„Man kann uns nicht mehr übergehen“

Dialog mit Sinti und Roma an der Europa-Universität Flensburg

Gemeinsam mit der Europa-Universität Flensburg hatte der ADS-Grenzfriedensbund e-V. am Donnerstag, den 27.10.2016, zum 13. Dialog in die Universität geladen. Er war den Angehörigen einer alteingesessenen, wenn auch wenig bekannten Minderheit des Landes gewidmet: Den Sinti und Roma. Schätzungsweise 5 000 Mitglieder dieser ursprünglich aus Indien stammenden Volksgruppen leben heute in Schleswig-Holstein.

Am 14. November 2012 hat Schleswig-Holstein als erstes Bundesland die deutschen Sinti und Roma als Minderheit in die Landesverfassung aufgenommen. "Es war ein langer Prozess", sagte Matthäus Weiss, Landesvorsitzender des Verbandes deutscher Sinti und Roma. "Seitdem gehen die Behörden anders mit uns um. Wir sind stolz, dass wir zu Schleswig-Holstein gehören".

Die Dialog-Veranstaltung des Grenzfriedensbundes dient der grenzüberschreitenden Verständigung zwischen den Minderheiten und Mehrheiten des Bundeslandes. Dass der 13. Dialog an der Europa-Universität Flensburg stattfand, war kein Zufall: Minderheitenforschung stellt dort einen Schwerpunkt dar. Seit August 2016 lehrt an der EUF Nils Langer als Professor für Minderheitenforschung, Minderheitenpädagogik und Nordfriesisch. "Mit der Etablierung dieser Professur stellt sich die EUF als eine von wenigen Universitäten in ganz Europa der Aufgabe, kulturelle, politische und sprachliche Minderheiten in der Forschung ernst zu nehmen und so von wissenschaftlicher Seite aus einen Beitrag gegen Mehrheitshegemonien und Minderheitenunterdrückung zu leisten", würdigte er die Aufgabe der neugeschaffenen Professur.

Mit Iulia Patrut, Professorin für Neuere deutsche Literaturwissenschaft, und Sebastian Lotto-Kusche, Mitarbeiter am Seminar für Geschichte und Geschichtsdidaktik, besitzt die EUF zwei ausgewiesene Fachleute für das Thema Minderheitengeschichte am Beispiel der Sinti und Roma. Sebastian Lotto-Kusche verdeutlicht die Herausforderungen der Forschungsaufgabe: "Besonders an der Minderheit der Sinti und Roma wird deutlich, im Besonderen durch die Mitschuld von vermeintlich wissenschaftlichen Beiträgern am NS-Völkermord, dass wir uns als Forschende ständig reflektierend fragen müssen: Wie können wir sicherstellen, dass wir mit der Minderheit sprechen und nicht über sie. Es muss vor allem die Entwicklung von stigmatisierenden, gesellschaftlichen Bildern von Sinti und Roma noch stärker quellengesättigt untersucht werden.

Bei dem 13. Dialog des ADS-Grenzfriedensbund ist dieser Ansatz gelungen: Angehörige der Sinti und Roma diskutierten gemeinsam mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, moderiert von der Minderheitenbeauftragten des Ministerpräsidenten, Renate Schnack. Gyde Köster, Minderheitenbeauftragte der EUF, wertete den Abend daher als "einen gelungenen Ansatz, die Befassung mit den Angelegenheiten der Minderheiten, auch über Schleswig-Holstein hinaus, zu systematisieren".