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Ringvorlesung 2011/12

Die Vorlesung bietet einen Überblick über gesellschaftliche Medienentwicklungen und thematisiert anthropologische, soziologische, pädagogische, künstlerische und historische Aspekte von Mediensystemen, -prozessen und -strukturen. Die Vorträge von Lehrenden der Universität Flensburg und externen Gästen geben einen Einblick in die Fragestellungen der Medienbildung und stellen Konzepte und praktische Beispiele der schulischen sowie außerschulische Medienpädagogik vor.

»Die Wissensgesellschaft ist heute keine Vorstellung mehr, an die sich große Hoffnungen gesellschaftlichen und humanen Fortschritts knüpften. [...] Die Durchdringung der Gesellschaft mit Wissen führt vielmehr zu einer Verdatung der Gesellschaft. [...] Und je mehr gesellschaftliche Regulationen über Datenkontrolle und -verarbeitung erfolgen, desto mehr zählt überhaupt nur noch zur Gesellschaft, was sich verdaten lässt. Die zunehmende Liberalisierung etwa in der Arbeitszeitgestaltung und die Individualisierung etwa in der Produktwahl werden konterkariert durch verstärkte Registrierung und Kontrolle des Verhaltens der einzelnen Menschen über die Daten, die sie produzieren. Arbeitszeitkontrolle bis ins Einzelne, Erfolgs- und Qualitätskontrolle der Arbeit, Einschätzung des Einzelnen nach Testergebnissen in Bezug auf Veranlagungen, Leistungsfähigkeit, Gesundheitsrisiko bis hin zur Genkartierung -, das sind die unsichtbaren Netze, in denen der Einzelne in der Wissensgesellschaft hängt«

Gernot Böhme (2002): Strukturen und Perspektiven der Wissensgesellschaft, Zeitschrift für kritische Theorie, Heft 14, 56-65, S. 64

Programm

16. November

Wissensgesellschaft
Stephan Münte-Goussar | Medienbildung | Universität Flensburg

Die ›Wissensgesellschaft‹ ist zweifelsohne das erfolgreichste Selbstbeschreibungsangebot gegenwärtiger Gesellschaften. Auch bildungspolitische Entscheidungen berufen sich in ihrer Begründung fast ausnahmslos auf die Vision einer kommenden ›Wissensgesellschaft‹. Mit der ›Wissensgesellschaft‹ ist dabei der Übergang von einer arbeitszentrierten Industriegesellschaft hin zu einer wissensbasierten Wirtschaftsordnung gemeint. Maßgeblich für diese Transformation sind die neuen Informations- und Kommunikationstechniken, sprich die ›Neuen Medien‹. Doch hat diese ›Wissensgesellschaft‹ überhaupt eine Realität? Ist sie womöglich – wie einige meinen – ein ›Mythos‹, eine ›Ideologie‹ oder gar der ›Mantel des Neoliberalismus‹? Und wenn dieser Verdacht zutreffen sollte, wie verhält es sich dann mit den pädagogischen Leitbegriffen der Wissensgesellschaft: Kompetenz, Individualisierung, Selbststeuerung und Eigenverantwortung

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23. November
Gesellschaft, Kapitalismus, Medium, Wissen, Geld, Ideologie und Wissensgesellschaft – Ein Versuch, mit Hilfe der Systemtheorie und marxistischen Theorie Ordnung in diese Reihe zu bringen
Thore Prien | Soziologe | Universität Flensburg

Wer von "Wissensgesellschaft" spricht, hat – zumindest unter der Hand – damit auch eine Vorstellung davon, wie das "Ganze" der Gesellschaft wohl aussieht. Wir wollen dahinter einen Schritt zurückgehen und uns fragen, wie die Beschreibung der "Gesellschaft" als etwas einheitliches überhaupt möglich wird. Ohne eine grundsätzliche Klärung des Begriffs des Mediums kommen wir in dieser Frage nicht weiter und wollen uns daher zunächst den verschiedenen Medien (Geld, Fernsehen, Wahrheit, Schrift, etc.)  und ihrer Funktion für die Herstellung von dem, was wir Gesellschaft nennen, widmen. Mit dieser Grundlage ausgestattet, fragen wir  nach dem Zusammenhang von kapitalistischer Wirtschaft und dem "Wissen" der "Wissensgesellschaft und ob wir es hier – bei der "Wissensgesellschaft" – nicht schlicht mit böser Ideologie zu tun haben.

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30. November
facebook und der Datenschutz: alles ganz sozial?
Henry Krasemann | Unabhängiges Landeszentrum für Datenschutz Schleswig-Holstein | Kiel

800 Millionen Menschen können nicht irren? facebook gehört heute einfach zum Studentenleben dazu. An den Datenschutz hat man zunächst bei der Entwicklung des Dienstes kaum gedacht. Henry Kraseman, Jurist beim Unabhängigen Landeszentrum für Datenschutz, stellt einige Datenschutzprobleme vor und diskutiert die möglichen Folgen.

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7. Dezember
Wissen als Ware
Theo Röhle | Automatismen | Universität Paderborn

Suchmaschinen stellen heute die wichtigste Form des Informationszugangs im Internet dar. Ihre technische Grundlage bildet der Index – Daten, die im Web erfasst und in eine Form gebracht wurden, in der sie schnell und effektiv durchsucht werden können. Diese Infrastuktur verschlingt Kosten, die kaum noch ein Anbieter aufbringen kann. Öffentliche Geldgeber haben sich aus diesem Bereich seit langem herausgezogen und das Feld kommerziellen Anbietern überlassen. Dies hat zur Konsequenz, dass eine umfassende Web-Suche nur noch von zwei Unternehmen und im Austausch gegen persönliche Daten zu haben ist. Der Vortrag zeichnet diese Entwicklungen nach und stellt zur Diskussion, welche Konsequenzen daraus für die Entwicklung der so genannten Wissensgesellschaft erwachsen.

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14. Dezember
Medienkompetenz – Schlüssel für gesellschaftliche Teilhabe
Sonja Spoede | AG »Digitale Medien in der Bildung« | Bremen

Computer haben sich von einfachen Maschinen zur Rationalisierung von Rechenarbeit zu komplexen Interaktions- und Kommunikationsmedien entwickelt. Digitale Medien verändern und durchdringen mittlerweile unsere Lebenswelt. Welche Kompetenzen sind erforderlich, um sie verantwortungsbewusst nutzen, ihre Chancen und Risiken einschätzen und die Wechselwirkung zwischen virtueller und materieller Welt verstehen zu können? Mit welchen Methoden können evtl. Zugänge zu digitalen Medien geschaffen werden, die auch Nicht-Interessierte erreichen?

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21. Dezember
(Wissens)Gesellschaftliche Herausforderungen für die Arbeitswelt
Thomas Behrends | Internationales Institut für Management, »Personal und Organisation« | Universität Flensburg

Diejenigen Entwicklungen und Veränderungen, die für gewöhnlich mit dem fortschreitenden Wandel hin zu einer "Wissensgesellschaft" verknüpft werden, stellen auch die Arbeitswelt in vielfacher Hinsicht vor neue Herausforderungen. Wie kann  (Zusammen)Arbeit in Zeiten der Wissensgesellschaft sinnvoll organisiert werden? Welche besonderen Anforderungen ergeben sich für "Wissensarbeiter" und auch für "wissensintensive Unternehmen"? Und wie wird sich im Lichte dieses Wandels auch die betriebliche Personalpolitik verändern (müssen)?"

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11. Januar
Visualisiertes Wissen. Die Erkenntnisfunktion der Schaubilder
Matthias Bauer | Germanistik | Universität Flensburg

Bereits in der Antike wurden Gemälde und Zeichnungen zur Vermittlung, aber auch zur Überprüfung von Gedanken eingesetzt. Die Medienevolution der Neuzeit hat das Schaubild als Wissenspeicher wie als Denkhilfe zu einer universalen Erscheinung werden lassen. Es stellt sich die Frage, ob Bilder eine eigene Art des Denkens und Wissens begründen oder nach dem Prinzip schriftlicher Diskurse verstanden werden können. Besondere Aufmerksamkeit verdienen dabei bewegte Bilder, Schauräume und andere szenografische Diskurse.

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18. Januar
Von der Wissensgesellschaft zur Mediengesellschaft?
Alexander Unger | Medienpädagogik | Universität Hamburg

Gesellschaftstheoretische Modelle versuchen aktuelle und prägende Veränderungen einzufangen. Lange fokussierte sich diese Diskussion um die Begriffe "Wissen" und/oder "Information". In letzter Zeit finden sich allerdings zunehmend Ansätze, die digital-interaktive Medien und produktive Konsumenten (Prosumer) in das Zentrum rücken und diese mit aktuellen Entwicklungen in Verbindung bringen, die nicht nur für das Mediensystem relevant sind. Der Vortrag gibt einen Einblick in Konzepte und Modelle wie "Web 2.0", "Social Media", "Remix", "Mashup" und diskutiert den hier diagnostizierten gesellschaftlichen Wandel.

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25. Januar
Medienpädagogik im Paradigma des Social Web
Christiane Schwinge | Hans-Bredow-Institut | Hamburg

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1. Februar
…kulturen, …theorien, …pädagogik … Irgendwas mit Medien
Uli Tondorf | Medienpädagogik | Universität Kiel

Hintergrundwissen über Medien in der Wissensgesellschaft muss schließlich in pädagogischen Projekten oder Unterricht Anwendung finden. Modelle dazu sind vorhanden, können neu entwickelt werden und müssen auf jeden Fall neuen Medienentwicklungen angepasst werden. Wie das gehen kann wird in dieser Vorlesung vorgestellt.