Europa im Übergang

Als Auftakt zum Projekt 'Europa im Übergang' fand die 21. internationale Tagung der Gesellschaft für interkulturelle Germanistik mit über 180 Teilnehmer*innen von vier Kontinenten an der Europa-Universität Flensburg 2017 statt.

Stichworte

Germanistik, Interkulturalität, Kulturwissenschaft, Europa, Europa-Forschung, Postkoloniale Studien

Beschreibung

Europa wird unter Bedingungen von Transkontinentalität und Mehrsprachigkeit gegenwärtig neu gedacht. So werden Grenzen – aus europäischen Binnen- ebenso wie Außenblickwinkeln – in einem Spektrum wahrgenommen, das von der Permeabilität bis zur Abgrenzung reicht. Innerhalb Europas finden Prozesse der Integration neben solchen der Desintegration mit Abspaltungen wie jener Großbritanniens statt. Die weltweit immer stärker anwachsenden Zahlen migrierender Menschen lassen, wie der Historiker Karl Schlögel schon vor zwei Dekaden betonte, Stellungnahmen dazu, wie die Forderung nach globaler Freiheit für das Kapital einerseits und nach Unterbindung globaler Migration andererseits zusammenpassen, immer dringlicher werden. Vorkommnisse von Fremdenfeindlichkeit schließlich stehen neben Bemühungen um Frieden und Konfliktlösungen.

Unter Berücksichtigung dieser Probleme ist nach dem generativen Potential von Transformations- und Übergangsprozessen zu fragen, und zwar nicht allein gegenwartsbezogen, sondern in einer Perspektive langer Dauer, die den interkulturellen Wandel Europas vom Mittelalter bis zur Gegenwart in den Blick nimmt; dies in den fachteilspezifischen Gegenstandsbereichen der Germanistiken sowie unter Berücksichtigung des Methoden- und Theoriepluralismus des Fachs.

In den Germanistiken weltweit finden seit Längerem kultur- und medienwissenschaftliche Öffnungen hin zu interdisziplinärer sowie fachteilübergreifender Zusammenarbeit statt. Die internationale Tagung an der Europa-Universität Flensburg soll dieses Potential nutzen, um die sprachlichen, literarischen, kulturellen, sozialen und politischen Transformationsprozesse in Europa in gegenwartsbezogener sowie historischer Perspektive unter transkontinentalen bzw. globalen Gesichtspunkten zu analysieren und ein Denken in Übergängen zu befördern.

Anvisiert sind Heuristiken, die quer zu homogenisierenden Bildern und Identitätsvorstellungen Europas oder einzelner Kulturräume stehen. Es gilt, die große Bedeutung von Übergängen herauszustellen sowie Transformationen in literarischen Poetiken, in kulturellen, kognitiven oder emotionalen Prozessen, in interkultureller Kommunikation und interlingualen Transferprozessen aufzuzeigen, zu beschreiben und zu analysieren. Untersucht werden diese Übergänge aus sprach-, literatur- und kulturwissenschaftlicher, aus mediävistischer und translationswissenschaftlicher Sicht, aus Perspektiven der Mehrsprachigkeitsforschung sowie des Faches Deutsch als Fremdsprache, wobei übergreifende theoretische Beiträge sehr willkommen sind. Zur Sprache kommen sollen insbesondere folgende Aspekte:

– Grenzräume, Kontaktzonen, Konfliktzonen und Transferprozesse

Zu prüfen ist, inwiefern europäische Grenzräume – und Grenzräume allgemein – als ›Generatoren von Übergängen‹ gewirkt haben und wirken. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei dem ›Norden‹ als Kontaktzone unterschiedlicher Diskurse sowie der Nord- und Ostsee als ›erzählten Räumen‹ (einschließlich prominenter Narrative wie dem der ›Groten Mandränke‹). Im Fokus stehen die Transferprozesse, die in diesen Zonen stattgefunden haben oder stattfinden – von der weltweiten Seefahrt, vom Sklaven- und Warenhandel mit Afrika bis hin zum literarischen und kulturellen Leben der deutschsprachigen Zentren in den baltischen Staaten und andernorts. Von Interesse sind in diesem Kontext vergleichende Untersuchungen des ›Nordens‹ mit dem ›Süden‹ und dem maritimen Großraum des Mediterraneums, einschließlich der Übergänge zwischen europäischen und afrikanischen Kulturen. Erwünscht sind ausdrücklich auch Vorträge zu ost-west-europäischen Transfers, zur k.-u.-k.-Monarchie oder zum ›Balkan‹ sowie zur deutsch-jüdischen Literatur und Kultur in grenzüberschreitenden Regionen wie der Bukowina und Galizien.

– Minderheiten, kleine und regionale Sprachen, Nachbarsprachen, Mehrsprachigkeit

Mit den angesprochenen Grenzräumen und Kontaktzonen geraten auch die so genannten ›kleinen‹ und regionalen Sprachen sowie das Phänomen der Mehrsprachigkeit in den Blick. Von der Linguistik, der Translationswissenschaft und von DaF/DaZ sind u.a. neue Forschungsansätze zu Übersetzung und Dolmetschen, zu Mehrsprachigkeit und Sprachentwicklung (Sprachkontakte und Sprachkonflikte in Grenzräumen) erwünscht. U.a. soll geklärt werden, inwiefern und unter welchen Begleitumständen in Sprachkontaktzonen Sprachmischung, Varietäten, Pidgin- und Kreolsprachen etc. generative Funktionen für kulturelle und literarische Übergänge haben und inwiefern sie soziale, ökonomische und politische Transfers begünstigen oder aber Konflikte bedingen.

– Historischer Wandel von Selbst- und Weltentwürfen

Die Tagung strebt eine Historisierung von Prozessen des Wandels an. Literarische Texte und Poetiken enthalten seit dem Mittelalter Szenen des Übergangs, die im Hinblick auf spezifische Möglichkeiten offener und öffnender Formung von Selbst- und Weltentwürfen untersuchungsbedürftig sind. Darüber hinaus leistet die Tagung Beiträge zur Reflexion epistemologischer und methodologischer Modelle, die für Semantiken der Selbst- und Fremdbeschreibungen Europas herangezogen werden. Zu klären ist somit, ob und wie Übergänge Wissen generieren bzw. reorganisieren. An dieser Stelle berühren sich das Bemühen um Historisierung und das Bemühen um Systematisierung.

– Theorien und Poetiken des Übergangs

In den poetik- und theoriebezogenen Sektionen soll der Begriff ›Übergang‹ diskutiert und fachteilübergreifend sowie interdisziplinär näher bestimmt werden, wobei insbesondere zu erörtern ist, inwiefern internationale Ansätze, Theorien und Poetiken einander ergänzen, widerlegen oder modifizieren. Diese sind in ein Verhältnis zu konkreten Schreibprozessen, Textgestalten und Deutungen zu setzen. Gefragt sind hier insbesondere Untersuchungen zur epistemischen Kraft der Literatur, zu ihren Potentialen, Übergänge zu gestalten und sich zu diskursiven Wissensbeständen kommentierend und transformierend zu verhalten. Dabei können, ausgehend von dem Begriff des Übergangs, unterschiedliche Konzepte miteinander vermittelt werden: Theorien der Mehrsprachigkeit und des Sprachkontakts, der Übersetzung sowie der Translation (z.B. Derrida, Buden), der kulturellen ›tradingzones‹ sowie Poetiken des Dialogs und der Dialogizität (z.B. Buber, Vygotskji, Bachtin, Morin), der Responsivität (z.B. Waldenfels), der Evolution und Latenz (z.B. Maturana, Varela, Luhmann) oder der Internalisierung/Externalisierung.

Tagungsbericht: 

Dominik Zink: "Identität - das wort kann ich immer noch nicht aussprechen." Bericht zur Tagung Europa im Übergang der Gesellschaft für interkulturelle Germanistik (GiG) vom 9. bis 15. September 2017 an der Europa-Universität Flensburg. In: Zeitschrift für interkulturelle Germanistik 9/1 (2019), S. 183-197. [pdf]

Bisherige Projektpublikationen: 

Matthias Bauer/Martin Nies/Ivo Theele (Hg.): Grenz-Übergänge. Zur ästhetischen Darstellung von Flucht und Exil in Literatur und Film (Interkulturalität. Studien zu Sprache, Literatur und Gesellschaft, Band 17). Bielefeld 2019. [weitere Informationen]

Wolfgang Johann/Iulia-Karin Patrut/Reto Rössler (Hg.): Transformationen Europas im 20. und 21. Jahrhundert. Zur Ästhetik und Wissensgeschichte der interkulturellen Moderne (Interkulturalität. Studien zu Sprache, Literatur und Gesellschaft, Band 18). Bielefeld 2019. [weitere Informationen]

Iulia-Karin Patrut (Hg.): Poetiken des Übergangs. Sonderausgabe der Zeitschrift für interkulturelle Germanistik 4/2019. [weitere Informationen]