Soziale Rechte und zivilgesellschaftliche Partizipation

Categories: Ringvorlesungen und Kolloquien

 

Die Integration von Geflüchteten und Asylbewerbern in die Zivilgesellschaft ist ein Ziel von verschiedenen karitativen und politischen Akteuren. Was können wir vom Beispiel der zivilgesellschaftlichen Partizipation einer anderen marginalisierten Gruppe - den durch Erwerbslosigkeit und Armut ausgegrenzten Bürgerinnen und Bürgern nämlich - in diesem Zusammenhang lernen?

Soziale Ungleichheit ist keine bloße Privatangelegenheit – im Gegenteil: Sie schlägt sich in einer öffentlichen Ungleichheit der Bürgerinnen und Bürger nieder. Denn die Chance auf Teilhabe und Teilnahme in Zivilgesellschaft und Staat steigt und sinkt mit dem sozialen Status einer Person. Einkommensarmut, Langzeiterwerbslosigkeit und prekäre Beschäftigung führen zu einer deutlichen Benachteiligung der davon Betroffenen im Gemeinwesen. Dieser Zusammenhang ist unvereinbar mit dem Anspruch des sozialen und demokratischen Rechtsstaats, ein hohes Maß an (staats-)bürgerlicher Gleichheit zu Gewährleisten. Er steht außerdem dem Interesse derjenigen Menschen in Armutslagen entgegen, die sich trotz solcher Benachteiligung auf unterschiedliche Weise bürgerschaftlich engagieren, um die Gesellschaft mitzugestalten, in der sie sich doch allzu oft als Bürger und Bürgerinnen zweiter Klasse erleben.

In der Forschung zu bürgerschaftlichem Engagement und Partizipation der Bürgerinnen und Bürger in Politik und Gesellschaft wurde dieser Zusammenhang in zahlreichen Studien nachgewiesen und untersucht, so dass er heute eigentlich keine Überraschung mehr darstellen kann. Paradoxerweise wird dem bürgerschaftlichen Engagement gerade beim Kampf gegen soziale Ausgrenzung durch Erwerbslosigkeit und Armut überraschend viel zugetraut. Bürgerschaftliches Engagement und Freiwilligenarbeit sollen die 'Überflüssigen' der Erwerbsarbeitsgesellschaft vor Ausgrenzung schützen und sie in die Gesellschaft integrieren. Solche Erwartung wird beispielsweise an arbeitsmarktpolitische Instrumente wie die so genannte Bürgerarbeit, aber auch an den Bundesfreiwilligendienst geknüpft. Gerade in Deutschland kommt bürgerschaftlichem Engagement im sozialen Bereich historisch eine zentrale Bedeutung zu – älter als die 'Bürgerarbeit' der Armen selbst ist jedoch die bürgerliche Mildtätigkeit als Engagement der wohlhabenden Bürgerinnen und Bürger gegenüber 'ihren' Armen.

Es wird deutlich, dass der Zusammenhang von Armut einerseits und bürgerschaftlichem Engagement in der Zivilgesellschaft andererseits ein doppelter ist: Soziale Ausgrenzung durch Armut und Erwerbslosigkeit führt zur Ausgrenzung in der Zivilgesellschaft; und wo Armut und Erwerbslosigkeit als soziales Problem erscheinen, da ist auch Engagement.

Die nähere Beschäftigung mit diesem Komplex von Armut und Engagement lohnt sich, denn durch sie erfahren wir Wesentliches über die Voraussetzungen, Grenzen und Gefährdungen des ungleich verteilten Privilegs, als Bürgerin oder Bürger an diesem Gemeinwesen teilnehmen und teilhaben zu können. Anhand der Erfahrungen von Menschen in Armutslagen, die sich trotz der für sie vergleichsweise schwierigen Bedingungen bürgerschaftlich engagieren, lassen sich diese Bedingungen näher verstehen und die besondere Bedeutung sozialer Rechte als unersetzliche Teilhaberechte begreifen. In meinem Vortrag werde ich die zentralen Befunde meiner empirischen Studie "Armut und Engagement" vorstellen, in der ich mich mit eben diesem Komplex anhand von Interviews mit sozial engagierten, von Erwerbslosigkeit und Armut betroffenen Bürgerinnen und Bürgern beschäftigt habe. Daran anschließend und darauf aufbauend erörtere ich die mögliche Bedeutung meiner Forschungsergebnisse für die Diskussion bürgerschaftlichen Engagements für, mit und von Menschen, deren Lage auf eine andere Weise als prekär zu begreifen ist: die in den vergangenen Monaten und Jahren nach Deutschland Geflüchteten.

Der Vortrag findet im Rahmen des Interdisziplinären Kolloquiums statt. das gesamte Programm finden Sie hier.

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