Verantwortlich

Laufzeit

01.10.2018 - laufend

Institution der EUF

Abteilung Geographie

Koloniale Geographien

Kolonialität in Hafenstädten

Das Ziel dieses Forschungsschwerpunktes der AG Integrative Geographie ist es, geographische Ansatzpunkte einer postkolonialen Stadtforschung zu identifizieren, die geeignet sind für eine Analyse von Kolonialität in europäischen Hafenstädten.

Stichworte

Kolonialität, Postkoloniale Perspektiven, Stadtforschung, Hafenstädte

Beschreibung

Die Gestalt und Dynamik europäischer Hafenstädte ist ohne die Kolonialgeschichte nicht zu verstehen. Insbesondere in der Phase der kolonialen Expansion hat sich die urbane Infrastruktur und die Stadtgesellschaft stark verändert. Umgekehrt haben Kaufleute, Reeder und rohstoffverarbeitende Unternehmen als Profiteure des Kolonialismus wesentlich koloniale Strukturen vorangetrieben. Dennoch ist die Auseinandersetzung mit der kolonialen Vergangenheit sowie mit den daraus resultierenden und heute noch wirksamen Verflechtungen – zwischen Zentrum und Peripherie und innerhalb von post/kolonialen Städten – in deutschen Städten noch relativ am Anfang.

Das Ziel dieses Forschungsschwerpunktes der AG Integrative Geographie ist es, geographische Ansatzpunkte einer postkolonialen Stadtforschung zu identifizieren, die geeignet sind für eine Analyse der Kolonialität in europäischen Hafenstädten. Kolonialität verstehen wir als Fortbestehen europäischer kultureller und wirtschaftlicher Dominanz und als Machterhalt weißer Führungsschichten trotz formaler Dekolonisation (Quijano 2016). Geographische Perspektiven auf koloniale Vergangenheiten und Gegenwarten können sich auf unterschiedliche geographische Strukturen und Themen beziehen:

  • Konkrete postkoloniale Orte im räumlich-zeitlichen Sinn, die von heterogenen, hybriden und multidimensionalen kolonialen Strukturen geprägt sind.
  • Infrastrukturen und materielle Zeichen des Kolonialismus und deren aktuelle Bedeutung/Lesbarkeit aus unterschiedlichen Perspektiven.
  • Vernetzungen und Verflechtungen zwischen Orten, die in geteilten Geschichten (Conrad/Randeria 2002) relationale Räume produziert haben und unterschiedliche aktuelle Bezüge produzieren.
  • Koloniale Geographische Imaginationen (Gregory 2006) und Praktiken der Differenz- und Raumkonstruktion mit kolonialen Bildern, Vorstellungen und Hierarchisierungen
  • Eurozentrische theoretische Konzepte von "Stadt" (Robinson 2006), "Moderne" oder "Entwicklung" (Ziai 2012)

Uns interessiert im Arbeitsbereich Integrative Geographie einerseits die Bedeutung von kolonialen Herrschaftsverhältnissen für das Verständnis aktueller global/lokaler Ungleichheiten sowie darauf aufbauend die Möglichkeiten und Chancen für eine kritische Auseinandersetzung mit bestehenden Machtstrukturen, für das Ver_Lernen tradierter ‚Wahrheiten‘ und das Er_Lernen widerständiger Praktiken im Kontext geographischer Lehrer*innenbildung.

Andererseits fokussieren wir die Potenziale, die der Forschungsgegenstand "Stadt" für theoretisch-konzeptionelle Debatten um Kolonialität in der Geographie entwickeln kann. Mit dem Begriff der "Kolonialität" geht es uns um eine Kritik und das In-Frage-Stellen eines - vielleicht bequem(er)en - Verständnisses von Kolonialismus und Postkolonialität als historische Epochen. Aus unserer Sicht geht es darum, aktuelle (Re-)Produktionen kolonialer Verhältnisse in heterogenen und trans-lokalen Infrastrukturen, Praxen, Repräsentationen und Diskursen zu verstehen.

Stadtentwicklungsprozesse in Europa sind nicht aus endogenen Prozessen erklärbar. Koloniale Prozesse der Aneignung, Unterwerfung und Ausbeutung von Territorien und Menschen sind für die Produktion von Räumen in europäischen Städten bis heute wichtig. Einerseits ist die Kolonialgeschichte Teil umkämpfter Prozesse der Ent-/Erinnerung im öffentlichen Diskurs, andererseits beeinflussen koloniale Wissensordnungen und Kräfteverhältnisse aktuelle wirtschaftliche Strukturen, konzeptuelle Konstruktionen und hegemoniale Repräsentationsverhältnisse.

Hafenstädte ermöglichen die Reflexion von historischen und aktuellen Bezügen zwischen verschiedenen Orten auf der Welt und bieten so empirisch interessante Ausgangspunkte. Ausgehend von Flensburg als Stadt, die sowohl in den dänischen als auch in den deutschen Kolonialismus eingebunden war, gehen wir verschiedenen Räumlichkeiten, "Scales" und glokalen Bezügen nach und fragen nach Verbindungen und Verflechtungen, Gemeinsamkeiten und Unterschieden mit anderen deutschen Hafenstädten. Vergleichende Studien zu den Hafenstädten Bremen, Altona, Kopenhagen sind geplant.

Folgende Fragen leiten derzeit unsere Überlegungen: 

  • Welche Potenziale bieten (Hafen)Städte für theoretisch-konzeptionelles Arbeiten zu den Verbindungen von Urbanität, Modernität und Kolonialität? Welche analytischen Perspektiven sind geeignet für eine Provinzialisierung der europäischen Hafenstadt?
  • Welche räumlichen Scales der kolonialen Machtausübung (lokal, regional, national, …) sind für eine Spurensuche nach kolonial geprägten "Orten" sinnvoll? An welchen Orten/Scales findet sich die GeschichteN von "Anderswo" im europäischen Stadtraum? Wer liest diese Orte wie?
  • Wie stellen sich Aushandlungsprozesse zu post_kolonialem Erinnern und Vergessen an unterschiedlichen Orten dar? Welche Faktoren tragen zu diesen Unterschieden bei? Auf welche aktuellen Prozesse und Strukturen der Produktion glokaler und transnationaler Ungleichheit beziehen sich erinnerungskulturelle Arbeiten in den verschiedenen Städten?
  • Welche Wahrnehmungen von und Perspektiven auf Kolonialität kommen zur Sprache? Inwiefern werden unterschiedliche Positionierungen (eurozentrisch, weiß, …) relevant und/oder reflektiert?
  • Was erzählen Repräsentationsformen kolonialer Infrastrukturen und Architekturen über Eurozentrismus und die Kolonialität der Macht (Quijano 2000)? Wer liest diese Objekte auf welche Weise? 

Vorarbeiten:

                Publikationen

Schröder, Birte und Carstensen-Egwuom, Inken (i.E.): "More than a single story": Analysen und Vorschläge zum Einstieg in den Geographieunterricht. In: Fereidooni, Karim und Simon, Nina (Hrsg.): Rassismuskritische Fachdidaktiken. Stuttgart: Springer.

Bauriedl, Sybille (Hrsg.) (2019): Deutscher Kolonialismus. Themenheft der Geographischen Rundschau, erscheint im April 2019.

Bauriedl, Sybille (2019): Deutscher Kolonialismus: Bedingungen von Ungleichheit in Vergangenheit und Gegenwart. In: Geographische Rundschau, erscheint im April 2019.

Bauriedl, Sybille und Hanimari Jokinen (2019): Hamburg – Metropole des deutschen Kolonialismus. In: Geographische Rundschau, erscheint im April 2019.

Carstensen-Egwuom, Inken (2019): Afrikabilder im schulischen Geographie-Unterricht – Fallstricke und Alternativen. In: Geographische Rundschau, erscheint im April 2019

Carstensen-Egwuom, Inken & Machat, Sibylle (2017): Globales Lernen als Lernbereich im M.Ed. Grundschule an der Europa-Universität Flensburg. Ein Erfahrungsbericht. In: Zeitschrift für Internationale Bildungsforschung und Entwicklungspädagogik. (3), S. 17-25.

Bauriedl, S. (2015): Eurozentrische Weltbürgerbewegung. Zum WBGU-Sondergutachten Klimaschutz als Weltbürgerbewegung. In: GAIA 24(1): 13-16.

Lehre

Seminar "Globalität und Transkulturalität" im Lernbereich Globales Lernen (M.Ed.) (jährlich, 2014-2018, Inken Carstensen-Egwuom)

Seminar "Postkoloniale Perspektiven in der Geographie" (M.Ed.) (2018, Inken Carstensen-Egwuom)

Seminar/Übung "Kulturelle Verortungen" (B.A.) (2015, Inken Carstensen-Egwuom)

Seminar "Koloniale Geographien", BA-Geographie, 4 SWS, WiSe 2016/17 am Geographischen Institut der Universität Bonn.

Exkursion "Koloniale Geographien in Hamburg", dreitägig, WiSe 2016/17, Institut für Geographie der Universität Bonn

Forschung

Intersektionale Perspektiven auf transnationale Migration und städtische Diversität (Dissertationsprojekt, 2010-2016, Inken Carstensen-Egwuom)

Dissertationsschrift:

Carstensen-Egwuom, Inken (2018): Intersektionalität und Transnationalismus zusammen denken. Eine intersektionale Perspektive auf transnationale soziale Positionierungen nigerianischer Migranten in Bremen. Flensburg: Online Open Access. https://www.zhb-flensburg.de/?id=26355

Aktivitäten:

Tagung "Kolonialität in deutschen Hafenstädten", 7./8. März 2019, Flensburg.

"Aus GeschichteN lernen": Mitwirkung an einer Veranstaltungsreihe der Theaterwerkstatt Pilkentafel von Januar – März 2019 (www.pilkentafel.de) (Beteiligte seitens der Universität: Christine Thon, Astrid Schwabe, Inken Carstensen-Egwuom)

"Inside the teaching machine" Widerständiges Potenzial von Bildung im alltäglichen Umgang mit Machtverhältnissen: Sitzung auf dem DKG 2019 in Kiel (Sitzungsleitung: Inken Carstensen-Egwuom, Katharina Schmidt, Tobias Schmitt) Call for Papers unter L4-FS-96: https://www.dkg2019.de/programm/fachsitzungen/leitthema-4/

In Vorbereitung: Forschungsprojekt zu Kolonialität in Hafenstädten