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Laufzeit

06.10.2020 - laufend

Projektmitarbeitende

Institution der EUF

Seminar für Germanistik

Pragmatik der Intentionalitätszuschreibungen

Verbpragmatik – Kognition, Diskurs und Normativität

Das Projekt richtet sich im Kern auf die Praxis der sprachlichen Konstitution Anderer als handelnde Personen einerseits und Objekte (etwa als Träger bestimmter Eigenschaften) andererseits und wird in 3 Teilprojekte aufgeteilt:
Verbpragmatik – Kognition, Diskurs und Normativität
Intention und Intentionalität
Intentionalitätszuschreibungsökonomie

Stichworte

Pragmatik, Semantik, Linguistik, Semiotik, Intentionalität

Beschreibung

Das Projekt schließt an zahlreiche Vorarbeiten zum Thema "Konstruktion des Anderen" an. Es richtet sich im Kern auf die Praxis der sprachlichen Konstitution Anderer als handelnde Personen einerseits und Objekte (etwa als Träger bestimmter Eigenschaften) andererseits. Letzteres interessiert nur insofern, als handlungsfähige Andere durchaus auch hinsichtlich ihrer Handlungen als Objekte konstituiert werden können, zumal dann leicht die Verantwortung für ihre Handlungen abgesprochen werden kann. Das kann für in solch einer Weise diskursiv charakterisierte Vor- oder Nachteile haben. Wer etwa "Hyperaktivität" diagnostiziert bekommt und wenn dies mit der Beschreibung häufige Unterrichtsstörungen einhergeht, dann bekommt die Person diesbezüglich Objekteigenschaften, für die sie keine Verantwortung trägt und eben auch nicht zur Verantwortung gezogen werden wird.

Im Zentrum des Interesses stehen mit linguistischen Methoden zu analysierende sprachliche Elemente (Zeichen), die hauptsächlich Träger entsprechender Eigenschaften sind, welche sich gebündelt als Intentionalität zusammenfassen lassen. Dies sind bestimmte Kombinationen von Agenseigenschaften (Akteure), die mit bestimmten Verben kombiniert werden können. Die Klasse besteht hauptsächlich aus sozial-normativen Handlungsverben wie versprechen, fragen, behaupten oder begründen. Diese Redeweisen sollen per Korpus erfasst, theoretisch noch genauer beschrieben und analytisch leicht handhabbar gemacht werden, indem die Inferenzprozesse, in die sie diskursiv eigebettet werden, verständlich und verlässlich als künftiges Analysewerkzeug modelliert werden.

 

Teilprojekte:

Verbpragmatik – Kognition, Diskurs und Normativität

Das Projekt erweitert das verbpragmatische Vokabular zur Explikation der Normativität diskursiver Praktiken, indem nicht nur sozial-kommunikative Handlungsverben, sondern alle Verben innerhalb eines spezifischen Korpus hinsichtlich ihrer Normativität untersucht werden. Die Verbpragmatik, die neben der lexikalischen Unterspezifikation auch Kontextprojektion, Modalität und Normativität der diskursiven Praktiken beschreibt, ermöglicht die Darstellung von normativen Verlaufsmustern (Verbnarrative), die sich mithilfe von sprachlichen Sequenzen offenlegen lassen und ergänzt somit verbsemantische wie -kognitive Analysen um eine diskursive Dimension.

Intention und Intentionalität

Das Projekt zielt mit weiteren Analysen zur interaktionalen Konstitution des Anderen (dritter Personen) als Handelnde oder Objekte nach Maßgabe jeweiliger institutioneller Rahmungen wie vor allem Schule und ist eine Weiterentwicklung hin zu konkreter Anwendung aus dem bisherigen Projekt Implizite Intentionalitätszuschreibung an Andere.

Intentionalitätszuschreibungsökonomie

in Gesprächen mit Personen mit sprachlichen Beeinträchtigungen wie Stottern und Poltern. Dieses Projekt befindet sich gerade in der Konzeptionierung durch Christopher Kreiensen (Doktorand).

 

In seiner Darstellung der Theorie der sprachwissenschaftlichen Pragmatik erklärt Yan Huang (2014), es gebe grob differenziert zwei divergierende "traditions of pragmatics", die Anglo-Amerikanische und die Kontinental-Europäische. Letztere charakterisiert er als "perspective view of pragmatics" und zeichnet sie alles in allem als funktionalistische Theorie der sprachlichen Kommunikation nach (5/6), in der das sprachliche Element zielgerichtet genutzt werde, was bis hin zu Untersuchungen politischer Propaganda führe. Kommunikation ist mithin ein zentrales Kriterium dafür, was zur Pragmatik zählt und was nicht. In der hierzulande stark durch die Abteilung Pragmatik des Instituts der Deutschen Sprache (IDS) in Mannheim geprägten Theorielandschaft haben sich Auffassungen etabliert, die Theoriebildung nicht mehr als dringendste Aufgabe betrachten und eher zur ›Angewandten Linguistik‹ tendieren, was bestimmte Prämissen zur Folge hat, die insbesondere Deppermann (2014) klar formuliert. Wesentlich ist eine skeptische Haltung gegenüber intentionalistischen Handlungstheorien einerseits und andererseits die auch aus Diskurstheorien bekannte Ansicht (z.B. Siefkes 2013), dass Bedeutung im Diskurs bzw. in der Interaktion unmittelbar bestehe und nur dort. Sie ist damit unmittelbar an die Handlung als Funktion aber nicht an Sprecher und deren Intentionen gebunden. Aufgrund dieser funktionalistischen Auffassung erscheint es daher logisch, solche Theorien, die interaktionale Bedeutungskonstitutionen vielmehr dennoch auf Intentionen gründen (exemplarisch bei Grice 1993) als aporetisch zu kennzeichnen. Wenn das Instrument der Funktion – die Äußerung also – seine spezifische Bedeutung durch die Intention des Sprechers oder Autors erlange, dann müsse diesem zu einem der Äußerung unmittelbar vorausliegenden Zeitpunkt die Bedeutungsabsicht bewusst sein, wofür es nun einmal keine Anhaltspunkte gebe. Intentionen auf diese Art von der eigentlichen Handlung zu isolieren sei ein nicht zu überwindendes methodisches Problem (Deppermann 2014: 310). Semantik wird damit tendenziell direkt in den Bereich kooperativer Handlungen hinübergezogen und verliert viel ihres eigenständigen Charakters, Bedeutung wird sozusagen interaktional "gemacht" als Kontextphänomen in der Situation gemeinsamen (Sprach-) Handelns. Daraus folgt, dass nur solche Bedeutungsphänomene, die aus Sicht der Analyse erkenn- oder ablesbaren Effekte zeitigen, als zugänglich gelten bzw. auch Schlüsse auf Intentionen zulassen. Mit seiner Folgerung weist Deppermann aber seinerseits auch über den Funktionalismus hinaus, offenbar ohne allerdings bisher dieser Spur wirklich gefolgt zu sein: "Handlungsbedeutungen beruhen nicht auf mentalen Ereignissen, sondern auf sozialer Zuschreibung." (Deppermann 2014: 310)

Festhalten lässt sich, dass die theoretische Konzeption von Intention für solche eher funktionalistischen Auffassungen eine entscheidende Rolle spielt und Zuschreibung zwischen Interakteuren offenbar als wichtige Funktion für den analytischen Zugriff eingeschätzt, die vergleichsweise krude Idee des Ziels offenbar aber aufrecht erhalten wird, nur eben nicht als ermittelbare Intention und schon gar nicht als mentaler Zustand. Denn das Mentale sei kein Phänomen der Kommunikation. Zwischen Intention und Intentionalität wird i.d.R. nicht differenziert und die analysierten Verben der Zuschreibung sind klassischerweise die der "propositionalen Einstellung" wie wollen, wissen u.a.m. Die Anglo-Amerikanische Traditionslinie hingegen behandle Pragmatik als eine sprachliche Komponente neben anderen wie Grammatik und Semantik innerhalb einer umfassenden Theorie der Sprache. Letztere sei daher der Idee der modularen Struktur des Geistes (resp. des Mentalen) verpflichtet, was sich vor allem auf Jerry Fodor beziehe, einen der Verfechter der Hypothese des so genannten "Mentalesisch" (LOT 2). Carston als eine der aktuell maßgeblichen Wissenschaftler*innen auf diesem Forschungsfeld reklamiert in der Tat bei der Verortung ihres inferenzorientierten Ansatzes als kognitionswissenschaftlichen, der Geist bzw. das Mentale sei modular aufgebaut (u.a. Carston 2014: 217). Hierfür spielen letztlich alle inferentiellen Prozesse eine Rolle, die die Unterdeterminiertheit zur vollständigen Äußerung anreichern. Das sind vor allem Implizituren, Implikaturen aber auch logische Präsuppositionen und besonders unterdeterminierte indexikalische Zeichen (wie Deixis) in einem "mutual context" (Sperber und Wilson 1995). In der Diagnose stimmen sowohl Carston, Haugh (2008) und viele andere der Anglo-Amerikanischen Tradition mit Deppermann überein (s.o.).: Auch sie lehnen die Idee einer a priori vorhandenen Intention kategorisch ab, stellen aber demgegenüber heraus, eine Handlung sei ein kontinuierlicher Prozess, bei dem Intentionalität als emergenter Aspekt von Normativität und Verantwortlichkeit zum Tragen komme. Es sollte daher gründlich zwischen Intention (mental) und Intentionalität (sozial-normativ) unterschieden werden (Haugh 2008: 63).

Inzwischen haben sich in der stets engen Verflechtung der linguistischen und der allgemeinen resp. philosophischen Pragmatik aber aus Richtung der Philosophie einige Entwicklungen ergeben, die den Weg aus einer wissenschaftlich kaum haltbaren und vor allem für die Bereiche von korpusbasierten Sprachanalysen kaum nutzbaren Modellkonstruktion des Mentalen als Modulsystem weisen können. Gemeint ist die Entwicklung des philosophischen Inferentialismus oder Pragmatismus Robert B. Brandoms und anderer, der seinerseits gar nicht auf funktionalistische Theoriebausteine angewiesen ist und wegen seines Rückgriffs auf Intentionalität von Fodor (zusammen mit Lepore 2010) stark und doch eher fälschlich kritisiert wird, wie Harendarski (2018) zeigen konnte. Die Frage der Erklärungsadäquatheit der Theorie kann auch hier exemplarisch so angegangen werden wie dies seit den Anfangszeiten der modernen kognitiven Linguistik geschieht: Kann der inferentialistische Ansatz Spracherwerb erklären? Denn klar muss sein, dass eine Sprachtheorie mit dem Kernbaustein Intentionalität erklären können muss, wie Menschen ontogenetisch auf pragmatischem Wege zur Sprache kommen, wie also Sprache durch interaktionale Prozesse erworben werden kann. Aus bestimmten Gründen, die hier zu erläutern der Raum nicht ausreicht, übernehmen Handlungsverben den zentralen Platz in der Erklärungshierarchie, ein wenig so wie einst in der Entstehungsphase der ›Ordinary Language Philosophy‹, doch mit erheblichen theoretischen Verschiebungen. Wie Huang ordnet sich auch dieses Forschungsprojekt der Anglo-Amerikanischen Linie zu – natürlich nur, was die Überzeugungen betrifft. Die Konzeption von meaning, Intention und Intentionalität bleibt ein sehr wichtiges Kriterium zur Beurteilung der Theorien und zur Erfassung ihrer Struktur. Ausgangspunkt ist die "Flaschenhalshypothese", womit die "linguistic underdetermanicy" sprachlicher Äußerungen gemeint ist. Die sprachlich enkodierte Bedeutung eines Satzes determiniert den Rahmen der Proposition nicht hinreichend, die eine Sprecherin mit dem Satz äußert (Huang 2014: 7).

Harendarskis programmatischer Aufsatz zu intentionalen Verben (Harendarski: i. Ersch.) hat die pragmatistische Theorie Brandoms für Sprachanalysen nutzbar gemacht und soziale Handlungsverben als Elemente sozialer Triangulation von Normen, Normerwartungen, Erwartungsverletzungen, Unterdeterminiertheit und Indexikalität theoretisch implementiert. All das ist im Moment noch sehr knapp umrissen und muss noch genauer expliziert werden.

Geeignete Methoden der Korpusanalyse mit Hilfe eines Modellkorpus wurden bereits entwickelt, so dass sich dafür auch MAXQDA nutzen lässt, das eigentlich für andere Analysearten konzipiert ist. Das ganze Vorhaben steht in mindestens zwei Forschungslinien. Das sind einmal die sich auf Studien in der Nachfolge der Theorie der konversationellen Implikaturen stützenden Arbeiten, die ausgehend vom Verb to mean spezifische Einzelverben untersuchen wie Meibauer (2014), der eine umfassende Analyse unter dem Titel Lying at the Semantic Pragmatic-Interface vorgelegt hat und breiter angelegte Studien wie die von Mazzone (2018) mit dem programmatischen Titel Cognitive Pragmatics. Eine andere Linie wiederum wurzelt in semiotischen Kreisen im Anschluss an den Mitbegründer des Forschungsrahmens Cognitive Semiotics Per Aage Brandt, Wolfgang Wildgen und andere und strebt auf der Basis der Schriftenreihe Mental Spaces in Discourse and Interaction eine Verschmelzung der kognitiven mit semiotischer Theorie an.

Literatur

Brandom, Robert (2000): Expressive Vernunft. Begründung, Repräsentation und diskursive Festlegung. Frankfurt a.M.

Carston, Robyn (2014): Explicit communication and ‘free’ pragmatic enrichment. In: Belén Soria;

Esther Romero (Hg.), Explicit Communication. Robyn Carston's Pragmatics. Basingstoke. S.

217–285.

Deppermann, Arnulf (2014): Handlungsverstehen und Intentionszuschreibung in der Interaktion I: Intentionsbekundungen mit wollen. In: Pia Bergmann et al., Sprache im Gebrauch: räumlich, zeitlich, interaktional. Festschrift für Peter Auer. Heidelberg. S. 309-326.

Fodor, Jerry Alan (2008): LOT 2. The Language of Thought Revisited. Oxford.

Fodor, Jerry Alan; Lepore, Ernie (2010): Brandom beleaguered. In: Bernhard Weiss; Jeremy Wanderer (Hg.), Reading Brandom. On Making it Explicit. S. 181-193.

Grice, H. Paul (1993): Logik und Konversation. In: Georg Meggle (Hg.), Handlung, Kommunikation, Bedeutung. Frankfurt a. M. S. 243-265.

Harendarski, Ulf (2018): Zum Zeichenbegriff in Brandoms Expressiver Vernunft. In: Ulf Harendarski und Anne Reichold (Hg.), Kommunikation, Inferentialismus und Semiotik. Zeitschrift für Semiotik 36 (3-4). S. 15-48.

Harendarski, Ulf (i. Ersch.): Implizite Intentionalitätszuschreibung an Andere – Die Funktion von Verben. In: Ulf Harendarski (Hg.), Reden über Andere und zu anderen. Diskursive Konstitution von Subjektpositionen und Personalität. Tübingen.

Haugh, Michael (2008): The place of intention in the interactional achievement of implicature. In: Istvan Kecskes und Jacob Mey (Hg.), Intention, Common Ground and the Egocentric Speaker-Hearer. Berlin. S. 45-87.

Huang, Yan (2014): Pragmatics. Oxford.

Siefkes, Martin (2013): Wie wir den Zusammenhang von Texten, Denken und Gesellschaft verstehen. Ein semiotisches 4-Ebenen-Modell der Diskursanalyse. In: Martin Siefkes und Doris Schöps, Neue Methoden der Diskursanalyse. Zeitschrift für Semiotik Bd. 35, 3-4. S. 353-393.

Sperber, Dan; Wilson, Deirdre (1995): Relevance. Communication and Cognition. Oxford