Forschung

Die Forschung am Friesischen Seminar umfasst alle Themen der Frisistik und der Minderheitenforschung, setzt aber gewisse Schwerpunkte auf sprachwissenschaftliche Themen. Alle WissenschaftlerInnen am Seminar sind Mitglieder des Flensburger Zentrums für kleine und regionale Sprachen (KURS); darüber hinaus bestehen enge Kontakte mit dem Nordfriisk Instituut in Bredstedt, der Friesischen Philologie an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, der Friese taal- en letterkunde an der Rijksuniversiteit Groningen, sowie dem Historical Sociolinguistics Network (HiSoN, Sitz derzeit in Salzburg, Brüssel und Flensburg).

Derzeit arbeiten wir an folgenden Projekten:

Rekonstruktion historischer sozialer Netzwerke

Dr. Samantha Litty ist Alexander-von-Humboldt-Forschungsstipendiatin, die an der Europa-Universität Flensburg die multilinguale historisch-soziolinguistische Lage der deutsch-dänischen Grenzregion erforscht. Ihre aktuelle Forschung bezieht sich auf die Rekonstruktion sozialer Netzwerke einzelner Schreiber*innen im amerikanischen Mittleren Westen und Norddeutschland aus persönlichen, familiären Briefen des 19. Jahrhunderts. Die Daten aus lokalen Archiven (Dansk Centralbibliotek for Sydslesvig, Grundhof Kirchspiel Archiv, Wisconsin Historical Society & Archives), historischen Vereinen (Lomira Historical Society, Old Franklin Township Historical Society) und persönlichen Sammlungen (Reedsburg) werden zudem auf historisch-soziolinguistische Faktoren – Gesellschaftsstruktur, Sprachdomänen, Alter, Bildung, persönliche sprachliche Geschichte – und sprachliche Elemente der Schreiber*innen hin analysiert. Das Forschungsprojekt möchte die Verbreitung der einzelnen Netzwerke und das Zusammenspiel der sprachlichen Elemente in zwei- und mehrsprachigen Regionen und mögliche Auswirkungen des Inputs mehrerer Sprachvarietäten zeigen sowie die sprachwissenschaftliche Vergangenheit mit der Gegenwart verbinden.

Minderheitensprachen und Identität in der Diaspora

Wie entwickelt sich eine Minderheitensprache in der Diaspora? Mit dieser Kernfrage beschäftigt sich Robert Kleih an der Europa-Universität in Flensburg. In seiner Dissertation untersucht er, wie sich die nordfriesische Sprache und Kultur in den USA bis heute bewahrt und entwickelt hat. Zwischen den 1840er Jahren und 1966 wanderten mehrere tausend Nordfriesen (allen voran Föhrer und Amrumer) nach Amerika aus und suchten ihr Glück in der Neuen Welt. Dabei waren die Zentren der Auswanderung Petaluma in Kalifornien, der Mittlere Westen und der Großraum New York und bis heute finden sich in diesen Gebieten eine Menge Amerikaner mit nordfriesischen Wurzeln und Verbindungen nach Nordfriesland. Dazu werden mittels eines Fragebogens und Interviews Daten erhoben, mit denen die nordfriesische Community in den USA beschrieben werden kann. Die Ergebnisse dieser beiden Datenerhebungen werden dann weiteren Fallstudien aus dem Bereich der Diaspora- und Migrationsforschung gegenübergestellt. So wird  einem interdisziplinären Ansatz Rechung getragen; theoretische Überlegungen aus den Bereichen der Kultur-, Sozial- und Sprachwissenschaft kommen zum Tragen.

Soziale Medien und der Gebrauch des Nordfriesischen

Das Dissertationsprojekt von Hauke Heyen befasst sich mit nordfriesischer Sprache in digitaler Kommunikation in Diensten wie WhatsApp, Facebook und Twitter. Die allgegenwärtige Verfügbarkeit dieser Dienste erlaubt nicht nur eine ortsunabhängige Kommunikation untereinander, sondern liefert auch eine große Datenbasis der gegenwärtigen Alltagssprache, überwiegend in verschriftlichter Form. Ein Ziel dieses Projekts ist die Erstellung eines Korpus, mit dem gegenwärtiger Sprachgebrauch von Nordfriesischsprechenden in alltäglicher Kommunikation abseits von lektorierten Texten untersucht werden kann. Zudem soll analysiert werden, wie die Sprecher*innen mit Hindernissen in der digitalen Kommunikation umgehen, die oft vor allem kleine und regionale Sprachen betreffen. Neben der offensichtlichen eingeschränkten Reichweite sind das oftmals eine fehlende oder eingeschränkte Schreibtradition, die mit konzeptionellen (Besetzung der Domäne Schriftlichkeit durch eine andere Sprache, orthografischer Normdruck) sowie technischen (fehlende Unterstützung diakritischer Zeichen, fehlende Unterstützung von automatischer Korrektursoftware bzw. fehlerhafte Korrekturen) Herausforderungen einhergeht. 

Sprachwechsel und Mehrsprachigkeit in Friedrichstadt

Noch Nordfriesland, aber eigentlich auch ein bisschen Holland. 1621 gründeten niederländische Flüchtlinge Friedrichstadt an der Eider. Jan Niklas Heinrich erforscht in seinem Dissertationsprojekt die Sprachgeschichte dieses kleinen Städtchens von den niederländischen Anfängen im 17. Jahrhundert bis zur hochdeutschen Moderne. Welche Sprachen wurden wann und in welchem Bereich verwendet? Sind gegenseitige Einflüsse erkennbar? Welche Faktoren haben den Spracherhalt gefördert oder zum Sprachwechsel bewegt? Dazu werden Dokumente wie Briefe, Tagebücher, Protokolle und Berichte aus und über Friedrichstadt gesucht, eingeordnet und analysiert. Die Untersuchungen werden gefördert durch ein Stipendium des Landes Schleswig-Holstein.

Historische Dialektologie und nordfriesische Daten

Friesischer Wenkerbogen aus Klanxbüll

Temmo Bosse untersucht im Rahmen seiner 2019 abgeschlossenen Dissertation, die an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel betreut wurde, von welcher Qualität die Daten historischer Dialekterhebungen des Nordfriesischen sind. Konkret geht es dabei um die im Zuge von Georg Wenkers großangelegter Befragung für den Sprachatlas des Deutschen Reiches erhobenen Materialien in friesischer Sprache. Diese sogenannten friesischen Wenkermaterialien stellen zwar nur einen sehr geringen Anteil innerhalb der gesamten Spracherhebung im damaligen Deutschen Reich dar, in Nordfriesland hat es jedoch nie eine engmaschigere Untersuchung der Sprache gegeben. Die Materialien stammen, von wenigen Ausnahmen abgesehen, aus dem späten 19. Jahrhundert. Sie sind seitdem in der frisistischen Forschung kaum berücksichtigt worden, da sie für eine lange Zeit nur schwer zugänglich waren und zudem im Ruf standen, unzuverlässig zu sein. Dabei handelt es sich um mehr als siebzig Formulare aus dreiundsechzig Ortspunkten in Nordfriesland (sowie sechs weitere aus dem Saterland und von Wangerooge). Auf diesen Fragebögen wurden von den jeweiligen örtlichen Volksschullehrern die vierzig bekannten sogenannten Wenkersätze in der jeweiligen friesischen Dorfmundart niedergeschrieben. Auch heute bereits ausgestorbene Dialekte der nord- und ostfriesischen Sprache sind im Material vertreten. Im Zuge des Forschungsprojekts sollen diese historischen Dialektdaten zugänglich gemacht, exemplarisch untersucht und bewertet werden.

Effektivität von Sprachenpolitik

Von März 2018 bis September 2019 wurde ein vom Smithsonian Center for Folklife and Cultural Heritage gefördertes Forschungsprojekt (SMiLE) zur Effektivität nordfriesischer Sprachenpolitik durchgeführt. In diesem Projekt arbeiteten die Flensburger WissenschaftlerInnen Femmy Admiraal, Temmo Bosse, Nils Langer und Lena Terhart mit den KollegInnen Antje Arfsten und Thomas Steensen vom Nordfriisk Instituut zusammen, um zu ermitteln, welche Rolle sprachpolitische Maßnahmen wie Schulunterricht auf den Gebrauch und die Wahrnehmung des Nordfriesischen gespielt hat. Das Smithsonian förderte in diesem Zusammenhang auch sechs weitere Projekte zu anderen europäischen Minderheitensprachen.