Everyone has the right to education. Education shall be free, at least in the elementary and fundamental stages. The Universal Declaration of Human Rights, Article 25

Online-Dialogworkshop in der Tønder Kommune

11.06.2020

Am Donnerstag, dem 11. Juni 2020 wurde der Film "Tønder Today" im Rahmen eines Online-Dialogworkshops lokalen institutionellen und zivilen Akteur_innen der Tønder Kommune aus den Bereichen Bildung und Integration präsentiert. Das Ziel des Workshops war es, den Dialog zwischen den lokal handelnden Akteur_innen zu fördern sowie ein wechselseitiges Verständnis aller Teilnehmenden herbeizuführen.

Gleichzeitig diente der Dialogworkshop der Präsentation und Diskussion von Ergebnissen und Sichtweisen aus Gruppeninterviews mit jungen Geflüchteten, die im Jahre 2019 geführt wurden.

Die offizielle Begrüßung erfolgte durch den Projektleiter Prof. Dr. Holger Jahnke und die wissenschaftliche Mitarbeiterin Katja Holz. Letztere führte anschließend durch den Online-Workshop. Im ersten Teil des Workshops wurde der Film vorgeführt und in einer anschließenden Diskussionsrunde bestand die Möglichkeit, Fragen an die Filmemacher_innen zu stellen sowie sich zu den Thematiken des Films zu äußern.

Im zweiten Teil des Workshops wurden die Forschungsergebnisse der Gruppeninterviews präsentiert. Die Evaluierung betraf die Wahrnehmung von Rahmenbedingungen von Bildungszugängen, das subjektive Erleben von Bildungsmöglichkeiten und die individuellen Integrationsvorstellungen und -erfahrungen junger Geflüchteter.

        I.  Wahrnehmung der Rahmenbedingungen von Bildungszugängen durch junge Geflüchtete 

Die vielfältigen lokalen und nationalen Bildungsangebote werden von den Befragten wertgeschätzt. Unterbrochene und nicht beendete Bildungsbiographien können in der Kommune fortgesetzt oder begonnen werden. Dabei treten die von Unterbrechungen gekennzeichneten Bildungsbiographien aus der Fluchtsituation in den Hintergrund.

Im Kontext von Bildung, Ausbildung und Integration werden nur wenige Institutionen mit klaren Zuständigkeitsstrukturen benannt und als Beratungs- und Orientierungshilfen adressiert. Als wesentliche Akteur_innen werden  insbesondere kommunale Berater_innen wahrgenommen und strukturierte Integrationsprogramme schaffen bei den Interviewten ein Gefühl von Sicherheit und Stabilität. Übergangssituationen, beispielsweise bei Schulwechseln oder beim Übertritt in die Regelbeschulung, sind hingegen von Unsicherheit geprägt. Hier werden  individuelle Vertrauenspersonen bedeutend.

      II.  Wissen über Bildungsmöglichkeiten und -zugänge

Die professionellen kommunalen Beratungs- und Orientierungsstrukturen führen bei den jungen Geflüchteten zu einem guten Wissen über Bildungsangebote und -zugänge. Zugänge zu unterschiedlichen Bildungsformen werden von den Interviewten als transparent wahrgenommen. Auf diese Weise ermöglicht das gute Orientierungswissen, eine kritische Beurteilung der persönlichen Allokation in bestimmten Bildungseinrichtungen. Teilweise werden Zuweisungen als nachvollziehbar wahrgenommen, aber nicht immer positiv bewertet. Dies geschieht beispielsweise, wenn das bereits erworbene Bildungsniveau oder eigene Bildungsaspirationen keine Berücksichtigung finden.

    III.  Subjektives Erleben von Bildungsmöglichkeiten und -zugängen

Herausforderungen und Mehrfachbelastung durch die Fluchtankunft gehen mit Verzögerungen und Kompromissen im Bildungsbereich einher. Zudem führen gesetzliche Regulierungen im Bildungssystem häufig zu Druck und Überforderung. Auch "gute" Schüler_innen halten es aufgrund der Mehrfachbelastungen für schwierig, das gleiche Niveau wie dänische Mitschüler_innen zu erreichen. Teilweise wird kritisiert, dass das System die vielfältigen Herausforderungen nicht genügend berücksichtigt. Zugleich generiert das vorhandene Wissen über eigene Entscheidungsspielräume auch neue Bildungsaspirationen. Junge Asylbewerber verfügen, im Gegensatz zu anerkannten Geflüchteten, über geringere Entscheidungsspielräume.

    IV.  Integrationserfahrungen

Verständnisse bzgl. des Begriffs "Integration" reichen von Nichtkenntnis bis hin zu eigenen Verständnissen, wie "Assimilation". Es wird deutlich, dass suggerierte gesellschaftliche Integrationserwartungen wie z.B. eine schnelle Eingliederung in den Arbeitsmarkt, ein schneller Spracherwerb und die Teilhabe  in der lokalen und nationalen Gemeinschaft in aktive Integrationsstrategien umgesetzt werden.

Benachteiligungen und Ausgrenzungen aus und durch die Mehrheitsgesellschaft sind Teil der kollektiven Erfahrung. So verstärken sowohl positive Integrations- als auch negative Ausgrenzungserfahrungen die Tendenz zu einem Assimilationsverhalten bei den jungen Geflüchteten.

Die Workshopteilnehmenden verglichen die wissenschaftlichen Ergebnisse mit ihren eigenen Erfahrungen aus der Praxis und ergänzten direkt die Ergebnisse. Junge geflüchtete Teilnehmende beispielsweise ergänzten die Ergebnisse um weitere Schwerpunkte: Sie sahen zusätzliche Bedarfe von Sprachförderungs- und Kulturvermittlungsmaßnahmen und Unterstützungsbedarfe bei der Kontaktaufnahme zur Mehrheitsgesellschaft durch die Bildungsinstitutionen Außerdem forderten sie eine schnellere Eingliederung in Klassen- oder Kursverbänden mit dänischen Mitschüler_innen, sowie eine zeitliche Festlegung von Arbeitsjahren im Hinblick auf Erlangung einer permanenten Aufenthaltsgenehmigung. Seitens der Kommune wurde auf die gut strukturierten Integrationsprogramme hingewiesen. Die Vertreterin eines Bildungsanbieters machte den Vorschlag, sich zusammen mit der Kommune um Lösungsmöglichkeiten zu bemühen.

Der Workshop förderte einen intensiven Dialog der Teilnehmenden. Das Ziel des Workshops, durch den Austausch von unterschiedlichen Perspektiven und Erfahrungen zu einem gegenseitigen Verständnis zu gelangen, konnte also erreicht werden. Zudem konnte das Projektteam wichtiges Feedback bezüglich der bisherigen Forschungsergebnissen hinzugewinnen.