60 Jahre Universität Flensburg
Ihren jetzigen Titel hat die Flensburger Hochschule erst zur Jahrtausendwende erhalten. Tatsächlich gibt es aber eine institutionelle Kontinuität von der ehemaligen "Pädagogischen Hochschule Flensburg" (1946-1994) über das kurzzeitige Durchgangsstadium "Bildungswissenschaftliche Hochschule (Universität) Flensburg" (1994-2000) bis hin zur heutigen "Universität Flensburg". Sie ist mit den Begriffen Verwissenschaftlichung und Expansion sowie Verbreiterung des Lehr- und Forschungsspektrums zu beschreiben.
Auftakt und Konsolidierung eines Provisoriums (1946-1958)
Während der NS-Zeit waren alle früheren Ansätze getilgt worden, das Studium der künftigen Volksschullehrer auf wissenschaftlicher Basis zu reformieren, doch der Aufbau nationalsozialistischer Lehrerbildungsanstalten blieb in Ansätzen stecken. Nun mussten rasch frische Kräfte herbei. In Schleswig-Holstein arbeitete daran Prof. Dr. Friedrich Drenckhahn. Der ehemalige stellvertretende Leiter des Pädagogischen Instituts in Rostock warb beharrlich für einen "Neuaufbau" der Lehrerbildung innerhalb von Hochschulen. Denn nur im akademischen Umfeld, nicht in der traditionellen Seminarausbildung, ließen sich die beiden elementaren Bildungsziele gemeinsam verwirklichen: "Berufsorientierung" und "Entfaltung der freien Persönlichkeit".
Drei Jahre später gehörte Drenckhahn zu jenen Bildungsexperten, die dem Militärgouverneur der britischen Besatzungszone ein großes "Gutachten zur Hochschulreform" erstatteten. Dessen Empfehlungen zur künftigen Ausgestaltung der "Pädagogischen Hochschulen" trugen unverkennbar seine Handschrift: sechssemestriges Volksschullehrerstudium, Eingliederung der Pädagogischen Hochschulen in Universitäten und Berufungsverfahren für PH-Dozenten nach deren Verfahrensregeln sowie Promotionsmöglichkeit für PH-Absolventen.
Seit Ende Oktober 1945 bereitete Drenckhahn als Referent für Lehrerbildung im Kieler Oberpräsidium die Gründung von zwei Pädagogischen Hochschulen in Schleswig-Holstein vor. Die eine sollte in Kiel (wieder)entstehen, die andere gedachte er in Lübeck anzusiedeln. Mit Blick auf den alternativen Standort stellte er noch Anfang Februar 1946 fest: "Der Plan, in Flensburg-Mürwik eine Pädagogische Hochschule unterzubringen, unterliegt so starken wirtschaftlichen, grenzpolitischen und berufspraktischen Bedenken, dass er, auf Dauer gesehen, sich als abwegig erweist."
Trotzdem entschied die britische Militärregierung am 21. Februar 1946, die erste Pädagogische Hochschule Schleswig-Holsteins in Flensburg zu errichten. Am 2. März 1946 gab Drenckhahn den Gründungserlass heraus und am 21. März 1946 eröffnete Oberstleutnant Wilcox als Leiter der britischen Education Branch die PH im Südflügel der Marineakademie.

- Marineschule Mürwik, 1946
Der Studienbetrieb in Flensburg startete mit 220 Teilnehmern des Sonderlehrgangs. Eine Hälfte von ihnen wurde nach Kiel-Hassee abkommandiert, nachdem dort am 29. Juli 1946 die zweite Pädagogische Hochschule (wieder)eröffnet worden war. Gleichzeitig trat an beiden Standorten der erste reguläre Jahrgang sein viersemestriges Normalstudium an. In Flensburg zogen 92 Studenten in die Marineschule ein.

- Sonderlehrgang der Jahre 1946-47
Zunächst wies der in Mürwik tätige Lehrkörper durchaus Merkmale jener "nachnationalsozialistischen Solidargemeinschaft" auf, die selbst schwer belasteten Parteigängern des NS-Regimes eine zügige Rückkehr in Verwaltungen, Gerichte oder Hochschulen ermöglichte. Auch sonst blieben die ambitionierten Zielsetzungen der Gründungsphase während der 1950er Jahre in mancherlei Hinsicht uneingelöst. So ähnelte der Flensburger Lehrbetrieb eher einer Seminarausbildung als einem Hochschulstudium und die Direktoratsverfassung hatte mit universitärer Selbstverwaltung nichts gemein. Doch der akademische Bildungsanspruch war 1946 institutionell festgelegt worden und er bestand grundsätzlich fort.
Expansion und Stagnation im Wechsel der Konjunkturen (1959-1988)
Die "langen sechziger Jahre" (1957-1973) standen im Zeichen von Bildungsexpansion und Bildungsreform. Davon profitierte die kleine Lehrerbildungsstätte an der bundesrepublikanischen Peripherie von Beginn an. Zunächst wurde die Verfassung der PH jenem Anspruch angenähert, der zu Zeiten ihrer Gründung formuliert worden war: Im Frühjahr 1957 erhielt sie eine akademische Selbstverwaltung mit Wahlrektorat.
Auch baulich gewann die PH Flensburg eigenständige Konturen. Am 6. Januar 1959 konnte sie in einen Neubau an der Mürwiker Strasse übersiedeln. Bereits im Jahr darauf war die Zahl der Studierenden auf über 500 angewachsen. Im Frühjahr 1962 begann das sechssemestrige Studium an den Pädagogischen Hochschulen in Schleswig-Holstein, im Frühjahr 1967 erhielten sie den Status wissenschaftlicher Hochschulen und im Mai 1973 mit dem Promotionsrecht (Dr. paed.) ein wichtiges Merkmal "richtiger" Universitäten.

- Neubau Mürwiker Straße, das längliche hintere Gebäude war das Wohnheim, 1958
Mitte der 1970er Jahre mussten sich die Verantwortlichen der PH Flensburg erstmalig nicht nur mit Raumproblemen, sondern auch mit schmerzlichen Budgetkürzungen auseinandersetzen. Überdies sahen sie sich unvermittelt mit drastisch nach unten korrigierten Lehrerbedarfsprognosen und sinkenden Studienanfängerzahlen konfrontiert. Andererseits hoffte man seit 1977, die drohende Existenzkrise durch einen Umzug der PH auf das noch weitgehend brach liegende Hochschulgelände Sandberg abwenden zu können. Denn die seit 1963 betriebenen Pläne, dort eine Technische Hochschule anzusiedeln, hatten sich endgültig zerschlagen.
Im Übrigen reagierte die PH mit ersten Diversifizierungsanstrengungen auf das Ende des Wachstums im Lehramtsbereich. Zunächst wurde seit Mitte 1978 ein Erziehungswissenschaftlicher Diplomstudiengang eingerichtet. Doch erst im Frühjahr 1984 entschied die Landesregierung, die Zahl der Studienplätze an der Pädagogischen Hochschule Flensburg zu erhalten und die Funktionsfähigkeit der Hochschule durch einen Erweiterungsbau zu sichern. 1983/84 war im Diplomstudiengang das neue Schwerpunktfach "Erziehung und Gesundheit" eingeführt worden. Zum Wintersemester 1984/85 starteten zwei neue Ergänzungsstudiengänge: "Technik-Pädagoge im Entwicklungsdienst" und "Praktische Informatik".
Transformation und Diversifizierung (1989-2006)
Dieser Kurs konnte seit Ende der 1980er Jahre trotz schwieriger finanzieller Rahmenbedingungen beibehalten werden. Begünstigt wurde der schrittweise Durchbruch zur Volluniversität durch das Desaster der kurzlebigen "Nordischen Universität". Die privatwirtschaftlich organisierte "NU" wurde im Frühjahr 1989 von der neuen Landesregierung geschlossen. Stattdessen sollten die bestehenden Hochschulen in Flensburg - Pädagogische Hochschule und Fachhochschule - großzügig ausgebaut werden.
Vor diesem Hintergrund bekräftigte das Rektorat im März 1989 den Anspruch auf einen universitären Status und die entsprechende Umbenennung der Hochschule. Kiel reagierte mit einer Bestandsgarantie und im September 1991 verhieß der neue Landeshochschulplan eine Verdoppelung der Studienplätze im PH-Neubau auf dem Campus (1.250). Außerdem wurden Fächerumschichtungen von der PH Kiel an die PH Flensburg und deren Umwandlung in eine "Bildungswissenschaftliche Hochschule" angekündigt. Diese sollte sich auch durch neue Studienangebote außerhalb der Lehramtsausbildung profilieren. Im Oktober 1992 formulierte ein beim Rektorat der PH unter Beteiligung von Persönlichkeiten aus Stadt und Region gebildeter "Gesprächskreis Universität" dazu einen Forderungskatalog, dessen Kernpunkte im Februar 1994 erfüllt wurden: Der Name erhielt den beanspruchten Zusatz "Universität". Die Verleihung des Habilitationsrechts sowie des Rechts, die Titel "Dr. phil." und "Dr. rer. pol." zu verleihen, erhob die "BU" formal zu einer vollgültigen wissenschaftlichen Hochschule.
Im Oktober 1997 wurde in Kiel endgültig entschieden, die Ausbildung für das Lehramt an Grund- und Hauptschulen in Flensburg zu konzentrieren, die baulichen Erweiterungen auf dem Sandberg zu beschleunigen und in Flensburg einen Studiengang für Lehrkräfte an beruflichen Schulen aufzubauen. Seit dem 3. Februar 2000 firmiert die ehemalige PH als "Universität Flensburg". Zum Beginn ihres Lehrbetriebs im neuen Hauptgebäude auf dem Hochschulcampus Sandberg wurde der 1999 begonnene Transfer von Studiengängen im Herbst 2002 abgeschlossen.

- Hauptgebäude der Universität Flensburg auf dem neuen Campus, 2004
Parallel dazu konnte der Ausbau des wirtschafts- und kulturwissenschaftlichen Bereichs, der sich seit den frühen 1990er Jahren aus übernommenen Restbeständen der NU und aus Stiftungsprofessuren der regionalen Wirtschaft entwickelt hatte, in grenzüberschreitender Kooperation mit dem heutigen Campus Sønderborg der Syddansk Universitet, teils auch mit der hiesigen Fachhochschule vorangebracht werden.
Gegenwärtige Herausforderungen
Nicht zuletzt mit der Umwandlung der nun auslaufenden Lehramtsstudiengänge auf "polyvalente", auch auf außerschulische Berufsfelder ausgerichtete Bachelorstudiengänge zum Wintersemester 2005/06 und mit dem bevorstehenden Start neuer Masterstudiengänge auch jenseits der traditionellen Lehramtsorientierung ist die Universität Flensburg ein weiteres Stück auf Weg der Verwissenschaftlichung, Expansion und Diversifikation weitergegangen, der in ihren Anfängen als Möglichkeit angelegt war, über die späteren Aufschwung- und Stagnationsphasen konsequent - wenn auch keineswegs unumstritten - beibehalten wurde und seit 15 Jahren forciert worden ist. Wie es sich für Newcomer gehört, hat die PH/BU/UF mehrfach die sich bietenden Chancen auf dem Markt der hochschulpolitischen Gelegenheiten flexibel zu nutzen verstanden, um ihr universitäres Profil zu schärfen. So wird es auch in Zukunft sein.
von Prof. Dr. Michael Ruck (Institut für Geschichte und ihre Didaktik)
- Bau auf Bau. Hochschulpolitik im Spiegel der Presse. Abschnitt 1989-1991, Hg. Rektorat der Pädagogischen Hochschule Flensburg, Red. Susanne Abel, Flensburg 1992
- Fachhochschule Flensburg. I. Bauabschnitt, Hg. Präsidium Fachhochschule Flensburg, Flensburg 1979
- Frank, Horst Joachim: 60 Semester. Ein Rückblick auf die innere Entwicklung der Pädagogischen Hochschule Flensburg, Flensburg 1991
- Grönke, Bruno: Der Weg der Pädagogischen Hochschulen Schleswig-Holsteins zu wissenschaftlichen Hochschulen, in: Grenzfriedenshefte 32 (1985), Nr. 1, S. 110-117; abgedr. in: Pädagogische Hochschule Kiel: Hochschulnachrichten 1985, Nr. 3, S. 10-15
- Grönke, Bruno: Drenckhahn, Friedrich Johann Bernhard Christian [1894-1977], in: Dieter Lohmeier u.a. (Red.), Biographisches Lexikon für Schleswig-Holstein und Lübeck, hg. für Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte/Verein für Lübeckische Geschichte und Altertumskunde, Bd. 10, Neumünster 1994, 103-6
- Grönke, Bruno: Erinnerungen und Gedanken ehemaliger Studenten des Pädagogischen Sonderlehrganges für Kriegsteilnehmer 1946/47, in: Die Heimat. Zeitschrift für Natur- und Landeskunde von Schleswig-Holstein und Hamburg 95 (1988), Nr. 5, S. 144-148
- Grönke, Bruno: Friedrich Drenckhahns Rolle beim Aufbau der Lehrerbildung in Schleswig-Holstein nach dem Zweiten Weltkrieg, Neumünster 2001
- Präsidium der Pädagogischen Hochschule Flensburg (Hg.): 40 Jahre Pädagogische Hochschule Flensburg 1946-1986, red. Mitarb. Manfred Korte, Glücksburg o. J. (1986)
- Ruck, Michael: 60 Jahre Universität Flensburg 1946-2006. Verwissenschaftlichung - Diversifizierung - Expansion, in: Demokratische Geschichte. Jahrbuch für Schleswig-Holstein 18 (2007), S. 255-266;
dän. in: pluk. Syddansk Universitet, Institut for Grænseregionsforskning,
Sønderborg, Nr. 2-3/2007, S. 16-25 - Stadt Flensburg, Magistrat, Amt für Stadtentwicklung und Statistik (Hg.): Zusammenfassung des Flensburger Hochschulseminars vom 17. bis 19. April 1980, Flensburg o.J. (1980) (als Typoskr. gedr.)

