Ansprechpartnerin

Nachhaltige Stadtentwicklung und Digitalisierung

Der Forschungsschwerpunkt verfolgt eine interdisziplinäre Perspektive, die sich mit den Verflechtungen sozialer, ökologischer, ökonomischer, kultureller und politischer Dynamiken von Städten auseinandersetzt. Stadt wird hier verstanden als Hybrid sozialer und natürlicher Prozesse (Swyngedouw 1996), als Ort sozio-natürlicher Beziehungen (Blaikie 2008) oder als Materialisierung gesellschaftlicher Naturverhältnisse (Görg 1999). Die vielfältigen Formen von Städten und Dynamiken in Städten können nicht durch eine Universaltheorie abgebildet werden.

Die aktuellen Forschungsbeiträge in diesem Schwerpunkt beschäftigen sich mit stadtplanerischen Strategien der Innenverdichtung, des energieeffizienten Bauens, klimaangepasster Siedlungsstrukturen, kohlenstoffreduzierter Mobilität sowie den Debatten um Low Carbon Citys und Smart Cities. Von Interesse ist dabei welche Implikationen einer sozialräumlichen Differenzierung hiermit verbunden sind (climate justice, digital divide) und wie diese Strategien eingepasst werden in eine unternehmerische Stadtpolitik, die z.B. Klimaschutz mit dem Konzept der Smart City verbinden möchte. Methodisch orientieren sich diese Projekte an einer kritischen, dekonstruktivistischen Stadtforschung.

Projekte:

Plattformurbanismus in europäischen Großstädten

fellowship-geschlechterforschung.uni-graz.at/de/vorhaben/smart-city

Im Rahmen von Smart City-Strategien und der angebotsgetriebenen Expansion der Plattformökonomien unterliegen insbesondere die Bereiche der Sorgearbeit und Mobilität einer großen Dynamik in Großstädten. Über Care-Plattformen werden in immer größerem Umfang vielfältige Dienstleistungen angeboten (Pflege, Essens- und Lebensmittellieferung, Wohnungsreinigung oder Gartenarbeiten). Mobilitätsplattformen bieten immer mehr Verkehrsmittel (Stadtautos, Kleintransporter, Fahrräder, Lastenräder, E-Roller, E-Scooter) und Nutzungsoptionen an (stationär oder ungebunden, selbstfahrend, geteilt oder autonom fahrend). Wo und wie diese Infrastrukturen und Dienstleistungen ausgebaut werden, ist Ausdruck gesellschaftlicher Machtverhältnisse.

Die schnelle Ausweitung von Online-Plattformen zeigt eine hierarisierende Ausprägung: eine Kommodifizierung von Sorge- und Mobilitätsdienstleistungen verbunden mit der Durchsetzung prekärer Arbeitsverhältnisse entlang von Geschlecht und Weißsein und ein exklusives Angebot in sozial privilegierten Stadtteilen. Caring- und Sharing-Dienste reproduzieren eine vergeschlechtliche Arbeitsteilung und die besondere Nachfrage nach Sorge- und Mobilitätsdienstleistungen in sozial marginalisierten Stadtteilen wird kaum bedient. Die Digitalisierungsversprechen für Smart Cities gelten nicht für die Gesamtstadt, sondern eher für islands of smart privilege, die bereits über exzellente Versorgungsinfrastrukturen verfügen. Im Rahmen des Fellowships werden diese Beobachtungen mit folgenden Fragen für ausgewählte europäische Großstädte genauer untersucht:

Adressieren die Versprechen der Smart City-Diskurse (Effektivität, Verfügbarkeit und Lebensqualität durch digitale Technologien) eine vergeschlechtlichte und rassifizierte Arbeitsteilung? Kommt es bei plattformvermittelten Sorge- und Mobilitätsdienstleistungen zu sozialen und räumlichen Privilegierungen und intersektionalen Hierarchisierungen?

Projektleitung: Prof. Dr. Sybille Bauriedl, Prof. Dr. Anke Strüver (Universität Graz)

Projektmitarbeiter*innen: Henk Wiechers, Marcella Rowek, Yannick Ecker

Projektförderung: Elisabeth-List-Fellowshop-Programm der Universität Graz

Laufzeit: 1.3.2020 bis 15.3.2021

Aktuelle Vorträge:

25.06.2020: "Plattformurbanismus in Europa. Beitrag zu einer nachhaltigen Stadtentwicklung?", Institut für Gesellschaftswandel und Nachhaltigkeit der Wirtschaftsuniversität Wien

01.02.2020: "Smart City Technologien und Geschlechter-gerechtigkeit", XVII. Tagung der Neuen Kulturgeographie, Universität Bonn

25.10.2019: Podiumsdiskussion "Smart City geschlechtergerecht gestalten", Frauenbildungszentrum Denkträume und Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, Hamburg

28.09.2019: Sitzungsleistung "Digitalisierungspraktiken in der Stadt: Kritische Perspektiven auf Vernetzung, Aneignung, Kontrolle, Demokratisierung" (mit Prof. A. Strüver), Deutscher Kongress für Geographie

23.11.2018: "Digitale Infrastrukturen der Stadt. Virtuelle Stadt, Smart City, Elektronische Stadt, Nachhaltige Stadt?", Veranstaltungsreihe City/Data/Explosion, Bremen Spedition

22.11.2018: Smart City. Wie nachhaltig kann eine Digitalisierung der Stadt sein? Veranstaltungsreihe Smart Gaarden, Kiel.

19.11.2018: "Wie nachhaltig ist die Smart City?", Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin

17.11.2018: "Reclaim the City", Kongress Bits und Bäume, TU Berlin media.ccc.de/v/bub2018-235-reclaim_smart_city

12.10.2018: "Smart City", GegenBuchMasse, Frankfurt am Main.

1.9.2018: "Smart City Hamburg – Führt Digitalisierung zu mehr Nachhaltigkeit?", Fachtag des Westermann-Verlags, Hamburg.

Vorliegende Publikationen:

 

Bauriedl, S., Strüver, A. (2020): Platform Urbanism and the Production of Private and Public Spaces: Gender Relations in Caring and Sharing. In: Urban Planning 5(4) (im Erscheinen)

Strüver, A., Bauriedl, S. (2020): Smart City Narratives & narrating smart urbanism. In: Kindermann, M., Rohleder, R. (eds.): Exploring the Spatiality of the City across Cultural Texts: Narrating Spaces, Reading Urbanity. Palgrave. (im Erscheinen)

Bauriedl, S. (2020): Luxusmodelle für den Klimaschutz? E-Carsharing in Großstädten als Experimentierfeld der Automobil- und Digitalwirtschaft. In: Brunnengräber, A., Haas, T. (Hg.): Baustelle Elektro-Mobilität. Bielefeld: Transcript. S. 161-180

Strüver, A., Bauriedl, S. (2020): Smart Cities und sozial-räumliche Gerechtigkeit: Wohnen und Mobilität in Großstädten. In: Günter, S. (Hg.): Jahrbuch StadtRegion. Digitale Transformation. S. 91-109

Bauriedl, S. (2019): Kurzbeitrag in +3 Magazin der Süddeutschen Zeitung Heft 60 "Wie smart kann die Stadt sein"

Bauriedl, S. (2019): Etwas Besseres als ‚Smart Cities’. In: Höfner, A., Frick, V. (Hg.): Was Bits und Bäume verbindet. Digitalisierung nachhaltig gestalten. 44-46

Bauriedl, S. (2019): Smart City. In: Braunmühl, C. von, Gerstenberger, H., Ptak, R., Wichterich, C. (Hg.): ABC der globalen (Un)Ordnung. Hamburg: VSA-Verlag. 212-213

Bauriedl, S., Strüver, A. (Hg.) (2018): Smart City – Kritische Perspektiven auf die Digitalisierung in Städten. Bielefeld: Transcript-Verlag. www.transcript-verlag.de/978-3-8376-4336-7/smart-city-kritische-perspektiven-auf-die-digitalisierung-in-staedten/

Bauriedl, S., Strüver, A. (2018): Einleitung. Raumproduktionen in der digitalisierten Stadt. In: Bauriedl, S., Strüver, A.(Hg.): Smart City – Kritische Perspektiven auf die Digitalisierung in Städten. Bielefeld: Transcript-Verlag. 11-30.

Bauriedl, S. (2018): Smart City-Experimente. Normierungseffekte in Reallaboren. In: Bauriedl, S., Strüver, A.(Hg.): Smart City – Kritische Perspektiven auf die Digitalisierung in Städten. Bielefeld: Transcript-Verlag. 75-85.

Bauriedl, S. (2018): Funkfrequenzidentifizierung (RFID). Aktives und passives Senden von Informationen im urbanen Alltag. In: Bauriedl, S., Strüver, A.(Hg.): Smart City – Kritische Perspektiven auf die Digitalisierung in Städten. Bielefeld: Transcript-Verlag. 155-160.

Bauriedl, S. (2017): Digitalisierung städtische Infrastrukturen für den Umweltschutz. In: Geographische Rundschau, Themenheft "Smart City" (in Veröffentlichung).

Bauriedl, S., Strüver, A. (2017): Smarte Städte. Digitalisierte urbane Infrastrukturen und ihre Subjekte als Themenfeld kritischer Stadtforschung. In: sub\urban – Zeitschrift für kritische Stadtforschung 5(1/2):  87-104.   www.zeitschrift-suburban.de/sys/index.php/suburban/article/view/272/504

Bauriedl, S. (2017): Digitalisierung städtischer Infrastrukturen für den Umweltschutz. In: Geographische Rundschau 7/8: 20-25 (Themenheft "Smart City").