Zwei Tagungen an der Europa-Universität Flensburg: "Inklusion, Diversität & Ästhetische Bildung" (2017) und "Irgendwie …gleich" (2018)

Die Fachtagungen in den Jahren 2017 und 2018, an welchen ca. 200-300 Menschen teilnahmen, loteten in unterschiedlichen Formaten die Potenziale ästhetischer Bildungs-Prozesse in (vor-) schulischen und außerschulischen Kontexten aus. Explizit sollten grenzüberschreitend auch Experten aus dem Nachbarland Dänemark hier einbezogen werden.

Die Fachtagungen richteten sich an Lehrkräfte der ästhetischen Fächer Kunst, Musik, Textil sowie an Lehrkräfte der kulturellen Bildung im deutsch-dänischen Grenzland, und zwar in sämtlichen institutionellen Bildungskontexten von Vorschule über Schule bis hin zu außerschulischen Einrichtungen, aber auch an Vertreterinnen und Vertreter der freien Kunstszene. Damit waren sowohl Kunstschaffende als auch Lehrkräfte, Erzieherinnen und Erzieher sowie Pädagogeninnen und Pädagogen im außerschulischen Bereich angesprochen, genauso wie Personen, die in der Schul- und Lernbegleitung und -betreuung sowie solche, die in der Aus- und Fortbildung der oben genannten. Berufsgruppen tätig sind, und schließlich die Studierenden dieser Berufsgruppen. Die Besucherinnen und Besucher der Tagungen waren explizit zu einer "aktiven Teilnahme" aufgefordert, etwa im Rahmen der Workshops und Foren. Die Ziele der Tagungen waren insbesondere die Erkundung von Potenzialen ästhetischer Praxen in Hinblick auf inklusive Bildungsmöglichkeiten. Dies geschah in Form von Spurensuche, Vertiefungen und der Entwicklung von Vermittlungsideen sowie Diskussion von Aspekten für Lehrende in den ästhetischen Kontexten etc. Die Tagung 2017 wurde flankiert von Vorträgen und Workshops ausgewählter Wissenschaftler.

Die zweitägige Tagung "Irgendwie …gleich" … im Oktober 2018 beschritt einen etwas anderen Weg. Wir näherten uns dem titelgebenden Thema während der Tagung irgendwie anders als für eine Universität üblich. Eine Fachtagung ohne Fachvorträge – so lautete einer der Ansprüche für die Tagung. Nicht die akademische Perspektive sollte den Prozess definieren. Viel mehr sollte das Miteinander, das Gemeinsame, das Erleben im gemeinsamen Tun, die soziale Interaktion von Menschen mit und ohne Behinderung, von Menschen mit und ohne Migrationserfahrungen, von Männern und Frauen, egal welcher Religion sie sich zugehörig fühlten, den Inhalt der Tagung bestimmen. Das gemeinsame Arbeiten in ästhetischen Praktiken ermöglichte Erfahrungen sozialer inklusiver Interaktionen – so war die Hypothese. In verständlicher Sprache: Es ging um Musikhören, um Singen oder Kochen mit hörenden und nicht hörenden Menschen. Es ging um Erfahrungen im Zubereiten von Speisen mit sehenden und nicht sehenden Menschen, um soziales Theaterspielen – inklusiv und generationsübergreifend. Es ging um "Einfach mal nicht die Fresse halten" – ein Workshop-Angebot sich als Poetry-Slammer zu erproben. Es wurde Kleidung aus Papier hergestellt, deutsch-dänische Kulturzusammenarbeit thematisiert und es wurden Lego-Rampen für die Stadt Flensburg gebaut. Für alle war der Zugang zu den Workshops "Irgendwie … gleich". Die ästhetischen Praxen entliehen ihre Techniken insbesondere aus Kontexten der Künste (s. o.). Diese Praxismethoden und Techniken sind in ihrer Entstehungs- und Kulturgeschichte eher exklusiv verankert; so gehören Spezialwissen und besondere Fähigkeiten in der Herstellung als auch in der Betrachtung von "Kunst"-Werken zu deren traditionellen Anforderungsprofilen. Wie kommt es nun, dass die Ästhetiker gerade der Praxis ein solches Potenzial zuschreiben und eine Tagung genau hier besondere Potenziale des inklusiven Denkens und Handelns als teilhabende und teilnehmende Praxis begreift? Die Wirkungsmechanismen und Wirkungspotenziale ästhetischer Praxen sind vielfältig und komplex. Das irgendwie gleiche scheint aber ein urmenschlicher (anthropologischer) Umstand zu sein: In den ästhetischen Prozessen werden "Problemstellungen" individuell oder gemeinsam in der Gruppe bewältigt.

Genau diese Überzeugung, mithilfe eigener Kompetenzen diese Gestaltungsaufgaben zu bewerkstelligen, das zu schaffen, was man sich vorgenommen hat, entwickelte nicht nur Selbstvertrauen, sondern führte uns unsere Selbstwirksamkeit vor Augen. Wir erlebten, dass unser Handeln wirkte; auf uns, aber auch auf unser soziales Umfeld. In diesem positiven Erleben waren ästhetische Praxen damit "sich selbst belohnende" Praxen. Irgendwie gleich war und ist auch die Freude während ästhetischer Aktivitäten. Die ästhetische Praxis bot den Rahmen für soziale Interaktionen in den Workshops. Das Ästhetische umfasste insbesondere spielerische und experimentelle Formen der Auseinandersetzung mit sich und der Umwelt. Ästhetisches Handeln kann bevorzugt auftreten in Aktivitäten wie Musizieren, Singen, Schauspielern, Dichten, überhaupt Gestalten, aber auch in Alltagspraktiken wie sich Kleiden oder Gemüseschneiden. Bei allem stand und steht die sinnliche Wahrnehmung im Fokus als Ausgangspunkt für reflexive Prozesse. Die offenen Handlungsformen ästhetischer Praxen bieten dabei Räume für ungewohnte soziale Interaktionen und Potenziale. Aber auch für inklusive soziale Handlungsprozesse? Eine Frage lautete also; was können ästhetische Praxen leisten, um menschliche Veränderungsprozesse im Handeln zu begünstigen? Wichtiger im Tagungszusammenhang war jedoch, die Faktoren des Wirkens zu erleben, zu erproben und ins Handeln und hierüber ins Gespräch zu kommen. Impulsgeber für unser Tagungsthema waren Erfahrungen aus Seminaren mit Schülerinnen und Schülern der Friholtschule in Flensburg, einer Schule mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung, und Studentinnen und Studenten des Fachbereiches Textil und Mode, Kunst& visuelle Medien und der Bildungswissenschaft. Ästhetische Praxen boten Räume, inklusiv wirksam zu sein, Räume, in denen wir uns in unserer Vielfalt erproben konnten, Erfahrungen sammelten, Barrieren erkannten und uns darüber verständigen konnten. Nicht Top Down, sondern Bottom up lautete die Devise für ein inklusives Miteinander. Aus der unmittelbaren Begegnung mit dem anderen und im gemeinsamen Tun erfuhren wir Unterschiede und Gemeinsamkeiten, konnten Barrieren erkennen und abbauen – "Irgendwie … gleich".

Beide Tagungen wurden unterstützt und gefördert von der Adelby1-Kinder- und Jugenddienste gGmbH als auch mit Mitteln des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung.