Everyone has the right to education. Education shall be free, at least in the elementary and fundamental stages. The Universal Declaration of Human Rights, Article 25

Präsentation und Diskussion der Ergebnisse der ersten Forschungsphasen in der Tønder Kommune

30.01.2019

Laura Emma Marx

Bei einem anderthalbstündigen Meeting im Rathaus der Tønder Kommune stellte das Projektteam den anwesenden Mitarbeiter*innen im Bereich der Integration aus der Abteilung Soziales, Arbeitsmarkt und Gesundheit der Kommune die Ergebnisse der ersten Forschungsphasen vor. Bereits zu Beginn wurden die kommunalen Mitarbeiter*innen gebeten, als Korrektiv wirksam zu werden, wodurch es im Verlauf des Treffens immer wieder zu Diskussionen, Bestätigungen und Ergänzungen des Gesagten kam. 

Nach der Begrüßung erläuterte Projektleiter Prof. Dr. Holger Jahnke den Stand des Forschungsprojektes: Die ersten zwei Phasen – die Analyse der institutionellen Strukturen und Konzepte, sowie die Expert*innen-Interviews mit verantwortlichen Vertreter*innen aus Institutionen und Zivilgesellschaft – sind abgeschlossen.

Anschließend stellte Katja Holz auf Dänisch die ersten Forschungsergebnisse für die Tønder Kommune vor. Sie hob hervor, dass in Dänemark von staatlicher Seite per Gesetz sowohl ein klares Integrationsverständnis, als auch daran gekoppelte Strategien vorgegeben sind, für dessen Umsetzung die jeweilige Kommune zuständig ist. Dadurch soll sichergestellt werden, dass in ganz Dänemark für ähnliche Integrationsbedingungen gesorgt ist. Dabei agiert die Kommune zumeist selbst und setzt private Anbieter nur für bestimmte Bereiche ein. Ehrenamtliches Engagement findet sich ausschließlich im Freizeitbereich.  

Diese Punkte wurden von Karen Skønager, der Bereichsleiterin der Abteilung Social, Arbejdsmarked og Sundhed bestätigt: Es gebe eine eindeutige Trennung zwischen den Aufgaben der kommunalen Verwaltung, die in der "sozialen" Integration bestünden, und den Aufgaben der Zivilgesellschaft, die vor allem für die "kulturelle" Integration zuständig sei.

Weiterhin zeichnet sich das dänische System durch sehr hohe Qualitätsansprüche an alle Institutionen und deren Mitarbeiter*innen, sowie durch wiederkehrende interne und externe Kontrollen aus.

Die Anwesenden konnten diese Ergebnisse bestätigen und machten verständlich, dass Qualitätskontrollen in Dänemark durchgehend positiv bewertet würden, weil hierdurch Verbesserungspotential entstünde. In einer angeregten Diskussion vertieften sie die Ausführungen von Katja Holz: Ein Anreizsystem für die Kommune bestünde im sogenannten Ergebniszuschuss (Resultattilskud) und der Refusion, staatlichen Prämien- und Kostenerstattungssystemen für Kommunen, die bei einer gelingenden Arbeitsmarktintegration oder Teilnahme am Integrationsprogramm von geflüchteten Menschen wirksam werden. Die Orientierung am zentral vorgegebenen nationalen Integrationsverständnis hat das Ziel, dass in Dänemark alle Bürger*innen und auch die Geflüchteten den gleichen Zugang zu Bildungsangeboten erhalten können, so eine weitere Ergänzung der Anwesenden. Ein individueller Handlungsspielraum der verantwortlichen Mitarbeiter*innen sei innerhalb der klaren Vorgaben und Strukturen dennoch möglich.

Insgesamt konnten sich die Anwesenden in den Thesen, die Katja Holz vorstellte, gut wiederfinden. Bezüglich des deutschen Systems, das Magdalena Jäger daran anschließend vorstellte, hatten sie großes Interesse und viele Fragen.

In Deutschland nimmt der Staat nur eine schwach steuernde Rolle ein, was dazu führt, dass auf jeder Steuerungsebene (Bund, Land, Kreis, Kommune) ein eigenes Verständnis von Integration ausgehandelt wird. Hieraus resultiert, verglichen mit Dänemark, ein komplexes System. Lokal führt dies dazu, dass sich vielzählige Einrichtungen und Träger gegenseitig ergänzen, teils aber auch parallele und konkurrierende Strukturen bilden. Die Anwesenden fanden die Unterschiede der Systeme bemerkenswert und waren erstaunt darüber, dass Bestimmungen und Integrationsbedingungen innerhalb Deutschlands stark variieren.

Ihr Interesse galt vor allem der Frage, warum immer wieder Geflüchtete aus Dänemark nach Deutschland gehen und ob dafür bestimmte finanzielle und strukturelle Anreize ausschlaggebend seien.

Zusammenfassend konnten alle Anwesenden festhalten, dass ein wesentlicher Unterschied zwischen den nationalen Systemen darin besteht, dass Geflüchtete in Dänemark in allen Städten und Gemeinden hoch standardisierte und somit recht ähnliche Integrationsabläufe vorfinden. Demgegenüber sind die Ankunftsbedingungen in Deutschland sehr stark davon abhängig, in welcher Region Geflüchtete ankommen. Karen Skønager konnte dieses Ergebnis auf der Grundlage eines EU-Projektes bestätigen und ergänzte, dass Dänemark innerhalb der Projektpartner der einzige Staat mit so festen Integrationsstrukturen sei. Dazu würde auch gehören, dass die dänischen professionellen Mitarbeiter*innen im Integrationsbereich ihre persönliche Meinung hinter einer beruflich orientierten zurückstellten. Dieses Verständnis wird sprachlich vor allem durch ein kollektivierendes ’wir’ und das Auftreten der Interviewpartner*innen in ihrer ’professionellen Rolle’ ausgedrückt.

Die vielfältigen Ergänzungen von Seiten der verantwortlichen Mitarbeiter*innen bestätigten bestehende Vermutungen des Projektteams und machten klar, dass sich die beiden Forschungsgebiete in Deutschland und Dänemark im Hinblick auf Integration, Partizipation und Bildung von jungen Geflüchteten nicht nur strukturell, sondern auch bezüglich auftretender Handlungslogiken und Praktiken sehr stark unterscheiden.

Gerade der Besuch des deutschen Projektteams in der Tønder Kommune wirkte unterstützend, um von außen einen Blick auf das deutsche System werfen zu können. Darin zeigte sich, dass die enge Zusammenarbeit des wissenschaftlichen Projektteams mit den kommunalen Mitarbeiter*innen vor Ort einen wichtigen Bestandteil des Forschungsprozesses selbst darstellt. Treffen wie dieses stärken nicht nur das Miteinander aller Beteiligten, sondern sind auch inhaltlich zielführend und eröffnen neue Fragen, denen das Projektteam nachgehen wird.