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Willkommen zur Flensburger Ringvorlesung

Seit dem Sommersemester 2013 findet in jedem Semester die Flensburger Ringvorlesung in Kooperation mit der Phänomenta und der Flensburger Volkshochschule im Vortragssaal der Phänomenta statt. Die klassische Form der 14-tägigen Beiträge aus der Europa-Universität Flensburg wird in diesem Semester aus besonderem Anlass zu einem wöchentlichen Format ausgeweitet.

Die Europa-Universität Flensburg hat im von Stifterverband und Klaus Tschira Stiftung ausgeschriebenen Wettbewerb "Eine Uni – Ein Buch" gewonnen. Daher wird sich die Universität im Herbstsemester 2019 mit Hartmut Rosas Buch "Unverfügbarkeit" beschäftigen. Um diese Thematik auch einem breiten Stadtpublikum zu präsentieren, werden im Wechsel Lehrende der Universität und externe Gäste aus ihrer fachlichen oder persönlichen Perspektive heraus Beiträge leisten.

Ringvorlesung "Unverfügbarkeit"

Der Jenaer Soziologe Hartmut Rosa hat sich seit geraumer Zeit mit Fragen von Kontrolle und Glück und dem Verhältnis der beiden zueinander beschäftigt. In seinem neuen Band "Unverfügbarkeit" stellt er als eine zentrale These auf, dass die Menschen in der modernen Welt immer mehr verfügbare Möglichkeiten haben und vermeintlich ihr Glück über diese Verfügbarkeiten finden. Andererseits sei es gerade das Unverfügbare, welches beim Eintreten zu wahren Glücksmomenten führt, da es die Distanz zwischen Mensch und Welt durch seine Unkontrollierbarkeit verringert. Ein an Rosa sehr eng angelehntes Beispiel für eine solche "Unverfügbarkeit" ist eine weiße Weihnacht in Flensburg – jede und jeder kann sich wohl die Glücksgefühle vorstellen, die Menschen haben, wenn es am Nachmittag des 24. Dezembers anfängt zu schneien. Ideal verfügbar dagegen wäre ein Pizzalieferservice, der 24 Stunden an 365 Tagen die Auswahl unter 100 verschiedene Pizzen ermöglicht. Und was macht das mit den Menschen …

In der Ringvorlesung "Unverfügbarkeit" werden wie in jedem Semester Lehrende der Universität sich mit dem Thema aus der Perspektive ihres Faches auseinandersetzen. Bereichert werden diese Diskussionen durch Beiträge externer Gäste, die durch eine universitäre Arbeitsgruppe eingeladen und andere Zugänge zu der durch Rosas Buch aufgeworfenen Thematik einbringen werden.

Insofern versucht die Ringvorlesung in diesem Semester die Unverfügbarkeit zugänglich zu machen.

Ort und Zeit

Die jeweiligen Einzelvorträge finden immer Montags von 18:00 Uhr bis 19:30 Uhr in der Phänomenta statt.

Programm

Termin

Vortragende*r

Titel

16.09.

Dr. Bernd Sommer, Norbert Elias Center for Transformation Design & Research, EUF

Beschleunigung, Resonanz, Unverfügbarkeit. Eine Einführung in Hartmut Rosas kritische Theorie der Gesellschaft

Hartmut Rosa zählt in Deutschland zu den meist gelesenen Soziologen der Gegenwart. Dies gilt nicht allein für die einschlägigen Fachwissenschaften, sondern auch für die nicht-akademische Öffentlichkeit. Der bemerkenswerte Erfolg Hartmut Rosas erklärt sich dadurch, dass es in seinen Arbeiten besonders anschaulich das Gefühl vieler Menschen auf den Begriff zu bringen vermag, dass mit den gesellschaftlichen Verhältnissen "etwas nicht stimmt". So knüpfte bereits Rosas Beschleunigungs-Buch an die Alltagserfahrungen unzähliger Menschen, und er konnte darin plausibel machen, was die gesellschaftliche Beschleunigungsspriale antreibt und wieso die in ihr gefangenen Individuen diese als problematisch erfahren. Fortgesetzt hat Hartmut Rosa seine Gesellschaftsanalyse mit Arbeiten zu "Resonanz" und "Entfremdung" sowie jüngst "Unverfügbarkeit". Bernd Sommer vom Norbert Elias Center (NEC) der Europa-Universität Flensburg (EUF) führt anhand zentraler Konzepte in Hartmut Rosas kritische Theorie der Gesellschaft ein. Dazu wird in Exkursen dargelegt, wieso Rosas  Arbeiten auch für die Bearbeitung sozial-ökologischer Fragestellungen besonders instruktiv sind.

23.09.

Samira El Ouassil, Schauspielerin und Medienwissenschaftlerin

Vom Mangel an Resonanz I: Rezo und die Politik

Demokratie sei ein Resonanzversprechen, sagt der Soziologe und Politikwissenschaftler Hartmut Rosa. Ein Versprechen auf Resonanz, das Parteien vor allem gegenüber jungen Wählern offenbar nicht einzuhalten vermögen. Ein wirklicher Dialog zwischen Politik und Jugend scheint trotz Phänomenen wie ​Fridays for Future auszubleiben, bzw. ist dieses gerade eine laute Antwort auf den nicht stattfindenden Austausch. Dabei stellt sich die Frage, wie zugänglich eine junge Generation überhaupt noch für die konventionelle, parteiliche Kommunikation ist bzw. sein möchte.

Der Erfolg von Rezo und seinem Video "Die Zerstörung der CDU" belegte eindrucksvoll, wie die Politik sowohl den Anschluss an junge Wähler als auch an das Digitale als diskursiven, politischen Ort verloren hat. Die Unverfügbarkeit einer Generation führt die Parteien an die Grenzen ihrer politischen Kommunikation, was jedoch nicht an einem Desinteresse der jungen Unverfügbaren liegt: sie sind Teil einer digitalen, autodidaktisch aufgewachsenen Generation, die hungrig nach einer eigenen Durchdringung und einem (Selbst)Verständnis ihrer Wirklichkeit ist, sowie nach eigenen Formen der Resonanz, die in den sozialen Netzwerken und Videoplattformen zu finden sind. Die Jugend ist politisch engagiert, informiert und gesprächsbereit: um mit ihr in Dialog zu treten, müssten Parteien die digitalen sozialen Räume besser verstehen lernen, sie wie die analoge Kultur und publizistische Welt als eine gleichwertige Öffentlichkeit betrachten, sie als politische Sphäre ernstnehmen und als diskursives Feld mit eigenen Gesetzen begreifen und behandeln. 

Anhand des Video-Essays von Rezo, sowie der politischen Reaktionen und überforderten Krisenkommunikation, die emblematisch für die Unverständigkeit zwischen den Akteuren ist, sollen exemplarisch die dysfunktionalen Resonanz-Verhältnisse und der Beziehungsverlust zwischen Politik und einer für sie unverfügbaren Jugend veranschaulicht werden.

Rezo ja lol ey: "Die Zerstörung der CDU", YouTube, veröffentlicht am 18.05.2019, https://www.youtube.com/watch?v=4Y1lZQsyuSQ

Samira El Ouassil ist Medienkritikerin, Schauspielerin, Autorin, Sängerin und Politikerin. Sie hat einen Masterabschluss in Kommunikationswissenschaften sowie einen in Politik, Wirtschaft und Philosophie, ist ausgebildete Schauspielerin und Sprecherin, Gag-Schreiberin für Oliver Polak und ulmen.tv, Sängerin der Band Kummer und war 2009 Kanzlerkandidatin für DIE PARTEI ("Es muss ein Rock durch Deutschland gehen"). Seit September 2018 schreibt sie für das für den Grimmepreis nominierte Onlineportal Übermedien die Kolumne Wochenschau.

30.09.

Prof. Dr. Anders Ehlers Dam, Institut für Sprache, Literatur und Medien, Dänisches Seminar, EUF

Unverfügbarkeit und Intensität. Kulturkritische Perspektiven bei Sören Kierkegaard und Hartmut Rosa

07.10.

Renate Kuschke, Qigong und Taijiquan Lehrerin

Vom Nutzen des Nutzlosen – Einblick in die Weisheitstradition des Daoismus

21.10.

Dr. Pascal Delhom, Interdisziplinäres Institut für Sozial- und Humanwissenschaften, Philosophisches Seminar, EUF

Unverfügbarkeit: Eine Frage der Haltung?

28.10.

Prof. Dr. Wilhelm Heitmeyer, Institut für interdisziplinäre Gewalt-und Konfliktforschung der Universität Bielefeld

Vom Mangel an Resonanz II: Die Zunahme gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit

04.11.

PD Dr. Jörn Bockmann,  Institut für Sprache, Literatur und Medien, Seminar für Germanistik, EUF

Himmel, Hölle, Fegefeuer. Über die (Un)-Verfügbarkeit des Jenseitsschicksals im Mittelalter

11.11.

Mignon Remé, Schauspielerin, Mitbegründerin des Improtheaters "Hidden Shakespeare"

Unverfügbarkeit und Improvisation

18.11.

Prof. Dr. Susanne Royer, Internationales Institut für Management und ökonomische Bildung, Abteilung Strategisches und Internationales Management, EUF

(Un-)Verfügbarkeit, Knappheit & Wirtschaften

25.11.

Andrea Jänisch, Reitlehrerin und Pferdetrainerin

Unverfügbarkeit im Mensch-Tier-Verhältnis

02.12.

Prof. Dr. Peter Heering, Institut für mathematische, naturwissenschaftliche und technische Bildung, Abteilung für Physik und ihre Didaktik und Geschichte, EUF

Zwischen Fach, Vermittlung und Bildung: Vermeintliche Verfügbarkeiten und die Wahrnehmung der Naturwissenschaften

09.12.

Achtung: im Audimax der EUF

Prof. Dr. Hartmut Rosa, Institut für Soziologie der Friedrich-Schiller-Universität Jena und Autor von "Unverfügbarkeit"

Unverfügbarkeit in der Kritik