Everyone has the right to education. Education shall be free, at least in the elementary and fundamental stages. The Universal Declaration of Human Rights, Article 25

Filmvorführung und Dialogworkshop in Leck

13. März 2020

Am Freitag, den 13. März 2020 wurde der Film "Neue Lecker Perspektiven" im Rathaus der Gemeinde Leck vorgeführt. Dieser wurde von jungen Geflüchteten in Zusammenarbeit mit dem Projektteam und der Filmemacherin Jytte Hill produziert.

Anschließend wurden die Forschungsergebnisse aus der zweiten Projektphase präsentiert, in der die Perspektiven junger Geflüchteter auf Bildungs- und Partizipationsmöglichkeiten im Mittelpunkt standen.

Diese Ergebnisse wurden von den Workshopsteilnehmenden gemeinsam diskutiert. An dem Workshop nahmen sowohl der Lecker Bürgermeister Andreas Deidert, als auch Geflüchtete, Paten, die Ehrenamtskoordinatorin des Amtes, Sprach- und Kulturmittler und Vertreter*innen verschiedener lokaler Institutionen teil.

Nach der Begrüßung durch Bürgermeister Andreas Deidert, führte Projektleiter Prof. Dr. Holger Jahnke  in den Kontext der Veranstaltung ein: Der Film "Neue Lecker Perspektiven" wurde von jungen Geflüchteten aus dem Amt Südtondern im Rahmen zweier Workshops im Herbst und Winter 2019 gedreht. Im Film steht der persönliche Blick der jungen Geflüchteten auf ihr Lebensumgebung im Vordergrund. Sie berichten über persönliche Bildungsvorhaben und zeigen die Orte, die ihnen wichtig sind und mit denen sie sich verbunden fühlen.

Nach der Filmvorführung beantworteten Samira Hosseyni und Osama Ibrahim, zwei der jungen Filmmacher_innen, Fragen des Publikums und erzählten unter anderem über die Entstehung des Films, ihre Lieblingsorte in Leck, sowie ihre aktuellen Bildungs- und Berufswünsche.

Anschließend wurden die Forschungsergebnisse des vergangenen Jahres vom Projektteam präsentiert. Für die Teilnehmenden gab es hier die Möglichkeit, die wissenschaftlichen Ergebnisse mit den eigenen Erfahrungen aus der Praxis zu vergleichen und direkt zu ergänzen.

Die präsentierten Ergebnisse beruhten auf Gruppeninterviews mit jungen Geflüchteten, in denen sowohl die Wahrnehmung von Rahmenbedingungen von Bildungszugängen, als auch das subjektive Erleben von Bildungsmöglichkeiten thematisiert worden waren. Zudem wurde bei der Erhebung nach individuellen Erfahrungen und Vorstellungen von Integration gefragt.

I.                     Wahrnehmung der Rahmenbedingungen von Bildungszugängen

Die vielfältigen Bildungsangebote in Deutschland werden von Interviewpartner_innen wertgeschätzt. Im (Aus-)bildungskontext wird eine Vielzahl von Ansprechpartner_innen aus verschiedenen Institutionen und der Zivilgesellschaft adressiert, jedoch wirken die Beratungsstrukturen gerade wegen der Vielfältigkeit nicht transparent. Stattdessen werden Orientierungshilfen oftmals von individuellen Vertrauenspersonen übernommen. Orientierung in Hinblick auf Bildungsmöglichkeiten ist somit personenabhängig und nicht einheitlich. Subjektive Orientierungshilfen durch individuelle Vertrauenspersonen füllen Lücken in der institutionellen Beratungsstruktur vor Ort.

II.                   Wissen über Bildungsmöglichkeiten und -zugänge

Weiterhin kann festgehalten werden, dass bei den Interviewten zwar insgesamt ein gutes Orientierungswissen über das (differenzierte) deutsche Bildungssystem besteht, junge Geflüchtete jedoch Ungewissheiten in Bezug auf die Umsetzung eigener Bildungsziele haben. Teilweise hatten die Interviewten das Gefühl, sich an der falschen Stelle im Bildungssystem wiederzufinden. Zuweisungen zu bestimmten Bildungseinrichtungen werden als intransparent und teilweise als ungerecht empfunden.

III.                 Subjektives Erleben von Bildungsmöglichkeiten und -zugängen

Neben den üblichen Herausforderungen, denen junge Menschen ausgesetzt sind, führt die spezifische Situation der Fluchtankunft zu besonderen Mehrfachbelastungen: Oft müssen die jungen Geflüchteten Verzögerungen oder Kompromisse im Bereich der Bildung eingehen. Teilweise resultiert daraus ein Gefühl der Überforderung. Zugleich besteht jedoch viel Gestaltungsenergie, was sich unter anderem darin ausdrückt, dass die Interviewpartner_innen größtenteils ihre Berufs- und Bildungswünsche trotz administrativer Hindernisse weiterverfolgen.

IV.                 Integrationserfahrungen

Integration wird als mehrdimensionaler Prozess verstanden, der mit Sprachkompetenzen, Arbeit und Kontakten zur Mehrheitsgesellschaft in Verbindung gebracht wird. Die jungen Geflüchteten sehen es als ihre Verantwortung, sich zu integrieren. Besonders in der Anfangszeit machen jedoch viele Ausgrenzungserfahrungen, welche nachhaltig (negativ) identitätsbildend wirken können.

Nach der Präsentation der Forschungsergebnisse wurde in Kleingruppen intensiv darüber diskutiert. Die Lösungsvorschläge, die dabei entstanden, wurden in einer großen gemeinsamen Abschlussrunde präsentiert:

Zunächst wurde hervorgehoben, dass sich Beratungs- und Informationsstrukturen seit 2015 erst hatten entwickeln müssen. Inzwischen wurden bereits große Fortschritte gemacht, aber noch immer gibt es einiges zu verändern. Insbesondere klare Vorgaben von der Landesebene seien wichtig, um gute Strukturen aufbauen zu können.

Dennoch seien einige grundlegende Probleme noch nicht gelöst. So gibt es beispielsweise nicht an allen Schulen im Amt Südtondern ‚Deutsch als Zweitsprache‘-Angebote (DAZ). Diskutiert wurde auch die als intransparent wahrgenommene Zuteilung zu bestimmten Bildungsinstitutionen: Am Gymnasium beispielweise wird weder DaZ-Unterricht angeboten, noch gibt es die Möglichkeit, das Abitur ohne gute Englischkenntnisse zu bestehen. Das führt dazu, dass junge Geflüchtete im Amt Südtondern nur sehr selten dem Gymnasium zugeteilt werden.

Ein unkonventioneller Vorschlag, um diesem Problem zu begegnen, bestand darin, dass auch andere Sprachkenntnisse erkannt und gelehrt werden sollten. Es wurde dafür plädiert, die bereits vorhandenen (teils mehrfachen) Sprachkompetenzen auf möglichst hohem Niveau zu fördern.

Um den Kontakt zu Gleichaltrigen der Mehrheitsgesellschaft zu fördern, wurde zudem vorgeschlagen, dass fachspezifischer Nachhilfeunterricht für junge Geflüchtete und deutsche Schüler_innen gemeinsam stattfinden solle: Dadurch könne auch die Erfahrung gemacht werden, dass fachliche Schwierigkeiten kein spezifisches Problem von Menschen mit Fluchterfahrung sind.

Nicht nur dieser Nachhilfeunterricht solle im Idealfall frei zugänglich sein, sondern auch der Besuch einer offenen Gesamtschule. Momentan decken Bildungsgutscheine nur einen Teil der Kosten, weshalb die Angebote von einigen Familien weiterhin nicht genutzt werden.   

Auf der einen Seite wurde in der Diskussion immer wieder betont, dass sich die Schüler_innen genügend Zeit lassen sollten, um Lücken, die durch Unterbrechungen in der Bildungsbiographie entstanden sind, zu füllen. Andererseits ist die Situation gerade für ältere oder bereits volljährige geflüchtete Schüler_innen oft davon geprägt, dass sie möglichst schnell in den Regelunterricht aufgenommen werden sollen. Sie haben dadurch ggf. verringerte Chance auf weiterführende Ausbildungsmöglichkeiten. Hieraus ergab sich die Forderung, dass der Zugang zu Schulbildung unabhängig vom Alter gestaltet werden müsse.

Weiterhin wurde diskutiert, dass insbesondere Medien das Ankommen und die Integration von Geflüchteten erschweren, weil sie ständig gegen die vermittelten negativen Bilder ankämpfen müssen. Dies sorgt für dauerhaften Stress und trägt zur bereits existierenden Mehrfachbelastungen zusätzlich bei. Eine weitere Schwierigkeit ist zudem, dass es vor Ort nur wenige junge Menschen gebe, die den jugendlichen Geflüchteten als Vorbilder dienen können.

Der Workshop förderte einen intensiven Dialog aller Anwesenden. Dabei konnten Perspektiven ausgetauscht und das gegenseitige Verständnis der verschiedenen Gruppen füreinander erhöht werden. Das Projektteam konnte wichtiges Feedback zu den bisherigen Forschungsergebnissen hinzugewinnen.