpolitische Maßnahmen erfordern von lokaler Politik und Verwaltung ein agiles Vorgehen, denn Blaupausen, das heißt eingeübte Verfahren oder erprobte Vorgehensweisen sind meist nicht vorhanden. Bei der Umsetzung von bislang Unbekanntem hat sich der Austausch mit kommunalen Akteur*innen aus anderen Städten, die vor ähnlichen Herausforderungen stehen, in EHSS I wechselseitig als fruchtbar erwiesen. Von anderen gelernt werden konnte, wie Grundstücke in Konzeptvergabeverfahren vergeben werden können oder dass dem Erstellen des Rahmenplans kein städtebaulicher Wettbewerb vorausgehen muss, sondern dass auch kooperative Verfahren möglich sind, in welches unterschiedliche Akteur*innen eingebunden werden können.

Daran anknüpfend wird auch in EHSS II auf die Expertise von Sachkundigen in anderen Kommunen zurückgegriffen werden. Dazu wird ein transdisziplinäres Workshopformat mit Referentinnen aus Kommunen mit ähnlichen Vorhaben geplant und eine Exkursion in ein vergleichbares Quartier stattfinden. So können sich Planer*innen und Entscheidungsträger*innen ein Bild von bereits erprobten Maßnahmen machen und in den Austausch mit Entscheidungsträger*innen vor Ort gehen.

AP4: Stadtentwicklung, Partizipation und Suffizienz

Stadtentwicklung, Partizipation und Suffizienz

In EHSS I wurde erprobt, was in der Agenda 21 und vom Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen dargelegt wird: Die Notwendigkeit der Partizipation von Bürger*innen in Planungsprozessen zu nachhaltiger Stadtentwicklung. Dennoch sind die genauen Zusammenhänge zwischen Partizipation und Suffizienz im Kontext der Stadtentwicklung noch nicht hinreichend erforscht, sie gelten bislang als Forschungsdesiderat. Die im Forschungsprojekt erzielten Erkenntnisse aus der eigenen qualitativen Forschung werden unter Verwendung bereits existierender Literatur weiterführend bearbeitet. Die Studie soll wissenschaftliche und praktische Anhaltspunkte für Verantwortliche in kommunalen Stadtentwicklungsprojekten liefern und Aufschluss über das Gelingen einer größtmöglichen Nachhaltigkeitswirkung bieten.

Projektpartner

Norbert Elias Center for Transformation Design & Research

Projektteam: Dr. Michaela Christ, Levke Mahrt, David Petersen

Die Stadt Flensburg

Projektteam: Henning Brüggemann, Claudia Takla-Zehrfeld, Johanna Carstensen, Malte Gräve, Simone Mohrhof-Arp

Förderkennzeichen: 01UR1704 A