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Studierende als Vertretungslehrkräfte?

Interview mit Prof. Dr. Johanna Fay zum gemeinsamen Positionspapier der Europa-Universität Flensburg, das die Situation der Studierenden als Vertretungslehrkräfte beleuchtet

Immer öfter gehen junge Menschen bereits während des Lehramtsstudiums in Schulen, um dort im Unterricht zu unterstützen. Bereits jetzt ist es so, dass bundesweit bis zu 2/3 der Lehramtsstudierenden schon während ihres Studiums in einer Schule gearbeitet haben oder arbeiten. 

Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung und einer aktuellen Untersuchung von Dr. Julia Menger und Dr. Ina Biederbeck zur Situation studentischer Vertretungslehrkräfte hat die Europa-Universität Flensburg nun ein gemeinsames Positionspapier verabschiedet. Die Studie zeigt exemplarisch, wie viel Verantwortung Studierende in Schulen mitunter bereits übernehmen – und dass sie dabei häufig stärker gefordert sind, als es für ihre Ausbildungsphase vorgesehen ist.

Wie sich das konkret im Schulalltag zeigt, verdeutlichen die Ergebnisse der Untersuchung: Zum Beispiel dann, wenn die Studierenden statt, wie gedacht, Unterstützung in bestehenden Unterrichtskonstellationen zu sein, eigenverantwortlich unterrichten. Die Untersuchung legt offen, dass Studierende teilweise bereits zu Beginn des Bachelorstudiums selbstständig unterrichten, Förderpläne entwickeln, Noten geben und gar Klassenleitungen übernehmen – ohne dass dies systematisch begleitet, geschweige denn in das Studium integriert wäre.

Gemeinsames Positionspapier der EUF

Angestoßen durch den Gemeinsamer Ausschuss für Lehrerinnen- und Lehrerbildung (GAfL) hat sich die Europa-Universität Flensburg mit dem Einsatz von Studierenden als Vertretungslehrkräfte auseinandergesetzt und ein gemeinsames Positionspapier verabschiedet. 

Prof. Dr. Johanna Fay ist Mitglied im GAfL, Sprecherin der AG „Tag der Lehrkräftebildung“ und hat das Positionspapier mitentwickelt. Im Gespräch erläutert sie die Herausforderungen, die der Einsatz der Studierenden als Vertretungslehrkräfte bereits im Studium mit sich bringen kann. 

Wie ist die Ausbildung zur Lehrkraft grundsätzlich strukturiert?

Prof. Dr. Johanna Fay: „Der Weg in den Lehrerberuf gliedert sich in drei Phasen. Erst Studium, dann Referendariat, dann Schuldienst. Das Studium umfasst dabei auch schon mehrere, gut eingebettete Praxisphasen, aber vor allem geht es erst einmal darum, die fachwissenschaftlichen, fachdidaktischen und pädagogischen Grundlagen zu legen. Die sind die Basis, auf der später adäquate Entscheidungen im Unterrichtsgeschehen getroffen werden. Die Studierenden erhalten Zeit, um sich fundiert auf ihre Rolle in der Schule vorzubereiten. Und es ist ja im besten Fall auch durchaus eine Zeit der Persönlichkeitsbildung.“

Wieso ist es eine Herausforderung, wenn Studierende schon während ihres Studiums – jedoch außerhalb der begleiteten Praxisphasen – eigenständig Unterrichtserfahrungen sammeln?

Prof. Dr. Johanna Fay: „Eine Handlungskompetenz, die wirklich fundiert ist, – also das, was wir als ‚Expertise‘ bezeichnen – erwirbt man nicht nebenbei. Wir beobachten immer wieder, wie Studierende bei dem Versuch scheitern, sich einerseits konzentriert mit den wissenschaftlichen Grundlagen der Fächer befassen zu wollen, und gleichzeitig in der schulischen Praxis bereits sicher agieren sollen. Um in Schule reflektiert zu arbeiten, braucht es erst einmal eine Distanz zum Geschehen. Fehlt diese, bleibt den studentischen Lehrkräften gar nichts anderes übrig, als auf altbekannte Muster der eigenen Schulzeit oder auf das Kopieren von Verhaltensweisen aus dem Kollegium zurückzugreifen, um durch den Schultag zu kommen.“

Wie zeigt sich die Situation konkret bei den Studierenden?

Prof. Dr. Johanna Fay: „In Studien, auch in denen mit Daten von Studierenden an der EUF, zeigt sich ein ambivalentes Bild. Es gibt durchaus Studierende, die den Vertretungsjob als bereichernd empfinden: Sie verdienen vergleichsweise gutes Geld und sammeln Erfahrungen, die ihnen ein Gefühl der Sicherheit in der Berufswahl geben. Andere aber berichten von einer immensen Überforderung. Sie merken, dass sie etwas liefern müssen, das sie noch gar nicht können. Manche deuten diesen Stress um und sehen darin ein persönliches Versagen, ein Zeichen, dass das Lehramt doch nicht die richtige Berufswahl sei, und brechen ab.“

Wie macht sich die Situation in der Hochschullehre bemerkbar?

Prof. Dr. Johanna Fay: „Sowohl in Gesprächen mit Kolleg*innen, als auch in der eigenen Lehre merke ich, es verändert sich etwas dadurch, dass Studierende bereits neben ihrem Studium unbegleitete Praxiserfahrungen machen. Es zeigen sich zwei Herausforderungen: Einerseits geben Studierende, die als Vertretungslehrkräfte arbeiten, dies immer öfter als Grund an, wenn sie nicht in Präsenz and Lehrveranstaltungen teilnehmen. Andererseits erleben wir eine Veränderung im Verständnis von Studium bei den Studierenden, die sich selbst als kompetent in ihrem Vertretungsjob wahrnehmen: bei denjenigen, bei denen Unterrichtsstunden also von außen betrachtet gut laufen, – die Kinder mitmachen, keiner stört, alle ihre Arbeitsblätter ausfüllen und gutes Feedback geben. Die Studierenden nehmen die universitäre Lehre dann nicht mehr als Professionalisierung wahr, denn aus ihrer Perspektive gibt es für sie an der Uni nichts mehr zu lernen, sie können ihren Zielberuf ja schon, sie führen ihn ja schon aus. Die Entwicklung einer fundierten Professionalisierung kann nicht eingeschlagen werden, wenn der individuelle Bedarf dafür nicht gesehen wird, wenn kein Interesse und keine Neugierde an dem universitären Angebot bestehen. 

Wie begegnen Sie diesen Herausforderungen?

Prof. Dr. Johanna Fay: Die Quelle des Problems ist ja der Lehrkräftemangel. Ohne ihn gäbe es das Phänomen der studentischen Vertretungslehrkräfte nicht, bzw. nicht in diesem Ausmaß. Ich denke, wir können dieser Gemengelage nicht auf der Mikroebene begegnen. Es braucht eine Betrachtung des Gesamtbildes, also: mehr Lehrkräfte. Im Moment sind die Einschreibezahlen der Studienanfänger im Lehramt eher rückläufig. Der Fokus muss also sein: Wie bekommen wir wieder mehr Studierende ins Lehramt? Wie wird der Beruf wieder attraktiver? Wie gelingt es uns, engagierte junge Leute für dieses Feld zu begeistern? Und andersherum: Wie muss sich mitunter die Arbeit an Schulen ändern, um als Berufsfeld einladend zu sein? Das ist eine große Aufgabe, die weder an der Uni noch in der Bildungspolitik allein gelöst werden kann. 

Das Positionspaier zum Einsatz von Studierenden als Vertretungslehrkräfte zum Download