Der (fallrekonstruktive) Forschungsprozess

"Alles Denken ist […] Forschung, alle Forschung ist eigene Leistung dessen, der sie durchführt, selbst wenn das, wonach er sucht, bereits der ganzen übrigen Welt restlos und zweifelsfrei bekannt ist." (Dewey)

Überblick

  1. Forschungsfrage
  2. Forschungsdesign
  3. Daten Erheben:

    1. Vorbereiten
    2. Erheben an sich
    3. Aufbereiten (Transkribieren)

  4. Analyse
  5. Darstellen

1. Forschungsfrage

Interesse

  • Was interessiert mich?
  • Was irritiert mich?
  • Was ist interessant?
  • Was ist relevant?
  • Was ist aktuell?

Forschungsgegenstand

  • Welche Vorannahmen habe ich?
  • Welche Nähe bzw. Distanz habe ich zur Frage/Sache?

2. Forschungsdesign

Daten

  • Welche Daten sind geeignet, um meine Forschungsfrage zu beantworten?
  • Welche Daten sind (realistisch) erreichbar?
  • Wie sieht der Idealfall aus?
  • Wie sieht ein Kontrastfall aus?

Grundsätzliches: Je natürlicher und unstrukturierter Protokoll-Daten sind, desto reichhaltiger ist ihre Analyse. D.h. heißt, keine leitfadengestützen Interviews und geschlossene Fragen verwenden!

Fragen (2. Runde)

  • Was ist meine erkenntnisleitende Fragestellung? (So präzise wie möglich!)
  • Welche weiteren Fragen habe ich noch?
  • Welche Fragen gibt es, die ich nicht beantworten will?
  • Bei Interview-Daten: Wie operationalisiere ich meine Fragestellung als Erzählimpuls?

Beispiele (anonym) aus Ihren aktuellen Forschungsfragen und meinem Feedback hierzu, insbesondere, wie sich Ihre Fragen erzählstimulierend formulieren lassen, finden Sie hier im geschlossenen Seminar-TN-Bereich.

3. Daten Erheben

3.1 Vorbereiten

  • Wie kann ich die erreichen, die ich "befragen" will?
  • Welche formalen (datenschutzrechtlichen) Aspekte gibt es zu beachten? (→ informierte Einwilligung)
  • Welche (erhebungs-)technischen Vorbereitungen sind zu treffen?
  • Mit welchen Gesprächs-/Interviewtechniken muss ich mich vertraut machen?
  • Was ist meine Rolle als Forschende(r)?

3.2 Erheben

  • Welche objektiven Daten zum Fall sind nach dem Interview, Mitschnitt usw. noch zu erheben? (→ Vorlage objektive Daten)
  • Was hilft mir, die Rolle des Forschenden im Interview gut auszufüllehn? (→ Tipps)

3.3 Aufbereiten

FAQ

Einzelfallforschung: "Das ist doch gar nicht repräsentativ"

Sie führen eine Einzelfallforschung durch, keine Umfrage mittels Fragebogen. Der einzelne Fall bildet in der von uns verwendeten (rekonstruktiven) Forschungsperspektive den Ausgangspunkt, um ein Phänomen zu verstehen. Das Ziel: Den Sinn einer Handlung, eines Problems, eines Phänomen zu verstehen. Das heißt, das für den Fall Typische, ein (Verhaltens-)muster, eine Charakteristik, eine Struktur möglichst pointiert herauszuarbeiten. Ein Beispiel für derartige Fall-Charakteristiken: Welcher studentische Typ sind Sie, wenn es darum geht, eine Hausarbeit zu schreiben? Fangen Sie sofort an, oder haben Sie Aufschieberitis? Sind Sie ein fleißiger Vielschreiber oder ein analytischer, effizienter Schreiber, der sich kurz fassen darf? Und so weiter, und so fort. Bei derartigen Fall-Charakterisitiken ist für uns zunächst irrelevant, wie häufig Sie in der sozialen Welt auftauchen, denn das ist eine statistische Frage (quantitative Forschunglogik), sondern uns interessiert, (1) WIE diese Charakteristik beschaffen ist und (2) WIE sie entsteht (Prozess).

Wofür interessiert sich die erziehungswissenschaftliche Forschung eigentlich?

Bei unseren Forschungen und Analysen gehen wir von einem erziehungswissenschaftlichem Erkenntnisinteresse aus, das darin besteht, den Ist-Stand einer sozialen Realität zu erforschen, und zwar wirklich so, wie es ist, und nicht, wie es sein soll(te)! Letzteres ist für mich eine normative, pädagogische Frage, die sicherlich auch Ihre Berechtigung hat, jedoch im Rahmen einer erziehungswissenschaftlichen Forschung ausgeklammert bleiben muss. (Die Diskrepanz zwischen pädagogischem Wunsch und Erziehungsrealität in Schule und sonstigen pädagogischen Feldern in den Blick zu nehmen, eignet sich indes hervorragend für sinnverstehende Einzelfallforschungen.) Das Erkenntnisinteresse eines forschungsorientierten erziehungswissenschaftlichen Seminars liegt in meinen Seminaren darin, sozialisations- und professionalisierungstheoretische Fragestellungen anhand der Analyse empirischer Daten nachzugehen.

Zur Differenz von Erhebung und Analyse: "ich habe mit narrativen Interviews gearbeitet ..."

Erhebung & Analyse sind zwei kategorial getrennte Schritte. Häufig wird viel Zeit und Aufmerksamkeit auf die Erhebung der Daten verwendet und die Analyse "irgendwie" gemacht. (Ein narratives Interviews ist ein Datenformat, keine Analysemethode.) In diesem Seminar ist es genau andersherum. Der Schwerpunkt liegt auf der Analyse! Diese führen wir mit der Objektiven Hermeneutik durch.